»Der Friedl.«
»Der? Ui jesses! Den fürcht ich bei der Nacht net, viel weniger am Tag.
Bei dem wiegt 's Herz an Zentner und der Verstand a Quentl. So a
Millisuppen von eim Mannsbild!«
»Gib acht, du«, spottete Lenzl, »daß dir d' Millisuppen net amal über d'
Nasen tröpfelt!«
Das überhörte Blasi. Lustig fragte er: »No, was hat er denn gsagt, der
Jager?«
»Gredt hat er von eim. Aber so einer, wie der is, _kannst_ doch du net
sein! Dös kunnt ich net glauben.« Sie ging auf den Verdutzten zu und
strich ihm mit der Hand übers Haar. »Gelt, es macht dir halt a Freud,
daß dir diemal a Spielhahnfederl oder a Gamsbartl abiholst?«
»No ja, freilich, weiter is nix dran.«
»Aber schau, kunnst ja doch amal mit'm Jager überzwerch graten. Jesus,
Jesus, ich kann mir gar net denken, was ich anfanget, wann's da an
Unglück gäb.«
Immer heiterer wurde Blasi. »Ah was! Um _mich_ brauchst kei' Sorg net
haben. Da käm's halt drauf an, wer den flinkern Finger hat. Den
gschwindern hab _ich_. Allweil. Und überall.«
»Blasi!« stammelte Modei erbleichend. »Mar' und Joseph!«
Schnuppernd hob er die Nase und sagte sorgenvoll: »Du, mir scheint, der
Schmarren brennt an.«
Wortlos nahm sie einen Teller aus der Schüsselrahme und ging zum Herd.
Lenzl kicherte und rief zu dem Burschen hinüber: »Du! Laß dir 's
kostspielige Leder net verbrennen! Deine Schuh fangen zum dämpfen an.«
Er griff nach einem der beiden Schuhe, die dunstend an der Mauer
standen. »Aaaah! So ebbes von Schuhwerk! Wie a Fürst! Eiserne Greifer um
und um! Daß er nur ja net ausrutscht! Und z'mittelst in der Sohlen hat
er auch noch an Haufen Nägel drin!« Immer kichernd, zählte er mit
tippendem Finger: »Eins, zwei, drei, viere, fünfe, sechse, siebne,
achte, _neune_!« Die letzte Ziffer klang wie ein lustiger Schrei. Nun
ein boshaftes Lachen. »Schwester? Merkst es bald, wie ecket dei' runde
Welt is?«
Zu Tod erschrocken, riß Modei dem Bruder den Schuh aus der Hand,
betrachtete ihn, griff nach dem andern, verglich die Sohlen, drehte das
aschfarbene Gesicht gegen den Burschen hin und ließ die Schuhe zu Boden
fallen.
Blasi war so verblüfft wie ein Kind vor dem ersten Gewitter. »Was hast
denn auf amal?« Langsam erhob er sich.
Die Hände der Sennerin zitterten, während sie die rauchende Speise aus
der Pfanne auf den Teller schöpfte. »Blasi?« Ihre Stimme war tonlos.
»Hast schon amal ebbes von eim Wildschützen ghört, den d' Jager den
Neunnägel heißen?«
Er guckte mißmutig drein. Dann lachte er. »Ah, geh, was redst denn jetzt
da!« Hastig griff er nach seinem Schuhwerk, ging zur Bank und
schleuderte die Pantoffel von den Füßen. »Soll's am End gar _ich_ sein?
Weil zufällig meine Sohlen mit neun Nägel bschlagen sind?« Er schlüpfte
flink in die Schuhe. »Dös macht der Schuster oft a so!«
»Ja, freilich, so a Schuster macht's allweil wieder, wie er's gwöhnt
is.« Modei stellte den Teller mit dem Schmarren auf die Bank. »Recht gut
wird er heut net graten sein.«
»Macht nix!« Blasi lachte. »Im Hunger schmeckt eim bald ebbes.«
»Schwester!« schrillte die Stimme des Alten. »Hörst, was er sagt? Da
mußt a bißl drüber nachdenken!«
Zerbrochen an allen Gliedern, fiel Modei auf die Herdmauer hin. »Wie mir
jetzt ums Herz is, kann ich net sagen.«
»Und herzeigen tut er sich wie der Beste!« höhnte Lenzl. »Einer, der
gfallen muß! Was Weibsleut heißt, _alle_ kann er haben.«
»Alle?« Unter gierigem Schlingen lachte Blasi. »Ah na!« Er zwinkerte zu
dem Mädel hinüber. »Du bist mir die einzig. Du bist mein Glück und mei'
Freud!«
»Und den ganzen Sommer bist dreimal dagwesen. Warum? Jetzt weiß ich's,
Blasi! Weil dir mei' Hütten bei deine heimlichen Weg kommod zum Rasten
is. Und 's ander geht drein. Zum Zeitvertreib. Und weil dir im Hunger
bald ebbes schmeckt. Gelt, ja?«
»Is ja net wahr!« Er warf einen Bissen im Mund herum. »Sakra, a bißl
_gar_ schiech is er anbrennt. Da muß man 's Maul zruckziehn von die
Zähn. Sonst kunnt's rußige Busserln geben.« Hurtig löffelte er weiter.
Immer ins Feuer starrend, redete sie eintönig vor sich hin: »Wann ich
mir denk: wie gwesen bist! Amal! Vor ich mich rumplauschen hab lassen.
Und wann ich mir fürsag: wie d' _jetzt_ bist!« Ein wehes Lachen.
»Allweil kann man net schmeicheln!« tröstete er mit vollem Mund. »Sei
zfrieden, bist mein lieber Schatz! Und der Tuifi soll mich holen, wenn
ich's net ehrlich mein' --«
»Anlügen tut er dich!« fuhr es schrillend aus dem Herdwinkel heraus.
»Anlügen, daß blau wirst! Falsch is er bis in d' Seel eini!« Das Gesicht
des Weißhaarigen erstarrte, und seine Augen wurden glasig. »Gradso wie
der, so hat der Grubertoni allweil dreingschaut!« Jäh sich aufstreckend,
hob er die zuckenden Hände mit den krallig gespreizten Fingern gegen die
berußte Decke hinauf. »Höia! Tanzboden? Wo bleibst denn? Rührst dich
noch allweil net?«
»Du! Stad bist!« Blasi stieß den Teller fort. »Oder ich spring amal um
mit dir, daß drandenkst deiner Lebtag!«
»Zu! Nur zu!« Immer höher gellte die Stimme des Alten, den die
Herdflamme mit roten Feuerlinien umzeichnete. »Für dich gibt's auch noch
an Tanzboden, der dich derschlagt! Wie's den andern derschlagen hat.
Allweil macht unser Herrgott sauber. Der Erdboden schamt sich deintwegen
eh schon fünfazwanzg Jahr lang.«
»Sakerment und --« Den Fluch zwischen den Zähnen zerknirschend, sprang
Blasi auf den Kreischenden zu. Der Alte machte einen Sprung gegen die
Mitte der Stube. Da drückten ihn die Fäuste des Burschen zu Boden.
»Blasi!« schrie Modei. »Den Bruder laß aus!« Ein wilder Wehschrei, und
unter Fäusten weg sprang Lenzl zur Türe, riß sie auf und huschte
kichernd hinaus in die Nacht.
Blasi stierte seine Hand an, von der Blut auf den Boden tröpfelte. »Da
schau her! Bissen hat er mich.«
»Wart, ich hol dir a Tüchl!«
»Ah was! Dös braucht's net. Bleib da! Weil der ander draußen is, muß ich
ebbes reden mit dir.« Er leckte mit der Zunge über die Wunde und wischte
seine Hand an der Hose sauber. »So a Verruckter is wie a Kind. Dös beißt
eini, wo's ebbes derwischt.«
»So? Meinst?« Modei ließ sich auf die Herdmauer hinfallen. »Hat dich
unser Kindl schon amal bissen?«
Mit großen Augen sah er sie an. Was sie da gesagt hatte, ging ihm über
den Verstand. »Wie? Was?« Er lachte dumm. »Hat dich ebba der Lenzl schon
angsteckt mit der Narretei?«
»No also, red! Verzähl a bißl ebbes -- vom Kindl!«
»Was soll ich denn da verzählen?« In Unbehagen rührte er die Schultern
und leckte wieder an der roten Hand. »A Wochen a drei oder viere hab
ich's nimmer gsehen. Der Zufall hat's halt amal so bracht.«
Modei hob den Kopf und suchte seine Augen. »Zufall? So? Und bist mit ihm
beinander im gleichen Ort!«
»Aber geh, du Narrenhaferl!« Blasi rückte an Modeis Seite und legte den
Arm um ihre Schultern. »Jetzt laß amal gscheid mit dir reden!«
»Alles will ich mir sagen lassen. Aber dös --«
»No schau, wann ich allweil nach'm Kindl umfragen tät, da _müßten_ doch
d' Leut amal draufkommen, daß ich an Grund hab dazu.« Er fand einen Ton
voll biederer Herzlichkeit. »Wie gern ich dich hab, dös weißt doch,
gelt?«