Gogols Roman »Die toten Seelen« nimmt in der russischen
Literaturgeschichte des XIX. Jahrhunderts eine besondere und
einzigartige Stellung ein. Es ist der erste Roman von künstlerischem
Werte, in dem der russischen Gesellschaft ein großes und treues Bild
ihres eigenen Lebens geschenkt ward, ein Bild, das aus dem Pinsel eines
großen Künstlers und Realisten herstammte. In diesem Roman vergißt der
russische Dichter zum ersten Mal sich selbst, seine persönlichen
Sympathien und Antipathien, jene erbaulichen moralischen Betrachtungen,
die er nach alter Sitte in seine Novellen und Erzählungen einzuflechten
pflegte, und ist nur noch von einem Wunsche ergriffen: die nackte
Wahrheit auszusprechen über die dunkeln Seiten des Zeitalters, in dem er
lebt.
In diesem Sinne stellen die »Toten Seelen« ein künstlerisches Denkmal
dar, das in der Geschichte der russischen Literatur eine neue Ära
eröffnet.
In den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts -- dem Zeitalter der
sogenannten »Romantik« und des »Sentimentalismus« gab es für den
russischen Dichter nur _ein_ Objekt, das ihn stetig beschäftigte, seine
eigene Persönlichkeit. Es gab nichts Wichtigeres für ihn als sein
eigenes Selbst, mit all seinen Gedanken, Stimmungen und dem freien Spiel
seiner Phantasie. Er wußte vor allem davon zu erzählen, wie die gesamte
Umwelt sich in ihm, dem Dichter spiegelte; und daher blieb sein
Verhältnis zu dieser Umwelt immer rein subjektiv. Mit dem vierten
Jahrzehnt des XIX. Jahrhunderts erfährt jedoch dieses subjektive
Verhalten des Künstlers zu seiner Umgebung eine Wandlung, die sich sehr
rasch vollzieht und schnell in der gleichen Richtung fortschreitet. Von
nun ab geht das Streben des Künstlers vor allem darauf, das Leben so
treu und vollständig als nur möglich zu ergreifen und wiederzuspiegeln;
das Leben selbst in seiner ganzen Mannigfaltigkeit und in seinem
Gegensatz zu ihm, dem Dichter wird jetzt der wichtigste Gegenstand
seines Interesses. Er beginnt es bis tief ins Einzelne zu analysieren,
um es dann im Ganzen oder in seinen Teilen rein und treu zu
reproduzieren. Der Künstler sieht sein größtes Verdienst darin, seine
eigenen Sympathien und Antipathien zurücktreten zu lassen und womöglich
ganz zu verbergen. Er strebt nur darnach, jenen Stoff, den er zu
bearbeiten hat, so objektiv und unparteiisch als möglich zu erfassen und
restlos in sich aufzunehmen.
Erst mit Gogol tritt diese Hinwendung des Künstlers zur objektiven
Darstellung in der russischen Literatur ganz unverhüllt ans Licht. Im
»Revisor« und in den »Toten Seelen« besitzen wir zwei streng
realistische Gemälde russischen Lebens aus der Epoche Nikolaus' I. So
wurde Gogol zum Begründer der sogenannten »naturalistischen« Schule, die
den Ruhm der russischen Literatur auch nach dem Westen trug. Und darin
sind alle russischen Künstler den Spuren Gogols gefolgt, indem sie alle
die Umwelt zum Gegenstand eines peinlichen und gründlichen Studiums
machten, um sie dann als Ganzes oder doch einen Ausschnitt von ihr
objektiv doch zugleich künstlerisch wiederzuspiegeln. Das war die
Arbeitsmethode aller großen russischen Künstler; von Turgenjew,
Dostojewski und Ostrowski bis zu Gontscharow, Tolstoi und
Saltykow-Schtschedrin. Und wenn auch ein jeder von ihnen seine in seinen
Werken eigene Weltanschauung zum Ausdruck brachte und mit besonderer
Liebe bei _den_ Gestalten verweilte, die ihm selbst am nächsten standen;
wenn er mitten hinein in die Gemälde realer Wirklichkeit rein
persönliche Betrachtungen einflocht, und sich's erlaubte, eine Art
Glaubensbekenntnis vor dem Leser abzulegen, so waren doch ihre Werke vor
allem und in erster Linie ein großes und detailliertes Bild der
lebendigen Wirklichkeit, ein historisches Dokument einer Epoche; es
blieb stets die Hauptsorge des Künstlers: nicht seine persönlichen
Ansichten und Gefühle zum Ausdruck zu bringen, sondern die Idee und den
Umriß des Lebens zu erfassen, das sich vor seinen Augen entrollte.
So wird es verständlich, welch einen gewaltigen Einfluß das Schaffen
Gogols auf die Entwickelung der russischen Literatur gewinnen mußte. Der
sentimentale Roman mit seiner didaktischen Tendenz, die romantische
Novelle, die dem Leben so fremd blieb, und die bekannten zahlreichen
lyrischen Herzensergießungen in Prosa traten immer mehr zurück, um den
Raum für die Milieuerzählung -- für die realistische wirklichkeitstreue
Novelle mit ihrem großen und weiten Horizont frei zu machen: für eine
Prosaerzählung, die den Leser zu einem kritischen Verhalten gegen das
Leben und die ihn umgebende Wirklichkeit erweckte.