1. Ein kühnes Unternehmen.

Professor Dr. Heinrich Schultze lehnte sinnend in seinen Sessel zurück.

Vor ihm auf dem mit Büchern und Papieren bedeckten Schreibtisch lag ein

Brief, der seine Gedanken beschäftigte.

Da läutete es an der Eingangstüre seiner Wohnung und kurz darauf pochte

es gewaltig an die Studierzimmertüre.

»Herein!« rief der Professor, sich erhebend.

Die Türe öffnete sich und es erschien ein ältlicher, doch frisch und

blühend aussehender Mann von stattlicher Leibesfülle.

»Kapitän Münchhausen!« rief Schultze und eilte überrascht und erfreut,

auf den Mann zu, ihm beide Hände entgegenstreckend. »Welcher günstige

Monsun führt Sie von Australien nach Berlin und just in dieser Stunde?

Ich bin starr! Denken Sie, soeben weilten meine Gedanken bei Ihnen in

Adelaide und ich wünschte mir, Sie herzaubern zu können.«

»Nun! Der Zauber ist gelungen!« lachte Münchhausen: »da bin ich. Und was

mich herführt? Sie wissen, ich halte das untätige Herumsitzen auf dem

Kulturboden nicht lange aus. Na! habe ich gedacht: schaust einmal nach,

was der olle Schultze macht; vielleicht plant er wieder irgend ein

famoses Unternehmen; da muß ich dabei sein! Und plant er keins, so will

ich ihn aufrütteln und wir planen eines miteinander. He! Wie steht's

damit, Professorchen?«

»Ich sage Ihnen, Sie kommen wie gerufen. Da, setzen Sie sich her, altes

Haus.«

Unterdessen drückte der Professor auf den Knopf der elektrischen Klingel

und beauftragte den hierauf erscheinenden Diener, eine Flasche Wein und

zwei Gläser zu bringen und alsdann im Eßzimmer einen kalten Imbiß zu

richten: »Das Feinste, was wir haben,« mahnte er: »Der Kapitän ist

Feinschmecker.«

»Oho!« lachte dieser: »Habe ich mir nicht Termiten, Raupen und

Rohrratten schmecken lassen, wenn es darauf ankam? Ich nehme alles wie

es kommt.«

»Jetzt kommt aber etwas Besseres als afrikanische Hungerkost, alter

Freund; und ich weiß, Sie nehmen das Bessere gerner an als das

Schlechtere.«

»Ein Narr, wer's nicht tut! Aber nun, Professor, was planen Sie?«

»Ich habe eigentlich gar nichts geplant; aber ein andrer: Sie erinnern

sich wohl noch Lord Flitmores?«

Münchhausen lachte, daß es dröhnte: »Auf so eine Frage kann doch nur ein

weltfremder Professor verfallen! »Erinnern« ist gut! Wenn man mit einem

Manne, wie der Lord, solche Abenteuer erlebt, solche Kämpfe durchfochten

und solche herrliche Stunden durchkostet hat, wie wir zwei beide, dann

soll man ihn wohl vergessen können? Verzeihen Sie, Professor, aber Ihre

Frage ist ... na, wie soll ich sagen?«

»Dumm!« ergänzte Schultze, seinerseits lachend: »Sie haben recht, oller

Seebär. Also! Hier habe ich einen Brief von Flitmore erhalten. Er

schreibt, er habe eine kaum glaubliche Entdeckung gemacht.«

»Kaum glaublich? Hören Sie, dem glaube ich alles, dem traue ich das

Wunderbarste zu nach den Proben seines Erfindergenies, die er uns in

Afrika gegeben.«

»Das stimmt! Aber hören Sie: er schreibt, seine Entdeckung hebe die

trennenden Räume des Weltalls auf und gestatte Reisen nach dem Mond,

nach den Planeten, vielleicht gar in die Fixsternwelt. Und nun ladet er

mich ein, ihn auf seiner ersten Fahrt zu begleiten. Was halten Sie

davon? Sollte er nicht doch ein wenig übergeschnappt sein?«

»O, daß Sie Männer der Wissenschaft keine neue, erstaunliche Entdeckung

ohne Zweifel begrüßen können! Wenn die Professoren darüber zu

entscheiden hätten, alle genialen Erfinder kämen ins Irrenhaus! Ich

sagte Ihnen, dem Lord traue ich alles zu. Er ist ein Genie.

Telegraphieren Sie ihm nur gleich, ob er mich mitnimmt? Ha! das gibt

eine Reise! Das ist noch nie dagewesen, außer in der Phantasie kühner

Schriftsteller: Da muß ich mit!«

»Das ist es ja gerade: Lord Flitmore bittet mich, ihn zu begleiten, da

er weiß, daß ich mich in den letzten Jahren ganz auf die Astronomie

geworfen habe und er meine Veröffentlichungen auf diesem Gebiet mit

Interesse und Beifall verfolgte, wie er schreibt. Dann aber fragt er

nach Ihnen und nach Ihrer Adresse. Er ist voll Bewunderung für das

Automobil, das Sie erfanden, und mit dem wir Australien durchforschten.«

»Ja, ja, die Lore!« schmunzelte der Kapitän: »Sie war kein übler

Gedanke. Aber nach dem Mond -- ne! Das hätte sie doch nicht geleistet«.

[Illustration: Kapitän Münchhausen bei Professor Schultze.]

»Also, bei Ihren technischen Kenntnissen und Ihrer Erfindungsgabe auf

diesem Gebiet glaubt der Lord keinen besseren Ingenieur und Kapitän für

sein Weltschiff finden zu können, als Sie, und wäre höchlichst erfreut,

Sie für das Unternehmen gewinnen zu können.«

»Topp!« rief Münchhausen begeistert: »Wann reisen wir?«

»Holla!« lachte Schultze: »Nicht so eilig, alter Freund! Sie sind ein

unüberlegter Jüngling. Bedenken Sie,« fuhr er ernst werdend fort: »Das

Wagnis ist mehr als kühn: es geht auf Tod und Leben. Der Lord verfehlt

nicht, dies ausdrücklich hervorzuheben: kein Mensch kann wissen, welche

Gefahren und welch ungeahnte Katastrophen dem Erdenbürger drohen, der

seinen heimischen Planeten verläßt und sich über die Atmosphäre in die

Leere des Weltenraums erhebt.«

»Ging es etwa in Afrika und Australien und wo wir sonst noch forschten,

nicht auch auf Tod und Leben? Ahnten wir im voraus die Gefahren, denen

wir entgegengingen?«

»Wohl! Aber es waren irdische Gefahren.«

Der Kapitän zuckte die Achseln: »Hören Sie, Sie tifteliger Professor:

Todesgefahr ist Todesgefahr, ob sie nun auf der Erde oder über der Erde

droht, ist meines Erachtens völlig einerlei: mehr als unser Leben können

wir hier oder dort nicht verlieren. Aber wer soll noch sonst mit? Auf

die Reisegesellschaft kommt bei so etwas viel an.«

»Eine große Gesellschaft wird es nicht werden: zunächst wird die Gattin

des Lords ihn begleiten.«

»Schau, schau! Mietje! Allen Respekt! Ein beherztes Frauenzimmer ist sie

stets gewesen, das hat sie uns damals in Ophir zur Genüge bewiesen.«

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 5 / 70 题