Eine Geschichte von Jojchenen dem Melamed(10)

(10) Jüdischer Kleinkinderlehrer.

I

Vorrede. Ich entschuldige mich und bekenne meine Ansicht, daß es in der

Welt keinen Unglauben gibt

Meine Herren! Ich, Jojchenen der Melamed, will euch eine Geschichte

erzählen. Und die Geschichte, die ich euch erzählen will, ist wie ein

Rädchen in einem Rade: eine Geschichte in einer anderen Geschichte.

Beide Geschichten habe ich nicht erfunden oder, wie man sagt, aus den

Fingern gesogen. Ich bin, gottlob, kein Schreiber. Ich erzähle sie euch

ganz einfach, ohne Salz und Schmalz; Wortgeklingel lieb ich nicht ...

Wer die Wahrheit sagt, braucht keine Kunstgriffe, der spricht einfach

seine Muttersprache.

Eine Vorrede muß ich euch aber doch geben: diese Geschichten, die ich

erzählen will, werden euch möglicherweise zeigen, daß ihr, meine Herren,

in vielen Dingen zu weit gegangen seid und euch zu sehr auf eure Sinne

verlassen habt; daß es in der Welt Dinge gibt, von welchen weder euch

noch euren größten Weisen je geträumt hat ... Darum bitte ich euch, mir

das nicht übelzunehmen.

Wenn ihr wollt, könnt ihr glauben, und wenn nicht, so nicht.

Ich will mich auch gleich vor meinen Freunden rechtfertigen: es wird

meine Freunde vielleicht verdrießen, daß ich sozusagen aus der Schule

plaudere, und dazu noch heutzutage, wo es so viel Unglauben gibt ... und

daß dadurch ein Ärgernis entstehen kann. Gott bewahre! Ich will ihnen

sagen, daß es überhaupt keinen Unglauben auf der Welt gibt: das mit dem

Unglauben ist eine erfundene Sache!

Denn die ganze Welt ist nichts als Glauben!

Könnte es denn auch anders sein?

Die Welt ist unendlich groß, hat wirklich keine Grenzen! Und unser

Verstand ist so klein, so winzig, daß wir einem Menschen gleichen, der

in einer finsteren Nacht, mit einem Pfenniglicht in der Hand, das kaum

vier Schritt weit leuchtet, durch eine öde, finstere Wüste geht!

Ich bleibe bei meiner Meinung: ohne Glauben kann man überhaupt nicht

auskommen! Die Vernunft allein reicht nicht aus. Wo kommt dann das

Märchen vom Unglauben her? Nun, diese nichtsnutzigen Schreiber, die für

das einfache Volk, für Köchinnen und Dienstmädchen Bücher verfassen, die

Geschichten von Mördern und Räubern, von Falschmünzern und

Wechselfälschern ausdenken, nur um die Leute zu erschrecken und ihr Blut

in Wallung zu bringen, -- diese selben Schreiber haben auch den

Unglauben und den Irrglauben erfunden! Und zwar mit demselben Zweck: um

das gemeine Volk -- die Dienstmädchen, Schuster- und Schneiderlehrlinge

-- zu erschrecken ...

Doch in Wahrheit: ohne Glaube kein Wille; einfach jüdisch gesprochen

heißt das, daß ein Mensch, der nichts glaubt, auch nichts will und zu

nichts Lust hat!

Ein solcher Mensch ist nichts mehr als ein Lehmklumpen, ein Stück Holz!

Und wenn du Menschen siehst, welche Gelüste haben oder ihre Gelüste

zugunsten andrer, größerer oder erhabenerer überwinden. Menschen, welche

essen und trinken, Familienglück genießen, im Schweiße ihres Angesichts

arbeiten und den Kopf voller Geschäfte haben, so wisse, daß diese

Menschen =glauben=! Daß sie zumindest an ihr eigen Leben glauben!...

Denn zweifeln kann man ja schließlich auch daran! Wenn man will, so sagt

man: Das Leben ist nichts! Und dagegen läßt sich schon wirklich nichts

machen.

Doch die Regel ist: alle glauben. Nur glaubt der eine, daß der Leviathan

vor dem Schor-ha-Bor(11) verzehrt werden wird; und der andre sagt: nein,

umgekehrt, der Schor-ha-Bor kommt zuerst, und dann der Leviathan als

Zuspeise. Und ein »aufgeklärter« junger Mann, der weder an den Leviathan

noch an den Schor-ha-Bor glaubt, der glaubt an den Äther! Und was ist

dieser Äther? Da erklärte mir ein solcher junger Mann: der Äther ist

etwas, was weder Körper noch körperliche Kraft, weder Seele noch

überhaupt etwas Geistiges ist; er nimmt keinen Raum ein und hat kein

Gewicht ... Mit einem Worte: er ist ein »Ja« und ein »Nein« zugleich!

(11) Leviathan (aus dem Buche Hiob) und Schor-ha-Bor (ein Riesenstier

der talmudischen Sage) sollen bei Messias' Ankunft von den Gerechten

verzehrt werden.

Frage ich ihn, ob er den Äther gesehen hat? Nein! Aber er glaubt an ihn!

Kurz und gut: alle glauben.

Was ist dann der Unterschied? Nun, jeder glaubt an =seinen= Rebben,

jeder hat =seinen= Glauben, sozusagen =seinen= kleinen Götzen.

Alle blicken fremden Leuten auf den Mund. Alle küssen; doch der eine

küßt den Vorhang vor dem Thoraschreine, wenn er auch nicht weiß, was im

Schreine ist; der andre das kabbalistische Buch »Megillo Tmirin«, wenn

es vom Tische herunterfällt; ich habe sogar mit meinen eigenen Augen

gesehen, wie einer von ihren Leuten die »Geheimnisse von Paris« küßte.

Und ich habe aus sicherer Quelle gehört, daß diese »Geheimnisse« die

schauerliche Geschichte von einem gewissen Charbojno darstellen -- doch

nicht von unserem Charbojno, seligen Angedenkens, aus dem Buche

Esther(12), sondern von einem Pariser Holzhacker, der barfuß auf

Glasscherben herumging -- und noch ähnliche Lügen, die ein Pariser

Lügner erfunden und ein Wilnaer »Aufgeklärter« in die heilige Sprache

übersetzt hat.

(12) Kap. 1, V. 10.

Meine Herren! Ich habe gottlob viel vom Leben und von der Welt gesehen;

ich war Melamed in Dörfern und in kleinen Städten und auch in großen

Städten. Seit sieben Jahren bin ich, Gott sei Dank, Melamed in Warschau,

und ich komme, gottlob, unter Menschen, und ich kenne Menschen! Ich

kenne Misnagdim(13), die beim chassidischen Gebet »_Wajizmach purkonej_«

aus der Haut fahren, und ich kenne Chassidim, die einen, der zu einem

andern Rebben fährt, für einen Ketzer -- daß Gott davor behüte! --

halten.

(13) Misnagdim: Gegner der Chassidim sowie auch überhaupt alle

Nicht-Chassidim.

Ich kenne auch »Aufgeklärte«, sogar sehr viele; bedeutende und

unbedeutende, solche, die wirklich was wissen, und gewöhnliche

Schreiberseelen; ich kenne sogar viele, sehr viele Abtrünnige. Das alles

kenne ich. Doch einen Menschen, der nicht glaubt, habe ich noch nie

gesehen!

Ich wage sogar die Behauptung aufzustellen, daß es in der ganzen

Gesellschaft der »Aufgeklärten« keinen einzigen gibt, der seinen eigenen

Zuschnitt, sein eigenes System, seinen eigenen Weg hätte. Ich sah unter

ihnen keinen einzigen, der seine eigene Ansicht über die Dinge hätte;

mit Ausnahme von vielleicht zwei oder drei ganz großen Karpfenköpfen ...

Und die ganze übrige Gesellschaft, wie ihr sie seht, ist nicht ein

ausgeblasenes Ei wert! Auch sie sind Chassidim, nur von einer andern

Richtung! Sie glauben eben an =ihren= Rebben! Und sie hängen an =ihrem=

größten Mann der Zeit, genau so, wie wir an dem unsrigen!

Und ich kann einen heiligen Eid schwören, daß keiner von ihnen ein

eigenes Lehrgebäude hat, nicht einmal für eine Stunde! Nichts als Glaube

an den Großen der Zeit. Und sie sprechen ihm alles nach, ohne einen

Unterschied zu machen zwischen dem, was er mit Überlegung, bei klarem

Verstande und im Ernst gelehrt, und dem, was er so nebenhin, oder im

Zorne, oder gar nur, um zu widersprechen, gesagt hat.

Ganz wie bei unsern Gesinnungsgenossen! Es ist nicht der geringste

Unterschied!

Und wenn einer von dieser Gesellschaft zu mir kommt und sagt, daß er an

nichts glaubt, so ist es einfach dumm: ich werde ihn doch nicht dadurch

beschämen, daß ich ihm meine Ansicht sage. Für mich selbst weiß ich

aber, daß er entweder Spaß macht oder einfach prahlt; und gerade ein

solcher fürchtet sich, nachts allein auszugehen! Und vielleicht =muß= er

überhaupt so sprechen, weil es sein Geschäft verlangt. Was tut der

Mensch nicht wegen seines Geschäfts!... Und er kann ja auch ein ganz

dummer Mensch sein, der nicht einmal weiß, =was= er nicht weiß und was

man glauben muß!

Und wenn so, warum sollen wir uns dessen schämen, was wir glauben?!

Worin sind denn unsere Gesinnungsgenossen ärger als alle die

»Aufgeklärten«, die nichts andres tun, als Ammenmärchen und Wunder zum

größern Ruhme ihrer Großen erzählen? Weil unsere Geschichten nicht

erfunden sind? Weil wir die Leute nicht mit Schauergeschichten von

Räubern und Mördern, Falschmünzern und Wechselfälschern erschrecken? Muß

man denn unbedingt nur über solche Dinge schreiben, die glatt erfunden

sind?

Und ich will ja keine Geschichte von jenseit des Meeres oder aus uralten

Zeiten erzählen, sondern eine wahre Begebenheit, die sich hier in

Warschau und zudem vor ganz kurzer Zeit ereignet hat!

Und vielleicht kommt jemand und sagt: Es ist nicht wahr! Die Sache ist

erlogen!... Gut, soll er nur kommen, soll er sich unterstehen! Ich bin,

Gott sei Dank, ein einfacher Melamed und kein Schreiber, Gott behüte!

Und Lügen ist weder mein Handwerk noch mein Geschäft!

Kurz und gut -- meine Geschichte ist wahr. Und wenn jemand kommt und ihr

eine andere Deutung gibt? Gut, so werden wir ihn anhören.

Bis hierher geht die Vorrede, und nun beginnt die Geschichte selbst.

Jüdische Geschichten · 第 7 / 20 题