Bis hieher scheint die Geschichte unsers Helden, wenigstens in den
hauptsächlichsten Stücken, dem ordentlichen Lauf der Natur, und den
strengesten Gesetzen der Wahrscheinlichkeit so gemäß zu sein, daß wir
keinen Grund sehen, an der Wahrheit derselben zu zweifeln. Aber in diesem
eilften Buch, wir müssen es gestehen, scheint der Autor aus dieser unsrer
Welt, welche, unparteiisch von der Sache reden, zu allen Zeiten nichts
bessers als eine Werkel-Tags-Welt (wie Shakespear sie irgendwo nennt)
gewesen ist, ein wenig in das Land der Ideen, der Wunder, der
Begebenheiten, welche gerade so ausfallen, wie man sie hätte wünschen
können, und um alles auf einmal zu sagen, in das Land der schönen Seelen,
und der utopischen Republiken verirret zu sein. Es stehet bei den Lesern,
ihm hierin soviel Glauben beizumessen, als sie gerne wollen; wir an unserm
Teil nehmen uns der Sache weiter nichts an; unsere Absichten sind bereits
erreicht, und die glücklichen oder unglücklichen Umstände, welche dem
Agathon noch bevorstehen mögen, haben nichts damit zu tun. Indessen
glauben wir doch, daß der Autor allen den gutherzigen Leuten, welche sich
für den Helden einer solchen Geschichte nach und nach interessieren, und
gerne haben, wenn sich am Ende alles zu allerseitigem Vergnügen, mit
Entdeckungen, Erkennungen, glücklichem Wiederfinden der verlornen Freunde,
und etlichen Hochzeiten endet, einen Gefallen getan habe, seinen Helden,
nachdem er eine hinlängliche Anzahl guter und schlimmer Abenteuer
bestanden hat, endlich für seine ganze übrige Lebens-Zeit glücklich zu
machen. Es mag sein, daß der Verfasser der griechischen Handschrift
hierin seinem guten Naturell den Lauf gelassen hat; denn in der Tat,
scheint es ein Zeichen eines harten und grausamen Herzens zu sein, welches
ein Vergnügen an der Qual und den Tränen seiner unschuldigen Leser findet,
wenn man alles anwendet, uns für den Helden und die Heldin einer
wundervollen Geschichte einzunehmen, bloß um uns zuletzt durch einen so
jämmerlichen Ausgang, als eine schwermütige, menschenfeindliche
Imagination nur immer erdenken kann, in einen desto empfindlichern und
unleidlichern Schmerz zu versenken, da es lediglich bei dem guten Willen
des Autors stund, uns desselben zu überheben. Gleichwohl aber scheint uns
unser edler gesinnte Verfasser noch eine andre Absicht dabei gehabt zu
haben, welche er, ohne sich einer noch größern Unwahrscheinlichkeit
schuldig zu machen, nicht wohl anders als durch diese nicht
allzuwahrscheinliche Verbindung glücklicher Umstände, worein er seinen
Helden in diesem Buche setzt, erreichen konnte--Und was für eine Absicht
mag das wohl sein?--Ich will es ihnen unverblümt und ohne Umschweife sagen,
meine Herren und Damen, ob ich gleich besorgen muß, daß die ungewöhnliche
Offenherzigkeit, welche ich ihnen in dem ganzen Laufe dieses Werkes habe
sehen lassen, mir von einem oder dem andern aus ihrem Mittel übel
aufgenommen werden möchte--Unser Verfasser wollte dem Vorwurf ausweichen,
welchen Horaz gleichnisweise in dem bekannten Verse-... Amphora coepit
Institui--currente rotâ cur urceus exit?- denjenigen Dichtern macht, in
deren Werken das Ende sich nicht zu dem Anfang schickt. Er wollte in
seinem Helden, dessen Jugend und erste Auftritte in der Welt so große
Hoffnungen erweckt hatten, nachdem er ihn durch so viele verschiedene
Umstände geführt, als er für nötig hielt seine Tugend zu prüfen, zu
läutern und zu der gehörigen Konsistenz zu bringen, am Ende einen so
weisen und tugendhaften Mann darstellen, als man nur immer unter der Sonne
zu sehen wünschen, oder nach Gestalt der Sachen, erwarten könnte. Der
Enthusiasmus, der die eigentliche Anlage seines Helden zu einem mehr als
gewöhnlichen Grade moralischer Vollkommenheit enthielt, verhinderte ihn zu
eben der Zeit da er seine Tugend erhöhte, so weise zu sein, als man sein
muß, um nicht mit den erhabensten Begriffen, und den edelsten Gesinnungen,
von sich selbst und von andern betrogen zu werden. Eine Art zu denken,
welche ihn zu einer höhern Klasse von Wesen als die gewöhnlichen Menschen
sind, zu erheben schien, setzte ihn dem Neid, der verkehrten Beurteilung,
den Nachstellungen und Verfolgungen dieser Menschen aus; und machte ihn,
welches für seine Tugend das Schlimmste war, unvermerkt vergessen, daß er
im Grunde doch immer weder mehr noch weniger sei, als ein Mensch. Die
Erfahrungen, die er endlich hierüber bekam, öffneten ihm die Augen, und
zerstreuten einen Teil der Bezauberung; er lernte sich selbst besser
kennen; aber er kannte die Welt noch nicht genug. Ein neues und großes
Theater, auf welches er versetzt wurde, half diesem Mangel ab; eine immer
weiter ausgebreitete und vervielfältigte Erfahrung stimmte seine
allzuidealische Denk-Art herab, und überführte ihn, daß er, wie der
großmütige, tugendhafte und tapfre Ritter von Mancha (dieses lehrreiche
Bild der Schwachheiten und Verirrungen des menschlichen Geistes!)
Windmühlen für Riesen, Wirtshäuser für bezauberte Schlösser, und
Dorf-Nymphen für göttliche Dulcineen angesehen hatte. Er wurde weiser,
aber auf Unkosten seiner Tugend. So wie die Bezauberung seiner
Einbildungs-Kraft vorging, hörte auch die Begierde auf, große Taten zu tun,
allem Unrecht in der Welt zu steuern, mit den Feinden der allgemeinen
Glückseligkeit sich herumzuschlagen, und die Menschen, wider ihren Dank
und Willen, glücklich machen zu wollen. Nun sage man mir, nachdem es mit
unserm Helden dazu gekommen war, (und, alles wohl erwogen, mußte es auf
eine oder andere Art endlich dazu kommen; denn die edelste, die
liebenswürdigste Schwärmerei, wenn sie gar zu lange dauert, und sich so
gar durch die Maul-Esel-Treiber von Jangois nicht austreiben lassen will,
wird endlich zu Narrheit,) was sollte, was konnte unser Autor nun weiter
mit ihm anfangen? Einen misanthropischen Einsiedler aus ihm machen?--Dazu
war sein Kopf zu heiter und sein Herz zu schwach--oder zu zärtlich--oder
zu gut; was ihr wollt; und zudem mochte unser Autor, der ein Grieche war,
und wenigstens in die Zeiten des Alciphrons gesetzt werden muß, (wie die
Gelehrten ohne unser Erinnern bemerkt haben) vermutlich von der
Vortrefflichkeit einer einsiedlerischen Tugend die erhabenen Begriffe
nicht haben, welche man sich in den wundervollen Zeiten des dreizehnten
und vierzehnten Jahrhunderts bis zu unsern philosophischen Zeiten davon
gemacht hat, und (allem Ansehen nach) in einigen Ländern noch lange machen
wird. Ihn wieder in die weite Welt zurückzuführen, wäre nichts anders
gewesen, als ihn der augenscheinlichsten Gefahr aussetzen, in seiner
antiplatonischen Denk-Art durch immer neue Erfahrungen bestärkt, und durch
die Gesellschaft witziger und liebenswürdiger Leute, welche entweder gar
keine Grundsätze, oder nicht viel bessere als der weise Hippias, gehabt
hätten, nach und nach auch um diesen kostbaren überrest seiner ehemaligen
Tugend gebracht zu werden, den er glücklicher Weise aus der verpesteten
Luft der großen Welt noch davon gebracht hat. Vielleicht hätte er in
solchen Umständen noch immer eine Art von Mittel zwischen Weisheit und
Torheit, eine mehr lächerliche als hassenswürdige Komposition von kühnem
Witz und unschlüssiger Vernunft, von wahren und willkürlichen Begriffen,
von Aberglauben und Unglauben, von guten und bösen Leidenschaften,
Gewohnheiten und Launen, von gleich betrüglichen Tugenden und Lastern;
kurz, eine so vortreffliche Art von Geschöpfen werden können, wie ungefähr
die meisten von uns andern sind, wir mögen es nun einsehen--und wenn wir's
einsehen, eingestehen--oder nicht. Bei so bewandten Umständen, und da es
(wie gesagt) nun einmal die Absicht des Autors war, aus seinem Helden
einen tugendhaften Weisen zu machen, und zwar solchergestalt, daß man ganz
deutlich möchte begreifen können, wie ein solcher Mann--so geboren--so
erzogen--mit solchen Fähigkeiten und Dispositionen--mit einer solchen
besondern Bestimmung derselben--nach einer solchen Reihe von Erfahrungen,
Entwicklungen und Veränderungen--in solchen Glücks-Umständen--an einem
solchen Ort und in einer solchen Zeit--in einer solchen
Gesellschaft--unter einem solchen Himmels-Strich--bei solchen
Nahrungs-Mitteln (denn auch diese haben einen stärkern Einfluß auf
Weisheit und Tugend, als sich manche Moralisten einbilden)--bei einer
solchen Diät--kurz, unter solchen gegebenen Bedingungen, wie alle
diejenigen Umstände sind, in welche er den Agathon bisher gesetzt hat, und
noch setzen wird--ein so weiser und tugendhafter Mann habe sein können,
und (diejenigen, welche nicht gewohnt sind zu denken, mögen es nun glauben
oder nicht,) unter den nämlichen, oder doch sehr ähnlichen Umständen, es
auch noch heutzutage werden könnte: Da, sage ich, dieses seine Absicht war,
so blieb ihm freilich kein andrer Weg übrig, als seinen Helden in diesen
Zusammenhang glücklicher Umstände zu setzen, in welchen er sich nun bald,
zu seinem eigenen Erstaunen, befinden wird. Freilich ist ein solcher
Zusammenfluß glücklicher Umstände allzuselten, um wahrscheinlich zu sein.
Aber wie soll sich ein armer Autor helfen, der (alles wohl überlegt) nur
ein einziges Mittel vor sich sieht, aus der Sache zu kommen, und dieses
ein gewagtes? Man hilft sich wie man kann, und wenn es auch durch einen
Sprung aus dem Fenster sein sollte. Der kleine Held der Königin von
Golconde ist nicht der erste, der sich durch dieses Mittel helfen mußte:
Julius Cäsar würde ohne einen solchen Sprung das Vergnügen nicht gehabt
haben, als Herr der Welt (wie man, zwar lächerlich genug, zu sprechen
gewohnt ist,) durch die Straßen Roms ins Capitolium einzuziehen.
Und soviel mag dann zur Rechtfertigung unsers Autors gesagt sein; wenn es
anders zu seiner Rechtfertigung dienen kann, welches wir den Kunstrichtern
überlassen müssen. Das Urteil mag indessen ausfallen wie es will, so
beladet sich der Herausgeber, wie er schon erklärt hat, dessen im
geringsten nicht. Die Absichten, warum er die alte Urkunde, welche
zufälliger Weise in seine Hände gekommen ist, in einen Auszug von
derjenigen Form und Beschaffenheit, wie die vorhergehenden zehen Bücher
weisen, gebracht hat, sind bereits erreicht. Es ist verhoffentlich
unnötig, sich hierüber näher zu erklären. Doch soviel können wir wohl
sagen, daß er niemalen daran gedacht hat, einen Roman zu schreiben, wie
sich vielleicht manche, ungeachtet des Titels und der Vorrede, zu glauben
in den Kopf gesetzt haben mögen--und da dieses Buch, in so fern der
Herausgeber Teil daran hat, kein Roman ist, noch einer sein soll; so hat
er sich auch um die so genannte Schürzung des Knotens, und ob der
Verfasser der Urkunde seinen Knoten geschickt oder ungeschickt entwickelt
oder zerschnitten hat, wenig zu bekümmern.