ES FÄHRT SO MANCHES SCHIFFLEIN
DA DRAUSSEN KREUZ UND QUER;
DOCH KEINS KANN SO VERRUFEN SEIN,
DASS NICHT MANCH ANDRES
SCHLIMMER WÄR’.
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Mag sein, daß man seine Frau nicht zu sehr lieben darf, wenn man sie
behalten will. Sie langweilt sich sonst und läuft zu einem andern, um
geprügelt zu werden.
Es war verdächtig, sehr verdächtig, daß ich die Yorikke plötzlich so
innig zu lieben begann. Aber wenn man soeben die gräßliche Geschichte
eines Kindsräubers vernommen hat, in der einen Tasche eine Büchse Milch,
in der andern eine Büchse guter dänischer Butter trägt, kann man wohl
Liebesgedanken bekommen und diejenige lieben, die in ihren Lumpen
liebenswerter ist als Leichenräuber in seidenen Kleidern.
Aber verdächtig war diese aufkeimende Liebe doch. Etwas war nicht in
Ordnung. Da war die Aschenhuze gewesen. Und nun war auch noch Yorikke,
die ich mit heißer Inbrunst liebte. Das wollte mir nicht gefallen. Da
stimmte etwas nicht.
Im Quartier war es nicht auszuhalten. Die Luft stand dick und schwer und
drückte auf das Hirn.
„Laß uns wieder rausgehen,“ sagte ich zu Stanislaw, „wir schlendern am
Wasser herum bis es kühler wird. Nach neun wird sicher eine Brise
aufkommen. Dann gehen wir heim und legen uns aufs Deck.“
„Hast recht, Pippip“, gab Stanislaw zu. „Hier kann man weder schlafen
noch sitzen. Wir können mal raufgehen zu dem Holländer, der da oben
liegt. Vielleicht sehe ich einen Bekannten.“
„Immer noch Hunger?“ fragte ich.
„Nein, aber vielleicht kann ich ihnen ein Stück Seife abnehmen und ein
Handtuch. Wäre ganz gut mitzunehmen.“
Wir trotteten langsam los. Es war inzwischen ganz finster geworden. Die
Hafenlampen waren nur spärlich erleuchtet. Es wurde nirgends geladen.
Die Schiffe glimmerten schläfrig durch die abendliche Dunkelheit.
„Berühmt ist der Tabak aber auch nicht, den uns die Norweger gegeben
haben“, sagte ich.
Kaum hatte ich das ausgesprochen und mich dabei Stanislaw zugewandt, um
Feuer von ihm zu kriegen, als ich einen mächtigen Hieb über den Schädel
erhielt. Ich fühlte den Schlag ganz deutlich, konnte mich aber nicht
bewegen, meine Beine wurden merkwürdig plump und dick und ich fiel hin.
Es sauste und brummte entsetzlich um mich herum und es tat drückend weh.
Das dauerte aber nicht lange, schien mir. Ich stand wieder auf aus
meiner Betäubung und wollte weitergehen. Aber ich lief gegen eine Wand,
gegen eine Holzwand. Wie konnte das sein? Ich ging links, doch auch da
war eine Wand. Und rechts war eine Wand und hinter mir war eine Wand.
Und alles war finster. Mein Kopf summte und dröhnte. Ich konnte nicht
denken, wurde müde und legte mich wieder auf den Boden.
Als ich abermals aufwachte, waren die Wände noch immer da. Aber ich
konnte nicht ruhig stehen. Ich schwankte. Nein, das war es nicht, der
Boden schwankte.
Himmelkreuzdonnerwetter nochmal, ich weiß jetzt, was los ist. Ich bin
auf einem Boot, auf einem Eimer, und der ist auf hoher See. Schwimmt
lustig voran. Die Maschinen stampfen und bollern.
Mit beiden Fäusten und endlich auch mit den Füßen hämmere ich gegen die
Wände. Es scheint niemand etwas zu hören. Aber nach längerer Zeit, als
ich wieder und wieder die Wände bearbeitet und auch mit Schreien mein
Trommeln unterstützt habe, wird eine Luke aufgemacht und es leuchtet
jemand mit einer elektrischen Taschenlampe herein.
„Haben Sie jetzt Ihren Soff ausgeschlafen?“ werde ich gefragt.
„Scheint, ja“, sage ich.
Es braucht mir niemand etwas erzählen, ich weiß bereits, was los ist.
Kindsraub, shanghaied. Ich bin auf der Empreß of Madagascar.
„Sie sollen zum Skipper kommen“, sagt der Mann.
Es ist heller Tag draußen. Ich klettere die Leiter hoch, die der Mann
durch die Luke schiebt und bin bald darauf auf dem Deck.
Ich werde zum Skipper geführt.
„Feine Leute seid ihr, muß ich sagen“, schreie ich gleich, als ich in
die Kabine komme.
„Bitte?“ sagt der Skipper ganz ruhig.
„Kindsräuber. Shanghaier. Engelmacher. Leichenfledderer. Das ist es, was
ihr seid“, schreie ich.
Der Skipper bleibt ungerührt, steckt sich ruhig eine Zigarre an und
sagt: „Es scheint, Sie sind noch nicht ganz nüchtern. Wir werden Sie mal
in kaltes Wasser tauchen müssen, damit der Rauch abzieht.“
Ich sehe ihn an und sage nichts.
Der Skipper drückt auf einen Knopf, der Steward kommt und der Skipper
nennt zwei Namen.
„Setzen Sie sich“, sagt der Skipper nach einer Weile.
Es kommen zwei widerliche Kerle rein. Verbrechergesichter.
„Ist das der Mann?“ fragt der Skipper.
„Ja, das ist er“, bestätigen die beiden.
„Was tun Sie hier auf meinem Schiff?“ sagt der Skipper jetzt zu mir in
einem Tone, als ob er Vorsitzender eines Schwurgerichts wäre. Vor sich
hat er Papier liegen, auf dem er mit einem Bleistift kritzelt.
„Das möcht ich gern von Ihnen wissen, was ich hier auf dem Schiff
mache“, antworte ich.
Nun redet der eine dieser beiden Verbrecher. Sie scheinen Italiener zu
sein nach der Art, wie sie die Brocken Englisch herausbringen.
„Wir wollten gerade die Ladekammer elf reinigen, und da fanden wir den
Mann hier besoffen in einer Ecke liegen, wo er fest schlief.“
„Also“, sagt darauf der Skipper, „dann ist das ganz klar. Sie wollten
sich auf meinem Schiff blind wegpacken, um nach England zu kommen. Sie
werden das nun wohl nicht mehr bestreiten wollen. Ich kann Sie leider
nicht über Bord werfen, was ich ja eigentlich tun müßte. Verdienten
eigentlich, daß ich Sie ein halbes Dutzend mal am Lademast schleifen
lasse und Ihnen die Haut ein wenig abschinde, damit Sie dran denken, daß
ein englisches Schiff nicht dazu dient, Verbrecher, die von der Polizei
verfolgt werden, in Sicherheit zu bringen.“
Was sollte ich da lange reden. Er hätte mir von diesen italienischen
Sträflingen die Knochen zerschlagen lassen, wenn ich ihm gesagt hätte,
was ich von ihm denke. Er würde es überhaupt tun schon für das, was ich
ihm gleich am Anfang erzählt habe. Aber er hat ja nur Interesse an
meinen gesunden Knochen und nicht an meinen zerschlagenen.
„Was sind Sie?“ fragte er nun.
„Schlichter Deckarbeiter.“
„Sie sind Heizer.“
„Nein.“
„Sie haben sich doch hier gestern als Heizer angeboten?“
Ja, das hatte ich, und das war mein Fehler. Seitdem haben die mich nicht
mehr aus den Augen gelassen. Hätte ich damals gesagt, Deckarbeiter,
hätten sie vielleicht kein Interesse an mir gehabt. Heizer waren es, die
sie brauchten.
„Da Sie also Heizer sind und Sie Glück haben dadurch, daß mir zwei
Heizer krank geworden sind, so können Sie als Heizer arbeiten. Sie
bekommen englische Heizerheuer, zehn Pfund zehn ist sie augenblicklich.
Aber ich kann Sie nicht heuern. Wenn wir nach England kommen, habe ich
Sie den Behörden zu übergeben; und Sie werden, je nachdem der Richter
Ihnen geneigt sein wird, zwei bis sechs Monate abmachen müssen und dann
natürlich Deportation. Aber hier werden Sie, solange wir auf Fahrt sind,
als regelrechtes Mitglied der Mannschaft unsrer Empreß of Madagascar
behandelt.
Wir können uns gut vertragen, wenn Sie Ihre Arbeit tun. Wenn wir uns
nicht vertragen können, gibt es kein Wasser, lieber Freund. Ich denke
also, wir vertragen uns lieber. Um zwölf beginnt ihre Wache. Ihre Wachen
sind sechs und sechs Stunden; die zwei Stunden je Wache mehr, werden
Ihnen bezahlt mit einem Schilling sechs Pence die Stunde.“
Da war ich nun Heizer auf der Empreß of Madagascar, auf der Fahrt zu dem
Gedenkstein in der Dorfkirche. Ich hatte keine Dorfkirche, also blieb
mir nicht einmal diese Ehre.
Die Heuer war gut, da ließ sich Geld dabei machen. Aber in England
Gefängnis wegen Schiffschleichens und dann vielleicht noch Jahre im
Gefängnis warten auf Deportation. Doch das war ja eben die Sache. Die
Heuer bekam ich nicht, weil die Fische sie nicht auszahlen werden. Komme
ich heil raus, ich kriege keinen Nickel Heuer, ich bin nicht treu
gemustert. Kein englischer Konsul erkennt diese Strafmusterung an.
Gefängnis und Deportation rühren mich nicht. Wir kommen nicht nach
England. Nur ja keine Sorge. Wollen uns doch mal die Boote ansehen. Die
Boote sind fertig. Da wird es also in den nächsten Tagen losgehen. Erste
Bedingung ist, alles klarmachen, um auf alle Fälle aus dem Kesselraum zu
kommen. Beim leisesten Knirscher weg vom Kessel und hoch wie der Satan.
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Die Quartiere sind wie Salons. Sauber und neu. Stinken nur unerträglich
nach frischer Farbe. Matratzen im Bunk, aber kein Kissen, keine Decke,
kein Laken. Kaiserin von Madagaskar, bist nicht so reich wie du von
draußen aussiehst. Oder die haben schon alles gezockelt und vermünzt,
was gerettet werden konnte.
Geschirr gibt es auch nicht. Aber man kann es schon leichter
zusammenklauben, weil da was übrig ist und dort was herumliegt. Das
Essen wird von einem italienischen Jungen gebracht, damit hat man also
nichts zu tun. Das Essen ist ausgezeichnet. Freilich, unter
Henkersmahlzeit verstehe ich etwas andres.
Rum gibt es hier überhaupt nicht, wie mir von einem erzählt wird. Der
Skipper ist Anti, schon faul.
Schiffe ohne Rum stinken wie Jauche.
Ich sitze im Meßraum des Kesselpersonals.
Der Meßboy ruft die Leute aus den Bunks zum Essen. Es kommen zwei
schwere Neger herein, die Kohlschlepps. Und dann kommt ein Heizer
herein, der auf Freiwache ist.
Den Heizer kenne ich. Sein Gesicht habe ich schon irgendwo gesehen. Das
Gesicht ist aufgeschwommen, und um den Kopf hat er eine Binde.
„Stanislaw, du?“
„Pippip, du auch?“
„Wie du siehst. Mitgegangen, mitgefangen“, sagte ich.
„Du bist ja noch ganz gut davon gekommen. Ich habe mich mit ihnen schwer
gekloppt. Ich kam gleich wieder hoch, nachdem ich den ersten Schlag weg
hatte. Du lagst fest, hattest gleich einen saftigen gekriegt. Aber als
du so plötzlich umknicktest, bückte ich mich nach dir und so kriegte ich
nur einen halben. Gleich war ich wieder auf. Und nun ging die Bürsterei
los. Waren gleich vier herum. Und ich habe ganz verflucht was auf den
Schädel gekriegt.“
„Was haben sie dir denn für eine Geschichte erzählt?“ fragte ich.
„Ich hätte mich gekloppt, hätte einen erstochen und dann hätte ich mich
auf dem Eimer versteckt, weil die Polizei hinter mir her gewesen sei.“
„Mir haben sie etwas Ähnliches erzählt, die Kindsräuber“, sagte ich.
„Unsre Heuer von der Yorikke sind wir nun auch noch los, und hier
kriegen wir nie einen Cent.“
„Dauert ja nur ein paar Tage. Ich denke übermorgen wird es schon soweit
sein. Es ist ein Platz, wie er ihn sich nicht besser wünschen kann. Kann
sich schön sauber hinlegen wie gemalt. Kommt niemand her und deckt das
Gesicht ab. Um fünf ist Exerzieren an den Booten. Merkst was, he? Wir
sind nicht dabei, wir sind gerade dann auf Wache. Wir sind beide Boot
vier, Heizer von Wache zwölf bis vier. Ich habe die Liste gesehen, hängt
im Gangweg.“
„Weißt du schon, wie es vor den Kesseln ist?“ fragte ich.
„Zwölf Feuer. Vier Heizer. Die beiden andern sind Neger. Auch die
Schlepps sind Neger. Da die beiden, die am Tisch sitzen.“ Stanislaw
deutete rüber zu den starken Burschen, die gleichgültig an ihrem Essen
würgten und uns kaum zu bemerken schienen.
Um zwölf traten wir unsre Wache an. Die vorige Wache hatte der Donkeyman
mit den Negern gemacht.
Die Feuer sahen bös aus, und wir hatten beinahe zwei Stunden wild zu
arbeiten, bis wir sie in Ordnung hatten. Alles war verschlackt;
aufzuschmeißen verstanden die schwarzen Heizer auch nicht. Sie
pfefferten die Kohle hinein, und damit gaben sie sich zufrieden. Daß
Heizen eine Kunst ist, die mancher nie lernt, davon schienen sie nichts
zu wissen, obgleich sie offenbar schon einige Jahre vor den Kesseln
arbeiteten und sicher schon eine gute Anzahl von Schiffen abgedient
hatten.
Mit den Rosten hatten wir hier nur wenig Arbeit. Brannte einer durch, so
ließ er sich rasch einsetzen ohne daß er nachfiel oder gar andre mitriß.
Die Schlepps, riesenhafte Neger, mit Armen wie Oberschenkel und einem
Körperbau, daß man glaubte, sie könnten einen ganzen Kessel auf ihren
Schultern fortschleppen, brachten die Kohle verteufelt langsam heran,
und wir mußten ihnen ganz gehörig den Marsch blasen, bis sie sich
endlich herbeiließen, zu arbeiten. Sie stöhnten in einem fort, daß es zu
heiß sei, daß sie keine Luft bekämen, daß sie vor Staub nicht schlucken
könnten, und daß sie sicher verdursten würden.
„Na, Pippip,“ sagte Stanislaw, „da mußten wir ganz anders ziehen auf der
alten Yorikke. Was tun die Kerle nur mit ihren Knochen? Ehe die eine
halbe Tonne heran haben, hole ich sechs und puste noch nicht einmal
dabei. Und hier liegen ihnen die Kohlen direkt vor der Nase.“
„Gerade jetzt fing auf der Yorikke wieder eine schöne Zeit für eine
Woche an“, sagte ich. „Sie hatte gerade frisch gekohlt und die Schächte
und Kesselbunker lagen gepfropft, daß es ein wahrer Spaß hätte sein
müssen für die nächste Fahrt. Aus. Schiet Yorikke. Haben jetzt andres zu
denken.“
Ich sah mich um.
„Habe auch schon herumgeblickt“, sagte Stanislaw. „Wir müssen Luftlöcher
suchen. Zur Leiter kommt man nicht immer. Bricht meist weg, wenn sie
richtig aufknallt. Und wenn gar noch die Kessel oder die Rohre anfangen
zu summen und zu spucken, dann ist die Leiter eine verfluchte
Rattenfalle. Kannst nicht mehr runter, nicht mehr rauf.“
„Der Oberbunker hat eine Luke zum Deck“, sagte ich. Ich war eben oben
gewesen und hatte untersucht. „Wir müssen die Luke immer klar haben,
wenn wir auf Wache gehen. Dann baue ich eine Lattenleiter, und die
halten wir immer hier an der Schachtluke. Wenn es knirscht, sofort raus,
rauf, hoch und raus zur Deckluke.“
Wir arbeiteten uns nicht blöd. Es schien den Ingenieuren auch ganz
gleich zu sein. Solange die Maschine lief, war es recht. Ob sie große
Fahrt machte oder kleine, kam nicht in Betracht.
Es hätte alles ganz nach Vorschrift gehen können. Ein paar Löcher unten
in den Mantel gedrillt, nicht größer als einen halben Zoll, und mit
ihrer Sargeinlage Alteisen wäre die Empreß sanft und selig
eingeschlafen, weggesackt wie ein Stein. Nur noch der Pumpe einen Klaps
gegeben. Aber vor dem Seegericht kann das manchmal fehlgehen, und wenn
die ganze Mannschaft heil abkommt, so ist das immer verdächtig. Zwei
Tage waren es nur. Wir hatten gerade die Wache übernommen und waren mit
dem Ausschlacken halb durch, da hörte ich einen furchtbaren Knall und
ein Krachen. Ich flog zuerst gegen die Kessel und dann zurück in einen
Kohlenhaufen.
Gleich darauf standen die Kessel senkrecht über mir, ein paar
Feuerungstüren brachen auf und die Glut fiel in den Kesselraum. Zur
Lattenleiter brauchte ich nicht hinaufsteigen, ich konnte auf ebener
Fläche zu der Schachtluke gehen.
Stanislaw war schon raus.
Als ich in den Bunker kam, kletterte er gerade durch die Luke.
In diesem Augenblick hörten wir einen gräßlichen Schrei aus dem
Kesselraum.
Stanislaw hatte den Schrei auch gehört und drehte sich um.
„Das war Daniel, der Schlepp“, rief ich Stanislaw zu. „Ich glaube, er
sitzt fest.“
„Verflucht, runter, aber rasch“, schrie Stanislaw.
Ich war schon wieder drin im Kesselraum. Die Kessel standen noch immer
Kopf, und jede Sekunde konnte einer losfahren in die Lüfte. Das
elektrische Licht war verlöscht, weil offenbar das Kabel durchgerissen
war. Aber die Glut gab Licht genug, wenn es auch recht gespensterhaft
aussah.
Daniel, der eine Neger, lag lang und war mit seinem linken Fuß von einer
losgelösten Platte eingeklemmt. Er schrie und schrie, weil die Glut ihn
schmorte.
Wir versuchten, die Platte zu heben, aber es ging nicht, wir kriegten
sie nicht hoch und konnten mit der Schürstange nicht heran, um sie
hochzuheben.
„Geht nicht, Daniel, Fuß sitzt fest.“ Ich schrie es in wahnsinniger Eile
auf Daniel ein.
Was tun? Sollen wir ihn hierlassen?
„Wo ist der Hammer?“ schreit Stanislaw.
Schon ist der Hammer zur Hand, und in derselben Sekunde haben wir eine
Schaufel glattgeklopft, und ohne Besinnen schlägt Stanislaw dem Neger
den Fuß ab. Drei Hiebe waren nötig. Wir schleiften Daniel zur
Schachtluke, schleiften ihn durch den Bunker und zerrten ihn durch die
Deckluke.
Draußen packte der andre Neger unsrer Wache, der sich rechtzeitig in
Sicherheit gebracht hatte, sofort zu. Wir überließen ihm Daniel und
kümmerten uns nun um uns selbst.
Das Quartier lag bereits im Wasser. Die Empreß ragte mit dem Stern hoch
in die Luft. Das war beim Bootsexerzieren nicht ausprobiert worden. Es
stand alles ganz anders, als man es gewöhnt war. Eine Weile hatte noch
das Licht gebrannt. Der Ingenieur hatte es zu den Akkumulatoren
durchgeschaltet. Jetzt verglimmte es langsam, weil die Akkumulatoren
wahrscheinlich auszulaufen begannen oder die Kabel irgendwo Widerstände
aufnahmen. Elektrische Taschenlampen und Notlaternen mußten helfen.
Vom Quartier sah ich niemand. Die waren schon fertig. Die konnten nicht
mehr raus. Gegen die Tür lehnten einige Tonnen Wasserdruck.
Boot zwei riß sich los und war im Augenblick vom Seegang fortgeschwemmt,
ohne daß auch nur ein Mann drin saß.
Boot vier war nicht zu holen. Lag nicht klar.
Boot eins war klar, und der Skipper kommandierte die Besatzung. Dann
stand es bei und wartete auf ihn, weil er anstandshalber auf Deck blieb.
Das Seegericht sieht so etwas gern und lobt es.
Nun kam auch Boot drei klar. Hier flitzten Stanislaw und ich hinein,
zwei Ingenieure, der gesunde Negerschlepp und Daniel mit dem abgehackten
Fuß, der jetzt mit einem Hemd verbunden war; ferner kriegten wir den
Ersten Offizier und den Steward.
Die Kessel schienen brav zu halten und waren vielleicht durch die
herausgefallenen Feuer beruhigt worden. Pflaumenmus gab es ja hier
nicht.
Wir stießen ab. Der Skipper war inzwischen in Boot eins gesprungen, und
auch dieses Boot lief klar ab.
Aber ehe es seine Riemen gestreckt hatte, wurde es von der See heftig
gegen den Schiffsleib geschleudert. Immer wieder versuchten sie, klar zu
kommen.
Da plötzlich löste sich ein Etwas von dem Schiffe los und schlug mit
brechendem und splitterndem Getöse auf das Boot. Man hörte ein Schreien
von vielen Stimmen und dann war alles still, als wären Schrei, Boot und
Besatzung mit einem Ruck von einem großen Maul verschluckt worden.
Wir waren ganz schön abgekommen und pullten lustig drauf los. Kurs zur
Küste.
Große Fahrt machten wir nicht mit den paar Riemen. Die Wogen gingen
verteufelt hoch, und wir standen manchmal zwei Bootslängen hoch an einer
steilen Wasserwand. Dann spreizten die Riemen in der Luft, konnten nicht
einlegen, und wir wurden kreuz und quer geschleudert. Der Ingenieur, der
mit an den Riemen saß, sagte da plötzlich: „Wir sitzen ziemlich flach.
Kaum drei Fuß. Auf Fels.“
„Nicht möglich“, erwiderte der Erste Offizier. Er tastete nach dem
Riemen, lotete und sagte dann: „Sie haben recht. Raus, raus.“
Er hatte den Befehl noch halb im Munde, da gingen wir steil an einer
Wand hoch. Die Welle nahm uns wie eine kleine Untertasse und haute das
ganze Boot mit solcher Wucht auf den Fels, daß es in tausend Splitter
ging.
„Stanislaw!“ schrie ich hinaus in das Toben der Wellen. „Hast du was, wo
du kleben kannst?“
„Nicht einen dürren Strohhalm“, schrie er mir zu. „Ich schwimme zurück
zum Eimer. Der steht ein paar Tage gut so, wie er da steht. Der fällt
dir so leicht nicht auf die Zehen.“
Die Idee war nicht schlecht. Ich versuchte, Kurs auf das schwarze
Ungetüm zu halten, das sich gegen den Nachthimmel klar abhob.
Und verflucht nochmal, wir kamen beide ran, obgleich wir einige
dutzendmal immer wieder zurückgeschleudert worden waren.
Wir kletterten rauf und suchten in Mittschiff zu kommen. Das war nicht
so leicht. Die Achternwand bildete jetzt das Deck oder das Dach für das
Mittschiff. Die beiden Korridore waren tiefe Schächte geworden, in die
hinunterzukommen während der Nacht nicht gut vollführt werden konnte und
selbst bei Tage seine Schwierigkeiten haben würde. Die Wogen gingen
außerordentlich hoch und schienen an Wucht noch zuzunehmen. Offenbar
waren wir bei Ebbe aufgebrummt, denn das Wasser begann zu steigen.
Die Empreß stand fest wie ein Turm, eingeklemmt in einer Riffspalte. Wie
sie in diese unschiffsmäßige Lage kommen konnte, wußte wohl nur sie
allein. Sie zitterte kaum und bebte nicht, so fest stand sie. Nur
manchmal, wenn ein besonders schwerer Brecher gegen ihren Panzer tobte,
zuckte sie mit den Schultern, als wolle sie ihn abschütteln. Sturm war
gar nicht. Der Aufruhr lag nur in der schweren See. Es sah auch nicht
danach aus, als ob Sturm aufkommen würde. Nicht in den nächsten sechs
Stunden.
Dann graute der Himmel. Die Sonne ging auf. Frisch gewaschen stieg sie
aus ihrem Seebade empor zu den weiten Höhen.
Zuerst lugten wir aus über die See. Es war nichts zu sehen. Kein Mann
schien übrig zu sein. Daß irgendeiner aufgepickt worden war, glaubte ich
nicht; auch Stanislaw bezweifelte es. Wir hatten kein Schiff passieren
sehen. Außerdem lagen wir nicht in der Route. Der Skipper war
herausgegangen, um nicht abermals von Patrouillen oder Passanten gesehen
zu werden. Der Spaß war für ihn teuer geworden. Er hatte an eine ruhige
friedliche Abwicklung des Geschäfts gedacht. Daß er vom Quartier keinen
Mann mitbekommen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Wären die beiden
Boote richtig bemannt gewesen, hätte das ein Vergnügen sein müssen, klar
abzukommen.
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Als es völlig hell geworden war, versuchten wir, den Korridorschacht
hinabzuklettern. Mit einiger Sorgfalt ging es auch. Wir benutzten die
Türen zu den einzelnen Kabinen und die Wandrippen als Sprossen, und so
ging es viel rascher und schneller, als wir gedacht hatten.
Auf dem Boden des Schachtes befanden sich die beiden Kabinen des
Skippers. Ich fand einen Taschen-Schiffskompaß, den ich gleich mit
Beschlag belegte, aber Stanislaw anvertraute, weil ich keine Tasche
hatte, wo ich ihn aufbewahren konnte. Es waren auch zwei kleine
Wassertanks in der Kabine, einer diente für Waschwasser und einer für
Trinkwasser. Um Wasser waren wir nun für einige Tage nicht verlegen,
denn ob die Pumpen in der Galley würden Wasser ziehen können, mußten wir
erst noch ausprobieren. Vielleicht war der Frischwassertank überhaupt
schon ausgelaufen.
Auf der Yorikke hatten wir ja jedes Plätzchen gewußt, wo was zu holen
war. Hier mußten wir erst damit beginnen, alles zu suchen. Aber
Stanislaw hatte eine gute Nase und hatte die Vorratskammer, die Pantry,
im Augenblick entdeckt, sobald nur die Frage nach dem Frühstück
auftauchte. Verhungern konnten wir zwei Mann innerhalb der nächsten
sechs Monate nicht. Und wenn wir genügend Wasser noch hatten, ließ es
sich für eine Weile aushalten. In der Pantry waren mehrere Kasten mit
Mineralwasser, Bier und Wein. Ganz schlimm konnte es nicht werden.
Der Kochherd wurde auch wieder aufgerichtet, und so konnten wir auch
kochen. Wir probierten die Pumpen für Frischwasser aus. Die eine zog
nicht an, dagegen um so besser die andre. Das Wasser war noch etwas trüb
von dem aufgerüttelten Schlamm, der sich am Boden festgesetzt hatte,
aber das würde sich nach einem Tage schon geben.
Mir wurde übel zumute, und auch Stanislaw zeigte Unbehagen.
„Mensch,“ sagte er mit einemmal, „was sagst du dazu, ich werde
seekotzig. Verflucht nochmal, das ist mir denn doch noch nicht
passiert.“
Ich konnte mir das nicht erklären, denn mir wurde immer kläglicher
zumute, während der Eimer doch ziemlich still stand. Das Herantoben der
Brecher und das gelegentliche Erzittern des Eisenkolosses konnte ein so
erbärmliches Gefühl doch nicht auslösen.
„Nun kann ich dir sagen, was los ist, Stanislaw“, gab ich nach einer
Weile zur Antwort. „Die verrückte Lage der Kabinen ist es, was uns
kotzig macht. Alles steht schräg und steil. Da muß man sich erst daran
gewöhnen.“
„Ich glaube, du hast recht“, meinte er, und sobald wir draußen waren im
Freien, war das üble Empfinden sofort weg, obgleich einem auch die ganze
Lage des Schiffes, die so blödsinnig toll zum Horizont stand, auf das
Gleichgewichtsempfinden schlug.
„Siehst,“ sagte ich jetzt zu ihm, als wir draußen saßen und des Skippers
gute Zigarren rauchten, „es ist nur die Einbildung, nichts weiter. Ich
bin sicher, wenn wir einmal heraus haben, was in unserm Leben alles
Einbildung und was Tatsache ist, werden wir noch recht sonderbare Dinge
lernen und die ganze Welt von einem andern Gesichtswinkel aus
betrachten. Wer weiß, welche Folgen das haben kann.“
So sehr wir auch Ausschau hielten, ein Schiff war nicht zu sehen. Nicht
einmal eine Rauchfahne konnten wir erblicken. Wir lagen zu weit
außerhalb der üblichen Fahrstraßen.
„Wir können hier das schönste Leben führen, das wir je geträumt haben,“
philosophierte Stanislaw, „haben alles, was wir uns nur wünschen, können
essen und trinken, was wir wollen und soviel wir wollen, kein Mensch
stört uns, und arbeiten brauchen wir auch nicht. Trotzdem möchten wir
fort, je rascher, je lieber, und wenn kein Eimer uns abholen kommt,
müssen wir doch bald sehen, runter zu kommen und versuchen, die Küste zu
machen. Immer jeden Tag dasselbe, das ist es, was man nicht ertragen
kann. Ich denke mir manchmal, auch wenn es wirklich ein Paradies geben
würde, was ich ja nicht glaube, weil ich mir nicht vorstellen kann, wo
die Reichen hingehen, ich würde nach drei Tagen im Paradiese eine
gräßliche Gotteslästerung verüben, nur um wieder rauszukommen und nicht
immerfort fromme Lieder singen zu müssen und zwischen alten
Betschwestern und Pfaffen und Muckern zu sitzen.“
Da mußte ich aber doch lachen: „Habe nur ja keine Bange, Stanislaw, wir
beide kommen nicht da rein. Wir haben ja keine Papiere. Und kannst dich
heilig drauf verlassen, die verlangen da oben auch Papiere, Pässe und
Taufzeugnisse von dir, und wenn du die nicht beibringen kannst, machen
sie dir die Türe vor der Nase zu. Frag’ nur den Pfaffen, er wird es dir
sofort bestätigen. Mußt Heiratslizenz beibringen, kirchlichen
Trauschein, Taufschein, Konfirmationsschein, Firmungsschein,
Kommunionsstempel und Beichtzettel. Ginge das da oben so glatt ohne
Papiere, wie du dir das zu denken scheinst, brauchten die hier unten ja
keine ausstellen. Auf die Allwissenheit scheinen sie sich nicht zu
verlassen, besser ist es schon, man hat es schwarz auf weiß und
ordnungsmäßig abgestempelt. Wird dir jeder Pfaff erzählen, daß der
Torwächter da oben ein großes Bund mit Schlüsseln hat. Wozu? Zum
Abschließen der Türen, damit nicht doch vielleicht einer ohne Visa über
die Grenze schleichen kann.“
Stanislaw saß eine Weile still und sagte dann: „Merkwürdig, daß ich
gerade so drauf komme, aber die ganze Geschichte hier will mir nicht
recht gefallen. Es geht uns viel zu gut. Und wenn es einem so ganz
ausnahmsweise gut geht, so ist etwas nicht in Ordnung. Ich kann das
nicht vertragen. Es ist immer, als ob man auf Mastkur geschickt wird,
weil eine besonders schwierige Sache auf einen wartet, die man ohne jene
gute Vorbereitung und Erholung sonst nicht bewältigen kann. War bei der
K. M. auch so. Immer wenn was Besonderes bevorstand, gab es vorher ein
paar gute Tage. War auch so, ehe wir rauf nach Skagen glitschten.“
„Da redest du aber nun einmal richtigen Kohlgulasch“, sagte ich zu ihm.
„Wenn dir ein gebratenes Hühnchen ins Maul fliegt, dann spuckst du es
wieder aus, nur damit es dir nicht gut gehen soll. Die schwierige Sache
kommt ganz von selbst, verlaß dich drauf. Um so besser, wenn du vorher
in der Sommerfrische warst. Wenn du eine Mastkur hinter dir hast, dann
kannst du die schwierige Sache unterkriegen, andernfalls kriegt sie
vielleicht dich unter.“
„Verflucht, du hast recht“, rief Stanislaw nun wieder gutgelaunt. „Ich
bin ein altes Schaf. Ich habe sonst auch noch nie solche blöden Gedanken
gehabt. Gerade heute. Es kam mir so, als ich dachte, vorn im Quartier,
oder ich muß ja eigentlich sagen: da unten zu unsern Füßen, da liegen
die Burschen alle schwimmend hinter der Tür, auf demselben Kasten wie
wir. Weißt, Pippip, man soll keine Leiche auf einem Kasten fahren, das
bringt den Gast herbei. Ein Schiff ist lebendig, das mag keine Leichen
in der Nähe haben. Als Fracht, meinetwegen. Das ist etwas andres. Aber
nicht so herumliegende, so herumschwimmende Leichen.“
„Können wir doch nicht ändern“, sagte ich.
„Das ist es gerade, was ich meine“, antwortete Stanislaw. „Wir können es
nicht ändern. Und das ist das Schlimme. Alle die andern sind
abgerasselt. Wir beide sind allein noch übrig. Da stimmt etwas nicht.“
„Nun will ich dir etwas sagen, Stanislaw, wenn du mit dieser blöden
Pinselei nicht aufhörst, dann – nein, runterschmeißen will ich dich
nicht, wirst es dir ja auch nicht gefallen lassen. Aber dann rede ich
mit dir keine Silbe mehr, und wenn ich dadurch meine Sprache verlernen
sollte. Dann wohnst du im Steuerbordschacht und ich im Backbordschacht
und jeder geht seine eignen Wege. Solange ich am Leben bin, will ich mir
nichts vom Gast vorjaulen lassen. Da habe ich später, wenn es mal so
weit ist, noch Zeit genug dazu. Und wenn du nun meine Meinung wissen
willst, warum wir beide gerade übriggeblieben sind, so ist das ganz klar
und zeigt wieder einmal, wie gerecht alles zugeht in der Welt. Wir
gehörten nicht zu der Mannschaft. Wir waren gestohlen. Wir haben der
Empreß von Madagaskar nie etwas getan und wollten ihr auch nie etwas
tun. Niemand weiß das so gut wie sie. Das ist der Grund, warum sie uns
nicht mitgenommen hat.“
„Warum hast du mir denn das nicht gleich gesagt, Pippip?“
„Ja, was denkst du denn von mir, ich bin doch nicht dein königlicher
Ratgeber. So etwas weiß man doch von selbst und hat es im Gefühl.“
„Jetzt gehe ich mich besaufen“, sagte nun Stanislaw. „Ist mir ganz egal.
Na, ich will ja nicht sagen besaufen, aber doch einen gesunden hieven.
Wer weiß, vielleicht kommt doch bald ein Kasten vorbei und holt uns
über. In meinem Leben könnte ich es mir dann nicht vergeben, daß ich
hier das alles zurückgelassen habe, ohne es mal durchzukosten.“
Warum sollte denn Stanislaw das Vergnügen allein genießen?
Es begann jedenfalls jetzt eine Schlemmerei, die sich selbst der Skipper
nie auf einen Sitz erlaubt haben würde.
Es war ja alles so schön da in Büchsen. Salm von British Columbia, Wurst
von Bologna, Hähnchen, Hühnerfrikassee, Pasteten, Zungen aller Art, ein
Dutzend verschiedene eingemachte Früchte, zwei Dutzend verschiedene
Sorten Jam, Biskuits, Gemüse der besten Auslesen, Liköre, Schnäpse,
Weine, Ales, Stouts, Pilsener. Die Kapitäne, Offiziere und Ingenieure
wissen sich das Leben angenehm zu machen. Aber wir waren jetzt die
Besitzer und die Esser, während die früheren Esser jetzt schwammen und
gegessen wurden, um die Fische fett zu machen.
Den folgenden Tag war es sehr diesig und dunstig. Wir konnten kaum eine
halbe Meile weit sehen.
„Wir kriegen schweres Wetter“, sagte Stanislaw.
Am Abend kam es auf. Schwerer und schwerer.
Wir saßen in des Skippers Kabine bei einer Petroleum-Notlaterne.
Stanislaw machte ein besorgtes Gesicht: „Wenn die Empreß abhaut oder
runterbricht vom Riff, dann sind wir geliefert, Junge. Wir wollen uns
mal schon beizeiten umsehen.“
Er fand etwa drei Meter Tauende, das er sich um den Leib band, um es zur
Hand zu haben. Alles, was ich finden konnte, war eine halb aufgebrauchte
Rolle Bindfaden, kaum so stark wie ein Bleistift.
„Wir klettern besser den Schacht hoch“, schlug Stanislaw vor. „Hier
drinnen sitzen wir in der Falle, wenn der Rummel losgeht. Oben hat man
immer noch eine Möglichkeit, abzukommen.“
„Wenn du oben in die Wicken gehen sollst, dann gehst du oben, und wenn
du unten vor die Fische gehen sollst, dann unten“, sagte ich. „Eins wie
das andre. Wenn du vom Auto überfahren werden sollst, dann springt es
rüber zum Schaufenster, vor dem du stehst, brauchst dem Auto gar nicht
nachzulaufen oder in den Weg zu rennen.“
„Du bist mir einer. Wenn du im Wasser ersaufen sollst, dann kannst du
ruhig deinen Hals auf die Eisenbahnschienen legen und der Expreß springt
über dich weg wie ein Luftschiff. Daran glaube ich nicht. Ich lege
meinen Hals nicht auf die Schienen. Ich gehe rauf und sehe zu, was
geschieht.“
Er kletterte den Korridorschacht hinauf, und da mir einleuchtete, daß er
recht habe, kletterte ich hinterher.
Dann saßen wir wieder oben auf der Achternwand von Mittschiff, dicht
nebeneinander. Wir mußten uns an den Beschlägen festhalten, sonst hätte
uns der Sturm hinuntergeschleudert.
Immer mehr kam das Wetter in Aufruhr. Schwere Brecher wüteten gegen die
unter uns liegende Vorfront von Mittschiff und brandeten gegen die
Skipperkabinen.
„Wenn das die ganze Nacht so fortgeht“, sagte Stanislaw, „dann ist
morgen früh von der Kabine nichts mehr übrig. Ich glaube sogar stark,
die Brecher holen das ganze Mittschiff ab. Dann bleiben uns nur noch die
Kammern im Stern und der Maschinenraum, wo die Rudermaschine steht. Dann
gute Nacht Essen und Trinken. Da findet keine Maus was.“
„Vielleicht besser, wir klettern jetzt schon rauf“, riet ich, „denn wenn
das Mittschiff abrasselt, haben wir keine Zeit mehr. Dann schwimmen wir
auch schon.“
„So mit einem Hieb haut das Mittschiff nicht ab,“ erklärte nun
Stanislaw, „das geht in Stücken zum Teufel. Und wenn unten eine Wand
losbricht, haben wir Zeit genug, raufzuklettern.“
Stanislaw hatte recht.
Aber das Recht ändert sich durch wechselnde Verhältnisse. Es gibt
nichts, das nicht einmal Recht gewesen ist. Man darf das Recht nur nicht
einpökeln wollen und erwarten, daß es in hundert Jahren noch immer
Recht, vielleicht gar dasselbe Recht sein werde.
Stanislaw hatte ganz gewiß recht. Aber einige Minuten später hatte er
schon nicht mehr recht.
Drei gigantische Brecher, von denen jeder folgende immer zehnfach
schwerer und stärker zu sein schien als der vorangegangene, wüteten mit
donnerndem Gebrüll, als wollten sie die ganze Erde verschlingen, gegen
die Empreß.
Das tobende Gebrüll der Brecher und der nachziehenden Brandungswogen war
ein drohendes Wutgeheul gegen die Empreß, die es wagte, ihnen auf diesem
Riff so lange Trotz zu bieten.
Der dritte Brecher brachte die steil hochgeworfene Empreß zum Schwanken.
Aber sie stand noch. Doch wir beide hatten es im Gefühl, sie ist los,
sie steht nicht mehr fest wie ein Turm.
Die Brecher ebbten ab, um auszuholen für die nächsten drei.
Der tosende Sturm jagte die schweren Wolken gleich Fetzen am Nachthimmel
dahin. Zuweilen öffnete sich ein Loch in diesem schweren Wolkentoben,
und man erblickte für einige Sekunden ein paar klare glänzende Sterne,
die in diesen schwarzen, heulenden, brüllenden, tobenden und brandenden
Aufruhr empörter Elemente herunterriefen:
„Wir sind Friede und Ruhe für dich, für uns aber sind wir umlodert von
den Flammen des Schöpfens, des Gebärens und der Rastlosigkeit. Fliehe
nicht zu den Sternen, wenn du Ruhe suchst und Frieden. Was du nicht in
dir trägst, wir können es dir nicht geben!“
„Stanislaw!“ schrie ich laut, obgleich er doch an meiner Seite saß, „die
Brecher kommen zurück. Jetzt gilt’s. Die Empreß fegt ab.“
Ich sah den ersten Brecher in dem schwachen Sternenlicht herankommen wie
ein unmeßbar riesenhaftes schwarzes Ungetüm.
Er peitschte hoch und peitschte mit seinen nassen Tatzen über uns
hinweg.
Wir hatten gut festgehalten, aber die Empreß hob sich und wand sich in
den Krallen des Riffs, als ob sie schwere Schmerzen erdulde.
Der zweite Brecher kam auf, nahm uns den Atem weg für eine lange Zeit,
und ich hatte das Empfinden, ich sei ins Meer geschleudert. Aber ich saß
noch fest.
Die Empreß jedoch kreischte, als ob sie zu Tode verwundet würde. Sie
drehte sich noch weiter herum in ihrem Schmerz und schwankte im Stern
zurück, krachend, polternd und dröhnend, bis sie nicht mehr steil stand,
sondern schräg. Außerdem legte sie sich auch noch nach Steuerbord über.
Mittschiff war durch die Brecher jetzt so voll Wasser gelaufen, daß
alles verdorben sein mußte, was nicht in Büchsen eingelötet war. Aber,
was in Mittschiff vor sich ging, war in mir nur wie ein ganz ferner
dünner Gedanke.
„Stanislaw, Junge!“ brüllte ich.
Ob er ebenfalls gebrüllt hatte, weiß ich nicht. Sicher hatte auch er es
getan. Aber zu hören war ja nichts.
Der dritte Brecher, der schwerste dieses Zuges, war herangestürmt.
Die Empreß war bereits verschieden, als wäre sie vor Schreck gestorben.
Der dritte Brecher, obgleich er mit donnerndem Branden herangejagt kam,
nahm den Leichnam der Kaiserin von Madagaskar leicht auf wie eine leere
Seidenhülle. Er tat es trotz seines rauhen Tobens kosend und
streichelnd. Er hob den Leichnam hoch, drehte ihn der ganzen Länge nach
in einem Halbkreise herum und ohne ihn noch einmal auf den Fels krachen
zu lassen und sich an dem Brechen der Knochen zu erfreuen, legte er ihn
sanft und zärtlich auf die Seite.
„Spring weg und schwimm, Pippip, sonst kommen wir in den Schlucker,“
schrie Stanislaw.
Schwimm mal, wenn du eben eins über die Arme gekriegt hast von einem
herumpfeifenden Lademast oder was es sein mochte.
Aber ob ich schwimmen konnte oder nicht wollte, kam gar nicht in Frage.
Der Nachzieher des letzten Brechers hatte mich abgeschwemmt und weit
genug, um nicht vom Schlucker gefaßt zu werden. Ein paar Minuten würde
die Empreß ja noch machen, ehe sie endgültig wegschluckt und strudelt.
Das Achterschiff hat ja noch kaum Wasser gekriegt.
„Hoiho!“ hörte ich jetzt Stanislaw schreien. „Wo steckst du?“
„Komm, hier. Ich klebe gut. Platz genug“, brüllte ich hinaus in die
Finsternis. „Hallo. Hier. Hoiho!“ Immer wieder rief ich es, um Stanislaw
die Richtung zu geben.
Er kam auch immer näher. Endlich hatte er gepackt und kletterte hoch.
48
„Was ist denn das, wo wir drauf sind?“ fragte Stanislaw.
„Weiß ich selbst nicht. Mit einemmal war ich drauf, weiß gar nicht, wie
es zuging. Ich denke, daß es eine Wand vom Ruderhaus ist. Hier sind die
Haltegriffe überall.“
„Sicher. Ist vom Ruderhaus“, bestätigte Stanislaw.
„Gut, daß die Esel noch nicht alles aus Eisen machen und manchmal noch
ein paar Stückchen Holz übriglassen. In den alten Schwarten siehst du
immer den Schiffsjungen an einen Mast angeklammert, auf dem er sich
rettet und mit dem er losschwimmt. Das ist heute aus. Die Masten sind
auch schon aus Eisen, und wenn du dich dran festklammerst, kannst du dir
auch ebenso gut einen Stein an den Bauch hängen. Wenn du wieder mal so
ein Bild siehst, dann sag ruhig, der Maler ist ein Schwindler.“
„Du hast aber einen Redefluß unter diesen verdammten Umständen hier“,
kritisierte Stanislaw.
„Ja, du Esel, soll ich denn hier jammern und Trauer flöten? Wer weiß, ob
ich dir in einer Viertelstunde noch erzählen kann, daß man sich heute
nicht mehr auf Maste verlassen darf. Und das muß gesagt werden, denn das
ist wichtig.“
„Bürsten und Bimsstein, da sind wir ja nochmal glatt davongekommen“,
rief er nun.
„Kreuzverhagelt nochmal“, schrie ich ihn an. „Halt dein
gotteslästerliches Maul, verflucht nochmal. Schreist ja das ganze
Gesindel heran. Wenn du im Trocknen sitzt, dann freu’ dich im stillen,
aber schrei es nicht raus so unverschämt. Ich gebe mir die größte Mühe,
das in unauffälliger und höchst eleganter Form zu sagen und vornehm zu
umschreiben, was ich meine, und du Prolet brüllst das glatt hinaus.“
„Rede nicht so große Töne. Jetzt ist doch alles egal, ist doch alles im
–.“
Mit diesem Stanislaw ist nichts zu erreichen, die Redewendungen, die er
zuweilen braucht, werden mich noch veranlassen, seine Gesellschaft zu
meiden.
„Alles egal?“ wiederholte ich. „Ich denke ja gar nicht dran. Alles egal
ist blöd. Es ist nie etwas egal. Jetzt geht das Vergnügen ja erst
richtig los. Bisher haben wir uns nur um Papiere herumgeschlagen, dann
mit dem Rattenfraß, dann wieder mit den verfluchten Rosten. Jetzt geht
es endlich um den letzten Atemzug, mit dem wir uns herumzuschlagen
haben. Alles übrige, was ein Mensch haben kann, ist weg. Alles, was wir
noch haben, ist der Atem. Und so schnell und willig laß ich mir den
nicht auch noch wegnehmen.“
„Ein Vergnügen denke ich mir aber anders“, sagte Stanislaw.
„Sei nicht undankbar, Lawski. Ich sage dir, es ist ein höllisches
Vergnügen, sich mit den Fischen um den Bissen zu prügeln, wenn man der
Bissen sein soll.“
Stanislaw hatte natürlich durchaus recht. Es war kein Vergnügen. Man
mußte sich ankrallen an den Handgriffen wie toll, um nicht
runtergeschwemmt zu werden. Die Brecher fühlte man nicht so hart auf der
schwimmenden Wand hier wie auf dem Schiff, weil die Brecher die Wand mit
hoch nahmen und nicht in voller Wucht darüber hinwegbrandeten. Aber
getaucht wurden wir doch oft genug, damit wir auch nicht vergessen
sollten, wo wir waren.
„Ich denke, wir müssen nun etwas tun“, sagte ich. „Meine Arme sind so
zerknüppelt, ich kann nicht mehr lange halten.“
„Wollen wir festlegen“, sagte Stanislaw. „Ich gebe dir hier mein
Tauende, und ich nehme deinen Bindfaden. Ich kann schon besser halten.
Der Bindfaden ist ja lang genug, daß man ihn dreifach nehmen kann.“
Stanislaw half nun, mich mit dem Tau festzuholen; ich konnte es mit
meinen lahmen Armen nicht gut allein tun. Dann band er sich ebenfalls
fest, und wir warteten nun auf die Geschehnisse.
Keine Nacht ist so lang, daß sie nicht endlich doch vorübergeht und dem
Tage weichen muß.
Mit dem neuen Tage ließ das schwere Wetter nach, aber der hohe Seegang
blieb.
„Siehst du was von Land?“ fragte Stanislaw.
„Nein. Ich wußte es ja, so leicht werde ich kein Entdecker neuer
Erdteile. Wenn nichts vor der Nase liegt, sehe ich keins.“
Plötzlich sagte Stanislaw: „Mensch, ich habe ja den Kompaß. War gut, daß
du ihn fandest.“
„Ja, ein Kompaß ist eine feine Sache, Lawski. Können wir immer sehen, in
welcher Richtung die afrikanische Küste liegt. Aber ein Segel wäre mir
lieber als zehn Kompasse.“
„Kannst nichts mit einem Segel machen auf dem Brett.“
„Warum nicht? Wenn Seebrise auf Land geht, gehen wir mit.“
„Wir werden wohl woandershin mitgehen, Pippip.“
Am Nachmittag wurde es wieder diesig und ein leichter Nebel legte sich
über die See. Er wirkte beruhigend auf das Toben des Meeres.
Die unermeßliche Weite der See wurde immer kleiner. Bald hatten wir die
Täuschung, daß wir nur auf einem Binnensee seien. Dann wurde auch der
See kleiner und kleiner und endlich glaubten wir, auf einem Flusse
dahinzugleiten. Es schien, als ob wir die Ufer mit den Händen ergreifen
könnten, und ehe wir einschliefen, sagte bald Stanislaw, bald ich: „Da
ist das Ufer, laß uns runtergehen und das kleine Stückchen
rüberschwimmen. Kannst es ganz deutlich sehen, es sind noch keine
hundert Schritt.“
Aber wir waren zu müde, um uns loszubinden und diese hundert Schritte zu
schwimmen.
Wir sprachen dann kaum noch und schliefen ein.
Als ich erwachte, war es Nacht.
Der dunstige Nebel lag noch immer auf dem Meer. Aber hoch in den Lüften
sah ich Sterne funkeln. Zu beiden Seiten sah ich die Ufer des Flusses,
auf dem wir hinglitten. Zuweilen wurde an einem der Ufer der Nebel
dünner, und ich sah die tausende funkelnden Lichter des nahen Hafens. Es
war ein großer Hafen. Er hatte hohe Wolkenkratzer und Miethäuser, deren
Fenster alle erleuchtet waren. Und hinter den Fenstern saßen die Leute
traulich beisammen und wußten nichts davon, daß hier auf dem Flusse zwei
Tote dahinglitten.
Und die Wolkenkratzer und die hohen Wohnhäuser wuchsen und wuchsen.
Welch ein gewaltiger Hafen war es, an dem wir vorüberglitten. Immer
höher und höher wuchsen die Wolkenkratzer bis sie endlich den Himmel
erreichten. Und die tausende funkelnden Lichter des Hafens, der
Wolkenkratzer und der traulichen Wohnhäuser, wo man nichts wußte von den
vorübergleitenden Toten, waren wie Sterne des Himmels. Und oben steil
über meinem Haupte trafen die Wolkenkratzer zusammen, und ich sah ihre
Fenster leuchten, und ich hoffte, die Gebäude möchten zusammenbrechen
und mich unter sich begraben. Es war die große Sehnsucht des Toten,
begraben zu werden und nicht mehr wandern zu müssen.
Ich bekam Angst und rief: „Stanislaw. Da ist ein großer Hafen. Sieht aus
wie New York.“
Stanislaw wurde munter, guckte sich um, sah durch den dünnen Nebel zu
den Ufern des Flusses, rieb sich die Augen, guckte hoch über sich und
sagte dann: „Du träumst, Pippip, die Lichter des großen Hafens sind
Sterne. Da ist auch kein Ufer. Wir sind auf hoher See. Spürst du doch an
den langen Wellen.“
Er konnte mich nicht überzeugen. Ich wollte nun doch zum Ufer schwimmen
und den großen Hafen erreichen. Aber als ich das Tau lösen wollte,
fielen mir die Hände schlaff herunter, und ich schlief ein.
Durst und Hunger machten mich wach. Es war Tag.
Stanislaw sah mich an mit verquollenen Augen. Mein Gesicht war
verkrustet von dem Salzwasser. Ich bemerkte, wie Stanislaw würgte, als
wollte er seine eigne Zunge kauen oder als sei sie ihm im Wege und lege
sich vor die Luftröhre.
In seinen Augen glomm Wut auf, und er rief mit rauher Stimme: „Du hast
immer gesagt, das Wasser auf der Yorikke stinkt. Das ist nicht wahr. Das
ist Quellwasser, ganz frisches, klares Quellwasser aus dem Tannenwalde.“
„Das Wasser stank nie,“ bestätigte ich, „das Wasser war Eiswasser. Und
der Kaffee war guter Kaffee. Ich habe nie etwas gegen den Kaffee auf der
Yorikke gesagt.“
Stanislaw schloß die Augen. Doch nicht lange darauf schreckte er
zusammen und schrie: „Zwanzig vor fünf, Pippip, raus. Hol’ das
Frühstück. Hiev die Asche. Das Frühstück zuerst. Pellkartoffeln und
Rauchhering. Den Kaffee. Viel Kaffee. Bring Wasser mit.“
„Ich kann nicht aufstehen“, gab ich ihm zur Antwort. „Bin gebrochen. Zu
müde. Mußt heute allein hieven. Wo ist denn der Kaffee?“
Wie war das? Ich hörte Stanislaw schreien, aber er war zwei Meilen fort.
Und meine Stimme war auch zwei Meilen weit fort von mir.
Nun brachen auch noch drei Feuertüren auf und die Hitze war nicht zu
ertragen. Ich lief zur Windhuze, um Atem zu schöpfen. Aber der spanische
Heizer schrie: „Pippip, die Feuertüren zu, der Dampf fällt.“
Aller Dampf fiel in den Kesselraum, und es wurde immer heißer. Ich lief
zum Trog, wo das Schlackenlöschwasser drin war, um meinen Durst zu
löschen, aber es schmeckte salzig und widerlich. Ich schnappte und
schnappte und trank es wieder, und der Feuerungskanal stand ganz weit
offen über meinem Kopfe am Himmel und war die Sonne, und ich trank
Seewasser.
Dann schlief ich wieder ein und die Türen der Feuerkanäle waren
geschlossen und der Heizer goß den Trog mit dem Schlackenwasser über den
Kesselraum, und ich war auf dem offnen Meer und ein Wellenkamm war über
die Wand hinweggebrochen.
„Da ist die Yorikke!“ schrie Stanislaw viele Meilen weit fort von mir.
„Das ist das Totenschiff. Der Hafen. Der Norweger liegt da. Er hat
Eiswasser. Siehst du nicht, Pippip?“
Mit beiden Armen, die Fäuste geballt, deutete Stanislaw über das weite
Meer.
„Wo ist die Yorikke?“ rief ich.
„Siehst du sie denn nicht, Mensch? Da liegt sie ja. Sechs Roste sind
rausgefallen. Verflucht. Jetzt acht. Himmelkreuzdonnerwetter! Wo ist der
Kaffee, Pippip? Habt ihr wieder alles weggesoffen. Das ist keine
Schmierseife, du Hund, das ist Butter. Gib den Tee jetzt her, verflucht
nochmal.“
Stanislaw fuhr herum, bald zeigte er in diese Richtung, bald in jene.
Immer fragte er, ob ich denn die Yorikke und den Hafen nicht sähe.
Aber mir war das gleichgültig. Es tat mir weh, den Kopf nach dem Hafen
zu drehen.
„Wir kommen ab! Wir kommen ab!“ brüllte nun Stanislaw. „Ich muß rüber
zur Yorikke. Die Roste sind alle raus. Der Heizer liegt im Kessel. Wo
ist das Wasser? Habt ihr denn keinen Kaffee mehr für mich gelassen? Ich
muß rüber, rüber, rüber.“
Er zerrte nun an dem Bindfaden, um ihn zu lösen. Er konnte aber die
Knoten nicht öffnen. Er drehte wie unsinnig an den Knoten und verknotete
sie immer mehr.
„Wo ist die Schaufel?“ rief er. „Ich muß das Tau kappen.“
Aber der Bindfaden hielt nicht lange. Stanislaw zerrte, riß und
scheuerte mit solcher Kraft an den dreifach gedrehten Verschnürungen,
daß er sich immer weiter daraus hervorwinden konnte. Die letzten Stringe
riß er durch.
„Die Yorikke fährt weg. Schnell, Pippip. Der Norweger hat Eiswasser. Er
winkt mit der Kanne. Ich bleibe nicht auf dem Totenschiff.“
Immer wilder brüllte Stanislaw.
Er hing nur noch am Fuß fest, und jetzt zerrte er auch dort die Stringe
los.
Ich sah das alles in meilenweiter Ferne, wie auf einem Bilde oder durch
ein Fernrohr.
„Da ist die Yorikke. Der Skipper tippt an die Mütze.“ Stanislaw rief es
und sah mich an mit starren Augen. „Komm rüber, Pippip. Tee und
Rosinenstollen mit Kakao und Wasser.“
Ja, da lag die Yorikke. Ich sah sie deutlich liegen. Erkannte sie an
ihrem bunten närrischen Kleide und an ihrer Brücke, die immer in der
Luft hängen blieb und von irgendeinem Schiff zurückgelassen worden war,
das sie nichts anging.
Da war die Yorikke, und jetzt hatten sie Frühstück oder Abendessen oder
Pflaumen in blauem Stärkeschleim. Der Tee war nicht schlecht. Das war
Lüge und Verleumdung. Der Tee war gut auch ohne Zucker und Milch. Und
das Trinkwasser stank nicht.
Ich begann, an meinem Tau zu knoten. Aber ich bekam den Knoten nicht
auf. Dann rief ich Stanislaw, er möge mir helfen, den Knoten
aufzuziehen. Aber er hatte keine Zeit. Er wurde mit seinem Fuße nicht
fertig und arbeitete wie toll, um den Fuß loszukriegen. Nun gehen auch
noch die Wunden auf, die man ihm auf dem Kopfe geschlagen hatte. Das
Blut sickert über sein Gesicht, aber er läßt sich nicht stören.
Und ich zerrte und zerrte an meinen Banden. Aber das Tau war zu dick.
Ich konnte es nicht durchscheuern und konnte meine Glieder nicht
herauswinden. Ich verstrickte mich immer mehr. Dann suchte ich nach der
Axt, nach dem Messer und endlich nach der Schaufel, die wir glatt
geklopft hatten, um einen hölzernen Mast daraus zu machen, aber der
Kompaß fiel immer wieder ins Wasser, und ich mußte ihn mit dem
durchgebrannten Rost fischen. Das Tau gab nicht nach. Der Knoten zog
sich immer fester. Das versetzte mich in namenlose Wut.
Stanislaw hatte seinen Fuß jetzt los.
Er drehte sich halb um nach mir und rief: „Komm rüber, Pipplaw. Sind nur
zwanzig Schritte zu laufen. Die Roste sind alle raus, und es ist
Wasserminute vor fünf. Aufstehen. Rasch auf. Raus. Asche hieven.“
Aber die Aschenhieve kreischte: „Da ist keine Yorikke!“ Und ich schrie,
so laut ich konnte: „Da ist keine Yorikke! Da ist keine Yorikke! Da ist
keine Yorikke!“
Ich klammerte mich an das Tau in furchtbarer Angst; denn die Yorikke war
fort, und ich sah nur Meer, Meer, sah nichts als die gleichmäßigen Wogen
der See.
„Stasinkowslow, spring nicht!“ Ich schrie es in namenloser Angst; denn
ich konnte seinen Namen nicht finden, der mir aus der Hand gerutscht
war. „Stanislaw, nicht springen! Nicht springen! Nicht. Bleib hier!“
„Die holt den Anker ein. Ich gehe nicht auf ein Totenschiff. Ich renne
rüber zur Yorikke. Renne, ich renne, renne. Rüber. Komm!“
Und er sprang. Er sprang. Da war kein Hafen. Da war kein Schiff. Da war
kein Ufer. Alles See. Alles Wogen.
Er tat nur ein paar patschende Schläge. Dann sank er für immer weg. Ich
starrte rüber zu dem Loch, in das er gefallen war. Ich sah es in
unendlich weiter Ferne. Und ich rief: „Stanislaw! Lawski! Bruder!
Lieber, lieber Kamerad, komm hierher! Hoiho! Hoiho! Hierher! Hierher!“
Er hörte nicht. Er kam nicht. Er kam nicht mehr hoch. Er tauchte nicht
mehr auf. Da war kein Totenschiff. Da war kein Hafen. Da war keine
Yorikke. Er tauchte nicht mehr auf, no, Sir.
Und das war merkwürdig. Er tauchte nicht mehr auf, und ich konnte es
nicht fassen, wie das zuging.
Er hatte angemustert für große Fahrt, für ganz große Fahrt. Aber wie
konnte er nur mustern? Er hatte doch kein Seefahrtsbuch. Sie würden ihn
gleich wieder runterfeuern.
Aber er kam nicht hoch. Der große Kapitän hatte ihn gemustert. Und treu
hatte er ihn gemustert, auch ohne Papiere.
„Komm, Stanislaw Koslowski“, sagte der große Kapitän, „komm, ich mustere
dich treu und ehrlich für große Fahrt. Laß nur die Papiere. Brauchst
keine bei mir. Fährst auf treuem und ehrlichem Schiff. Geh zum Quartier,
Stanislaw. Kannst du lesen, was über der Tür steht?“
Und Stanislaw sagte: „Ja, Käp’n. Wer hier eingeht, ist ledig aller
Qualen!“