1868. Nº 11. November.
Wissenschaftliche Mittheilungen.
Die Schlacht bei Pavia,
+nach dem Bericht eines Augenzeugen+.
Kaiser Karl V. und König Franz I. von Frankreich bekriegten sich ohne
Unterlaß. Dieser konnte nicht vergessen, daß er in seinem Versuche, die
Wahlstimmen der Churfürsten zum deutschen Kaiserthrone auf seine Person
zu lenken, gegen Karl unterlegen. Er brachte die alten Forderungen, die
schon durch den Vergleich von Noyon 1516 abgethan worden, neuerdings
auf die Bahn. Darüber entstand ein mehrjähriger Kampf, der vom Jahre
1521 bis 1525 dauerte, in Navarra, den Niederlanden und in Italien
geführt wurde und 1525 mit der Niederlage des französischen Königs bei
Pavia und seiner Gefangenschaft endete. Der Sieg des Kaisers wurde
durch die deutschen Landsknechte unter Georg von Freuntsberg und Marx
Sittich von Ems (Hohenems) entschieden. Unter Freuntsberg diente ein
bayerischer Edelmann, der Ritter Caspar Wintzerer, der ein Fähnlein
Landsknechte in die Schlacht führte. Er hatte seinen Ansitz zu Winzer
in der Nähe von Regensburg und war bestallter Rath und Diener der
Herzoge Wilhelm und Ludwig von Bayern. Von Mailand aus schickte er den
Herzogen einen Bericht über die Schlacht von Pavia, welchen dieselben
unterm 8. März 1525 ihrem Schwager, dem Markgrafen Kasimir von
Brandenburg, mittheilten.
In einem eigenen Zettel schildert Wintzerer die Treffen, die der
Schlacht vorausgegangen. Er beginnt also:
„Als vnser hauf von Loda gezogen ist, hat sich der marggraf von
Bischarra[182] für Castell sannt Angell[183] mit etlichen landsknechten
vnd Hyspaniern gelegert vnd ein sturm gethan, denselbigen verlorn,
vnd der vnsern by 100 vmbkomen, aber von stund an wider ein andern
sturm angethretten, das stettlin gewonnen vnd bey 200 erstochen vnd
die v̈brigen fengklich angenommen vnd mit wyssen stäblin lassen
abziehen. Vnd sind darinn gewesen 50 kürisser, 200 ringer pferdt, das
sich thrifft by 800 pferden[184], vnd bey 600 büchsenschützen. Darnach
ist das her furterhin bis ein klain wällisch meil zu Paphyä khommen vnd
gelegert, vnd haben alle tag scharmützel, vnd brechen den veinden vyl
ab. Sie haben auch 100 Hispanier --, die leger der veind zu besichtigen
vnd die feind herauß zulocken. Da dann by 400 Eydgenossen[185] uff sein
gloffen, haben die Hispanier by 100 oder 150 erstochen vnnd 3 fänlin
inen abgewonnen.“
„Item so sind capiten Zerenz Haufe vff Marsilien gezogen, zum
Frantzosen in das her wöllen. Haben die vnsern, so zu Alexandra gelegen
sind, vff sie gehalten und sie geschlagen; do dann by 2000 oder 2500
erschlagen und 17 fänlin abgewonnen.“
„Es sind auch yetzt in acht oder 10 tagen die in Paphya mit 6 fenlin,
4 theutschen, 2 hyspanischen, in das frantzosisch leger gefallen, zwo
groß büchsen genommen vnd ein wagen mit puluer vnd sonst ein wagen, das
man acht ob 10000 cronen werdt sey, darzu bis in die 500 Frantzosen
erstochen vnd on schaden wider hinein khomen; vnd ligen ytzund vnd
warten alle stund der schlacht.“
Diese ließ nicht lange mehr auf sich warten, und Wintzerer gibt von
derselben nachstehende Schilderung:
Antzaigung vnd neue zeitung, wie aigentlich mit der slacht vor Paphia
--[186] vnd als wir erstlich von Lodi ausgetzogen den veinden entgegen
am freytag des 24. february, daran gefalen ist
S. Matheis des h. zwelfpotten tag Anno Im 1525:
Erstlich als wir den 24. tag jenner zu Lodi mit allen heuffen auf
Morian vnd von dannen gen Conpian[187] verruckht vnd daselbs jenen[188]
vmb das nechst vnser leger zesamen geslagen, haben wier den ersten
scharmützl zw ross vnd fues daselbst am ortt des tiergartns mit den
Frantzosen angenomen, alda etlich zu fues erlegt worden, in mitler
weil pruggen geslagen, spinadi[189] gemacht, vnd am 3 february sey wir
zu Canpian mit dem hörr neben dem tiergartn vnd des Frantzosen leger
gegen Paphia auf ain welsche meyl geruckht, daselbst in freyern veld
wider das leger geslagen. Da sein die veind zwischen vnnser vnd der
stat gelegen vnd sich vast vergraben[190], damit wir sy nit vbertzugen,
inen auch nicht wissten abtzeprechen dan mit großen mercklichen schadn.
Die von Paphia haben vns zuegeschryben durch die zyffern, das wier
kains wegs da angreyffen sollen, auch vnser sach irnthalb in kain
gefer setzen sollen. Darauff wier begertt haben, ainen von inen zu vns
heraus zuschickhen mit im zurattschlagen, damit sie wissen vnnser, vnd
wier irn anschlag. Darauff sy vnns den Waldenstain heraus geschickht,
haben wir mit ime ratt geschlagt, damit sy aus dem sloss heraus ziechen
vnd hinder inen das schlos besetzen vnd 200 knecht an die ortt, da
es dann von nötten gewest, verordnen sambt etlichen Dälienern[191],
vnd doch mit inen beschlossen, das sy ir sach in kain gefär setzen
vnntz das wier in der nacht zwen schuß mit großen stuckhen in zu ainem
wortzaichen thun, damit sy wissen, das mir auf sein, dargegen sy vnns
fairtzaichen geben, vnd damit angetzaigt, das sy ier sach auch in
ordnung haben.
Sein darauf die vnnsern zwo stund in die nacht aufgewesst, den droß von
in hinder sich auf die seyten an die maur getzogen, die mauer vester,
dan wier geacht, befunden. Nun alls der tag her ganngen, haben wier
die maur gewunen vnd zu ainem lauffenden hawffen zwae tausent knecht
genumen vnd ain tausendt Spannier, die all weys hemeder angehabt,
vnd welcher nit hembder angehabt, mit weysen bapier vertzaichnett,
verordnet, aus vrsach, das wir gemaind haben, die mauer vor tags
zugewinnen. Vnd haben wellen die kürisser ime tiergarten v̈berfallen.
Hat vns der tag, von wegen daz es sich so lang mit der maur vertzogen,
daran verhindert. Sein in dem die kürisser der sach gewar worden vnd
auff gewest vnd zu ierem hauffen geruckht. Auff dieselben haben wier
verordnet den laufenden hauffen vnd neben inen die leychten pherdt,
vnd ist auf sy ganngen vnnser geschütz, darnach herr Merckht[192]
Sittich von Embs mit seinem hawffen lanndsknecht, so er mit im herein
gefuertt, mit sambt den zwelf fenndle knechten, so im herr Jörg von
Freuntsperg von seinem haufen zuegeben, getzogen. Nach demselben
ist getzogen herr Jörg von Freuntsberg mit seinem hauffen knechten,
darunder ich mit meinem fendle bey dem ersten fendle gewesen. Vnd die
v̈berigen Spanier zu fues sein herr Merckhten auff der rechten Hand
getzogen.
Also haben die zeugmaister ausserthalb beuelch der obristen die
püxsen aufgespannen, vnd haben wier, so wier in den tiergarten komen,
ain wortzaichen mit den von Paphia gemacht, wan wier zum tiergarten
einkomen, das wir inen ein wortzaichen geben; dess dan geschehen ist,
daz wier vnd sy vndereinander in ainer poseß, Mirabel genandt, zusamen
khomen solen. Ist herr Merckhten durch den marckess von Peschära
enpoten worden, er soll eylends ziechen zu dem haws[193]; vnd herr
Jörg mit seinem hauffen wartten muessen, damit das geschütz wider
angespannen wurd. Haben das geschütz nit so gschwind v̈ber die
gräben pringen mögen, das durch deß Frantzosen raysigen etlich pauren,
ochsen vnd roß pey dem geschütz erstochen; haben also etlich geschütz
verlassen muessen, vnd herr Jörg mit seinem hawffen bas wider zu herr
Merckhen getzogen vnd die veind hefftig am nachtzug in mein hauffen
geschossen deßgleichen herr Merckhen vor mein in seineme haufen auch
schaden gethan[194].
Also hat der Frantzosen geraesiger zeug, desgleichen sein hawfen
landsknecht vnd die Schweytzer gegen vns geruckht vnd ier geschütz
vor inen geschlaefft vnd heftig gegen vnns geschossen, vnd doch, got
hab lob, nit darnach schaden gethan: Also sey wir rettig worden,
wiewol die von Paphia nit bey vnns gewest, vnd im namen gottes bey den
1500 Spanischer Handschützen vnnserm raesigen zeug, nachdem er vill
schwecher dan auf der andern seitten gewest ist, zuegeben, vnd her
Jörg, herr Merckht mit iren heuffen gestrackhts neben einander ierem
geschütz zuetzogen. Darauf dess Frantzosn Landsknecht, den negsten
vnns vnder die augen getzogen, vnd haben von ersst mit herr Jörgen
hauffen getroffen, und herr Merckh v̈ber ain ortt[195] auch dieselben
lanndskneht angegryffen vnd sy also geschlagen, vnd mit vnnsern beyden
hewffen fürgetruckht, inen ier geschütz bey 32 stuckh abgewunen. Also
haben die Spanischen schützen vnd neben inen vnser geraysigen so
vast in die kürisser gestochen vnd geschossen, das ire kürisser den
Schweytzern ier ordnung zerprochen vnd zertrenndt, vnd vnser raysigen
mit inen darein gehawen, dem künig sein ross geschossen, doch kain leme
nit[196].
So pald wier die lantzknecht geslagen, haben die Schweytzer kain
pstand[197] mer gethan. Da sind vnsere raysigen, sunderlich graff
Niclas von Salm vnd sein reytter, daz hofgesind, inen nachgefolgt, vnd
graff Niclas von Salm sich so hartt vmb den künig angenomen vnd dem
künig sein pherd erstochen. Der künig hat sich auch vast gewerdt, doch
do der hengst vnder ime gefallen, ist er gefangen worden, vnd wellen ir
vil ietzo den künig gefangen haben. Der künig hat auf die von Paphia
ain hawffen lanntzknecht, Schweytzer vnd Gaschganier[198] verordnet,
dieselben zuuerhalten[199]. Also sein die von Paphia hinaus gefallen
vnd sy gar hartt geslagen vnd gross guet gewunen; dann sy inen ier
leger geplündert.
Also hat vnns gott auf disen tag gegen vnsern veinden syg vnd glückh
geben, dess wir sein götlichen gnadn pyllich danckpar sein sollen vnd
wellen, vnd also ob den 10000 Mann an[200] die, so ertrunckhen seind,
zw tod geslagen, darunter vil guetter leudt tod pelyben; vnd ich acht
darfür, das auf vnnser seytn nit über 400 man verlorn. Aber dess
Frantzosen lanntzknecht haben sy[201] dapher gewerdt, aber vast all das
gloch schon betzalt[202]. Vnd haben vil guetter gefangen, vnd nemblich
den künig Franz von Franckhreich, den künig von Nouera[203], des künigs
von Schottn brueder, Friderico de Bosaw, graf Wolfen von Lüphen, den
Brandeckher vnd sunst vil mechtig herrn, der namen mir ietz nit wyssen
ist. Die nambhafften, so auf der waldstat pelyben: der von der weysen
rosen, der hertzog von Lütringen, der Balis[204] vnd vil nambhafter
herren. Welche nit gefangen sein worden, sein den merer tael all
ertrunckhen und vmbkumben. Der Schweytzer, so wir gefangen vnd wider
ledig gelassen, seyn 5000[205]. Auch sein vill lanntzknecht gefangen
worden. Der Langenmantl vnd Steffan von Neslingen seind vmbkumben. Der
Schweytzer hauptleut seind gewesn achtvndzwaintzig, nit mer dan zwen
lebentig pelyben.
Gefangen: künig Franz von Franckreych, künig von Nouera, graff von sand
Paul, herr von Leschgü[206], herr von Memorantzj, herr von Florentzi,
herr von Tobin[207].
Erschlagen: Der von der weysen rosn[208], herr von Drumbele[209],
herr von Pelitzo, herr von Bussy[210], der obrist anmirald[211] graff
von Bömund, künigs stalmaister ein graf von Galytz[212], der obrist
marschalckh.
Gefanngner bis in die 7000, Frantzesisch, Aidgnos, lanntzknecht,
geraysigen, alles zesamen.
Item 32 stuckh büxsen inen genomen.
Item 3500 Schweytzer hat man widerumb gon lassen[213] vnd ain ieden ain
weyß rietle[214] in die hannd geben vnd ain auffgereckhten ayd[215]
muessen schweren, ier lebenlang wider das haus osterreich oder
kayserliche mayestat zuziechen[216]. Also haben es die welschen pawern
in der selben gegendt vnrecht verstannden vnd alle zu tod erschlagen.
+Anzahl der beiderseitigen Truppen:+
Die fürstliche Durchlauchtigkait Ferdinandus 2000 gerüste[217], vnd
1500 ringer[218] pherd, fueszewg 14000 guetter lantzknecht, fueszewg
7000 Spanier, vngeferlich zwae bis in die 3000 allerlay welscher knecht.
Der Franntzoß bis in die 14000 gerüster pferden vnd geringer, Teutscher
knecht bis in die 6000, Schweytzer bis in die 7000.
+Nürnberg.+
+Jos. Baader.+
Die Reliquienbehälter in der Sammlung kirchlicher Alterthümer im
germanischen Museum.
(Schluß.)
Dem 15. Jahrhundert gehört ein großer, holzgeschnitzter, gekrönter,
weiblicher Kopf mit einem hoben Rumpfe ohne Arme an; in diesem
Rumpfe ist eine viereckige Oeffnung, welche die in diesem Gefäße zu
verschließenden Reliquien sehen läßt. Damit verwandt ist ein kleines,
hölzernes, weibliches Köpfchen, bei welchem man durch einen Vierpaß die
eingeschlossenen Reliquien erblicken konnte.
Ein sehr elegantes Reliquiar ist in Form eines Kreuzes gebildet,
dessen Arme in Vierpässe enden (Fig. 4). Das Kreuzchen steht auf einem
eleganten sechsblätterigen, in’s Oblonge gezogenen Fuße mit Stiel
und Knauf, letzterer mit sechs Rosetten besetzt. Die Vorderfläche
des Kreuzchens selbst ist graviert, die Figur des Gekreuzigten
gegossen. Vor dem untersten Vierpaße ist ein knieender Engel,
gleichfalls gegossen, angebracht, der den Kelch zur Auffangung des
Blutes emporhält; auf der obern Spitze des Kreuzes kniet der Erzengel
Michael mit Schild und Schwert. Vom untern Vierpasse gehen zwei
ornamentale Arme aus, auf denen die Figürchen von Maria und Johannes
stehen. Das Kreuz, 27 Centim. hoch, ist ein hübscher Repräsentant der
Goldschmiedearbeit des 15. Jahrhunderts.
[Illustration: Fig. 4.]
Damit verwandt ist ein ganz ähnliches Reliquienkreuz, dessen beide
Seiten nur graviert sind, das aber nicht auf einem Fuße befestigt
ist. Die Gravierungen sind für die Geschichte des Stichs nicht ohne
Interesse (Fig. 5). Nunmehr haben wir ein Reliquiar zu betrachten
(Fig. 6), das einen schmalen, aus Metallblech zusammengesetzten,
giebelartig geschlossenen Bau darstellt, dessen ganze Vorderfläche, mit
Maßwerkdurchbrüchen versehen und durch eine Glasplatte geschlossen,
in’s Innere blicken läßt, wo die Reliquien sich befanden. Eine massive
Eckgliederung, die sich an den Giebeln mit aufsteigenden Zinnen
verbindet, gibt Halt und Stärke. Das Reliquiar ist aus Kupferblech
zusammengesetzt und stark vergoldet; die Rückwand ist neu; die Länge
beträgt 26 Centim.; die Breite des Kastens 6 Centim.; die gesammte Höhe
33 Centim.
[Illustration: Fig. 5.]
Den Uebergang vom 15. zum 16. Jahrhundert vermitteln zwei interessante
kleine Reliquiarien, das eine in Form einer Scheibe, das andere
herzförmig, beide zum Anhängen an den Hals bestimmt, so daß es fraglich
ist, ob wir diese beiden Stücke mehr zum Damenschmuck, oder zu den
Reliquienbehältern zu rechnen haben.
Dem 16. Jahrhundert gehört ein Gefäß an, das wol auch kaum etwas
anderes als ein Reliquienbehälter sein kann (Fig. 7). Ein Fuß ist aus
drei naturalistisch gebildeten Zweigen hergestellt, mit denen sich
Blattwerk und Früchte in sehr feiner Form verbinden. Der runde Boden
des Gefäßes ist mit einem auf der Unterseite gemalten Glase belegt, das
ein Wappen vorstellt. Das Gefäß selbst besteht aus einem Glascylinder.
Wir dürfen jedoch vermuthen, daß ehemals ein Krystallcylinder in das
Metall gefaßt war, welches jetzt das Glas festhält. Der Deckel ist
gebuckelt und mit einer Spitze versehen, die ähnlich gebildet ist, wie
der Fuß.
Ein kleines umzuhängendes Kreuzchen ist wol trotz großer Rohheit erst
aus dem 16. Jahrhundert.
[Illustration: Fig. 6.]
Einige kleine Täschchen, ein Schächtelchen aus Pappe, mit Seidenstoff
überzogen, gehören derselben Zeit an.
Ein besonderes Interesse nimmt eine oblonge Schachtel mit
flachgewölbtem Deckel aus Kupfer ein, die, ganz mit dem späten
Limoges-Email des 16. Jahrh. überzogen, Legendenscenen zeigt. Auf dem
Deckel ist der Kopf eines heiligen Bischofs zu sehen nebst zwei Engeln.
Die Farben sind die charakteristischen: Violett, Blau, Schwarz, eine
fast weiße Fleischfarbe, das reine Weiß und aufgemaltes Gold.
Die Betrachtung können wir wohl mit einem kleinen, runden Schächtelchen
aus Silber schließen. Auf demselben ist die Taufe Christi im Jordan im
schönen Stile der Medaillen des 16. Jahrhunderts abgebildet, welche
Darstellung wahrscheinlich aus einer Form gegossen ist, aus der auch
selbständige Medaillen vorhanden sind.
[Illustration: Fig. 7.]
Unsere Reihe zeigt zwar keine besonders hervorragenden Kostbarkeiten,
dafür aber manches Lehrreiche und Interessante, und für die
Wiederaufnahme des Alten in die Kunst unserer Zeit gibt sie Motive, die
um so wichtiger sind, als gerade das Einfache heute, wo wir selten über
große Mittel zu verfügen haben, am meisten praktische Verwendung finden
kann.
+Nürnberg.+
+A. Essenwein.+
Ansiedelungen der Vorzeit, Ring- und Schlackenwälle bei Rudolstadt.
In westlicher Richtung von Rudolstadt, etwa fünfhundert Schritte
oberhalb des Chausséehauses, am Wege nach Zeigerhain, sind bei
Ausbeutung einer umfangreichen Lehmgrube Sitze der Ureinwohner dieser
Gegend aufgedeckt worden, die, augenscheinlich der früheren Zeit der
Pfahlbauten angehörend, durch ihre Lage, wie durch ihre Fundstücke, so
viel des Interessanten bieten, daß es gerechtfertigt erscheint, die
allgemeine Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Was die erstere, die Lage,
betrifft, ist daran zu erinnern, daß das heutige Thal von Rudolstadt
wahrscheinlich früher ein See gewesen, dessen Ufer an den begrenzenden
Höhen noch gegenwärtig genau zu bestimmen sind. Auf den Gipfeln der
Berge tritt das feste Gestein, Kalk, Schiefer u. s. w., als Erzeugniß
der Meeresfluth zu Tage; in einem ziemlich hohen Niveau lehnen sich
daran Ablagerungen des süßen Wassers: Kieselschichten von bedeutender
Mächtigkeit, Betten von Thon, Lehm u. a. Auf der Ostseite, in einiger
Entfernung von der Stadt, will man den Durchbruch noch wahrnehmen,
welcher dem See mit Zurücklassung der heutigen Saale den Abfluß
gewährte. Nahe an der Grenze des angeschwemmten Bodens, etwa 120 Fuß
über dem jetzigen Lauf des Flusses liegt die neuentdeckte Ansiedelung.
Der Untergrund derselben besteht aus thonhaltigem Lehm, der ungefähr
vier Fuß tief ausgegraben ist, ohne Zweifel aber noch in beträchtlicher
Strecke hinabreicht. Einzelne Blöcke eines weißen, lockeren Sandsteins,
der in der Nähe als Gebirgsgrat vorkommt, sind eingesenkt. Die
Ueberreste der alten Bauten nehmen eine Schichte von etwa zwei
Fuß Tiefe ein. Ueber ihnen befindet sich eine nicht ganz so dicke
Lehmschicht, bei deren Schätzung jedoch in Betracht kommt, daß auf der
ziemlich stark geneigten Ebene, auf welcher wir uns befinden, der Regen
die durch den Pflug gelockerte Ackerkrume fortwährend wegspült.
Die bis jetzt aufgedeckten Wohnplätze, drei oder vier an der
Zahl, liegen in regelmäßigen Abständen auf der Linie eines
Kreisausschnittes. Daß deren eine größere Anzahl gefunden werden
könnte, wenn die Ausgrabungen in dieser Absicht fortgesetzt würden,
unterliegt kaum einem Zweifel. Doch stellen sich die augenblicklichen
Besitzverhältnisse des Bodens einem solchen Unternehmen entgegen.
-- Die Fundstücke, welche bisher zu Tage gefördert, sind Geräthe
von gebranntem Thon, Scherben, Kohlen, Knochen, Bruchstücke von
Hirschgeweihen und verkohlte Früchte. Unter den ersteren zeichnen sich
zwei pyramidal geformte Stücke von rothgebranntem Thon mit abgerundeter
Spitze und einem Bohrloch nach dem oberen Ende zu aus. Die Höhe des
größeren derselben mißt 20 Centim., die untere Breite 15 Centim.
Die Frage nach der ursprünglichen Bedeutung dieser umfangreichen
Instrumente ist nicht ohne Schwierigkeit. Die Bestimmung eines
Netzbeschwerers, welche man sonst ähnlichen Thongebilden beizulegen
pflegt, kann hier kaum gesucht werden, da das vorliegende alle anderen
an Größe und Schwere bei weitem übertrifft und seine Form auf einen
anderweitigen Gebrauch deutet. Die unten vollständig geglättete
Fläche wäre für einen Fruchtquetscher und Kornreiber geeignet, doch
hätte zur Führung eines solchen das für die innere Handfläche bequem
abgestumpfte Kopfstück genügt. Das vorhandene, ziemlich umfangreiche
Bohrloch läßt die ehemalige Einfügung eines Stieles nicht zweifelhaft;
doch die Weichheit der Masse, welche wenigstens gegenwärtig auffällig
ist, würde, wenn wir in dem Werkzeuge einen Hammer oder eine Streitaxt
erblicken wollten, solchem wenigstens keinen langen Gebrauch gesichert
haben. Vielleicht diente es doch zum Zerklopfen der Früchte, und man
verstand schon, durch Einfügung einer kürzeren oder längeren Handhabe
sich seine Führung zu erleichtern. Außerdem kommen niedrige, napfartige
Gefäße von derselben Masse vor. Sie sind zwar nur noch in Bruchstücken
erhalten, doch diese groß genug, um ihre Form erkennen zu lassen. Die
Höhe beträgt etwa 7 Cm., der Durchmesser 20 Cm., die Dicke der Wandung
da, wo sie von der runden Höhlung des inneren Beckens bis zum scharfen
Rande des Fußes mißt, 4 Cm. Der Stoff ist auch hier außerordentlich
locker, die Arbeit roh. Häufig begegnen Klumpen ähnlich gebrannten
Thones, die auf einer Seite Eindrücke wie von Fingern oder Stäben
zeigen. Ein Stück, das zur genauern Untersuchung uns noch vorliegt,
weiset auf der entgegengesetzten Seite eine geglättete Fläche dar und
im Innern der Masse eine Structur, als sei sie mit Stroh vermischt
gewesen. Wir irren wol nicht, wenn wir darin eine ehemalige Bekleidung
der Hüttenwände erkennen, deren gebrannter Zustand erst durch den
Untergang der Ansiedelung im Feuer herbeigeführt worden. Auch das
verkohlte Getreide findet sich zum Theil in Thonklumpen eingeschlossen,
welche im Feuer geröthet sind.
Scherben kommen in großer Menge vor und von verschiedener Art. Ihre
durchgehende Beschaffenheit versetzt sie jedoch auf +eine+ Stufe
der Kulturentwickelung, und zwar auf die, welche unmittelbar der in
den Pfahlbauten bei Wangen am Bodensee vertretenen sich anschließt.
Ihre Wandung mißt stets mehr als 1 Centim. in der Dicke. Die Masse ist
schwarz gebrannt, mit eingemengtem, grobgepulvertem Quarz und rothem
Ueberzug von Thon versehen. Doch kommen bereits roh profilierte Ränder
und Verzierungen vor, die ohne Ausnahme hergestellt sind, indem man
um den Bauch des Gefäßes einen Streifen von Thon gelegt, in welchen
mit den Fingerspitzen Verzierungen eingedrückt wurden. Die dadurch
hervorgebrachten Muster sind verschieden, je nachdem man zwei oder drei
Finger zusammengelegt, oder nur eine Fingerspitze eingedrückt hat. Hie
und da sind die Eindrücke der Nägel noch sichtbar; die Feinheit der
Vertiefungen läßt vermuthen, daß Frauen die Töpferarbeit vollführt
haben.
Die Knochen, welche aus dem Boden hervorgefördert werden, sind in einem
so vermorschten Zustande, daß sie beim Berühren zerfallen. Nicht viel
besser erhalten war ein aufgefundener Thierzahn. Zwei bedeutende Stücke
eines Hirschgeweihes aber, welche mit anhängenden Resten der Hirnschale
zu Tage traten, sind völlig in Versteinerung übergegangen.
Die aufgefundenen Früchte bestehen aus einem feinen Korn, das der Hirse
am meisten ähnelt und wahrscheinlich von dieser herrührt, sowie aus
Wacholderbeeren, welche noch heute auf den benachbarten Bergen häufig
wachsen. Beide kommen in Menge, doch auffallender Weise mit Ausschluß
jedes anderen Getreides vor.
So wenig auch im Vergleich mit anderen Entdeckungen dieser Art auf dem
hier besprochenen Platze von den Spuren seiner ehemaligen Bewohner an
das Licht getreten, so ist das Aufgefundene doch ausreichend, einen der
ältesten Sitze menschlicher Kultur zu bezeugen. Ob wir es mit einem
alten Pfahlbau zu thun haben, muß vorläufig noch unentschieden bleiben.
Daß den in Rede stehenden Boden einst das Wasser bespülte, bezeugt
er selbst. Aber von Pfählen ist nichts mehr zu sehen, selbst Kohlen
kommen nur sparsam vor. Baumwurzeln, welche nach allen Richtungen das
Erdreich durchziehen, beweisen, daß der Platz einst mit Wald bestanden
war. Derselbe grünte ohne Zweifel viel später, als jene Ortschaft hier
gegründet wurde; dennoch sind seine Ueberreste, eben jene Wurzelfasern,
auch längst verfault und bestehen eigentlich nur noch aus engeren
und weiteren, mit Staub oder Moder gefüllten Röhren, die im festen
Lehmboden zugleich als Leiter des Wassers dienen. Steckten Pfähle in
diesem Boden, so müssen sie, nachdem das Wasser abgeflossen, längst
zerfallen und bis auf die letzte Spur verschwunden sein. Auffallend
ist, was eine genauere Beobachtung bestätigte, daß die vorhandenen
Kohlen durchweg eine senkrechte Stellung ihrer Faser innehatten; die
einzelnen Stücke waren bisweilen lang, doch nicht sehr umfangreich. Die
Versteinerung der Hirschhornstücke gibt vielleicht einen Anhaltspunkt,
um zu bestimmen, was für Elemente und Umstände bei ihrer Bildung
mitgewirkt haben.
Entdecker dieser merkwürdigen Urbauten ist Freiherr Cl. von Schauroth;
ihm verdanken wir, daß in den, keineswegs zu wissenschaftlichen Zwecken
veranstalteten, Ausgrabungen die Ergebnisse der Wissenschaft zu Nutze
gekommen sind. Ein Theil der Funde ist in seiner Sammlung zu Rudolstadt
aufbewahrt, ein Theil in das german. Museum zu Nürnberg gelangt.
Bei einem jüngst am genannten Platze abgestatteten Besuche wurden
noch zwei andere Oertlichkeiten in Augenschein genommen, die, obwohl
schon bekannt, doch von nicht geringerem Interesse sind und worauf
deshalb ebenfalls hingewiesen werden mag. Am rechten Ufer der Saale,
etwa eine halbe Stunde oberhalb Rudolstadts, liegt auf einer Höhe die
durch ihren Namen als ehemalige sorbische Colonie sich ankündigende
Ortschaft Preilip und in unmittelbarer Nähe ein schroff vom Ufer
des Flusses aufsteigender Hügel, der als äußerster Vorsprung dieses
Höhenzuges zugleich eine weite Aussicht in das unten liegende Thal
gestattet. Im Munde des Volkes heißt derselbe der heilige Hügel:
„hillige Higgel“, und kündigt sich dadurch, da die Bezeichnung ohne
Zweifel auf ältester Ueberlieferung beruht, als Punkt an, der irgend
einmal von besonderer Bedeutung gewesen. Auf dem Gipfel, wo auch der
natürliche Felsen durchbricht, befinden sich aufgeworfene Steinwälle,
und daselbst gefundene Steinhämmer von sehr primitiver Form bekunden,
welcher Epoche diese Bauten angehören. Man hat die Oertlichkeit
für einen Opferplatz erklärt, was die alte Benennung allerdings zu
rechtfertigen scheint. Doch bieten die Umwallungen ein Ansehen, das
eher auf einen Befestigungsbau schließen ließe. Die Steine sind hoch
und mauerartig gethürmt, ihre Reihen verschlungen, so daß es von
Interesse wäre, den Grundplan der ganzen Anlage aufzunehmen. Besonders
auffallend sind mehrere aneinander gereihte Nischen in den Mauern,
welche, mit der Innenwand an den Felsen gelehnt, durch Vorsprünge der
letzteren erweitert, ganz das Ansehen ehemaliger Wohnungen gewähren und
ihrer Größe nach nothdürftigen Raum dafür geboten haben würden. Für
den Fall, daß wir es hier wirklich mit einer befestigten Ansiedelung
oder einem alten Standlager zu thun haben, ist zu bemerken, daß der
Berg zwar niemals eine Quelle enthalten zu haben scheint, aber bei
seinem schroffen Absinken zum Flusse denen, welche den Gipfel desselben
inne hatten, der Zugang zum Wasser immer ungefährdet offen stand. Die
aufgefundenen Steinhämmer scheinen unter den umherliegenden Flußkieseln
aufgelesen, wie diese passende Formen und geeignetes Material boten.
Sie sind sehr wenig bearbeitet, die Bohrlöcher ungewöhnlich eng,
etwa 1,2 Centim. im Durchmesser haltend. Bei einem derselben bemerkt
man, wie der Bohrer von zwei Seiten angesetzt ist, die Oeffnungen
jedoch nicht genau auf einander trafen. Bei einem andern zeigen sich
kreisförmige Eindrücke in ziemlicher Entfernung vom Hauptloche, welche
darauf hindeuten, daß das Instrument, mit welchem gebohrt wurde,
nicht so einfach war, als man sonst anzunehmen geneigt sein möchte.
Auch dickwandige Urnenscherben und Spuren von Asche sind an dem Orte
gefunden. Die Volkssage knüpft daran eine Legende vom heil. Antonius.
Eine nicht weniger merkwürdige Anlage bietet der weit höher gelegene
Gipfel des Berges +Gleitsch+, oberhalb des Schlosses Obersitz
unweit Saalfeld. Die hier befindliche Umwallung, sowie daselbst
gemachte Funde hat schon W. +Adler+ in seiner Schrift: „Die
Grabhügel, Ustrinen und Opferplätze der Heiden im Orlagau u. s. w.
Saalfeld, 1837,“ beschrieben, doch gerade die interessanteste Seite
dieses Denkmals der Urzeit nicht bemerkt. Wir haben es hier nämlich
mit einem der seltener vorkommenden Schlackenwälle zu thun. Obwohl die
innerhalb der Umhegung angelegten Ackerfelder vieles zerstört haben,
sind doch noch einzelne Theile des alten Steinkranzes unversehrt genug
geblieben, um erkennen zu lassen, daß die Außenseiten desselben einst
systematisch einem sehr starken Brande ausgesetzt gewesen. Auch an den
zerstörten Stellen des Walles finden sich Steine, an welchen die Spuren
des Feuers ersichtlich, in großer Zahl. Manche derselben sind ganz
verglast oder in Schlacken verwandelt. Unter den Steinen tritt schwarze
Erde, die mit Asche und Ruß gemischt erscheint, zu Tage. Bei früheren
Ausgrabungen hat man hier Geräthe von Stein, Thon und Bronze gefunden,
in unmittelbarer Nähe auch Grabstätten aufgedeckt. Gegenwärtig liegen
Scherben noch in großer Menge umher, unter welchen wir auch das
Bruchstück eines verzierten Gefäßes fanden, deren man früher noch nicht
wahrgenommen.
+Nürnberg.+
+Dr. A. v. Eye.+
Die Ausstellung des internationalen archäologischen Congresses zu Bonn.
(Fortsetzung.)
Eine zweite Reihe von Gegenständen, die einen wichtigen Kunstzweig
repräsentierten, stellte sich in einer Anzahl Elfenbeinschnitzwerke
dar. Manche Einzelgegenstände, so besonders einige Büchereinbände, die
sich als interessante Belege für die Entwickelung des Emails gezeigt
hatten, treten auch hier wieder als wichtig auf, da die frühere Periode
der mittelalterlichen Kunst die Verbindung des Emailschmuckes und
Elfenbeines zur Erreichung eines würdigen monumentalen Eindruckes
häufig benützte. Die hervorragendsten Gegenstände auf diesem Gebiete
waren unstreitig jene, die noch direkte Anknüpfungspunkte an die Antike
boten. Wir nennen hier zuerst eine Reihenfolge von zehn Hostienbüchsen
aus früher Zeit, die theilweise noch mit antiken Darstellungen bedeckt
sind; so die aus dem Dome zu Xanten, welche die Darstellung des Ulysses
zeigt, der den auf der Insel Scyros in Weiberkleidung versteckten
Achilles aufsucht und wegführt; eine andere mit einer Darstellung aus
dem Leben Joseph’s, wobei das Land Aegypten und der Nil personificiert
in antiker Weise erscheinen (Museum zu Wiesbaden); ebenso eine sehr
hübsche Darstellung der Geburt Christi und Anbetung der Hirten, wobei
Joseph und Maria neben der Krippe sitzen, während die mittelalterliche
Kunst bis in’s 15. Jahrhundert die heil. Jungfrau bei dieser Scene
liegend darstellt. Ein Gehänge zu solchen Pyxen, mit Rollen, aus
dem Dome zu Mastricht bot eine wichtige Ergänzung. Eine Anzahl von
einzelnen und paarweise zusammengehörigen Elfenbeintäfelchen aus der
romanischen Kunstperiode gab für die Ikonographie einerseits, wie für
die formale Entwickelung der Sculptur interessante Anhaltspunkte.
Besonders beachtenswerth war die Nebeneinanderstellung einer Reihe
von Scenen der Kreuzigung, darunter das merkwürdige Relief am Deckel
des Echternacher Evangelienbuchs in der Bibliothek zu Gotha. Hier
fanden sich auch als Belege für andere Verwendungen des Elfenbeins
das Blashorn Karl’s d. Gr. aus dem Domschatze zu Aachen und ebendaher
das kostbare Weihkesselchen, mit Gold und Edelsteinen besetzt;
endlich eine Reihe jener reichgeschnitzten Bischofskämme: der sog.
Mutter-Gottes-Kamm aus dem Kloster Laach (Besitz des Herrn Prof. aus’m
Weerth in Bonn), der Kamm des heil. Benno aus Iburg bei Osnabrück, der
kostbare mit Gold und Edelsteinen besetzte Kamm aus Quedlinburg und
die zwei Kämme aus dem städtischen Museum zu Köln. Durch eine Reihe
von Täfelchen, runden und Schachfiguren u. s. w. war die so fruchtbare
Periode des 14. Jahrhunderts trefflich vertreten.
Von Krystallarbeiten des 10. Jahrhunderts waren drei merkwürdige
Stücke aus Quedlinburg ausgestellt; ebenso von der frühromanischen
Lederplastik eine interessante Messerscheide aus dem Dome zu Aachen,
bei der das Ornament theils plastisch hoch herausgetrieben, theils mit
scharfen Instrumenten geschnitten ist.
Die Goldschmiedearbeit im weiteren Sinne hatte zunächst eine der mit
getriebenem Goldblech bekleideten Statuen aufzuweisen: die sitzende
Figur der heil. Jungfrau mit dem Kinde, aus Essen, v. 10. Jahrh.
verwandt mit den Werken, die wir als wichtige Zeugnisse für die
Entwicklung der Kunst des Emails aufgeführt haben, und die alle hier
gleichfalls zu nennen wären, da das Email nur einen Theil des Schmuckes
der zum Theil umfangreichen, zum Theil merkwürdig geformten Geräthe
bildet. Wir wollen hier im Vorübergehen nur noch einmal die Kreuze aus
Essen, das Evangelienbuch daher, das aus Echternach, die Hülse des
Stabes Petri, den Tragaltar des heil. Egbert nennen.
Dem 11. Jahrhundert gehören die Theile der in Goldblech getriebenen
Pala d’oro aus dem Domschatze zu Aachen an, die vorzugsweise die
Art jener Zeit in der Darstellung des Figürlichen in ihren reichen
Compositionen gibt. Besonders wichtig in dieser Hinsicht sind die
schönen Apostelgestalten, die den Altaraufsatz aus St. Castor in
Coblenz (nunmehr in St. Denis bei Paris) zieren, und deren edle
Haltung und schöne Zeichnung diese aus Silberblech getriebenen,
fast runden Figuren als mustergültig erscheinen lassen. Auch die
beiden Nachahmungen der Limburger Reliquientafel, die Tafeln
aus Trier und Mettlach müssen als höchst interessante Werke der
Goldschmiedekunst hier noch einmal angeführt werden. Das Filigran
zeigte sich in der höchsten Stufe der Vollendung neben mehreren
verschiedenen Werken, wo es in Verbindung mit andern Techniken
eine mehr untergeordnete Rolle spielt, an dem Reliquienschrein
mit dem Schädel der heil. Helena aus dem Dome zu Trier, vom
12. Jhdt., und an dem Reliquienschrein des heil. Simeon in der
Pfarrkirche zu Sayn. Ein prachtvolles Reliquiar von meisterhafter
getriebener Arbeit, mit byzantinischen Theilen, ist das im Besitze
des Erzbischofs von Köln befindliche, an einen Flügelaltar auf
einem Fuße erinnernde Gefäß. Die Goldschmiedearbeit der gothischen
Periode war vertreten durch den schönen Kelch mit Patene aus
dem Besitze des Fürsten von Hohenzollern, dem 12. Jahrhundert
angehörig, der schon bei Gelegenheit der Emails Erwähnung
gefunden; ferner durch die Schale aus Osnabrück und, als Schluß
der mittelalterlichen Kunst, durch die Monstranze, im Besitze des
Fürsten von Hohenzollern, die, in wildestes Chaos ausgeartet, an
Stelle der architektonischen Formen, die sich sonst bei diesen
Gefäßen finden, eine Art Laube zeigt, welche aus Ornamentzweigen
und Ranken gebildet ist. Wir haben an anderem Orte unsere Meinung
über das Verhältniß dieser ornamentalen Haltung der Geräthe
ausgesprochen, die wir keineswegs zurückgenommen wissen wollen,
wenn man auch gerade hier in dem fraglichen Werke sieht, daß da, wo
der gesammte Aufbau mit mehr oder minder strengen Architekturformen
sich gebildet hatte, das plötzliche Verwandeln derselben in
Ornamente, ohne weitergehende Umwandlung der Gesammtform des
Gefäßes, eine gewisse unbefriedigende Trockenheit im Gefolge hat,
aus der zu ersehen ist, daß wir es hier mit den letzten Ausgängen
einer Kunst zu thun haben, und daß die Aufnahme solcher an und
für sich zwar rationellen Motive eine Folge der eingetretenen
Zersetzung ist, keineswegs aber ein Prinzip, das gestaltend auf
alle Werke der Kunstperiode gewirkt hatte.
+Nürnberg.+
+A. Essenwein.+
(Schluß folgt.)
(Mit einer Beilage.)
Verantwortliche Redaction: A. +Essenwein+. Dr. G. K. +Frommann+. Dr. A.
v. +Eye+.
Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in
Nürnberg.
Sebald’sche Buchdruckerei in Nürnberg.