Verwandlung

Musik. Das Innere einer ganz verfallenen gotischen Kapelle.

Es stehen nur die Mauern noch. Der Mond leuchtet am bewölkten

Himmel, und sein Licht strahlt gerade durch das Eingangstor,

so daß der Bettler, wenn er die letzte Rede spricht, von ihm

beleuchtet wird.

Der Bettler sitzt an der Ecke der Hinterwand im Dunklen auf

einem niedern Stein.

Flottwell, in einen Radmantel gehüllt, tritt ein.

Flottwell. Die Nacht ist kühl. Auch zieht in Westen ein

Gewitter auf. Wenn es nur bald vorübergeht! Was rauscht?

Bin ich hier nicht allein? Wer kauert in der Ecke dort?

Hervor!

Der Bettler (steht auf). Ich bins, mein gnädger Herr, und

habe Sie schon lang erwartet.

Flottwell. Was tritt mir dieser Bettler heut zum drittenmal

entgegen? (Der Bettler tut einen Schritt vor, nun bescheint

ihn der Mond.) Ha! wie der Mond sein Antlitz graß beleuchtet.

Was willst du hier von mir, du grauenhaftes Bild des

selbstgeschaffnen Jammers?

Bettler (kniet). Ach, das verzweiflungsvolle Los meines

geheimnisvollen Elends und meine Herzensangst, daß Sie dies

Land verlassen, zwingen mich, den morschen Leib aufs neue in

den Staub zu werfen. Sie sind der einzige in dieser

unbarmherzgen Welt, auf dessen Großmut ich noch bauen kann.

Flottwell. Hinweg von mir! je länger ich dich schaue, je

greulicher kommt mir dein Anblick vor. Dring ihn nicht auf,

ich will dich nie mehr sehen.

Bettler. Es steht bei Ihnen, gnädger Herr, mich gänzlich zu

verscheuchen. Doch müßten Sie dafür ein großes Opfer bringen.

Oh, geben Sie die Hälfte dieses Schatzes nur, den Sie auf

Ihrer Brust verbergen, und niemals hören Sie mich mehr zu

Ihren Füßen wimmern.

Flottwell. Habgieriges Gespenst! Hat Satan dich verflucht,

daß du der Erde Gold sollst nach der Hölle schleppen? So ein

frech Begehren kann ja Wahnsinn kaum erfinden. Ein Bettler,

der um Millionen flehet!

Bettler. Vernünftger ists, sie zu begehren, als sie wie du

vergeuden.

Flottwell. Wie wagst dus, mich zur Rechenschaft zu ziehen?

Du undankbarer Molch, den ich so reich beschenkt!

Bettler. Nie wird ein Bettler müd, den Reichen zu beneiden.

Flottwell. Wie Hundgeklaffe bei des Diebs Erscheinen schallt

sein Gebelfer durch die Nacht!

Bettler (gegen den Eingang rufend). Oh, hör es, Welt! Oh, hört

es, Menschen alle! Der überreiche Mann läßt einen Bettler darben.

Flottwell (halblaut). Dies gräßliche Geschrei wird mich am End

verraten. Schweig doch und nimm dies Gold, um deine Gier zu

stillen. (Er wirft ihm einen Beutel hin.)

(Ferner Donner.)

Bettler (hebt ihn auf. Laut jammernd) Zu wenig ists für mich,

mein Elend ist zu groß. Ich laß nicht ab, der Welt mein Leid

zu klagen (zwischen dem Eingang) und ruf die Menschheit zwischen

uns zum Richter auf.

Flottwell. Verstummst du nicht durch Gold, so mach dich Stahl

verstummen. Schweig! oder ich durchbohre dich! (Er zieht den

Degen und durchsticht ihn.)

Bettler (bleibt stehen). Mörder! Dein Wüten ist umsonst! Du hast

mich nicht verwundet. Was ich begehrt, kann mich versöhnen nur.

(Nochmal bittend.) Oh, möchtest du doch jetzt in meine Bitte

willgen.

Flottwell (hartnäckig). Du willst mich zwingen? Nie!

Bettler (halblaut rufend). So flieh, Verschwender, flieh! Doch

mir entfliehst du nicht, und an der Themse sehen wir uns wieder!

(Ab.)

(Der Mond verbirgt sich hinter den Wolken. Man hört den Wind

brausen. Blitze leuchten.)

Flottwell. Als ich ihm dort im Mondlicht in das bleiche Antlitz

starrte, ergriff es mich, als säh ich meines Vaters Geist. Die

Nacht wird stürmisch. Ha! Ein Schatten fliegt daher!

Der Verschwender · 第 72 / 102 题