IV

Ein Wunder. Meine Frau Feige und ihre Taten. Man wirft mich hinaus, und

wohin ich gehe

Es geschah ein Wunder, daß meine Frau Feige, unberufen, ihren gesunden

Menschenverstand behielt.

Als ich den Stecken nahm und schrie, daß ich den Hund umbringen werde,

nahm es sich meine Frau Feige gar nicht zu Herzen ... Sie weiß ganz gut,

daß ich, Gott behüte, kein Mörder bin und nicht eine Fliege an der Wand

töten kann; sie weiß, daß ich, wenn ich schon in Zorn gerate, vor allen

Dingen zu weinen anfange. Ich habe schon einmal so eine Natur: vor Zorn

fließen mir die Tränen wie Wasser.

Meine Frau Feige weiß auch, daß ich selbst meine Schüler nicht so

schlage, wie es sich gehört, und daß mir sogar die Väter deswegen

Vorwürfe machen; auch ich selbst fürchte zuweilen, daß ich in dieser

Hinsicht vor Gott und den Menschen sündige: denn oft ist so ein Hieb

notwendig! Besonders seitdem einer meiner Schüler in schlechte

Gesellschaft geriet, ist es meine feste Meinung, daß man zuweilen

schlagen =muß=!

Wir wollen aber nicht abschweifen!

Also meine Frau Feige wußte ganz gut, daß ich ihm nichts tun würde, und

blieb darum ruhig auf dem Bette sitzen. Doch später, als eine Stunde,

zwei Stunden vergingen und ich noch immer nicht zurück war, bekam sie

doch Angst und sagte sich, daß ich den Hund gewiß wie einen Fisch in

Stücke geschnitten habe und dafür ins Loch gesperrt worden sei!

Da gab es was! Sie vergaß alle ihre Schmerzen, die Kinder in den Betten

und das bißchen Hausrat, das wir hatten, sprang aus dem Bette, warf sich

etwas um und lief mir nach; vergaß sogar die Tür hinter sich zu

schließen.

Ich schau mich um, -- sie ist da. Und kaum ist sie da, als sie gleich

auf den ersten Blick erkennt, was vorgeht. Vor allen Dingen, als sie

mich wie ein Stück Holz dastehen sieht, schreit sie mich an:

»Nichtstuer!« Und im gleichen Augenblick reißt sie die Tür auf und ruft:

»Hilfe!« Sofort kommen einige Nachbarinnen. Meine Frau Feige übernimmt

das Kommando, und die Nachbarinnen folgen ihren Befehlen. Und eines der

Weiber wirft mich auf Feiges Befehl tatsächlich zur Tür hinaus.

Wo geht man nun hin? Auf der Straße ist nasser Schnee, der Wind peitscht

mir das Gesicht und stiehlt sich durch die Löcher in meine Kleider

hinein ...

Also gehe ich ins Bethaus. Dort sitzen noch einige Leute, die nach dem

Beten ein wenig in den Talmud hineinschauen. Ich nehme mir auch einen

Talmudband. Und fertig, mehr brauche ich nicht! Kaum öffne ich den

Talmud, ist Broche-Leë vergessen! Vergessen ist ihr Mann, der Bösewicht!

Und auch die ganze Welt. Wer ist von ihrem Mann verlassen? Wer ist

durchgebrannt? Wer liegt in Kindsnöten? Das gibt es alles nicht!...

V

Meine Schüler. Wer ist mein Lehrer? Die Thora und ihr Lohn. Das

Gleichnis vom Vogel. Schlimme Gedanken und Zweifel

Wenn ich manchmal selbst mit großer Freude studiere, können es meine

Schüler aus den reichen Häusern nicht begreifen. Sie fragen mich, ob

=ich= auch noch lernen muß? Und wer =mein= Rebbe ist?

Die Dummköpfe! Sie wissen nicht, daß die Welt ein guter Rebbe ist, und

die Sorge ums Brot -- ein gar vortrefflicher Rebbe! Leiden und Unglück

sind gute Melameds .. Die Mücke, die ewig das Gehirn sticht mit der

Frage: »Und was werden wir essen?«, ist ein gar feuriger Rebbe! Und dann

sind auch meine Schüler selbst mitsamt ihren Vätern -- meinen Brotgebern

-- sehr feine Lehrer, ausgezeichnete Lehrer!

Alles treibt zum Lernen. Aber wie die Thora, so auch ihr Lohn. Schlage

ich den Talmud auf, so werde ich ein andrer Mensch. Ich fühle, daß sich

mir der Himmel auftut! Daß der Herr der Welt mir in seiner großen Gnade

Flügel, große und breite Flügel verliehen hat! Und ich fliege auf diesen

Flügeln empor -- ich bin ein Adler, und ich fliege in weite Fernen fort;

nicht übers Meer fliege ich, sondern aus der Welt ganz hinaus! Aus der

Welt voller Lüge, Verstellung und bösen Leiden ...

Und ich schwinge mich in eine ganz andre Welt hinauf, in eine neue Welt,

in eine Welt, wo es nur Gutes gibt. In eine Welt, wo weder dickbäuchige

Hausbesitzer noch unwissende vornehme Herren etwas gelten; wo es weder

Geld noch Nahrungssorgen gibt, weder schwere Kindsnöte, noch hungernde

Kinder, noch schreiende Weiber!

Und dort bin ich, ich, der arme, kranke, unterdrückte, hungernde

Melamed, ich ärmster Bettler, der ich hier stumm wie ein Fisch bin und

von allen wie ein Wurm getreten werde, -- dort bin ich der Mensch, der

Vornehme, dessen Meinung gilt! Und ich bin frei, und mein Wille ist

frei, und =ich= habe zu befehlen! Welten baue ich auf und Welten

zertrümmere ich und baue mir neue an ihrer Stelle! Neue, schönere und

bessere Welten! Und ich lebe in diesen Welten und schwebe in ihnen

herum! Ich bin im Paradiese, im wirklichen Paradiese!

Und ich weiß, daß ich mehr weiß, als ich meinen Schülern mitteilen will

und kann, mehr als ich mir selbst eingestehe. Ich ahne Dinge, die man

mit den Lippen gar nicht aussprechen kann, die kein Auge sieht und kein

Ohr hört, die nur im Herzen blühen, nur im Herzen leben und pochen!

Die »zwei, die zugleich nach einem Gebetmantel greifen«, deren Streit

der Talmud untersucht, sind für mich nicht zwei beliebige Menschen von

der Straße, nicht ein Schimen und ein Ruben, wie ich es meinen Schülern

erkläre; und auch der Gebetmantel, um welchen der Streit geht, ist kein

gewöhnlicher Gebetmantel, wie man ihn im Laden von Jossel Pesches kaufen

kann ... Ich fasse es tiefer an!

Ich fange alle die Funken auf, die =zwischen= den Zeilen, =zwischen= den

Worten, =zwischen= den Buchstaben leuchten; meine Seele saugt sie ein

wie ein Schwamm! Ich fühle, wie mich das Licht, das der Frommen im

Jenseits wartet, ganz durchtränkt und erfüllt!

Ach, nur sitzen und studieren! Nur studieren!

* * * * *

Und das muß ich euch auch sagen: wenn ich in reiche Häuser komme und

sehe, wie die Leute ganze Nächte hindurch Karten spielen, oder die Zeit

mit Weibern oder andern Eitelkeiten verbringen; oder wenn ich durch die

Straße gehe und durch die offene Tür einer Schenke einen Handwerker

sehe, wie er in einer Wolke von Tabakrauch sitzt und trinkt und dummes

Zeug spricht; wenn ich das alles sehe, sage ich euch, werde ich gar

nicht böse ... ich mache den Leuten gar keine Vorwürfe; im Gegenteil:

mir tut das Herz weh vor Mitleid mit ihnen!

Denn wenn wir es so betrachten, was sollen sie ohne Thora tun?

Wie ich bereits erwähnte, gab ich einmal auch in einem Dorfe Unterricht.

Mein Schüler zeigte mir, wie am Ende des Sommers alle Vöglein

zusammenflogen, um unser Land noch vor Wintersanfang zu verlassen ...

Ich sah, wie sie sich zu ganzen Heeren versammelten und davonflogen in

weite Fernen ...

Die kleinen Vöglein können und wollen hier nicht bei Schnee und Frost

bleiben ... In dieser Zeit hat hier so ein armes Vöglein keinerlei

Lebensmöglichkeit ... Und die Vöglein wissen es, sie fühlen es, daß der

Winter naht, daß ihr Todesengel kommt ...

Doch einmal sah ich, wie ein armes verkrüppeltes Vöglein mit einem

gebrochenen Flügel auf der nassen, kalten Erde herumhüpfte; es piepste

und konnte sich nicht vom Boden erheben, um den großen Vögeln

nachzufliegen. Es war wirklich ein Jammer, zu sehen, wie das arme

Vöglein keinen Platz finden konnte, wie es immer hüpfte und hüpfte, und

den andern freien Vögeln, die schon davonflogen, nachsah ...

Damals sagte ich mir: diesem kranken Vögelchen gleicht die Seele des

Unwissenden!...

Fliegen können sie nicht, denn sie haben keine Flügel -- keine Thora!

Gib ihnen Thora, gib ihnen Flügel, so werden auch sie fliegen in die

fernen Welten!

Man hat ihnen aber die Flügel zerbrochen, und darum hüpfen sie immer im

kalten Straßenschmutz herum ... Darum müssen sie schamlose Reden führen

oder Karten spielen: der Reiche im Salon, der Arme in der Schenke ...

Doch wollen wir zur Sache zurückkehren!

Also ich sitze und studiere. Die paar Leute, die noch im Bethause waren,

sind einer nach dem andern heimgegangen. Der Schuldiener ging als

letzter fort.

Was geht es mich an? Ich sehe es ja gar nicht!

Bei Licht, im warmen Bethause, den offenen Talmudband vor mir, fürchte

ich allein nichts! Ich bin vertieft, ganz wie es sich gehört.

Die Thora gleicht doch, wie ihr wißt, dem Meere. Die Wellen schlagen und

wollen mich verschlingen ... Doch ich kann schwimmen! Ich tauche unter

und bin schon wieder oben! Zuweilen wird das Meer still; schön, rein und

klar wie der Himmel liegt es da, und meine Seele badet im frischen,

belebenden Wasser; sie gleitet wie über einen Spiegel dahin in Wonne und

Schönheit ... Und das Wasser wäscht sie, reinigt sie von allen Flecken,

von den schwarzen irdischen Stäubchen ...

Und rein und heilig wird meine Seele ...

Doch plötzlich fühle ich einen brennenden Schmerz in den Fingern, und

ich sitze im Finstern ...

Der Lichtstummel, den ich in den Fingern hielt, ist ausgegangen!

Alleinsein im Finstern fürchte ich. Und es überfällt mich eine große

Angst!

Wenn es um mich herum hell ist, bei Tage oder auch bei Nacht, fürchte

ich nichts. Mir ist gut! Ich sehe die Welt, und ich spüre den Hausherrn

=über= der Welt! Ich sehe die Welt, und die Welt sieht mich. Und ich

weiß, daß ich ein Teil der Welt bin, und daß ihr Hausherr auch mein

Hausherr ist; daß ohne seinen Willen mir kein Haar gekrümmt werden kann.

Er wird es nicht dulden, und auch die Welt selbst wird es nicht dulden.

Warum sollten sie es auch zulassen?

Aber wenn ich allein im Finstern bin und die Welt nicht sehe, dann --

ach, dann höre ich überhaupt auf, Mensch zu sein! Mich befallen böse

Gedanken, und es scheint mir -- Gott möge mich dafür nicht strafen --,

daß ich gar keinen Zusammenhang mit der Welt mehr habe, daß man mich von

ihr losgetrennt und aus ihr weggeführt hat ... Ich habe mit ihr nichts

zu tun; weder ich, noch mein Weib, noch meine Kinder ... Nichts haben

wir mit ihr zu schaffen! Gleich wird man mich oder einen von uns ganz

still wegtun, und niemand wird es sehen, niemand wird es wissen und

gewiß niemand fühlen.

Kaum war das Licht ausgegangen, als mich gleich meine Festtagsseele, die

nur während des Lernens in meinem Leibe ist, verließ und ich bei meiner

zitternden, erschrockenen Werktagsseele blieb, bei der Seele des

bettelarmen Melameds ... Ich bin wieder ein Nichts, ein Wurm, ein

verlorenes Ding ...

Und meine Lippen zittern: Gott soll helfen! Gott soll helfen!

Und das Herz nagt und bangt: Broche-Leë wird gebären ... gewiß wird sie

gebären. Sie wird sogar Zwillinge haben. Denn ihre Mutter war wegen

ihrer Zwillingsgeburten berühmt!

Du hast wohl zu wenig an eigen Weib und Kind? Also fällt dir noch

Broche-Leë mit einem Kind zu, Broche-Leë mit zwei, mit drei Kindern ...

Seinwel-Jechïel ruht im Grabe; er sitzt jetzt im Paradiese und lernt

Thora. Und du arbeite und ernähre seine Tochter!

Und böse Gedanken sagen mir: Wenn Gott sich erbarmen will, so hat er

keinen andern Ausweg, als den Todesengel zu schicken ... zu mir ... zu

der Gebärenden ...

Barmherziger Gott! Barmherziger Gott!

Und ich weiß, daß ich vor Gott sündige, daß ich in Gotteslästerung

verfalle. Ich weiß das, doch ich habe nicht die Macht, den bösen

Gedanken aus dem Herzen zu vertreiben ... Denn allein bin ich schwach

und im Finstern noch schwächer!

Ich weiß, daß das einzige Mittel dagegen die Thora ist, und ich will sie

auswendig studieren; ich will mich auf eines der Probleme besinnen, doch

ich kann nicht: ich habe alles vergessen, habe die ganze Thora

vergessen!

Und ich rief mit allen meinen Kräften aus:

»Herr der Welt! Hilf mir! Hilf mir!«

Und es geschah mir ein Wunder!

Jüdische Geschichten · 第 10 / 20 题