Viertes Kapitel

Als man sich dem Wirtshause näherte, ließ Tschitschikow anhalten und

zwar aus zwei Gründen. Einmal wollte er die Pferde ausruhen lassen, und

dann wünschte er auch selbst etwas zu sich zu nehmen und sich zu

stärken. Der Autor muß gestehen, daß er diese Art Leute um ihren guten

Magen und ihren Appetit aufrichtig beneidet. Für ihn haben jene große

Herren nur wenig Bedeutung, welche in Petersburg oder Moskau wohnen und

deren ganze Zeit im Nachdenken darüber aufgeht, was sie morgen zu Mittag

speisen werden, und was für ein Menu sie für übermorgen zusammenstellen

könnten, sie, die sich nicht eher an die Mittagstafel setzen, bevor sie

ein paar Pillen geschluckt und ein paar Austern oder Krabben und andere

Meerwunder verschlungen haben, um sich zum Schluß nach Karlsbad oder in

den Kaukasus zu begeben. Nein, diese Herrschaften haben nie den Neid des

Autors wachrufen können. Wohl aber jene mittleren Leute, welche auf

_einer_ Station eine Portion Schinken bestellen, auf der nächsten ein

Spanferkel, auf der dritten ein Stück Stör oder Bratwurst mit Knoblauch,

und die sich dann zu Tische setzen, wie wenn nichts passiert wäre, und

zwar zu jeder beliebigen Zeit. Die Suppe aus Quappe, Sterlet und

Fischmilch zischt und brodelt zwischen ihren Zähnen, begleitet von

Fischpasteten oder einer Welspirogge, sodaß bei jedem Unbeteiligten der

Appetit rege werden muß. -- Diese Leute erfreuen sich einer

beneidenswerten Himmelsgabe. Mehr als einer von den großen Herren würde

sofort die Hälfte seiner Bauern und der verpfändeten und unverpfändeten

Güter mit all ihren modernen Errungenschaften, die das In- und Ausland

hervorbrachten, darangeben, um nur einen solchen Magen zu haben, wie so

ein Mann des guten Bürgerstandes. Das Unglück ist leider nur, daß man

sich weder für Geld noch Güter mit und ohne Errungenschaften einen

solchen Magen zulegen kann, wie ihn ein Herr der mittleren Stände

besitzt.

Das hölzerne, verwitterte Wirtshaus nahm Tschitschikow unter sein

gastliches Vordach, welches auf gedrechselten Säulen ruhte, die große

Ähnlichkeit mit altertümlichen Kirchenleuchtern hatten. Dieses Wirtshaus

war eine Art russische Bauernhütte, nur in etwas größerem Maßstab. Die

mit Schnitzwerk verzierten Karnise aus frischem Holze um die Fenster

herum und unter dem Dach hoben sich lebhaft von den dunklen Wänden ab.

Auf den Fensterläden waren Krüge mit Blumen abgebildet.

Nachdem Tschitschikow die enge Holztreppe hinaufgestiegen war, betrat er

den breiten Flur. Hier stieß er auf eine Tür, welche sich knarrend

auftat, sowie auf ein dickes altes Weib in einem bunten Kattunkleid, das

ihn mit folgenden Worten anredete: »Hierher, bitte!« In dem Gastzimmer

fand er lauter alte Bekannte, denen man immer in den kleinen hölzernen

Wirtshäusern an der Landstraße begegnet; den dampfbeschlagenen Samowar,

die glatt gehobelten Wände aus Fichtenholz, ein dreieckiges Spind mit

Teekannen und Tassen in der Ecke, vergoldete Porzellaneier vor den

Heiligen-Bildern, die an blauen und roten Bändern hingen, eine Katze,

die vor kurzem Junge geworfen hatte, einen Spiegel, der statt zwei Augen

vier und statt eines Gesichtes eine Art Pfannkuchen erkennen ließ,

endlich Sträuße aus wohlriechenden Kräutern und Nelken, welche hinter

die Heiligenbilder gesteckt und schon so stark vertrocknet waren, daß

jeder, den die Lust anwandelte an ihnen zu riechen, zu niesen begann,

sonst aber unbefriedigt blieb.

»Haben Sie Spanferkel?« Mit dieser Frage wandte sich Tschitschikow an

die dicke Alte.

»Gewiß!«

»Mit Meerrettich und saurer Sahne?«

»Freilich mit Sahne und Meerrettich.«

»Her damit!«

Die Alte ging, kramte im Speiseschrank umher und brachte einen Teller,

eine Serviette, steif gestärkt wie getrocknete Baumrinde, ferner ein

Messer mit einem gelblichen Knochengriff, und einer Klinge, dünn wie die

eines Federmessers und schließlich eine zweizinkige Gabel und ein

Salzfaß, das durchaus nicht geradestehen wollte.

Unser Held ließ sich nach seiner Gewohnheit sogleich in ein Gespräch mit

ihr ein. Er erkundigte sich, ob sie selbst die Besitzerin des Gasthofes

oder ob noch ein Wirt da sei; wieviel das Geschäft abwerfe; ob ihre

Söhne bei ihr wohnten; was der älteste Sohn für einen Beruf habe und ob

er schon verheiratet oder noch Junggeselle sei; was er für eine Frau

genommen habe, mit oder ohne Mitgift; ob der Schwiegervater zufrieden

und ob der Sohn nicht ärgerlich gewesen sei, daß er zu wenig

Hochzeitsgeschenke bekommen habe. Mit einem Wort, er vergaß nicht das

Mindeste. Es versteht sich von selbst, daß er auch Erkundigungen darüber

einzog, was für Gutsbesitzer in der Nähe wohnten, und er erfuhr, daß es

deren verschiedene gäbe, einen gewissen Blochin, Potschitajew, Mylny,

Oberst Tscherpakow, Sabakewitsch. »Ah! du kennst Sabakewitsch?« fragte

er die Alte, und er hörte sogleich, daß sie nicht nur Sabakewitsch,

sondern auch Manilow kenne, und daß Manilow etwas »dewikater« sei als

Sabakewitsch. »Er bestellte sofort ein Huhn oder Kalbsbraten; gibt es

Hammelleber, so verlangt er auch Hammelleber und ißt von allem nur ein

wenig. Dagegen bestellt Sabakewitsch immer nur ein einziges Gericht, das

er dann aber auch ganz aufißt. Ja, er verlangt sogar noch eine größere

Portion für dasselbe Geld.«

Während er sich in dieser Weise unterhielt und vergnügt sein Spanferkel

verzehrte, von dem nur noch ein kleines Stück auf dem Teller übrig

blieb, hörte er plötzlich das Rädergerassel einer heranrollenden

Equipage. Er blickte zum Fenster hinaus und sah eine zierliche Kutsche

vor dem Wirtshaus halten, die mit drei braven Pferden bespannt war. Aus

dem Wagen stiegen zwei Herren heraus. Der eine von ihnen war blond und

von hohem Wuchs, der andere etwas kleiner und brünett. Der Blonde trug

eine dunkelblaue Joppe, der andere hatte eine gewöhnliche buntgestreifte

Morgenjacke aus Bucharischem Stoffe an. Von ferne sah man noch ein

leeres Wägelchen herankommen, das von einem langhaarigen Viergespann mit

zerrissenen Halsbügeln und Halftern von Hanf gezogen wurde. Der Blonde

lief sofort die Treppe hinauf, während der Dunkelhaarige noch ein wenig

unten blieb, den Wagen untersuchte und, während er sich mit dem Knechte

unterhielt, dem herankommenden Gefährt allerhand Zeichen gab.

Tschitschikow kam seine Stimme ein wenig bekannt vor. Während er ihn

betrachtete, hatte der Blonde bereits die Tür gefunden und öffnete sie

eben. Dies war ein hochgewachsener Mann mit schmalem Gesicht oder, wie

man zu sagen pflegt, mit etwas verlebten Zügen und kleinem roten

Schnurrbart. Nach seiner gebräunten Gesichtsfarbe zu urteilen, hatte er

schon oft im Dampfe gestanden, wenn nicht im Pulverdampf, so doch im

Tabaksdampf. Er verbeugte sich höflich gegen Tschitschikow, worauf jener

mit einer gleichen Verbeugung antwortete. Sie hätten sicherlich schon

nach wenigen Minuten eine Unterhaltung angeknüpft und nähere

Bekanntschaft mit einander gemacht, weil der erste Schritt dazu ja schon

getan war und beide fast zu gleicher Zeit ihre Freude darüber äußerten,

daß der Staub auf der Landstraße durch den gestrigen Regen vollständig

niedergeschlagen und daß die Reise jetzt angenehm und kühl sei, wenn

nicht sein schwarzhaariger Gefährte plötzlich ins Zimmer getreten wäre;

er riß seinen Hut vom Kopfe und warf ihn auf den Tisch, indem er sich

mit einer kühnen Handbewegung durch das Haar fuhr. Dies war ein Mann von

mittlerem Wuchs, ein stattlicher Kerl mit vollen rosigen Wangen,

schneeweißen blitzenden Zähnen und pechschwarzem Backenbart. Dazu hatte

er so frische Farben wie Blut und Milch; sein Gesicht strotzte förmlich

vor Gesundheit.

»Ba, Ba, Ba,« rief er plötzlich und breitete beim Anblick Tschitschikows

die Arme weit aus. »Was führt Sie hierher?«

Hier erkannte Tschitschikow, daß es Nosdrjow war, jener Herr mit dem er

beim Staatsanwalt gespeist und der sich mit ihm schon nach wenigen

Minuten so vertraut gemacht hatte, daß er ihn zu duzen begann, obwohl

ihm Tschitschikow seinerseits nicht die geringste Veranlassung dazu

gegeben hatte.

»Wo warst du?« fragte Nosdrjow und fuhr ohne die Antwort abzuwarten,

sogleich fort: »Ich komme von der Messe lieber Freund; du kannst mir

gratulieren. Ich bin blank; ich habe den letzten Heller dagelassen. Du

wirst mir's nicht glauben, daß ich noch nie in meinem Leben so blank

war. Ich habe mir eine Droschke mieten müssen. Sieh einmal aus dem

Fenster; da steht sie noch!« Hierbei drückte er Tschitschikows Kopf

herunter, sodaß dieser sich beinah am Fensterkreuz gestoßen hätte. »Sieh

doch die Klepper an, die verdammten Viecher haben mich kaum bis hierher

geschleppt. -- Ich mußte schließlich sogar in seinen Wagen steigen.« Bei

diesen Worten zeigte Nosdrjow mit dem Finger auf seinen Gefährten:

»Ah -- ihr seid noch nicht bekannt. Mein Schwager Mishujew! Wir haben

schon den ganzen Morgen von dir gesprochen. >Paß mal auf,< habe ich

gesagt, >wenn wir Tschitschikow treffen.< Nein, wenn du wüßtest, Bruder,

wie blank ich bin. Glaub's oder nicht, ich bin nicht nur meine vier

Gäule los geworden, ich habe tatsächlich alles verjuchzt. Ich habe nicht

mal mehr Uhr und Kette.« Tschitschikow sah ihn an und überzeugte sich,

daß er wirklich weder Uhr noch Kette trug. Ja, es schien ihm sogar, daß

die eine Hälfte seines Backenbartes etwas kleiner und dünner war, als

die andre.

»Und doch, wenn ich nur zwanzig Rubel in der Tasche gehabt hätte,« fuhr

Nosdrjow fort, »genau zwanzig und nicht mehr noch weniger, ich hätte

wahrhaftig Alles wieder gewonnen, d. h. ich hätte es nicht nur

wiedergewonnen, sondern, -- so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich

hätte jetzt noch dreißigtausend dazu in der Tasche.«

»Das hast du auch schon da gesagt,« wandte ihm hier der Blonde ein.

»Aber als ich dir die fünfzig Rubel gab, hast du sie doch gleich darauf

verspielt.«

»Ich hätte sie bei Gott nicht verloren. Wahrhaftig nicht. Hätte ich

damals keine Dummheit gemacht, so besäße ich sie noch jetzt.

Hätte ich nach dem Paroli der verdammten Sieben keine Ecke geschlagen,

ich hätte die ganze Bank sprengen können.«

»Du hast sie doch aber nicht gesprengt,« sagte der Blonde.

»Natürlich nicht, weil ich eben die Ecke nicht zur rechten Zeit

geschlagen habe. Du glaubst wohl, daß dein Major sehr schön spielt?«

»Schön oder nicht schön, er hat dich doch gerupft.«

»Auch was Großes,« sagte Nosdrjow.

»So hätte ich ihn auch reinlegen können. Er sollte mal versuchen,

Doublet zu spielen, dann wollen wir mal sehen, was der Kerl kann. Dafür

haben wir aber auch die letzten Tage fein durchgebummelt, Freund

Tschitschikow. Nein wirklich, die Messe war großartig. Selbst die

Kaufleute sagen, daß es noch niemals so ein Leben gab. Wir haben alles,

was von meinem Gut kam, zu den höchsten Preisen losgeschlagen. Ach,

Freund, wie wir gezecht haben. Wenn ich jetzt noch daran denke, Teufel

.... es ist doch schade, daß du nicht dabei warst. Stell dir vor, drei

Werst vor der Stadt stand ein Dragonerregiment und denk dir nur,

sämtliche Offiziere, soviel überhaupt da waren, ich glaube, an die

vierzig Mann hoch, kamen in die Stadt, und als dann erst das Saufen

losging ...... der Stabsrittmeister Patzelujeff, das ist doch ein

famoser Mensch; -- hat der einen Schnurrbart, -- -- -- so groß. Statt

Kognak sagt er einfach Jäckchen. >Bring mir doch schnell ein Jäckchen,<

ruft er dem Kellner zu. Leutnant Kufschinnikow ... Weißt du, Freund, ein

zu netter Mensch! Ein richtiger Zechbruder, das kann man wohl sagen. Wir

waren immer zusammen. Und was uns der Ponomarjow für einen Wein

vorgesetzt hat! Der ist nämlich ein Gauner, mußt du wissen. Bei dem darf

man nichts kaufen. Der Teufel mag wissen, womit der den Wein vermengt.

Der Kerl färbt ihn mit Sandelholz, gebranntem Kork und Holundermark;

wenn man ihm aber aus dem letzten Zimmer, das er sein Allerheiligstes

nennt, eine Flasche herausschmuggelt, wahrhaftig Freund, dann glaubt man

sich gleich im siebenten Himmel. Einen Champagner hatten wir, sage ich

dir! ... Dagegen ist der des Gouverneurs das reinste Weißbier. Stell dir

vor, nicht Cliquot, sondern irgend ein Cliquot-Matradura, gewissermaßen

ein potenziertes Cliquot. Und dann holte ich noch eine Flasche

französischen Wein, Marke Bonbon. Na, der Geruch -- ff., wie

Rosenknospen und sonst noch alles, was dein Herz begehrt .. Donner,

haben wir gezecht! .. Nach uns kam noch ein Fürst hin. Der ließ nach

Champagner schicken. -- Denk dir, in der ganzen Stadt keine Flasche

aufzutreiben: die Offiziere hatten den ganzen Sekt ausgetrunken. Du

kannst mir's glauben, ich allein hab während des Diners siebzehn

Flaschen hinter die Binde gegossen!«

»Na, na! siebzehn Flaschen, das bringst du denn doch nicht fertig,«

bemerkte der Blonde.

»So wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich hab sie doch ausgetrunken.«

»Du magst reden was du willst. Ich sage dir, du kannst nicht einmal zehn

bewältigen.«

»Was gilt die Wette!?«

»Wozu denn wetten!«

»Gut, wetten wir um die Flinte, die du dir in der Stadt gekauft hast!«

»Ich mag nicht.«

»Ach was, tu's doch, versuch's nur!«

»Ich will's aber nicht versuchen.«

»Du hast wohl keine Lust, deine Flinte zu verlieren! Hör mal, Freund

Tschitschikow, hab ich's aber bedauert, daß du nicht dabei warst. Ich

bin sicher, du hättest dich von Leutnant Kufschinnikow garnicht trennen

können. Ihr hättet euch gleich verstanden. Der ist nicht wie der

Staatsanwalt und die hiesigen Provinzgrößen unserer Stadt, die für jede

Kopeke zittern. Der macht alles mit: einen Landsknecht, Pharao, ein

Pokerchen, hält ein Bänkchen und alles, was du willst. Ach,

Tschitschikow, nun was hätte es dich gekostet, mitzumachen. Wirklich, du

bist ein Schwein, alter Saukerl du! Gib mir 'nen Kuß! Ich hab dich

schrecklich lieb. Nimm mal den Mishujew, das Schicksal hat uns

zusammengeführt; was ist er mir und was bin ich ihm? Kommt eines schönen

Tages angefahren, Gott weiß woher! Zufälliger Weise muß ich auch gerade

hier wohnen .... Und wieviel Wagen da waren, lieber Freund! Es ging

alles ins Große, weißt du. Engros! Ich hab auch mal Fortuna versucht und

zwei Büchschen Pomade, eine Porzellantasse und eine Gitarre gewonnen.

Dann hab ich nochmal mein Glück probiert und alles wieder verloren, so

'ne Gemeinheit, und noch sechs Rubel dazu. Wenn du wüßtest, was für ein

Don Juan der Kufschinnikow ist. Ich war auf allen Bällen mit ihm

zusammen. Da war eine, die war so aufgeputzt: Rüschen und Spitzen, und

weiß der Teufel, was die nicht alles an sich sitzen hatte. Ich dachte

mir immer, Teufel! Der Kufschinnikow aber -- so 'ne Bestie, was? --

Setzt sich zu ihr und bekomplimentiert sie auf französisch. Du kannst

mir's glauben, der würde nicht einmal ein Bauernweib durchlassen. Das

nennt er »Erdbeeren pflücken«. Es waren auch herrliche Fische, und vor

allem Störe angekommen. Ich habe einen mitgebracht -- noch gut, daß mir

der Gedanke kam einen zu kaufen, solange ich noch Geld hatte. Wo reist

du denn jetzt hin?«

»Ach, ich will zu einem Menschen hier,« sagte Tschitschikow.

»Zu was für einem Menschen? Ach was, laß ihn laufen! Komm! wir fahren

zusammen zu mir nach Hause!«

»Nein, nein, es geht nicht. Ich habe zu tun.«

»Ach was, zu tun! Hat sich was ausgedacht! Oh du Opodeldok Iwanowitsch!«

»Nein wirklich, ich habe zu tun, und sogar etwas sehr Wichtiges!«

»Ich möchte darauf wetten, du lügst! Also sag mal, zu wem fährst du?«

»Nun meinetwegen. Zu Sabakewitsch.«

Hier brach Nosdrjow in jenes laute und helle Lachen aus, dessen nur ein

frischer und gesunder Mensch fähig ist, der dabei seinen Mund weit

auftut, uns die ganze Reihe seiner Zähne sehen läßt, die tadellos und

blendend weiß sind wie Zucker, während seine Gesichtsmuskeln hüpfen und

springen, sodaß der Nachbar im dritten Zimmer, das durch zwei Türen von

ihm getrennt ist, aus dem Schlaf in die Höhe fährt, die Augen aufreißt

und ausruft: »Was mag bloß in den gefahren sein!«

»Was gibt es hier zu lachen?« sagte Tschitschikow, der sich ein wenig

über das Gelächter ärgerte.

Aber Nosdrjow fuhr fort, aus vollem Halse zu lachen, indem er

zwischendurch rief: »Nein, bitte, verschone mich; ich berste vor

Lachen!«

»Das ist durchaus nicht lächerlich: ich habe ihm mein Wort gegeben,«

sagte Tschitschikow.

»Aber du wirst ja deines Lebens nicht froh, wenn du zu ihm hinfährst;

das ist doch ein ganz gemeiner Geizhals, ein Halsabschneider! Ich kenne

doch deinen Charakter; du befindest dich in einem ungeheueren Irrtum,

wenn du glaubst, du findest dort Gelegenheit zu einem kleinen Spielchen,

eine gute Flasche Bonbon oder sonst was. Hör mal, lieber Freund! Hol

doch der Teufel diesen Sabakewitsch! Komm zu mir! Ich setze dir einen

Stör vor. Der Ponomarjow, diese Bestie hat nur immer Kratzfüße gemacht

und versichert: >Ich tue es nur für Sie! Sie können die ganze Messe

absuchen und werden keinen solchen finden.< Übrigens ein durchtriebener

Spitzbube. Ich habe es ihm gleich ins Gesicht gesagt: >Sie und unser

Branntweinpächter, ihr seid die größten Gauner, die es auf der Welt

gibt,< hab ich ihm gesagt. Dabei lacht die Bestie und streicht sich den

Bart. Kufschinnikow und ich, wir haben jeden Tag in seinem Laden

gefrühstückt. Richtig, lieber Freund, beinah hätte ich vergessen, es dir

zu sagen: ich weiß zwar, du wirst mich nicht in Ruhe lassen, aber ich

sage es dir im voraus, du kriegst ihn nicht einmal für zehntausend

Rubel!« »He Porphyr!« rief er seinem Diener zu, indem er ans Fenster

trat. Dieser stand mit einem Messer in der einen Hand da, während er in

der andern eine Brotrinde und ein Stück Stör hielt, das er mit einem

glücklichen Griff erwischt hatte, als er gerade etwas aus dem Wagen

holen wollte. »He, Porphyr!« schrie Nosdrjow, »bring doch mal den

kleinen Köter herauf!« »Ein feiner Köter! Was!« fuhr er fort, indem er

sich an Tschitschikow wandte. »Natürlich gestohlen! Der Besitzer wollte

ihn um keinen Preis hergeben. Ich bot ihm die hellbraune Stute dafür,

weißt du, die, welche ich vom Chwostyrjow erstanden habe.« Übrigens

hatte Tschitschikow sein Lebtag weder Chwostyrjow noch die braune Stute

gesehen.

»Wollen der gnädige Herr nichts zu sich nehmen?« sagte jetzt die Alte,

indem sie sich ihm näherte.

»Nein! Nichts! Ich sag dir Freund! Wir haben gebummelt! Übrigens kannst

du mir einen Schnaps geben! Was habt ihr für welchen?«

»Anis«, antwortete die Alte.

»Nun meinetwegen, einen Anis,« rief Nosdrjow.

»Dann gib mir gleich auch ein Gläschen!« sagte der Blonde.

»Im Theater war eine Sängerin, die sang ganz wie 'ne Nachtigall, so'ne

Kanaille! Kufschinnikow, der neben mir saß, sagte zu mir: >Weißt du

Freund das wär so was! Da möcht ich mal Erdbeeren pflücken!< Ich glaube

die Zahl der Meßbuden war allein größer als fünfzig. Thenardi drehte

sich vier Stunden lang herum, wie eine Windmühle.« Hierbei nahm er das

Gläschen aus der Hand der Alten, die sich tief vor ihm verneigte. »Her

mit ihm!« rief er plötzlich aus, als er Porphyr erblickte, der mit einem

jungen Hund ins Zimmer trat. Porphyr war ebenso gekleidet wie sein Herr,

auch er trug eine wattierte bucharische Joppe, die nur ein wenig

fettiger war.

»Gib ihn her, leg ihn hierher, auf den Fußboden!«

Porphyr legte das Hündchen auf den Fußboden, welches seine vier Pfoten

weit ausstreckte und die Diele zu beschnüffeln begann.

»Das ist ein Hund!« sagte Nosdrjow, indem er das Tier am Wickel nahm und

mit einer Hand in die Höhe hob. Das Hündchen stieß einen recht

kläglichen Ton aus.

»Du hast wieder nicht getan, was ich dir befohlen habe,« sagte Nosdrjow

zu Porphyr gewendet, während er den Bauch des Hündchens aufmerksam

betrachtete. »Es ist dir garnicht eingefallen, ihn zu kämmen.«

»Nein, ich habe ihn gekämmt.«

»Wo kommen denn die Flöhe her!«

»Das kann ich nicht wissen. So etwas kommt vor, vielleicht hat er sie

sich im Wagen geholt!«

»Du lügst! Unsinn! Es ist dir nicht im Traume eingefallen, ihn zu

kämmen; ich glaube, der Esel hat ihm noch von den seinigen abgegeben.

Sieh nur, Tschitschikow, sieh nur, was für Ohren! Komm doch, streichele

ihn mal!«

»Wozu! Ich sehe es ja auch so! Die Rasse ist gut,« sagte Tschitschikow.

»Nein, streichele ihn nur mal; befühle mal die Ohren!«

Tschitschikow tat Nosdrjow den Gefallen, und nahm den Hund bei den

Ohren. »Ja, es wird ein schönes Tier,« fügte er hinzu.

»Und fühle mal seine kalte Schnauze an! Nimm doch die Hand!« Um ihn

nicht zu beleidigen, befühlte Tschitschikow auch die Schnauze, indem er

bemerkte: »Kein übler Riecher!«

»Ein echter Bullenbeißer!« fuhr Nosdrjow fort. »Ich muß gestehen, ich

habe schon lange nach einem Bullenbeißer gefahndet. Da, Porphyr, trage

ihn fort.«

Porphyr nahm das Hündchen beim Bauche und brachte es in den Wagen

zurück.

»Hör mal, Tschitschikow, du mußt jetzt unbedingt zu mir kommen. Es sind

ja nur fünf Werst von hier. Wir sind im Handumdrehen da. Nachher kannst

du meinetwegen auch zu Sabakewitsch fahren.«

»Hm!« dachte Tschitschikow, »ich könnte ja schließlich auch einen Besuch

bei Nosdrjow machen. Er ist am Ende nicht schlimmer als die andern. Ein

Mensch wie alle! Und zudem hat er noch Geld verloren. Der ist zu allem

fähig. Dem werd ich schon umsonst etwas abtrotzen. -- Also gut,

meinetwegen! Nur eins, du darfst mich nicht zurückhalten; meine Zeit ist

mir teuer.«

»Siehst du, Herzchen, so gefällst du mir; das ist nett von dir. Komm,

laß dir einen Kuß dafür geben!« Und Nosdrjow und Tschitschikow umarmten

und küßten sich herzlich. »Famos, jetzt fahren wir zu dritt!«

»Nein, mich mußt du schon entschuldigen,« sagte der Blonde. »Ich muß

nach Hause.«

»Ach, Torheiten, Freund! Ich laß dich nicht fort.«

»Nein wirklich, meine Frau wird sonst böse; übrigens kannst du ja jetzt

in seinen Wagen steigen.«

»Nein, nein, nein! Du sollst garnicht daran denken.«

Der Blonde war einer von jenen Menschen, in deren Charakter man zuerst

einen gewissen Starrsinn zu entdecken glaubt. Man hat kaum Zeit den Mund

zu öffnen, da fallen sie einem schon streitlustig ins Wort, und niemals

werden sie etwas zugeben, was ihrer Denkweise widerspricht. Es scheint

einem, daß sie nie einen Dummen klug nennen und vor allem niemals nach

der Pfeife eines anderen tanzen werden. Am Ende aber zeigt es sich, daß

in ihrem Wesen etwas Weiches, Nachgiebiges liegt, daß sie schließlich

gerade das zugeben, was sie erst bestritten haben, das Dumme -- klug

nennen und den herrlichsten Tanz nach der fremden Pfeife aufführen. Sie

fangen forsch an und enden schmählich.

»Ah, Torheiten,« antwortete Nosdrjow auf einen Einwand des Blonden,

drückte ihm den Hut auf den Kopf und -- der Blonde folgte ihnen auf dem

Fuße.

»Gnädiger Herr, der Schnaps ist noch nicht bezahlt,« rief die Alte ihnen

nach.

»Schon recht, schon recht, Mütterchen! Sei so gut, lieber Schwager,

bezahle du für mich! Ich habe nicht mal Kupfer in der Tasche.«

»Was bekommst du?« fragte der Schwager.

»Es ist nicht der Rede wert, Väterchen. Es macht ja nur achtzig

Kopeken.«

»Du lügst! Gib ihr 'nen halben Rubel! das ist mehr als genug.«

»Ein bissel wenig, gnädiger Herr,« sagte die Alte. Indessen nahm sie das

Geld dankend an und lief atemlos voraus, um die Türe zu öffnen. Sie

hatte nichts verloren, denn der Schnaps kostete nicht den vierten Teil

von dem, was sie gefordert hatte.

Die Reisenden stiegen ein und nahmen in ihren Kutschen Platz.

Tschitschikows Wagen fuhr neben der Equipage, in der Nosdrjow und sein

Schwager saßen, her, und so konnten sich alle drei während des ganzen

Weges bequem miteinander unterhalten. Nosdrjows kleiner, mit den dürren

Mietspferden bespannter Wagen folgte langsam nach und blieb immer mehr

zurück. In ihm saß Porphyr mit dem jungen Hunde.

Da das Gespräch, in welches unsere Reisenden vertieft waren, sicherlich

kein großes Interesse für den Leser haben dürfte, werden wir gut tun,

diese Zeit zu benutzen, um einige Worte über Nosdrjow selbst zu sagen,

der vielleicht nicht die geringste Rolle in unserer Dichtung spielen

wird.

Nosdrjows Gesicht ist dem Leser wahrscheinlich schon ein wenig bekannt.

Ein jeder von uns wird Leuten dieses Schlages sicherlich mehr als einmal

begegnet sein. Man nennt sie forsche Burschen; schon als Knaben und in

der Schule gelten sie als gute Kameraden und kriegen bei alledem ihre

Prügel, die oft sehr schmerzhaft sind. Aus ihrem Gesicht spricht

Offenheit, Gradheit und eine gewisse Bravour. Sie schließen schnell

Freundschaften, und eh man sich's versieht, duzen sie einen schon. Sie

schwören immer ewige Freundschaft, und fast scheint's, daß sie ihr

Versprechen auch halten werden; aber dann kommt es beinahe immer so, daß

der neue Freund sie noch am selben Abend beim freundschaftlichen Mahle

durchprügelt. Das sind stets Schwätzer, Zechbrüder, feine Jungens, mit

einem Wort Leute, die was bedeuten. Nosdrjow war mit fünfunddreißig

Jahren noch genau derselbe, wie mit siebzehn und zwanzig: er liebte es

noch immer, zu bummeln und sich zu amüsieren. Die Ehe hatte ihn nicht im

geringsten verändert, um so weniger, als seine Frau sehr bald ins

bessere Jenseits einging, und ihn mit zwei Kindern zurückließ, die er

absolut nicht brauchen konnte. Übrigens hatte er die Aufsicht über die

Kinder einer recht appetitlichen Wärterin anvertraut. Er konnte es zu

Hause nie länger als einen Tag aushalten. Seine feine Nase roch es auf

fünfzig Werst heraus, wenn es irgendwo eine Messe gab, wo viele Menschen

zusammenkamen und Feste und Bälle gefeiert wurden; im selben Augenblick

war er da, stiftete Streit und Unordnung am grünen Tisch, denn er war,

wie all diese Leute ein leidenschaftlicher Kartenspieler. Wie wir schon

aus dem ersten Kapitel erfahren haben, spielte er nicht ganz korrekt und

sauber, er kannte eine Reihe von Kniffen und Kunststücken, und daher

gab's am Ende des Spiels gewöhnlich ein andres Spiel: entweder er bekam

eine Tracht Prügel und ein paar tüchtige Fußtritte oder man zupfte ihn

an seinem schönen dicken Backenbart, so daß er manchmal nur mit einer

Bart-Hälfte nach Hause kam, die auch nur noch recht dürftig aussah. Aber

seine gesunden runden Backen waren aus so gutem Stoff gemacht und wurden

von einer so intensiven animalischen Kraft durchflutet, daß der

Backenbart bald wieder nachwuchs und noch schöner wurde, als früher. Und

was dabei das Merkwürdigste war, und sicherlich nur allein in Rußland

passieren kann, -- schon nach ganz kurzer Zeit war er wieder mit seinen

Freunden zusammen, die ihn so hergenommen hatten, man begrüßte sich, wie

wenn nichts vorgefallen wäre, und auch er tat seinerseits nicht im

geringsten beleidigt.

Nosdrjow war in gewisser Beziehung eine geschichtliche Persönlichkeit.

Es gab keine einzige Gesellschaft, an der er teilnahm, wo nicht irgend

eine »Geschichte« passierte. Irgendeine »Geschichte« gab es immer:

entweder er wurde von ein paar Gendarmen beim Arm gefaßt und aus dem

Saal geführt, oder seine eigenen Freunde sahen sich gezwungen, ihn

hinauszubefördern. Und wenn es nicht gerade dies war, _etwas_ ereignete

sich auf jeden Fall, was einem andern nie passiert wäre, sei es, daß er

sich in der Restauration so sehr betrank, daß er garnicht aus dem Lachen

herauskommen konnte, oder daß er sich so in seine eigenen Lügen

verstrickte, sodaß ihm zuletzt selbst davor übel wurde. Dazu log er ohne

jeden Grund und Anlaß. Plötzlich konnte es ihm einfallen, zu erzählen,

er habe einmal ein Pferd mit blau und rot gestreiftem Fell gehabt oder

irgend einen ähnlichen Blödsinn, bis alle Anwesenden weggingen und

sagten: »Na Bruder, mir scheint, du fängst an zu schwindeln!« Es gibt

Menschen, die eine wahre Leidenschaft haben, ihrem Nächsten einen üblen

Streich zu spielen, ohne die geringste Ursache dazu zu haben. So gibt es

zum Beispiel Leute von hohem Range, edlem Äußern und mit einem Stern auf

der Brust, die einem freundlich die Hand drücken, sich über die tiefsten

und erhabensten Gegenstände unterhalten, welche unseren Geist

beschäftigen, um einem plötzlich ganz offen vor aller Augen einen

niederträchtigen Streich zu spielen, wie er wohl eines ganz gewöhnlichen

Kollegienregistrators, nicht aber eines Mannes würdig ist, der einen

Stern auf der Brust trägt und über die tiefsten und erhabensten

Gegenstände spricht, die unseren Geist beschäftigen, sodaß man dasteht

und staunt, und höchstens mit den Achseln zuckt. Auch Nosdrjow hatte

diese merkwürdige Liebhaberei. Je näher sich einer ihm anschloß, um so

ärger trieb er es mit ihm: er verbreitete allerhand unmögliche Gerüchte,

wie sie sich kaum törichter und dümmer erfinden lassen, machte

Verlobungen rückgängig, verdarb einem das Geschäft und hielt sich dabei

keineswegs für den Feind des Betreffenden; im Gegenteil, fügte es sich

so, daß man wieder mit ihm zusammentraf, dann kam er einem höchst

freundschaftlich entgegen und sagte sogar: »Du bist doch ein ganz

gemeiner Kerl! Warum besuchst du mich niemals?« Nosdrjow war in mancher

Beziehung ein wirklich vielseitiger Mensch, d. h. er war in allen

Sätteln gerecht. In demselben Augenblick war er bereit, euch bis an alle

vier Enden der Welt zu begleiten, an jedem Abenteuer teilzunehmen, jeden

Tausch mit euch einzugehen. Flinten, Hunde, Pferde waren Tauschobjekte

für ihn, aber er hatte durchaus nicht etwa den Hintergedanken, dabei zu

gewinnen; dies war nur die Folge einer gewissen Lebhaftigkeit und

Keckheit, die in seinem Charakter lagen. War es ihm geglückt, auf der

Messe einem Einfaltspinsel zu begegnen und ihn im Spiel zu rupfen, dann

kaufte er alles Mögliche zusammen, was er im ersten besten Laden

vorfand: Halsbügel für seine Pferde, Räucherkerzchen, allerhand Tücher

für das Kindermädchen, einen Hengst, Rosinen, eine silberne

Waschschüssel, holländische Leinwand, Gerstenmehl, Tabak, Pistolen,

Heringe, Bilder, Schleifsteine, Töpfe, Stiefel, Porzellangeschirr, bis

ihm das Geld ausging. Übrigens passierte es nur höchst selten, daß er

all die schönen Dinge mit nach Hause brachte: gewöhnlich wurde er sie

noch am selben Tage wieder los, indem er sie an einen andern

glücklichern Spieler verspielte, der häufig noch die eigne Pfeife, den

Tabakbeutel und ein Mundstück, oder wohl gar noch das ganze Viergespann

mit allem Zubehör: Wagen und Kutscher dazu bekam, sodaß der Herr selbst

in einem kurzen Röckchen oder einer bucharischen Joppe auf die Suche

nach einem Freunde gehen mußte, der ihn in seinem Wagen mitnahm. So war

Nosdrjow! Vielleicht wird man ihn einen verbrauchten Typus nennen und

sagen, heutzutage gebe es ja gar keine Nosdrjows mehr! Ach nein! Die

Menschen, die so reden, haben sicherlich unrecht. Nosdrjow wird nicht so

bald aus dieser Welt verschwinden. Er ist überall, mitten unter uns, und

trägt vielleicht zufälligerweise nur einen andern Rock; aber die

Menschen sind leichtsinnig und oberflächlich; wie oft halten sie jemand,

wenn er nur einen andern Rock anhat, auch für einen ganz andern

Menschen!

Unterdessen hielten die drei Wagen bereits vor der Freitreppe des

Nosdrjowschen Hauses. Im Hause waren keinerlei Vorbereitungen für ihren

Empfang getroffen. Mitten im Speisezimmer standen zwei Arbeiter auf

einer Stehleiter, weißten die Wände und sangen ein monotones Lied dazu,

das gar kein Ende nehmen wollte; der ganze Fußboden war mit Kalk

bespritzt. Nosdrjow rief den Leuten sogleich zu, sie sollten sich

mitsamt ihrer Stehleiter hinauspacken und lief dann ins nächste Zimmer,

um dort weitere Befehle zu erteilen. Die Gäste hörten, wie er beim Koch

ein Mittagessen bestellte; Tschitschikow, der bereits wieder einigen

Appetit verspürte, ersah daraus, daß sie sich wohl kaum vor 5 Uhr zu

Tische setzen würden. Nosdrjow kam bald darauf zurück, um seine Gäste zu

einem Spaziergang durch sein Gut mitzunehmen und ihnen alle

Sehenswürdigkeiten desselben zu zeigen. Sie brauchten etwas mehr als

zwei Stunden, um alles in Augenschein zu nehmen. Nosdrjow ruhte nicht

eher, als bis er ihnen alles gezeigt hatte, bis ihm nichts mehr zu

zeigen übrig blieb. Zuerst begab man sich in den Pferdestall, wo man

zwei Stuten, einen grauen Apfelschimmel, einen Fuchs und einen braunen

Hengst besichtigte. Der Hengst sah nicht gerade stattlich aus, aber

Nosdrjow versicherte und schwor, daß er zehntausend Rubel für ihn

bezahlt habe.

»Zehntausend waren es sicher nicht,« bemerkte der Schwager, »der ist

noch keine tausend wert.«

»Bei Gott! Er kostet zehntausend!« sagte Nosdrjow.

»Du kannst schwören, soviel du willst,« erwiderte der Schwager.

»Nun gut, willst du wetten?« sagte Nosdrjow.

Aber der Schwager wollte nicht wetten.

Dann zeigte Nosdrjow den Gästen einen leeren Verschlag, in dem früher

ein paar gute Pferde gestanden hatten. Daselbst befand sich auch ein

Ziegenbock, der nach einem alten Aberglauben in keinem Pferdestall

fehlen darf, und der sich mit seinen Genossen offenbar recht gut

vertrug, denn er spazierte unter ihren Bäuchen hindurch, als ob er zu

Hause wäre. Dann führte Nosdrjow die beiden Herren weiter, um ihnen

einen kleinen Wolf zu zeigen, welcher an der Kette lag. »Das ist ein

junger Wolf!« sagte er, »ich füttere ihn absichtlich mit rohem Fleisch!«

Dann sah man sich noch einen Teich an, in dem sich, nach Nosdrjows

Worten, Fische von solcher Größe befanden, daß mindestens zwei Menschen

dazu gehörten, um einen davon aus dem Wasser zu ziehen. Übrigens

unterließ es der Schwager auch diesmal nicht, seine Zweifel zu äußern.

»Hör mal Tschitschikow,« sagte Nosdrjow, »ich will dir ein paar

herrliche Hunde zeigen: man glaubt gar nicht, was die für kräftige

Muskeln haben! Und die Nase! So spitz wie eine Nadel!« Mit diesen Worten

führte er sie zu einem hübschen kleinen Häuschen, das von einem großen

und ringsum eingefriedigten Hof umgeben war. Als sie diesen betraten,

erblickten sie eine ganze Kollektion von Hunden, wollhaarige und

schlichthaarige aller nur möglichen Farben und Rassen, dunkelbraune,

schwarze, schwarz- und braungefleckte, halbgescheckte, getigerte,

braungescheckte, schwarzohrige, grauohrige usw. usw. ... Hier bekam man

sämtliche Hundenamen und alle nur möglichen Imperative zu hören wie

Beiß, Wach, Schimpf, Funke, Frechdachs, Gottseibeiuns, Störenfried,

Stich, Pfeil, Schwälbchen, Schätzchen, Vorstehdame. Nosdrjow bewegte

sich unter ihnen ganz wie ein Vater in seiner Familie: sie kamen alle

mit freudig erhobenen Schwänzen, die man in der Jägersprache Ruten

nennt, auf die Gäste zugestürzt und begrüßten sie lebhaft. Etwa zehn

Stück sprangen an Nosdrjow empor und legten ihm ihre Pfoten auf die

Schultern. »Schimpf« bezeugte dieselbe Freundschaft für Tschitschikow

und versetzte ihm, indem er sich auf die Hinterbeine stellte, einen

herzhaften Kuß, sodaß jener schleunigst ausspie. Dann ging man zur

Besichtigung der Hunde über, deren Muskelkraft Nosdrjows Stolz bildete

-- und in der Tat, die Hunde waren gut. Hierauf sah man sich noch eine

Hündin aus der Krim an, welche schon blind war und nach Nosdrjows Worten

bald verrecken mußte. Vor zwei Jahren sei es noch eine recht gute Hündin

gewesen. Man nahm auch diese Hündin in Augenschein, und siehe da, sie

war wirklich blind. Von hier aus ging man weiter, um eine Wassermühle

anzusehen, der die Achse fehlte, an welcher der obere Mühlstein

befestigt ist, und um die er sich mit großer Geschwindigkeit dreht, oder

an der er nach dem seltsamen Ausdruck des russischen Bauern herauf und

herunter hüpft, weswegen er auch der »Hüpfer« genannt wird. »Nun kommt

bald die Schmiede,« sagte Nosdrjow. Nach einigen Schritten erblickten

sie tatsächlich eine Schmiede, deren Betrachtung man gleichfalls einige

Augenblicke widmete.

»Auf diesem Felde,« sagte Nosdrjow, indem er mit dem Finger hinzeigte,

»gibt es eine solche Unmenge von Hasen, daß man die Erde garnicht sieht.

Ich selbst habe neulich einen mit der Hand bei den Hinterläufen

erwischt.«

»Na, weißt du, mit der Hand erwischst du keinen Hasen.«

»Und ich hab doch einen gefangen! Wahrhaftig!« antwortete Nosdrjow. »So,

nun will ich dich an die Grenze meines Gutes führen,« setzte er hinzu,

indem er sich an Tschitschikow wandte.

Nosdrjow führte seine Gäste über das Feld, das stellenweise mit kleinen

Mooshügeln bedeckt war. Die Gäste mußten den Weg über Brachland und

geeggte Saatfelder nehmen. Tschitschikow verspürte eine gewisse

Ermüdung. An vielen Stellen sanken ihre Füße in dem Sumpfe ein: so tief

war das Land gelegen. Anfangs nahmen sie sich in acht und traten

vorsichtig auf, da sie aber sahen, daß das doch nichts half,

marschierten sie einfach drauflos, ohne zu fragen, wo der Dreck am

höchsten lag. Nachdem sie ein beträchtliches Stück Weges zurückgelegt

hatten, erblickten sie in der Tat die Grenze, welche durch einen

hölzernen Pfahl und einen schmalen Graben markiert wurde.

»Das ist die Grenze,« sagte Nosdrjow. »Alles was diesseits liegt -- dies

alles ist mein Eigentum, und sogar jener Wald, den ihr da auf der

anderen Seite schimmern seht, und das ganze Stück, das hinter dem Walde

liegt, gehört mir.«

»Seit wann ist denn das dein Wald?« fragte der Schwager. »Hast du ihn

etwa neulich angekauft? Früher gehörte er dir doch nicht.«

»Ja, ich habe ihn vor kurzem gekauft,« sagte Nosdrjow.

»Wie ging denn das so schnell?«

»Ich habe ihn erst vorgestern gekauft und teuer genug bezahlen müssen,

weiß der Teufel!«

»Aber du warst doch die ganze Zeit über auf der Messe?«

»Ach, du alter Sophron, kann man denn nicht auf der Messe sein und

zugleich Land kaufen. Nun ja, ich war auf der Messe und in meiner

Abwesenheit hat der Verwalter das Gehölz gekauft.«

»Es müßte denn schon der Verwalter sein,« sagte der Schwager, noch immer

zweifelnd und schüttelte den Kopf.

Die Gäste kehrten auf demselben elenden Wege nach Hause zurück. Nosdrjow

führte sie in seine Stube, in der übrigens nichts von alledem zu

entdecken war, was man gewöhnlich in einem Arbeitszimmer vorzufinden

pflegt, d. h. weder Bücher noch Papiere, an der Wand hingen nur ein

Säbel und zwei Flinten, eine zu dreihundert, und eine andere zu

achthundert Rubel. Der Schwager sah sich im Zimmer um und schüttelte

bloß den Kopf. Dann zeigte Nosdrjow seinen Freunden noch einige

türkische Dolche; auf einem von ihnen las man die Inschrift »Meister

Sawelij Sibirjakow«, die wohl nur durch ein Versehen in ihn eingegraben

worden war. Darnach bekamen die Gäste eine Drehorgel zu sehen, auf der

Nosdrjow sogleich irgend ein Stück vortrug. Die Drehorgel hatte keinen

unangenehmen Klang, nur schien in ihrem Inneren etwas passiert zu sein,

denn die Mazurka, welche Nosdrjow spielte, ging plötzlich in das Lied:

»Held Malborough zog in die Schlacht« über, und dieses schloß wiederum

mit einem altbekannten Walzer. Nosdrjow drehte schon lange nicht mehr,

aber das Instrument hatte eine sehr kecke Pfeife, die durchaus nicht zum

Schweigen zu bringen war und noch lange für sich allein weitertönte.

Dann ging man zu den Tabakspfeifen über, deren Nosdrjow eine ganze

Kollektion besaß: Holz-, Ton- und Meerschaumpfeifen, eingerauchte und

nicht eingerauchte, mit Lederüberzügen und ohne solche usw.; man sah

sich auch ein Pfeifenrohr mit einer Bernsteinspitze, das Nosdrjow erst

vor kurzem im Spiele gewonnen und einen gestickten Tabaksbeutel an, das

Geschenk einer Gräfin, welche sich auf einer Poststation bis über die

Ohren in ihn verliebt hatte, und deren Händchen das »subtilste

Superflüh« waren, ein Ausdruck, der für ihn wahrscheinlich soviel wie

die höchste Vollkommenheit bedeutete. Nachdem man ein paar Schnitten

Stör zu sich genommen hatte, setzte man sich gegen fünf Uhr zu Tisch.

Das Mittagessen spielte offenbar in Nosdrjows Leben keine sehr

bedeutende Rolle, denn er schien keinen sehr großen Wert auf die

Zubereitung der Speisen zu legen; sie waren teils angebrannt, teils noch

nicht ganz gar. Der Koch ließ sich wahrscheinlich mehr durch eine

gewisse Inspiration leiten und bediente sich bei der Herstellung der

Gerichte aller guten Dinge, die ihm gerade unter die Hand kamen: stand

zufälligerweise die Pfefferdose in seiner Nähe, dann schüttete er

Pfeffer in den Kochtopf -- lag ein Kohlkopf auf dem Tisch, so tat er

auch Kohl hinein und gab noch Milch, Schinken und Erbsen dazu -- mit

einem Wort: er schüttete aufs Geradewohl etwas zusammen, die Hauptsache

war, daß das Gericht recht heiß war, irgend einen Geschmack würde es

schon haben! Dafür legte Nosdrjow ein großes Gewicht auf die Weine: die

Suppe stand noch nicht auf dem Tisch, da schenkte er den Gästen schon

ein Glas Portwein und ein zweites mit Haut Sauterne ein. In den Provinz-

und in den Kreisstädten gibt es nämlich keinen gewöhnlichen Sauterne.

Dann ließ Nosdrjow noch eine Flasche Madeira auftragen, »wie ihn selbst

der Feldmarschall nicht besser getrunken hat«. Und in der Tat, der

Madeira brannte einem in der Kehle, denn die Kaufleute, welche den

Geschmack ihrer Kunden -- der Gutsbesitzer kannten, die einen

_kräftigen_ Madeira liebten, versetzten ihn tüchtig mit Rum und

bisweilen auch mit Königswasser, in der richtigen Erwägung, daß ein

russischer Magen alles vertragen könne. Zuletzt ließ sich Nosdrjow noch

eine ganz besondere Flasche bringen, die, wie er sagte, eine Art von

Synthese aus Champagner und Bourgognon enthielt. Er schenkte rechts und

links mit großem Eifer die Gläser voll und erwies dabei seinem Schwager

und Tschitschikow die gleiche Aufmerksamkeit; doch machte Tschitschikow

die Beobachtung, daß er sich selbst dabei am schlechtesten bedachte.

Dies veranlaßte ihn, auf der Hut zu sein; wenn Nosdrjow gerade ins

Gespräch mit seinem Schwager vertieft war, oder ihm das Glas

vollschenkte, benutzte Tschitschikow den Moment, um den Inhalt seines

Glases in den Teller zu schütten. Bald darauf wurde auch eine Flasche

Vogelbeerschnaps hereingetragen, die nach Nosdrjows Worten ganz wie

Sahne schmeckte, aber seltsamerweise nur kräftig nach Fusel roch.

Hierauf trank man noch einen Balsam, der einen Namen trug, welcher sich

sogar äußerst schwer aussprechen ließ, und den der Wirt selbst bei der

nächsten Gelegenheit ganz anders bezeichnete. Das Mittagessen war längst

zu Ende, die Weine waren alle ausprobiert, aber die Gäste saßen noch

immer an der Tafel, Tschitschikow konnte sich durchaus nicht

entschließen, mit Nosdrjow in Gegenwart des Schwagers über den

Gegenstand zu sprechen, der ihm am meisten am Herzen lag: der Schwager

war schließlich doch ein fremder Mensch, die Sache selbst aber konnte

nur in einer vertraulichen und freundschaftlichen Unterhaltung erledigt

werden. Übrigens war der Schwager schwerlich ein Mensch, der ihm

gefährlich werden konnte, denn wie es schien, hatte er gehörig geladen,

er saß nämlich stumm auf seinem Stuhle und sank beständig mit dem Kopf

vornüber. Endlich mußte er wohl selbst gemerkt haben, daß er sich in

einem ziemlich hoffnungslosen Zustande befand, denn er bat Nosdrjow, ihn

doch heimfahren zu lassen, und er tat dies mit einer so matten und müden

Stimme, als zöge man -- um mich eines volkstümlichen russischen

Ausdrucks zu bedienen -- dem Pferde das Zaumzeug mit der Zange über den

Kopf.

»Nein, nein, nein! Ich lasse dich nicht fort!« sagte Nosdrjow.

»Quäl mich doch nicht, lieber Freund! Wirklich, ich will fahren!« bat

der Schwager, »du mußt mich nicht so peinigen!«

»Unsinn! Torheiten! Komm wir spielen noch einen kleinen Pharao.«

»Nein, Bester, spiel lieber allein! Ich kann wirklich nicht, meine Frau

wird es mir sehr übel nehmen; ich muß ihr auch noch von der Messe

erzählen. Wahrhaftig Freund! es ist meine verfluchte Schuldigkeit, ihr

dies kleine Vergnügen zu bereiten. Bitte halte mich nicht auf!«

»Hol doch die Frau der T....! Als ob das so was wichtiges wäre, was ihr

miteinander zu tun habt!«

»Nein wirklich, Freund! Sie ist so gut, meine Frau -- so brav und treu,

eine musterhafte Gattin! Sie tut mir jeden Gefallen. Das kannst du mir

glauben, ich bin oft gerührt, bis zu Tränen gerührt. Nein, suche mich

nicht zum Bleiben zu veranlassen; so wahr ich ein ehrlicher Mann bin --

ich muß fahren. Ich gebe dir mein Wort darauf! Hand aufs Herz!«

»Laß ihn doch fahren, was haben wir von ihm?« sagte Tschitschikow leise

zu Nosdrjow.

»Du hast eigentlich recht!« meinte Nosdrjow, »ich kann diese Waschlappen

nicht leiden!« und er fügte laut hinzu: »Nun dann hol dich der Teufel.

Geh! fahr nur zu deiner Frau, du alter Pantoffelheld!«

»Nein, Freund! du darfst mich nicht Pantoffelheld schelten!« antwortete

der Schwager: »ich verdanke ihr mein Leben. Wirklich! Sie ist so lieb,

so gut, so sanft und zärtlich .... mir stehen oft die Tränen in den

Augen. Sie wird mich fragen, was ich auf der Messe gesehen habe -- ich

muß ihr alles erzählen -- sie ist so lieb ....«

»Also mach, daß du fortkommst, und schwindele ihr irgend einen Blödsinn

vor!«

»Nein, hör mal, lieber Freund! du darfst nicht so von ihr sprechen,

damit beleidigst du gewissermaßen auch mich, sie ist so gut und lieb.«

»Nun dann packe dich doch! Mach, daß du zu ihr kommst!«

»Ja, tatsächlich, Freund, ich will fahren; verzeih, daß ich nicht

bleiben kann. Ich wäre von Herzen froh, aber ich kann wahrhaftig nicht.«

Der Schwager stammelte noch lange allerhand Entschuldigungen, ohne zu

merken, daß er längst im Wagen saß, schon durchs Tor gerollt war und

sich unter freiem Himmel auf offenem Felde befand. Man darf annehmen,

daß seine Frau recht wenig von der Messe zu hören bekommen hat.

»So ein Dreckkerl!« sagte Nosdrjow, der ans Fenster getreten war und der

davonjagenden Equipage nachblickte. »Da fährt er! Das Beipferd ist nicht

übel, ich fahnde schon längst darauf. Aber mit dem Kerl wird man ja doch

nicht einig. Ein alter Waschlappen und weiter nichts!«

Man trat ins Nebenzimmer. Porphyr brachte Lichter herein und

Tschitschikow bemerkte plötzlich ein Spiel Karten in der Hand des

Hausherrn, ohne daß er hätte sagen können, woher er es genommen hatte.

»Was meinst du zu einem kleinen Pharao, Freund!« sagte Nosdrjow, indem

er das Spiel zusammendrückte und wieder los ließ, sodaß das Kreuzband

zerriß und zu Boden fiel. »So zum Zeitvertreib weißt du. Ich will die

Bank mit dreihundert Rubeln halten!«

Aber Tschitschikow tat so, als ob er garnicht gehört hätte, wovon

eigentlich die Rede war und sagte, wie wenn er sich plötzlich auf etwas

besönne. »Ach ja, um es nicht zu vergessen, ich habe eine kleine Bitte

an dich!«

»Was für eine Bitte?«

»Aber versprich mir zuerst, daß du sie erfüllen willst!«

»Was ist das für eine Bitte?«

»Nein, versprich mir's erst! Hörst du!«

»Also gut. Meinetwegen!«

»Dein Ehrenwort!«

»Mein Ehrenwort!«

»Also: du wirst doch wohl eine ganze Reihe von toten Bauern besitzen,

die noch nicht aus den Revisionslisten gestrichen sind.«

»Natürlich! und was soll das hier!«

»Übergib sie mir. Übertrage sie auf meinen Namen!«

»Und wozu brauchst du sie?«

»Ich brauche sie.«

»Nein, sag wozu?«

»Ich brauche sie eben .... das ist doch meine Sache -- mit einem Wort,

ich habe sie nötig.«

»Da steckt bestimmt was dahinter. Du hast sicher irgend einen Plan mit

ihnen ausgeheckt. Gesteh's nur. Was ist's?«

»Ach was für ein Plan! Solch eine Bagatelle. Was könnte ich damit

vorhaben?«

»Ja, wozu brauchst du sie denn dann?«

»Herr Gott! bist du neugierig! Du willst wohl jeden Dreck mit der Hand

befühlen, und wohl gar noch dran riechen!«

»Ja, warum willst du es denn nicht sagen?«

»Was hast du denn davon, wenn ich's dir sage? Ganz einfach, es ist so

eine Laune von mir!«

»Nun gut, wenn du's mir nicht sagt, dann tu ich's eben nicht!«

»Hör mal, das ist wirklich unanständig von dir. Hast mir dein Wort

gegeben, und willst es jetzt wieder zurücknehmen!«

»Schön, wie du willst. Ich tu's halt nicht, bevor du mir's sagst.«

»Was könnte ich ihm bloß sagen?« dachte Tschitschikow; er überlegte ein

wenig und erklärte dann, er brauche die toten Seelen, um sich Gewicht

und Einfluß in der Gesellschaft zu verschaffen, er habe keine großen

Besitzungen, und daher möchte er wenigstens einstweilen ein paar Seelen

haben.

»Du schwindelst,« sagte Nosdrjow, indem er ihm ins Wort fiel, »du

schwindelst Bruder!«

Tschitschikow mußte sich selbst gestehen, daß er nicht gerade geschickt

gelogen hatte, und die ersonnene Ausflucht eigentlich recht schwach war.

»Nun gut, dann will ich dir die Wahrheit sagen,« sagte er, indem er sich

verbesserte, »ich bitte dich nur um eins, es nicht weiter zu plaudern.

Ich habe die Absicht, mich zu verheiraten; aber leider sind der Vater

und die Mutter meiner Braut höchst ehrgeizige Leute, die hoch hinaus

wollen. Eine verfluchte Geschichte! ich ärgere mich beinahe, daß ich

mich überhaupt darauf eingelassen habe: sie wollen partout, daß der

Bräutigam mindestens dreihundert Seelen haben solle, und da mir beinahe

ganze hundertfünfzig daran fehlen, so .....«

»Ne Bruder, du schwindelst!« rief Nosdrjow wieder.

»Nein wirklich, diesmal hab' ich auch nicht einmal _so_viel gelogen,«

sagte Tschitschikow, indem er mit dem Daumen auf ein winziges Stück des

kleinen Fingers wies.

»Den Kopf zum Pfande, daß du schwindelst!«

»Hör mal, du beleidigt mich! Wer bin ich denn eigentlich? Warum soll ich

denn durchaus lügen?«

»Aber ich kenne dich doch: du bist ja ein großer Spitzbube -- gestatte

mir bitte, dir das einmal in aller Freundschaft zu sagen. Wenn ich dein

Chef wäre, ich ließe dich am ersten besten Baum aufhängen.«

Tschitschikow fühlte sich durch diese Bemerkung beleidigt. Jeder grobe,

die Grenzen der Schicklichkeit verletzende Ausdruck berührte ihn

peinlich. Alle Familiaritäten seitens anderer Personen waren ihm in der

Seele zuwider, und er suchte sich ihnen zu entziehen, es sei denn, daß

sie von hochgestellten Leuten ausgingen. Daher fühlte er sich jetzt im

Innersten gekränkt.

»Bei Gott, ich ließe dich hängen!« wiederholte Nosdrjow, »ich meine das

ganz aufrichtig und sage das nicht um dich zu beleidigen, sondern

erlaube es mir als dein Freund.«

»Alles hat seine Grenzen,« sagte Tschitschikow mit Würde. »Wenn du dich

mit solchen Redensarten brüsten willst, dann geh doch lieber in die

Kaserne.« -- Und er fügte hinzu: »Willst du sie mir nicht schenken, so

verkaufe sie mir wenigstens.«

»Verkaufen! Aber ich kenne dich doch. Du bist ein Hallunke. Du wirst ja

doch nicht viel dafür geben.«

»Na, du kannst so bleiben! Sieh einer an, du glaubst wohl, sie sind von

Edelstein, wie?«

»Da siehst du es, ich kenne dich doch.«

»Nein höre mal, Freund, was ist das für ein knickeriges Benehmen. Du

solltest sie mir wahrhaftig schenken.«

»Also gut, um dir zu beweisen, daß ich nicht so ein Filz bin, will ich

dir garnichts für sie abnehmen. Kauf mir einen Hengst ab, dann kriegst

du sie gratis.«

»Ich bitte dich, was soll ich mit dem Hengst?« sagte Tschitschikow,

höchst verwundert über diesen Vorschlag.

»Was du damit sollst? Ich habe zehntausend Rubel für den Racker bezahlt,

und du sollst ihn für viertausend haben.«

»Aber was soll ich bloß damit anfangen! Ich habe doch kein Gestüt.«

»Ja höre doch nur, du versteht mich noch nicht. Ich nehme dir doch jetzt

nur dreitausend ab. Die übrigen tausend kannst du mir ja später

bezahlen.«

»Ja aber, wenn ich ihn nun doch durchaus nicht brauchen kann! Gott mit

ihm!«

»Nun gut, dann kauf mir die hellbraune Stute ab!«

»Ich kann auch keine Stute brauchen.«

»Ich gebe dir die Stute und das graue Pferd dazu, das du vorhin gesehen

hat, für zweitausend Rubel.«

»Ich brauche keine Pferde!« sagte Tschitschikow.

»Du kannst sie ja weiter verkaufen. Auf jeder Messe kriegst du das

Dreifache für sie.«

»Dann verkauf sie doch lieber selbst, wenn du dir einen so großen Gewinn

davon versprichst.«

»Ich weiß, daß ich dabei gewinne: aber ich möchte dir auch einen kleinen

Vorteil zukommen lassen.«

Tschitschikow dankte ihm für seine freundliche Gesinnung und verzichtete

rundweg auf die braune Stute und das graue Roß.

»So kauf mir ein paar Hunde ab! Ich habe da ein Pärchen für dich; da

läuft dir gleich ein Freudenschauer über den Rücken. Einen

stichelhaarigen mit borstigem Bart; die Haare stehen ihm zu Berge wie

die Stacheln eines Igels, und die Rippen -- die reinsten Faßreifen. Dazu

die klumppatschigen Pfoten -- die berühren kaum die Erde! ...«

»Ach! Ich brauche keine Hunde. Ich bin doch kein Jäger.«

»Aber ich möchte gerne, daß du ein paar Hunde hast.

Übrigens weißt du, wenn du die Hunde nicht haben willst, dann kauf mir

die Drehorgel ab. Ein feines Stück, sage ich dir. Sie hat mich selbst,

so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, anderthalb Tausend gekostet. Dir

will ich sie für neunhundert lassen.«

»Was soll ich mit der Drehorgel anfangen? Ich bin doch kein Deutscher,

daß ich mit ihr von Haus zu Haus wandern und um Geld betteln könnte!«

»Aber das ist doch kein Leierkasten, wie ihn die Deutschen haben. Das

ist eine Orgel, sieh sie dir mal genau an. Lauter echtes Mahagoni! Komm,

ich will sie dir noch mal zeigen!« Und Nosdrjow ergriff Tschitschikows

Hand und zog ihn nach sich in das Nebenzimmer, er mochte sich sträuben,

die Füße gegen den Fußboden stemmen und versichern, soviel er wollte, er

kenne die Drehorgel zur Genüge, es nützte ihm alles nichts, er mußte

noch einmal hören, wie Malborough in die Schlacht zog.

»Wenn du mir kein Geld geben willst, dann machen wir es folgendermaßen,

weißt du. Ich gebe dir die Drehorgel und dazu alle toten Seelen, die ich

habe und du überläßt mir dafür deine Kutsche und zahlst nur noch

dreihundert Rubel drauf.«

»Noch mehr? Und wie soll ich fortkommen?«

»Ich gebe dir einen andern Wagen. Komm herunter in den Stall, ich will

ihn dir gleich zeigen! Du mußt ihn nur neu anstreichen lassen. Dann ist

es eine herrliche Kutsche!«

»Ist der von einem unruhigen Geiste besessen,« dachte Tschitschikow und

faßte den heroischen Entschluß, Nosdrjow mit seinen Kutschen, Drehorgeln

und allen möglichen und unmöglichen Hunden, trotz der geradezu

unerhörten, faßreifenähnlichen Rippen und klumppatschigen Pfoten ein für

alle Mal loszuwerden.

»Aber du kriegst doch alles zusammen: die Kutsche, die Drehorgel und die

toten Seelen.«

»Ich will aber nichts,« sagte Tschitschikow noch einmal.

»Warum willst du bloß nicht?«

»Ganz einfach, weil ich nicht will, und damit basta!«

»Ach bist du ein Kerl! Mit dir kann man ja nicht verkehren wie mit einem

guten Freunde oder Kameraden. Wirklich so ein .....! Man merkt gleich,

daß du ein doppelzüngiger Mensch bist.«

»Ja bin ich denn ein Esel, wie?! Wozu soll ich mir Dinge anschaffen, die

ich absolut nicht brauchen kann.«

»Nein, bitte, rede nicht! Jetzt habe ich dich durchschaut.

So ein Schuft, wahrhaftig. Also gut, höre mal, machen wir ein Partiechen

Pharao. Ich setze alle toten Seelen auf eine Karte und die Drehorgel

dazu.«

»Nein, mein Bester, ein Glücksspiel verlieren, das hieße sich dem

dunklen Zufall aussetzen,« sagte Tschitschikow, während er nach den

Karten schielte, die jener in der Hand hielt. Beide Spiele machten einen

recht wenig Vertrauen erweckenden Eindruck auf ihn. Auch die Rückseite

sah recht verdächtig aus.

»Warum denn dem Zufall,« sagte Nosdrjow, »das ist doch kein Zufall; wenn

das Glück dir günstig ist, Hölle und Teufel, was kannst du da nicht

alles gewinnen. Sieh doch nur, welch ein Glück, du hast,« sagte er,

indem er ein paar Karten auflegte, um Tschitschikows Spiellust

anzuregen. »Nein, solch ein Glück, solch ein Glück! Das flutscht nur so.

Siehst du, da ist die verfluchte Zehn, durch die ich alles verloren

habe. Ich ahnte es, daß sie mich im Stiche lassen wird. Aber ich machte

die Augen zu und dachte nur, hol dich der Teufel! Tu's nur Verräterin!«

Während Nosdrjow noch sprach, brachte Porphyr eine Flasche herein. Aber

Tschitschikow lehnte entschieden ab und wollte weder spielen noch

trinken.

»Warum willst du denn nicht spielen?« sagte Nosdrjow.

»Weil ich keine Lust habe. Wenn ich ehrlich sein soll, bin ich überhaupt

kein Freund vom Spiel.«

»Warum bist du denn kein Freund davon?«

»Weil ich halt kein Freund davon bin,« sagte Tschitschikow und zuckte

die Achseln.

»Jammerlappen, du!«

»Was soll ich machen, wenn Gott mich mal so geschaffen hat.«

»Ein Schlappschwanz und nichts weiter. Früher hielt ich dich doch

wenigstens noch für einen etwas anständigeren Menschen. Aber du hast ja

keine Ahnung vom guten Benehmen. Mit dir kann man nicht sprechen wie mit

einem Freunde, keine Spur von Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Der

reinste Sabakewitsch! Solch ein Lump!«

»Sag mal, warum schimpfst du mich eigentlich? Bin ich denn schuld, daß

ich nicht spielen kann? Verkauf mir doch die Seelen, wenn du schon so

ein Kerl bist, der um jeden Dreck zittert!«

»Den Teufel kriegst du! Und noch dazu ohne Haare. Ich wollte sie dir

zuerst gratis geben, aber jetzt bekommst du überhaupt nichts, und wenn

du mir ein Königreich dafür bötest, ich geb sie nicht her. So ein

Beutelschneider! So'n dreckiger Lehmbudiker! Von nun ab will ich mit dir

überhaupt nichts zu tun haben. Porphyr geh mal runter und sag dem

Stalljungen, er soll seinen Pferden keinen Hafer geben. Die brauchen

nichts wie Heu zu fressen.«

Dieser Schluß kam Tschitschikow in der Tat unerwartet.

»Hätt' ich dich doch lieber gar nicht gesehen!« sagte Nosdrjow.

Dieser Zwist hinderte indessen den Hausherrn und seinen Gast nicht,

zusammen zu Abend zu speisen, obwohl diesmal keine Weine mit

komplizierten und merkwürdigen Namen auf dem Tische prangten. Nur eine

einzige Flasche stand einsam da, mit einer Art Cypernwein, der aber im

übrigen nichts anderes war, als was man einen sauren Krätzer zu nennen

pflegt. Nach dem Abendessen führte Nosdrjow Tschitschikow in ein

Seitengemach, wo bereits ein Bett für ihn aufgeschlagen war und sagte:

»Da ist dein Bett. Ich mag dir nicht einmal gute Nacht wünschen.«

Mit diesen Worten ging er hinaus und ließ Tschitschikow in der

allerschlechtesten Laune zurück. Er ärgerte sich innerlich über sich

selbst, und machte sich Vorwürfe, daß er mitgefahren war und seine

schöne Zeit unnütz verloren hatte; was er sich jedoch am wenigsten

verzeihen konnte, war dies, daß er über seine eigenste Angelegenheit mit

ihm gesprochen hatte; das war sehr unvorsichtig von ihm gewesen, er

hatte gehandelt wie ein Tor; denn die Sache selbst war durchaus nicht

von der Art, daß sie Nosdrjow -- anvertraut werden konnte ... Nosdrjow

war ein gemeiner Kerl; er konnte noch was hinzuschwindeln, weiß der

Teufel, was für Lügen darüber verbreiten, und schließlich konnte noch

eine dumme Klatschgeschichte daraus entstehen ... Fatal, höchst fatal!

»Ich bin doch wirklich ein Esel!« sprach er zu sich selber. Er schlief

die Nacht über sehr schlecht. Eine gewisse Gattung ganz kleiner aber

äußerst kecker und zudringlicher Insekten verfolgten ihn fortwährend mit

ihren Bissen, die unerträglich schmerzhaft waren, so daß er sich mit der

ganzen Hand an den betreffenden Stellen kratzte und murmelte: »Hol euch

der Teufel, mitsamt Nosdrjow!« Es war noch sehr früh, als er erwachte.

Sein erster Gang, nachdem er Stiefel und Schlafrock angezogen hatte, war

nach dem Stall, welcher sich am Ende des Hofes befand, wo er Seliphan

den Auftrag gab, die Pferde sofort anzuspannen. Auf dem Rückwege traf er

Nosdrjow, der ihm, gleichfalls im Schlafrock und mit der Pfeife im

Munde, im Hofe entgegen kam.

Nosdrjow grüßte ihn freundschaftlich und fragte, wie er die Nacht

geschlafen habe.

»Sehr mäßig!« antwortete Tschitschikow trocken.

»Ich auch, Freund ...« sagte Nosdrjow ... »weißt du, die ganze Nacht hat

mich dies verdammte Viehzeug geplagt, ich mag's garnicht erzählen; dazu

habe ich nach dem gestrigen Abend einen Geschmack im Munde, wie wenn

eine ganze Schwadron drin übernachtet hätte. Denk dir, mir träumte, daß

ich Ruten bekomme. Wahrhaftig! Und weißt du von wem? Ich möchte wetten,

daß du's nicht errätst: vom Stabsrittmeister Pozelyjew und von

Kufschinnikow.«

»Ja ja,« dachte Tschitschikow, »es wäre wirklich nicht schlecht, wenn du

einmal gründlich durchgebläut würdest.«

»Bei Gott! Es hat verflucht weh getan! Ich bin sogar davon aufgewacht;

und in der Tat, es juckte mich am ganzen Körper; das verdammte

Gelichter, diese Flöhe! So, gehe jetzt hinauf und zieh dich an; ich

komme gleich wieder zu dir. Ich muß nur dem Schuft von Verwalter noch

mal den Kopf waschen.«

Tschitschikow begab sich auf sein Zimmer, um sich zu waschen und

anzuziehen. Als er gleich darauf ins Speisezimmer trat, stand schon ein

Teeservice und eine Flasche Rum auf dem Tisch. Im Zimmer waren noch

Spuren vom gestrigen Diner und Souper bemerkbar; Bürste und Besen hatten

noch ihres Amtes nicht gewaltet. Auf dem Fußboden lagen Brodkrumen und

selbst auf dem Tischtuche sah man ganze Haufen von Tabakasche

herumliegen. Der Hausherr, der bald darauf hereinkam, hatte nichts an,

außer einem Schlafrock, unter dem die offene mit dichten Haaren

bewachsene Brust hervorguckte. So mit dem Pfeifenrohr in der einen, und

mit der Tasse, aus der er ab und zu nippte, in der anderen Hand, wäre er

so recht ein Bild für einen Maler gewesen, welcher die gelockten und

gekräuselten oder kurz geschorenen Köpfe nicht leiden kann, wie man sie

auf den Aushängeschildern der Barbierläden abgebildet findet.

»Nun also, wie denkst du?« fragte Nosdrjow nach einer kurzen Pause,

»willst du um die Seelen spielen oder nicht?«

»Ich hab dir doch schon gesagt, daß ich nicht mag; abkaufen -- tue ich

sie dir gern.«

»Verkaufen will ich sie nicht: das wäre nicht freundschaftlich. Ich will

doch nicht weiß der Teufel wovon die Decke runterziehen. Ein Spielchen

-- das ist eine andre Sache. Zieh doch eine Karte!«

»Ich hab dir doch schon gesagt: ich mag nicht.«

»Und tauschen willst du auch nicht?«

»Nein!«

»Nun dann höre, wollen wir Dame spielen? Gewinnst du -- so gehören sie

dir -- alle zusammen. Ich habe ja eine ganze Menge, die aus der

Revisionsliste gestrichen werden müssen. He Porphyr! Bring doch mal das

Damenbrett herein!«

»Bemühe dich bitte nicht: ich spiele _doch_ nicht!«

»Aber das ist doch kein Glücksspiel; hier kann doch weder von Glück noch

von Betrug die Rede sein, es hängt doch alles vom guten Spiel ab.

Übrigens mache ich dich darauf aufmerksam, daß ich sehr schlecht spiele;

du mußt mir etwas vorgeben.«

»Vielleicht ist's das beste, ich setze mich hin und versuche es,« dachte

Tschitschikow. »Ich habe doch früher einmal garnicht übel Dame gespielt,

zudem wird es ihm hier schwer werden, zu mogeln.«

»Also schön! Meinetwegen, eine Partie Dame will ich allenfalls mit dir

spielen.«

»Die Seelen -- gegen hundert Rubel? Gut?«

»Warum? Ich denke fünfzig sind auch genug.«

»Nein, hör mal, fünfzig, das ist doch kein Einsatz? Dann setze ich

lieber noch einen gewöhnlichen Jagdhund oder eine goldene Petschaft

dazu, weißt du, so eine, wie man sie an der Uhrkette trägt.«

»Nun gut! ich bin's zufrieden,« sagte Tschitschikow.

»Und wieviel gibst du mir vor?« fragte Nosdrjow.

»Wie käme ich dazu? Natürlich nichts.«

»Laß mich wenigstens die ersten zwei Züge machen!«

»Nein, ich spiele selbst schlecht genug.«

»Das kennt man schon, dies schlechte Spiel!« sagte Nosdrjow, während er

anzog.

»Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen,« sprach

Tschitschikow, der gleichfalls einen Zug machte.

»Das kennt man schon -- dies schlechte Spiel,« sagte Nosdrjow und zog

wieder.

»Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen,« sprach

Tschitschikow und rückte weiter vor.

»Das kennt man schon -- dies schlechte Spiel,« sagte Nosdrjow, während

er wieder einen Zug machte, und dabei mit dem Ärmel seines Schlafrockes

einen andern Stein verschob.

»Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen! .... He,

was soll das lieber Freund? nimm mal den Zug wieder zurück!« rief

Tschitschikow.

»Was?«

»Den Stein da sollst du zurückziehen,« sagte Tschitschikow; aber jetzt

erblickte er plötzlich dicht vor seiner Nase noch einen zweiten Stein,

der eben im Begriff war, ins Damenfeld einzurücken. Wie der dahin

gekommen war, das wußte wohl nur Gott allein. »Nein,« sagte

Tschitschikow, »mit dir kann man unmöglich spielen. Man macht doch nicht

drei Züge auf einmal!«

»Wieso denn drei? Das war doch nur ein Versehn. Der eine hat sich nur

zufällig verschoben; ich zieh ihn wieder zurück, wenn du willst.«

»Und wie kommt der hierher?«

»Welchen meinst du?«

»Hier diesen, der in die Damenreihe einrückt.«

»Da haben wir's! Als ob du's nicht weißt!«

»Nein, mein Bester, ich habe alle Züge gezählt und erinnere mich sehr

gut an alles, du hast ihn erst eben vorgeschoben. _Da_ ist sein Platz!«

-- »Was -- dort?« sagte Nosdrjow errötend, »du phantasierst wohl,

Freund!«

»Nein, Bester, _du_ scheinst zu phantasieren, aber leider nur mit wenig

Glück.«

»Für wen hältst du mich,« sagte Nosdrjow, »glaubst du etwa, ich mogele?«

»Ich halte dich für gar nichts, ich werde mich nur hüten, jemals wieder

mit dir zu spielen.«

»Nein, jetzt kannst du nicht mehr vom Spiel zurücktreten,« ereiferte

sich Nosdrjow, »das Spiel ist angefangen!«

»Ich darf doch wohl verzichten, da du nicht spielst wie ein anständiger

Mensch!«

»Du lügst! Du hast kein Recht, so etwas zu behaupten!«

»Nein, mein Bester, du bist es, der da lügt!«

»Ich habe nicht gemogelt, und du kannst nicht mehr verzichten. Du mußt

die Partie zu Ende spielen!«

»Dazu kannst du mich nicht zwingen,« sprach Tschitschikow kaltblütig,

trat ans Brett und warf die Steine durcheinander.

Nosdrjow wurde rot vor Zorn und ging auf Tschitschikow los, so daß

dieser zwei Schritte zurücktrat.

»Ich werde dich doch zwingen, mit mir zu spielen. Das nützt dir nichts,

daß du das Brett umgestoßen hast! Ich erinnere mich an sämtliche Züge!

Wir können das Spiel wieder aufstellen.«

»Nein, mein Bester, ich spiele nicht mit dir, und damit Basta!«

»Du willst also nicht spielen? wie?«

»Du mußt doch selbst einsehen, daß man nicht mit dir spielen kann!«

»Nein, sag's gradheraus: Willst du spielen oder nicht?« sagte Nosdrjow,

indem er Tschitschikow noch näher auf den Leib rückte.

»Nein,« sprach Tschitschikow, während er seine Hände vor das Gesicht

hielt, er war auf alles gefaßt und fühlte, daß es einen heißen Kampf

geben würde. Diese Vorsicht war durchaus am Platze, denn Nosdrjow holte

aus, und es hätte leicht passieren können, daß eine von den schönen

runden Backen unseres Helden mit nie zu verwischender Schmach bedeckt

worden wäre; aber er parierte geschickt den Schlag, packte Nosdrjows

kampflustige Hände und hielt sie fest in den seinen.

»Porphyr, Pawluschka!« schrie Nosdrjow wie ein Rasender, indem er

versuchte sich loszuringen.

Bei diesen Worten ließ Tschitschikow, der die Knechte nicht gern zu

Zeugen dieser äußerst interessanten Szene machen wollte, und zugleich

fühlte, daß es doch keinen Wert hatte, Nosdrjow länger festzuhalten,

seine Hände fahren. In diesem Augenblick betrat Porphyr das Zimmer,

gefolgt von Pawluscha, einem handfesten Burschen, mit dem nicht gut

Kirschen essen war.

»Du willst also die Partie nicht zu Ende spielen?« sagte Nosdrjow. »Sag

ja oder nein.«

»Es ist mir unmöglich, sie zu Ende zu spielen,« sprach Tschitschikow und

warf einen Blick aus dem Fenster. Er sah seine Kutsche bereitstehen und

neben ihr Seliphan, der nur auf den Moment zu warten schien, wo er

vorfahren könnte; aber jeder Ausweg aus dem Zimmer war verschlossen,

denn in der Türe standen zwei kräftige Esel, die Leibeigenen Nosdrjows.

»Du willst also die Partie nicht beendigen?« wiederholte Nosdrjow,

dessen Antlitz vor Zorn glühte.

»Wenn du spielen würdest, wie ein anständiger Mensch .... aber so ....

Nein!«

»Also nicht? Du Schurke! Weil du merkst, daß du verlieren mußt, _kannst_

du auf einmal nicht! Haut ihn!« schrie er plötzlich in rasender Wut,

indem er sich an Porphyr und Pawluscha wandte und selbst sein

Pfeifenrohr von Weichselholz packte. Tschitschikow wurde bleich wie ein

Stück Leinwand. Er wollte etwas sagen, aber er fühlte, daß seine Lippen

sich bewegten, ohne einen Laut von sich zu geben.

»Haut ihn!« schrie Nosdrjow, während er mit seinem Weichselrohr auf ihn

losstürzte, zornglühend und schwitzend, als ob er gegen eine

unbezwingliche Festung Sturm liefe. -- »Haut ihn!« schrie er mit der

Stimme eines tollen Leutnants, der während eines gewaltigen

Sturmangriffes seiner Kompagnie: »Vorwärts, Kinder!« zuruft, und dessen

unsinnige Kühnheit solch eine Berühmtheit erlangt hat, so daß die Ordre

ausgegeben werden mußte, während eines heftigen Gefechtes, ihn an Händen

und Füßen festzuhalten. Aber der Rausch der Schlacht hat ihn schon

betört; um ihn herum scheint sich alles zu drehen. Die Gestalt des

Feldmarschalls Suworow scheint ihm voranzuschweben. Das große Ziel winkt

und blindlings stürzt er darauf zu. »Vorwärts, Kinder!« schreit er und

schon fliegt er voran, ohne zu überlegen, wie sehr er damit dem

wohlberechneten Angriffsplane schadet und ohne darauf zu achten, daß

Millionen von Büchsenläufen aus den Schießscharten der unbezwinglichen,

von Rauchwolken umzogenen Festungsmauern herlugen, daß seine ohnmächtige

Kompagnie in die Luft fliegen muß wie leichter Federflaum und daß die

verhängnisvolle Kugel sausend naht, um ihm den vorlauten Mund zu

schließen. Aber, wenn Nosdrjow einen solchen verzweifelt gegen eine

Festung anstürmenden tollköpfigen Leutnant darstellte, die Festung

_selbst_, auf die er den wahnsinnigen Angriff unternahm, schien

keineswegs uneinnehmbar, im Gegenteil, die Festung fühlte eine derartige

Furcht, daß ihr das Herz in die Hosen fiel. Schon ward ihm der Stuhl,

mit dem er sich verteidigen wollte, von den Leibeigenen aus den Händen

gerissen, schon bereitete er sich geschlossenen Auges und mehr tot als

lebendig, das tscherkessische Pfeifenrohr seines Gastfreundes mit dem

Rücken in Empfang zu nehmen, und Gott weiß, was ihm noch sonst alles

hätte blühen können. Aber der Vorsehung gefiel es, die Lenden, die

Schultern und alle wohlgepflegten Körperteile unseres Helden zu retten.

Ganz unerwartet erklangen plötzlich, wie die Stimme eines Himmelsboten,

die Töne eines Glöckchens, das Rädergerassel einer vorfahrenden Kutsche

und das bis ins Innerste der Stube vernehmbare schwere Schnaufen der

erhitzten Pferde eines Dreigespanns. Alles eilte unwillkürlich ans

Fenster: ein Mann mit einem martialischen Schnauzbart, im Interimsrock

stieg aus dem Wagen. Nachdem er im Flure nach dem Hausherrn gefragt

hatte, trat er ins Zimmer, noch bevor Tschitschikow sich von seinem

Schreck hatte erholen können und während er sich noch in der

jämmerlichsten Lage befand, die je ein Sterblicher durchgemacht hat.

»Darf ich fragen, wer von den Anwesenden Herr Nosdrjow ist?« sagte der

Unbekannte, indem er einen erstaunten Blick auf Nosdrjow, der mit dem

Pfeifenrohr in der Hand dastand, und auf Tschitschikow warf, der eben

aus seiner traurigen Lage wieder zu sich zu kommen begann.

»Darf ich zuerst erfahren, mit wem ich die Ehre habe?« sagte Nosdrjow

auf ihn zugehend.

»Ich bin der Kreisrichter!«

»Und was wünschen Sie?«

»Ich komme, um ihnen eine mir zugegangene amtliche Mitteilung zu

überbringen. Sie befinden sich im Anklagezustand bis zur gerichtlichen

Beschlußfassung in dem gegen Sie schwebenden Prozeß.«

»Ach Unsinn! Was für ein Prozeß?« sagte Nosdrjow.

»Sie sind in die Sache des Gutsbesitzers Maksimow verwickelt, anläßlich

einer persönlichen Beleidigung, die Sie ihm in trunkenem Zustande durch

Verabfolgung von Rutenschlägen zugefügt haben sollen.«

»Sie lügen, ich kenne den Gutsbesitzer Maksimow überhaupt nicht.«

»Geehrter Herr! Gestatten sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache: ich

bin Offizier. Sie können das ihrem Diener sagen, aber nicht mir.«

Hier ergriff Tschitschikow, ohne abzuwarten, was Nosdrjow darauf

antworten würde, schleunigst seine Mütze, schlüpfte hinterm Rücken des

Kreisrichters zur Türe hinaus, bestieg eilig seinen Wagen, und befahl

Seliphan die Pferde anzutreiben, so schnell er nur konnte.

Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I · 第 20 / 30 题