4. ein Schiff, das gegen den Strom und gegen den Wind geht.

Die hier unter Nr. 4 aufgeführte Erfindung ist von verschiedenen

Geschichtsforschern, z. B. Woodcroft, dahin ausgelegt, daß sie sich auf

ein Dampfschiff beziehe. Hierfür bietet aber die Patentschrift Nr. 131

keinerlei Anhalt. Hieraus scheint sich vielmehr zu ergeben, daß es sich

um eine eigenartige Benutzung der Kraft des Windes handelt, die auch

zum Be- und Entladen von Schiffen benutzt werden sollte.

Im Jahre 1659 gab _Jakob Dobrzenski_ ein größeres reich illustriertes

Buch ~Nova et amaenior de admirando fontium genio Philosophia~

heraus, in welchem in Anlehnung an Heron von Alexandrien eine Anzahl

hydraulischer Apparate, u. a. auch eine Vorrichtung, um Wasser durch

die Kraft erwärmter Luft zu heben, beschrieben wird.

Nunmehr sind zwei Patente bemerkenswert, die im Verlaufe des Jahres

1662 erteilt wurden. Dieselben enthalten zwar keine Angaben, aus denen

hervorgeht, daß es sich um die Anwendung der Dampfkraft handelt, die

jedoch derart abgefaßt sind, daß sie dahin gedeutet werden können, daß

es sich um eine solche handelte.

Das erste dieser beiden Patente ist am 12. März 1662 an _Ralph Waine_

unter Nr. 135 verliehen. Als Gegenstand des Patents ist angegeben:

_eine Maschine mit perpetuierlicher Selbstbewegung, die ohne Hilfe

einer Person oder einer Kreatur nicht nur weite Flächen Landes von

großen Wassermengen trocken legt, sondern auch Bergwerke von mehr als

50 Fathoms Tiefe_.

Das zweite Patent trägt die Nummer 139 und ist am 17. September 1662 an

_Thomas Togood_ erteilt. Dasselbe betrifft eine Erfindung, neue Schiffe

zu bauen, die ohne Hilfe von Wind und Strömung fahren, und eine neue

Erfindung zum Heben von Wasser mit Wassersaugern, die eine besondere

Anwendung finden können, sowie die Entwässerung von Bergwerken, _die

mit Hilfe der bisher bekannten Maschinen nicht erreicht werden kann_.

Im Jahre 1663 erschien die bereits erwähnte Schrift des _Marquis of

Worcester_: „Ein Hundertvoll Namen und Beispiele von Erfindungen“. Der

vollständige Titel dieser von den einen in den Himmel gehobenen, von

den anderen als Ergebnis hohler Prahlerei verschrieenen Druckschrift

lautet:

„Ein Hundertvoll der Namen und Beispiele von denjenigen Erfindungen,

von denen ich mich entsinnen kann, sie versucht und ausgebildet zu

haben, welche ich (da meine früheren Niederschriften verloren gegangen

sind) auf inständiges Ersuchen eines machtvollen Freundes im Jahre 1655

versucht habe, in einer solchen Weise niedergelegt habe, daß ich mich

aus ihnen derart unterrichten kann, daß ich imstande bin, die eine

oder andere praktisch auszuführen. ~Artis et Naturae proles.~ London.

Gedruckt bei J. Grismond im Jahre 1663.“ Das Buch ist dem englischen

König und dem Parlament gewidmet.

Unter den hundert verschiedenen, zum großen Teil nur andeutungsweise

aufgeführten Erfindungen befinden sich u. a. folgende: Verstellbarer

Stempel (Nr. 1), Abfeuern von Kanonen bei Nacht wie bei Tage (Nr. 8),

eine Höllenmaschine (Nr. 9), die so klein ist, daß man sie in der

Tasche tragen kann, und die, im Innern des größten Schiffes angebracht,

zu einer bestimmten Minute, selbst nach Verlauf einer Woche, bei Tag

oder Nacht das Schiff unfehlbar zum Sinken bringt. Nr. 10 bezieht

sich auf das Tauchen, um von einer eine Meile entfernten Stelle aus

die unter Nr. 9 erwähnte Höllenmaschine an dem Schiffe anzubringen.

Unter Nr. 11 wird dann ein Mittel angegeben, um ein Schiff vor jenen

Höllenmaschinen zu bewahren. Ein Verfahren (Nr. 15), ein Boot zu

bauen, das von selbst ohne Hilfe eines Menschen oder eines Tieres

gegen Wind und Strömung fährt; ein Meeresschloß (Nr. 16) oder -festung

kanonenschußsicher zu machen, das auch innerhalb einer Stunde bei 1000

Mann Besatzung in drei Schiffe verwandelt werden kann. Ein auf der

Themse schwimmender Blumengarten (Nr. 17). Eine Wasserhebevorrichtung

(Nr. 21). Bewegung von Lasten mit geringem Kraftaufwande (Nr. 27). Eine

Repetierpistole (Nr. 58). Als Anwendungsarten des Dampfes kommen nur

die unter Nr. 68, 98 und 100 beschriebenen Vorrichtungen in Frage.

Unter Nr. 68 heißt es: „Eine merkwürdige und sehr kräftige Art, Wasser

zu heben, und zwar nicht in der Weise, daß es hinaufgedrückt oder

hinaufgesaugt wird, denn dies ist, wie die Philosophen sagen, nur

~intra sphaeram activitatis~, d. i. innerhalb enger Grenzen möglich.

Der hier beschriebene Weg kennt keine Grenzen der Wirkung, sofern nur

die dabei benutzten Gefäße stark genug sind. Ich nahm ein Kanonenrohr,

von dem an dem einen Ende ein Stück abgesprungen war, füllte dessen

Hohlraum zu drei Viertel mit Wasser, verschloß das Mundloch und das

Zündloch sorgfältig mittels Schrauben. Nunmehr brachte ich ein starkes

Feuer unter das Kanonenrohr, das dann nach 24 Stunden mit lautem Krach

zerbarst. So hatte ich auf diese Weise ein Verfahren erkannt, um meine

Gefäße so herzustellen, daß sie nacheinander mittels der in ihnen

aufgespeicherten Kraft gefüllt werden können.

Ich habe gesehen, wie das Wasser gleich dem ständigen Strahl eines

Springbrunnens 40 Fuß hochstieg. Ein Gefäß, das Wasser enthielt, das

durch Feuer verdünnt wurde, trieb vierzig Gefäße kalten Wassers empor.

Und ein Mann, der die Vorrichtung bedient, braucht nichts weiter zu

tun, als zwei Hähne zu drehen, damit wenn das in dem einen Gefäß

enthaltene Wasser verbraucht ist, ein anderes Gefäß zu arbeiten und

sich mit kaltem Wasser zu füllen beginnt usw. Erforderlich ist, daß

das Feuer gleichmäßig unterhalten wird. Dieses kann aber durch ein

und dieselbe Person besorgt werden, und zwar zwischen der Drehung der

erwähnten Hähne.“

Unter Nr. 98 heißt es: „Eine so ersonnene Maschine, daß, wenn der

bewegliche Teil („~primum mobile~“) vorwärts oder rückwärts, aufwärts

oder abwärts, im Kreise oder winklig, hin und her, gerade, senkrecht

sich bewegt, die angestrebte Wirkung ständig vor sich geht, ohne daß

eine der vorgenannten Bewegungen die andere hindert oder vermindert.

Alle Bewegungen vereinigen sich vielmehr, um der Vorrichtung Kraft

in erhöhtem Maße zuzuführen. Und daher nenne ich diese Maschine eine

‚halballmächtige Maschine‛ (~A Semi-omnipotent Engine~). Ein Modell

derselben soll mir dermaleinst in das Grab mitgegeben werden.“

Unter Nr. 100 macht dann der Marquis of Worcester folgende Ausführungen:

„Durch das merkwürdige Hilfsmittel, welches die beiden zuletzt

genannten Erfindungen darbieten, ist nun von mir nach jahrelangem

Arbeiten ein Wasserwerk ausgeführt worden, mit dessen Hilfe mit der

Kraft eines Kindes eine unglaubliche Menge Wassers 100 Fuß hoch gehoben

werden kann, und zwar sogar in einem Rohre von zwei Fuß Durchmesser.

Und dies geht so natürlich vor sich, daß die Maschine noch nicht einmal

in dem benachbarten Raum gehört wird, und so leicht und einfach, daß,

wenn die Maschine selbst während eines ganzen Jahres Tag und Nacht in

Tätigkeit wäre, die Reparaturen noch nicht 40 Schillinge kosten und

keinen Tag erfordern würden.

_Ich kann daher diese Maschine mit Kühnheit das bewundernswerteste

Werk der ganzen Welt nennen_. Dieselbe vermag nicht nur mit kleinem

Aufwande alle Sorten von Bergwerken zu entwässern, sondern auch selbst

hochgelegene Städte mit Wasser zu versorgen. Hierbei läßt sie das

Wasser durch die Straßen laufen und übernimmt demnach auch das Amt der

Straßenreiniger. Auch liefert sie den Einwohnern für ihre Privatzwecke

Wasser in genügender Menge. Sodann versorgt sie Flüsse mit derartigen

Wassermassen, daß sie schiffbar sind und bleiben von einer Stadt zur

anderen.

Und so hebt sie die Verhältnisse mit vermehrtem Vorteil, Nutzen,

Bewunderung und Stetigkeit. Daher glaube ich denn auch wohl mit Recht,

daß durch diese Erfindung meine Arbeiten gekrönt werden und daß sie

mich für alle meine gehabten Aufwendungen entschädigen wird, so daß ich

nicht mehr gezwungen bin, meine Gedanken auf weitere neue Erfindungen

zu richten.

Hiermit ist das Hundert voll, und ich will den Leser nicht weiter

ermüden, denn ich habe die Absicht, der Nachwelt ein Werk zu schenken,

in welchem unter allen den behandelten Kapiteln angegeben werden soll,

wie die genannten Erfindungen ausgeführt werden können, und zwar unter

Beifügung von Kupferstichen.

~In bonum publicum.

In Majorem Dei Gloriam.~“

Dieses vom Marquis of Worcester der Nachwelt verheißene Werk ist nicht

zur Ausführung gekommen. Wohl aber hat _Henry Dircks_ es unternommen,

die hundert Erfindungen nach Kräften zu erklären[37].

Die Nachwelt hat mehrfach den Versuch unternommen, die unter Nr. 68 des

Centurys angegebene Maschine zu rekonstruieren.

Die Abb. 19 stellt die vermutliche Anordnung der Worcesterschen

Wasserhebemaschine nach La Cour und Appel dar[38]. Wir sehen hier

links das Gefäß, in dem der Dampf entwickelt wird, der dann in das

rechts stehende Gefäß geleitet wird und aus diesem das Wasser in einem

Steigrohr empordrückt.

Wie Salomon de Caus so ist auch der Marquis of Worcester als Erfinder

der Dampfmaschine poetisch verherrlicht worden, und zwar in Bulwers

„~The last of the Barons~“.

[Illustration: Abbildung 19.

Wasserhebemaschine des Marquis of Worcester.

Die Geschichte der Dampfmaschine bis James Watt · 第 43 / 109 题