Neunte Auflage

Berlin,

S. Fischer, Verlag,

1902

Sowohl Aufführungs- als Nachdrucks- und Uebersetzungsrecht

vorbehalten.

Den Bühnen gegenüber Manuskript.

Die Aufführung dieses Dramas fand am 20. Oktober statt in den Räumen des

Lessing-Theaters, veranstaltet vom Verein »Freie Bühne«. Ich benutze den

Anlaß der Herausgabe einer neuen Auflage, um aus vollem Herzen den

Leitern dieses Vereins insgesammt, in Sonderheit aber den Herren Otto

Brahm und Paul Schlenther zu danken. Möchte es die Zukunft erweisen, daß

sie sich, indem sie, kleinlichen Bedenken zum Trotz, einem aus reinen

Motiven heraus entstandenen Kunstwerk zum Leben verhalfen, um die

_deutsche_ Kunst verdient gemacht haben.

Charlottenburg, den 26. Oktober 1889.

Gerhart Hauptmann.

Handelnde Menschen.

Besetzung bei der ersten

Aufführung.

Krause, Bauerngutsbesitzer Hans Pagay.

Frau Krause, seine zweite Frau Louise v. Pöllnitz.

Helene, } Elsa Lehmann.

Martha, } Krause's Töchter erster Ehe ***

Hoffmann, Ingenieur, verheirathet mit Martha Gustav Kadelburg.

Wilhelm Kahl, Neffe der Frau Krause Carl Stallmann.

Frau Spiller, Gesellschafterin der Frau Krause Ida Stägemann.

Alfred Loth Theodor Brandt.

Dr. Schimmelpfennig Franz Guthery.

Beibst, Arbeitsmann auf Krause's Gut Paul Pauly.

Guste, } Sophie Berg.

Liese, } Mägde auf Krause's Gut Clara Hahn.

Marie, } Antonie Ziegler.

Baer, genannt Hopslabaer Ferdinand Meyer.

Eduard, Hoffmann's Diener Edmund Schmasow.

Miele, Hausmädchen bei Frau Krause Helene Schüle.

Die Kuschenfrau Marie Gundra.

Golisch, genannt Gosch. Kuhjunge Georg Baselt.

Ein Packetträger ***

Erster Akt.

Das Zimmer ist niedrig; der Fußboden mit guten Teppichen belegt.

Moderner Luxus auf bäuerische Dürftigkeit gepfropft. An der Wand

hinter dem Eßtisch ein Gemälde, darstellend einen vierspännigen

Frachtwagen, von einem Fuhrknecht in blauer Blouse geleitet.

* * * * *

Miele, eine robuste Bauernmagd mit rothem, etwas stumpfsinnigem

Gesicht; sie öffnet die Mittelthür und läßt Alfred Loth

eintreten. Loth ist mittelgroß, breitschultrig, untersetzt, in

seinen Bewegungen bestimmt, doch ein wenig ungelenk; er hat

blondes Haar, blaue Augen und ein dünnes, lichtblondes

Schnurrbärtchen, sein ganzes Gesicht ist knochig und hat einen

gleichmäßig ernsten Ausdruck. Er ist ordentlich, jedoch nichts

weniger als modern gekleidet. Sommerpaletot, Umhängetäschchen,

Stock.

Miele. Bitte! Ich werde den Herrn Inschinnär glei ruffen. Wolln Sie nich

Platz nehmen?!

Die Glasthür zum Wintergarten wird heftig aufgestoßen; ein

Bauernweib, im Gesicht blauroth vor Wuth, stürzt herein. Sie ist

nicht viel besser als eine Waschfrau gekleidet. Nackte, rothe

Arme, blauer Kattunrock und Mieder, rothes punktirtes Brusttuch.

Alter: Anfang 40, Gesicht hart, sinnlich, bösartig. Die ganze

Gestalt sonst gut conservirt.

Frau Krause (schreit). Ihr Madel!! ... Richtig! ... Doas Loster vu

Froovulk! ... Naus! mir gahn nischt! ... (Halb zu Miele, halb zu Loth.)

A koan orbeita, a hoot Oarme. Naus! hier gibbt's nischt!

Loth. Aber Frau ... Sie werden doch ... ich ... ich heiße Loth, bin ...

wünsche zu ... habe auch nicht die Ab....

Miele. A wull ock a Herr Inschinnär sprechen.

Frau Krause. Beim Schwiegersuhne batteln: doas kenn' mer schunn. -- A

hoot au nischt, a hoot's au ock vu ins, nischt iis seine! (Die Thür

rechts wird aufgemacht. Hoffmann steckt den Kopf heraus.)

Hoffmann. Schwiegermama! -- Ich muß doch bitten ... (Er tritt heraus,

wendet sich an Loth.) Was steht zu ... Alfred! Kerl! Wahrhaftig 'n Gott,

Du!? Das ist aber mal ... nein _das_ is doch mal 'n Gedanke!

Hoffmann ist etwa dreiunddreißig alt, schlank, groß, hager. Er

kleidet sich nach der neuesten Mode, ist elegant frisirt, trägt

kostbare Ringe, Brillantknöpfe im Vorhemd und Berloques an der

Uhrkette. Kopfhaar und Schnurrbart schwarz, der letztere sehr

üppig, äußerst sorgfältig gepflegt. Gesicht spitz, vogelartig.

Ausdruck verschwommen, Augen schwarz, lebhaft, zuweilen unruhig.

Loth. Ich bin nämlich ganz zufällig ....

Hoffmann (aufgeregt). Etwas Lieberes ... nun aber zunächst leg ab! (Er

versucht ihm das Umhängetäschchen abzunehmen.) -- Etwas Lieberes und so

Unerwartetes hätte mir jetzt -- (er hat ihm Hut und Stock abgenommen und

legt beides auf einen Stuhl neben der Thür) -- hätte mir jetzt

entschieden nicht passiren können, -- (indem er zurückkommt) --

_entschieden_ nicht.

Loth (sich selbst das Täschchen abnehmend). Ich bin nämlich -- nur so

per Zufall auf Dich -- (er legt das Täschchen auf den Tisch im

Vordergrund).

Hoffmann. Setz' Dich! Du mußt müde sein, setz' Dich -- bitte. Weißt De

noch? wenn Du mich besuchtest, da hatt'st Du so 'ne Manier, Dich lang

auf das Sopha hinfallen zu lassen, daß die Federn krachten; mitunter

sprangen sie nämlich auch. Also Du, höre! mach's wie damals.

Frau Krause hat ein sehr erstauntes Gesicht gemacht und sich dann

zurückgezogen. Loth läßt sich auf einen der Sessel nieder, welche

rings um den Tisch im Vordergrunde stehen.

Hoffmann. Trinkst Du was? Sag'! -- Bier? Wein? Cognac? Kaffee? Thee? Es

ist alles im Hause.

Helene kommt lesend aus dem Wintergarten; ihre große, ein wenig

zu starke Gestalt, die Frisur ihres blonden, ganz ungewöhnlich

reichen Haares, ihr Gesichtsausdruck, ihre moderne Kleidung, ihre

Bewegungen, ihre ganze Erscheinung überhaupt verleugnen das

Bauernmädchen nicht ganz.

Helene. Schwager, Du könntest ... (Sie entdeckt Loth und zieht sich

schnell zurück.) Ach! ich bitte um Verzeihung. (Ab.)

Hoffmann. Bleib doch, bleib!

Loth. Deine Frau?

Hoffmann. Nein, ihre Schwester. Hörtest Du nicht, wie sie mich

betitelte?

Loth. Nein.

Hoffmann. Hübsch! Wie? -- Nu aber erklär' Dich! Kaffee? Thee? Grog?

Loth. Danke, danke für alles.

Hoffmann (präsentirt ihm Cigarren). Aber _das_ ist was für Dich --

nicht?! ... Auch nicht?!

Loth. Nein, danke.

Hoffmann. Beneidenswerthe Bedürfnißlosigkeit! (Er raucht sich selbst

eine Cigarre an und spricht dabei.) Die A.. Asche, wollte sagen der ...

der Tabak ... ä! Rauch natürlich ... der Rauch belästigt Dich doch wohl

nicht?

Loth. Nein.

Hoffmann. Wenn ich _das_ nicht noch hätte ... ach Gott ja, das bischen

Leben! -- Nu aber thu mir den Gefallen, erzähle was. -- Zehn Jahre --

bist übrigens kaum sehr verändert -- zehn Jahre, 'n ekliger Fetzen Zeit

-- was macht Schn... Schnurz nannten wir ihn ja wohl? Fips, -- die ganze

heitere Blase von damals? Hast du den einen oder anderen im Auge

behalten?

Loth. Sach mal, solltest Du das nicht wissen?

Hoffmann. Was?

Loth. Daß er sich erschossen hat.

Hoffmann. Wer? -- hat sich wieder mal erschossen.

Loth. Fips! Friedrich Hildebrandt.

Hoffmann. I warum nich gar!

Loth. Ja! er hat sich erschossen -- im Grunewald, an einer sehr schönen

Stelle der Havelseeufer. Ich war dort, man hat den Blick auf Spandau.

Hoffmann. Hm! -- Hätt ihm das nicht zugetraut, war doch sonst keine

Heldennatur.

Loth. Deswegen hat er sich eben erschossen. -- _Gewissenhaft_ war er,

sehr gewissenhaft.

Hoffmann. Gewissenhaft? Woso?

Loth. Nun, darum eben ... sonst hätte er sich wohl nicht erschossen.

Hoffmann. Versteh nicht recht.

Loth. Na, die Farbe seiner politischen Anschauungen kennst Du doch?

Hoffmann. Ja, grün.

Loth. Du kannst sie gern so nennen. Er war, dies wirst Du ihm wohl

lassen müssen, ein talentvoller Jung. -- Fünf Jahre hat er als

Stuccateur arbeiten müssen, andere fünf Jahre dann, so zu sagen, auf

eigene Faust durchgehungert und dazu kleine Statuetten modellirt.

Hoffmann. Abstoßendes Zeug. Ich will von der Kunst erheitert sein ....

Nee! diese Sorte Kunst war durchaus nicht mein Geschmack.

Loth. Meiner war es auch nicht, aber er hatte sich nun doch einmal drauf

versteift. Voriges Frühjahr schrieben sie da ein Denkmal aus; irgend ein

Duodezfürstchen, glaub ich, sollte verewigt werden. Fips hatte sich

betheiligt und gewonnen; kurz darauf schoß er sich todt.

Hoffmann. Wo da die Gewissenhaftigkeit stecken soll, ist mir völlig

schleierhaft. -- Für so was habe ich nur eine Benennung: Spahn -- auch

Wurm -- Spleen -- so was.

Loth. Das ist ja das allgemeine Urtheil.

Hoffmann. Thut mir leid, kann aber nicht umhin mich ihm anzuschließen.

Loth. Es ist ja für ihn auch ganz gleichgültig, was ...

Hoffmann. Ach überhaupt, lassen wir das. Ich bedauere ihn im Grunde ganz

ebenso sehr wie Du, aber -- nun ist er doch einmal todt, der gute Kerl;

-- erzähle mir lieber etwas von _Dir_, was Du getrieben hast, wie's Dir

ergangen ist.

Loth. Es ist mir so ergangen, wie ich's erwarten mußte. -- Hast Du gar

nichts von mir gehört? -- durch die Zeitungen mein ich.

Hoffmann (ein wenig befangen). Wüßte nicht.

Loth. Nichts von der Leipziger Geschichte?

Hoffmann. Ach so, _das_! -- Ja! -- Ich glaube .... nichts Genaues.

Loth. Also, die Sache war folgende:

Hoffmann (seine Hand auf Loth's Arm legend). Ehe Du anfängst: willst Du

denn _gar_ nichts zu Dir nehmen?

Loth. Später vielleicht.

Hoffmann. Auch nicht ein Gläschen Cognac?

Loth. Nein. Das am allerwenigsten.

Hoffmann. Nun, dann werde ich ein Gläschen .... Nichts besser für den

Magen. (Holt Flasche und zwei Gläschen vom Buffet, setzt alles auf den

Tisch vor Loth.) _Grand Champagne_, feinste Nummer; ich kann ihn

empfehlen. -- Möchtest Du nicht ....?

Loth. Danke.

Hoffmann (kippt das Gläschen in den Mund). Oah! -- na, nu bin ich ganz

Ohr.

Loth. Kurz und gut: da bin ich eben sehr stark hineingefallen.

Hoffmann. Mit zwei Jahren, glaub ich?!

Loth. Ganz recht! Du scheinst es ja doch also zu wissen. Zwei Jahre

Gefängniß bekam ich, und nach dem haben sie mich noch von der

Universität relegirt. Damals war ich -- einundzwanzig. Nun! in diesen

zwei Gefängnißjahren habe ich mein erstes volkswirthschaftliches Buch

geschrieben. Daß es gerade ein Vergnügen gewesen, zu brummen, müßte ich

allerdings lügen.

Hoffmann. Wie man doch einmal so sein konnte! Merkwürdig! So was hat man

sich nun allen Ernstes in den Kopf gesetzt. Baare Kindereien sind es

gewesen, kann mir nicht helfen, Du! -- nach Amerika auswandern 'n

Dutzend Gelbschnäbel wie wir! -- _wir_ und Musterstaat gründen!

Köstliche Vorstellung!

Loth. Kindereien?! -- tjaa! In gewisser Beziehung sind es auch wirklich

Kindereien gewesen! Wir unterschätzten die Schwierigkeiten eines solchen

Unternehmens.

Hoffmann. Und daß Du nun _wirk--lich hinaus_ gingst -- nach Amerika --

all--len Ernstes mit leeren Händen .... Denk' doch mal an, was es heißt,

Grund und Boden für einen Musterstaat mit leeren Händen erwerben zu

wollen: das ist ja beinahe ver.... jedenfalls ist es einzig naiv.

Loth. Ach, gerade mit dem Ergebniß meiner Amerikafahrt bin ich ganz

zufrieden.

Hoffmann (laut auflachend). Kaltwasserkur, vorzügliche Resultate, wenn

Du es so meinst ...

Loth. Kann sein, ich bin etwas abgekühlt worden; damit ist mir aber gar

nichts _Besonderes_ geschehen. Jeder Mensch macht seinen

Abkühlungsprozeß durch. Ich bin jedoch weit davon entfernt, den Werth

der .... nun, sagen wir hitzigen Zeit zu verkennen. Sie war auch gar

nicht so furchtbar naiv, wie Du sie hinstellst.

Hoffmann. Na, ich weiß nicht?!

Loth. Du brauchst nur an die Durchschnittskindereien unserer Tage

denken: das Couleurwesen auf den Universitäten, das Saufen, das Pauken.

Warum all der Lärm? Wie Fips zu sagen pflegte: um Hekuba!

Um Hekuba drehte es sich bei uns doch wohl nicht; wir hatten die

allerhöchsten menschheitlichen Ziele im Auge. Und abgesehen davon, diese

naive Zeit hat bei mir gründlich mit Vorurtheilen aufgeräumt. Ich bin

mit der Scheinreligion und Scheinmoral und mit noch manchem Anderen ....

Hoffmann. Das kann ich Dir ja auch ohne Weiteres zugeben. Wenn ich jetzt

doch immerhin ein vorurtheilsloser, aufgeklärter Mensch bin, dann

verdanke ich das, wie ich _gar nicht_ leugne, den Tagen unseres Umgangs.

-- Natürlicherweise! -- Ich bin der letzte, das zu leugnen. -- Ich bin

überhaupt in _keiner_ Beziehung Unmensch. Nur muß man nicht mit dem

Kopfe durch die Wand rennen wollen. -- Man muß nicht die Uebel, an denen

die gegenwärtige Generation, leider Gottes, krankt, durch noch größere

verdrängen wollen; man muß -- alles ruhig seinen natürlichen Gang gehen

lassen. Was kommen soll, kommt! _Praktisch_, praktisch muß man

verfahren! Erinnere Dich! Ich habe das früher _gerade_ so betont, und

dieser Grundsatz hat sich bezahlt gemacht. -- Das _ist_ es ja eben. Ihr

alle -- Du mit eingerechnet -- Ihr verfahrt höchst _un_praktisch.

Loth. Erklär' mir eben mal, wie Du das meinst.

Hoffmann. _Ein_fach! Ihr nützt Eure Fähigkeiten nicht aus. Zum Beispiel

Du: 'n Kerl wie Du, mit Kenntnissen, Energie etc., was hätte Dir nicht

offen gestanden! Statt dessen, was machst Du? _Com--pro--mit--tirst

Dich_ von vornherein _der_--art ... na, Hand auf's Herz! hast Du das

nicht manchmal bereut?

Loth. Ich konnte nicht gut bereuen, weil ich ohne Schuld verurtheilt

worden bin.

Hoffmann. Kann ich ja nicht beurtheilen, weißt Du.

Loth. Du wirst das gleich können, wenn ich Dir sage: die Anklageschrift

führte aus, ich hätte unseren Verein Vancouver-Island nur zum Zwecke

parteilicher Agitation ins Leben gerufen; dann sollte ich auch Geld zu

Parteizwecken gesammelt haben. Du weißt ja nun, daß es uns mit unseren

colonialen Bestrebungen Ernst war, und was das Geldsammeln anlangt, so

hast Du ja selbst gesagt, daß wir alle miteinander leere Hände hatten.

Die Anklage enthält also kein wahres Wort, und als Mitglied solltest Du

das doch ...

Hoffmann. Na -- Mitglied war ich doch wohl eigentlich nicht so recht. --

Uebrigens glaube ich Dir selbstredend. -- Die Richter sind halt immer

nur Menschen, muß man nehmen. -- Jedenfalls hättest Du, um praktisch zu

handeln, auch den _Schein_ meiden müssen. Ueberhaupt: ich habe mich in

der Folge manchmal baß gewundert über Dich: Redacteur der

Arbeiterkanzel, des obscursten aller Käseblättchen -- Reichstagscandidat

des süßen Pöbels! Und was hast Du nu davon? -- versteh mich nicht

falsch! Ich bin der letzte, der es an Mitleid mit dem armen Volke fehlen

läßt, aber _wenn_ etwas geschieht, dann mag es von oben her_ab_

geschehen! Es muß sogar von oben herab geschehen, das Volk weiß nun mal

nicht, was ihm noth thut -- das »Von-unten-_herauf_,« siehst Du, _das_

eben nenne ich das »Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-rennen.«

Loth. Ich bin aus dem, was Du eben gesagt hast, nicht klug geworden.

Hoffmann. Na, ich meine eben, sieh _mich_ an! Ich habe die Hände frei:

ich könnte nu schon anfangen was für die Ideale zu thun. -- Ich kann

wohl sagen, mein _praktisches_ Programm ist nahezu durchgeführt. Aber

Ihr ... immer mit leeren Händen, was wollt denn _Ihr machen_?

Loth. Ja, wie man so hört: Du segelst stark auf Bleichröder zu.

Hoffmann (geschmeichelt). Zu viel Ehre -- vorläufig noch. Wer sagt das?

-- Man arbeitet eben seinen soliden Stiefel fort. Das belohnt sich

naturgemäß -- wer sagt das übrigens?

Loth. Ich hörte darüber in Jauer zwei Herren am Nebentisch reden.

Hoffmann. Ä! Du! -- Ich habe Feinde! -- Was sagten die denn übrigens?

Loth. Nichts Besonderes. Durch sie erfuhr ich, daß Du Dich zur Zeit eben

hier auf das Gut Deiner Schwiegereltern zurückgezogen hast.

Hoffmann. Was die Menschen nicht alles ausschnüffeln! Lieber Freund! Du

glaubst nicht, wie ein Mann in meiner Stellung auf Schritt und Tritt

beobachtet wird. Das ist auch so 'n Uebelstand des Reich.... -- Die

Sache ist nämlich die: ich erwarte der größeren Ruhe und gesünderen Luft

wegen die Niederkunft meiner Frau _hier_.

Loth. Wie paßt denn das aber mit dem Arzt? Ein guter Arzt ist doch in

solchen Fällen von allergrößter Wichtigkeit. Und hier auf dem Dorfe ....

Hoffmann. Das ist es eben: der Arzt hier ist ganz besonders tüchtig;

und, weißt Du, so viel habe ich bereits weg: Gewissenhaftigkeit geht

beim Arzt über Genie.

Loth. Vielleicht ist sie eine Begleiterscheinung des Genies im Arzt.

Hoffmann. Mein'twegen, jedenfalls _hat_ unser Arzt Gewissen. Er ist

nämlich auch so'n Stück Ideologe, halb und halb unser Schlag -- reussirt

schauderhaft unter Bergleuten und auch unter dem Bauernvolk. Man

vergöttert ihn geradezu. Zu Zeiten übrigens 'n recht unverdaulicher

Patron, 'n Mischmasch von Härte und Sentimentalität. Aber, wie gesagt,

Gewissenhaftigkeit weiß ich zu schätzen! -- Unbedingt! -- Eh ich's

vergesse .... es ist mir nämlich darum zu thun .... man muß immer

wissen, wessen man sich zu versehen hat .... Höre! .... sage mir doch

.... ich seh Dir's an, die Herren am Nebentische haben nichts Gutes über

mich gesprochen. -- Sag' mir doch, bitte, was sie gesprochen haben.

Loth. Das sollte ich wohl nicht thun, denn ich will Dich nachher um

zweihundert Mark bitten, geradezu _bitten_, denn ich werde sie Dir wohl

kaum je wiedergeben können.

Hoffmann (zieht ein Checbuch aus der Brusttasche, füllt einen Chec aus,

übergiebt ihn Loth). Bei irgend einer Reichsbankfiliale .... Es ist mir

'n Vergnügen ....

Loth. Deine Fixigkeit übertrifft alle meine Erwartungen. -- Na! -- ich

nehm es dankbar an und Du weißt ja: übel angewandt ist es auch nicht.

Hoffmann (mit Anflug von Pathos). Ein Arbeiter ist seines Lohnes werth!

-- Doch jetzt, Loth, sei so gut, sag' mir, was die Herren am Nebentisch

....

Loth. Sie haben wohl Unsinn gesprochen.

Hoffmann. Sag' mir's trotzdem, bitte! -- Es ist mir lediglich

interessant, _ledig--lich_ interessant --

Loth. Es war davon die Rede, daß Du hier einen anderen aus der Position

verdrängt hättest, -- einen Bauunternehmer Müller.

Hoffmann. Na--tür--lich! _diese_ Geschichte!

Loth. Ich glaube, der Mann sollte mit Deiner jetzigen Frau verlobt

gewesen sein.

Hoffmann. War er auch. -- Und was weiter?

Loth. Ich erzähle Dir alles, wie ich es hörte, weil ich annehme: es

kommt Dir darauf an, die Verleumdung möglichst getreu kennen zu lernen.

Hoffmann. Ganz recht! Also?

Loth. So viel ich heraus hörte, soll dieser Müller den Bau einer Strecke

der hiesigen Gebirgsbahn übernommen haben.

Hoffmann. Ja! Mit lumpigen zehntausend Thalern Vermögen. Als er einsah,

daß dieses Geld nicht zureichte, wollte er schnell eine Witzdorfer

Bauerntochter fischen; meine jetzige Frau sollte _diejenige_ sein,

_welche_.

Loth. Er hätte es, sagten sie, mit der Tochter, Du mit dem Alten

gemacht. -- Dann hat er sich ja wohl erschossen?! -- Auch seine Strecke

hättest Du zu Ende gebaut und noch sehr viel Geld dabei verdient.

Hoffmann. Darin ist einiges Wahre enthalten, doch -- ich könnte Dir eine

Verknüpfung der Thatsachen geben ... Wußten sie am Ende noch mehr

dergleichen erbauliche Dinge?

Loth. Ganz besonders -- muß ich Dir sagen -- regten sie sich über

_etwas_ auf: sie rechneten sich vor, welch ein enormes Geschäft in

Kohlen Du jetzt machtest und nannten Dich einen .... na, schmeichelhaft

war es eben nicht für Dich. Kurz gesagt, sie erzählten, Du hättest die

hiesigen dummen Bauern beim Champagner überredet, einen Vertrag zu

unterzeichnen, in welchem Dir der alleinige Verschleiß aller in ihren

Gruben geförderten Kohle übertragen worden ist gegen eine Pachtsumme,

die fabelhaft gering sein sollte.

Hoffmann (sichtlich peinlich berührt, steht auf). Ich will Dir was

sagen, Loth .... Ach, warum auch noch darin rühren? Ich schlage vor, wir

denken an's Abendbrod, mein Hunger ist mörderisch. Mörderischen Hunger

habe ich. (Er drückt auf den Knopf einer elektrischen Leitung, deren

Draht in Form einer grünen Schnur auf das Sopha herunter hängt; man hört

das Läuten einer elektrischen Klingel.)

Loth. Nun, wenn Du mich hier behalten willst -- dann sei so gut .... ich

möchte mich eben 'n bischen säubern.

Hoffmann. Gleich sollst Du alles Nöthige .... (Eduard tritt ein, Diener

in Livree.) Eduard! führen Sie den Herrn in's Gastzimmer.

Eduard. Sehr wohl, gnädiger Herr.

Hoffmann (Loth die Hand drückend). In spätestens fünfzehn Minuten möchte

ich Dich bitten, zum Essen herunter zu kommen.

Loth. Uebrig Zeit. Also Wiedersehen!

Hoffmann. Wiedersehen!

Eduard öffnet die Thür und läßt Loth vorangehen. Beide ab.

Hoffmann kratzt sich den Hinterkopf, blickt nachdenklich auf den

Fußboden, geht dann auf die Thür rechts zu, deren Klinke er

bereits gefaßt hat, als Helene, welche hastig durch die Glasthür

eingetreten ist, ihn anruft.

Helene. Schwager! Wer war das?

Hoffmann. Das war einer von meinen Gymnasialfreunden, der älteste sogar,

Alfred Loth.

Helene (schnell). Ist er schon wieder fort?

Hoffmann. Nein! Er wird mit uns zu Abend essen. -- Womöglich .... ja,

womöglich auch hier übernachten.

Helene. Oh Jeses! Da komme ich nicht zum Abendessen.

Hoffmann. Aber Helene!

Helene. Was brauche ich auch unter gebildete Menschen zu kommen! Ich

will nur ruhig weiter verbauern.

Hoffmann. Ach, immer diese Schrullen! Du wirst mir sogar den großen

Dienst erweisen und die Anordnungen für den Abendtisch treffen. Sei so

gut! -- Wir machen's 'n bischen feierlich. Ich vermuthe nämlich, er

führt irgend was im Schilde.

Helene. Was meinst Du, im Schilde führen?

Hoffmann. Maulwurfsarbeit -- wühlen, wühlen. -- Davon verstehst Du nun

freilich nichts. -- Kann mich übrigens täuschen, denn ich habe bis jetzt

vermieden auf diesen Gegenstand zu kommen. Jedenfalls mach alles recht

einladend. Auf diese Weise ist den Leuten noch am leichtesten ...

Champagner natürlich! Die Hummern von Hamburg sind angekommen?

Helene. Ich glaube, sie sind heut früh angekommen.

Hoffmann. Also, Hummern! (Es klopft sehr stark.) Herein!

Postpacketträger. (Eine Kiste unter'm Arm, eintretend, spricht er in

singendem Tone.) Eine _Kis--te_.

Helene. Von wo?

Vor Sonnenaufgang: Soziales Drama · 第 3 / 24 题