Nachricht an den Leser

"Dank sei" (so ruft hier der Autor des griechischen Manuskripts, als einer,

dem es auf einmal ums Herz leichter wird, aus) "Dank sei den Göttern, daß

wir unsern Helden aus dem gefährlichsten aller schlimmen Orte, wohin ein

ehrlicher Mann verirren kann, unversehrt, und was beinahe unglaublich ist,

mit seiner ganzen Tugend davon gebracht haben! Er hat allerdings von

Glück zu sagen", fährt das Manuskript fort; "aber--beim Hund (dem großen

Schwur des weisen Socrates) was hatte er auch an einem Hofe zu tun? Er,

der sich weder zu einem Sklaven, noch zu einem Schmeichler, noch zu einem

Narren geboren fühlte, was wollte er am Hofe eines Dionysius machen?--Was

für ein Einfall--und wenn ist jemals ein solcher Einfall in das Gehirn

eines klugen Menschen gekommen?--einen lasterhaften Prinzen tugendhaft zu

machen!--Oder welcher rechtschaffene Mann, der einen Fond von gesunder

Vernunft und gutem Willen in sich gefühlt, ist jemals damit an einen Hof

gegangen, wenn er im Sinne hatte, von dem einen oder dem andern Gebrauch

zu machen?--Man muß gestehen, es ist eine ganz hübsche Sache um den

Enthusiasmus--eines Lycurgus, der aus einem Monarchen ein Bürger wird, um

sein Vaterland glücklicher zu machen--oder eines Leonidas, der mit

dreihundert eben so entschlossenen Männern als er selbst, sich dem Tode

weiht, um eben so vielen Myriaden von Barbaren den Mut, mit Griechen zu

fechten, zu benehmen. Doch so groß, so schön diese Taten sind; so sind

sie durch die Kräfte der Natur möglich, und diejenige, welche sie

unternahmen, konnten sich versprechen, daß sie ihre Absichten erreichen

würden. Aber wenn hat man jemals gehört, daß ein Mensch, oder ein Held,

der Sohn einer Göttin, oder eines Gottes, oder ein Gott selbst, dasjenige

zu Stande gebracht hätte, was Agathon unternahm, da er mit der Cither in

der Hand sich überreden ließ, der Mentor eines Dionys zu werden."

Auf diesen humoristischen Eingang, womit unser Autor dieses Kapitel

beginnt, folget eine lange, und wie es scheint, ein wenig milzsüchtige

Deklamation gegen diejenige Klasse der Sterblichen, welche man große

Herren nennt; mit verschiedenen Digressionen über die Maitressen--über die

Jagdhunde--und über die Ursachen, warum es für einen ersten Minister

gefährlich sei, zuviel Genie, zuviel Uneigennützigkeit, und zuviel

Freundschaft für seinen Herrn zu haben--So viel man sehen kann, ist dieses

Kapitel eines von den merkwürdigsten, und sonderbarsten in dem ganzen

Werke. Aber unglücklicher Weise, befindet sich das Manuskript an diesem

Ort halb von Ratten aufgegessen; und die andre Hälfte ist durch

Feuchtigkeit so übel zugerichtet worden, daß es leichter wäre, aus den

Blättern der Cumäischen Sibylle, als aus den Bruchstücken von Wörtern,

Sätzen und Perioden, welche noch übrig sind, etwas Zusammenhängendes

herauszubringen. Wir gestehen, daß uns dieser Verlust so nahe geht, daß

wir uns eher der sinnreichen Ergänzungen, welche Herr Naudot zum Petronius

in seinem Kopfe gefunden hat, oder der sämtlichen Werke des Ehrwürdigen

Paters *** beraubt wissen wollten. Indessen ist doch dieser Verlust in

Absicht des Lobes der großen Herren um so leichter zu ertragen, da wir

über den weiten Umfang der Einsichten, die Größe der Seelen, die edlen

Gesinnungen und den guten Geschmack, welcher ordentlicher Weise die großen

Herren von den übrigen Erden-Söhnen zu unterscheiden pflegt, in dem besten

und schlimmsten Buche (je nachdem es Leser bekommt; welches wir übrigens

ganz unpräjudizierlich und niemand zu Leide gesagt haben wollen) das in

unserm Jahrhundert zur Welt gekommen ist, in dem Buche des Herrn Helvetius,

alles gesagt finden, was sich über einen so reichen und edeln Stoff nur

immer sagen läßt. Eine gleiche Bewandtnis hat es mit der Digression über

die Maitressen, und über die Jagdhunde; über welche Materien der geneigte

Leser in des Grafen Anton Hamiltons Beiträgen zur Histoire amoureuse des

Hofes Carls des zweiten von England, und in den bewundernswürdigen

Schriften eines gewissen neuern Staatsmannes (den wir seiner

Bescheidenheit zu schonen, nicht nennen wollen) mehr als hinlängliche

Auskunft finden kann. Aber den Verlust der dritten Digression bedauren

wir von Herzen, indem, (nach der Versicherung eines der größesten

Bücher-Kenner von Europa) dermalen noch kein Buch in der Welt ist, in

welchem diese interessante und ziemlich verwickelte Materie recht

auseinandergesetzt und gründlich ausgeführt wäre. Zum Unglück ist dieses

Kapitel eben an diesem Ort am mangelhaftesten. Doch läßt sich aus einigen

Worten, welche zum Schlusse dieser Digression zu gehören scheinen,

abnehmen, daß der Verfasser neun und dreißig Ursachen angegeben habe; und

wir gestehen, daß wir begierig wären, diese neun und dreißig Ursachen zu

wissen.

Geschichte des Agathon. Teil 2 · 第 51 / 64 题