IX

Es war noch finster, der Mond war noch nicht aufgegangen, als sich Lande

seiner Wohnung näherte. Er dachte unablässig über Tkatschow nach; seine

Gedanken waren eigentümlich starr und schneidend.

... Als er mich auslachte, litt er mehr als ich, ich sah es ... Das ist

entsetzlich, aber wer hat Schuld, ich oder er ... oder irgend einer

außer uns beiden? ... Ich weiß nicht ... Man muß kämpfen, aber wie

kämpfen, wenn ich nicht einmal weiß, woher es kommt? ...

Es war still. Lande ging und starrte mit Augen, die nichts sahen, auf

die dunkle Erde, die langsam unter seinen Füßen nach hinten glitt.

»Pa--a!« schrie irgendwo in der Nähe verzweifelt, schmerzlich flehend

ein Kind; plötzlich lebte die ganze öde, dunkle Straße in wilden,

gräßlichen Tönen auf.

»Papa ... ich tu's nicht wieder ... Papachen!« schrie hilflos das Kind;

es schien sich zu wehren.

»Tust es nicht? ... Tust es nicht? ... Tust es nicht? ...« knarrte

gleichmäßig eine abgerissene und fast ausgetrocknete Baßstimme, immer

höher und nachdrücklicher im Ton. Es war, als ob in den kurzen

Zwischenräumen von einem Wortfetzen zum anderen etwas Grauenhaftes

geschah.

Unter einem Fenster stand jemand und lauschte gespannt. Der dünne,

blasse Schatten eines jungen Mädchens mit weißem Gesichtchen und großen,

bang glänzenden Augen schwankte eigentümlich undeutlich in der

Dämmerung.

»Sind Sie das, Ssonja?« Lande erkannte Ssemjonows Schwester und faßte

ihre magere Hand. »Was geht hier vor?«

»Sie hören, er schlägt es tot!« erwiderte sie mit eigenartiger, halb

kindlicher, halb weiblicher Stimme; mit einer Bewegung grausamer, wilder

Neugierde reckte sie den Hals zum Fenster hoch.

Lande, der sich nur mit Mühe von seinen Gedanken losreißen konnte,

begriff im Augenblick alles, ächzte auf, rannte kopfüber in den Hof

hinein, wobei er mit dem Knie gegen einen in der Finsternis unsichtbaren

Holzpfahl stieß, sprang die Stufen hinauf und riß die Tür zum Zimmer

auf.

Dort brannte groß und hell eine Lampe und warf eine Garbe goldiger

Funken in einen Haufen Heiligenbilder, die in einer Ecke bis an die

Decke aufgetürmt waren. Und in der Mitte des Zimmers stand, mit dem

Gesicht zur Tür, in einer sonderbaren, fast wollüstig vornübergebeugten

Stellung, Firsow ohne Rock, nur in der Uniformweste mit den kleinen

glänzenden Metallknöpfen, und schlug, gleichmäßig durchziehend, mit

einem langen, schmalen Riemen über einen geröteten schmalen Hinterteil,

den er zwischen seinen langen, eckigen Knien fest eingeklemmt hielt.

»Tust es nicht wieder! Tust es nicht wieder!« wiederholte er mit

schneidender Stimme und schlug in den Zwischenräumen von einem Ausruf

zum anderen klatschend und genußsüchtig mit dem Riemen, der in dunklen

Streifen das zartrosige abgerundete Fleisch durchschnitt, darauf los.

Eine kalte, neblige Welle schlug Lande durch den Kopf, und ehe er sich

besinnen konnte, was zu tun wäre, stürzte er, fast hingerissen von Wut,

auf Firsow zu, ergriff die dünne, sehnige Hand und stieß ihn aus voller

Kraft gegen die Brust. Firsow schlug mit den ausgleitenden Beinen hoch,

ließ Riemen und Kind fallen, klammerte sich aber noch rechtzeitig an den

Tisch. Es klirrte etwas und zerschlug am Boden.

»Was ist das wieder? Was wollen Sie?« brüllte er, die Fäuste ballend.

Lande drückte das laut weinende Kind an sich und blickte Firsow mit

weitgeöffneten, zornigen Augen entgegen.

»Firsow, kommen Sie zu sich!« sagte er mit zitternden Lippen, aber mit

eigentümlich unbesiegbarer Kraft.

Eine Minute lang blickte ihm Firsow halb wahnsinnig in die Augen und

erkannte ihn nicht; dann wurde er plötzlich tiefrot; im gleichen Moment

erlosch das düstere, wilde Feuer, das in seinen geöffneten Augen

brannte. Er strich sich krampfhaft über den Kopf, und murmelte.

»Aah, Sie sind es, Iwan Ferapontowitsch! ... Entschuldigen Sie ... ich

...«

»Wieder, Firsow, wieder! Schämen Sie sich denn nicht; fürchten Sie nicht

die Sünde!«

Er wandte sich um und schob das Kind Ssonja zu, die schweigend in der

Tür stand.

Das gelbe lange Gesicht Firsows wurde kupferrot.

»Erlauben Sie, Iwan Ferapontowitsch ...« sagte er heiser. »Sie können

nicht wissen ... ich habe nicht ohne Grund ...«

»Welchen Grund könnte es dafür geben!« rief Lande mit der früheren Kraft

und mit zorniger Verachtung. »Kein Grund kann solchen Greuel

rechtfertigen!«

Firsow trat plötzlich auf ihn zu und erhob seine knochige, zitternde

Hand.

»Nein, doch!« rief er, indem er die gelben Wurzeln der abgenützten Zähne

zeigte und die Augen wieder weit aufriß. »Wissen Sie denn, was dieser

Lausebengel hier getan hat? Wissen Sie es?« Er stieß die Worte mit

wachsendem Triumph aus.

»Was?«

»So, >was<! Hier, bitte, Sie können es bewundern!« Firsow trat

siegesfreudig zur Seite und steckte den ausgestreckten langen Finger

zwischen die Heiligenbilder.

Lande blickte hin, verstand aber nichts; er sah anfangs nur einen Kasten

mit Farben, einen Pinsel und ein Glas voll schmutzigen, grünen Wassers.

»Was?« wiederholte er.

»Hier!« rief Firsow wieder mit dem gleichen Triumph und riß Lande am Arm

zu den Heiligenbildern hin.

Lande unterschied, daß zwei auf Papier gedruckte Szenen aus der Heiligen

Schrift kindlich mit widersinnigen Farben bemalt waren; den weiblichen

Gesichtern waren Schnurr- und Kinnbärte aufgesetzt worden.

»Ah so!« sagte er gleichmütig.

Das Kind schluchzte still.

»Weine nicht ... Wir lassen ihn nicht mehr ...« Ssonja sprach ganz

mechanisch; sie wandte keinen Blick von Lande.

»Aber es ist doch ein Kind, Firsow!« Lande nahm ihn an der Hand und

versuchte, ihn zu beruhigen.

»Das weiß ich, daß es ein Kind ist!« Firsow warf den Kopf in den Nacken.

»Wenn er kein Kind wäre, so hätte ich ihn vielleicht totgeschlagen! ...«

»Was reden Sie!« Lande machte eine abwehrende Handbewegung.

»Gewiß ... totgeschlagen, totgeschlagen hätte ich ihn!« schrie Firsow

hartnäckig und klopfte mit den Fingerknochen auf den Tisch.

»Lassen Sie das, Firsow,« befahl Lande energisch und nahm ihn an der

Hand; dann sah er sich nach Ssonja um. »Lassen Sie ... wegen einer

solchen Bagatelle! ...«

Firsow richtete sich blitzschnell auf, als ob er gerade auf diese Worte

gewartet hätte.

»Bagatelle?« wiederholte er, das Wort unnatürlich dehnend.

»Ja, wie kann man denn dem irgendwelche Bedeutung beimessen! Verstehen

Sie denn nicht, daß Sie unendlich viel mehr sündigen als der arme

Knabe?« sagte Lande überzeugend und traurig.

»Ha! ... Das halten Sie für eine Bagatelle? So ...« fing Firsow an, und

plötzlich rief er in dem früheren, geheuchelt wütenden Ton, als ob er

sich künstlich erhitzen müsse:

»Eine Bagatelle ist das?« Er kreischte schrill und stampfte mit den

Füßen. »Hinaus, hinaus mit dir! Gotteslästerer, Teufel! Hinaus, daß hier

keine Spur von dir bleibe.«

»Firsow,« sagte Lande erstaunt, »was haben Sie?«

»Hinaus!« brüllte Firsow. Er hörte absichtlich nicht, spritzte Speichel,

trampelte mit den Füßen und geriet nun wirklich in Wut.

Zum zweiten Mal in seinem Leben schien es Lande, daß es nicht ein Mensch

war, der schreit, sondern irgend ein hinterlistiges, böses Wesen in ihm.

Der Ekel stieg ihm in den Hals; aber dieses Gefühl war ihm so ungewohnt

und qualvoll, daß er sich schnell abwandte und zurückwich.

»Ich gehe fort ...« sagte er hastig. »Sie sind heute sehr eigentümlich

... Lieber will ich morgen kommen ... Nur nehme ich auch Sserjoscha mit,

sonst können Sie ...«

Firsow erstickte fast vor Wut, sperrte die Augen auf, blieb aber stumm.

Lande wandte sich zu Ssonja.

»Wir nehmen ihn zu uns, Ssonja!« sagte er.

Ssonja warf einen raschen Blick auf ihn, nickte schweigend mit dem Kopf,

hob angestrengt den dicken, verweinten Jungen auf den Arm und ging zur

Tür.

»Wir gehen fort, Firsow, und nehmen Sserjoscha mit ...« wiederholte

Lande.

»Glück auf den Weg!« rief heiser Firsow und blieb wie angewurzelt vor

den Heiligenbildern in der Ecke stehen.

»Wir nehmen ihn ja nur, weil Sie zu aufgeregt sind,« sagte Lande in

versöhnlichem Ton.

»Schon gut, schon gut!« nickte Firsow schadenfroh mit dem Kopf. »Bringen

Sie ihn nur zurück ... Dann werden wir weitersehen!«

Eine Sekunde lang stand Lande unbeweglich und blickte lange und gramvoll

Firsow gerade in die Augen. Aber der wandte sich ab und ließ seine

Blicke über die Heiligenbilder, den Fußboden, die Wände laufen.

»Aber was haben Sie?« rief Lande bitter. »Niemals waren Sie so zu mir.«

»Schon gut, schon gut!« murmelte Firsow. »Sie haben sich auch was in den

Kopf gesetzt. Bilden Sie sich nichts ein! ... Es gibt noch andere wie

Sie, wenn Sie sich auch nicht in den Vordergrund drängen ... Wie manch

andere! Jawohl, und ... diesem Lausebengel werde ich es noch beibringen,

wie er ...«

»Aber er ist doch vor allen Dingen Ihr Sohn!« Lande schlug sich mit der

Faust an die Brust.

»Es ist nicht Ihre Sache, mich über meine Pflichten gegen meinen Sohn zu

belehren! Verstehen Sie? Nicht Ihnen und nicht mich! Der Herr weiß, wo

das Richtige ist ... Der Sohn -- ich weiß, was ein Sohn ist! Ich habe

keinen Sohn über meinem Gott!« rief er wieder, indem er sich plötzlich

umwandte. »Hier! ...«

Er konnte nicht zu Ende reden und begann, sich krampfhaft an die

Heiligenbilder zu klammern, während er etwas auf den Boden fallen ließ

und sinnlos murmelte:

»Hier alles ... alles ... alles hier!«

Lande blickte Firsow fragend an, zuckte schwer mit den Achseln und ging

aus dem Zimmer:

»Ich werde jetzt lieber fortgehen ... meine Gegenwart regt Sie

wahrscheinlich auf ...« sagte er weich.

Ssonja stand an den Stufen mit dem Kind auf dem Arm.

»Gehen wir, es ist unmöglich, mit dem Vater zu sprechen ... Er ist jetzt

fast wahnsinnig!«

Er nahm das Kind zu sich auf den Arm und trug es, die Wange an das

weiche kindliche Bäckchen geschmiegt. Ssonja ging hinter ihm und schaute

mit einem unnatürlich begeisterten Blick auf Landes Nacken, während sie

mechanisch die von Tränen genäßte Hand abwischte.

X

Am andern Tag trat Firsow, im Rock und hohen Kragen, trocken und gerade

wie ein Stock, in Ssemjonows Zimmer. Lande saß angekleidet am Fenster

und schrieb, den Kopf zur Seite geneigt, eifrig, mit etwas kindischen,

säuberlichen Schriftzügen ein großes Manuskript ab, das ihm Ssemjonow

zur Abschrift verschafft hatte. Der kranke Student lag noch auf dem Bett

und rauchte.

»Ah, Firsow!« rief Lande freudig und erhob sich, um ihm

entgegenzutreten, wobei er auf das sauber abgeschriebene Blatt einen

Klecks machte. Ssemjonow bemerkte von weitem diesen Klecks, sagte aber

nichts.

Firsow warf einen kühlen Blick auf Lande; reichte aber die Hand nicht.

»Ich bin gekommen, meinen Sohn abzuholen!« sagte er trocken und

übermäßig offiziell.

»Sserjoscha ist schon längst in den Garten gelaufen ...«

»Ssonja ging mit ihm spazieren ...« warf Ssemjonow in gleichgültigem Ton

hin.

»Ich danke Ihnen!« Firsow verneigte sich ebenso unnatürlich nach seiner

Richtung. »Und nun bitte ich um Entschuldigung ...«

Und er wandte sich zum Fortgehen.

»Was soll das heißen, Firsow?« fragte Lande betrübt.

»Nichts!« Firsow zuckte mit merkwürdig flottem Vergnügen die Achsel.

»Aber lassen Sie doch das!« erwiderte Lande.

»Macht eine Pose wie ein Idiot!« bemerkte Ssemjonow zornig.

Firsow drehte sich rasch zu ihm herum; er geriet aus einem stockdürren

plötzlich in einen äußerst biegsamen Zustand.

»Ich weiß nicht, wer der Idiot ist!« erwiderte er scharf. »Aber da es

nun dazu kommt ... so bitte, ich will mich mit Ihnen auseinandersetzen.«

Er legte rasch Stock und Hut auf den Stuhl und setzte sich ebenso rasch

und impulsiv daneben.

»Sehr notwendig!« schnaubte Ssemjonow. »Hampelmann!«

»Ruhig, Wassja!« bat Lande.

Firsow tat, als ob er nichts gehört hätte und drehte sich kurz nach

Lande um.

»Ich sehe mich gezwungen, etwas weit zurückzugreifen ...« begann er

hochtrabend, mit offensichtlichem innerem Behagen an der vorbereiteten

Rede. »Sie ... Iwan Ferapontowitsch, hatten einmal auf mich einen

bedeutenden Einfluß ausgeübt, ich muß das gestehen ... ja, ich will es

aufrichtig gestehen ... Ja, ich darf schließlich sagen, daß wir sogar

Freunde waren.«

Tiefe Ziegelröte trat auf die welken, trockenen Backen Firsows; für

einen Augenblick schien es, daß er in seiner Rede gestolpert wäre, als

fürchtete er, Lande könne es bestreiten.

»Ich war Ihnen immer zugeneigt, Firsow ...«

Ein Zug verborgener, ihn selbst erniedrigender Befriedigung huschte über

Firsows Mienen; doch sofort wurde er grob und unverschämt.

»Sie haben mich durch den äußeren Eindruck Ihrer Handlungen, deren

wahren Sinn ich damals meiner Jugend wegen nicht durchschauen konnte,

verlockt ...«

»Ich glaube, ich habe Sie doch als erwachsenen Menschen kennen gelernt

...« fiel ihm Lande, der ihm mit äußerstem Interesse zuhörte, naiv ins

Wort.

Firsow wurde wieder von einer besonderen blaugelb gedeckten Röte

überzogen.

»Jawohl ... Allerdings, ich ... Ich wollte gesagt haben, daß, als Sie,

noch ein Jüngling, Arme und Kranke besuchten und alles verteilten ...

und so weiter, da meinte ich, einen wahren Christen gesehen zu haben ...

und auch Ihre Reden bekräftigten mich darin ... Ich fühlte große

Sympathie für Sie. Ich muß es auch jetzt gestehen ... Dadurch, daß Sie

infolge Ihrer Beredsamkeit die vertrauensvolle Jugend fortrissen, wurden

Sie sozusagen zum Mittelpunkt ... zu einem Abgott für viele. Selbst ich,

ein Mann, -- ich darf es ohne Überhebung sagen --, von innerem Halt und

gefestigtem Charakter, ein Mann von Überzeugungen, konnte lange Zeit

nicht den wahren Sinn Ihrer Reden und Handlungen begreifen ...«

»Und welchen Sinn hatten sie, nach Ihrer Meinung?« fragte Lande mit

Interesse.

»Das werden Sie schon selbst wissen ...« Firsow warf ihm einen schlauen

Blick zu und hob den Finger, als ob er ihn zur Seite schieben wollte.

»Nun, doch?«

»Den folgenden ... wenn Sie es durchaus zu hören wünschen ... Indem Sie

sich am Dienst der Kirche in keiner Weise beteiligten, wollten Sie

gleichsam betonen und ... und hervorheben, daß die wahre christliche

Religion außerhalb der Kirche liegt ... Jawohl! Und Sie haben auch in

der Tat viele verlockt, so daß sie aufhörten, die Kirche zu

frequentieren und sogar in eine Kritik der Dogmen verfielen! ... Viele,

aber nicht ich ... Ihnen ging es natürlich gegen den Strich, ich aber

bin kein dummer Junge von Student; nicht Sie wären imstande, mich zu

beirren. Eher werde ich Sie auf den wahren Weg leiten!«

»O Gott!« seufzte Lande schmerzlich auf. »Was Sie nur da alles

zusammenreden, Firsow!«

Ssemjonow drehte sich mit unterdrückter Aufregung schwer auf dem Bett

hin und her.

»Jawohl, jawohl!« wiederholte Firsow hochmütig. »Nicht mich.«

»Und doch kann ich nicht verstehen, was das alles soll ...« Lande schlug

die Hände auseinander.

»Das Folgende!« schrie Firsow grob; sein dunkelgrauer Backenbart ging

borstig in die Höhe. Es war offensichtlich, daß er sich verwickelt hatte

und sich, da er es einsah, in seiner Eitelkeit gekränkt fühlte.

»Erlauben Sie, schließlich, Ihnen geradezu die Frage zu stellen: Sind

Sie ein Christ oder nicht?«

Ssemjonow schnaubte.

»Ich weiß wirklich nicht ... und wir wollen doch lieber ein andres Mal

darüber sprechen ...« versuchte Lande, den es um Firsow schmerzte, das

Gespräch abzulenken.

Wie von einem Strom mitgerissen, schlug Firsow kurz Wort für Wort

herunter: »Soo, -- -- Glauben Sie an die rechtgläubige Kirche?«

Lande lief aufgeregt im Zimmer umher.

»Was ist das für eine Frage, Firsow? Wozu das? Übrigens, wenn es Ihnen

wichtig ist, an die Kirche glaube ich ganz und gar nicht, das ist

selbstver-- ...«

»So--o!« fiel ihm Firsow ins Wort, während er aufsprang und sich mit

enger Freude die Hände rieb. »Dieses Gespräch im Zusammenhang mit vielem

anderen, sowie mit der Lossagung von Ihrer Mutter ...«

Lande riß die Augen weit auf.

»Das ist nicht wahr, ich habe mich niemals von meiner Mutter losgesagt

... nur habe ich mich entschlossen, getrennt von ihr zu leben, weil --«

»Aber wozu redest du noch ein Wort mit diesem Aas!« brauste Ssemjonow

plötzlich auf und setzte sich im Bett auf, zerzaust und gelb. »Weshalb

erlaubst du jedem Strolch, in deine Seele hineinzufassen!«

»Ich verstehe!« stieß Firsow in dem früheren falschen Ton zwischen den

Zähnen hervor, und zog vorsichtig seine Mütze zu sich heran. »Mehr habe

ich nicht zu fragen, obgleich ich noch einiges sagen wollte ... was

möglicherweise --« er fügte es mit augengesenkter stolzer Bescheidenheit

hinzu -- »Ihnen einen gewissen Nutzen bringen könnte ... Aber da es

einmal ... genug! Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe ... Und Sie können

versichert sein, daß ich so handeln werde, wie es mir meine Pflicht und

mein Gewissen vorschreiben! ... Jawohl!«

Und Firsow erhob sich triumphierend.

»Ach, du altes Mistvieh!« schrie wütend Ssemjonow, wollte aufstehen,

begann aber furchtbar heiser zu husten und fiel, von kaltem Schweiß

übergossen, mit dem Gesicht in die Kissen zurück. Der dünne bloße Fuß,

der sich unter der Decke hervorgestreckt hatte, zitterte in krampfhafter

Anstrengung.

Schadenfroh sah ihn Firsow an und bleckte die Zähne. »Ja, so--o!« sagte

er gedehnt von oben herab, dann wendete er sich ebenso wieder an Lande.

»Und Ihnen möchte ich noch das eine sagen: alle Ihre Handlungen sind

nichts als Heuchelei und Lüge ... Den wahren Glauben haben Sie nicht,

vielleicht können aber Menschen, die Sie für tieferstehend halten, als

sich ... Sie sind eben ein Diener des Antichrist und ...«

»Scher dich zum Teufel!« kreischte, außer sich vor Wut Ssemjonow, und

seine kranke, gespannte Stimme zerschnitt die Luft, wie ein

Peitschenhieb. »Raus mit dir!«

Firsow sah ihn stolz an, setzte die Mütze auf und öffnete die Tür.

»Dieser halbkrepierte Hund!« sagte er abgesetzt mit unendlichem Haß und

Genuß, hinter der Tür. »Schweigen sollte der wenigstens, wenn er schon

von Gott geschlagen ist! Will auch noch mit den andern weiter!«

Lande stand blaß und kopflos mitten im Zimmer und lächelte unbeholfen.

Ssemjonow sah ihn an und begann sich, wie verschämt über seine Wut,

immer noch zitternd und nach Luft ringend, anzukleiden.

»Gott! ... Soviel Haß und Grimm, und weshalb? Habe ich denn ...«

Ohne aufzublicken, warf Ssemjonow still hin: »Du mußt das einfach nicht

beachten ...«

Aber Lande hörte ihm nicht zu. Er hatte nur das einzige, unüberwindliche

Bedürfnis, sofort, ohne Verzug, den Haß und Grimm auszulöschen, die

neben ihm und, wie ihm schien, durch seine Schuld emporgelodert waren,

weil er nicht verstanden hatte, ihnen vorzugreifen, und die ihm jetzt

unerträglich das Herz verbrannten; ohne Überlegung stürzte er kopfüber

aus dem Zimmer.

»Wo willst du hin?« rief Ssemjonow. Er erschrak über dieses unnötige und

seiner Ansicht nach erniedrigende Vorhaben Landes.

»Ich komme gleich wieder ...« murmelte Lande, lief die Stufen herunter

und stürzte auf den Flügel zu, in dem Firsow wohnte. Die Tür war

zugeschlossen; Lande prallte hart an ihr zurück.

»Firsow! Machen Sie auf!« schrie Lande; er klammerte sich an die

Türklinke.

Hinter der Tür konnte man nichts als dumpfes, triumphierendes Schweigen

hören, es schien, daß gleich hinter ihr jemand verborgen war, der sich

in geheimem Vergnügen sein Schweigen auskostet. Lande drehte und

rüttelte an der Klinke.

»Firsow! Es ist ein Irrtum! machen Sie auf -- ich will Ihnen alles

erklären ... Machen Sie auf!«

Firsow ließ nichts von sich hören. Lande sah sich mit traurigen Augen

um, biß sich auf die Lippe, um nicht von seinem Schmerz überwältigt zu

werden, und trat zurück.

Aus dem Garten kam die zarte, schlanke Ssonja, vor der Sonne von einem

durchsichtigen weißen Kopftuch geschützt, unter dem große Augen

forschend und düster hervorblickten, auf ihn zu.

»Wanja,« sagte sie streng und ernst, »gehen Sie von hier fort, Sie

erniedrigen sich.«

»Ssonjetschka,« erwiderte Lande ernst, »kann man denn das lassen? Es ist

doch entsetzlich, sinnlos ... Wozu, weshalb diese Wut?«

»Er ist ein Schuft, ein Stück Dreck, ein Nichts!« sagte Ssonja

überzeugt. »Er haßt Sie schon lange, weil Sie besser sind als er ...«

»Ach, was Sie für dummes Zeug reden, Ssonja!« wehrte Lande ab.

»Es ist wahr!« rief Ssonja beharrlich und riß das Kopftuch herunter.

»Na, mag sein ... Nicht darum handelt es sich, Ssonja, wer besser oder

nicht ... Nicht das ist wichtig.«

Auf den Stufen erschien Ssemjonow, halbbekleidet, ungekämmt und

safrangelb.

»Lande,« rief er kurz. »Komm her, gleich! Sonst prügle ich dich durch,

bei Gott!«

In seiner Stimme klang deutlich Liebe und Mitleid und eine gewisse helle

Verwunderung.

Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen · 第 28 / 45 题