können, und sie hätte auch die Buben dazu gebracht, den Schulgenossen
wieder zurückzuholen, doch sie war wie eine kleine Rakete. Puff,
puff, ging es bei ihr gleich immer oben hinaus. Hinterher tat es ihr
freilich bitter leid, aber dann wurde manchmal nicht so rasch glatt und
gut, was ihr Ungestüm verfahren hatte. So ging es auch heute. Marianne
schalt ein paar Minuten heftig auf die Buben ein, und die gaben ihr die
unguten Worte reichlich zurück, Jobst laut und heftig, Ulli mit Brummen
und Knurren. Es schallte gar nicht lieblich durch den Garten, bis sie
auf einmal vor Wut und Ärger alle drei davonrannten, eines hierhin, das
andere dahin. Im Winkel eines Gartenhauses heulte sich dann Marianne
zurecht, wie die Mutter es nannte. Als sie das getan, lief sie in den
Garten zurück und suchte versöhnungsbereit Jobst und Ulli, aber die
waren weg und blieben weg. Da ging die Kleine mit kummerbeschwertem
Herzelein zur Mutter, die an ihrem Nähtisch saß, erzählte der die ganze
Geschichte und klagte sich dann selbst an: »Und ich dachte, nun würde
alles gut werden.«
»Ja, mein Mädel, man denkt eben manchmal verkehrt herum,« sagte die
Mutter, »und das Friedenstiften will sacht und leise angefaßt werden.
Wenn du so wild und ungestüm auf deiner Geige spielen wolltest, kämen
auch keine lieblichen Töne heraus, und mit Menschenherzen muß man
ebenso zart umgehen.«
Marianne Sonntag nahm erst den rechten, dann den linken Zopf in den
Mund, dann seufzte sie, und nach diesen Vorbereitungen sagte sie
betrübt: »Ich will auf der Geige üben.«
»Tu es,« riet die Mutter und nickte ihrem Mädel zu. Sie lauschte
dann dem Spiel der Kleinen, das klang erst gar nicht melodisch, aber
nach und nach wurde es reiner, zarter. Dann klappte eine Tür, das
Spiel brach jäh ab, nun flüsterten und tuschelten im Nebenzimmer
zwei Stimmen, und plötzlich riß das Füchslein die Türe auf und rief:
»Mutterle, wir vertragen uns wieder, und Ulli will auch nett zum Friede
sein.«
Frau Sonntag hörte den guten Vorsatz, hörte ihre Kinder von Versöhnung
reden, und sie freute sich darüber. Aber Friede wußte nichts davon.
Traurig lief der durch allerlei Straßen, und wie er so ziel- und
zwecklos dahin rannte, kam es ihm auf einmal in den Sinn: »Es wäre am
besten, ich liefe nach Oberheudorf zurück.«
Er blieb unwillkürlich stehen. Der Gedanke an die Heimat erfaßte ihn
mit solcher Gewalt, daß ihm die Tränen in die Augen traten. Ganz
deutlich sah er das Haus von Muhme Lenelies, die Muhme selbst, die
Dorfstraße, seine Gefährten, alles vor sich, und da fing er auch schon
an zu laufen. Ich muß heim, gleich, dachte er, ich muß die Muhme sehen,
ihr alles sagen, ich will wieder dort bleiben. Er kannte den Weg schon
besser als Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz. Dort um jene
Ecke mußte er gehen; nun kam die Straße, an deren Ende er schon grüne
Saaten schimmern sah; da war er im Freien, war auf dem rechten Weg zur
Heimat.
Aber allzu weit kam er nicht. Ein Wäglein kam angerollt. Er sah es
erst, als es dicht vor ihm war; da sprang er zur Seite. In dem Wagen
saß ein einzelner Herr, der sich scheltend herausbeugte: »Na, was ist
denn das für eine Sitte, so toll auf der Straße herumzulaufen!«
Friede stutzte und blieb erschrocken stehen. Den Herrn kannte er, das
war ja Doktor Treumann, zu dem er einst an einem stürmischen Wintertag
gerannt war, um eine Medizin für Muhme Lenelies zu holen. Auch der Arzt
hatte den Buben erkannt. »He, du,« rief er, »bist du nicht der Friede
aus Oberheudorf, nach dem mich meiner Schwester Kinder schon halb
entzweigefragt haben? Komm einmal her, wir zwei kennen uns doch, du
bist ja mein kleiner Held.«
Friede trat verlegen an den Wagen heran, und der Arzt prüfte mit
klugen, ernsten Augen sein Gesicht. Holla, da stimmt etwas nicht. Er
merkte es gleich und fragte laut: »Läufst wohl spazieren, was?«
Der Bube nickte nur befangen, er stand mit gesenktem Kopf da und wagte
es gar nicht aufzuschauen. Einen kleinen Helden hatte ihn Doktor
Treumann eben genannt, das war er doch nicht, er, der eben hatte feige
ausreißen wollen.
»Na, sieh mich doch mal an, mein Junge!« sagte da der Arzt gemütlich.
»Straßenstaub und Steine kannst du ja noch oft sehen, aber mich hast
du doch noch nicht gesehen, solange du in der Stadt bist. War übrigens
verreist, sonst hätte ich mich schon um dich gekümmert. Na, Kopf hoch!
Ein tapferer Junge sieht jedem frei ins Gesicht.«
Friede schlug rasch die Augen zu dem Arzte auf. Er fühlte, der
durchschaute ihn, ahnte, daß er nicht auf rechten Wegen ging. Stirn
und Backen brannten ihm, er atmete tief, aber fest sagte er dann: »Ich
wollte ausreißen, nach Oberheudorf zurück.«
»So, so!« Doktor Treumann war gar nicht überrascht, seine Augen
blitzten, und seine Stimme klang scharf: »Bist du jetzt so einer
geworden, der gleich das Hasenpanier ergreift? Hm, meinst wohl, die
Muhme wird sich arg über dein Heimkommen freuen?«
Darauf gab Friede keine Antwort. Er schämte sich plötzlich unsäglich
der eigenen Feigheit, und hastig drehte er sich um, lüftete höflich
seine Mütze und begann wieder nach der Stadt zurückzulaufen.
Da rief ihm der Doktor nach: »Stadtwärts kannst du mitfahren. Komm,
steig ein!«
Der Junge blieb zögernd stehen, er war unschlüssig, was er tun sollte.
Mit dem Arzt zu fahren erschien ihm in diesem Augenblick gar nicht so
vergnüglich, aber der streckte ihm jetzt die Hand entgegen und sagte in
dem alten freundlichen Tone: »Du hast mir ja noch gar nicht die Hand
gegeben, du Friede aus Oberheudorf. Komm, steig ein, wir erzählen uns
was miteinander!«
Friede kletterte in das Wäglein und mußte sich neben den Arzt setzen,
der so gemütlich zu plaudern begann, als wäre der kleine, blonde
Dorfbube ihm ein herzlicher Freund. Und Friede taute auch bald auf
und erzählte nun wieder treuherzig von seinen Kümmernissen. Nur
seine letzte bittere Erfahrung verschwieg er. Doktor Treumann war ja
Mariannes und Ulrichs Oheim, da wollte er nicht anklagen. »Ich hab' es
mir ganz anders auf der Stadtschule gedacht,« schloß Friede seufzend
seinen Bericht.
»Ja, ja, mein Junge, man denkt sich manchmal manches anders in der
Welt,« tröstete der Arzt. »Ich dachte vorhin auch: Holla, der Friede
aus Oberheudorf ist ja ein Feigling geworden! und dann habe ich
gemerkt, daß ich falsch gedacht habe und du doch ein tapferer kleiner
Kerl bist, und so einer kommt schon durch. So, und nun steig aus, da
geht's zum Johannesplan hinauf. Grüße mir meinen alten Freund, den
Professor, und dann, immer tapfer den Kopf oben behalten!«
Friede kletterte aus dem Wagen, grüßte und dankte. Jetzt brannte ihm
wieder das Gesicht, aber diesmal vor Freude. Er nahm das gute Wort
des Arztes mit in das stille Spiegelhaus, und an diesem Abend schrieb
er den ersten Brief an Muhme Lenelies. Alles erzählte er darin, er
schrieb aber auch, daß er tapfer sein und aushalten wolle. Und dieser
Brief fiel nicht auf die Dorfstraße, er wurde auch nicht im Backofen
verbrannt. Muhme Lenelies hob ihn gar sorgsam auf und las ihn so oft,
bis sie ihn besser auswendig konnte als die Kinder in der Schule ihre
Verse und Sprüche.
Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz hatten aber auch ihre
unbändige Freude über den Brief, stand doch darin, daß sie nichts
zerbrochen hatten. Seit sie das wußten, redeten sie noch kecker und
hochmütiger von der Stadt und trillerten immerzu laut auf ihren
Pfeifen, und alle Leute im Dorf sagten: »Wenn die Pfeifen nur erst
kaput wären!« -- --
[Illustration]
[Illustration]
Das Abenteuer im Schloß.
In Feldburg gab es wie in vielen andern altertümlichen Kleinstädten
auch ein Schloß. Es lag, wie es sich für ein richtiges Schloß schickt,
etwas höher als die andern Häuser der Stadt und war auch von einem
wirklichen Fürsten und einer wirklichen Fürstin bewohnt. Meist war
zwar der Fürst von Salheim nicht in Feldburg, er hatte noch andere
Schlösser, und da er ein Fürst ohne Land war und in Feldburg nichts zu
regieren hatte, kam er immer nur etliche Wochen im Jahr dorthin. Er kam
aber gern, und die Feldburger freuten sich auch über sein Kommen, und
über das Schloß freuten sie sich auch; es sah so stattlich aus, und die
Fremden, die in das Städtchen kamen, sagten immer entzückt: »Nein, ist
das aber malerisch!«
In Oberheudorf hatten die Kinder schon früher manchmal von dem
Feldburger Schloß gehört; seit Traumfriede aber in der Stadt war,
sprachen sie sehr viel davon. Das Schloß zu sehen lockte sie sehr.
Muhme Lenelies sagte zwar oft: »Ach was, Schloß hin, Schloß her, meine
Märchenschlösser sind schöner.«
Doch die Kinder glaubten ihr das nicht recht und gaben wohl zur
Antwort: »Du sagst aber nicht, wo die liegen.« Auch der Lehrer in
der Schule hatte von dem Schloß erzählt, das in der Geschichte des
Herzogtums, zu dem Feldburg und Oberheudorf gehörten, eine ziemliche
Rolle gespielt hatte. Ein deutscher Kaiser hatte einmal dort gewohnt,
und allerlei dunkle Sagen umspielten das alte, graue Schloß.
»Warum hat uns Friede das Schloß nur nicht gezeigt? Zu dumm von ihm!«
murrten die fünf ersten Stadtfahrer oft. Ihnen und den andern Kindern
war es daher eine wundervolle Überraschung, als der Herr Lehrer eines
Tages sagte: »Wir wollen einen Spaziergang machen, ratet wohin?«
»Nach Dachhausen,« schrieen die einen; die andern rieten: »Nach dem
Kuhberger Walde.« Wo anders hin war es nämlich noch nie gegangen.
»Falsch geraten! Nach Feldburg, das Schloß ansehen.«
Ein unglaublicher Jubel erhob sich. Selbst der Lehrer erschrak, dies
war ja noch ärger, als er gedacht hatte, und streng gebot er Ruhe. Da
wurde es auch still im Schulzimmer, aber draußen auf der Dorfstraße
ging der Lärm nachher wieder los. Die Buben und Mädel schwatzten so
laut und eifrig miteinander, daß an diesem Tage sogar die Gänse, die
Hauptspektakelmacher im Dorfe, eifersüchtig wurden. Eine dicke Gans
schnatterte der andern zu: »Gräßlich das, man versteht ja sein eigenes
Geschnatter nicht bei diesem Kindergeschrei!«
In heller Aufregung liefen die Kinder heim. »Wir gehn aufs Schloß,«
schrie Heine Peterle schon zum Fenster hinein, damit es nur ja gleich
alle wußten. Die erwartete Überraschung blieb leider aus, denn nur
Muhme Rese saß in der Stube, und die dachte, es wäre wieder einer von
des Buben Späßen. Sie brummelte nur: »Warum willste nich gleich zum
Kaiser?«
Heine Peterle war entrüstet. Aufgeregt erzählte er nun ausführlich, was
der Lehrer gesagt hatte. Da ließ die Muhme ihren Strickstrumpf sinken,
sah den Buben nachdenklich an und sagte zuletzt: »Geh nur ja nich mit,
Heine Peterle, nä, nä, tu das nich, dir passiert was, du paßt nich in
en Schloß.«
Trotz dieser düstern Warnung dachte Heine Peterle gar nicht daran,
daheim zu bleiben. Er gehörte ja schon zu den Großen, die mit durften,
zu den »Gernegroßen«, sagte der Vater.
Die Regenwolken, die über Oberheudorf hingen, taten den Kindern
den Gefallen, am Tage vorher eiligst auszureißen, und am Morgen
des Festtages war der Himmel so blank geputzt, als hätten ihn die
Oberheudorfer Mädel mit Sand und Seife abgescheuert.
Hatten die Kinder vor diesem Tage gefragt: »Wie kommen wir nach der
Stadt?« dann hatten die Erwachsenen erwidert: »Auf Schusters Rappen,
wie sonst; meint ihr, für euch würden Kutschen angespannt?«
Und dann standen zur Überraschung der Buben und Mädel am Morgen doch
zwei große Leiterwagen auf dem Dorfplatz, und Friede Hopserling
schmückte die Pferde gerade noch mit frischen Maiensträußen, als die
Kinder angelaufen kamen. »Hurra, wir dürfen fahren,« schrieen alle.
»Nä, wer hat das gesagt?« brummte Friede Hopserling, und der
Schulzenknecht, der den andern Wagen führte, rief: »Wer mitfahren will,
muß 'nen Taler zahlen, billiger tu' ich's nicht.«
Aber die Kinder kletterten schon auf die Wagen hinauf, sie wußten
genau, woran sie waren. Und dann kam der Herr Lehrer und setzte sich
auch in den einen Wagen, und los ging die Fahrt. Die Dorfbewohner
standen auf der Straße oder schauen zu den Fenstern heraus, sie winkten
und nickten, und die Kinder taten, als ginge die Reise mindestens nach
Amerika. Heine Peterle blies auf seiner rosenroten Flöte, Schulzens
Jakob und Schnipfelbauers Fritz auf ihren Trillerpfeifen, die andern
wieder sangen, und Friede Hopserling knurrte: »Die Pferde werden noch
scheu werden.«
An einem sonnenhellen Frühlingstag auf einem Leiterwagen durch den
Wald zu fahren, ist höchst vergnüglich, und die Oberheudorfer Buben
und Mädel waren auch so lustig, wie man nur sein kann. In Wiesental,
dem letzten Dorf vor Feldburg, wurde ausgestiegen. Von da aus ging es
zu Fuß nach der Stadt. »Gleich zum Schloß hinauf,« gab der Lehrer den
Ungeduldigen zur Antwort.
O dieser Zug durch die Stadt! Diejenigen, die schon dagewesen waren,
blähten sich wie die Fröschlein auf und sagten wichtig, wenn sich die
Gefährten über dies oder das wunderten: »Das ist so in der Stadt.«
»Da ist Herrn Schulz sein Ramschladen,« schrie Schulzens Jakob, und
sämtliche Kinder blieben vor dem Laden stehen, preßten die Nasen an die
Fensterscheibe und hatten nicht übel Lust, Herrn Schulz zu besuchen.
Doch da rief Heine Peterle: »Nu kommt wieder der Wagen ohne Pferde.«
»Brrr bums,« blieb das Automobil stehen, und der Führer schalt zornig:
»Ja, was soll denn das, Kinder? Runter von der Straße! Ich glaube gar,
das sind wieder die dummen Buben von neulich!«
Der Lehrer hatte seine Not, ehe er es seinen Buben und Mädeln
begreiflich machen konnte, daß sie immer nur auf dem schmalen
gepflasterten Bürgersteig zu gehen hätten.
»Du, Mariele,« rief da Annchen Amsee, »sieh mal, hier wohnt 'n Bäcker.«
Es war die größte Bäckerei der Stadt, vor der die Kinder gerade
angelangt waren: ein stattlicher Laden mit breitem Schaufenster, in dem
Torten, Kuchen, Körbchen mit allerlei feinen Weißbrötchen aufgebaut
waren; dahinter wieder standen lange, dunkelbraune Brote, ernsthaft wie
Schildwachen.
Mariele sah mit großen Augen drein; fast andächtig, ehrfurchtsvoll
musterte sie den Laden. Das sollte eine Bäckerei sein, wie ihr Vater
sie hatte? Dem kleinen Mädel kam hier plötzlich die Erkenntnis, wie
klein doch das Heimatdorf war gegen Feldburg, und hatte der Lehrer
nicht gesagt, Feldburg wäre eine kleine Stadt? So gab es noch größere
Städte mit noch viel, viel größeren Bäckereien? Mariele seufzte so tief
und schwer, daß es der Lehrer hörte. Er wandte sich um und fragte: »Was
hast du denn, Mädel?«
»'s ist nich hübsch in der Stadt,« klagte Mariele angstvoll und starrte
den Bäckerladen an, der ihr in seiner Größe und Pracht fast unheimlich
war.
Der Oberheudorfer Lehrer kannte die Kinder gut und verstand des
Marieles Schrecken. Er nahm die Kleine an der Hand, und während
sie alle miteinander den Schloßberg hinaufpilgerten, zeigte er ihr
allerlei, ein hübsches Haus, einen Garten, in dem allerlei Blumen
blühten, er zeigte ihr, wie ein paar kleine Mädel ihre Puppen in der
Sonne spazierenführten, und allmählich verlor Mariele die Angst vor der
Stadt. Häuser, Bäume, Blumen, Menschen, die gab es auch in Oberheudorf,
na, und wenn der Vater auch keinen großen, feinen Laden hatte, ein
Bäcker war er doch, und der Herr Lehrer sagte: »Auf den großen Laden
kommt es nicht an, nur darauf, ob das Brot gut ist, das einer bäckt,
und das Brot deines Vaters schmeckt so gut, daß viele Stadtleute es
sich kommen lassen, weil sie es besonders gern essen.«
Da wurde Mariele sehr stolz auf ihren Vater, und Feldburg mit all
seinen Häusern und Läden kam ihr gar nicht mehr unheimlich vor, ja am
Schloßtor schaute sie sich ganz kühn um und tuschelte Annchen Amsee zu:
»Am Ende essen sie drinnen gar auch Brot vom -- Vater.«
Ein paar Buben und Mädel hatten sich den ganzen Weg über nach dem
Friede Heller umgeschaut. Warum der wohl nicht zu sehen war?
»Er weiß nicht, daß wir da sind,« sagten einige.
»Vielleicht hat er noch Schule,« meinte Heine Peterle nachdenklich,
der dachte, in der Stadt könnte schon mal von früh bis abends Schule
sein.
Als sie aber alle ans Schloßtor kamen, stand dort ein Bube und
schwenkte jauchzend seine grüne Mütze: Friede war es. Er stürmte ihnen
entgegen und hätte sie in der Freude seines Herzens am liebsten umarmt,
den Herrn Lehrer voran. Ehe er aber noch alle recht begrüßt hatte,
schrie Anton Friedlich, dessen Augen neugierig rundum gingen: »Uh je,
da steht der Fürst mit 'nem großen Stock!«
»Er kommt her, er kommt her,« quiekten etliche Mädel und knicksten
erschrocken bis zur Erde. Fein angetan in dunkelrotem, goldgesticktem
Rock, einen Dreispitz auf dem Kopf, kam der Türhüter heran. Er wußte
von dem Kommen der Oberheudorfer; der Lehrer hatte angefragt, ob er mit
seinen Schulkindern an diesem Tage das Schloß besichtigen dürfe. Mit
gnädigem Lächeln sah der Türhüter die Kinder an. Daß sie ihn für den
Fürsten hielten, freute ihn, und er erlaubte es huldvoll, daß die Buben
und Mädel ihn von allen Seiten betrachteten und um ihn herumliefen wie
um einen Weihnachtsbaum. Sie hörten erst mit Bewundern und Besehen auf,
als der Diener kam, der sie im Schloß herumführen sollte. »Hört nun
schon auf,« mahnte der, »wenn ihr drinnen alles so genau besehen wollt
wie unsern Türhüter, dann werdet ihr bis morgen früh nicht fertig.
Kommt jetzt, drinnen gibt es Schöneres zu sehen.«
»Grobian,« brummte der Türhüter, der sich sehr gern bewundern ließ,
aber dann sagte er auch: »Geht nur hinein!«
Es gab wirklich sehr viel in dem Schloß zu sehen: geschnitzte,
vergoldete, mit Seide und Samt überzogene Sessel, Stühle, Sofas, Tische
mit eingelegten, kunstvoll verzierten Platten, schimmernde Spiegel,
Bilder, Vasen, kurz so viel schönen, reichen Hausrat, daß die Buben
und Mädel aus dem Erstaunen und der Bewunderung gar nicht herauskamen.
In einem Saal, der ganz von Gold schimmerte, mußten sie alle riesige
Filzschuhe über ihre eigenen Schuhe ziehen. Der Fußboden war so fein
und glänzend, so spiegelglatt, als sollte darauf gespeist werden, und
der Diener mahnte: »Hier muß man vorsichtig gehen!«
[Illustration: Der hohe Herr.]
Ja gehen, er hatte gut reden! Hopps, da lag der dicke Friede schon,
und krach setzte sich Schulzens Jakob auf seinen Hosenboden. Krämers
Trude zappelte ein Weilchen wie ein Fisch, dann fiel sie auch hin, und
Bäckermeisters Mariele rutschte wie ein kleiner Schlitten auf ihrem
Bäuchlein den halben Saal entlang. Der Führer hatte gerade mit dem
Erklären beginnen wollen, als er sah, wie es um ihn herum plumpste.
»Aber Kinder, was macht ihr denn?« rief er erschrocken.
Krach, da lag auch er da, so lang er war. Anton Friedlich hatte sich an
seinem Bein halten wollen und ihn mit umgerissen.
»Uff!« stöhnte er. Vor lauter Überraschung wußte er nichts weiter
zu sagen, nicht einmal schelten konnte er. Kaum hatte er sich
aufgerichtet, da purzelte schon wieder eins hin, und ein Mädel griff
angstvoll nach seinem Rockschoß.
»Aber was macht ihr denn?« schrie er nun entsetzt. »Haltet doch
--« bums setzte sich vor ihm wieder ein Bube sehr unsanft auf den
Hosenboden, und alles klirrte und krachte im Saal.
»Das geht nicht,« riefen der Lehrer und der Führer erschrocken wie
aus einem Munde, und die Kinder klagten: »Wir können nicht in den
Pantoffeln gehen.«
»Wir ziehen alle die Schuhe aus!« Annchen Amsee saß auf dem Fußboden,
sie stand auch nicht auf, weil sie dachte, sie falle ja doch wieder
hin. »In Strümpfen geht's, da trapsen wir auch nicht!«
»Ja, wir wollen die Schuhe ausziehen,« schrieen ihr die andern nach,
und schon hatten ritsch, ratsch ein paar Mädel ihre Schuhe aufgebunden.
»Es wird wohl am besten so sein,« meinte der Herr Lehrer, und der
Diener sagte seufzend und ergeben: »Meinetwegen, obgleich sonst nie
jemand so in den Festsaal geht.« Eins, zwei, drei, waren alle Schuhe
ausgezogen, und dann tappelten lauter rosenrote und kornblumenblaue
Füße über das glatte Parkett. Die Oberheudorfer Mütter liebten nämlich
die bunten Strümpfe sehr.
Aus dem Festsaal ging es in die Silberkammer, von da in das gelbe
Zimmer, dann in den roten Saal, dann in die grüne Kammer; es war
beinahe wie in einem Märchen. Endlich schloß der Führer eine schwere
eichene Türe auf und sagte: »Das ist der Ahnensaal.« Aber erschrocken
prallten die Kinder zurück, und den Mädeln wurde es himmelangst. An
den Wänden hingen die lebensgroßen Bilder vieler Männer und Frauen
in seltsamen Trachten. Manche von ihnen sahen recht grimmig aus, gar
nicht, als hätten sie vom Anderwandhängen einen sonderlichen Spaß.
Dies und das erzählte der Führer von dem und jenem: der war ein großer
Held gewesen in dem langen Krieg von dreißig Jahren, und jener hatte
gegen die Türken gefochten. Die eine der Schloßfrauen hatte einmal mit
tapferer, mutiger List Stadt und Schloß aus großer Gefahr gerettet.
Sie sah auf ihrem Bilde aber auch so stolz und feierlich aus, daß die
Kinder sie sehr ehrfürchtig anschauten. Krämers Trude knickste sogar
vor ihr.
Am Südende des Saales lag neben einer Tür, die auf einen schmalen
Vorsaal endete, eine kleine Nische. In der hing noch ein Bild:
ein finsterer Herr in der spanischen Hoftracht des sechzehnten
Jahrhunderts war es. Von ihm erzählte der Führer, er sei ein gar arger
Bösewicht gewesen, er gehöre von rechtswegen gar nicht in diesen Saal,
denn er sei nur ein entfernter Verwandter des Fürstenhauses. Man lasse
aber sein Bild hängen, obgleich er es gar nicht um die Familie des
Fürsten verdient habe. In einer wilden Sturmnacht habe er versucht,
die einzige Tochter des damals regierenden Herrn zu rauben. Fahrende
Spielleute hätten ihm dann aber das schöne Fräulein abgejagt, als sie
im Walde nach Hilfe gerufen habe. Sie sei dann vor Schreck und Grauen
in ein Kloster gegangen. Ihr Räuber aber sei landflüchtig geworden, man
wisse nichts von seinem Ende.
»Huhu,« graulten sich die Mädel und sahen ordentlich ängstlich auf den
finsteren Mann, just als würde der mit seinen spitzen Schnabelschuhen
aus dem Bilde herausmarschieren. Heine Peterle tat einen tiefen Atemzug
und sagte: »Man hätt' ihn ordentlich verdreschen müssen.«
Das Wort gefiel den Buben, und der eine sagte dies, der andere das, was
sie getan hätten, wenn sie die fahrenden Leute gewesen wären.
Der Herr Lehrer war inzwischen mit dem Führer an eins der spitzbogigen
Fenster des Saales getreten, und die Kinder konnten sich ungestört über
den finsteren Gesellen unterhalten.
»Wie er die Augen aufreißt!« tuschelte Annchen Amsee, »puh, wie
graulich!«
»Ich hätte ihn ganz gewiß gefangen und in den Turm gesteckt,«
versicherte Schulzens Jakob zum drittenmal. Da trat Heine Peterle ganz
dicht an das Bild heran und sagte keck: »Ich geb' ihm jetzt noch was
für seine Schlechtigkeit.« Und patsch schlug er mit seiner kleinen
Faust dem gemalten Mann auf den Bauch.
Die Kinder lachten, aber ihr Lachen erstarb jäh.
Himmel, was war das?
Urplötzlich verschwand das Bild und -- Heine Peterle -- ihr Heine
Peterle mit ihm. Ein paar Sekunden lang zappelten und strampelten zwei
rosenrote Beine in der Luft herum, es polterte und krachte, und dann
waren gemalter Mann und Heine Peterle weg.
Die Kinder schrieen so gellend, so angsterfüllt auf, daß der Lehrer mit
dem Führer so schnell herankamen, als es mit den großen Filzpantoffeln
ging.
»Heine Peterle -- -- da -- -- der -- -- Mann, huhuhu,« kreischten die
Kinder und deuteten entsetzt auf die Nische. Dort gähnte jetzt nur ein
dunkles Loch.
»Er -- -- hat -- -- ihn -- -- ge--ge--holt,« wimmerten ein paar Mädel.
Doch plötzlich zappelte ein rosa Bein in der Luft herum, dann noch
eins, und dann -- -- stand Heine Peterle wieder da.
Aber wie sah er nur aus! »Bube, was ist denn geschehen?« Mit einem Ruck
zog ihn der Lehrer ans Licht, während der Diener noch immer sprachlos
in das dunkle Loch starrte, der gemalte Mann kam nämlich nicht wieder.