Archytas, durch dessen nachdrückliche Verwendung Agathon der Hände seiner
Feinde zu Syracus entrissen worden, war ein vertrauter Freund seines
Vaters Stratonicus gewesen; ihre beiden Familien waren durch die Bande des
Gastrechts (welches bekannter maßen den Griechen sehr heilig war) von
uralten Zeiten her verbunden; der ausgebreitete Ruhm, welchen sich der
Philosoph von Tarent, als der Würdigste unter den Nachfolgern des
Pythagoras, als ein tiefer Kenner der Geheimnisse der Natur und der
mechanischen Künste, als ein weiser Staatsmann, als ein geschickter und
allezeit glücklicher Feldherr, und was allen diesen Vorzügen die Krone
aufsetzt, als ein rechtschaffener Mann, in der vollkommensten Bedeutung
dieses Worts erworben, hatte den Namen des Archytas unserm Helden schon
lange ehrwürdig gemacht; und hiezu kam noch, daß dessen jüngerer Sohn,
Critolaus, in den Zeiten des höchsten Wohlstandes Agathons zu Athen zwei
Jahre in seinem Hause zugebracht, und mit allen ersinnlichen
Freundschafts-Erweisungen überhäuft, eine Zuneigung von derjenigen Art für
ihn gefaßt hatte, welche in schönen Seelen (denn damals gab es noch schöne
Seelen) sich nur mit dem Leben endet. Diese Freundschaft war zwar durch
zufällige Ursachen, und den Aufenthalt Agathons zu Smyrna eine Zeitlang
unterbrochen, aber sogleich nach seinem Entschluß, bei dem Dionys zu leben,
wieder erneuert, und seither sorgfältig unterhalten worden. Agathon
hatte während seiner Staats-Verwaltung sich öfters bei der weisen
Erfahrenheit des Archytas Rats erholt; und die verschiedenen Verhältnisse,
worin die Tarentiner und Syracusaner, besonders in Absicht der
Handelschaft, mit einander stunden, hatten ihm öfters Gelegenheit gegeben,
sich um die ersten verdient zu machen. Bei allen diesen Umständen ist
leicht zu ermessen, daß er den zärtlichen und dringenden Einladungen
seines Freundes Critolaus um so weniger widerstehen konnte, als die
Pflichten der Erkenntlichkeit gegen seine Erretter ihm keine Freiheit zu
lassen schienen, andere Beweggründe bei der Wahl seines Aufenthalts in
Betrachtung zu ziehen.
In der Tat hätte er sich auch keinen zu seinen nunmehrigen Absichten
bequemern Ort erwählen können als Tarent. Diese Republik war damals
gerade in dem Zustande, worin ein jeder patriotischer Republikaner die
seinige zu sehen wünschen soll--zu klein, um ehrgeizige Projekte zu machen,
und zu groß, um den Ehrgeiz und die Vergrößrungs-Sucht ihrer Nachbarn
fürchten zu müssen; zu schwach, um in andern Unternehmungen, als in den
Künsten des Friedens, ihren Vorteil zu finden; stark genug, sich gegen
einen jeden nicht allzuübermächtigen Feind (und solche Feinde hat eine
kleine Republik selten) in ihrer Verfassung zu erhalten. Archytas hatte
sie, in einer Zeit von mehr als dreißig Jahren, in welcher er sieben mal
die Stelle des obersten Befehlhabers in der Republik bekleidete, an die
weisen Gesetze, die er ihnen gegeben hatte, so gut angewöhnt, daß sie mehr
durch die Macht der Sitten als durch das Ansehen der Gesetze regiert zu
werden schienen. Der größeste Teil der Tarentiner bestund aus Fabrikanten
und Handelsleuten. Die Wissenschaften und schönen Künste stunden in
keiner besondern Hochachtung bei ihnen; aber sie waren auch nicht
verachtet. Diese Gleichgültigkeit bewahrte die Tarentiner vor den
Fehlern und Ausschweifungen der Athenienser, bei denen jedermann, bis auf
die Gerber und Schuster, ein Philosoph und Redner, ein witziger Kopf und
ein Kenner sein wollte. Sie waren eine gute Art von Leuten, einfältig von
Sitten, emsig, arbeitsam, regelmäßig, Feinde der Pracht und Verschwendung,
* leutselig und gastfrei gegen die Fremden, Hässer des Gezwungnen,
Spitzfündigen und übertriebenen in allen Sachen, und aus eben diesem
Grunde, Liebhaber des Natürlichen und Gründlichen, welche bei allem mehr
auf die Materie als auf die Form sahen, und nicht begreifen konnten, daß
eine fein gearbeitete Schüssel aus corinthischem Erzt besser sein könne,
als eine schlechte aus Silber, oder daß ein Narr liebenswürdig sein könne,
weil er artig sei. Sie liebten ihre Freiheit, wie eine Gattin, nicht wie
eine Beischläferin, ohne Leidenschaft, und ohne Eifersucht; sie setzten
ein billiges Vertrauen in diejenige, denen sie die Vormundschaft über den
Staat anvertrauten; aber sie forderten auch, daß man dieses Vertrauen
verdiene. Der Geist der Emsigkeit, der dieses achtungswürdige und
glückliche Volk beseelte--der unschuldigste und wohltätigste unter allen
sublunarischen Geistern, die uns bekannt sind--machte, daß man sich zu
Tarent weniger, als in den meisten mittelmäßigen Städten zu geschehen
pflegt, um andre bekümmerte; in so fern man sie durch keine gesetzwidrige
Tat, oder durch einen beleidigenden Kontrast mit ihren Sitten ärgerte,
konnte jeder leben wie er wollte. Alles dieses zusammengenommen, machte,
wie uns deucht, eine sehr gute Art von republikanischem Charakter; und
Agathon hätte schwerlich einen Freistaat finden können, welcher
geschickter gewesen wäre, seinen gegen dieselbe gefaßten Widerwillen zu
besänftigen. Ohne Zweifel hatte dieses Volk auch seine Fehler, wie alle
andre; aber der weise Archytas, unter welchem der National-Charakter der
Tarentiner erst eine gesetzte und feste Gestalt gewonnen hatte, wußte
diejenige Art derselben, welche man die Temperaments-Fehler eines Volks
nennen kann, so klüglich zu behandeln, daß sie durch die Vermischung mit
ihren Tugenden, beinahe aufhörten, Fehler zu sein--eine notwendige und
vielleicht die größeste Kunst eines Gesetzgebers, deren genauere
Untersuchung und Analyse wir, beiläufig, denenjenigen empfohlen haben
wollen, welche zu der schweren, und vermutlich spätern Zeiten aufbehaltnen,
aber möglichen Auflösung eines Problems, welches nur von Lilliputtischen
Seelen für schimärisch gehalten wird, der Aufgabe, welche Gesetzgebung
unter gegebenen Bedingungen, die beste sei? etwas beizutragen sich
berufen fühlen.
Agathon entdeckte beim ersten Blick an die Italischen Ufer, seinen Freund
Critolaus, der mit einem Gefolge der edelsten Jünglinge von Tarent ihm
entgegengeflogen war, um ihn in einer Art von freundschaftlichem Triumph
in eine Stadt einzuführen, welche sich's zur Ehre rechnete, von einem
Manne wie Agathon, vor andern zu seinem Aufenthalt erwählt zu werden. Die
angenehme Luft dieser von einem günstigen Himmel umflossenen Ufer, der
Anblick eines der schönsten Länder unter der Sonne, und der noch süßere
Anblick eines Freundes, von dem er bis zur Schwärmerei geliebt wurde,
machten unsern Helden in einem einzigen Augenblick alles Ungemach
vergessen, das er in Sicilien und in seinem ganzen Leben ausgestanden
hatte. Ein frohes ahnendes Erwarten der Glückseligkeit, die in diesem zum
erstenmal betretenen Lande auf ihn wartete, verbreitete eine Art von
angenehmer Empfindung durch sein ganzes Wesen, welche sich nicht
beschreiben läßt. Die unbestimmte Wollust, welche alle seine Sinnen
zugleich einzunehmen schien, war nicht dieses seltsame zauberische Gefühl,
womit ihn die Schönheiten der Natur und die Empfindung ihrer reinsten
Triebe, in seiner Jugend durchdrungen hatte--dieses Gefühl, diese Blüte
der Empfindlichkeit, diese zärtliche Sympathie mit allem was lebt oder zu
leben scheint; dieser Geist der Freude, der uns aus allen Gegenständen
entgegenatmet; dieser magische Firnis der sie überzieht, und uns über
einem Anblick, von dem wir zehn Jahre später kaum noch flüchtig gerührt
werden, in stillem Entzücken zerfließen macht--dieses beneidenswürdige
Vorrecht der ersten Jugend verliert sich mit dem Anwachs unsrer Jahre
unvermerkt, und kann nicht wieder gefunden werden; aber es war etwas, das
ihm ähnlich war; seine Seele schien dadurch wie von allen verdüsternden
Flecken seines unmittelbar vorhergehenden Zustandes ausgewaschen, und zu
den zärtlichen Eindrücken vorbereitet zu werden, welche sie in dieser
neuen Periode seines Lebens bekommen sollte.
Eine seiner glückseligsten Stunden, (wie er in der Folge öfters zu
versichern pflegte) war diejenige, worin er die persönliche Bekanntschaft
des Archytas machte. Dieser ehrwürdige Greis hatte der Natur und der
Mäßigung, welche von seiner Jugend an ein unterscheidender Zug seines
Charakters gewesen war, den Vorteil einer Lebhaftigkeit aller Kräfte zu
danken, welche in seinem Alter etwas seltnes ist, aber bei den alten
Griechen lange nicht so selten war, als bei den meisten Europäischen
Völkern unsrer Zeit, bei denen es zur Gewohnheit zu werden angefangen hat,
die erste Hälfte des Lebens so unbesonnen zu verschwenden, daß man in der
andern die geheimsten Kräfte der Arznei-Kunst zu Hülfe rufen muß, um einen
schmachtenden Mittelstand von Sein und Nichtsein, von einem Tag zum andern
erbettelter Weise fortschleppen zu können. So erkaltet als die
Einbildungs-Kraft unsers Helden war, so konnte er doch nicht anders als
etwas idealisches in dem Gemische von Majestät und Anmut, welches über die
ganze Person dieses liebenswürdigen Alten ausgebreitet war, zu
empfinden--und es desto stärker zu empfinden, je stärker der Absatz war,
den dieser Anblick mit allem demjenigen machte, woran sich seine Augen
seit geraumer Zeit hatten gewöhnen müssen--Und warum konnte er nicht
anders? Die Ursache ist ganz simpel; weil dieses idealische nicht in
seinem Gehirne, sondern in dem Gegenstande selbst war. Stellet euch einen
großen stattlichen Mann vor, dessen Ansehen beim ersten Blick ankündiget,
daß er dazu gemacht ist, andre zu regieren, und dem ihr ungeachtet seiner
silbernen Haare noch ganz wohl ansehen könnet, daß er vor fünfzig Jahren
ein schöner Mann gewesen ist--Ihr erinnert euch ohne Zweifel dergleichen
gesehen zu haben; aber das ist es noch nicht--Stellet euch vor, daß dieser
Mann in dem ganzen Laufe seines Lebens ein tugendhafter Mann gewesen ist;
daß eine lange Reihe von Jahren seine Tugend zu Weisheit gereift hat; daß
die unbewölkte Heiterkeit seiner Seele, die Ruhe seines Herzens, die
allgemeine Güte wovon es beseelt ist, das stille Bewußtsein eines
unschuldigen und mit guten Taten erfüllten Lebens, sich in seinen Augen
und in seiner ganzen Gesichts-Bildung mit einer Wahrheit, mit einem
Ausdruck von stiller Größe und Würdigkeit abmalt, dessen Macht man fühlen
muß, man wolle oder nicht--das ist, was ihr vielleicht noch nicht gesehen
habt--das ist das idealische, das ich meinte; und das war es was Agathon
sah--Ihr erinnert euch doch der guten alten Frau Shirley?--welche ich, für
meinen Teil, so reizend und selbst idealisch auch immer die Henrietten
Byrons, und ihre Rivalinnen sind, dennoch in gewissen Stunden einem ganzen
Serail von Henrietten, Clementinen und Emilien, (die Charlotten, Olivien
und alle andern Göttinnen von dieser Art, zusamt der schönen Magellone,
mit eingerechnet,) vorziehen wollte--Gut; ein Gemälde von dieser nämlichen
alten Frau, von der Hand eines van Dyk, (wenn es noch einen van Dyk gäbe)
würde ein Cabinetstück machen, um welches ich alle Liebes-Göttinnen und
Grazien der Vanloos und Bouchers, so wenig ich sonst ein Feind von ihnen
wäre, mit Freuden geben würde. Archytas, von der Hand eines Apelles (wenn
zu seiner Zeit ein Apelles gewesen wäre) würde das Gegenbild davon sein.
Agathon hatte nichts nötig, als ihn anzusehen, um überzeugt zu sein, daß
er endlich gefunden habe, was er so oft gewünscht, aber noch nie gefunden
zu haben geglaubt hatte, ohne daß er in der Folge auf eine oder die andere
Art seines Irrtums überführt worden wäre--einen wahrhaftig weisen Mann,
einen Mann, der nichts zu sein scheinen wollte, als was er würklich war,
und an welchem das scharfsichtigste Auge nichts entdecken konnte, das man
anders hätte wünschen mögen. Die Natur schien sich vorgesetzt zu haben,
durch ihn zu beweisen, daß die Weisheit nicht weniger ein Geschenke von
ihr sei, als der Genie; und daß, wofern es gleich der Kunst nicht
unmöglich ist, ein schlimmes Naturell zu verbessern, und aus einem Silen,
so der Himmel will, einen Socrates zu machen, (ein Triumph, den die Kunst
gleichwohl sehr selten davon trägt,) es dennoch der Natur allein zukomme,
diese glückliche Temperatur der Elemente, woraus der Mensch
zusammengesetzt ist, hervorzubringen, welche, unter einem Zusammenfluß
eben so glücklicher Umstände, endlich zu dieser vollkommnen Harmonie aller
Kräfte und Bewegungen des Menschen, worin Weisheit und Tugend in Einem
Punkt zusammenfließen, erhöht werden kann. Archytas hatte niemalen weder
eine glühende Einbildungs-Kraft, noch heftige Leidenschaften gehabt; eine
gewisse Stärke, welche den Mechanismus seines Kopfs und seines Herzens
charakterisierte, hatte von seiner Jugend an die Würkung der Gegenstände
auf seine Seele gemäßiget; die Eindrücke, die er von ihnen bekam, waren
deutlich und nett genug, um seinen Verstand mit wahren Bildern zu erfüllen,
und die Verwirrung zu verhindern, welche in dem Gehirne derjenigen zu
herrschen pflegt, deren allzuschlaffe Fibern nur schwache und matte
Eindrücke von den Gegenständen empfangen; aber sie waren nicht so lebhaft
und von keiner so starken Erschütterung begleitet, wie bei denjenigen,
welche, durch zärtlichere Werkzeuge und reizbarere Sinnen zu den
enthusiastischen Künsten der Musen bestimmt, den zweideutigen Vorzug einer
zauberischen Einbildungs-Kraft und eines unendlich empfindlichen Herzens
durch die Tyrannie der Leidenschaften, der sie, mehr oder weniger,
unterworfen sind, teuer genug bezahlen müssen. Archytas hatte es dem
Mangel dieses eben so schimmernden, als wenig beneidenswerten Vorzugs zu
danken, daß er wenig Mühe hatte, Ruhe und Ordnung in seiner innerlichen
Verfassung zu erhalten; daß er anstatt von seinen Ideen und Empfindungen
beherrscht zu werden, allezeit Meister von ihnen blieb, und die
Verirrungen des Geistes und des Herzens nur aus der Erfahrung andrer
kannte, von denen das schwärmerische Volk der Helden, Dichter und
Virtuosen aller Arten aus seiner eigenen sprechen kann. Und daher kam es
auch, daß die Pythagoräische Philosophie, in deren Grundsätzen er erzogen
worden war--eben diese Philosophie, welche in dem Gehirne so vieler andrer
zu einem seltsamen Gemische von Wahrheit und Träumerei wurde,--sich durch
Nachdenken und Erfahrung in dem seinigen zu einem System von eben so
simpeln, als fruchtbaren und praktischen Begriffen ausbildete; zu einem
System, welches der Wahrheit näher zu kommen scheint, als irgend ein
anders; welches die menschliche Natur veredelt, ohne sie aufzublähen, und
ihr Aussichten in bessere Welten eröffnet, ohne sie fremd und unbrauchbar
in der gegenwärtigen zu machen; welches durch das Erhabenste und Beste,
was unsre Seele von Gott, von dem Welt-System, und von ihrer eigenen Natur
und Bestimmung zu denken fähig ist, ihre Leidenschaften reiniget und
mäßiget, ihre Gesinnungen verschönert, und (was kein so kleiner Vorteil
ist, als neunhundert und neun und neunzig Menschen unter tausenden sich
einbilden,) sie von der tyrannischen Herrschaft dieser pöbelhaften
Begriffe befreiet, welche die Seele verunstalten, sie klein,
niederträchtig, furchtsam, falsch und sklavenmäßig machen; jede edle
Neigung, jeden großen Gedanken abschrecken und ersticken, und doch darum
nicht weniger von politischen und religiösen Dämagogen unter dem größten
Teile des menschlichen Geschlechts, aus Absichten, woraus diese Herren
billig ein Geheimnis machen, eifrigst unterhalten werden.
Die zuverlässigste Probe über die Güte der Philosophie des weisen Archytas
ist, wie uns deucht, der moralische Charakter, den ihm das einstimmige
Zeugnis der Alten beilegt. Diese Probe, es ist wahr, geht bei einem
System von metaphysischen Spekulationen nicht an; aber die Philosophie des
Archytas war ganz praktisch. Das Exempel so vieler großen Geister,
welche in der Bestrebung, über die Grenzen des menschlichen Verstandes
hinauszugehen, verunglückt waren, hätte ihn in diesem Stücke vielleicht
nicht weiser gemacht, wenn er mehr Eitelkeit und weniger kaltes Blut
gehabt hätte; aber so wie er war, überließ er diese Art von Spekulationen
seinem Freunde Plato, und schränkte seine Nachforschungen über die bloß
intellektualischen Gegenstände lediglich auf diese einfältigen Wahrheiten
ein, welche das allgemeine Gefühl erreichen kann, welche die Vernunft
bekräftiget, und deren wohltätiger Einfluß auf den Wohlstand unsers
Privat-Systems so wohl als auf das allgemeine Beste allein schon genugsam
ist, ihren Wert zu beweisen. Es läßt sich also ganz sicher von dem Leben
eines solchen Mannes auf die Güte seiner Denkens-Art schließen. Archytas
verband alle häuslichen und bürgerlichen Tugenden, mit dieser schönsten
und göttlichsten unter allen, welche sich auf keine andre Beziehung
gründet, als das allgemeine Band, womit die Natur alle Wesen verknüpft.
Er hatte das seltene Glück, daß die untadeliche Unschuld seines
öffentlichen und Privat-Lebens, die Bescheidenheit, wodurch er den Glanz
so vieler Verdienste zu mildern wußte, und die Mäßigung, womit er sich
seines Ansehens bediente, endlich so gar den Neid entwaffnete, und ihm die
Herzen seiner Mitbürger so gänzlich gewannen daß er (ungeachtet er sich
seines hohen Alters wegen von den Geschäften zurückgezogen hatte) bis an
sein Ende als die Seele des Staats und der Vater des Vaterlands angesehen
wurde, und in dieser Qualität eine Autorität beibehielt, welcher nur die
äußerlichen Zeichen der königlichen Würde fehlten. Niemals hat ein Despot
unumschränkter über die Leiber seiner Sklaven geherrschet, als dieser
ehrwürdige Greis über die Herzen eines freien Volkes; niemals ist der
beste Vater von seinen Kindern zärtlicher geliebt worden. Glückliches
Volk! welches von einem Archytas geregiert wurde, und den ganzen Wert
dieses Glücks so wohl zu schätzen wußte!--Und glücklicher Agathon, der in
einem solchen Mann einen Beschützer, einen Freund, und einen zweiten Vater
fand.
* Der Charakter, der hier den Tarentinern gegeben wird, macht einen
starken Absatz mit demjenigen, den sie zu den Zeiten des Königs Pyrrhus
hatten, und bis zum Untergang ihrer Freiheit behielten; allein es ist zu
bemerken, daß Archytas und Pyrrhus wenigstens 80 Jahre von einander
entfernt sind. (Zurück)