Etwas, das man ohne Divination vorhersehen konnte

Agathon hatte zwar viel früher zu leben angefangen, als es gemeiniglich

geschieht; aber er war doch noch lange nicht alt genug, um sich von der

Welt gänzlich zurückzuziehen. Indessen hielt er sich, nachdem er schon

zu zweien malen eine nicht unansehnliche Rolle auf dem Schauplatz des

öffentlichen Lebens gespielt, und sie für einen jungen Mann gut genug

gespielt hatte, berechtiget, so lange er keinen besondern Beruf erhalten

würde, seiner Nation zu dienen, oder so lange sie seiner Dienste nicht

schlechterdings vonnöten hätte, sich in den Zirkel des Privat-Lebens

zurückzuziehen; und hierin stimmten die Grundsätze des weisen Archytas

völlig mit seiner Art zu denken überein. "Ein Mann von mehr als

gewöhnlicher Fähigkeit", sagte Archytas, "hat zu tun genug, an seiner

eigenen Besserung und Vervollkommnung zu arbeiten; er ist am

geschicktesten zu dieser Beschäftigung, nachdem er durch eine Reihe

beträchtlicher Erfahrungen sich selbst und die Welt kennen zu lernen

angefangen hat; und indem er solchergestalt an sich selbst arbeitet,

arbeitet er würklich für die Welt, indem er dadurch um soviel geschickter

wird, seinen Freunden, seinem Vaterland, und den Menschen überhaupt,

nützlich zu sein, und es sei nun mit vielem oder wenigem Gepränge, in

einem größern oder kleinern Zirkel, auf eine öffentliche oder nicht so

merkliche Art, zum allgemeinen Besten des Systems mitzuwürken."

Dieser Maxime zufolge beschäftigte sich Agathon, nachdem er zu Tarent

einheimisch zu sein angefangen hatte, hauptsächlich mit den mathematischen

Wissenschaften, mit Erforschung der Kräfte und Eigenschaften der

natürlichen Dinge, mit der Astronomie, kurz mit demjenigen Teil der

spekulativen Philosophie, welche uns, mit Hülfe unsrer Sinnen und

behutsamer Vernunft-Schlüsse zu einer zwar mangelhaften, aber doch

zuverlässigen Erkenntnis der Natur und ihrer majestätisch-einfältigen,

weisen und wohltätigen Gesetze führt. Er verband mit diesen erhabenen

Studien, worin ihm die Anleitung des Archytas vorzüglich zu statten kam,

das Lesen der besten Schriftsteller von allen Klassen, insonderheit der

Geschichtschreiber, und das Studium des Altertums, welches er, so wie die

Verbal-Kritik, für eine der edelsten und nützlichsten, oder für eine der

nichtswürdigsten Spekulationen hielt, je nachdem es auf eine

philosophische oder bloß mechanische Art getrieben werde. Nicht selten

setzte er diese anstrengenden Beschäftigungen bei Seite, um, wie er sagte,

mit den Musen zu scherzen; und der natürliche Schwung seines Genie machte

ihm diese Art von Gemüts-Ergötzung so angenehm, daß er Mühe hatte sich

wieder von ihr loszureißen. Auch die Malerei und die Musik, die

Schwestern der Dichtkunst, deren höhere Theorie sich in den

geheimnisvollesten Tiefen der Philosophie verliert, hatten einen Anteil an

seinen Stunden, und halfen ihm, das allzueinförmige in den Beschäftigungen

seines Geistes, und die schädlichen Folgen, die aus der Einschränkung

desselben auf eine einzige Art von Gegenständen entspringen, zu vermeiden.

Die häufigen Unterredungen, welche er mit dem weisen Archytas hatte,

trugen viel und vielleicht das Meiste bei, seinen Geist in den

tiefsinnigern Spekulationen über die metaphysischen Gegenstände, von

Abwegen zurückzuhalten. Agathon, welcher ehmals, da alles in seiner Seele

zur Empfindung wurde, seinen Beifall zu leicht überraschen ließ; fand itzt,

seitdem er mit kälterm Blute philosophierte, beinahe alles zweifelhaft;

die Zahl der menschlichen Begriffe und Meinungen, welche die Probe einer

ruhigen, gleichgültigen und genauen Prüfung aushielten, wurde alle Tage

kleiner für ihn; die Systeme der dogmatischen Weisen verschwanden nach und

nach, und zerflossen vor den Strahlen der prüfenden Vernunft, wie die

Luft-Schlösser und Zauber-Gärten, welche wir zuweilen an Sommer-Morgen im

düftigen Gewölke zu sehen glauben, vor der aufgehenden Sonne. Der weise

Archytas billigte den bescheidnen Skeptizismus seines Freundes; aber indem

er ihn von allzukühnen Reisen im Lande der Ideen zu den wenigen

einfältigen, aber desto schätzbarern Wahrheiten zurückführte, welche der

Leitfaden zu sein scheinen, an welchem uns der allgemeine Vater der Wesen

durch diesen Labyrinth des Lebens sicher hindurchführen will--verwahrte er

ihn vor dieser gänzlichen Ungewißheit des Geistes, welche eine eben so

große Unentschlossenheit und Mutlosigkeit des Willens nach sich zieht, und

dadurch eine Quelle so vieler schädlicher Folgen für die Tugend und

Religion, und also für die Ruhe und Glückseligkeit unsers Lebens wird, daß

der Zustand des bezaubertesten Enthusiasten dem Zustand eines solchen

Weisen vorzuziehen ist, der aus immerwährender Furcht zu irren, sich

endlich gar nichts mehr zu bejahen oder zu verneinen getraut. In der Tat

gleicht die Vernunft in diesem Stück ein wenig dem Doktor Peter Rezio von

Aguero; sie hat gegen alles, womit unsre Seele genährt werden soll, soviel

einzuwenden, daß diese endlich eben sowohl aus Inanition verschmachten

müßte, wie die unglücklichen Statthalter der Insel Barataria bei der Diät,

wozu sie das verwünschte Stäbchen ihres allzuskrupulosen Leibarztes

verurteilte. Das beste ist in diesem Falle, sich wie Sancho zu helfen.

Der Instinkt und dieses am wenigsten betrügliche Gefühl des Wahren und

Guten, welches die Natur allen Menschen zugeteilt hat, können uns am

besten sagen, woran wir uns halten sollen; und dahin müssen, früher oder

später, die größesten Geister zurückkommen, wenn sie nicht das Schicksal

haben wollen, wie die Taube des Altvaters Noah allenthalben

herumzuflattern und nirgends Ruhe zu finden.

Bei allen diesen manchfaltigen Beschäftigungen, womit unser ehmaliger Held

seine Muße zu seinem eigenen Vorteil erfüllte, blieben ihm doch viele

Stunden übrig, welche der Freundschaft und dem geselligen Vergnügen

gewidmet waren--und für seine Ruhe nur allzuviele, in denen eine Art von

zärtlicher Schwermut, deren er sich nicht erwehren konnte, seine Seele in

die bezauberten Gegenden zurückführte, deren wir im vorigen Kapitel schon

Erwähnung getan haben. In einer solchen Gemüts-Disposition liebt man

vorzüglich den Aufenthalt auf dem Lande, wo man Gelegenheit hat, seinen

Gedanken ungestörter nachzuhängen, als unter den Pflichten und

Zerstreuungen des geselligern Stadt-Lebens. Agathon zog sich also öfters

in ein Landgut zurück, welches sein Bruder Critolaus, ungefähr zwo Stunden

von Tarent besaß, und wo er sich in seiner Gesellschaft zuweilen mit der

Jagd belustigte. Hier geschah es einsmals, daß sie von einem Ungewitter

überrascht wurden, welches wenigstens so heftig war, als dasjenige,

wodurch, auf Veranstaltung zwoer Göttinnen, Aeneas und Dido in die

nämliche Höhle zusammengescheucht wurden-Aber da zeigte sich nirgends

keine wirtschaftliche Höhle, welche ihnen einigen Schirm angeboten hätte;

und das schlimmste war, daß sie sich von ihren Leuten verloren hatten, und

eine geraume Zeit nicht wußten, wo sie waren; ein Zufall, der an sich

selbst wenig außerordentliches hat, aber wie man sehen wird, eines der

glücklichsten Abenteuer veranlassete, das unserm Helden jemals zugestoßen

ist. Nachdem sie sich endlich aus dem Walde herausgefunden hatten,

erkannte Critolaus die Gegend wieder; aber er sah zugleich, daß sie

etliche Stunden weit von Haus entfernt waren. Das Ungewitter wütete noch

immer fort, und es fand sich kein näherer Ort, wohin sie ihre Zuflucht

nehmen konnten, als ein einsames Landhaus, welches seit mehr als einem

Jahr von einer fremden Dame von sehr sonderbarem Charakter bewohnt wurde.

Man vermutete aus einigen Umständen, daß sie die Witwe eines Mannes von

Ansehen und Vermögen sein müsse; aber es war bisher unmöglich gewesen,

ihren Namen und vorigen Aufenthalt, oder was sie bewogen haben könnte, ihn

zu verändern, und in einer gänzlichen Abgeschiedenheit von der Welt zu

leben, auszuforschen. Das Gerüchte sagte Wunder von ihrer Schönheit;

indessen war doch niemand der sich rühmen konnte, sie gesehen zu haben.

überhaupt hatte man eine Zeit lang vieles und desto mehr von ihr

gesprochen, je weniger man wußte; allein da sie fest entschlossen schien,

sich nichts darum zu bekümmern; so hatte man endlich auf einmal aufgehört

von ihr zu reden, und es der Zeit überlassen, das Geheimnis, das unter

dieser Person und ihrer sonderbaren Lebens-Art verborgen sein möchte, zu

entdecken. "Vielleicht", sagte Critolaus, "ist es eine zweite Artemisia,

die sich, ihrem Schmerz ungestört nachzuhängen, in dieser Einöde lebendig

begraben will. Ich bin schon lange begierig gewesen sie zu sehen; dieser

Sturm hoff' ich, soll uns Gelegenheit dazu geben. Sie kann uns eine

Zuflucht in ihrem Hause nicht versagen; und wenn wir nur einmal drinnen

sind, so wollen wir wohl Mittel finden, vor sie zu kommen, ob wir gleich

die ersten in dieser Gegend wären, denen dieses Glück zu Teil würde." Man

kann sich leicht vorstellen, daß Agathon, so gleichgültig er auch seit

seiner Entfernung von der schönen Danae gegen die Damen war, dennoch

begierig werden mußte, eine so außerordentliche Person kennen zu lernen.

Sie kamen vor dem äußersten Tor eines Hauses an, welches einem

verwünschten Schlosse ähnlicher sah, als einem Landhause in Jonischem oder

Corinthischem Geschmacke. Das schlimme Wetter, ihr anhaltendes Bitten,

und vielleicht auch ihre gute Miene brachte zuwegen, daß sie eingelassen

wurden. Einige alte Sklaven führten sie in einen Saal, wo man sie mit

vieler Freundlichkeit nötigte, alle die kleinen Dienste anzunehmen, welche

sie in dem Zustande, worin sie waren, nötig hatten. Die Figur dieser

Fremden schien die Leute des Hauses in Verwundrung zu setzen, und die

Meinung von ihnen zu erwecken, daß es Personen von Bedeutung sein müßten;

aber Agathon, dessen Aufmerksamkeit bald durch einige Gemälde angezogen

wurde, womit der Saal ausgeziert war, wurde nicht gewahr, daß er von einer

Sklavin mit noch weit größerer Aufmerksamkeit betrachtet wurde. Diese

Sklavin, (wie Critolaus in der Folge erzählte, denn anfangs hielt er's

bloß für eine Würkung der Schönheit unsers Helden) schien einer Person

gleich zu sehen, welche nicht weiß, ob sie ihren Augen trauen soll; und

nachdem sie ihn einige Minuten mit verschlingenden Blicken angestarrt

hatte, verlor sie sich auf einmal aus dem Saal. Sie lief so hastig dem

Zimmer ihrer Gebieterin zu, daß sie ganz außer Atem kam. "Und wer meinen

sie wohl, gnädige Frau", keuchte sie, "daß unten im Saal ist? Hat es

ihnen ihr Herz nicht schon gesagt?--Diana sei mir gnädig! Was für ein

Zufall das ist! Wer hätte sich das nur im Traum einbilden können? Ich

weiß vor Erstaunen nicht wo ich bin -" "In der Tat deucht mich, du bist

nicht recht bei Sinnen", sagte die Dame ein wenig betroffen; "und wer ist

denn unten im Saal?"--"O! bei den Göttinnen! ich hätte es bei nahe

meinen eignen Augen nicht geglaubt--aber ich erkannte ihn auf den ersten

Blick, ob er gleich ein wenig stärker worden ist; es ist nichts

gewisser--er ist es, er ist es!"--"Plage mich nicht länger mit deinem

geheimnisvollen Galimathias", rief die Dame, immer mehr bestürzt; "rede

Närrin, wer ist es?"--"Aber sie erraten doch auch gar nichts, gnädige

Frau--wer ist es?--Ich sage ihnen, daß Agathon unten im Saal ist, ja

Agathon, es kann nichts gewisser sein--er selbst, oder sein Geist, eines

von beiden unfehlbar, denn die Mutter die ihn geboren hat, kann ihn nicht

besser kennen, als ich ihn erkannt habe, sobald er den Mantel von sich

warf, worin er anfangs eingewickelt war"--Das gute Mädchen würde noch

länger in diesem Ton fortgeplaudert haben, denn ihr Herz überfloß von

Freude--wenn sie nicht auf einmal wahrgenommen hätte, daß ihre Gebieterin

ohnmächtig auf ihren Sopha zurückgesunken war. Sie hatte einige Mühe sie

wieder zu sich selbst zu bringen; endlich erholte sich die schöne Dame

wieder, aber nur, um über sich selbst zu zörnen, daß sie sich so

empfindlich fand. "Sie machen einem ja ganz bange, Madam", rief die

Sklavin--"wenn sie schon bei seinem bloßen Namen in Ohnmacht fallen, wie

wird es ihnen erst werden, wenn sie ihn selbst sehen?--Soll ich gehen, und

ihn geschwinde heraufholen?"--"Ihn heraufholen?" versetzte die Dame; "nein

wahrhaftig; ich will ihn nicht sehen!"--"Sie wollen ihn nicht sehen,

Madam? Was für ein Einfall! Aber es kann nicht ihr Ernst sein! O! wenn

sie ihn nur sehen sollten--er ist so schön--so schön als er noch nie

gewesen ist, deucht mich; ich hätte ihn mit den Augen aufessen mögen; sie

müssen ihn sehen, Madam--das wäre ja unverantwortlich, wenn sie ihn wieder

fortgehen lassen wollten, ohne daß er sie gesehen hätte--wofür hätten sie

sich dann -" "Schweige, nichts weiter", rief die Dame; "verlaß mich--aber

untersteh dich nicht wieder in den Saal hinunter zu gehen; wenn er es ist,

so will ich nicht, daß er dich erkennen soll; ich hoffe doch nicht, daß du

mich schon verraten haben solltest?"--"Nein, Madam", erwiderte die

Vertraute; "er hat mich noch nicht wahrgenommen, denn er schien ganz in

die Betrachtung der Gemälde vertieft, und mich deuchte, ich hörte ihn ein

oder zweimal seufzen; vermutlich -" "Du bist nicht klug", fiel ihr die

Dame ins Wort; "verlaß mich--ich will ihn nicht sehen, und er soll nicht

wissen, in wessen Hause er ist; wenn er's erfährt, so hast du eine

Freundin verloren"--die Sklavin entfernte sich also, in Hoffnung, daß ihre

Gebieterin sich wohl eines bessern besinnen würde, und--die schöne Danae

blieb allein.

Eine Erzählung alles dessen, was in ihrem Gemüte vorging, würde etliche

Bogen ausfüllen, ob es gleich weniger Zeit als sechs Minuten einnahm.--Was

für ein Streit! Was für ein Getümmel von widerwärtigen Bewegungen! Sie

hatte ihn bis auf diesen Augenblick so zärtlich geliebt--und glaubte itzt

zu fühlen, daß sie ihn hasse--Sie fürchtete sich vor seinem Anblick--und

konnte ihn kaum erwarten. Was hätte sie vor einer Stunde gegeben, diesen

Agathon zu sehen, der, auch undankbar, auch ungetreu, über ihre ganze

Seele herrschte; dessen Verlust ihr alle Vorzüge ihres ehmaligen Zustandes,

den Aufenthalt zu Smyrna, ihre Freunde, ihre Reichtümer, unerträglich

gemacht hatte--dessen Bild, mit allen den zauberischen Erinnerungen ihrer

ehmaligen Glückseligkeit, das einzige Gut, das einzige Vergnügen war,

welches sie noch zu empfinden fähig war. Aber nun da sie wußte, daß es in

ihrer Gewalt war, ihn wieder zu sehen, wachte auf einmal ihr ganzer Stolz

auf, und schien etliche Augenblicke sich nicht entschließen zu können ihm

zu vergeben. Und wenn auch einen Augenblick darauf die Liebe wieder die

Oberhand erhielt; so stürzte sie die Furcht, ihn unempfindlich zu finden,

sogleich wieder in die vorige Verlegenheit. Zu allem diesem kam noch eine

andre Betrachtung, welche vielleicht bei der schönen Danae

allzuspitzfündig scheinen könnte, wenn wir nicht zu ihrer Rechtfertigung

sagen müßten, daß die Flucht unsers Helden, die Entdeckung der Ursachen,

welche ihn zu einem so gewaltsamen Entschluß getrieben, der Gedanke daß

ihre eigene Fehltritte sie in den Augen des einzigen Mannes, den sie

jemals geliebt hatte, verächtlich gemacht--eine Veränderung in ihrer

ganzen Denkens-Art hervorgebracht hatte, wozu sie durch den Umgang mit

Agathon und jene Seelen-Mischung, wovon wir bereits im fünften Buche

gesprochen haben, vorbereitet worden war. Danae ließ sich durch die

Vorwürfe, welche sie sich selbst zu machen hatte, und von denen vielleicht

ein guter Teil auf ihre Umstände fiel, nicht von dem edeln Vorsatz

abschrecken, sich in einem Alter, wo dieser Vorsatz noch ein Verdienst in

sich schloß, der Tugend zu widmen. In der Tat hatte eine Art von

verliebter Verzweiflung den größesten Anteil an dem außerordentlichen

Schritt, sich aus einer Welt, worin sie angebetet wurde, freiwillig in

eine Einöde zu verbannen, wo die Freiheit, sich mit ihren Empfindungen zu

unterhalten, das einzige Vergnügen war, welches sie für den Verlust alles

dessen, was sie aufopferte, entschädigen mußte. Aber es gehörte doch eine

große, und zur Tugend gebildete Seele dazu, um in den glänzenden Umständen,

worin sie lebte, einer solchen Verzweiflung fähig zu sein, und in einem

Vorsatz auszuhalten, unter welchem eine jede schwächere Seele gar bald

hätte erliegen müssen. Wäre Danae nur wollüstig gewesen, so würde sie zu

Smyrna, und allenthalben Gelegenheit genug gefunden haben, sich wegen des

Verlusts ihres Liebhabers zu trösten. Aber ihre Liebe war, wie man sich

vielleicht noch erinnern wird, von einer edlern Art, und so nahe mit der

Liebe der Tugend selbst verwandt, daß wir Ursache haben, zu vermuten, daß

in der gänzlichen Abgeschiedenheit, worin unsre Heldin lebte, jene sich

endlich gänzlich in dieser verloren haben würde. Allein eben darum, weil

ihre Liebe zur Tugend aufrichtig war, machte sie sich ein gerechtes

Bedenken, bei dem Bewußtsein der unfreiwilligen Schwachheit ihres Herzens

für den allzuliebenswürdigen Agathon, sich der Gefahr auszusetzen, durch

eine nur allzumögliche Wiederkehr seiner ehmaligen Empfindungen mit dahin

gerissen zu werden; ein Gedanke, der ohne eine übertriebne Meinung von

ihren Reizungen zu haben, in ihr entstehen konnte, und durch das Mißtrauen

in sich selbst, womit die wahre Tugend allezeit begleitet ist, kein

geringes Gewicht erhalten mußte. Solchergestalt kämpften Liebe, Stolz und

Tugend für und wider das Verlangen, den Agathon zu sehen, in ihrem

unschlüssigen Herzen--mit welchem Erfolg läßt sich leicht erraten. Die

Liebe müßte nicht Liebe sein, wenn sie nicht Mittel fände, den Stolz und

die Tugend selbst endlich auf ihre Seite zu bringen. Sie flößte jenem die

Begierde ein, zu sehen wie sich Agathon halten würde, wenn er so plötzlich

und unerwartet der einst so sehr geliebten, und so grausam beleidigten

Danae unter die Augen käme; und munterte diese auf, sich selbst Stärke

genug zu zutrauen, von den Entzückungen, in welche er vielleicht bei

diesem Anblick geraten möchte, nicht zu sehr gerührt zu werden. Kurz;

der Erfolg dieses innerlichen Streites war, daß sie eben im Begriff war,

ihre Vertraute (die einzige Person, welche sie bei ihrer Entfernung von

Smyrna mit sich genommen hatte) hereinzurufen, um ihr die nötige

Verhaltungs-Befehle zu geben; als diese Sklavin selbst hereintrat, und

ihrer Dame sagte, daß die beiden Fremden durch einen von den Sklaven, von

denen sie bedient worden waren, auf eine sehr dringende Art um die

Erlaubnis anhalten ließen, vor die Frau des Hauses gelassen zu

werden--Neue Unentschlossenheit, über welche sich niemand wundern wird,

der das weibliche Herz kennt. In der Tat klopfte der guten Danae das

ihrige in diesem Augenblick so stark, daß sie nötig hatte, sich vorher in

eine ruhigere Verfassung zu setzen, ehe sie es einer so schweren Probe

auszustellen sich getrauen durfte.

Unterdessen, bis diese schöne Dame mit sich selbst einig wird, wozu sie

sich entschließen, und wie sie sich bei einer so erwünschten, und so

gefürchteten Zusammenkunft verhalten wolle, kehren wir einen Augenblick zu

unserm Helden in den Saal zurück. Je mehr Agathon die Gemälde betrachtete,

womit die Wände desselben behänget waren, je lebhafter wurde die

Einbildung, daß er sie in dem Landhause der Danae zu Smyrna gesehen habe.

Allein er konnte sich so wenig vorstellen, wie sie von dem Orte, wo er sie

vor zweien Jahren gesehen hätte, hieher gekommen sein sollten, daß er für

weniger unmöglich hielt, von seiner Einbildung betrogen zu werden. Zudem

konnte ja der nämliche Meister unterschiedliche Kopien von seinen Stücken

gemacht haben. Aber wenn er wieder die Augen auf ein Stück heftete,

welches die Göttin Luna vorstellte, wie sie mit Augen der Liebe den

schlafenden Endymion betrachtet--so glaubte er es so gewiß für das

nämliche zu erkennen, vor welchem er in einem Garten-Saal der Danae zu

Smyrna oft Viertelstunden lang in bewundernder Entzückung gestanden, daß

es ihm unmöglich war, seiner überzeugung zu widerstehen. Die Verwirrung,

in die er dadurch gesetzt wurde, ist unbeschreiblich--Sollte Danae--aber

wie könnte das möglich sein?--Und doch schien alles das Sonderbare, was

ihm Critolaus von der Dame dieses Hauses gesagt hatte, den Gedanken zu

bekräftigen, der in ihm aufstieg, und den er sich kaum auszudenken

getrauete. Die schöne Danae hätte zufrieden sein können, wenn sie gesehen

hätte, was in seinem Herzen vorging. Er hätte nicht erschrockner sein

können, vor das Antlitz einer beleidigten Gottheit zu treten, als er es

vor dem Gedanken war, sich dieser Danae darzustellen, welche er seit

geraumer Zeit gewohnt war, sich wieder so unschuldig vorzustellen, als sie

ihm damals, da er sie verließ, verächtlich und hassenswürdig schien.

Allein das Verlangen sie zu sehen, verschlang endlich alle andre

Empfindungen, von denen sein Herz erschüttert wurde. Seine Unruhe war so

sichtbar, daß Critolaus sie bemerken mußte. Agathon würde besser getan

haben, ihm die Ursache davon zu entdecken; aber er tat es nicht, und

behalf sich mit der allgemeinen Ausflucht, daß ihm nicht wohl sei. Dem

ungeachtet bezeugte er ein so ungeduldiges Verlangen, die Dame des Hauses

zu sehen, daß Critolaus aus allem was er an ihm wahrnahm, zu mutmaßen

anfing, daß irgend ein Geheimnis darunter verborgen sein müsse, dessen

Entwicklung er begierig erwartete. Inzwischen kam der Sklave, den sie

abgeschickt hatten, sie bei seiner Gebieterin zu melden, mit der Antwort

zurück, daß er Befehl habe sie in ihr Zimmer zuführen. Und hier ist es,

wo wir mehr als jemals zu wünschen versucht sind, daß dieses Buch von

niemand gelesen werden möchte, der keine schönen Seelen glaubt. Die

Situation, worin man unsern Helden in wenigen Augenblicken sehen wird, ist

vielleicht eine von den delikatesten, in welche man in seinem Leben kommen

kann. Wäre hier die Rede von solchen phantasierten Charaktern, wie

diejenige, welche aus dem Gehirn der Verfasserin der 'geheimen Geschichte

von Burgund', und der 'Königin von Navarra' hervorgegangen sind, so würden

wir uns kaum in einer kleinern Verlegenheit befinden, als Agathon selbst,

da er mit pochendem Herzen und schweratmender Brust dem Sklaven folgte,

der ihn ins Vorgemach einer Unbekannten führte, von der er fast mit

gleicher Heftigkeit wünschte und fürchtete, daß es Danae sein möchte.

Allein da Agathon und Danae so gut historische Personen sind als Brutus,

Portia, und hundert andre, welche darum nicht weniger existiert haben,

weil sie nicht gerade so dachten, und handelten wie gewöhnliche Leute: So

bekümmern wir uns wenig, wie dieser Agathon und diese Danae, vermöge der

moralischen Begriffe des einen oder andern, der über dieses Buch gut oder

übel urteilen wird, hätten handeln sollen, oder gehandelt haben würden,

wenn sie nicht gewesen wären, was sie waren. Das Recht zu urteilen kann

und soll niemandem streitig gemacht werden; unsre Pflicht ist zu erzählen,

nicht zu dichten; und wir können nichts dafür, wenn Agathon bei dieser

Gelegenheit sich nicht weise und heldenmäßig genug, um die Hochachtung

strenger Sittenrichter zu verdienen, verhalten; oder wenn Danae die Rechte

des weiblichen Stolzes nicht so gut behaupten sollte, als viele andre,

welche dem Himmel danken, daß sie keine Danaen sind, an ihrem Platze getan

haben würden.

Die schöne Danae erwartete, auf ihrem Sopha sitzend, den Besuch, den sie

bekommen sollte, mit so vieler Stärke als eine weibliche Seele nur immer

zu haben fähig sein mag, welche zugleich so zärtlich und lebhaft ist, als

eine solche Seele sein kann -. "Ob es wohl weibliche Seelen gibt?"--"O

mein Herr, ich sagte ihnen ja, daß der letzte Teil dieses Kapitels nicht

für sie geschrieben sei--Sie mögen vielleicht überall in Zweifel ziehen,

ob die Weiber Seelen haben; denn wenn sie Seelen haben, so sind es

weibliche Seelen, der Himmel bewahre uns vor den Penthesileen und

Männinnen, an denen nichts als die Figur weiblich ist!"--Doch darüber

wollen wir itzt nicht streiten. Danae erwartete also den Anblick ihres

Flüchtlings mit ziemlicher Standhaftigkeit; aber was in ihrem Herzen

vorging, mögen unsre zärtlichen Leserinnen, welche fähig sind, sich an

ihre Stelle zu setzen, in ihrem eigenen Herzen lesen. Sie wußte, daß

Agathon einen Gefährten hatte, und dieser Umstand kam ihr zu statten; aber

Agathon befand sich wenig dadurch erleichtert. Die Türe des Vorzimmers

wurde ihnen von der Sklavin eröffnet--er erkannte beim ersten Anblick die

Vertraute seiner Geliebten, und nun konnte er nicht mehr zweifeln, daß die

Dame, die er in einigen Augenblicken sehen würde, Danae sei. Er raffte

seinen ganzen Mut zusammen, indem er zitternd hinter seinem Freunde

Critolaus fortwankte--Er sah sie, wollte auf sie zugehen, konnte nicht,

heftete seine Augen auf sie, und sank, vom übermaß seiner Empfindlichkeit

überwältiget, in die Arme seines Freundes zurück. Auf einmal vergaß die

schöne Danae alle die großen Entschließungen von Gelassenheit und

Zurückhaltung, welche sie mit so vieler Mühe gefaßt hatte. Sie lief in

zärtlicher Bestürzung auf ihn zu, nahm ihn in ihre Arme, ließ dem ganzen

Strom ihrer Empfindung den Lauf, und dachte nicht daran, daß sie einen

Zeugen davon hatte, der über alles was er sah und hörte, erstaunt sein

mußte. Allein die Güte seines Herzens, und diese Sympathie, welche

schöne Seelen in wenigen Augenblicken vertraut mit einander macht, gab ihm

in einer Situation, auf die er sich so wenig hatte gefaßt machen können,

gerade die nämliche Art des Betragens ein, die er hätte haben können, wenn

er schon von Jahren her ihr Vertrauter gewesen wäre. Er trug seinen

Freund auf den Sopha, auf welchen sich Danae neben ihn hinwarf, und da er

nun schon genug wußte, um zu sehen, daß er hier weiter nichts helfen

konnte, so entfernte er sich unvermerkt weit genug, um unsre Liebenden von

dem Zwang einer Zurückhaltung zu entledigen, welche in so sonderbaren

Augenblicken ein größeres übel ist, als die unempfindlichen Leute sich

vorstellen können. Allmählich bekam Agathon, an der Seite der

gefühlvollen Danae, und von einem ihrer schönen Arme umschlungen, das

Vermögen zu atmen wieder; sein Gesicht ruhte an ihrem Busen, und die

Tränen, welche ihn zu benetzen anfingen, waren das erste, was ihr seine

wiederkehrende Empfindung anzeigte. Ihre erste Bewegung war, sich von ihm

zurückzuziehen; aber ihr Herz versagte ihr die Kraft dazu; es sagte ihr,

was in dem seinigen vorging, und sie hatte den Mut nicht, ihm eine

Lindrung zu entziehen, welche er so nötig zu haben schien, und in der Tat

nötig hatte. Allein in wenigen Augenblicken machte er sich selbst den

Vorwurf, daß er einer so großen Gütigkeit unwürdig sei--er raffte sich auf,

warf sich zu ihren Füßen, umfaßte ihre Knie mit einer Empfindung, welche

mit Worten nicht ausgedrückt werden kann, versuchte es sie anzusehen, und

sank, weil er ihren Anblick nicht auszuhalten vermochte, mit Tränen

beschwemmtem Gesicht, auf ihren Schoß nieder. Danae konnte nun nicht

zweifeln, daß sie geliebt werde, und es kostete sie, die Entzückung

zurückzuhalten, worin sie durch diese Gewißheit gesetzt wurde; aber es war

notwendig, dieser allzuzärtlichen Szene ein Ende zu machen. Agathon

konnte noch nicht reden--und was hätte er reden sollen?--"Ich bin

zufrieden, Agathon", sagte sie mit einer Stimme, welche wider ihren Willen

verriet, wie schwer es ihr wurde, ihre Tränen zurückzuhalten--"Ich bin

zufrieden--du findest eine Freundin wieder--und ich hoffe du werdest sie

künftig deiner Hochachtung weniger unwürdig finden, als jemals--Keine

Entschuldigungen mein Freund", (denn Agathon wollte etwas sagen, das einer

Entschuldigung gleich sah, und woraus er sich in der heftigen Bewegung,

worin er war, schwerlich zu seinem Vorteil gezogen hätte) "du wirst keine

Vorwürfe von mir hören--wir wollen uns des Vergangenen nur erinnern, um

das Vergnügen eines so unverhofften Wiedersehens desto vollkommner zu

genießen -" "Großmütige, göttliche Danae!" rief Agathon in einer

Entzückung von Dankbarkeit und Liebe--"Keine Beiwörter, Agathon",

unterbrach ihn Danae, "keine Schwärmerei! Du bist zu sehr gerührt;

beruhige dich--wir werden Zeit genug haben, uns von allem, was seitdem wir

uns zum letzten mal gesehen haben, vorgegangen ist, Rechenschaft zu

geben--Laß mich das Vergnügen dich wieder gefunden zu haben unvermischt

genießen; es ist das erste, das mir seit zweien Jahren zu Teil wird."

Mit diesen Worten (und in der Tat hätte sie die letztern für sich selbst

behalten können, wenn es möglich wäre, immer Meister von seinem Herzen zu

sein) stund sie auf, näherte sich dem Critolaus, und ließ dem mehr als

jemals bezauberten Agathon Zeit, sich in eine ruhigere Gemütsfassung zu

setzen.

Coetera intus agentur--Unsere schönen Leserinnen wissen nun schon genug,

um sich vorstellen zu können, was diese zärtliche Szene für Folgen haben

mußte. Danae und Critolaus wurden gar bald gute Freunde. Dieser junge

Mann gestund, seine Psyche ausgenommen, nichts vollkommners gesehen zu

haben, als Danae; und Danae erfuhr mit vielem Vergnügen, daß Critolaus der

Gemahl der schönen Psyche, und Psyche die wiedergefundene Schwester

Agathons sei. Sie hatte nicht viel Mühe ihre Gäste zu bereden, das

Nachtlager in ihrem Hause anzunehmen; unsre Liebenden hätten also die

Schuld sich selbst beimessen müssen, wenn sie keine Gelegenheit gefunden

hätten, sich umständlich zu besprechen, und gegen einander zu erklären.

Die schöne Danae meldete ihrem Freunde, daß sie die Verräterei des Hippias,

und die Ursache der heimlichen Entweichung Agathons, bei ihrer

Zurückkunft nach Smyrna bald entdeckt habe. Sie verbarg ihm nicht, daß

der Schmerz ihn verloren zu haben, sie zu dem seltsamen Entschluß gebracht,

der Welt zu entsagen, und in irgend einer entlegenen Einöde sich selbst

für die Schwachheiten und Fehltritte ihres vergangenen Lebens zu bestrafen;

jedoch setzte sie hinzu, hoffe sie, daß wenn sie einmal Gelegenheit haben

würde, ihm eine ganz aufrichtige und umständliche Erzählung der Geschichte

ihres Herzens bis auf die Zeit, da sein Umgang und die Begeistrung, worein

sie durch ihn allein zum ersten mal in ihrem Leben gesetzt worden, ihrer

Seele wie ein neues Wesen gegeben, zu machen--er Ursache finden würde sie,

wo nicht immer zu entschuldigen, doch mehr zu bedauren als zu verdammen.

Die Furcht, den Gedanken in ihr zu veranlassen, als ob sie durch das was

ehmals zwischen ihnen vorgegangen war, von seiner Hochachtung verloren

hätte, zwang unsern Helden eine geraume Zeit, die Lebhaftigkeit seiner

Empfindungen in seinem Herzen zu verschließen. Danae wurde indessen mit

der Familie des Archytas bekannt, man mußte sie lieben, sobald man sie sah;

und sie gewann desto mehr dabei, je besser man sie kennen lernte. Es war

überdies eine von ihren Gaben, daß sie sich sehr leicht und mit der besten

Art in alle Personen, Umstände und Lebens-Arten schicken konnte. Wie

konnte es also anders sein, als daß sie in kurzem durch die zärtlichste

Freundschaft mit dieser liebenswürdigen Familie verbunden werden mußte?

Selbst der weise Archytas liebte ihre Gesellschaft, und sie machte sich

ein Vergnügen daraus, einem alten Manne von so seltnen Verdiensten die

Beschwerden des hohen Alters durch die Annehmlichkeiten ihres Umgangs

erleichtern zu helfen. Aber nichts war der Liebe zu vergleichen, welche

Psyche und Danae einander einflößten. Niemalen hat vielleicht unter zwo

Frauenzimmern, welche so geschickt waren, Rivalinnen zu sein, eine so

zärtliche, und vollkommne Freundschaft geherrschet. Man kann sich

einbilden, ob Agathon dabei verlor. Er sah die schöne Danae alle Tage; er

hatte alle Vorrechte eines Bruders bei ihr--aber wie sollte es möglich

gewesen sein, daß er sich immer daran begnügt hätte?--Es gab Augenblicke,

wo er, von den Erinnerungen seiner ehmaligen Glückseligkeit berauscht,

sich die Rechte eines begünstigten Liebhabers herausnehmen wollte. Aber

Danae wurde durch den vertrauten Umgang mit so tugendhaften Personen, als

diejenigen waren, mit denen sie nunmehr lebte, in ihrer neuen Denkungs-Art

so sehr bestärkt, daß die zärtlichsten Verführungen der Liebe nichts über

sie erhielten. In diesem Stücke wollte sie nicht mehr Danae für ihn sein.

"Das ist unwahrscheinlich", werden die Kenner sagen; "unwahrscheinlich",

antworte ich, "aber möglich". Mit einem Worte, Danae bewies durch ihr

Exempel, daß es einer Danae möglich sei; und Agathon erfuhr es so sehr,

daß Psyche endlich selbst Mitleiden mit ihm zu haben anfing. Sie wußte

die geheime Geschichte ihrer Freundin; Danae hatte Tugend genug gehabt,

ihr eine aufrichtige Erzählung davon zu machen. Die Bedenklichkeiten sind

leicht zu erraten, welche der Glückseligkeit dieser Liebenden, welche so

ganz für einander geschaffen zu sein schienen, im Wege stund. Aber waren

sie wichtig genug, um ihrentwillen unglücklich zu sein?--Hatte er nicht

das Beispiel des großen Perikles vor sich? Verdiente Danae nicht in allen

Betrachtungen das Schicksal der Aspasia?--Es wäre uns leicht, unsern

Lesern hierüber aus dem Wunder zu helfen; aber wir überlassen es ihnen zu

erraten, was er tat--oder auszumachen, was er hätte tun sollen.

Geschichte des Agathon. Teil 2 · 第 62 / 64 题