»Ritsch, ratsch,« zog das Huhn an der Efeuranke, und das Bild selbst

wackelte und schwankte plötzlich hin und her. Mit einem Schrei sprang

Fräulein Wunderlich hinzu, der kleine Teufel flüchtete und riß die

Schale vom Schränkchen, die mit lautem Geklirr zu Boden fiel. Doch

das Bild war an seinem Platz geblieben, Fräulein Wunderlich hielt es

fest. Dabei sah sie in die Augen ihrer Mutter, die nun schon so lange

tot war. Gute, sanfte Augen waren es, und der Tochter fiel ein, daß sie

wohl immer Blumen unter das Bild stellte, aber recht lange schon nicht

in die lieben Mutteraugen geblickt hatte. Sie tat es jetzt, schaute,

während Marie schreiend das Huhn fing und Fräulein Müller leise weinte,

nachdenklich in das treue, gute Muttergesicht, und da war es ihr, als

spräche der Mund wieder wie einst mahnend: »Sei nicht so zornig, sei

mild, laß dich nicht von deiner bösen Laune so beherrschen! Nachher

bereust du es, aber die Reue kommt manchmal zu spät.«

»Ich hab's, Fräulein, ich hab's,« schrie Marie und hielt das kleine

schreiende Huhn fest. »Ist doch zu närrisch, da geistert das Untier die

ganze Zeit im Hause rum, und niemand merkt was. Wo's nur gesteckt hat?

Und den Schaden, den es angerichtet hat, die schöne Schale!«

Zu Maries großem Erstaunen hatte ihre Herrin kein zorniges Wort. Diese

bückte sich nicht einmal, um die Scherben aufzuheben, sie sagte rasch

zu der kleinen, noch immer weinenden Schneiderin: »Kommen Sie, Fräulein

Müller, ich will Ihnen Ihr Geld geben; das Kleid wird schon sitzen.«

Ihre Stimme klang so sanft, daß Marie wieder dachte: »Wenn sie so

spricht, ist sie zu nett. Und komisch, nicht mal schelten tut sie über

die zerbrochene Schale!«

Ihre Herrin ging schweigend hinüber, und drüben sprach sie liebe,

freundliche Worte mit Minna Müller, und dann packte sie für die kranke

Mutter lauter gute Sachen ein und versprach, sie wolle morgen selbst

nach der Kranken sehen. Die Schneiderin weinte noch immer, aber jetzt

tat sie es vor Freude und Dankbarkeit. Als sie durch den Flur ging und

Marie ihr die Haustüre öffnete, rief sie: »O, Fräulein Wunderlich ist

aber gut, so gut! Und immer habe ich mich vor ihr gefürchtet, und das

ist gar nicht nötig, sie ist ja so freundlich!«

Ein Weilchen später dachte das Marianne Sonntag auch. Fräulein

Wunderlich rief sie gar freundlich an, als sie heimgehen wollte, und

setzte ihr Teekuchen vor, und Marie erzählte die seltsame Geschichte

von dem schwarzen Huhn. »'n Wunder ist's, 'n richtiges Wunder! Wo das

Untier nur gewesen ist?« rief sie. »Und Herr Wunderlich muß es hören,

er wird sich auch wundern.«

Herr Wunderlich wunderte sich auch wirklich, er wunderte sich aber

noch viel mehr über seine Schwester: die war so sanft und gut wie seit

langem nicht. Es war wirklich, als wäre hellster Sonnenschein, und

dabei rann und rieselte draußen der Regen immer stärker vom Himmel

herab. »Ich muß heimgehen,« sagte Füchslein endlich, »ich habe keinen

Regenschirm.«

»Wart' nur noch ein Weilchen, es hört wohl auf,« riet Fräulein

Wunderlich. Es hörte aber nicht auf, dafür klingelte es nach einer

Viertelstunde etwas laut. Draußen stand Ulrich Sonntag und sagte

verdrossen: »Ich will unser Füchslein abholen, weil es regnet.«

Beim Anblick des Bruders kamen Marianne alle guten Versöhnungsgedanken

in den Sinn. Mit einem Jubelschrei fiel sie dem Buben um den Hals,

unbekümmert darum, daß er recht naß war. »O Ulli,« rief sie, »wir

wollen wieder gut sein miteinander. Onkel Wunderlich sagt, sonst wird

'ne Dornenhecke draus, und wir können nicht mehr drüber. Ach, und Ulli,

der Teufel ist wieder da!«

»Füchslein, du bist verdreht,« brummte Ulrich. Er streichelte aber

der Schwester doch die Backen, wenn es auch ein bißchen ungeschickt

ausfiel. Er war heilfroh, daß sein Füchslein wieder gut zu ihm war.

Beim Wort von der Dornenhecke war Fräulein Wunderlich zusammengezuckt;

sie sah zu ihrem Bruder auf und begegnete dem Blick seiner guten,

stillen Augen. »Er hat der Mutter Augen,« dachte sie und streckte ihm

rasch die Hand hin. »Man kommt manchmal auch über eine Dornenhecke,

Matthias,« sagte sie, »wenn man nur den guten Willen hat. Wollen wir

nachher zusammen ins Spiegelhaus gehen und den alten Freund besuchen?«

»O Line,« sagte der alte Mann froh, »so soll endlich Friede werden

zwischen uns? Gott sei gelobt!«

Die beiden Sonntagskinder hatten das Zwiegespräch nicht gehört.

Füchslein hatte die wunderbare Geschichte von dem Oberheudorfer Huhn

erzählt, und Ulrich wunderte sich gebührend. Dann mahnte er: »Komm

heim, Mutter sorgt sich sonst. Und Jobst wartet auch!«

Marianne stülpte sich flink ihren Hut auf, nahm ihre Geige, und nach

fröhlichem Abschied patschten sie beide versöhnt und einträchtig über

den Johannesplan heimwärts.

Ein Weilchen später gingen die beiden alten Leute durch den rinnenden

Regen hinüber in das Nachbarhaus zu dem Freunde ihrer Jugend. Friede

stand an der Türe, als sie kamen, und er erschrak sehr, als er Fräulein

Wunderlich so plötzlich vor sich sah. Sicher kam sie des Huhnes wegen.

»Das Huhn,« stammelte er erschrocken, »ich -- ich dachte, Sie hätten es

hinausgeworfen!«

»Das Huhn! Hast du es gebracht?« rief Fräulein Wunderlich und zog den

Knaben in ihre Arme. »O Friede, Junge, ich danke dir, o so sehr!«

»Für das Huhn?« Friede sah namenlos verdutzt drein.

Fräulein Wunderlich lachte, wirklich, sie lachte herzlich und froh,

und dabei sah sie so hübsch aus wie ein Sonnentag. »Ja, für das Huhn,

und noch für viel mehr. Komm, gib mir die Hand, wir wollen Frieden

schließen miteinander, willst du?«

»Ja,« rief Friede vergnügt und rannte ins Haus hinein, um seinem

Pflegevater den Besuch anzukündigen.

Der schlug mit lautem Knall das Buch zu, in dem er gelesen hatte.

»Endlich,« rief er, »endlich ist die Dornenhecke fort!« Froh eilte

er den Gästen entgegen, streckte ihnen beide Hände hin und rief:

»Willkommen im Spiegelhaus! Das hätte ich nicht gedacht, daß mir der

Regentag eine solche Freude bringen würde.«

[Illustration]

Allerlei Geschenke, und was aus ihnen wird.

»Heute brauche ich nicht um die Kirche herum zu gehen,« dachte

Traumfriede an dem Morgen nach der Versöhnung zwischen den feindlichen

Nachbarn. Der Junge packte recht nachdenklich seine Bücher zusammen. Er

freute sich, daß nun keine Feindschaft mehr zwischen dem Spiegelhaus

und dem kleinen Organistenhaus herrschte, aber daß er nun wieder zu

Wunderlichs sollte, tat ihm bitter leid. Gestern war es verabredet

worden, und Fräulein Wunderlich war gar lieb und freundlich zu ihm

gewesen. Er wußte aber doch, so lieb wie den Professor würde er sie nie

gewinnen. »Könnte ich bei ihm bleiben!« wünschte er sich, als er durch

den Garten auf das Tor zuschritt. Aber das war wohl ein vergeblicher

Wunsch; Professor von Spiegel hatte ja gleich gesagt, er würde ihn nur

kurze Zeit behalten.

»Heda, Traumfriede! Na, so etwas, der Bube sieht nicht rechts und

links,« schrie ihn plötzlich eine laute Stimme an, und als er sich

verwirrt umsah, hielt gerade vor ihm Kaspar auf dem Berge mit seinem

Wäglein. »Na gelt, das freut dich, daß de mal wieder 'n Oberheudorfer

siehst?« fragte der Wirt behaglich.

In Friedes Augen leuchtete es auf; er freute sich wirklich, und an die

hochmütigen Grünmützen dachte er gar nicht. Er hatte gleich hundert

Fragen zu stellen, fragte dies und das, wollte wissen, wie es Muhme

Lenelies gehe und allen andern im Dorfe, und der dicke Wirt konnte kaum

Luft schnappen. Endlich schrie er: »Nä, Friede, so 'n Gefrage! Kannst

du aber schwätzen! Wie geht's?«

[Illustration: Ein Gruß aus der Heimat.]

Friede wollte gerade den Mund zu einer neuen Frage auftun, als bimbam

im Gymnasium die Uhr anschlug. Himmel, die Schule begann! »Ich muß

fort,« rief Friede erschrocken, aber Kaspar auf dem Berge hielt ihn

noch fest. »Da, Bub', die Wurst; ich hab' dir eine mitgebracht. Weißt

schon, wie 'ne Oberheudorfer Wurst schmeckt keine andere.« Und ehe

Friede noch recht wußte, wie und was, hatte er eine lange Wurst im Arm.

Er stammelte noch einen kurzen Dank und raste dann eilig in die Schule.

Es war allerhöchste Zeit.

»Ich soll noch 'ne Kiste abgeben; die stell ich hier rein,« schrie der

Wirt noch. »Laß dir's schmecken!«

Friede hörte das gar nicht mehr, er rannte, seine Wurst fast zärtlich

im Arm, über den Schulhof die Treppe hinauf und kam gerade noch im

letzten Augenblick in das Klassenzimmer hinein.

»Er hat eine Wurst im Arm, eine Wurst aus Oberheudorf,« tönten ihm

gleich etliche Stimmen entgegen, und nun besann sich Friede erst, daß

er die Wurst ganz offen im Arme trug. In seiner Verlegenheit sagte er

patzig zu seinem Nachbar: »Laß meine Wurst zufrieden!«

»Na nu,« rief der, »ich habe deiner Wurst ja nichts getan, nicht einmal

angesehen habe ich sie. Zeig sie erst mal her!«

»Ja, zeig sie uns auch, Friede Pfennig!« Ein paar Bubenhände langten

nach der Wurst, Friede wollte sie halten, aber schon hatte einer sie

ihm entrissen. Dem wieder suchte sie ein anderer zu entreißen; drei,

vier riefen: »Ich will die Wurst« und »Gebt sie ihm doch wieder!«

Just in diesem Augenblick tat sich die Türe auf, und Doktor Schneider

trat ein. Die Buben schnellten zurück, der die Wurst hatte, wollte sie

Friede zuwerfen und --

[Illustration]

»Au!« rief Doktor Schneider erschrocken, denn die große Wurst sauste

ihm plötzlich an den Magen. Nun gehört eine Wurst allemal in den

Magen, aber an den Magen sicher nicht, und in einer Schulstube sind

herumfliegende Würste auch nicht am Platze. Das Gesicht des Lehrers

verfinsterte sich auch beträchtlich, mit strengen Augen musterte er die

Schüler. Er sah in lauter erschrockene und verlegene Gesichter, als er

ernst fragte: »Wem gehört die Wurst?«

Einen Augenblick herrschte Totenstille in der Klasse, keiner wagte

Friedes Namen zu nennen; sie wußten es alle ja ganz genau, daß er die

Wurst nicht geworfen hatte. Noch einmal fragte der Lehrer streng: »Wem

gehört die Wurst?« Da stand Friede auf und sagte leise aber fest: »Mir!«

Doktor Schneiders Blick ruhte prüfend auf dem Knaben. Der war zwar

blutrot geworden, aber seine Augen sahen offen und frei zu dem Lehrer

auf. »Hast du die Wurst geworfen?« fragte er wieder.

Einen Herzschlag lang zögerte Friede. Er wußte, wer die Wurst geworfen

hatte. Jobst von Hellfeld war's gewesen, er hatte es wohl gesehen, aber

angeben, nein, das tat er nicht. »Es ist meine Wurst,« sagte er nur,

kein Wort der Anklage, nichts weiter.

»Warum hast du denn die Wurst mit in die Klasse gebracht?« Doktor

Schneiders Stimme klang schon ein wenig milder als zuvor.

Friede war es da, als stände Kaspar auf dem Berge vor ihm; er sah

sein rundes Gesicht und hörte seine breite Stimme freundlich reden,

und ganz fest sagte er: »Ich habe die Wurst geschenkt bekommen. Der

Wirt aus Oberheudorf hat sie mir mitgebracht, und es war zu spät, sie

heimzutragen.«

»So -- und warum hast du mit der Wurst geworfen, oder -- warst du es

nicht?«

Friede atmete tief, aber er schwieg. Doktor Schneider lächelte

unmerklich. »Hm, vielleicht ist die Wurst von selbst durch die Luft

geflogen, was meinst du?«

Zweiunddreißig Paar Bubenaugen ruhten auf Friede. Was würde er jetzt

sagen? würde er doch der Angeber sein? Jobst von Hellfeld hatte die

Lippen verächtlich zusammengepreßt; er verrät mich doch, dachte er,

natürlich, er haßt mich ja!

»Na, Friede Heller,« fragte Doktor Schneider noch einmal, »was meinst

du, ist die Wurst von selbst geflogen?«

»Nein,« rief Friede rasch und schaute zu dem Lehrer mit blitzenden

Augen auf, »ich denke aus -- Versehen. Wir haben uns geneckt.«

»Ich war's, ich warf die Wurst.« Jobst von Hellfeld schnellte wie ein

Pfeil empor, er war auch blutrot geworden, aber mutig und ehrlich sah

auch er zu dem Lehrer auf.

Doktor Schneider nickte gelassen: »Es mag gut sein, ich wollte nur

wissen, ob Würste von allein fliegen können. Wir wollen beginnen!«

Dreiunddreißig Bubenköpfe senkten sich auf die Bücher herab, die Stunde

begann, und es war eine, in der die Buben ihre Dummheiten vergaßen und

mit leuchtenden Augen dem Lehrer lauschten. Geographie gab es. Die

Landkarte an der Wand wurde weit und groß. Da waren nicht bloß Linien

und blau getuschtes Meer, da rauschten die Wellen, Wikingerschiffe

durchsegelten den Ozean; Italien, Griechenland, den sonnigen Süden

meinten die Buben zu schauen; sie lugten hinüber nach Afrikas Küste,

und als draußen die Glocke den Schluß der Stunde verkündete, da kehrten

alle nur langsam, fast betrübt von einer wunderschönen Fahrt zurück.

Friede kam erst recht zu sich, als die Türe hinter Doktor Schneider

klappte. Wirklich, da war das Schulzimmer, da saß er, Friede Heller

aus Oberheudorf, auch Traumfriede genannt. Und er war kein nordischer

Seefahrer, wie er noch eben gemeint hatte. So recht zu sich kam er

erst, als über ein paar Köpfe hinweg ihm Jobst von Hellfeld seine

braune Hand hinreichte: »Heller, verzeih mir, bist ein anständiger

Kerl!«

»Ja, ein sehr anständiger Kerl!« Ulrich Sonntag hielt ihm auch die Hand

hin. Er lachte gutmütig: »Das Füchslein hat doch recht gehabt!«

Aus dem Kreise der andern traten noch etliche zu dem Oberheudorfer

Buben; die waren es, die ihn am meisten geneckt hatten. Doch ehe Friede

sich noch recht ausgewundert und alle Hände geschüttelt hatte, ertönte

schon wieder die Glocke, und Doktor Schneider, der auch die zweite

Stunde zu geben hatte, betrat von neuem das Klassenzimmer. Diesmal

flog ihm keine Wurst an den Magen; er sagte aber auch nichts mehr von

dem Vorhergegangenen. Die Buben merkten bald, er hatte vergeben und

vergessen.

In der großen Pause fanden sich Friede, Jobst und Ulrich zusammen auf

dem Schulhof. Friede hatte seine Wurst mitgebracht, denn Ulrich Sonntag

hatte gemeint, sie wäre gewiß besonders gut. Nun probierten sie alle

drei einträchtig die Wurst und schlossen dabei Freundschaft. Und wie

sie so saßen, kam einer nach dem andern hinzu, und Friede teilte aus;

bereitwillig gab er jedem etwas, froh, daß er der Geber sein durfte.

»Die schmeckt aber fein!« Peter Müller, ein kleiner, dicker Kerl,

schlug sich auf den Bauch. »Ich wollte, ich kriegte auch mal eine.«

»Die ißt du dann doch allein, und wir kriegen nichts,« brummte Ulrich

Sonntag. »Der Friede ist ein anderer Kerl, der gibt uns doch was ab!«

»Freilich, der Heller ist ein anständiger Kerl!« Das Wort tönte Friede

noch in den Ohren, als er schon wieder oben im Schulzimmer saß. Mit

so hellen Augen wie an diesem Tage hatte er noch nie das Gymnasium

verlassen. Er ging auch nicht allein, er ging mit Jobst und Ulrich,

und er nahm gerade so lustig und vergnügt von den andern Abschied wie

diese voneinander; er fühlte, er gehörte jetzt zu ihnen. Als er über

den Johannesplan lief und Fräulein Wunderlich am Fenster saß, da

schwenkte er jauchzend seine grüne Mütze. Nun hatte er ja Freunde, gute

Kameraden! Heisa, wie anders sah da die Welt aus!

Singend betrat er das Spiegelhaus. Aber nicht wie sonst kam ihm

Frau Emma freundlich entgegen; sie sah ganz ärgerlich drein. »Du,

Friede, sieh nur,« rief sie, »was soll nun das bedeuten?« Sie zeigte

verächtlich auf eine Anzahl Töpfe, Teller und Kannen, die am Boden

standen. Alle hatten abgebrochene Henkel, große Sprünge und Lücken.

»Dies hat ein Mann gebracht; er sagt, er wäre Kaspar auf dem Berge, und

er solle dies Herrn Professor abgeben. Erbarm' dich, Friede, was soll

der mit dem kaputen Zeug?«

»Ich weiß nicht,« stotterte Friede verdutzt und musterte die Scherben.

Die Kanne mit den Rosen und Vergißmeinnicht kannte er. Das war

Waldbauers Staatskanne gewesen. Ja, und aus dem Topfe mit dem grünen

Eichenkranz -- aus dem hatte Heine Peterles Muhme sonst immer ihren

Sonntagnachmittagkaffee getrunken.

»Ja so,« sagte Frau Emma wieder, »und hier ist ein Brief an dich.

Vielleicht steht da drin, was der Unsinn bedeuten soll.« Sie reichte

Friede einen Brief, der reichlich mit Fettfingern geziert war, und als

der Junge ihn erbrach, strahlte ihm als Erstes ein großer Tintenklecks

entgegen. »Ach,« dachte er, »der ist von Heine Peterle.« Denn Heine

Peterle war groß in Tintenklecksen, ein richtiger Künstler war er

darin; niemand in ganz Oberheudorf machte so viele und so große

Tintenkleckse wie Heine Peterle.

Der Brief war auch wirklich von ihm. Er lautete: »Lieber Friede! Weil

Dein Härr Brofester so arg gern gapuhte Töppe hat, kriechst Du welche.

Wir haben alle welche gebragt und weil ich keins hatte, habb ich Muhme

Rese seinen Kaffätopp erschlagen. Und wenns wider was gapuht ist,

kriechts Härr Brofester. Und file Grüßen von alle. Und wenns doch erst

Fährchen giehbt. Und mit filen Grüßen Dein liebr Heine Peterle. Und auf

Witersähen. Haste die Stattjungens schon ferhauen?«

Friede ließ den Brief sinken und sah Frau Emma halb kläglich, halb

lachend an. »Die Töpfe sind wirklich für den Herrn Professor! Hier

steht's.«

»Was ist für mich?« Professor von Spiegel hatte in seinem Zimmer

Friedes Worte gehört. Er schaute zur Tür hinaus, und das erste, was er

sah, war das zerschlagene Geschirr. »Na nu,« rief er, »es hat heute

wohl hier Polterabend gegeben?«

»Das ist für Sie, Herr Professor,« rief die ordentliche Frau Emma

ärgerlich. »Aus Oberheudorf haben sie es geschickt. So ein Unsinn,

solchen Kram zu schicken!«

»Wer weiß, was sie sich dabei gedacht haben. Zeig doch mal deinen

Brief, Friede!«

»Heine Peterle kann nicht so sehr gut schreiben,« murmelte Friede

verlegen, den Brief hinreichend.

»Aber Kleckse kann er scheint's machen,« meinte der Professor, »und

-- oh -- --.« Der alte Herr lachte plötzlich laut auf, lachte so

schallend und herzlich, daß sein Lachen die andern ansteckte. Sie

lachten mit, Frau Emma, ohne zu wissen, warum, und Friede, weil er

herzlich froh war, daß sein Beschützer sich nicht ärgerte. »Oh,« rief

der, »ihr Oberheudorfer seid doch wirklich ein kurioses Volk! Zu meinen

Altertümern, zu meinen wertvollen Ausgrabungen soll ich diese Scherben

stellen. O, o Kinder! Dieser Heine Peterle schlägt auch noch dafür

seiner Muhme den Kaffeetopf entzwei.«

Die Gärtnersfrau hatte inzwischen den Brief genommen und ihn gelesen,

und ihr kullerten gleich die hellen Tränen vor Lachen über das runde

Gesicht. »Nein, dieser Purzel,« rief sie, »ich koche ihm Schokolade,

wenn er noch einmal kommt.«

»Er meinte es so gut,« sagte Friede. Der Freund tat ihm leid. Wie würde

sich der kränken, wenn er wüßte, wie er ausgelacht würde! Und noch

einmal sagte er bittend, entschuldigend: »Er ist doch so gut!«

»Brav, mein Junge, entschuldige deinen Freund!« Der Professor klopfte

noch immer lachend Friede auf die Schulter. »Freilich, woher sollt ihr

es auch wissen, was meine Sammlung bedeutet,« fügte er gutherzig hinzu.

»Ach, der Friede ahnt es schon,« rief Frau Emma rasch. »Der steckt, so

oft er kann, im Saal; ich glaube, der kennt schon jedes Stück.«

Überrascht schaute der Professor seinen Pflegesohn an. Er war allezeit

freundlich und väterlich zu dem Buben gewesen, aber allzuviel hatte

er sich doch nicht mit ihm unterhalten. Er hatte ihn in sein Haus

genommen, weil es gerade nicht anders ging, aber eigentlich hatte er

ihn immer nur wie einen Gast betrachtet, der kommt und wieder geht

und nie weiter an seine Zukunft gedacht. »Wollen wir einmal zusammen

zu meinen Lieblingen gehen?« fragte er jetzt freundlich. »Unterdessen

denkt Frau Emma vielleicht an das Mittagessen.«

»Ach, du meine Güte,« rief die Frau erschrocken, »ich vergesse ja

rein über dem Oberheudorfer Unsinn die Küche und lasse meinen Herrn

verhungern!« Sie rannte aufgeregt davon.

Der alte Herr aber stieg heiter mit dem Knaben in das obere Stockwerk

hinauf und betrat den Saal, in dem seine Sammlung aufgestellt war. Er

erklärte Friede dies und das, fragte auch einmal und verwunderte sich

immer mehr über des Buben kluge Antworten und sein lebhaftes Interesse.

»Eigentlich ist's schade,« rief Herr von Spiegel, »daß du wieder

fortgehst.«

»Ach ja!« Aus allertiefstem Herzensgrund kam Friedes Seufzer, und seine

blauen Augen sprachen so deutlich: »Ich möchte hier bleiben,« daß der

Professor erst gar nicht darum zu fragen brauchte. Er rief lachend:

»Ja, Friede Heller, ich glaube wirklich, du bleibst lieber bei mir und

magst nicht zu den Wunderlichs hinüber!«

Friede nickte strahlend, hoffnungsfroh: »Ich blieb' so gern, ach

furchtbar gern.«

»Aber Fräulein Wunderlich, was wird sie sagen?« Der alte Herr sah

bedenklich aus.

»Ach, sie ist sicher sehr froh, wenn ich nicht komme,« rief Friede

aufgeregt. »Ich mache doch Schmutztapsen auf der Treppe und bin laut

und ärgere sie und -- --«

»Na, du hast es ja gut vor! Bist du so ein Schelm?« fragte der

Professor lachend. »Wir wollen uns einmal die Sache überlegen. Jetzt

ruft uns Frau Emma zu Tisch, und ich denke, wir haben beide Hunger.«

Friede spürte zwar keinen Hunger. In der Freude seines Herzens aber

sauste er im Oberheudorfer Geschwindschritt die Treppe hinab. Das

Speisezimmer lag im Erdgeschoß. Es ging trapp, trapp, trapp. Auf der

vorletzten Stufe verlor er das Gleichgewicht, und mit lautem Gepolter

sauste er in die Töpfe, Kannen und Teller hinein, die noch immer auf

dem Flur standen. Klirr, krach, zersprang Muhme Reses Kaffeetopf

in tausend Scherben, und Waldbauers einstige Staatskanne kollerte

dem Professor vor die Füße, während der Kuchenteller, der einst im

Schulzenhause Prunkstück gewesen war, den ganzen Flur entlang rollte.

»Erbarm dich, Junge!« rief Frau Emma. »Wenn du so toben willst, dann

wird dich drüben Fräulein Wunderlich gut ansehen!«

»Da ist's wohl besser, er bleibt hier bei uns, nicht wahr, Frau Emma?«

meinte der Professor und sah lächelnd, prüfend in Friedes Gesicht.

»Na allemal,« rief die Gärtnersfrau. »Ist doch was Junges im Haus!«

Friede war sehr verlegen geworden. »Ich kann auch leiser gehen,«

stotterte er beschämt und trat zur Seite, und klirr, ging Kaspars auf

dem Berge alter Bierkrug völlig auseinander; Friede war gerade darauf

getreten. Da nahm der Professor den Buben gütig an der Hand und zog ihn

mit in das Eßzimmer hinein. »Ich sehe schon, es hilft nichts; ich muß

nachher hinüber gehen und dich von den Wunderlichs losbitten. Ich werde

ihnen sagen, daß du ein ganz schlimmer Bube bist und alle Oberheudorfer

Altertümer zertreten hast.«

Das Losbitten war nicht leicht. Im Musikzimmer des Organistenhauses

brachte der Professor seine Bitte vor, und Fräulein Wunderlich sah

trübe drein. Einstmals hatte sie sich gesträubt, den Oberheudorfer

Buben in ihr Haus zu nehmen, nun tat es ihr bitter leid, daß er nicht

kommen wollte.

»Ich würde so gut zu ihm sein,« sagte sie traurig; »aber freilich,

Liebe läßt sich nicht erzwingen.«

»Aber erwerben! Wir wollen uns teilen,« gab Herr von Spiegel zur

Antwort. »Friede soll bei mir und hier zu Hause sein. Er soll oft, oft

zu den guten Nachbarn gehen.«

»Er darf auch poltern und mal ein rechter Oberheudorfer Bube sein,«

rief das Fräulein halb lachend, halb wehmütig.

»Er hat's schon gut, der Junge,« sagte Herr Wunderlich heiter. »Erst

mochte ihn niemand leiden, nun streiten sich gar zwei um ihn. Aber was

ist das?« Er deutete auf den Johannesplan, den man durch das Fenster

sehen konnte. Da stand Friede mit Jobst und den Geschwistern Sonntag,

und alle vier lachten laut und herzlich; der ganze Platz schien

mitzulachen. Das Füchslein hopste vor Vergnügen immer von einem Bein

auf das andere. Es schwenkte einen Brief hin und her, und sein helles

Stimmlein drang zu den drei alten Leuten in das Zimmer hinein: »Oh!

Heine Peterle ist zu ulkig. Ach, ich muß nach Oberheudorf, ich muß

Heine Peterle sehen!«

»Wir auch, wir auch,« brüllten die Buben.

»Freundschaft überall,« sagte Herr von Spiegel, nickte heiter und

rief seinen Pflegesohn herbei. Die Kinder kamen eilig an, und Friedes

Augen strahlten hell, als er erfuhr, daß ihm das Spiegelhaus weiter

Heimat sein sollte. Fräulein Wunderlichs Gesicht wurde ernst, ja

finster; des Buben Freude tat ihr bitter weh. Der Professor merkte

es, und rasch sagte er: »Zeig mal Heine Peterles Brief.« Und während

die alte Freundin las, erzählte er von den Oberheudorfer Altertümern,

und allgemach wurden die Kummerfalten in Fräulein Wunderlichs Gesicht

wieder glatt. Ein Lachen zuckte um ihren Mund, und zuletzt lachte sie

mit den Kindern um die Wette. Draußen hörte es Marie und wurde auch

angesteckt, und die Wände des alten Hauses wunderten sich über das

frohe herzliche Lachen. So etwas hatten sie lange, lange nicht gehört!

[Illustration]

Die Denkmalsbuben von Schwipperlingen.

Wenn die Oberheudorfer Buben und Mädel gar so stolz und aufgebläht von

ihren Stadtbesuchen sprachen, dann sagte wohl Schuster Pechdraht, der

gern ein wenig neckte: »Aber in Schwipperlingen waret ihr doch noch

nicht.«

Die Oberheudorfer in der Stadt Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln · 第 8 / 12 段