Es war noch finster, der Mond war noch nicht aufgegangen, als sich Lande
seiner Wohnung näherte. Er dachte unablässig über Tkatschow nach; seine
Gedanken waren eigentümlich starr und schneidend.
... Als er mich auslachte, litt er mehr als ich, ich sah es ... Das ist
entsetzlich, aber wer hat Schuld, ich oder er ... oder irgend einer
außer uns beiden? ... Ich weiß nicht ... Man muß kämpfen, aber wie
kämpfen, wenn ich nicht einmal weiß, woher es kommt? ...
Es war still. Lande ging und starrte mit Augen, die nichts sahen, auf
die dunkle Erde, die langsam unter seinen Füßen nach hinten glitt.
»Pa--a!« schrie irgendwo in der Nähe verzweifelt, schmerzlich flehend
ein Kind; plötzlich lebte die ganze öde, dunkle Straße in wilden,
gräßlichen Tönen auf.
»Papa ... ich tu's nicht wieder ... Papachen!« schrie hilflos das Kind;
es schien sich zu wehren.
»Tust es nicht? ... Tust es nicht? ... Tust es nicht? ...« knarrte
gleichmäßig eine abgerissene und fast ausgetrocknete Baßstimme, immer
höher und nachdrücklicher im Ton. Es war, als ob in den kurzen
Zwischenräumen von einem Wortfetzen zum anderen etwas Grauenhaftes
geschah.
Unter einem Fenster stand jemand und lauschte gespannt. Der dünne,
blasse Schatten eines jungen Mädchens mit weißem Gesichtchen und großen,
bang glänzenden Augen schwankte eigentümlich undeutlich in der
Dämmerung.
»Sind Sie das, Ssonja?« Lande erkannte Ssemjonows Schwester und faßte
ihre magere Hand. »Was geht hier vor?«
»Sie hören, er schlägt es tot!« erwiderte sie mit eigenartiger, halb
kindlicher, halb weiblicher Stimme; mit einer Bewegung grausamer, wilder
Neugierde reckte sie den Hals zum Fenster hoch.
Lande, der sich nur mit Mühe von seinen Gedanken losreißen konnte,
begriff im Augenblick alles, ächzte auf, rannte kopfüber in den Hof
hinein, wobei er mit dem Knie gegen einen in der Finsternis unsichtbaren
Holzpfahl stieß, sprang die Stufen hinauf und riß die Tür zum Zimmer
auf.
Dort brannte groß und hell eine Lampe und warf eine Garbe goldiger
Funken in einen Haufen Heiligenbilder, die in einer Ecke bis an die
Decke aufgetürmt waren. Und in der Mitte des Zimmers stand, mit dem
Gesicht zur Tür, in einer sonderbaren, fast wollüstig vornübergebeugten
Stellung, Firsow ohne Rock, nur in der Uniformweste mit den kleinen
glänzenden Metallknöpfen, und schlug, gleichmäßig durchziehend, mit
einem langen, schmalen Riemen über einen geröteten schmalen Hinterteil,
den er zwischen seinen langen, eckigen Knien fest eingeklemmt hielt.
»Tust es nicht wieder! Tust es nicht wieder!« wiederholte er mit
schneidender Stimme und schlug in den Zwischenräumen von einem Ausruf
zum anderen klatschend und genußsüchtig mit dem Riemen, der in dunklen
Streifen das zartrosige abgerundete Fleisch durchschnitt, darauf los.
Eine kalte, neblige Welle schlug Lande durch den Kopf, und ehe er sich
besinnen konnte, was zu tun wäre, stürzte er, fast hingerissen von Wut,
auf Firsow zu, ergriff die dünne, sehnige Hand und stieß ihn aus voller
Kraft gegen die Brust. Firsow schlug mit den ausgleitenden Beinen hoch,
ließ Riemen und Kind fallen, klammerte sich aber noch rechtzeitig an den
Tisch. Es klirrte etwas und zerschlug am Boden.
»Was ist das wieder? Was wollen Sie?« brüllte er, die Fäuste ballend.
Lande drückte das laut weinende Kind an sich und blickte Firsow mit
weitgeöffneten, zornigen Augen entgegen.
»Firsow, kommen Sie zu sich!« sagte er mit zitternden Lippen, aber mit
eigentümlich unbesiegbarer Kraft.
Eine Minute lang blickte ihm Firsow halb wahnsinnig in die Augen und
erkannte ihn nicht; dann wurde er plötzlich tiefrot; im gleichen Moment
erlosch das düstere, wilde Feuer, das in seinen geöffneten Augen
brannte. Er strich sich krampfhaft über den Kopf, und murmelte.
»Aah, Sie sind es, Iwan Ferapontowitsch! ... Entschuldigen Sie ... ich
...«
»Wieder, Firsow, wieder! Schämen Sie sich denn nicht; fürchten Sie nicht
die Sünde!«
Er wandte sich um und schob das Kind Ssonja zu, die schweigend in der
Tür stand.
Das gelbe lange Gesicht Firsows wurde kupferrot.
»Erlauben Sie, Iwan Ferapontowitsch ...« sagte er heiser. »Sie können
nicht wissen ... ich habe nicht ohne Grund ...«
»Welchen Grund könnte es dafür geben!« rief Lande mit der früheren Kraft
und mit zorniger Verachtung. »Kein Grund kann solchen Greuel
rechtfertigen!«
Firsow trat plötzlich auf ihn zu und erhob seine knochige, zitternde
Hand.
»Nein, doch!« rief er, indem er die gelben Wurzeln der abgenützten Zähne
zeigte und die Augen wieder weit aufriß. »Wissen Sie denn, was dieser
Lausebengel hier getan hat? Wissen Sie es?« Er stieß die Worte mit
wachsendem Triumph aus.
»Was?«
»So, >was<! Hier, bitte, Sie können es bewundern!« Firsow trat
siegesfreudig zur Seite und steckte den ausgestreckten langen Finger
zwischen die Heiligenbilder.
Lande blickte hin, verstand aber nichts; er sah anfangs nur einen Kasten
mit Farben, einen Pinsel und ein Glas voll schmutzigen, grünen Wassers.
»Was?« wiederholte er.
»Hier!« rief Firsow wieder mit dem gleichen Triumph und riß Lande am Arm
zu den Heiligenbildern hin.
Lande unterschied, daß zwei auf Papier gedruckte Szenen aus der Heiligen
Schrift kindlich mit widersinnigen Farben bemalt waren; den weiblichen
Gesichtern waren Schnurr- und Kinnbärte aufgesetzt worden.
»Ah so!« sagte er gleichmütig.
Das Kind schluchzte still.
»Weine nicht ... Wir lassen ihn nicht mehr ...« Ssonja sprach ganz
mechanisch; sie wandte keinen Blick von Lande.
»Aber es ist doch ein Kind, Firsow!« Lande nahm ihn an der Hand und
versuchte, ihn zu beruhigen.
»Das weiß ich, daß es ein Kind ist!« Firsow warf den Kopf in den Nacken.
»Wenn er kein Kind wäre, so hätte ich ihn vielleicht totgeschlagen! ...«
»Was reden Sie!« Lande machte eine abwehrende Handbewegung.
»Gewiß ... totgeschlagen, totgeschlagen hätte ich ihn!« schrie Firsow
hartnäckig und klopfte mit den Fingerknochen auf den Tisch.
»Lassen Sie das, Firsow,« befahl Lande energisch und nahm ihn an der
Hand; dann sah er sich nach Ssonja um. »Lassen Sie ... wegen einer
solchen Bagatelle! ...«
Firsow richtete sich blitzschnell auf, als ob er gerade auf diese Worte
gewartet hätte.
»Bagatelle?« wiederholte er, das Wort unnatürlich dehnend.
»Ja, wie kann man denn dem irgendwelche Bedeutung beimessen! Verstehen
Sie denn nicht, daß Sie unendlich viel mehr sündigen als der arme
Knabe?« sagte Lande überzeugend und traurig.
»Ha! ... Das halten Sie für eine Bagatelle? So ...« fing Firsow an, und
plötzlich rief er in dem früheren, geheuchelt wütenden Ton, als ob er
sich künstlich erhitzen müsse:
»Eine Bagatelle ist das?« Er kreischte schrill und stampfte mit den
Füßen. »Hinaus, hinaus mit dir! Gotteslästerer, Teufel! Hinaus, daß hier
keine Spur von dir bleibe.«
»Firsow,« sagte Lande erstaunt, »was haben Sie?«
»Hinaus!« brüllte Firsow. Er hörte absichtlich nicht, spritzte Speichel,
trampelte mit den Füßen und geriet nun wirklich in Wut.
Zum zweiten Mal in seinem Leben schien es Lande, daß es nicht ein Mensch
war, der schreit, sondern irgend ein hinterlistiges, böses Wesen in ihm.
Der Ekel stieg ihm in den Hals; aber dieses Gefühl war ihm so ungewohnt
und qualvoll, daß er sich schnell abwandte und zurückwich.
»Ich gehe fort ...« sagte er hastig. »Sie sind heute sehr eigentümlich
... Lieber will ich morgen kommen ... Nur nehme ich auch Sserjoscha mit,
sonst können Sie ...«
Firsow erstickte fast vor Wut, sperrte die Augen auf, blieb aber stumm.
Lande wandte sich zu Ssonja.
»Wir nehmen ihn zu uns, Ssonja!« sagte er.
Ssonja warf einen raschen Blick auf ihn, nickte schweigend mit dem Kopf,
hob angestrengt den dicken, verweinten Jungen auf den Arm und ging zur
Tür.
»Wir gehen fort, Firsow, und nehmen Sserjoscha mit ...« wiederholte
Lande.
»Glück auf den Weg!« rief heiser Firsow und blieb wie angewurzelt vor
den Heiligenbildern in der Ecke stehen.
»Wir nehmen ihn ja nur, weil Sie zu aufgeregt sind,« sagte Lande in
versöhnlichem Ton.
»Schon gut, schon gut!« nickte Firsow schadenfroh mit dem Kopf. »Bringen
Sie ihn nur zurück ... Dann werden wir weitersehen!«
Eine Sekunde lang stand Lande unbeweglich und blickte lange und gramvoll
Firsow gerade in die Augen. Aber der wandte sich ab und ließ seine
Blicke über die Heiligenbilder, den Fußboden, die Wände laufen.
»Aber was haben Sie?« rief Lande bitter. »Niemals waren Sie so zu mir.«
»Schon gut, schon gut!« murmelte Firsow. »Sie haben sich auch was in den
Kopf gesetzt. Bilden Sie sich nichts ein! ... Es gibt noch andere wie
Sie, wenn Sie sich auch nicht in den Vordergrund drängen ... Wie manch
andere! Jawohl, und ... diesem Lausebengel werde ich es noch beibringen,
wie er ...«
»Aber er ist doch vor allen Dingen Ihr Sohn!« Lande schlug sich mit der
Faust an die Brust.
»Es ist nicht Ihre Sache, mich über meine Pflichten gegen meinen Sohn zu
belehren! Verstehen Sie? Nicht Ihnen und nicht mich! Der Herr weiß, wo
das Richtige ist ... Der Sohn -- ich weiß, was ein Sohn ist! Ich habe
keinen Sohn über meinem Gott!« rief er wieder, indem er sich plötzlich
umwandte. »Hier! ...«
Er konnte nicht zu Ende reden und begann, sich krampfhaft an die
Heiligenbilder zu klammern, während er etwas auf den Boden fallen ließ
und sinnlos murmelte:
»Hier alles ... alles ... alles hier!«
Lande blickte Firsow fragend an, zuckte schwer mit den Achseln und ging
aus dem Zimmer:
»Ich werde jetzt lieber fortgehen ... meine Gegenwart regt Sie
wahrscheinlich auf ...« sagte er weich.
Ssonja stand an den Stufen mit dem Kind auf dem Arm.
»Gehen wir, es ist unmöglich, mit dem Vater zu sprechen ... Er ist jetzt
fast wahnsinnig!«
Er nahm das Kind zu sich auf den Arm und trug es, die Wange an das
weiche kindliche Bäckchen geschmiegt. Ssonja ging hinter ihm und schaute
mit einem unnatürlich begeisterten Blick auf Landes Nacken, während sie
mechanisch die von Tränen genäßte Hand abwischte.
X
Am andern Tag trat Firsow, im Rock und hohen Kragen, trocken und gerade
wie ein Stock, in Ssemjonows Zimmer. Lande saß angekleidet am Fenster
und schrieb, den Kopf zur Seite geneigt, eifrig, mit etwas kindischen,
säuberlichen Schriftzügen ein großes Manuskript ab, das ihm Ssemjonow
zur Abschrift verschafft hatte. Der kranke Student lag noch auf dem Bett
und rauchte.
»Ah, Firsow!« rief Lande freudig und erhob sich, um ihm
entgegenzutreten, wobei er auf das sauber abgeschriebene Blatt einen
Klecks machte. Ssemjonow bemerkte von weitem diesen Klecks, sagte aber
nichts.
Firsow warf einen kühlen Blick auf Lande; reichte aber die Hand nicht.
»Ich bin gekommen, meinen Sohn abzuholen!« sagte er trocken und
übermäßig offiziell.
»Sserjoscha ist schon längst in den Garten gelaufen ...«
»Ssonja ging mit ihm spazieren ...« warf Ssemjonow in gleichgültigem Ton
hin.
»Ich danke Ihnen!« Firsow verneigte sich ebenso unnatürlich nach seiner
Richtung. »Und nun bitte ich um Entschuldigung ...«
Und er wandte sich zum Fortgehen.
»Was soll das heißen, Firsow?« fragte Lande betrübt.
»Nichts!« Firsow zuckte mit merkwürdig flottem Vergnügen die Achsel.
»Aber lassen Sie doch das!« erwiderte Lande.
»Macht eine Pose wie ein Idiot!« bemerkte Ssemjonow zornig.
Firsow drehte sich rasch zu ihm herum; er geriet aus einem stockdürren
plötzlich in einen äußerst biegsamen Zustand.
»Ich weiß nicht, wer der Idiot ist!« erwiderte er scharf. »Aber da es
nun dazu kommt ... so bitte, ich will mich mit Ihnen auseinandersetzen.«
Er legte rasch Stock und Hut auf den Stuhl und setzte sich ebenso rasch
und impulsiv daneben.
»Sehr notwendig!« schnaubte Ssemjonow. »Hampelmann!«
»Ruhig, Wassja!« bat Lande.
Firsow tat, als ob er nichts gehört hätte und drehte sich kurz nach
Lande um.
»Ich sehe mich gezwungen, etwas weit zurückzugreifen ...« begann er
hochtrabend, mit offensichtlichem innerem Behagen an der vorbereiteten
Rede. »Sie ... Iwan Ferapontowitsch, hatten einmal auf mich einen
bedeutenden Einfluß ausgeübt, ich muß das gestehen ... ja, ich will es
aufrichtig gestehen ... Ja, ich darf schließlich sagen, daß wir sogar
Freunde waren.«
Tiefe Ziegelröte trat auf die welken, trockenen Backen Firsows; für
einen Augenblick schien es, daß er in seiner Rede gestolpert wäre, als
fürchtete er, Lande könne es bestreiten.
»Ich war Ihnen immer zugeneigt, Firsow ...«
Ein Zug verborgener, ihn selbst erniedrigender Befriedigung huschte über
Firsows Mienen; doch sofort wurde er grob und unverschämt.
»Sie haben mich durch den äußeren Eindruck Ihrer Handlungen, deren
wahren Sinn ich damals meiner Jugend wegen nicht durchschauen konnte,
verlockt ...«
»Ich glaube, ich habe Sie doch als erwachsenen Menschen kennen gelernt
...« fiel ihm Lande, der ihm mit äußerstem Interesse zuhörte, naiv ins
Wort.
Firsow wurde wieder von einer besonderen blaugelb gedeckten Röte
überzogen.
»Jawohl ... Allerdings, ich ... Ich wollte gesagt haben, daß, als Sie,
noch ein Jüngling, Arme und Kranke besuchten und alles verteilten ...
und so weiter, da meinte ich, einen wahren Christen gesehen zu haben ...
und auch Ihre Reden bekräftigten mich darin ... Ich fühlte große
Sympathie für Sie. Ich muß es auch jetzt gestehen ... Dadurch, daß Sie
infolge Ihrer Beredsamkeit die vertrauensvolle Jugend fortrissen, wurden
Sie sozusagen zum Mittelpunkt ... zu einem Abgott für viele. Selbst ich,
ein Mann, -- ich darf es ohne Überhebung sagen --, von innerem Halt und
gefestigtem Charakter, ein Mann von Überzeugungen, konnte lange Zeit
nicht den wahren Sinn Ihrer Reden und Handlungen begreifen ...«
»Und welchen Sinn hatten sie, nach Ihrer Meinung?« fragte Lande mit
Interesse.
»Das werden Sie schon selbst wissen ...« Firsow warf ihm einen schlauen
Blick zu und hob den Finger, als ob er ihn zur Seite schieben wollte.
»Nun, doch?«
»Den folgenden ... wenn Sie es durchaus zu hören wünschen ... Indem Sie
sich am Dienst der Kirche in keiner Weise beteiligten, wollten Sie
gleichsam betonen und ... und hervorheben, daß die wahre christliche
Religion außerhalb der Kirche liegt ... Jawohl! Und Sie haben auch in
der Tat viele verlockt, so daß sie aufhörten, die Kirche zu
frequentieren und sogar in eine Kritik der Dogmen verfielen! ... Viele,
aber nicht ich ... Ihnen ging es natürlich gegen den Strich, ich aber
bin kein dummer Junge von Student; nicht Sie wären imstande, mich zu
beirren. Eher werde ich Sie auf den wahren Weg leiten!«
»O Gott!« seufzte Lande schmerzlich auf. »Was Sie nur da alles
zusammenreden, Firsow!«
Ssemjonow drehte sich mit unterdrückter Aufregung schwer auf dem Bett
hin und her.
»Jawohl, jawohl!« wiederholte Firsow hochmütig. »Nicht mich.«
»Und doch kann ich nicht verstehen, was das alles soll ...« Lande schlug
die Hände auseinander.
»Das Folgende!« schrie Firsow grob; sein dunkelgrauer Backenbart ging
borstig in die Höhe. Es war offensichtlich, daß er sich verwickelt hatte
und sich, da er es einsah, in seiner Eitelkeit gekränkt fühlte.
»Erlauben Sie, schließlich, Ihnen geradezu die Frage zu stellen: Sind
Sie ein Christ oder nicht?«
Ssemjonow schnaubte.
»Ich weiß wirklich nicht ... und wir wollen doch lieber ein andres Mal
darüber sprechen ...« versuchte Lande, den es um Firsow schmerzte, das
Gespräch abzulenken.
Wie von einem Strom mitgerissen, schlug Firsow kurz Wort für Wort
herunter: »Soo, -- -- Glauben Sie an die rechtgläubige Kirche?«
Lande lief aufgeregt im Zimmer umher.
»Was ist das für eine Frage, Firsow? Wozu das? Übrigens, wenn es Ihnen
wichtig ist, an die Kirche glaube ich ganz und gar nicht, das ist
selbstver-- ...«
»So--o!« fiel ihm Firsow ins Wort, während er aufsprang und sich mit
enger Freude die Hände rieb. »Dieses Gespräch im Zusammenhang mit vielem
anderen, sowie mit der Lossagung von Ihrer Mutter ...«
Lande riß die Augen weit auf.
»Das ist nicht wahr, ich habe mich niemals von meiner Mutter losgesagt
... nur habe ich mich entschlossen, getrennt von ihr zu leben, weil --«
»Aber wozu redest du noch ein Wort mit diesem Aas!« brauste Ssemjonow
plötzlich auf und setzte sich im Bett auf, zerzaust und gelb. »Weshalb
erlaubst du jedem Strolch, in deine Seele hineinzufassen!«
»Ich verstehe!« stieß Firsow in dem früheren falschen Ton zwischen den
Zähnen hervor, und zog vorsichtig seine Mütze zu sich heran. »Mehr habe
ich nicht zu fragen, obgleich ich noch einiges sagen wollte ... was
möglicherweise --« er fügte es mit augengesenkter stolzer Bescheidenheit
hinzu -- »Ihnen einen gewissen Nutzen bringen könnte ... Aber da es
einmal ... genug! Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe ... Und Sie können
versichert sein, daß ich so handeln werde, wie es mir meine Pflicht und
mein Gewissen vorschreiben! ... Jawohl!«
Und Firsow erhob sich triumphierend.
»Ach, du altes Mistvieh!« schrie wütend Ssemjonow, wollte aufstehen,
begann aber furchtbar heiser zu husten und fiel, von kaltem Schweiß
übergossen, mit dem Gesicht in die Kissen zurück. Der dünne bloße Fuß,
der sich unter der Decke hervorgestreckt hatte, zitterte in krampfhafter
Anstrengung.
Schadenfroh sah ihn Firsow an und bleckte die Zähne. »Ja, so--o!« sagte
er gedehnt von oben herab, dann wendete er sich ebenso wieder an Lande.
»Und Ihnen möchte ich noch das eine sagen: alle Ihre Handlungen sind
nichts als Heuchelei und Lüge ... Den wahren Glauben haben Sie nicht,
vielleicht können aber Menschen, die Sie für tieferstehend halten, als
sich ... Sie sind eben ein Diener des Antichrist und ...«
»Scher dich zum Teufel!« kreischte, außer sich vor Wut Ssemjonow, und
seine kranke, gespannte Stimme zerschnitt die Luft, wie ein
Peitschenhieb. »Raus mit dir!«
Firsow sah ihn stolz an, setzte die Mütze auf und öffnete die Tür.
»Dieser halbkrepierte Hund!« sagte er abgesetzt mit unendlichem Haß und
Genuß, hinter der Tür. »Schweigen sollte der wenigstens, wenn er schon
von Gott geschlagen ist! Will auch noch mit den andern weiter!«
Lande stand blaß und kopflos mitten im Zimmer und lächelte unbeholfen.
Ssemjonow sah ihn an und begann sich, wie verschämt über seine Wut,
immer noch zitternd und nach Luft ringend, anzukleiden.
»Gott! ... Soviel Haß und Grimm, und weshalb? Habe ich denn ...«
Ohne aufzublicken, warf Ssemjonow still hin: »Du mußt das einfach nicht
beachten ...«
Aber Lande hörte ihm nicht zu. Er hatte nur das einzige, unüberwindliche
Bedürfnis, sofort, ohne Verzug, den Haß und Grimm auszulöschen, die
neben ihm und, wie ihm schien, durch seine Schuld emporgelodert waren,
weil er nicht verstanden hatte, ihnen vorzugreifen, und die ihm jetzt
unerträglich das Herz verbrannten; ohne Überlegung stürzte er kopfüber
aus dem Zimmer.
»Wo willst du hin?« rief Ssemjonow. Er erschrak über dieses unnötige und
seiner Ansicht nach erniedrigende Vorhaben Landes.
»Ich komme gleich wieder ...« murmelte Lande, lief die Stufen herunter
und stürzte auf den Flügel zu, in dem Firsow wohnte. Die Tür war
zugeschlossen; Lande prallte hart an ihr zurück.
»Firsow! Machen Sie auf!« schrie Lande; er klammerte sich an die
Türklinke.
Hinter der Tür konnte man nichts als dumpfes, triumphierendes Schweigen
hören, es schien, daß gleich hinter ihr jemand verborgen war, der sich
in geheimem Vergnügen sein Schweigen auskostet. Lande drehte und
rüttelte an der Klinke.
»Firsow! Es ist ein Irrtum! machen Sie auf -- ich will Ihnen alles
erklären ... Machen Sie auf!«
Firsow ließ nichts von sich hören. Lande sah sich mit traurigen Augen
um, biß sich auf die Lippe, um nicht von seinem Schmerz überwältigt zu
werden, und trat zurück.
Aus dem Garten kam die zarte, schlanke Ssonja, vor der Sonne von einem
durchsichtigen weißen Kopftuch geschützt, unter dem große Augen
forschend und düster hervorblickten, auf ihn zu.
»Wanja,« sagte sie streng und ernst, »gehen Sie von hier fort, Sie
erniedrigen sich.«
»Ssonjetschka,« erwiderte Lande ernst, »kann man denn das lassen? Es ist
doch entsetzlich, sinnlos ... Wozu, weshalb diese Wut?«
»Er ist ein Schuft, ein Stück Dreck, ein Nichts!« sagte Ssonja
überzeugt. »Er haßt Sie schon lange, weil Sie besser sind als er ...«
»Ach, was Sie für dummes Zeug reden, Ssonja!« wehrte Lande ab.
»Es ist wahr!« rief Ssonja beharrlich und riß das Kopftuch herunter.
»Na, mag sein ... Nicht darum handelt es sich, Ssonja, wer besser oder
nicht ... Nicht das ist wichtig.«
Auf den Stufen erschien Ssemjonow, halbbekleidet, ungekämmt und
safrangelb.
»Lande,« rief er kurz. »Komm her, gleich! Sonst prügle ich dich durch,
bei Gott!«
In seiner Stimme klang deutlich Liebe und Mitleid und eine gewisse helle
Verwunderung.