ORGAN DES GERMANISCHEN MUSEUMS.

1868. Nº 12. December.

Wissenschaftliche Mittheilungen.

Noch ein Wort über den deutschen kaiserlichen Doppeladler.

„Adhuc sub judice lis est.“

Im elften Bande des Anzeigers für Kunde der deutschen Vorzeit von 1864

(Nr. 1-4) habe ich mir erlaubt, einen kleinen „Beitrag zur Geschichte

des heraldischen Doppeladlers“ mitzutheilen, zu welchem Dr. A. Erbstein

einen werthvollen „numismatischen Beitrag“ (in Nr. 5 u. 6 dess. Jahrg.)

geliefert hat. Vgl. auch die Nachträge im Jhg. 1865, Sp. 236 u. 420 ff.

Die Akten über diesen interessanten Gegenstand sind zwar noch nicht

geschlossen; allein es hat leider den Anschein, daß der für uns weitaus

wichtigste Theil der Frage: wann und warum der (morgendländische?)

Doppeladler den (abendländischen?) +einfachen Adler+ im Wappen der

deutschen Kaiser verdrängt hat, +mit voller Sicherheit+ nicht mehr

wird beantwortet werden können.

Meine früher bestimmt ausgesprochene Ansicht, daß erst Kaiser Sigismund

den Doppeladler als kaiserliches Wappen angenommen habe, glaube ich

aber jetzt theilweise berichtigen zu müssen.

Nachdem meine Zweifel über die Richtigkeit der Zutheilung der

beiden Denare K. Otto’s IV. und K. Conrad’s IV. durch den erwähnten

„numismatischen Beitrag“ gehoben worden sind, und nachdem mein

gelehrter Freund Lisch mir die unter Nr. 1 abgebildete Zeichnung der

Fahne Karl’s des Großen[223] aus der meklenburgischen Reimchronik

Ernst’s von Kirchberg, vom Jahre 1378, mitgetheilt hat[224], glaube ich

annehmen zu dürfen, daß der Doppeladler doch schon seit dem Ende des

12. Jahrh. -- also seit seinem Erscheinen in der deutschen Heraldik

überhaupt -- als kaiserliches Wappen, wenn auch anfänglich und bis zu

Sigismund nicht vom Kaiser selbst, und nicht ausschließlich, also mit

dem einfachen abwechselnd[225], geführt und abgebildet worden ist.

[Illustration: Nr. 1.]

Zu den bereits erwähnten Beispielen des Vorkommens des Doppeladlers als

kaiserlichen Wappens aus der Zeit zwischen 1197 und 1378 kommt noch die

bekannte Goldmünze K. Ludwig’s des Bayern[226] (1314-1347).

Die Behauptung L. v. Ledebur’s, daß K. Ludwig schon 1323 den

Doppeladler im Siegel geführt habe, beruht auf einem Irrthum.

Der Kaiser führte nämlich auf seinem, gewöhnlich als Rücksiegel

gebrauchten, kleineren Siegel, wie hier unter Nr. 2 abgebildet, einen

rückwärtsehenden, sog. „wiedersehenden“ Adler in natürlicher Stellung,

mit der schönen, echt königlichen Devise[227].

[Illustration: Nr. 2.]

Die Bemerkung in der Urkunde von 1323: „Geben zu Babenberg... under dem

wiedersehenden Adler besiegelt“, hat wol meinen gelehrten Freund zu

der Annahme verleitet, Ludwig habe auf diesem Siegel den Doppeladler

geführt[228].

Römer-Büchner hat das Wort „wiedersehend“ auch mißverstanden und über

dessen Bedeutung zwei viel zu gesuchte Hypothesen aufgestellt[229].

Auf dem großen Siegel III. A. 2. b K. Ludwig’s sehen wir auf der Spitze

des Scepters einen (heraldischen, einfachen) Adler und zu beiden

Seiten des Thrones (?) zwei wiedersehende Adler, auf den beiden,

unter den Füßen des Kaisers liegenden Löwen stehend. Letztere beiden

Adler, ebenso wie die Löwen, sind aber hier keine (heraldischen)

+Wappen+bilder, sondern nur (symbolische, auch auf das Wappen sich

beziehende) +Siegel+bilder[230]. Das zeigt schon der ganze Typus

dieser Thiere. Einer ganz ähnlichen, wahrscheinlich +diesem+ Siegel

nachgebildeten Zusammenstellung begegnen wir, beinahe gleichzeitig,

auf dem Siegel König Johann’s von Frankreich v. J. 1352 (abgebild. im

nouv. traité de diplom. V, Taf. C, Fig. 79). Auf diesem Siegel haben

die Adler nur eine rein decorative Bedeutung, ohne alle Beziehung zu

dem +Wappen+, welches auf dem Hauptsiegel nur durch die Lilie auf der

Spitze des Scepters vertreten, dagegen auf dem Rücksiegel (IV. A. 2.)

enthalten ist.

Ueber vermeintliche Kaisersiegel mit dem Doppeladler vor Sigismund

schreibt Römer-Büchner a. a. O., S. 41: „Zwar gibt Gudenus in praefat.

Sylloges Disp. pag. 20 Nachricht von einem zweiköpfigen Adler im

kaiserlichen Contresiegel Karl’s IV.; da uns jedoch kein ähnliches

Siegel vorgekommen ist, so wird sich diese Angabe auf ein falsches

Siegel oder falsche Abzeichnungen gründen, wie wir z. B. bei v. Birken,

Fuggerischer Ehrenspiegel des Erzhauses Oesterreich, S. 170, 178, 185

u. 350, die falschen Siegel mit dem zweiköpfigen Adler von Friedrich I.

von 1166, Heinrich (VII) von 1228, Friedrich II. von 1245 und Karl IV.

von 1368 finden.“

Was K. Karl IV. betrifft, so gilt von den beiden als Schildhaltern

verwendeten Adlern auf seinem großen Siegel III. B. 2. b. dasselbe, was

ich oben von den beiden Adlern auf dem Siegel III. A. 2. b. K. Ludwig’s

des Bayern gesagt habe.

Seit Kaiser Sigismund blieb aber der Doppeladler das stereotype

Wappen unserer Kaiser, während die deutschen Könige den +einfachen+

fortführten.

Bemerkenswerth für die vorliegende Frage bleibt immerhin, wie ich

schon früher erwähnt, der Umstand, daß Sigismund, der schon als

Reichsverweser 1402 den Doppeladler auf seinem Siegel IV. A. 1 geführt

hatte[231], als römischer König und Erbe von Böhmen („romanorum rex

et bohemie heres“, wie die Legende lautet) i. J. 1411 den +einfachen

Adler+ im Siegel führte, dagegen i. J. 1419 als römischer König und

König von Böhmen („romanorum ac bohemie rex“) wieder den Doppeladler

annahm, den er auch als Kaiser beibehielt.

Nach den gewöhnlichen Regeln der damals sehr ausgebildeten und

angesehenen Heroldskunst erscheint dieser Wechsel als ein auffallender

Widerspruch, indem der Doppeladler unter den angeführten Verhältnissen

das eine Mal als eine sog. Minderung, das andere als eine sog. Mehrung

des Wappens zu blasonieren wäre.

So, wie ich die Frage jetzt ansehe, erscheint mir der Doppeladler

auf dem Rücksiegel König Wenzel’s von 1376, auf den Siegeln der

Herzoge Wilhelm und Albrecht I. von Bayern, der Söhne K. Ludwig’s d.

Bayern, der Herzogin Katharina von Oesterreich, der Tochter K. Karl

IV., der Stiefschwester K. Wenzel’s, ebenso als der +kaiserliche+,

wie auf dem Siegel der Juden von Augsburg (als kaiserliche und

Reichs-Kammerknechte) von 1298, auf dem Landfriedensiegel vom Jahr

1335, auf den Stadtsiegeln von Breslau aus dem 13. (?) Jahrh., von

Friedberg 1334, von Lübeck 1369, von Antwerpen 1370, von den Seestädten

1368, auf dem der Stadt Solothurn von 1394 (und zwar auf diesem

+gekrönt+; wol das +älteste+ Beispiel eines +gekrönten+ Doppeladlers);

ferner auf den flandrischen Goldmünzen im 13. Jahrh. und denen der

Kurfürsten von Trier im 14. Jahrh., am Galgenthor und am Eschenheimer

Thurm in Frankfurt a. M. von 1343-48. Ja, selbst auf allen Siegeln,

deren Inhaber in einem höheren oder niederen ministerialen Verhältnisse

zum deutschen Reiche, resp. seinem Oberhaupte, gestanden, dürfte

+diese+ Auffassung von der Bedeutung des Doppeladlers -- ob ganz oder

theilweise angebracht -- die richtige sein. Das würde u. a. von dem

unter Fig. XIV meines Beitrags zur Gesch. d. heraldischen Doppeladlers

abgebildeten Siegel der kaiserl. Burggrafen von Henneberg und dem unter

Fig. VI mit dem Wappen der Burgmannen von Gelnhausen der Fall sein.

Während in den beiden Originalhandschriften der Richenthal’schen

Chronik, der Aulendorfer wie der Constanzer, und in der Ausgabe von

Anton Sorg vom J. 1483 der +einfache Adler+ mit „römisch reich“ und

der Doppeladler mit „Keysertum“ bezeichnet und in dem Reichsbanner

der +einfache Adler+ abgebildet ist, sehen wir bereits auf Blatt 53

der kostbaren Bilderhandschrift aus dem Ende des 15. Jahrh. in der

fürstlich Waldburg-Wolfegg’schen Bibliothek, sowohl auf dem großen

kaiserlichen Banner als wie auf den Fähnlein und Dächern der Zelte,

überall nur den Doppeladler.

[Illustration: Nr. 5.]

Bei diesem Stande der Sache war es von großem Interesse für mich, als

ich auf den unter Nr. 5 abgebildeten Grabstein K. Rudolf’s von Habsburg

im Dome zu Speyer[232] aufmerksam gemacht wurde und einen Abguß des

Brustschildes mit dem Doppeladler erhielt.

Durch dieses Denkmal schien der bisher fehlende historische

Zusammenhang zwischen dem ersten Erscheinen dieses kaiserlichen

Wappenbildes zu Anfang des 13. Jahrh.[233] und den Siegeln K.

Sigismund’s hergestellt und dessen Vorkommen auf der erwähnten

Goldmünze K. Ludwig des Bayern erklärt zu sein.

Je wichtiger aber dieses Denkmal für die Entscheidung der vorliegenden

Frage war, um so genauer mußte untersucht werden, ob wir es wirklich

hier mit einer +gleichzeitigen+ Arbeit zu thun haben.

+Dagegen+, d. h. für eine +spätere+ Ausführung des Monumentes, sprachen:

I. Der Stil des Ganzen und die sehr individuelle Auffassung der Figur,

die nach Essenwein nicht mehr auf das 13. Jahrhundert hinzudeuten

scheinen und nach v. Eye eher der Zeit Karl’s IV. entsprechen;

II. der Umstand, daß der Grabstein des Kaisers von Marmor gewesen

sein soll, der vorliegende aber von Sandstein ist, und nicht im Dome,

sondern in der Ruine des Johanniterhofes im Schutte gefunden wurde; und

III. der Doppeladler an und für sich[234] und seine für die damalige

Zeit ungewöhnliche Form[235].

+Für+ die Gleichzeitigkeit des Denkmals sprachen jedoch:

I. Die Angabe Ottokar’s von Horneck in seiner Reimchronik, daß der

Steinmetz die Figur Rudolf’s genau nach dem Leben gearbeitet habe,

und als derselbe eine Falte im Gesicht mehr bekommen, ihm eigens

nachgereist sei, um ihn nochmals genau zu betrachten und auf seinem

Bilde auch diese Falte nachzutragen; wie denn auch der Ausdruck des

Gesichtes wirklich +Porträt+ zu sein scheint.

II. So sehr die oben (unter III) angeführten heraldischen Bedenken auch

zu beachten sind, für +unbedingt entscheidend+ möchte ich sie doch

nicht erklären.

Der vorliegende Fall ist einer von den vielen auf dem weiten, aber

theilweise noch immer sehr dunkeln Gebiete, der Alterthumsforschung,

der sich eben so leicht zum Beweise für als +gegen+ eine aufgestellte

Behauptung gebrauchen läßt.

Man kann nämlich mit eben so viel Wahrscheinlichkeit behaupten, der

Doppeladler auf der Pektoralschließe des Grabsteines K. Rudolf’s

beweise, daß derselbe erst lange nach seinem Tode verfertigt worden

sei, als man behaupten kann, daß dieses Grabmal den Beweis liefere, daß

schon Rudolf von Habsburg den Doppeladler als +kaiserliches Wappen+

geführt habe.

+Bewiesen+ ist aber damit das Eine eben so wenig wie das Andere.

Ich bin kein Freund solcher apodiktischer Behauptungen und begnüge mich

gerne damit, die Frage nach ihren beiden Seiten angeregt und zu ihrer

endlichen (?) Lösung das Meinige beigetragen zu haben; et je ne crois

même en savoir moins pour cela.

Wenn auch allerdings im Mittelalter, namentlich vor der zweiten Hälfte

des 15. Jahrh., die heraldischen Typen in den einzelnen Perioden (etwa

von 50 zu 50 Jahren) so ziemlich ausgeprägt und constant waren, so

kommt doch auch sehr viel darauf an, ob eine Wappenfigur auf Münzen,

Siegeln oder auf Denkmälern dargestellt wurde und welchem Lande der

ausführende Künstler angehörte. Bei auffallenden Formverschiedenheiten

und Abweichungen von der gewöhnlichen, landläufigen Regel sind +beide+

Momente wohl zu beachten und ohne urkundlichen Beweis, der selbst

durch Siegel nicht immer geführt werden kann, ist es nach meinem

unmaßgeblichen Ermessen meist mißlich und gewagt, im einzelnen Falle

darüber unbedingt abzuurtheilen und Hypothesen aufzustellen, die so

wenig Wahrscheinlichkeit für sich haben.

Was aber am meisten dafür spricht, daß der Speyerer Grabstein nicht der

ursprüngliche, und somit der auf demselben befindliche Doppeladler für

die vorliegende Frage ganz ohne Werth ist, das ist eine Vergleichung

desselben, resp. unseres obigen Holzschnittes, mit einem Bilde

in der berühmten Ambraser Sammlung, wovon wir eine Abbildung des

entsprechenden Theiles des Originals unter Nr. 6 mittheilen.

Freiherr E. v. Sacken schreibt darüber an Essenwein bei Uebersendung

einer Photographie dieses Bildes: „Was den Grabstein Rudolf’s von

Habsburg anbelangt, so weiß ich nur aus schriftlichen Nachrichten, --

ich selbst war nicht in Speyer -- daß derselbe durch die Franzosen 1689

und 1793 bis zur Unkenntlichkeit zerstört wurde. Schmidt sagt mir, es

sei noch gegenwärtig der alte Grabstein dort, der aber sehr bedeutend

restauriert ist. Ob Ihr Gypsabguß von diesem restaurierten oder einem

darnach gefertigten neuen Steine sei, kann ich nicht bestimmen.

[Illustration: Nr. 6.]

Die in Wasserfarben gemalte, aber auch schon etwas verblaßte Copie

in der Ambraser Sammlung, von der ich eine Photographie beilege,

ist jedenfalls unter K. Maximilian I. nach dem noch intacten Steine

gefertigt[236]. Das Bild ist 6 Fuß groß und sehr gut, wahrscheinlich

von dem Tiroler Kaspar Rosenthaler, der auch den großen habsburgischen

Stammbaum in der Ambraser Sammlung malte. Die Inschrift stimmt genau

mit Ihrem Holzschnitte überein, ebenso die Figur im allgemeinen, nicht

so Kopf und Hände, die an dem Originale des Holzschnittes ohne Zweifel

restauriert sind; auch Krone und Scepter sind anders geformt, und

die Linke hält nicht den Reichsapfel, sondern die Büchse mit dem bei

der Krönung gebrauchten Salböle. Auf dem Originale des Holzschnittes

ist wol auch der +Doppel+adler auf dem Brustschilde eine neuere

Restauration; denn auf unserem Bilde ist deutlich der +ein+köpfige

schwarze Adler zu sehen.“

Mantelschließen mit Wappen finden sich häufig auf unseren ältesten

Grabmälern, z. B. auf den Grabsteinen Graf Otto’s von Botenlauben, †

1244, und seiner Gemahlin Beatrix, † 1250, in der Kirche von Frauenrode

(abgebildet bei Hefner-Alteneck, Trachten etc., I. Taf. 59 u. 60); auf

mehreren Erbach’schen und auf dem Grabmal Graf Ulrich’s von Württemberg

und seiner Gemahlin Agnes, einer gebornen Herzogin von Liegnitz, beide

† 1265.

„Ulrich’s irdische Reste“ -- schreibt mein gelehrter Freund von Stälin

(in s. wirtemb. Gesch. II, 484 u. 485) -- „wurden zuerst in Beutelsbach

beigesetzt, im J. 1321 nach Stuttgart gebracht; in der dortigen

Stiftskirche befindet sich sein steinernes Grabdenkmal, welches den

Grafen mit seiner Gemahlin Agnes in ganzen Figuren darstellt und nicht

sehr lange nach deren Tode, vielleicht für die neue Beisetzung der

Gebeine in Stuttgart, gefertigt wurde.“

Da die Abbildung bei Sattler, Topogr. Gesch. 40, S. 34, ganz unrichtig

ist, so theile ich hier unter Nr. 7 (in ½ Größe des Originals) eine

genaue Zeichnung der Mantelschließe der Gräfin mit, auf welcher sich

ihr Alliancewappen in eigenthümlicher Zusammenstellung befindet[237].

[Illustration: Nr. 7.]

Zum Schlusse muß ich mir aber doch noch erlauben, meine bescheidenen

Bedenken gegen einige in dem erwähnten „numismatischen Beitrage“

aufgestellten Behauptungen auszusprechen.

Das sehr frühe Vorkommen des Doppeladlers auf Geweben und als reines

Ornament ist bekannt. Allein den heraldischen und ganz besonders den

deutschen, kaiserlichen Doppeladler kann ich durchaus nicht für „ein

Kind des Webstuhls“ halten.

Mag der Ursprung und die Bedeutung des Doppeladlers im Orient noch

zu dunkel sein, in der deutschen Heraldik liegt ihm sicher eine

tiefere Bedeutung zu Grunde, als die bloße mechanische Nachbildung

fremdländischer Gewebe[238].

So sehr ich die allgemein anerkannte Autorität des Herrn Dr. A.

Erbstein auf dem Gebiete der Münzkunde verehre, so kann ich doch, was

das Verständniß unserer mittelalterlichen Wappenkunde betrifft (um

deren tieferen Sinn sich die Münzmeister aus verschiedenen technischen

und aus Zweckmäßigkeitsgründen oft sehr wenig gekümmert zu haben

scheinen), mich seinem Urtheile nicht ebenso unterwerfen.

Ich muß daher die von competenten Richtern längst aufgestellte

Behauptung aufrecht erhalten, daß der Doppeladler durch das

monogrammatische Zusammenschieben -- wie es v. Ledebur ganz treffend

bezeichnet -- zweier heraldischer Adler entstanden und in dieser

Beziehung im kaiserlichen Wappen ein symbolisches (die Vereinigung des

deutschen und des römischen Reiches bezeichnendes) Wappenbild ist und

weder ein heraldisches Monstrum, noch ein blos symmetrisches Ornament.

Auffallend ist es, wie einer unserer größten Gelehrten[239] behaupten

konnte, daß bei dieser Annahme „Schwierigkeiten darüber entstehen, auf

welchen Beziehungen diese Verbindung beruhe,“ nachdem derselbe doch

unmittelbar vorher in seiner historischen Erörterung der „+Zeichen,

Fahnen und Farben des deutschen Reichs+“[240] selbst anführt, daß der

+Doppeladler+, „+als besonderes Zeichen der römisch-kaiserlichen Würde

im Gegensatz der deutsch-königlichen, die nun vorzugsweise durch den

einfachen Adler bezeichnet werden sollte+“, angenommen worden sei.

Den Vergleich zwischen dem doppelgeschwänzten heraldischen Löwen[241]

und dem Doppeladler (nicht dem blos doppelköpfigen, wovon ich nur

+ein+ Beispiel kenne: die geschmacklosen Schildhalter auf dem großen

Doppelsiegel Kaiser Sigismund’s[242], wovon dasselbe gilt, was oben

von den Schildhaltern auf dem Siegel K. Ludwig IV. gesagt ist)

kann ich eben so wenig gelten lassen, als zwischen diesem +stets

aus zwei ganz gleichen Hälften+ bestehenden Adler mit den von mir

bereits a. a. O. erwähnten Storchen und Hühnern mit zwei Köpfen und

ähnlichen heraldischen sowohl, wie ornamentalen Figuren mit mehreren

Köpfen an einem Leibe oder mehreren Leibern, bei welchem von einem

Zusammenschieben zweier Thiere nicht die Rede ist.

Was meine aus Italien geschöpfte Angabe über das Wappen der Caetani

betrifft, so kann ich zur Begründung derselben jetzt noch eine neuere

Notiz aus derselben Quelle beibringen. Das ursprüngliche Wappen der

Caetani waren allerdings zwei blaue Flüsse im goldenen Felde (d’or

à une bande jumelle ondée d’azur); jetzt führen sie diese Flüsse

schräg-rechts. Kurz vor Bonifaz VIII. soll jedoch ein Aquapita Caetani

eine Giovanna d’Aquila geheiratet und deren redendes Wappen, den Adler,

seinem Wappen einverleibt haben. In dem rothseidenen Pluviale quaest.

sollen die (+einfachen+) Adler von Silber gestickt sein; ebenso soll

sich aber auch das frühere Wappen in Silber gestickt darauf befinden.

Relata refero.

+Kupferzell.+

F.-K.

Die Ausstellung des internationalen archäologischen Congresses zu Bonn.

(Schluß.)

Die Goldschmiedekunst der Renaissance vertraten vorzüglich zwei

Prachtpokale im größten Maßstabe, die eigentlich als Tafelaufsätze zu

betrachten sind, beide aus dem Besitze des preußischen Königshauses,

der eine dem Benevenuto Cellini zugeschrieben, der andere dem Wenzel

Jamnitzer. Aus dem 17. Jahrhundert war eine silberne Taufschüssel mit

Kanne, der evangelischen Gemeinde zu Cleve gehörig, zu sehen.

Eine Anzahl romanischer und gothischer Leuchter aus Bronze fehlte auf

der Ausstellung nicht, von denen der interessanteste ohne Zweifel im

Besitze des Herrn H. Garthe in Köln sich befindet. Eine Reihe von

Siegelstempeln, eine Serie von Münzen u. A. war speciell für die

Fachmänner von Werth. Im höchsten Grade wichtig war eine große Anzahl

messingener Aquamanilien, von denen die Antiquitätenhandlung von

Goldschmidt in Frankfurt, die auch sonst manches Interessante geliefert

hatte, allein 43 Stück, aus dem Besitze des † Hofbuchhändlers Hahn

in Hannover stammend, ausstellte. In allen Größen waren hier Löwen,

Hunde, Pferde, Drachen u. s. w. vertreten. Es zeigte sich im Ganzen,

daß diese Gefäße, wie wir im Anzeiger, Jahrg. 1867, Sp. 260, frageweise

andeuteten, wol vorzugsweise dem profanen Gebrauch gedient haben

müssen; wie ja z. B. auch die zwei silbernen Löwen im Rathhause zu

Lüneburg, aus dem 16. Jahrhundert, unzweifelhaft Profangefäße sind.

Von wenigen Gefäßen der ganzen hier zur Schau gestellten Reihe möchten

wir ein sehr hohes Alter annehmen; viele gehören sicher erst dem 16.

Jahrhunderte an. Von den phantastischen Gestalten die interessantesten

zu nennen, ist schwer. Am meisten fiel ein Mädchenkopf auf, aus dem

14. Jahrhundert mit süß lächelnder Physiognomie; eine Umschrift

sagte: „Ancilla bin ich genannt, zu hove bin ich gerne erkannt.“ Zwei

Aquamanilien in Gestalt von Hähnen waren fast identisch. Der eine trug

auf zwei Flügelfedern die Inschrift: Anno Dni MCLV Cesaris Frid anno

quarto in honorem dni S. Andreae. Barrast Refus me cpav. Wir glauben

die Inschrift als spätere Fälschung annehmen und die Entstehungszeit

beider Hähne in’s 14. Jahrh. setzen zu müssen. Ein Ritter zu Pferde

(Eigenthum des Fürsten von Hohenzollern) gehört wol erst dem 15. Jahrh.

an. Die spätesten, aber nicht uninteressanten waren jedenfalls eine

Seejungfrau und ein knieender, vorn und rückwärts höckeriger Mann. Die

ganze Reihe gewährte in der That einen höchst überraschenden Einblick

in die Mannigfaltigkeit, mit der selbst gleiche Motive durchgebildet

wurden, und gab einen deutlichen neuen Beleg für den phantastischen

Sinn unserer Vorfahren. Aber auch als ein weiteres Resultat ließ sich

feststellen, daß alle diese Gegenstände Produkte einer eigenen, für den

Weltmarkt und Weltbedarf arbeitenden Industrie sind, die das massenhaft

Erzeugte wol mittelst der Messen und Märkte in großer Zahl überall

hin zur beliebigen Auswahl sandte. Von wo sie ausgegangen, ob von

Nürnberg zugleich mit den geschlagenen Becken, ob vom Rheine oder den

Niederlanden, ob, wie de Linas meinte, trotz der theilweise deutschen

Inschriften, von Dinant, wagen wir nicht zu entscheiden. Wir kommen nun

noch an eine Serie: die Manuscripte.

Die Entwickelung der Buchschrift, die innere Ausstattung der Bücher

durch Miniaturen und Initialen ist längst erkannt und festgestellt.

Es handelte sich also hier keineswegs um neue Entdeckungen; doch

ist es stets von höchster Wichtigkeit, nicht blos einen Kunstzweig

vereinzelt in seiner Entwicklung zu verfolgen, sondern auch zwischen

der Fortbildung einzelner Kunstzweige Parallelen zu ziehen. So war es

von hohem Interesse, neben der Entwicklung des Emails auch die der

Miniaturmalerei im gleichen Zeitraum vor Augen zu haben; abgesehen

aber davon haben, einzelne an und für sich einen hohen Werth. Dieser

zeigte sich in erster Linie an dem Evangelienbuch aus Echternach in

der Gothaer Bibliothek, dem Weihgeschenke Kaiser Otto’s III. und

seiner Mutter Theophania. In höchst kostbarer Ausstattung und von

wunderbarer Erhaltung zeigt es die vier Evangelien, in Goldbuchstaben

geschrieben, mit vielen Initialen; den Anfang jedes Evangeliums

zeichnen einige interessante, besonders reich durch Malerei geschmückte

Blätter aus, die theils ornamental mit einzelnen eingeflochtenen

allegorischen Figuren, theils figural gehalten sind. Die ganze heilige

Geschichte läuft jedoch in einer Reihe von Blättern fort und ist

nicht an die Erzählungsfolge gebunden, wie sie im Texte erscheint:

Nichtsdestoweniger ist die Folge der Blätter in vier Theile getrennt,

von denen jedem Evangelium einer vorgeheftet ist, ohne Rücksicht

darauf, ob das betreffende Evangelium gerade diese Erzählungen enthält

oder nicht. Nachklänge der Antike finden sich noch in diesen Malereien,

wie sie sich in den byzantinischen Miniaturen, woran die vorliegenden

anschließen, in ununterbrochener Folge erhalten und fortgebildet

haben. Ein zweites Manuscript aus Echternach, vom 12. Jahrhundert,

mit späteren Zusätzen, zeigte hübsche Miniaturen der älteren Periode,

daneben schöne Federzeichnungen des 13.-14. Jahrhunderts. An eine Reihe

von Evangelien, Lectionarien, Brevieren, Vulgaten u. A., vom 10.-15.

Jahrh., aus der Dombibliothek zu Trier, dem Archiv zu Düsseldorf

und aus Privatbesitz, wozu besonders Herr H. Garthe aus Köln sehr

werthvolles Material beigesteuert, konnte man die alten Studien neu

auffrischen und mit Vergnügen in kostbaren Exemplaren die Geschichte

der Miniaturmalerei verfolgen. Des Inhaltes wegen erwähnen wir hier

noch einen Tractatus de virtutibus et viciis, 13. Jhdt., einen schön

ausgestatteten astronomischen Tractat des 13. Jahrh., das Cartular des

Erzbischofs Balduin von Trier mit den interessanten Miniaturen und

Federzeichungen, welche die Wahl, Krönung, den Römerzug und Tod Kaiser

Heinrich’s VII. darstellen, sowie eine Matrikel der Universität Köln

vom 14.-18. Jahrh., die, mit Ausnahme des Balduineums, im Besitze des

Herrn H. Garthe in Köln sich befinden.

Wir können hier unsern Lesern kein vollständiges Verzeichniß geben, ja

selbst auf manche sehr wichtige und interessante Werke nicht eingehen;

wir hatten nur die Absicht, hervorzuheben, von welcher Bedeutung die

Ausstellung war, die aus jeder Zeitperiode und von jedem Gebiete

etwas Wichtiges vorgeführt hat. Wir schließen mit dem früher schon

ausgesprochenen Wunsche, daß ähnliche Ausstellungen recht häufig im

Interesse des Studiums veranstaltet werden möchten. Es gibt keine

öffentliche Sammlung, die in der Lage wäre, alle kunstgeschichtlich

wichtigen Stücke, oder auch nur so viele vorzuführen, daß wir die

ganze Kunst- und Kulturgeschichte in ihren Werken ersten Ranges

studieren könnten. Die meisten Sammlungen bestehen der Mehrzahl

nach aus keineswegs unwichtigen, aber jenen ausgezeichneten Werken

gegenüber doch immer untergeordneten Gegenständen, und das Studium

der Kunstgeschichte, das sich ausschließlich auf eine einzelne

solcher Sammlungen gründete, würde ein falsches Resultat ergeben. Die

Zerstreuung dieser höchst bedeutenden Werke, läßt das Wichtigste für

das Studium, die unmittelbare Vergleichung, nicht zu, und so bedarf

die Wissenschaft derartiger Ausstellungen, die das sonst zerstreute

Material zeitweise neben einander bringt.

+Nürnberg.+

+A. Essenwein.+

Archäologische Funde in Böhmen.

(Mit einer Tafel Abbildungen.)

Im Anschlusse an meine, nun schon seit Jahren in diesen Blättern

fortgesetzten Mittheilungen über archäologische Funde in Böhmen gebe

ich hier wieder nähere Details über einige Funde, die mir theils durch

Autopsie, theils durch schriftliche Berichte von Alterthumsfreunden,

mit denen ich in Verbindung stehe, bekannt wurden. Auch diesmal wieder

habe ich mehrere Funde aus jenem reichen Gebiete zwischen Erzgebirge,

Eger und Elbe, dem sogenannten Flachland des Saazer und Leitmeritzer

Kreises, zu berichten.

+Brüx, Stadt in Böhmen, an der Biela.+ Nach einer mir vom dortigen

städtischen Herrn Rentmeister Cori, einem wackeren Alterthumsfreunde,

zugegangenen Mittheilung wurden in der nächsten Nähe der Stadt Brüx im

Jahre 1865 zwei Gräber mit Steinobjekten entdeckt. Das eine lag östlich

der Stadt, am linken Ufer der Biela, ungefähr 300 Klafter von diesem

Flüßchen selbst entfernt, eine Klafter tief in der Erde. Es enthielt,

von Steinen umgeben, ein Skelett, das aber, sowie die daneben stehenden

Todtentöpfe, ungeschickterweise zerschlagen wurde. Neben dem Skelette

lagen ferner zwei Steinobjekte: ein Hammer von Serpentin, 12 Centim.

lang, 5 Centim. breit, das Stielloch in der Mitte; das hintere Ende

des Hammers ist walzenförmig zugerundet (Fig. 1); dann ein Meißel von

dunkelgrauem Feuerstein 6,1 Centim. lang, an der scharfen Schneide

4,5 Centim. breit. Beide Objekte sind ganz glatt zugeschliffen und

sehr zierlich gearbeitet. Sie kamen in die Sammlung Czernin nach

Petersburg. -- Ungefähr 1000 Klafter von dieser Fundstelle entfernt,

traf man bald darauf am rechten Bielaufer, drei Fuß tief in der Erde,

beim Roden eines Ackers zum Hopfenbau ein ähnliches Grab; es war

kreisrund, am Boden mit einem Kranze weißer Kieselsteine umlegt. Der

Durchmesser dieses Steinkranzes betrug drei Fuß. In der Mitte lag neben

Knochenresten und Gefäßfragmenten eine Steinaxt (Serpentin), streng

keilförmig zugeschliffen, das 2,8 Centim. im Durchmesser haltende

Stielloch dem breiteren Ende näher. Die Axt ist 22 Centim. lang, 9

Centim. breit, also sehr wuchtig; sie kam an die Brüxer Realschule.

+Steinwasser+, Dorf, zwei Stunden südlich von Brüx. Bei Grabungen

auf einem Felde stießen die Arbeiter in einer Tiefe von 3 Fuß auf zwei

Skelettgräber. In dem einen lag ein Skelett ohne jegliche Beigabe;

in dem zweiten fanden sich neben dem Skelette Fragmente eines aus

großen, hohlen Bronzehalbkugeln bestehenden Armringes. Dasselbe ist

dem bei Lindenschmitt „Alterthümer unserer heidnischen Vorzeit“, Heft

IX, Taf. I abgebildeten, bei Passau gefundenen, vollständig ähnlich.

Mehrere solcher Armringe wurden schon früher in der nächsten Nähe von

Steinwasser auf dem Todtenfelde von Morawes gefunden. Die einzelnen

Buckeln haben einen Längedurchmesser von 4,1 Centim., Breitedurchmesser

3,2 Centim. Der Verschluß geschah durch einen Dornfortsatz, der in

eine Nuth des nächsten Buckels umgebogen werden konnte. Erhalten sind

vier solcher Buckeln; ihrer Größe nach zu urtheilen bestand das ganze

Armband aus sieben Buckeln. Die Schädel kamen an Dr. A. Weisbach, die

Bronzeobjekte an mich.

+Weberschan+, Dorf zwischen Brüx und Postelberg, eine Stunde nördlich

von letzterer Stadt entfernt. Beim Lehmgraben traf ein Grundbesitzer

2½ Schuh unter der Erde ein Aschengrab. Es war kreisrund und

in demselben stand eine Urne, die leider zerschlagen wurde; in

ihr lagen nebst Asche, Erde und Knochen eine 7,5 Centim. lange,

schwache Bronzenadel mit scheibenförmigem Kopfe, Fig. 2; eine 3,2

Centim. lange Bronzepfeilspitze, Fig. 3; endlich ein 21,8 Gramme

schweres Bronzeklümpchen, wahrscheinlich ein beim Leichenbrand

zusammengeschmolzenes Objekt. Sämmtliche gefundene Gegenstände kamen an

mich.

+Nehasitz+, Dorf zwischen Brüx und Saaz. Die Grabungen auf dem bei

Nehasitz gelegenen, in diesen Blättern schon wiederholt erwähnten

Todtenfelde wurden auch im Jahre 1867, freilich meist nur im agricolen

Interesse, fortgesetzt und lieferten eine ziemlich ergiebige Ausbeute

an Bronzen, Urnen und Geräthen aus Stein, Bein und Hirschhorn sammt

einer großen Anzahl Knochen mitbestatteter Thiere. Während dreier

Tage war ich bei den Grabungen auf dem genannten Todtenfelde selbst

anwesend. Wahrscheinlich dürften die Abgrabungen bei Nehasitz bald

zu Ende kommen. Ich gehe eben damit um, die gewonnenen Resultate

zusammenzustellen und in einer eigenen Monographie zu veröffentlichen.

Von Jahr zu Jahr mehren sich die Funde in diesem Theil des

nordwestlichen Böhmens; sie beweisen, wie stark diese Gegend, freilich

eine der gesegnetsten und fruchtbarsten Böhmens, seit den ältesten

Zeiten bewohnt gewesen ist. Die ungemein zahlreichen Gräber zeigen

sehr bedeutende Verschiedenheiten in der Construction, wie in der Art

der Beigaben und deuten auf zeitlich weit getrennte Perioden hin. Die

wichtigsten Formen sind:

1. +Plattengräber in der Erde mit Skeletten und Steinobjekten.+ Solche

wurden schon im vorigen Jahrhundert (1788 und 1792) bei Weboschan,

unweit Teplitz, entdeckt; sie waren 6 Fuß lang, an den Seiten mit

Steinplatten ausgelegt und mit einer Steinplatte geschlossen. In der

Steinkiste lag je ein Skelett; als Beigaben fanden sich in dem einen

Grabe zwei Urnen, in einem zweiten nebst zwei Urnen drei Steinobjekte,

und zwar zwei Aexte (Basalt) und ein Keil (Hornstein). In dieselbe

Klasse gehören auch die beiden merkwürdigen, im Jahre 1866 bei

Kojetitz, einem Gute des Herrn Bachofen von Echt, zwischen Prag und

Melnik, aufgefundenen Plattengräber. Sie waren an der Erdoberfläche mit

einem Steinkreise von 9 Klaftern Durchmesser umstellt; in der Mitte

des Steinkreises stieß man 2½ Fuß tief unter der Erdoberfläche auf

eine große, roh zubehauene Kalksteinplatte; darunter lag ein Skelett,

zu dessen Häupten eine Urne aus schwarzem, wenig gebranntem Thon,

die einzige ärmliche Beigabe des Todten. Im zweiten Grabe traf man

unter einer ähnlichen Steinplatte zwei Skelette, das eines Erwachsenen

und das eines Kindes. Die Beigaben bestanden aus einer Urne, einem

Steinkeil aus Serpentin und zwei Pfriemen von vier und acht Zoll Länge,

aus gespaltenen Röhrenknochen verfertigt und scharf zugespitzt[243].

Hierher zu rechnen ist auch das eine der Gräber von Brüx, sowie zwei

ähnliche von Hawran, einem Dorfe nächst Brüx.

2) +Rundgräber+: a) mit Steinobjekten; hierher gehört das zweite

der oben beschriebenen Gräber von Brüx; b) mit Bronzeobjekten. Die

Skelettgräber dieser Art liegen 2½-9 Fuß tief unter der Erde, ihr

Durchmesser wechselt zwischen 4-12 Fuß. Sie sind vollkommen kreisrund,

entweder brunnenartig, oder nach unten sich verengend; die Leiche

ruht darin bald in hockender Stellung bestattet, bald auf dem Boden

des Grabes ausgestreckt, im letzteren Falle stets mit dem Kopfe nach

Norden; in einzelnen Fällen ist sie auf ein Steinlager gebettet, oder

mit Steinen umlegt. Neben den Skelett- finden sich auch +Brandgräber+;

sie sind weniger tief (1½ Fuß) und haben einen Durchmesser von

circa 2-4 Fuß. Sie enthalten eine größere, die Asche bergende Urne,

worinnen außerdem meist noch mehrere kleine Gefäße, Töpfchen, Schüsseln

und Schalen stehen. Auch in den Skelettgräbern finden sich regelmäßig

ähnliche Gefässe. Skelett- wie Brandgräber enthalten außerdem

Bronzeobjekte, soviel mir bekannt ist, vorzugsweise Schmuckgegenstände,

Armringe, Fibeln, Nadeln, dann Thonscheiben und Kügelchen von Thon und

Stein. Beispiele dieser Bestattungsweise liefern die Todtenfelder von

Nehasitz und von Morawes.

3) +Plattengräber in der Erde+, mit Bronzen. a) Skelettgräber; sie

sind viereckig lang, an den Seiten mit Steinplatten ausgelegt, mit

einer Steinplatte geschlossen, und enthalten als Beigaben nebst

Bronzeobjekten, ebenfalls meist Schmuckgegenstände. Auch hier findet

sich die hockende Bestattungsweise neben der liegenden. Beispiele

liefern Schallan bei Teplitz und Saaz[244]. b) Brandgräber, 4 Fuß

lang, 2 Fuß breit, an den Wänden mit Steinplatten ausgelegt und mit

einer Steinplatte überdeckt. In der aschenhaltigen Erde standen je 4

Urnen mit Asche, Erde, Knochenfragmenten und einzelnen Bronzeobjekten.

Beispiele dieser Bestattungsweise lieferten Teplitz und Bilin[245].

Mein verehrter Freund, Dr. A. Weisbach hat mehrere der in den oben

beschriebenen Gräbern gefundenen Schädel untersucht und genau gemessen,

und zwar die beiden von Kojetitz, einen von Schallan und einen

von Saaz. Die Resultate seiner Untersuchung laufen darauf hinaus,

dass „diese vier Gräberschädel vor denen der heutigen Deutschen

und Czechen durch +große Länge, geringe Breite und bedeutende

Höhe, durch fast extreme Dolichokephalie ausgezeichnet sind+[246],

und in dieser Beziehung den Schädeln von Ecker, besonders dessen

Reihengräberschädeln, und dem Hochbergtypus von His vollkommen

gleichen.“ Schlüsse auf den Volksstamm, dem sie angehören, sind bei

dem geringen Material noch zu gewagt. Leider gelang es uns trotz

aller Bemühung noch nicht, auch aus den sub 2b angeführten Gräbern

von Nehasitz und Morawes Schädel zur Vergleichung zu erhalten. So war

ich, als ich persönlich auf dem Todtenfelde von Nehasitz nachgraben

ließ, nicht so glücklich, ein nur halbwegs erhaltenes Exemplar, sondern

in zwei Fällen nur Fragmente von Schädeln zu finden. Gut erhaltene

Exemplare werden von den Arbeitern, wenn eben kein Sachverständiger

zugegen ist, entweder zerschlagen, oder eiligst wieder verscharrt. Doch

scheinen auch die Nehasitzer und Moraweser Schädel, nach den wenigen

Fragmenten zu urtheilen, einen denn oben beschriebenen ähnlichen Typus

zu haben.

Auch in der k. Kreisstadt Saaz wurde im Laufe des Jahres 1867 bei

Gelegenheit der Grundgrabung zu einem Hausbau in der Prager Vorstadt,

zwei Klafter tief in der Erde, ein viereckiges Skelettgrab aufgedeckt.

Dasselbe war in Lehm gestochen, nicht mit Steinen ausgelegt, das

Skelett gänzlich aufgelöst. Als Beigaben fand man ein kleines, aus

grauem Thon gearbeitetes, aber an der inneren und äusseren Fläche mit

Graphit geschwärztes Näpfchen, 5 Centim. hoch, an der oberen Oeffnung

8,4 Centim., am Boden 3 Centim. im Durchmesser haltend, mit Erde und

Asche gefüllt; einen kleinen, 3 Centim. im Durchmesser haltenden

Bronzering mit s-förmigem Verschlusse; eine aus gebogenem Bronzedraht

eigenthümlich verschlungen geformte Kleiderhafte, Fig. 4; endlich ein

eisernes, 16 Cent. langes Messer; der 8 Centim. lange, aus Holz oder

Horn gefertigte Griff war mit Bronzeplättchen geschmückt. Dabei lag

noch eine kleine Kugel von gebranntem Thon. Das Grab scheint ziemlich

spät und der Form des Ringes, wie der Hafte nach slavisch zu sein.

In Rudolfi (bei Petersburg, Saazer Kreis) wurde im Jahre 1867 wieder

ein Grabhügel, und zwar in der Waldflur Knežehaj aufgedeckt. Er war den

in diesen Blättern[247] beschriebenen Rudolfer Hügeln ganz conform,

vorwiegend aus Steinen aufgebaut, hatte eine Höhe von 5 Fuß bei einem

Umfang von 20 W. Klaftern, und enthielt in der Mitte ein auf platten

Steinen +sitzend bestattetes+, noch ziemlich wohl erhaltenes Skelett,

+dem jedoch der Kopf fehlte+. Trotz der mühsamsten Nachforschung gelang

es mir nicht, die geringsten Schädeltheile, nicht einmal die Zähne,

die sich doch sonst meist noch gut erhalten zeigen, aufzufinden. Der

Kopf scheint also abgeschnitten und verbrannt worden zu sein. Auch aus

Mähren, Thüringen, Luxemburg etc. sind ähnliche Fälle in Hügelgräbern

bekannt[248]. Außer einem kleinen Aschentöpfchen traf ich keine

weiteren Beigaben in diesem Grabhügel. Die massigen, derben Knochen,

sowie die Form des Beckens lassen auf ein männliches Individuum

schließen; die Länge des vollständig erhaltenen Oberschenkelknochens

(femur) 47,7 Centim. weist auf einen erwachsenen, großen Mann hin. Dr.

A. Weisbach hat auch den in derselben Waldflur 1866 in einem andern

Grabhügel gefundenen (weiblichen) Schädel gemessen; derselbe gehört

unter die extremst dolichokephalen Schädel, da seine Länge 22 Centim.,

seine Breite 12,8 Centim. (= 1000: 581) ist, wobei ausdrücklich bemerkt

werden muß, daß die Pfeilnaht nicht verwachsen, sondern in ihrem ganzen

Verlauf deutlich ausgeprägt ist.

+Wien.+

+Dr. Jul. Ernst Födisch.+

+Besegnungen.+

1) +Will dw tausendt geharnaster leyt (oder wye vil dw jn ein felt)

machen+:

so gee an einem suntag eins morgens früwes auß, ee dy sun(n) aufget vnd

ye lautern es am himel ist, ye pesser es ist. dan so schlache von einem

felber (hs. feler) ein zweil in einem schlach vnd gee zwe einem pach,

der fleust vnd schlach mit dem zwaylin den pack und sprich dyse wordt:

Astaroth mille gemisera vnd thue auff yelichs wordt drew creyz.

Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (1868) Neue Folge. Fünfzehnter Band. · 第 137 / 150 题