Große Fehler wider die Staats-Kunst, welche Agathon beging--Folgen davon

Die Vertraulichkeit, worin Dionys mit seinen Günstlingen zu leben pflegte,

und das natürliche Bedürfnis eines Verliebten, jemand zu haben, dem er

sein Leiden oder seine Glückseligkeit entdecken kann--hatten ihm nicht

erlaubt, dem Agathon aus seiner neuen Liebe ein Geheimnis zu machen; und

dieser trieb die Gefälligkeit anfänglich so weit, sich von dem

schwatzhaftesten Liebhaber, der jemals gewesen war, mit den

Angelegenheiten seines Herzens ganze Stunden durch Langeweile machen zu

lassen, in denen es dem guten Prinzen kein einziges mal einfiel, daß diese

Angelegenheiten einem dritten unmöglich so wichtig vorkommen könnten, als

sie ihm selbst waren. Ohne seine Wahl geradezu zu mißbilligen (wovon er

eine schlechte Würkung hätte hoffen können) begnügte er sich anfangs, ihm

die Schwierigkeiten, welche er bei einer Dame von so strenger und

systematischer Tugend finden würde, so fürchterlich abzumalen, daß er ihn

von einer Unternehmung, welche sich dem Ansehen nach, wenigstens in eine

entsetzliche Länge hinausziehen würde, abzuschrecken hoffte. Wie er aber

sah, daß Dionys anstatt durch den Widerstand, über den er sich beklagte,

ermüdet zu werden, von Tag zu Tag mehr Hoffnung schöpfte, diese

beschwerliche Tugend durch hartnäckig wiederholte Anfälle endlich selbst

abzumatten: So glaubte er der schönen Cleonissa nicht zu viel zu tun, wenn

er sie im Verdacht eines gekünstelten Betragens hätte, welches die

Leidenschaft des Prinzen zu eben der Zeit aufmunterte, da sie ihm alle

Hoffnung zu verbieten schien. Je schärfer er sie beobachtete, je mehr

Umstände entdeckte er, welche ihn in diesem Argwohn bestärkten; und da

seine natürliche Antipathie gegen die majestätischen Tugenden das ihrige

mit beitrug, so hielt er sich nun vollkommen überzeugt, daß die weise und

tugendhafte Cleonissa weder mehr noch weniger als eine Betrügerin sei,

welche durch einen erdichteten Widerstand zu gleicher Zeit sich in dem Ruf

der Unüberwindlichkeit zu erhalten, und den leichtgläubigen Dionys desto

fester in ihrem Garn zu verstricken im Sinne habe. Nunmehr fing er an die

Sache für ernsthaft anzusehen, und sich so wohl durch die Pflichten der

Freundschaft für einen Prinzen, für den er bei allen seinen Schwachheiten

eine Art von Zuneigung fühlte, als aus Sorge für den Staat, verbunden zu

halten, einem Verständnis, welches für beide sehr schlimme Folgen haben

könnte, sich mit Nachdruck zu widersetzen. Bacchidion, welche, ohne eine

so regelmäßige Schönheit zu sein, in seinen Augen unendlichmal

liebenswürdiger war als Cleonissa, schien ihm ihres Herzens--oder

richtiger zu reden, ihrer glücklichen Organisation wegen--ungeachtet des

gemeinen und gerechten Vorurteils gegen ihren Stand, in Vergleichung mit

dieser tugendhaften Dame eine sehr schätzbare Person zu sein: Und da sie

in der Unruhe, worein sie die immer zunehmende Kaltsinnigkeit des Prinzen

zu setzen anfing, ihre Zuflucht zu ihm nahm, so machte er sich desto

weniger Bedenken, sich ihrer mit etwas mehr Eifer als die Würde seines

Charakters vielleicht gestatten mochte, anzunehmen. Dionys liebte sie

nicht mehr; aber er maßte sich noch immer Rechte über sie an, welche nur

die Liebe geben sollte. Die schöne Bacchidion wurde nur zu deutlich

gewahr, daß sie nur die Stelle ihrer Nebenbuhlerin in seinen Armen

vertreten sollte; und ob sie gleich nur eine Tänzerin war, so deuchte sie

sich doch zu gut, Flammen zu lauschen, welche eine andere angezündet hatte.

Dionys schien bei der anhaltenden Strenge seiner neuen Gebieterin, einer

solchen Gefälligkeit mehr als jemals benötiget zu sein; und eben darum gab

ihr Agathon den Rat, an ihrem Teil auch die Grausame zu machen, und zu

versuchen, ob sie durch ein sprödes und launisches Betragen, mit einer

gehörigen Dosi von Koketterie vermischt, nicht mehr als durch zärtliche

Klagen und verdoppelte Gefälligkeit gewinnen würde. Dieser Rat hatte

einen so guten Erfolg, daß Agathon, der sich des Sieges zu früh versichert

hielt, itzo den gelegenen Augenblick gefunden zu haben glaubte, dem Dionys

offenherzig zu gestehen, wie wenig Achtung er für die angebliche Tugend

der Dame Cleonissa trage. Die Folgen der geheimen Unterredung, welche sie

mit einander über diese Materie hatten, entsprachen der Erwartung unsers

Helden nicht. Alles Nachteilige, was Agathon dem Prinzen von seiner neuen

Göttin sagen konnte, bewies höchstens, daß sie nicht so viel Hochachtung

verdiene als er geglaubt hatte; aber es verminderte seine Begierden nicht;

desto besser für seine Absichten, wenn sie nicht so tugendhaft war.

Diesen edlen Gedanken ließ er zwar den Agathon nicht sehen; aber Cleonissa

wurde ihn desto deutlicher gewahr. Dionys hatte nicht so bald erfahren,

daß die Tugend der Dame nur ein Popanz sei, so eilte er was er konnte,

Gebrauch von dieser Entdeckung zu machen, und setzte sie durch ein

Betragen in Erstaunen, welches mit seinem vorigen, und noch mehr mit der

Majestät ihres Charakters, einen höchst beleidigenden Kontrast machte.

Er war zwar Diskret genug, ihr nicht geradezu zu sagen, was für Begriffe

man ihm von ihr beigebracht habe; aber sein Bezeugen sagte es so deutlich,

daß sie nicht zweifeln konnte, es müßte ihr jemand schlimme Dienste bei

ihm geleistet haben. Dieser Umstand setzte sie in der Tat in keine

geringe Verlegenheit, wie sie dasjenige was sie ihrer beleidigten Würde

schuldig war, mit der Besorgnis, einen Liebhaber von solcher Wichtigkeit

durch allzuweit getriebene Strenge gänzlich abzuschrecken, zusammenstimmen

wollte. Allein ein Geist wie der ihrige weiß sich aus den schwierigsten

Situationen herauszuwickeln; und Dionys ging überzeugter als jemals von

ihr, daß sie die Tugend selbst, und allein durch die Stärke der Sympathie,

wodurch ihre zum ersten mal gerührte Seele gegen die seinige gezogen werde,

fähig werden könnte, die Hoffnungen dereinst zu erfüllen, welche sie ihm

weder erlaubte noch gänzlich verwehrte. Von dieser Zeit an nahm seine

Leidenschaft und das Ansehen dieser Dame von Tag zu Tag zu; die schöne

Bacchidion wurde förmlich abgedankt; und Agathon würde in den Augen seines

Herren gelesen haben, wenn er es nicht aus seinem eignen Munde vernommen

hätte, daß er gute Hoffnung habe, in wenigen Tagen den letzten Seufzer der

sterbenden Tugend von den Lippen der zärtlichen, und nur noch schwach

widerstehenden Cleonissa aufzufassen. Itzo glaubte er, daß es die höchste

Zeit sei einen Schritt zu tun, der nur durch die äußerste Notwendigkeit

gerechtfertiget werden konnte, aber seiner Meinung nach, das unfehlbarste

Mittel war, dieser gefährlichen Intrigue noch in Zeiten ein Ende zu machen.

Er ließ also den Philistus zu sich rufen, und entdeckte ihm mit der

ganzen Vertraulichkeit eines ehrlichen Mannes, der mit einem ehrlichen

Manne zu reden glaubt, die nahe Gefahr, worin seine Ehre und die Tugend

seiner Gemahlin schwebe. Freilich entdeckte er dem edeln Philistus nichts,

als was dieser in der Tat schon lange wußte; aber Philistus machte nichts

desto weniger den Erstaunten; indessen dankte er ihm mit der lebhaftesten

Empfindung für ein so unzweifelhaftes Merkmal seiner Freundschaft, und

versicherte, daß er auf ein schickliches Mittel bedacht sein wollte, seine

Gemahlin, von welcher er übrigens die beste Meinung von der Welt habe,

gegen alle Nachstellungen der Liebesgötter sicher zu stellen.

Man hat wohl sehr recht, uns die Lehre bei allen Gelegenheiten

einzuschärfen, daß man sich die Leute nach ihrer Weise verbindlich machen

müsse, und nicht nach der unsrigen. Agathon glaubte sich kein geringes

Verdienst um den Philistus gemacht zu haben, und würde nicht wenig über

die Apostrophen erstaunt gewesen sein, welche dieser würdige Minister an

ihn machte, so bald er sich wieder allein sah. In der Tat mußte es diesen

notwendig ungehalten machen, sich durch eine so unzeitige Vorsorge für

seine Ehre auf einmal aller Vorteile seiner bisherigen diskreten

Unachtsamkeit verlustiget zu sehen. Indessen konnte er nun, ohne sich in

Agathons Augen zum Verräter seiner eigenen Ehre zu machen, nicht anders;

er mußte den Eifersüchtigen spielen. Die Komödie bekam dadurch auf

etliche Tage einen sehr tragischen Schwung--Wie viel Mühe hätten sich die

Haupt-Personen dieser Farce ersparen können, wenn sie die Maske hätten

abnehmen, und sich einander in puris naturalibus zeigen wollen? Aber

diese Leute aus der großen Welt sind so pünktliche Beobachter des

Wohlstands!--und sind darum zu beloben; denn es beweiset doch immer, daß

sie sich ihrer wahren Gestalt schämen, und die Verbindlichkeit etwas

bessers zu sein als sie sind, stillschweigend anerkennen--Cleonissa

rechtfertigte sich also gegen ihren Gemahl, indem sie sich auf die

Prinzessinnen, als unverwerfliche Zeugen der untadelhaften Unschuld ihres

Betragens berief. Niemals ist ein erhabneres und pathetischeres Stück von

Beredsamkeit gehört worden, als die Rede war, wodurch sie ihm die

Unbilligkeit seines Verdachts vorhielt; und der gute Mann wußte sich

endlich nicht anders zu helfen, als daß er den Freund nannte, von dem er,

wiewohl aus guter Absicht, in diesen kleinen Anstoß einer, wie er nun

vollkommen erkannte, höchst unnötigen und sträflichen Eifersucht gesetzt

worden sei. Die Wut einer stürmischen See--einer zur Rache gereizten

Hornisse--oder einer Löwin, der ihre Jungen geraubt worden, sind nur

schwache Bilder in Vergleichung mit der Wut, in welche Cleonissens

tugendhafter Busen bei Nennung des Namens Agathon aufloderte. Würklich

war nichts mit ihr zu vergleichen, als die Wollust, womit der Gedanke sie

berauschte, daß sie es nun endlich in ihrer Gewalt habe, die lange

gewünschte Rache an diesem undankbaren Verächter ihrer Reizungen zu nehmen.

Sie mißhandelte den Dionys, (den sie für die unerträgliche Beleidigung,

welche sie von ihrem Gemahl erduldet hatte, zur Rechenschaft zog) so lange

und so grausam, bis er ihr, wiewohl ungern, (denn er wollte seinen

Günstling nicht aufopfern) entdeckte, wie wenig sie dem Agathon für seine

Meinung von ihr verbunden sei. Nunmehr klärte sich, wie sie sagte, das

ganze Geheimnis auf; und in der Tat mußte sie sich nur über ihre eigene

Einfalt verwundern, da sie sich eines bessern zu einem Manne versehen

hatte, von dessen Rache sie natürlicher Weise das Schlimmste hätte

erwarten sollen--Wenn Dionys bei diesen Worten stutzte, so kann man sich

einbilden, was er für eine Miene machte, da sie ihm, vermittelst einer

Konfidenz, wozu sie durch ihre eigene Rechtfertigung gezwungen war,

umständlich entdeckte, daß der Haß Agathons gegen sie allein daher

entsprungen sei, weil sie nicht für gut befunden habe, seine Liebe genehm

zu halten. Dieses war nun freilich nicht nach der Schärfe wahr. Aber da

sie nun einmal dahin gebracht war, sich selbst verteidigen zu müssen; so

war natürlich, daß sie es lieber auf Unkosten einer Person, die ihr

verhaßt war, als auf ihre eigene tat. So viel ist gewiß, daß sie ihre

Absicht dadurch mehr als zu gut erreichte. Dionys geriet in einen so

heftigen Anfall von Eifersucht über seinen unwürdigen Liebling--dieser

Mann, der der Liebe eines Dionys unwürdig war, war Agathon!--daß Cleonissa,

(welche besorgte, daß ein plötzlicher Ausbruch zu mißbeliebigen

Erläuterungen Anlaß geben könnte) alle ihre Gewalt über ihn anwenden mußte,

ihn zurückzuhalten. Sie bewies ihm die Notwendigkeit, einen Mann, der zu

allem Unglück der Abgott der Nation wäre, vorsichtig zu behandeln. Dionys

fühlte die Stärke dieses Beweises, und hassete den Agathon nur um so viel

herzlicher. Die Prinzessinnen mischten sich auch in die Sache, und legten

unserm Helden sehr übel aus, daß er, anstatt den Prinzen von

Ausschweifungen abzuhalten, eine Kreatur wie Bacchidion mit so vielem

Eifer in seinen Schutz genommen hatte. Man scheuete sich nicht, diesem

Eifer so gar einen geheimen Beweggrund zu leihen; und Philistus brachte

unter der Hand verschiedene Zeugen auf, welche in dem Cabinet des Prinzen

verschiedene Umstände aussagten, die ein zweideutiges Licht auf die

Enthaltsamkeit unsers Helden und die Treue der schönen Bacchidion zu

werfen schienen. Dieser Minister fand vermutlich die Absichten seines

Herrn auf seine tugendhafte Gemahlin so rein und unschuldig, daß es

anstößig, und lächerlich gewesen wäre, über die Freundschaft, womit er sie

beehrte, eifersüchtig zu sein. Ein täglicher Zuwachs der königlichen

Gunst rechtfertigte und belohnte eine so edelmütige Gefälligkeit.

Timocrat fand bei diesen Umständen Gelegenheit, sich gleichfalls wieder in

das alte Vertrauen zu setzen; und beide vereinigten sich nunmehr mit der

triumphierenden Cleonissa, den Fall unsers Helden desto eifriger zu

beschleunigen, je mehr sie ihn mit Versicherungen ihrer Freundschaft

überhäuften.

Wir haben in diesem und dem vorigen Kapitel ein so merkwürdiges Beispiel

gesehen, (und wollte Gott! diese Beispiele kämen uns nicht so oft im

Leben selbst vor) wie leicht es ist, einem lasterhaften Charakter, einer

schwarzen, hassenswürdigen Seele, den Anstrich der Tugend zu geben.

Agathon erfuhr nunmehr, daß es eben so leicht ist, die reineste Tugend mit

verhaßten Farben zu übersudeln. Er hatte dieses zu Athen schon erfahren;

aber bei der Vergleichung die er zwischen jenem Fall und seinem itzigen

anstellte, schienen ihm seine Atheniensische Feinde, im Gegensatz mit den

verächtlichen Kreaturen, denen er sich nun auf ein mal aufgeopfert sah, so

weiß zu werden, als sie ihm ehmals, da er noch keine schlimmere Leute

kannte, schwarz vorgekommen waren. Vermutlich verfälschte die

Lebhaftigkeit des gegenwärtigen Gefühls sein Urteil über diesen Punkt ein

wenig; denn in der Tat scheint der ganze Unterschied zwischen der

republikanischen und höfischen Falschheit darin zu bestehen, daß man in

Republiken genötiget ist, die ganze äußerliche Form tugendhafter Sitten

anzunehmen; da man hingegen an Höfen genug getan hat, wenn man den Lastern,

welche des Fürsten Beispiel adelt, oder wodurch seine Absichten befördert

werden, tugendhafte Namen gibt. Allein im Grunde ist es nicht ekelhafter,

einen hüpfenden, schmeichelnden, untertänigen, vergoldeten Schurken zu

eben der Zeit, da er sich vollkommen wohl bewußt ist, nie keine Ehre

gehabt zu haben, oder in diesem Augenblick im Begriff ist, wofern er eine

hätte, sie zu verlieren--von den Pflichten gegen seine Ehre reden zu hören;

als einen gesetzten, schwerfälligen, gravitätischen Schurken zu sehen,

der unter dem Schutz seiner Nüchternheit, Eingezogenheit und pünktlichen

Beobachtung aller äußerlichen Formalitäten der Religion und der Gesetze,

ein unversöhnlicher Feind aller derjenigen ist, welche anders denken als

er, oder nicht zu allen seinen Absichten helfen wollen; und sich nicht das

mindeste Bedenken macht, so bald es seine Konvenienz erfordert, eine gute

Sache zu unterdrücken, oder eine böse mit seinem ganzen Ansehen zu

unterstützen. Unparteiisch betrachtet, ist dieser noch der schlimmere

Mann; denn er ist ein eigentlicher Heuchler: Da jener nur ein Komödiant

ist, der nicht verlangt, daß man ihn würklich für das halten solle, wofür

er sich ausgibt; vollkommen zufrieden, wenn die Mitspielenden und

Zuschauer nur dergleichen tun, ohne daß es ihm einfällt sich zu bekümmern,

ob es ihr Ernst sei, oder nicht.

Agathon hatte nunmehr gute Muße, dergleichen Betrachtungen anzustellen;

denn sein Ansehen und Einfluß nahm zusehends ab. äußerlich zwar schien

alles noch zu sein, wie es gewesen war. Dionys und der ganze Hof

liebkoseten ihm so sehr als jemals, und die Dame Cleonissa selbst schien

es ihrer unwürdig zu halten, ihm einige Empfindlichkeit zu erkennen zu

geben. Aber desto mehr Mißvergnügen wurde ihm durch geheime, schleichende,

und indirekte Wege gemacht. Er mußte zusehen, wie nach und nach, unter

tausend falschen und nichtswürdigen Vorwänden, seine besten Anordnungen

als schlecht ausgesonnen, überflüssig, oder schädlich, wieder aufgehoben,

oder durch andere unnütze gemacht--wie die wenigen von seinen Kreaturen,

welche in der Tat Verdienste hatten, entfernt--wie alle seine Absichten

mißdeutet, alle seine Handlungen aus einem willkürlich falschen

Gesichts-Punkt beurteilt, und alle seine Vorzüge oder Verdienste

lächerlich gemacht wurden. Zu eben der Zeit, da man seine Talente und

Tugenden erhob, behandelte man ihn eben so, als ob er nicht das geringste

von den einen noch von den andern hätte. Man behielt zwar noch, aus

politischen Absichten (wie man es zu nennen pflegt) den Schein bei, als ob

man nach den nämlichen Grundsätzen handle, denen er in seiner

Staats-Verwaltung gefolget war: In der Tat aber geschah in jedem

vorkommenden Falle gerade das Widerspiel von dem, was er getan haben würde;

und kurz, das Laster herrschte wieder mit so despotischer Gewalt als

jemals.

Hier wäre es Zeit gewesen, die Clausul gelten zu machen, welche er seinem

Vertrag mit dem Dionys angehängt hatte, und sich zurückzuziehen, da er

nicht mehr zweifeln konnte, daß er am Hofe dieses Prinzen zu nichts mehr

nütze war. Und dieses war auch der Rat, den ihm der einzige von seinen

Hoffreunden, der ihm getreu blieb, der Philosoph Aristippus gab. "Du

hättest", sagte er ihm in einer vertraulichen Unterredung über den

gegenwärtigen Lauf der Sachen, "du hättest dich entweder niemals mit einem

Dionysius einlassen, oder an dem Platz, den du einmal angenommen hattest,

deine moralische Begriffe--oder doch wenigstens deine Handlungen nach den

Umständen bestimmen sollen. Auf diesem Theater der Verstellung, der

Betrügerei, der Intriguen, der Schmeichelei und Verräterei, wo Tugenden

und Pflichten bloße Rechen-Pfenninge, und alle Gesichter Masken sind; kurz,

an einem Hofe, gilt keine andre Regel als die Konvenienz, keine andre

Politik, als einen jeden Umstand mit unsern eignen Absichten so gut

vereinigen als man kann. Im übrigen ist es vielleicht eine Frage, ob du

so wohl getan hast, dich um einer an sich wenig bedeutenden Ursache willen

mit Dionysen abzuwerfen. Ich gestehe es, in den Augen eines Philosophen

ist die Tänzerin Bacchidion viel schätzbarer, als diese majestätische

Cleonissa, welche mit aller ihrer Metaphysik und Tugend weder mehr noch

weniger als eine falsche, herrschsüchtige und boshafte Kreatur ist.

Bacchidion hat dem Staat keinen Schaden getan, und Cleonissa wird

unendlich viel Böses tun -" "Aus dieser Betrachtung" (unterbrach ihn

Agathon) "habe ich mich für jene und gegen diese erklärt -" "Und doch war

es leicht vorherzusehen, daß Cleonissa siegen würde", sagte

Aristipp--"Aber ein rechtschaffener Mann, Aristipp, erklärt sich nicht für

die Partei, welche siegen wird, sondern für die, welche Recht, oder doch

am wenigsten Unrecht hat -" "Mein lieber Agathon, ein rechtschaffener Mann

muß, so bald er an einem Hofe leben will, sich eines guten Teils von

seiner Rechtschaffenheit abtun, um ihn seiner Klugheit zu zulegen. Ist

es nicht Schade, daß so viel Gutes, das du schon getan hast, so viel Gutes,

das du noch getan haben würdest, bloß darum verloren sein soll, weil du

eine schöne Dame nicht verstehen wolltest, da sie dir's so deutlich, daß

es der ganze Hof (einen einzigen ausgenommen) verstehen konnte, zu

erkennen gab, daß sie schlechterdings--geliebt sein wollte. Doch dieser

Fehler hätte sich vielleicht wieder gut machen lassen, wenn du nur

gefällig genug gewesen wärest, ihre Absichten auf Dionysen zu befördern.

Wolltest du auch dieses nicht, war es denn nötig ihr entgegen zu sein?

Was für Schaden würde daraus erfolgt sein, wenn du neutral geblieben

wärest? Die kleine Bacchidion würde nicht mehr getanzt haben, und

Cleonissa hätte die Ehre gehabt, ihren Platz einzunehmen, bis er ihrer

eben so wohl überdrüssig geworden wäre als so vieler andrer. Das wäre

alles gewesen. Und gesetzt, du hättest auch die Gewalt über ihn mit ihr

teilen müssen; so würdest du ihr wenigstens das Gleichgewicht gehalten,

und noch immer Ansehen genug behalten haben, viel Gutes zu tun. Dem

Schein nach in gutem Vernehmen mit ihr, würde dir dein Platz, und die

Vertraulichkeit mit dem Prinzen tausend Gelegenheiten gegeben haben, sie,

so bald ihre Gunstbezeugungen aufgehört hätten, etwas neues für ihn zu

sein, unvermerkt und mit der besten Art von der Welt wieder auf die Seite

zu schaffen--Aber ich kenne dich zu gut, Agathon; du bist nicht dazu

gemacht dich zu Verstellung, Ränken und Hofkünsten herabzulassen; dein

Herz ist zu edel, und wenn ich es sagen darf, deine Einbildungs-Kraft zu

warm, um dich jemals zu der Art von Klugheit zu gewöhnen, ohne welche es

unmöglich ist, sich lange in der Gunst der Großen zu erhalten. Auch kenne

ich den Hof nicht, welcher wert wäre, einen Agathon an seiner Spitze zu

haben. Das alles hätte ich dir ungefähr vorher sagen können, als ich dich

überreden half, dich mit Dionysen einzulassen; aber es war besser durch

deine eigne Erfahrung davon überzeugt zu werden. Ziehe dich itzt zurück,

ehe das Ungewitter, das ich aufsteigen sehe, über dich ausbrechen kann.

Dionys verdient keinen Freund wie du bist. Wie sehr hättest du dich

betrogen, wenn du jemals geglaubt hättest, daß er dich hochachte! Woher

sollte denen von seiner Art die Fähigkeit dazu kommen? Selbst damals, da

er am stärksten für dich eingenommen war, liebte er dich aus keinem andern

Grunde, als warum er seinen Affen und seine Papageien liebt--weil du ihm

Kurzweil machtest. Seine Gunst hätte eben so leicht auf einen andern

Neuangekommenen fallen können, der die Cither noch besser gespielt hätte

als du. Nein, Agathon, du bist nicht gemacht, mit solchen Leuten zu

leben--ziehe dich zurück; du hast genug für deine Ehre getan. Die Torheit

der neuen Staats-Verwaltung wird die Weisheit der deinigen am besten

rechtfertigen. Deine Handlungen, deine Tugenden, und ein ganzes Volk,

welches deine Zeiten zurückwünschen, und dein Andenken segnen wird, werden

dich am besten gegen die Verleumdungen und den albernen Tadel eines

kleinen Hofes voll Toren und schelmischer Sklaven verteidigen, deren Haß

dir mehr Ehre macht als ihr Beifall. Du befindest dich in Umständen, in

einem unabhängigen Privatstande mit Würde leben zu können. Deine Freunde

zu Tarent werden dich mit offnen Armen empfangen. Ich wiederhole es,

Agathon, verlaß einen Fürsten, der seiner Sklaven, und Sklaven die eines

solchen Fürsten wert sind; und denke nun daran, wie du selbst des Lebens

genießen wollest, nachdem du den Versuch gemacht, wie schwer, wie

gefährlich, und insgemein wie vergeblich es ist, für andrer Glück zu

arbeiten."

So sprach Aristipp; und Agathon würde wohl getan haben, einem so guten

Rate zu folgen. Aber wie sollte es möglich sein, daß derjenige, welcher

selbst eine Haupt-Rolle in einem Stücke spielt, so gelassen davon urteilen

sollte, als ein bloßer Zuschauer? Agathon sah die Sachen aus einem ganz

andern Gesichts-Punkt. Er betrachtete sich als einen Mann, der die

Verbindlichkeit auf sich genommen habe, die Wohlfahrt Siciliens zu

befördern. "Warum kam ich nach Syracus?"--sagte er zu sich selbst--"und

mit welchen Absichten übernahm ich das Amt eines Freundes und Ratgebers

bei diesem Tyrannen? Tat ich es, um ein Sklave seiner Leidenschaften, oder

ein Werkzeug der Tyrannie zu sein? Oder hatte ich einen großen und

rechtschaffenen Zweck? Würde ich mich jemals mit ihm eingelassen haben,

wenn er mir nicht Hoffnung gemacht hätte, daß die Tugend endlich die

Oberhand über seine Laster erhalten würde? Er hat mich betrogen, und die

Erfahrungen, die ich von seiner Gemüts-Art habe, überzeugen mich, daß er

unverbesserlich ist. Aber würde es edel von mir gehandelt sein, ein Volk,

dessen Wohlfahrt der Endzweck meiner Bemühungen war, ein Volk, welches

mich als seinen Wohltäter ansieht, den Launen dieses weibischen Menschen,

und der Raubsucht seiner Schmeichler und Sklaven Preis zu geben? Was für

Pflichten hab' ich gegen ihn, welche sein undankbares, niederträchtiges

Verfahren gegen mich nicht aufgehoben, und vernichtet hätte? Oder wenn

ich noch Pflichten gegen ihn habe; sind nicht diejenigen unendlichmal

heiliger, welche mich an ein Land binden, das durch meine Wahl, und die

Dienste, die ich ihm geleistet habe, mein zweites Vaterland worden

ist?--Wer ist denn dieser Dionys? Was für ein Recht hat er an die höchste

Gewalt, der er sich anmaßt? Wem anders als dem Agathon hat er das einzige

Recht zu danken, worauf er sich mit einigem Schein berufen kann? Seit

wenn ist er aus einem von aller Welt verabscheueten Tyrannen ein König

geworden, als seit dem ich ihm durch eine gerechte und wohltätige

Regierung die Liebe des Volks zugewandt habe? Er ließ mich arbeiten; er

verbarg seine Laster hinter meine Tugenden; eignete sich meine Verdienste

zu, und genoß die Früchte davon, der Undankbare!--und nun, da er sich

stark genug glaubt, mich entbehren zu können, überläßt er sich wieder

seinem eigenen Charakter, und fängt damit an, alles Gute das ich in seinem

Namen getan habe, wieder zu vernichten; gleich als ob er sich schäme, eine

Zeitlang aus seinem Charakter getreten zu sein, und als ob er nicht genug

eilen könne, die ganze Welt zu belehren, daß es Agathon, nicht Dionys

gewesen sei, der den Sicilianern eine Morgenröte beßrer Zeiten gezeigt,

und Hoffnung gemacht, sich von den Mißhandlungen einer Reihe schlimmer

Regenten wieder zu erholen. Was würd' ich also sein, wenn ich sie in

solchen Umständen verlassen wollte, wo sie meiner mehr als jemals

benötiget sind? Nein--Dionys hat Beweise genug gegeben, daß er

unverbesserlich ist, und durch die Nachsicht gegen seine Laster nur in der

lächerlichen Einbildung bestärkt wird, daß man ihnen Ehrfurcht schuldig

sei. Es ist Zeit der Komödie ein Ende zu machen, und diesem kleinen

Theater-Könige den Platz anzuweisen, wozu ihn seine persönliche

Eigenschaften bestimmen."

Unsere Leser sehen aus dieser Probe der geheimen Gespräche, welche Agathon

mit sich selbst hielt, daß er noch weit davon entfernt ist, sich von

diesem enthusiastischen Schwung der Seele Meister gemacht zu haben, der

bisher die Quelle seiner Fehler sowohl als seiner schönsten Taten gewesen

ist. Wir haben keinen Grund in die Aufrichtigkeit dieses Monologen

einigen Zweifel zu setzen; seine Seele war gewohnt, aufrichtig gegen sich

selbst zu sein. Wir können also als gewiß annehmen, daß er zu dem

Entschluß, eine Empörung gegen den Dionys zu erregen, durch eben so

tugendhafte Gesinnungen getrieben zu werden glaubte, als diejenigen waren,

welche fünfzehn Jahre später einen der edelsten Sterblichen, die jemals

gelebt haben, den Timoleon von Corinth, aufmunterten, die Befreiung

Siciliens zu unternehmen. Allein es ist darum nicht weniger gewiß, daß

die lebhafte Empfindung des persönlichen Unrechts, welches ihm zugefüget

wurde, der Unwille über die Undankbarkeit des Dionys, und der Verdruß sich

einer verachtenswürdigen Buhler-Intrigue aufgeopfert zu sehen, einen

großen Einfluß in seine gegenwärtige Denkens-Art gehabt, und zur

Entzündung dieses heroischen Feuers, welches in seiner Seele brannte,

nicht wenig beigetragen habe. Im Grunde hatte er keine andre Pflichten

gegen die Sicilianer, als welche aus seinem Vertrag mit dem Dionys

entsprangen, und vermöge eben dieses Vertrags aufhörten, so bald diesem

seine Dienste nicht mehr angenehm sein würden. Syracus war nicht sein

Vaterland. Dionys hatte durch die stillschweigende Anerkenntnis der

Erbfolge, kraft deren er nach seines Vaters Tode den Thron bestieg, eine

Art von Recht erlangt. Agathon selbst würde sich nicht in seine Dienste

begeben haben, wenn er ihn nicht für einen rechtmäßigen Fürsten gehalten

hätte. Die nämlichen Gründe, welche ihn damals bewogen hatten, die

Monarchie der Republik vorzuziehen, und aus diesem Grunde sich bisher den

Absichten des Dion zu widersetzen, bestunden noch in ihrer ganzen Stärke.

Es war sehr ungewiß, ob eine Empörung gegen den Dionys die Sicilianer

würklich in einen glücklichern Stand setzen, oder ihnen nur einen andern,

und vielleicht noch schlimmern Herrn geben würde, da sie schon so viele

Proben gegeben hatten, daß sie die Freiheit nicht ertragen könnten.

Dionys hatte Macht genug, seine Absetzung schwer zu machen; und die

verderblichen Folgen eines Bürgerkriegs waren die einzigen gewissen Folgen,

welche man von einer so zweifelhaften Unternehmung voraussehen

konnte--Alle diese Betrachtungen würden kein geringes Gewicht auf der

Waagschale einer kalten unparteiischen überlegung gemacht, und vermutlich

den entgegenstehenden Gründen das Gleichgewicht gehalten haben. Aber

Agathon war weder kalt noch unparteiisch; er war ein Mensch. Seine

Eigenliebe war an ihrem empfindlichsten Teil verletzt worden. Der Affekt,

in welchen er dadurch gesetzt werden mußte, gab allen Gegenständen, die er

vor sich hatte, eine andre Farbe. Dionys, dessen Laster er ehmals mit

freundschaftlichen Augen als Schwachheiten betrachtet hatte, stellte sich

ihm itzt in der häßlichen Gestalt eines Tyrannen dar. Je besser er vorhin

von Philistus gedacht hatte, desto abscheulicher fand er itzt seinen

Charakter, nachdem er ihn einmal falsch und niederträchtig gefunden hatte;

es war nichts so schlimm und schändlich, das er einem solchen Manne nicht

zutraute. Die reizenden Bilder, welche er sich von der Glückseligkeit

Siciliens unter seiner Verwaltung gemacht hatte, erhielten durch den Unmut,

sie vor seinen Augen vernichten zu sehen, eine desto größere Gewalt über

seine Einbildungs-Kraft. Es war ihm unerträglich, Leute, welche nur darum

seine Feinde waren, weil sie Feinde alles Guten, Feinde der Tugend und der

öffentlichen Wohlfahrt waren, einen solchen Sieg davontragen zu lassen.

Er hielt es für eine allgemeine Pflicht, sich den Unternehmungen der Bösen

zu widersetzen, und die Stelle, welche er beinahe zwei Jahre lang in

Sicilien behauptet hatte, machte (wie er glaubte) seinen Beruf zur

besondern Ausübung dieser Pflicht in gegenwärtigem Falle unzweifelhaft.

Diese Betrachtungen hatten, außer ihrer eigentümlichen Stärke, noch sein

Herz und seine Einbildungs-Kraft auf ihrer Seite; und mußten also

notwendig alles überwägen, was die Klugheit dagegen einwenden konnte.

Sobald Agathon seinen Entschluß genommen hatte, so arbeitete er an der

Ausführung desselben. Dion, welcher sich damals zu Athen befand, hatte

einen beträchtlichen Anhang in Sicilien, durch welchen er bisher alle

mögliche Bewegungen gemacht hatte, seine Zurückberufung von dem Prinzen zu

erhalten. Er hatte sich deshalben vorzüglich an den Agathon gewandt, so

bald ihm berichtet worden war, in welchem Ansehen er bei Dionysen stehe.

Aber Agathon dachte damals nicht so gut von dem Charakter Dions als die

Akademie zu Athen; eine Tugend, welche mit Stolz, Unbiegsamkeit und

Austerität vermischt war, schien ihm, wo nicht verdächtig, doch wenig

liebenswürdig; er besorgte mit einiger Wahrscheinlichkeit, daß die

Gemüts-Art dieses Prinzen ihn niemals ruhig lassen, und daß er, ungeachtet

seiner republikanischen Grundsätze, eben so ungelehrig sein würde, das

höchste Ansehen im Staat mit jemand zu teilen, als ohne Ansehen zu leben.

Er hatte also, anstatt seine Zurückberufung bei dem Dionys zu befördern,

diesen der äußersten Abneigung, die er davor zeigte, überlassen, und sich

durch diese Aufführung einiges Mißvergnügen von Seiten der Freunde Dions

zugezogen, welche es ihm eben so übel nahmen, daß er nichts für diesen

Prinzen tat, als ob er gegen ihn agiert hätte. Allein seitdem seine

eigene Erfahrung das schlimmste, was Dionysens Feinde von ihm denken

konnten, rechtfertigte, hatte sich auch seine Gesinnung gegen den Dion

gänzlich umgewandt. Dieser Prinz, welcher unstreitig große Eigenschaften

besaß, stellte sich ihm itzt unter dem Bilde eines rechtschaffenen Mannes

dar, in welchem der langwierige Anblick des gemeinen Elendes unter einer

heillosen Regierung, und die immer vergebliche Bemühung, dem reißenden

Strom der Verderbnis entgegen zu arbeiten, einen anhaltenden gerechten

Unmut erregt hat, der ungeachtet des Scheins einer gallsüchtigen

Melancholie, im Grunde die Frucht der edelsten Menschenliebe ist. Er

beschloß also, mit ihm gemeine Sache zu machen. Er entdeckte sich den

Freunden Dions, welche, erfreut über den Beitritt eines Mannes, der durch

seine Talente und seine Gunst beim Volke ihrer Partei das übergewicht zu

geben vermögend war, ihm hinwieder die ganze Beschaffenheit der

Angelegenheiten Dions, die Anzahl seiner Freunde, und die geheimen

Anstalten entdeckten, welche in Erwartung irgend eines günstigen Zufalls,

bereits zu seiner Zurückkunft nach Sicilien gemacht worden waren: Und so

wurde Agathon in kurzer Zeit aus einem Freund und ersten Minister des

Dionys, das Haupt einer Konspiration gegen ihn, an welcher alle diejenigen

Anteil nahmen, die aus edlern oder eigennützigern Bewegursachen, mit der

gegenwärtigen Verfassung unzufrieden waren. Agathon entwarf einen Plan,

wie die ganze Sache geführt werden sollte; und dieses setzte ihn in einen

geheimen Briefwechsel mit Dion, wodurch die bessere Meinung, welche einer

von dem andern zu fassen angefangen hatte, immer mehr befestiget wurde.

Der Hof, in Lustbarkeiten und ein wollüstiges Vergessen aller Gefahren

versunken, begünstigte den Fortgang der Konspiration durch eine

Sorglosigkeit, welche so wenig natürlich schien, daß die

Zusammenverschwornen dadurch beunruhiget wurden. Sie verdoppelten ihre

Wachsamkeit, und (was bei Unternehmungen von dieser Art am meisten zu

bewundern, und dennoch sehr gewöhnlich ist) ungeachtet der großen Anzahl

derjenigen, die um das Geheimnis wußten, blieb alles so verschwiegen, daß

dem Ansehen nach niemand auf einigen Argwohn verfallen wäre, wenn nicht

auf der einen Seite die Unwahrscheinlichkeit, daß Agathon seinen Fall

würklich so gleichgültig ansehen könne, als er es zu tun schien; und auf

der andern die Nachrichten, welche von den nicht sehr geheimen Zurüstungen

des Dion eingingen, den von Natur mißtrauischen Philistus endlich

aufmerksam gemacht hätten. Von diesem Augenblick an wurde Agathon und

alle diejenige, welche als Freunde Dions bekannt waren, von tausend

unsichtbaren Augen aufs schärfste beobachtet; und es glückte endlich dem

Philist, sich eines Sklaven zu bemächtigen, der mit Briefen an Agathon von

Athen gekommen war. Aus diesen Briefen, welche die Ursachen enthielten,

warum Dion die vorhabende Landung in Sicilien nicht sobald, als es unter

ihnen verabredet gewesen, ausführen könne, erhellete zwar deutlich, daß

Agathon und die übrigen Freunde Dions an der eigenmächtigen Wiederkunft

desselben Anteil hätten; aber von einem Anschlag gegen die gegenwärtige

Regierung und die Person des Dionys, war außer einigen unbestimmten

Ausdrücken, welche ein Geheimnis zu verbergen scheinen konnten, nichts

darin enthalten. Man kann sich die Bewegung vorstellen, welche diese

Entdeckung in dem Cabinet des Dionys verursachte. Man war sich Ursachen

genug bewußt, das ärgste zu besorgen; aber eben darum hielt Philistus für

ratsamer, die Sache als ein Staats-Geheimnis zu behandeln. Agathon wurde,

unter dem Vorwande verschiedener Staats-Verbrechen in Verhaft genommen,

ohne daß dem Publico etwas bestimmtes, am allerwenigsten aber die wahre

Ursache, bekannt wurde. Man fand für besser, die Partei des Dion, (welche

man sich aus Panischem Schrecken größer vorstellte als sie würklich war)

in Verlegenheit zu setzen, als zur Verzweiflung zu treiben; und gewann

indessen, daß man sich begnügte sie aufs genaueste zu beobachten, Zeit,

sich gegen einen feindlichen überfall in gehörige Verfassung zu setzen.

Wir sind es schon gewohnt, unsern Helden niemals größer zu sehen als im

widrigen Glücke. Auf das ärgste gefaßt, was er von seinen Feinden

erwarten konnte, setzte er sich vor, ihnen den Triumph nicht zu gewähren,

den Agathon zu etwas das seiner unwürdig wäre, erniedriget zu haben. Er

weigerte sich schlechterdings, dem Philistus und Timocrates, welche zu

Untersuchung seiner angeblichen Verbrechen ernannt waren, Antwort zu geben.

Er verlangte von dem Prinzen selbst gehört zu werden, und berief sich

deshalb auf den Vertrag, der zwischen ihnen errichtet worden war. Aber

Dionys hatte den Mut nicht, eine geheime Unterredung mit seinem ehmaligen

Günstling auszuhalten. Man versuchte es, seine Standhaftigkeit durch eine

harte Begegnung und Drohungen zu erschüttern; und die schöne Cleonissa

würde ihre Stimme zu dem strengesten Urteil gegeben haben, wenn die

Furchtsamkeit des Tyrannen, und die Klugheit seines Ministers gestattet

hätten, ihren Eingebungen zu folgen. Sie mußte sich also durch die

Hoffnung zufrieden stellen lassen, die man ihr machte, ihn, sobald man

sich den Dion, auf eine oder die andere Art, vom Halse geschafft haben

würde, zu einem öffentlichen Opfer ihrer Rache-dürstenden Tugend zu machen.

Inzwischen stunden die Freunde Agathons seinetwegen in desto größern

Sorgen, da sie seinen Feinden Bosheit genug zutrauten, dem Tyrannen das

ärgste gegen ihn einzugeben; und diesem Schwachheit genug, sich von ihnen

verführen zu lassen. Denn das Unvermögen ihren Lieblingen zu widerstehen,

macht öfters wollüstige Fürsten, wider ihre natürliche Neigung, grausam.

Sie wendeten also unter der Hand alles an, was ohne einen Aufstand zu

wagen, dessen Erfolg allzu unsicher gewesen wäre, die Rettung Agathons

befördern konnte. Dion gab bei dieser Gelegenheit eine Probe seiner

Großmut, indem er durch ein freundschaftliches Schreiben an Dionysen sich

verbindlich machte, seine Kriegs-Völker wieder abzudanken, und seine

Zurückberufung als eine bloße Gnade von dem guten Willen seines Prinzen zu

erwarten, in so fern Agathon freigesprochen würde, dessen einziges

Verbrechen darin bestehe, daß er sich für seine Zurückkunft in sein

Vaterland interessiert habe. So edel dieser Schritt war, und so wohlfeil

dern Dionys dadurch die Aussöhnung mit dem Dion angetragen wurde; so würde

er doch dem Agathon wenig geholfen haben, wenn seine italienischen Freunde

nicht geeilet hätten, dem Tyrannen einen noch dringendern Beweggrund

vorzulegen. Aber zu eben dieser Zeit langten Gesandte von Tarent an, um

im Namen des Archytas, welcher alles in dieser Republik vermochte, die

Freilassung seines Freundes zu bewürken, und im Notfall zu erklären, daß

diese Republik sich genötiget sehen würde, die Partei Dions mit ihrer

ganzen Macht zu unterstützen, wofern Dionys sich länger weigern wollte,

diesem Prinzen sowohl als dem Agathon vollkommne Gerechtigkeit widerfahren

zu lassen. Dionys kannte den Charakter des Archytas zu gut, um an dem

Ernst dieser Drohung zweifeln zu können. Er hoffte sich also am besten

aus der Sache zu ziehen, wenn er unter der Versicherung, daß er von einer

Aussöhnung mit seinem Schwager nicht abgeneigt sei, in die Entlassung

Agathons einwilligte. Aber dieser erklärte sich, daß er seine Entlassung

weder als eine Gnade von dem Dionys annehmen, noch der Fürbitte seiner

Freunde zu danken haben wolle. Er verlangte, daß die Verbrechen, um

derentwillen er in Verhaft genommen worden, öffentlich angezeigt, und in

Gegenwart des Dionys, der Gesandten von Tarent und der Vornehmsten zu

Syracus, untersucht, seine Rechtfertigung gehört, und sein Urteil nach den

Gesetzen ausgesprochen werden sollte. Da er sich bewußt war, daß außer

seinen neuerlichen Verbindungen mit dem Dion, welche leicht zu

rechtfertigen waren, seine boshaftesten Hässer nichts mit einigem Schein

der Wahrheit gegen ihn aufbringen könnten; so hatte er gut auf eine so

feierliche Untersuchung zu dringen. Aber dazu konnten es die Cleonissen

und die Philiste, und der Tyrann selbst, der bei allem diesem sehr

verlegen war, nicht kommen lassen; und da die Tarentiner ihnen keine Zeit

lassen wollten, die Sache in die Länge zu ziehen; so sahe Dionys sich

endlich genötiget, öffentlich zu erklären: Daß eine starke Vermutung, als

ob Agathon sich in eine Konspiration gegen ihn habe verwickeln lassen, die

einzige Ursache seines Verhafts gewesen sei; und daß er keinen Augenblick

anstehen wolle, ihm seine Freiheit wiederzugeben, sobald er sich, unter

Verbürgung der Tarentiner, durch ein feirliches Versprechen, auf keinerlei

Weise künftighin gegen Dionysen etwas zu unternehmen, sich von diesem

Verdacht am besten gereiniget haben werde. Die Bereitwilligkeit, womit

die Gesandten von Tarent sich diesen Antrag gefallen ließen, bewies, daß

es dem Archytas allein um die Befreiung Agathons zu tun war; und wir

werden vielleicht in der Folge den Grund entdecken, warum dieses Haupt

einer in diese Sache nicht unmittelbar verwickelten Republik, sich dieses

Punkts mit so außerordentlichem Eifer annahm. Aber Agathon, der seine

Freiheit keinem unedeln Schritt zu danken haben wollte, konnte lange nicht

überredet werden, eine Erklärung von sich zu geben, welche als eine Art

von Geständnis angesehen werden konnte, daß er die Partei, die er genommen

hatte, verleugne. Doch diese in Ansehung seiner Umstände, in der Tat

allzuspitzfündige Delikatesse mußte endlich der gründlichern Betrachtung

weichen, daß er durch Ausschlagung eines so billig scheinenden Verglichs

sich selbst in Gefahr setzen würde, ohne daß seiner Partei einiger Vorteil

dadurch zuginge; indem Dionys viel eher einwilligen würde, ihn in der

Stille aus dem Wege räumen zu lassen, als zu zugeben, daß er mit soviel

neuen Reizungen zur Rache die Freiheit bekommen sollte, der Faktion des

Dions wieder neues Leben einzuhauchen, und sich mit diesem Prinzen zu

seinem Untergang zu vereinigen. Die reizenden Schilderungen, so ihm die

Tarentiner von dem glücklichen Leben machten, welches in dem ruhigen

Schoße ihres Vaterlandes, und in der Gesellschaft seiner Freunde auf ihn

warte, vollendeten die Würkung, welche natürlicher Weise der gewaltsame

Zustand von Unruhe, Sorgen und heftigen Leidenschaften, worin er einige

Zeit her gelebt hatte, auf ein Gemüte wie das seinige machen mußte; und

gaben ihm zu gleicher Zeit den ganzen Abscheu vor dem geschäftigen Leben,

welchen er nach seiner Verbannung von Athen dagegen gefaßt, und den ganzen

Hang, welchen er zu Delphi für das Kontemplative gehabt hatte, wieder. Er

bequemte sich also endlich, einen Schritt zu tun, der ihm von den Freunden

Dions für eine feigherzige Verlassung der guten Sache ausgelegt wurde; in

der Tat aber das einzige war, was ihm in den Umständen, worin er sich

befand, vernünftiger Weise zu tun übrig blieb. Wie viel dunkle Stunden

würde er sich selbst, und wie viele Sorgen und Mühe seinen Freunden

erspart haben, wenn er dem Rate des weisen Aristippus ein paar Monate

früher gefolget hätte!

Einer von den zuverlässigsten und seltensten Beweisen der Tugend eines

ersten Ministers ist, wenn er armer oder doch wenigstens nicht reicher in

seine einsame Hütte zurückkehrt, als er gewesen war, da er auf den

Schauplatz des öffentlichen Lebens versetzt wurde. Die Epaminondas, die

Walsinghams, die More, und Tessins sind freilich zu allen Zeiten selten;

aber wenn etwas, welches den verstocktesten Tugend-Leugner, einen Hippias

selbst, zwingen muß, die Würklichkeit der Tugend zu gestehen, und auch

wider seinen Willen ihre Göttlichkeit zu erkennen: So sind es die

Beispiele solcher Männer. Der Himmel verhüte, daß ich die Hippiasse

jemals einer andern Widerlegung würdigen sollte! Sie mögen nach Aekerö

reisen! Und wenn sie den einzigen Anblick unter dem Himmel, auf welchen

(nach dem Ausdruck eines weisen Alten) die Gottheit selbst mit Vergnügen

herabsieht, wenn sie den ehrwürdigen Greis gesehen haben, der daselbst,

zufrieden mit der edeln beneidenswürdigen Armut des Fabricius und

Cincinnatus, doch zu tugendhaft um stolz darauf zu sein, die einzige

Belohnung eines langen, ruhmwürdigen, Gott, seinem Könige und seinem

Vaterland aufgeopferten Lebens in dem stillen Bewußtsein seiner Selbst,

und (so oft er seinen Telemach erblickt) in der Hoffnung, nicht ganz

umsonst gearbeitet zu haben, findet--und, vergessen, vielleicht so gar

verfolgt von einer undankbaren Zeit, sich ruhig in seine Tugend und den

Glauben einer bessern Unsterblichkeit einhüllt--wenn sie ihn gesehen haben,

diesen wahrhaftig großen Mann, und dieser Anblick nicht zu wege bringt,

was alle Diskurse der Platonen und Seneca nicht vermocht haben--Nun, so

mögen sie glauben was sie wollen, und tun, was sie ungestraft tun können;

sie verdienen eben so wenig Widerlegung, als ihre Besserung möglich

ist--"Und du, ruhmvoller und liebenswürdiger alter Mann, empfange dieses

wiewohl allzuvergängliche Denkmal von einem, dessen Feder niemals durch

feiles, oder gewinnsüchtiges Lob der Großen dieser Welt entweiht worden

ist--Ich habe keine Belohnung, keinen Vorteil von dir zu hoffen--du wirst

dieses niemals lesen--Meine Absicht ist rein, wie deine Tugend--empfange

dieses schwache Merkmal einer aufrichtigen Hochachtung von einem, der

wenig Hochachtungswürdiges unter der Sonne sieht--diese, und die

Dankbarkeit für die stillen Tränen der Entzückung, die ihm (in einem Alter,

wo seine Augen zu dieser reinsten Wollust der Menschlichkeit noch nicht

versieget waren) das Lesen deiner Tugend-atmenden Briefe aus den Augen

lockte--diese Empfindungen allein haben ihn bei dieser Gelegenheit

dahingerissen--er hat sich nicht entschließen können, seinem Herzen Gewalt

anzutun--und bittet niemand, der dieses Buch lesen wird, wegen dieser

Abschweifung um Verzeihung."

Agathon hatte über den Sorgen für die Wohlfahrt Siciliens, und über der

Bemühung andre glücklich zu machen, sich selbst so vollkommen vergessen,

daß er nicht reicher aus Syracus gegangen wäre, als er gewesen war, da er

Delphi verließ, oder da er aus Athen verbannt wurde; wenn ihm nicht zu

gutem Glücke, bald nach seiner Erhebung zu einer Würde, welche ihm in

allen Griechischen Staaten kein geringes Ansehen gab, ein Teil seines

väterlichen Vermögens wieder zugefallen wäre. Die Athenienser waren

damals eben zu gewissen Handlungs-Absichten der Freundschaft des Königs

Dionys benötiget; und fanden daher für gut, ehe sie sich um die

Vermittlung Agathons bewarben, ihm durch ihre Abgesandte ein Dekret

überreichen zu lassen, kraft dessen nicht nur sein Verbannungs-Urteil

aufgehoben, sondern auch der ganze Prozeß, wodurch er ehmals seines

väterlichen Erbguts beraubt worden war, kassiert, und der unrechtmäßige

Inhaber desselben verurteilt wurde, ihm alles unverzüglich wieder

abzutreten. Agathon hatte zwar großmütiger Weise nur die Hälfte davon

angenommen; und diese war nicht so beträchtlich, daß sie für die

Bedürfnisse eines Alcibiades oder Hippias zureichend gewesen wäre: Aber es

war noch immer mehr, als ein Weiser selbst von der Sekte des Aristippus,

nötig hätte, um frei, gemächlich und angenehm zu leben; und soviel war für

einen Agathon genug.

Unser Held verweilte sich, nach dem er wieder in Freiheit war, nicht

längere Zeit zu Syracus, als er gebrauchte, sich von seinen Freunden zu

beurlauben. Dionys, welcher (wie wir wissen) den Ehrgeiz hatte, alles mit

guter Art tun zu wollen, verlangte, daß er in Gegenwart seines ganzen

Hofes Abschied von ihm nehmen sollte. Er überhäufte ihn, bei dieser

Gelegenheit, mit Lobsprüchen und Liebkosungen, und glaubte, einen sehr

feinen Staatsmann zu machen, indem er sich stellte, als ob er ungern in

seine Entlassung einwillige, und als ob sie als die besten Freunde von

einander schieden. Agathon hatte die Gefälligkeit, diesen letzten

Auftritt der Komödie mitspielen zu helfen; und so entfernte er sich, in

Gesellschaft der Gesandten von Tarent, von jedermann beurteilt, von vielen

getadelt, und von den wenigsten, selbst unter denen, welche günstig von

ihm dachten, gekannt, aber von allen Rechtschaffenen vermißt und oft

zurückgeseufzt, aus einer Stadt und aus einem Lande, worin er das

Vergnügen hatte, viele Denkmäler seiner ruhmwürdigen Administration zu

hinterlassen; und aus welchem er nichts mit sich hinausnahm, als eine

Reihe von Erfahrungen, welche ihn in dem Entschluß bestärkten--keine andre

von dieser Art mehr zu machen.

Geschichte des Agathon. Teil 2 · 第 49 / 64 题