Agathon erfuhr die hauptsächlichsten Begebenheiten, welche den Inhalt des
vorhergehenden Kapitels ausmachen, bei einem großen Gastmahl, welches sein
Freund der Kaufmann, des folgenden Tages gab, um Agathons Ankunft in
Syracus, und seine eigene Wiederkunft feirlich zu begehen. Der Name eines
Gastes, der eine Zeit lang den Griechen so viel von sich zu reden gegeben
hatte, zog unter andern Neugierigen auch den Philosophen Aristippus herbei,
der sowohl wegen der Annehmlichkeiten seines Umgangs, als wegen der Gnade,
worin er bei dem Tyrannen stund, in den besten Häusern zu Syracus sehr
willkommen war. Dieser Philosoph hatte sich, bei jener großen Migration
der schönen Geister aus Griechenland nach Syracus, auch dahin begeben,
mehr um einen beobachtenden Zuschauer abzugeben, als in der Absicht, durch
parasitische Künste die Eitelkeit des Dionys seinen Bedürfnissen zinsbar
zu machen. Agathon und Aristippus hatten einander zu Athen gekannt; aber
damals kontrastierte der Enthusiasmus des Ersten mit dem kalten Blut, und
der Humoristischen Art zu philosophieren des Andern zu stark, als daß sie
einander wahrhaftig hätten hochschätzen können, obgleich Aristipp sich
öfters bei den Versammlungen einfand, welche damals aus Agathons Haus
einen Tempel der Musen, und eine Akademie der besten Köpfe von Athen
machten. Die Wahrheit war, daß Agathon mit allen seinen schimmernden
Eigenschaften in Aristipps Augen ein Phantast, dessen Unglück er seinen
Vertrauten öfters vorhersagte--und Aristipp mit allem seinem Witz nach
Agathons Begriffen ein bloßer Sophist war, den seine Grundsätze
geschickter machten, weibische Sybariten noch sybaritischer, als junge
Republikaner zu tugendhaften Männern zu machen. Der Eindruck, welcher
beiden von dieser ehmals von einander gefaßten Meinung geblieben war,
machte sie stutzen, da sie sich nach einer Trennung von drei oder vier
Jahren so unvermutet wieder sahen. Es ging ihnen in den ersten
Augenblicken, wie es uns zu gehen pflegt, wenn uns deucht, als ob wir eine
Person kennen sollten, ohne uns gleich deutlich erinnern zu können, wer
sie ist, oder wo und in welchen Umständen wir sie gesehen haben. Das
sollte Agathon--das sollte Aristipp sein, dachte jeder bei sich selbst,
war überzeugt, daß es so sei, und hatte doch Mühe, seiner eigenen
überzeugung zu glauben. Aristipp suchte im Agathon den Enthusiasten,
welcher nicht mehr war; und Agathon glaubte im Aristipp den Sybariten
nicht mehr zu finden; vielleicht allein, weil seine Art, Personen und
Sachen ins Auge zu fassen, seit einiger Zeit eine merkliche Veränderung
erlitten hatte. Ein Umgang von etlichen Stunden lösete beiden das Rätsel
ihres anfänglichen Irrtums auf, zerstreute den Rest des alten Vorurteils,
und flößte ihnen Dispositionen ein, bessere Freunde zu werden. Unvermerkt
erinnerten sie sich nicht mehr, daß sie einander ehmals weniger gefallen
hatten; und ihr Herz liebte den kleinen Selbstbetrug, dasjenige was sie
itzt für einander empfanden, für die bloße Erneuerung einer alten
Freundschaft zu halten. Aristipp fand bei unserm Helden, eine
Gefälligkeit, eine Politesse, eine Mäßigung, welche ihm zu beweisen schien,
daß Erfahrungen von mehr als einer Art eine starke Revolution in seinem
Gemüte gewürkt haben mußten. Agathon fand bei dem Philosophen von Cyrene
etwas mehr als Witz, einen Beobachtungs-Geist, eine gesunde Art zu denken,
eine Feinheit und Richtigkeit der Beurteilung, welche den Schüler des
weisen Socrates in ihm erkennen ließen. Diese Entdeckungen flößeten ihnen
natürlicher Weise ein gegenseitiges Zutrauen ein, welches sie geneigt
machte, sich weniger vor einander zu verbergen, als man bei einer ersten
Zusammenkunft zu tun gewohnt ist. Agathon ließ seinem neuen Freunde sein
Erstaunen darüber sehen, daß die Hoffnungen, welche man sich zum Vorteil
Siciliens von Platons Ansehen bei dem Dionys gemacht, so plötzlich, und
auf eine so unbegreifliche Art, vernichtet worden. In der Tat bestund
alles was man in der Stadt davon wußte, in bloßen Mutmaßungen, die sich
zum Teil auf allerlei unzuverlässige Anekdoten gründeten, welche in
Städten, wo ein Hof ist von müßigen Leuten, die sich das Ansehen geben
wollen, als ob sie von den Geheimnissen und Intriguen des Hofes
vollkommene Wissenschaft hätten, von Gesellschaft zu Gesellschaft
herumgetragen zu werden pflegen. Aristipp hatte in der kurzen Zeit, seit
dem er sich an Dionysens Hofe aufhielt, die schwache Seite dieses Prinzen,
den Charakter seiner Günstlinge, der Vornehmsten der Stadt, und der
Sicilianer überhaupt so gut ausstudiert, daß er, ohne sich in die
Entwicklung der geheimern Triebfedern (womit wir unsre Leser schon bekannt
gemacht haben) einzulassen, den Agathon leicht überzeugen konnte, daß ein
gleichgültiger Zuseher von den Anschlägen, Dions und Platons, den Dionys
zu einer freiwilligen Niederlegung der monarchischen Gewalt zu vermögen,
sich keinen glücklichern Ausgang habe versprechen können. Er malte den
Tyrannen von seiner besten Seite als einen Prinzen ab, bei dem die
unglücklichste Erziehung ein vortreffliches Naturell nicht habe verderben
können; der von Natur leutselig, edel, freigebig, und dabei so bildsam und
leicht zu regieren sei, daß alles bloß darauf ankomme, in was für Händen
er sich befinde. Seiner Meinung nach war, eben diese allzubewegliche
Gemütsart und der Hang für die Vergnügungen der Sinnen die fehlerhafteste
Seite dieses Prinzen. Plato hätte die Kunst verstehen sollen, sich dieser
Schwachheiten selbst auf eine feine Art zu seinen Absichten zu bedienen;
aber das hätte eine Geschmeidigkeit, eine kluge Mischung von
Nachgiebigkeit und Zurückhaltung erfordert, wozu der Verfasser des
'Cratylus' und 'Timäus' niemals fähig sein werde. überdem hätte er sich
zu deutlich merken lassen, daß er gekommen sei, den Hofmeister des Prinzen
zu machen; ein Umstand, der schon für sich allein alles habe verderben
müssen. Denn die schwächsten Fürsten seien allemal diejenigen, vor denen
man am sorgfältigsten verbergen müsse, daß man weiter sehe als sie; sie
würden sich's zur Schande rechnen, sich von dem größesten Geist in der
Welt regieren zu lassen, so bald sie glauben, daß er eine solche Absicht
im Schilde führe; und daher komme es, daß sie sich oft lieber der
schimpflichen Herrschaft eines Kammerdieners oder einer Maitresse
unterwerfen, welche die Kunstgriffe besitzen, ihre Gewalt über das Gemüt
des Herrn unter sklavischen Schmeicheleien oder schlauen Liebkosungen zu
verbergen. Plato sei zu einem Minister eines so jungen Prinzen zu
spitzfindig, und zu einem Günstling zu alt gewesen; zudem habe ihm seine
vertraute Freundschaft mit dem Dion geschadet, da sie seinen heimlichen
Feinden beständige Gelegenheit gegeben, ihn dem Prinzen verdächtig zu
machen. Endlich habe der Einfall, aus Sicilien eine platonische Republik
zu machen, an sich selbst nichts getaugt. Der National-Geist der
Sicilianer sei eine Zusammensetzung von so schlimmen Eigenschaften, daß es,
seiner Meinung nach, dem weisesten Gesetzgeber unmöglich bleiben würde,
sie zur republikanischen Tugend umzubilden; und Dionys, welcher unter
gewissen Umständen fähig sei ein guter Fürst zu werden, würde, wenn er
sich auch in einem Anstoß von eingebildeter Großmut hätte bereden lassen,
die Tyrannie aufzuheben, allezeit ein sehr schlimmer Bürger gewesen sein.
Diese allgemeine Ursachen seien, was auch die nähern Veranlassungen der
Verbannung des Dion und der Ungnade oder wenigstens der Entfernung des
Platon gewesen sein mögen, hinlänglich begreiflich zu machen, daß es nicht
anders habe gehen können; sie bewiesen aber auch (setzte Aristipp mit
einer anscheinenden Gleichgültigkeit hinzu) daß ein Anderer, der sich die
Fehler dieser Vorgänger zu Nutzen zu machen wißte, wenig Mühe haben würde,
die unwürdigen Leute zu verdrängen, welche sich wieder in den Besitz des
Zutrauens und der Autorität des Tyrannen geschwungen hätten.
Agathon fand diese Gedanken seines neuen Freundes so wahrscheinlich, daß
er sich überreden ließ, sie für wahr anzunehmen. Und hier spielte ihm die
Eigenliebe einen kleinen Streich, dessen er sich nicht zu ihr vermutete.
Sie flüsterte ihm so leise, daß er ihren Einhauch vielleicht für die
Stimme seines Genius, oder der Tugend selbsten hielt, den Gedanken zu--wie
schön es wäre, wenn Agathon dasjenige zu Stande bringen könnte, was Plato
vergebens unternommen hatte. Wenigstens deuchte es ihn schön, den Versuch
zu machen; und er fühlte eine Art von ahnendem Bewußtsein, daß eine solche
Unternehmung nicht über seine Kräfte gehen würde. Diese Empfindungen
(denn Gedanken waren es noch nicht) stiegen, während daß Aristippus sprach,
in ihm auf; aber er nahm sich wohl in Acht, ihn das geringste davon
merken zu lassen; und lenkte, aus Besorgnis von einem so schlauen Höflinge
unvermerkt ausgekundschaftet zu werden, das Gespräch auf andre Gegenstände.
überhaupt vermied er alles, was die Aufmerksamkeit der Anwesenden
vorzüglich auf ihn hätte richten können, desto sorgfältiger, da er
wahrnahm, daß man einen außerordentlichen Mann in ihm zu sehen erwartete.
Er sprach sehr bescheiden, und nur so viel als die Gelegenheit
unumgänglich erfoderte, von dem Anteil, den er an der Staats-Verwaltung
von Athen gehabt hatte; ließ die Anlässe entschlüpfen, die ihm von einigen
mit guter Art (wie sie wenigstens glaubten) gemacht wurden, um seine
Gedanken von Regierungs-Sachen, und von den Syracusanischen
Angelegenheiten auszuholen; sprach von allem wie ein gewöhnlicher Mensch,
der sich auf das was er spricht versteht, und begnügte sich bei
Gelegenheit sehen zu lassen, daß er ein Kenner aller schönen Sachen sei,
ob er sich gleich nur für einen Liebhaber gab. Dieses Betragen, wodurch
er allen Verdacht, als ob er aus besondern Absichten nach Syracus gekommen
sei, von sich entfernen wollte, hatte die Würkung, daß die Meisten, welche
mit einem Erwartungsvollen Vorurteil für ihn gekommen waren, sich für
betrogen hielten, und mit der Meinung weggingen, Agathon halte in der Nähe
nicht, was sein Ruhm verspreche: ja, um sich dafür zu rächen, daß er nicht
so war, wie er ihrer Einbildung zu lieb hätte sein sollen, liehen sie ihm
noch einige Fehler, die er nicht hatte, und verringerten den Wert der
schönen Eigenschaften, welche er entweder nicht verbergen konnte, oder
nicht verbergen wollte; gewöhnliches Verfahren der kleinen Geister,
wodurch sie sich unter einander in der tröstlichen Beredung zu stärken
suchen, daß kein so großer Unterscheid, oder vielleicht gar keiner,
zwischen ihnen und den Agathonen sei--und wer wird so unbillig sein, und
ihnen das übel nehmen?
Sobald sich unser Mann allein sah, überließ er sich den Betrachtungen, die
in seiner gegenwärtigen Stellung die natürlichsten waren. Sein erster
Gedanke, sobald er gehört hatte, daß Plato entfernt, und Dionys wieder in
der Gewalt seiner ehemaligen Günstlinge und einer neuangekommenen Tänzerin
sei, war gewesen, sich nur wenige Tage bei seinem Freunde verborgen zu
halten, und sodann nach Italien überzufahren, wo er verschiedne Ursachen
hatte zu hoffen, daß er in dem Hause des berühmten Archytas zu Tarent
willkommen sein würde. Allein die Unterredung mit dem Aristippus hatte
ihn auf andre Gedanken gebracht. Je mehr er dasjenige, was ihm dieser
Philosoph von den Ursachen der vorgegangenen Veränderungen gesagt hatte,
überlegte; je mehr fand er sich ermuntert, das Werk, welches Plato
aufgegeben hatte, auf einer andern Seite, und, wie er hoffte, mit besserm
Erfolg, anzugreifen. Von tausend manchfaltigen Gedanken hin und her
gezogen, brachte er den größesten Teil der Nacht in einem Mittelstand
zwischen Entschließung und Ungewißheit zu, bis er endlich mit sich selbst
einig wurde, es darauf ankommen zu lassen, wozu ihn die Umstände bestimmen
würden. Inzwischen machte er sich auf den Fall, wenn ihn Dionys an seinen
Hof zu ziehen suchen sollte, einen Verhaltungs-Plan; er stellte sich eine
Menge Zufälle vor, welche begegnen konnten, und setzte die Maßregeln bei
sich selbst feste, nach welchen er in allen diesen Umständen handeln
wollte. Die genaueste Verbindung der Klugheit mit der Rechtschaffenheit
war die Seele davon. Sein eigner Vorteil kam dabei in gar keine
Betrachtung; dieser Punkt lag durch aus zum Grunde seines ganzen Systems;
er wollte sich durch keine Art von Banden fesseln lassen, sondern immer
die Freiheit behalten, sich so bald er sehen würde, daß er vergeblich
arbeite, mit Ehre zurückzuziehen. Das war die einzige Rücksicht, die er
dabei auf sich selbst machte. Die lebhafte Abneigung, die er, aus eigener
Erfahrung gegen alle populare Regierungs-Arten gefaßt hatte, ließ ihn
nicht daran denken, den Sicilianern zu einer Freiheit behülflich zu sein,
welche er für einen bloßen Namen hielt, unter dessen Schutz die Edeln
eines Volkes und der Pöbel einander wechselweise ärger Tyrannisieren als
es irgend ein Tyrann zu tun fähig ist; der so arg er immer sein mag, doch
durch seinen eigenen Vorteil abgehalten wird, seine Sklaven gänzlich
aufzureiben;--da hingegen der Pöbel, wenn er die Gewalt einmal an sich
gerissen hat, seinen wilden Bewegungen keine Grenzen zu setzen fähig ist.
Diese Reflexion traf zwar nur die Demokratie; aber Agathon hatte von der
Aristokratie keine bessere Meinung. Eine endlose Reihe von schlimmen
Monarchen schien ihm etwas, das nicht in der Natur ist; und ein einziger
guter Fürst, war, nach seiner Voraussetzung, vermögend, das Glück seines
Volkes auf ganze Jahrhunderte zu befestigen; da hingegen (seiner Meinung
nach) die Aristokratie anders nicht als durch die gänzliche Unterdrückung
des Volks auf einen dauerhaften Grund gesetzt werden könne, und also schon
aus dieser einzigen Ursache die schlimmste unter allen möglichen
Verfassungen sei. So sehr gegen diese beide Regierungs-Arten eingenommen
als er war, konnte er nicht darauf verfallen, sie mit einander vermischen,
und durch eine Art von politischer Chemie aus so widerwärtigen Dingen eine
gute Komposition herausbringen zu wollen. Eine solche Verfassung deuchte
ihn allzuverwickelt, und aus zu vielerlei Gewichtern und Rädern
zusammengesetzt, um nicht alle Augenblicke in Unordnung zu geraten, und
sich nach und nach selbst aufzureiben. Die Monarchie schien ihm also,
von allen Seiten betrachtet, die einfacheste, edelste, und der Analogie
des großen Systems der Natur gemäßeste Art die Menschen zu regieren; und
dieses vorausgesetzt, glaubte er alles getan zu haben, wenn er einen
zwischen Tugend und Laster hin und her wankenden Prinzen aus den Händen
schlimmer Ratgeber ziehen; durch einen klugen Gebrauch der Gewalt, die er
über sein Gemüt zu bekommen hoffte, seine Denkungs-Art verbessern; und ihn
nach und nach durch die eigentümlichen Reizungen der Tugend endlich
vollkommen gewinnen könnte. Und gesetzt auch, daß es ihm nur auf eine
unvollkommene Art gelingen würde; so hoffte er, wofern er sich nur einmal
seines Herzens bemeistert haben würde, doch immer im Stande zu sein, viel
gutes zu tun, und viel Böses zu verhindern, und auch dieses schien ihm
genug zu sein, um beim Schluß der Aktion mit dem belohnenden Gedanken,
eine schöne Rolle wohl gespielt zu haben, vom Theater abzutreten. In
diesen sanfteinwiegenden Gedanken schlummerte Agathon endlich ein, und
schlief noch, als Aristippus des folgenden Morgens wiederkam, um ihn im
Namen des Dionys einzuladen, und bei diesem Prinzen aufzuführen.
Die Seite, von der sich dieser Philosoph in der gegenwärtigen Geschichte
zeigt, stimmt mit dem gemeinen Vorurteil, welches man gegen ihn gefaßt hat,
so wenig überein, als dieses mit den gewissesten Nachrichten, welche von
seinem Leben und von seinen Meinungen auf uns gekommen sind. In der Tat
scheint dasselbe sich mehr auf den Mißverstand seiner Grundsätze und
einige ärgerliche Märchen, welche Diogenes von Laerte und Athenäus, zween
von den unzuverlässigsten Kompilatoren in der Welt, seinen Feinden
nacherzählen, als auf irgend etwas zu gründen, welches ihm unsre
Hochachtung mit Recht entziehen könnte. Es hat zu allen Zeiten eine Art
von Leuten gegeben, welche nirgends als in ihren Schriften tugendhaft sind;
Leute, welche die Verdorbenheit ihres Herzens, und ihre geheimen Laster
durch die Affektation der strengesten Grundsätze in der Sittenlehre
bedecken wollen; moralische Pantomimen, qui Curios simulant & Bacchanalia
vivunt; Leute, welche sich das Ansehen einer außerordentlichen Delikatesse
der Ohren in moralischen Dingen geben, und von dem bloßen Schall des Worts
Wollust, mit einem heiligen Schauer, errötend--oder erblassend,
zusammenfahren; kurz, Leute, welche jedermann verachten würde, wenn nicht
der größeste Haufen dazu verurteilt wäre, sich durch Masken-Gesichter,
Mienen, Gebärden, Inflexionen der Stimme, verdrehte Augen, und--weiße
Schnupftücher betrügen zu lassen. Diese vortrefflichen Leute, (welche wir
etwas genauer beschrieben haben, weil es nicht mehr gebräuchlich ist,
denenjenigen einen Bündel Heu vor die Stirne zu binden, denen man nicht
allzunahe kommen darf,) taten schon damals ihr Bestes, den guten Aristipp
für einen Wollüstling auszuschreien, dessen ganze Philosophie darin
bestehe, daß er die Forderungen unsrer sinnlichen Triebe zu Grundsätzen
gemacht, und die Kunst gemächlich und angenehm zu leben, in ein System
gebracht habe.
Es ist hier der Ort nicht, die Unbilligkeit und den Ungrund dieses Urteils
zu beweisen; und dieses ist auch so nötig nicht, nachdem bereits einer der
ehrwürdigsten und verdienstvollesten Gelehrten unsrer Zeit, ein Mann der
durch die Eigenschaften seines Verstandes und Herzens den Namen eines
Weisen verdient, wenn ihn ein Sterblicher verdienen kann, ungeachtet
seines Standes den Mut gehabt hat, in seiner kritischen Geschichte der
Philosophie diesem würdigen Schüler des Socrates Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen.
Ohne uns also um Aristipps Lehrsätze zu bekümmern, begnügen wir uns, von
seinem persönlichen Charakter so viel zu sagen als man wissen muß, um die
Person, die er an Dionysens Hofe vorstellte, richtiger beurteilen zu
können. Unter allen den vorgeblichen Weisen, welche sich damals an diesem
Hofe befanden, war er der einzige, der keine heimliche Absichten auf die
Freigebigkeit des Prinzen hatte; ob er sich gleich kein Bedenken machte,
Geschenke von ihm anzunehmen, die er nicht durch parasitische
Niederträchtigkeiten erkaufte. Durch seine natürliche Denkungs-Art eben
so sehr als durch seine, in der Tat ziemlich gemächliche Philosophie, von
Ambition und Geldgierigkeit gleich entfernt, bediente er sich eines
zulänglichen Erbguts, (welches er bei Gelegenheit durch den erlaubten
Vorteil, den er von seinen Talenten zog, zu vermehren wußte) um, nach
seiner Neigung, mehr einen Zuschauer als einen Akteur auf dem Schauplatz
der Welt vorzustellen. Da er einer der besten Köpfe seiner Zeit war, so
gab ihm diese Freiheit, worin er sich sein ganzes Leben durch erhielt,
Gelegenheit sich einen Grad von Einsicht zu erwerben, der ihn zu einem
scharfen und sichern Beurteiler aller Gegenstände des menschlichen Lebens
machte. Meister über seine Leidenschaften, welche von Natur nicht heftig
waren; frei von allen Arten der Sorgen, und in den Tumult der Geschäfte
selbst niemals verwickelt, war es ihm nicht schwer, sich immer in dieser
Heiterkeit des Geistes, und in dieser Ruhe des Gemütes zu erhalten, welche
die Grundzüge von dem Charakter eines weisen Mannes ausmachen. Er hatte
seine schönsten Jahre zu Athen, in dem Umgang mit Socrates und den
größesten Männern dieses berühmten Zeitalters zugebracht; die Euripiden
und Aristophane, die Phidias und die Polygnote, und die Wahrheit zu sagen,
auch die Phrynen, und Laiden, Damen, an denen die Schönheit die geringste
ihrer Reizungen war, hatten seinen Witz gebildet, und jenes zarte Gefühl
des Schönen in ihm entwickelt, welches ihn die Munterkeit der Grazien mit
der Severität der Philosophie auf eben diese unnachahmliche Art verbinden
lehrte, die ihm den Neid aller philosophischen Mäntel und Bärte seiner
Zeit auf den Hals zog. Nichts übertraf die Annehmlichkeit seines Umgangs;
niemand wußte so gut wie er, die Weisheit unter der gefälligen Gestalt des
lächelnden Scherzes und der guten Laune in solche Gesellschaften
einzuführen, wo sie in ihrer eignen Gestalt nicht willkommen wäre. Er
besaß das Geheimnis, den Großen selbst die unangenehmste Wahrheiten mit
Hülfe eines Einfalls oder einer Wendung erträglich zu machen, und sich an
dem langweiligen Geschlechte der Narren und Gecken, wovon die Höfe der
(damaligen) Fürsten wimmelten, durch einen Spott zu rächen, den sie dumm
genug waren, mit dankbarem Lächeln für Beifall anzunehmen. Die
Lebhaftigkeit seines Geistes und die Kenntnis, die er von allen Arten des
Schönen besaß, machte daß er wenige seines Gleichen hatte, wo es auf die
Erfindung sinnreicher Ergötzlichkeiten, auf die Anordnung eines Festes,
die Auszierung eines Hauses, oder auf das Urteil über die Werke der
Dichter, Tonkünstler, Maler und Bildhauer ankam. Er liebte das Vergnügen,
weil er das Schöne liebte; und aus eben diesem Grunde liebte er auch die
Tugend: Aber er mußte das Vergnügen in seinem Wege finden, und die Tugend
mußte ihm keine allzubeschwerliche Pflichten auflegen; dem einen oder der
andern seine Gemächlichkeit aufzuopfern, so weit ging seine Liebe nicht.
Sein vornehmster Grundsatz, und derjenige, dem er allezeit getreu blieb,
war; daß es in unsrer Gewalt sei, in allen Umständen glücklich zu sein;
des Phalaris glühenden Ochsen ausgenommen; denn wie man in diesem sollte
glücklich sein können, davon konnte er sich keinen Begriff machen. Er
setzte voraus, daß Seele und Leib sich im Stande der Gesundheit befinden
müßten, und behauptete, daß es als dann nur darauf ankomme, daß wir uns
nach den Umständen richten; anstatt, wie der große Haufe der Sterblichen,
zu verlangen, daß sich die Umstände nach uns richten sollen, oder ihnen,
zu diesem Ende Gewalt antun zu wollen. Von dieser sonderbaren
Geschmeidigkeit kam es her, daß er das vielbedeutende Lob verdiente,
welches ihm Horaz gibt, daß ihm alle Farben, alle Umstände des günstigen
oder widrigen Glückes gleich gut anstunden; oder wie Plato von ihm sagte,
daß es ihm allein gegeben war, ein Kleid von Purpur, und einen Kittel von
Sackleinwand mit gleich guter Art zu tragen.
Es ist kein schwacher Beweis, wie wenig es dem Dionys an Fähigkeit das
Gute zu schätzen gefehlt habe, daß er Aristippen um aller dieser
Eigenschaften willen höher achtete, als alle andern Gelehrten, seines
Hofes; daß er ihn am liebsten um sich leiden mochte, und sich öfters von
ihm durch einen Scherz zu guten Handlungen bewegen ließ, wozu ihn seine
Pedanten mit aller ihrer Dialektik und schulgerechten Beredsamkeit nicht
zu vermögen fähig waren.
Diese charakteristische Züge vorausgesetzt, läßt sich, deucht uns, keine
wahrscheinlichere Ursache angeben, warum Aristipp, so bald er unsern
Helden zu Syracus erblickte, den Entschluß faßte, ihn bei dem Dionys in
Gunst zu setzen, als diese; daß er begierig war zu sehen, was aus einer
solchen Verbindung werden, und wie sich Agathon in einer so schlüpfrigen
Stellung verhalten würde. Denn auf einige besondere Vorteile für sich
selbst konnte er dabei kein Absehen haben, da es nur auf ihn ankam, ohne
einen Mittelsmann zu bedürfen, sich die Gnade eines Prinzen zu Nutzen zu
machen, der in einem Anstoß von prahlerhafter Freigebigkeit fähig war, die
Einkünfte von einer ganzen Stadt an einen Luftspringer oder Citharspieler
wegzuschenken.
Dem sei indessen wie ihm wolle, so hatte Aristipp nichts angelegners, als
des nächsten Morgens den Prinzen, dem er bei seinem Aufstehen aufzuwarten
pflegte, von dem neuangekommenen Agathon zu unterhalten, und eine so
vorteilhafte Abschilderung von ihm zu machen, daß Dionys begierig wurde,
diesen außerordentlichen Menschen von Person zu kennen. Aristipp erhielt
also den Auftrag, ihn unverzüglich nach Hofe zu bringen; und er vollzog
denselben, ohne unsern Helden merken zu lassen, wieviel Anteil er an
dieser Neugier des Prinzen gehabt hatte.
Agathon sah eine so bald erfolgende Einladung als ein gutes Omen an, und
machte keine Schwierigkeit sie anzunehmen. Er erschien also vor dem
Dionys, der ihn mitten unter seinen Hofleuten auf eine sehr leutselige Art
empfing. Er erfuhr bei dieser Gelegenheit abermals daß die Schönheit eine
stumme Empfehlung an alle Menschen, welche Augen haben, ist. Diese
Gestalt des Vatikanischen Apollo, die ihm schon so manchen guten--und
schlimmen--Dienst getan, die ihm die Verfolgungen der Pythia und die
Zuneigung der Athenienser zugezogen, ihn in den Augen der thrazischen
Bacchantinnen zum Gott, und in den Augen der schönen Danae zum
liebenswürdigsten der Sterblichen gemacht hatte--Diese Gestalt, diese
einnehmende Gesichts-Bildung, diese mit Würde und Anstand
zusammenfließende Grazie, welche allen seinen Bewegungen und Handlungen
eigen war--taten ihre Würkung, und zogen ihm beim ersten Anblick die
allgemeine Bewunderung zu. Dionys, welcher als König zu wohl mit sich
selbst zufrieden war, um über einen Privat-Mann wegen irgend einer
Vollkommenheit eifersüchtig zu sein, überließ sich dem angenehmen Eindruck,
den dieser schöne Fremdling auf ihn machte. Die Philosophen hofften, daß
das Inwendige einer so viel versprechenden Außenseite nicht gemäß sein
werde, und diese Hoffnung setzte sie in den Stand, mit einem Nasenrümpfen,
welches den geringen Wert, den sie einem solchen Vorzug beilegten,
andeutete, einander zu zuraunen, daß er--schön sei. Aber die Höflinge
hatten Mühe ihren Verdruß darüber zu verbergen, daß sie keinen Fehler
finden konnten, der ihnen den Anblick so vieler Vorzüge erträglich gemacht
hätte. Wenigstens waren dieses die Beobachtungen, welche der kaltsinnige
Aristipp bei dieser Gelegenheit zu machen glaubte.
Agathon verband in seinen Reden und in seinem ganzen Betragen so viel
Bescheidenheit und Klugheit mit dieser edeln Freiheit und
Zuversichtlichkeit eines Weltmannes, worin er sich zu Smyrna vollkommen
gemacht hatte; daß Dionys in wenigen Stunden ganz von ihm eingenommen war.
Man weiß, wie wenig es oft bedarf, den Großen der Welt zu gefallen, wenn
uns nur der erste Augenblick günstig ist. Agathon mußte also dem Dionys,
welcher würklich Geschmack hatte, notwendig mehr gefallen, als irgend ein
anderer, den er jemals gesehen hatte; und das, in immerzunehmendem
Verhältnis, so wie sich, von einem Augenblick zum andern, die Vorzüge und
Talente unsers Helden entwickelten. In der Tat besaß er deren so viele,
daß der Neid der Höflinge, der in gleicher Proportion von Stunde zu Stunde
stieg, gewisser maßen zu entschuldigen war; die guten Leute würden sich
viel auf sich selbst eingebildet haben, wenn sie nur diejenigen
Eigenschaften, in einem solchen Grad, einzeln besessen hätten, welche in
ihm vereinigt, dennoch den geringsten Teil seines Wertes ausmachten. Er
hatte die Klugheit, anfänglich seine gründlichere Eigenschaften zu
verbergen, und sich bloß von derjenigen Seite zu zeigen, wodurch sich die
Hochachtung der Weltleute am sichersten überraschen läßt. Er sprach von
allem mit dieser Leichtigkeit des Witzes, welche nur über die Gegenstände
dahinglitscht, und wodurch sich oft die schalesten Köpfe in der Welt (auf
einige Zeit wenigstens) das Ansehen, Verstand und Einsichten zu haben, zu
geben wissen. Er scherzte; er erzählte mit Anmut; er machte andern
Gelegenheit sich hören zu lassen; und bewunderte die guten Einfälle,
welche dem schwatzhaften Dionys unter einer Menge von mittelmäßigen und
frostigen zuweilen entfielen, mit einer Art, welche, ohne seiner
Aufrichtigkeit oder seinem Geschmack zuviel Gewalt anzutun, diesen Prinzen
überzeugte, daß Agathon unendlich viel Verstand habe.
Die großen Herren haben gemeiniglich eine Lieblings-Schwachheit, wodurch
es sehr leicht wird, den Eingang in ihr Herz zu finden. Der große Tanzai
von Scheschian, ein Kenner übrigens von Verdiensten, kannte doch kein
größeres als die Leier gut zu spielen. Dionys hegte ein so günstiges
Vorurteil für die Cithar, daß der beste Cithar-Spieler in seinen Augen der
größeste Mann auf dem Erdboden war. Er spielte sie zwar selbst nicht;
aber er gab sich für einen Kenner, und rühmte sich die größesten Virtuosen
auf diesem wundertätigen Instrument an seinem Hofe zu haben. Zu gutem
Glücke hatte Agathon zu Delphi die Cithar schlagen gelernt, und bei der
schönen Danae, welche eine Meisterin auf allen Saiten-Instrumenten der
damaligen Zeit war, einige Lektionen genommen, die ihn vollkommen gemacht
hatten. Kurz, Agathon nahm das dritte oder vierte mal, da er mit dem
Dionys zu Nacht aß, eine Cithar, begleitete darauf einen Dithyramben des
Damon, (der von einer feinen Stimme gesungen, und von der schönen
Bacchidion getanzt wurde) und setzte seine Hoheit dadurch in eine so
übermäßige Entzückung, daß der ganze Hof von diesem Augenblick an für
ausgemacht hielt, ihn in kurzem zur Würde eines erklärten Günstlings
erhoben zu sehen. Dionys überhäufte ihn in der ersten Aufwallung seiner
Bewunderung mit Liebkosungen, welche unserm Helden beinahe allen Mut
benahmen. "Himmel!" dachte er, "was werde ich mit einem König anfangen,
der bereit ist, den ersten Neuangekommenen an die Spitze seines Staats zu
setzen, weil er ein guter Citharschläger ist?" Dieser erste Gedanke war
sehr gründlich, und würde ihm vieles Ungemach erspart haben, wenn er
seiner Eingebung gefolget hätte. Aber eine andere Stimme (war es seine
Eitelkeit, oder der Gedanke ein großes Vorhaben nicht um einer so
geringfügigen Ursache willen aufzugeben?--oder war es die Schwachheit, die
uns geneigt macht, alle Torheiten der Großen, welche Achtung für uns
zeigen, mit nachsichtvollen Augen einzusehen?) flüsterte ihm ein: Daß der
Geschmack für die Musik, und die besondere Anmutung für ein gewisses
Instrument, eine Sache sei, welche von unsrer Organisation abhange; und
daß es ihm nur desto leichter sein werde, sich des Herzens dieses Prinzen
zu versichern, je mehr er von den Geschicklichkeiten besitze, wodurch man
seinen Beifall erhalten könne.
Die Gunst, in welche er sich in so kurzer Zeit und durch so zweideutige
Verdienste bei dem Tyrannen gesetzt, stieg bald darauf, bei Gelegenheit
einer akademischen Versammlung, welche Dionys mit großen Feierlichkeiten
veranstaltete, zu einem solchen Grade, daß Philistus, der bisher noch
zwischen Furcht und Hoffnung geschwebet hatte, seinen Fall nunmehr für
gewiß hielt.
Dionys hatte vom Aristipp in der Stille vernommen, daß Agathon ehmals ein
Schüler Platons gewesen, und während seines Glücksstandes zu Athen für
einen der größesten Redner in dieser schwatzhaften Republik gehalten
worden sei. Erfreut, eine Vollkommenheit mehr an seinem neuen Liebling zu
entdecken, säumte er sich keinen Augenblick, eine Gelegenheit zu
veranstalten, wo er aus eigner Einsicht von der Wahrheit dieses Vorgebens
urteilen könnte; denn es kam ihm ganz übernatürlich vor, daß man zu
gleicher Zeit ein Philosoph, und so schön, und ein so großer
Citharschläger sollte sein können. Die Akademie erhielt also Befehl sich
zu versammeln, und ganz Syracus wurde dazu, als zu einem Fest eingeladen,
welches sich mit einem großen Schmaus enden sollte. Agathon dachte an
nichts weniger, als daß er bei diesem Wettstreit eines Haufens von
Sophisten (die er nicht ohne Grund für sehr überflüssige Leute an dem Hofe
eines guten Fürsten ansah) eine Rolle zu spielen bekommen würde; und
Aristipp hatte, aus dem obenberührten Beweggrunde, der der Schlüssel zu
seinem ganzen Betragen gegen unsern Helden ist, ihm von Dionysens Absicht
nichts entdeckt. Dieser eröffnete als Präsident der Akademie (denn seine
Eitelkeit begnügte sich nicht an der Ehre, ihr Beschützer zu sein) die
Versammlung durch einen übel zusammengestoppten, und nicht
allzuverständlichen, aber mit Platonismen reich verbrämten Diskurs,
welcher, wie leicht zu erachten, mit allgemeinem Zujauchzen begleitet
wurde; ungeachtet er dem Agathon mehr das ungezweifelte Vertrauen des
königlichen Redners in den Beifall, der ihm von Standes wegen zukam, als
die Größe seiner Gaben und Einsichten zu beweisen schien. Nach Endigung
dieser Rede, nahm die philosophische Hetze ihren Anfang; und wofern die
Zuhörer durch die subtilen Geister, die sich nunmehr hören ließen, nicht
sehr unterrichtet wurden, so fanden sie sich doch durch die Wohlredenheit
des einen, die klingende Stimme und den guten Akzent eines andern, die
paradoxen Einfälle eines dritten, und die seltsamen Gesichter, die ein
vierter zu seinen Distinktionen und Demonstrationen machte, erträglich
belustiget. Nachdem dieses Spiel einige Zeit gedauert hatte, und ein
unhöfliches Gähnen bereits zwei Dritteile der Zuhörer zu ergreifen begann,
sagte Dionys: Da er das Glück habe, seit einigen Tagen einen der
würdigsten Schüler des großen Platons in seinem Hause zu besitzen; so
ersuchte er ihn, zufrieden zu sein, daß der Ruhm, der ihm allenthalben
vorangegangen sei, den Schleier, womit seine Bescheidenheit seine
Verdienste zu verhüllen suche, hinweggezogen, und ihm in dem schönen
Agathon einen der beredtesten Weisen der Zeit entdeckt habe: Er möchte
sich also nicht weigern, auch in Syracus sich von einer so vorteilhaften
Seite zu zeigen, und sich mit den Philosophen seiner Akademie in einen
Wettstreit über irgend eine interessante Frage aus der Philosophie
einzulassen. Zu gutem Glücke sprach Dionys, der sich selbst gerne hörte,
und die Gabe der Weitläufigkeit in hohem Maße besaß, lange genug, um
unserm Manne Zeit zu geben, sich von der kleinen Bestürzung zu erholen,
worein ihn diese unerwartete Zumutung setzte. Er antwortete also ohne
Zaudern: Er sei zu früh aus den Hörsälen der Weisen auf den Markt-Platz zu
Athen gerufen, und in die Angelegenheiten eines Volkes, welches bekannter
maßen seinen Hofmeistern nicht wenig zu schaffen mache, verwickelt worden,
als daß er Zeit genug gehabt haben sollte, sich seine Lehrmeister zu
Nutzen zu machen; indessen sei er, wenn es Dionys verlange, aus Achtung
gegen ihn bereit, eine Probe abzulegen, wie wenig er das Lob verdiene,
welches ihm aus einem allzugünstigen Vorurteil beigelegt worden sei.
Dionys rief also den Philistus auf, (man weiß nicht, ob von ungefähr oder
vermög einer vorhergenommenen Abrede, wiewohl das letztere nicht
wahrscheinlich zu sein scheint,) eine Frage vorzuschlagen, für und wider
welche von beiden Seiten gesprochen werden sollte. Dieser Minister
bedachte sich eine kleine Weile, und in Hoffnung den Agathon, der ihm
furchtbar zu werden anfing, in Verlegenheit zu setzen, schlug er die Frage
vor--welche Regierungs-Form einen Staat glücklicher mache, die
Republikanische oder die Monarchische?--Man wird, dachte er, dem Agathon
die Wahl lassen, für welche er sich erklären will; spricht er für die
Republik, und spricht er gut, wie er um seines Ruhms willen genötiget ist,
so wird er dem Prinzen mißfallen; wirft er sich zum Lobredner der
Monarchie auf, so wird er sich dem Volke verhaßt machen, und Dionys wird
den Mut nicht haben, die Staats-Verwaltung einem Ausländer anzuvertrauen,
der bei seinem ersten Auftritt auf dem Schauplatz, einen so schlimmen
Eindruck auf die Gemüter der Syracusaner gemacht hat. Allein dieses mal
betrog den schlauen Mann seine Erwartung. Agathon erklärte sich,
ungeachtet er die Absicht des Philistus merkte, mit einer
Unerschrockenheit, welche diesem keinen Triumph prophezeite, für die
Monarchie; und nachdem seine Gegner, (unter denen Antisthenes und der
Sophist Protagoras alle ihre Kräfte anstrengeten, die Vorzüge der
Freistaaten zu erheben) zu reden aufgehört hatten, fing er damit an, daß
er ihren Gründen noch mehr Stärke gab, als sie selbst zu tun fähig gewesen
waren. Die Aufmerksamkeit war außerordentlich; jedermann war mehr
begierig, zu hören, wie Agathon sich selbst, als wie er seine Gegner würde
überwinden können. Seine Beredsamkeit zeigte sich in einem Lichte,
welches die Seelen der Zuhörer blendete, die Wichtigkeit des Augenblicks,
der den Ausgang seines ganzen Vorhabens entschied, die Würde des
Gegenstandes, die Begierde zu siegen, und vermutlich auch die herzliche
Abneigung gegen die Demokratie, welche ihm aus Athen in seine Verbannung
gefolget war; alles setzte ihn in eine Begeisterung, welche die Kräfte
seiner Seele höher spannte; seine Ideen waren so groß, seine Gemälde so
stark gezeichnet, mit so vielem Feuer gemalt, seine Gründe jeder für sich
selbst so schimmernd, und liehen einander durch ihre Zusammenordnung so
viel Licht; der Strom seiner Rede, der anfänglich in ruhiger Majestät
dahinfloß, wurde nach und nach so stark und hinreißend; daß selbst
diejenigen, bei denen es zum voraus beschlossen war, daß er Unrecht haben
sollte, sich wie durch eine magische Gewalt genötiget sahen, ihm innerlich
Beifall zu geben. Man glaubte den Mercur oder Apollo reden zu hören, die
Kenner (denn es waren einige zugegen, welche davor gelten konnten)
bewunderten am meisten, daß er die Kunstgriffe verschmähte, wodurch die
Sophisten gewohnt waren, einer schlimmen Sache die Gestalt einer guten zu
geben--Keine Farben, welche durch ihren Glanz das Betrügliche falscher
oder umsonst angenommener Sätze verbergen mußten; keine künstliche
Austeilung des Lichts und des Schattens. Sein Ausdruck glich dem
Sonnenschein, dessen lebender und fast geistiger Glanz sich den
Gegenständen mitteilt, ohne ihnen etwas von ihrer eigenen Gestalt und
Farbe zu benehmen.
Indessen müssen wir gestehen, daß er ein wenig grausam mit den Republiken
umging. Er bewies, oder schien doch allen die ihn hörten zu beweisen, daß
diese Art von Gesellschaft ihren Ursprung in dem wilden Chaos der Anarchie
genommen, und daß die Weisheit ihrer Gesetzgeber sich mit schwachem Erfolg
bemühet hätte, Ordnung und Konsistenz in eine Verfassung zu bringen,
welche ihrer Natur nach, in steter Unruh und innerlicher Gärung alle
Augenblicke Gefahr laufe, sich durch ihre eigene Kräfte aufzureiben, und
welche des Ruhestandes so wenig fähig sei, daß eine solche Ruhe in
derselben vielmehr die Folge der äußersten Verderbnis, und gleich einer
Windstille auf dem Meer, der gewisse Vorbote des Sturms und Untergangs
sein würde. Er zeigte, daß die Tugend, dieses geheiligte Palladium der
Freistaaten, an dessen Erhaltung ihre Gesetzgeber das ganze Glück
derselben gebunden hätten, eine Art von unsichtbaren und durch verjährten
Aberglauben geheiligten Götzen sei, an denen nichts als der Name verehrt
werde; daß man in diesen Staaten einen stillschweigenden Vertrag mit
einander gemacht zu haben scheinen sich durch den Namen und ein gewisses
Phantom von Gerechtigkeit, Mäßigung, Uneigennützigkeit, Liebe des
Vaterlandes und des gemeinen Besten von einander betrügen zu lassen; und
daß unter der Maske dieser politischen Heuchelei, unter dem ehrwürdigen
Namen aller dieser Tugenden, das Gegenteil derselben nirgends
unverschämter ausgeübt werde. Es würden, meinte er, eine Menge besonderer
Umstände, welche sich in etlichen tausend Jahren kaum einmal in irgend
einem Winkel des Erdbodens zusammenfinden könnten, dazu erfordert, um eine
Republik in dieser Mittelmäßigkeit zu erhalten, ohne welche sie von keinem
Bestand sein könne: Und daher daß dieser Fall so selten sei, und von so
vielen zufälligen Ursachen abhange, komme es, daß die meisten Republiken
entweder zu schwach wären, ihren Bürgern die mindeste Sicherheit zu
gewähren; oder daß sie nach einer Größe strebten, welche nach einer Folge
von Mißhelligkeiten, Kabalen, Verschwörungen und Bürgerkriegen endlich den
Untergang des Staats nach sich ziehe, und demjenigen, welcher Meister vom
Kampf-Platze bliebe, nichts als Einöden zu bevölkern und Ruinen wieder
aufzubauen überlasse. So gar die Freiheit, auf welche diese Staaten mit
Ausschluß aller andern Anspruch machten, finde kaum in den despotischen
Reichen Asiens weniger Platz; weil entweder das Volk sich demütiglich
gefallen lassen müsse, was die Edeln und Reichen, ihrem besondern
Interesse gemäß, schlössen und handelten; oder wenn das Volk selbst den
Gesetzgeber und Richter mache, kein ehrlicher Mann sicher sei, daß er
nicht morgen das Opfer derjenigen sein werde, denen seine Verdienste im
Wege stehen, oder die durch sein Ansehen und Vermögen reicher und größer
zu werden hoffeten. In keinem andern Staat sei es weniger erlaubt von
seinen Fähigkeiten Gebrauch zu machen, selbst zu denken, und über wichtige
Gegenstände dasjenige was man für gemeinnützlich halte, ohne Gefahr,
bekannt werden zu lassen; alle Vorschläge zu Verbesserungen würden unter
dem verhaßten Namen der Neuerungen verworfen, und zögen ihren Urhebern
geheime oder öffentliche Verfolgungen zu. Selbst die Grundpfeiler der
menschlichen Glückseligkeit, und dasjenige, was den gesitteten Menschen
eigentlich von dem Wilden und Barbaren unterscheide, Wahrheit, Tugend,
Wissenschaften, und die liebenswürdigen Künste der Musen, seien in diesen
Staaten verdächtig oder gar verhaßt; würden durch tausend im Finstern
schleichende Mittel entkräftet, an ihrem Fortgang verhindert, oder doch
gewiß weder aufgemuntert noch belohnt; und allein zu Unterstützung der
herrschenden Vorurteile und Mißbräuche verurteilt--Doch genug!--wir haben
zu viel Ursache günstiger von freien Staaten zu denken--wenn es auch nur
darum wäre, weil wir die Ehre haben unter einer Nation zu leben, deren
Verfassung selbst republikanisch ist, und in der Tat die wunderbarste Art
von Republik vorstellt, welche jemals auf dem Erdboden gesehen worden
ist--als daß wir diesen Auszug einer für den Ruhm der Freistaaten so
nachteiligen Rede ohne Widerwillen sollten fortsetzen können. Es geschah
aus diesem nämlichen Grunde, daß wir, anstatt den Diskurs des Agathon
seinem ganzen Umfange nach aus unsrer Urkunde abzuschreiben, uns begnügt
haben, einige Züge davon, als eine wiewohl sehr unvollkommene Probe des
Ganzen anzuführen. Ferne soll es allezeit von uns sein, irgend einem
Erdenbewohner die Stellung worin er sich befindet, unangenehmer zu machen,
als sie ihm bereits sein mag; oder Anlaß zu geben, daß die Gebrechen
einiger längst zerstörten Griechischen Republiken, aus denen Agathon seine
Gemälde hernahm, zur Verunglimpfung derjenigen mißbraucht werden könnten,
welche in neuern Zeiten als ehrwürdige Freistädte und Zufluchts-Plätze der
Tugend, der gesunden Denkungs-Art, der öffentlichen Glückseligkeit und
einer politischen Gleichheit, welche sich der natürlichen möglichst nähert,
angesehen werden können. Unsrer übrigens ganz unmaßgeblichen Meinung
nach, gehört die Frage, über welche hier disputiert wurde, unter die
wichtigen Fragen--ob Scaramuz, ob Scapin besser tanze--und so viele andre
von diesem Schlage, (wenn sie gleich ein ernsthafteres Ansehen haben)
worüber bis auf unsre Tage so viel Zeit und Mühe--von Gänsespulen, Papier
und Dinte nichts zu sagen--verloren worden, ohne daß sich absehen ließe,
wie, worin oder um wieviel die Welt jemals durch ihre Auflösung sollte
gebessert werden können. Wir könnten diese unsre Meinung rechtfertigen;
aber es ist unnötig; ein jeder hat die Freiheit anders zu meinen wenn er
will, ohne daß wir ihn zur Rechenschaft ziehen werden; hanc veniam petimus,
damusque vicissim; denn in der Tat, ein Buch würde niemalen zu Ende
kommen, wenn der Autor schuldig wäre, alles zu beweisen, und sich über
alles zu rechtfertigen. Wir übergehen also auch, aus einem andern Grunde,
den wir den Liebhabern der Rätsel und Logogryphen zu erraten geben, die
Lobrede, welche Agathon der monarchischen Staats-Verfassung hielt. Die
Beherrscher der Welt scheinen (mit Recht, würde Philistus sagen, denn ich
machte es an ihrem Platz auch so) ordentlicher Weise sehr gleichgültig
über die Meinung zu sein, welche man von ihrer Regierungs-Art hat--Es gibt
Fälle, wir gestehen es, wo dieses eine Ausnahme leidet--aber diese Fälle
begegnen selten, wenn man die Vorsichtigkeit gebraucht, hundert und
fünfzigtausend wohlbewaffnete Leute bereit zu halten, mit deren Beistand
man sehr wahrscheinlich hoffen kann, sich über die Meinung aller
friedsamen Leute in der ganzen Welt hinwegsetzen zu können. Sind nicht
eben diese hundert und fünfzigtausend--oder wenn ihrer auch mehr sind;
desto besser!--ein lebendiger, augenscheinlicher, ja der beste Beweis, der
alle andre unnötig macht, daß eine Nation glücklich gemacht wird?--Genug
also (und dieser Umstand allein gehört wesentlich zu unsrer Geschichte)
daß diese Rede, worin Agathon alle Gebrechen verdorbener Freistaaten und
alle Vorzüge wohlregierter Monarchien, in zwei kontrastierende Gemälde
zusammendrängte, das Glück hatte, alle Stimmen davon zu tragen, alle
Zuhörer zu überreden, und dem Redner eine Bewunderung zu zuziehen, welche
den Stolz des eitelsten Sophisten hätte sättigen können. Jedermann war
von einem Manne bezaubert, welcher so seltne Gaben mit einer so großen
Denkungs-Art und mit so menschenfreundlichen Gesinnungen vereinigte. Denn
Agathon hatte nicht die Tyrannie, sondern die Regierung eines Vaters
angepriesen, der seine Kinder wohl erzieht und glücklich zu machen sucht.
Man sagte sich selbst, was für goldene Tage Sicilien sehen würde, wenn ein
solcher Mann das Ruder führte. Er hatte nicht vergessen, im Eingang
seines Diskurses dem Verdacht vorzukommen, als ob er die Republiken aus
Rachsucht schelte, und die Monarchie aus Schmeichelei und geheimen
Absichten erhebe: Er hatte bei dieser Gelegenheit zu erkennen gegeben, daß
er entschlossen sei, nach Tarent überzugehen, um in der ruhigen Dunkelheit
des Privatstandes, welchen er seiner Neigung nach allen andern vorziehe,
dem Nachforschen der Wahrheit und der Verbesserung seines Gemüts
obzuliegen--(Redensarten, die in unsern Tagen seltsam und lächerlich
klingen würden, aber damals ihre Bedeutung und Würde noch nicht gänzlich
verloren hatten.) Jedermann tadelte oder bedaurte diese Entschließung, und
wünschte, daß Dionys alles anwenden möchte, ihn davon zurückzubringen.
Niemalen hatte sich die Neigung des Prinzen mit den Wünschen seines Volkes
so gleichstimmig befunden wie dieses mal. Die starke Zuneigung, die er
für die Person unsers Helden, und die hohe Meinung, die er von seinen
Fähigkeiten gefasset hatte, war durch diesen Diskurs auf den höchsten Grad
gestiegen. So wenig beständiges auch in Dionysens Charakter war, so hatte
er doch seine Augenblicke, wo er wünschte, daß es weniger Verleugnung
kosten möchte, ein guter Fürst zu sein. Die Beredsamkeit Agathons hatte
ihn wie die übrige Zuhörer mit sich fortgerissen; er fühlte die Schönheit
seiner Gemälde, und vergaß darüber, daß eben diese Gemälde eine Art von
Satyre über ihn selbst enthielten. Er setzte sich vor, dasjenige zu
erfüllen, was Agathon auf eine stillschweigende Art von seiner Regierung
versprochen hatte; und um sich die Pflichten, die ihm dieser Vorsatz
auferlegte, zu erleichtern, wollte er sie durch eben denjenigen ausüben
lassen, der so gut davon reden konnte. Wo konnte er ein tauglicheres
Instrument finden, den Syracusanern seine Regierung beliebt zu machen? Wo
konnte er einen andern Mann finden, der so viele angenehme Eigenschaften
mit so vielen nützlichen vereinigte?--Dionys hatte sich, wie wir schon
bemerkt haben, angewöhnt, zwischen seine Entschließungen und ihre
Ausführung so wenig Zeit zu setzen als möglich war. Alles was er einmal
wollte, das wollte er hastig und ungeduldig; denn, in so fern er sich
selbst überlassen blieb, sah er eine Sache nur von einer Seite an; und
dieses mal entdeckte er sich niemand als dem Aristipp, der nichts vergaß,
was ihn in seinem Vorhaben bestärken konnte. Dieser Philosoph erhielt
also den Auftrag, dem Agathon Vorschläge zu tun. Agathon entschuldigte
sich mit seiner Abneigung vor dem geschäftigen Leben, und bestimmte den
Tag seiner Abreise. Dionys wurde dringender. Agathon bestand auf seiner
Weigerung, aber mit einer so bescheidenen Art, daß man hoffen konnte, er
werde sich bewegen lassen. In der Tat war seine Absicht nur, die
Zuneigung eines so wenig zuverlässigen Prinzen zuvor auf die Probe zu
stellen, eh er sich in Verbindungen einlassen wollte, welche für das Glück
anderer und für seine eigene Ruhe so gute oder so schlimme Folgen haben
konnten.
Endlich, da er Ursache hatte zu glauben, daß die Hochachtung die er ihm
eingeflößt hatte, etwas mehr als ein launischer Geschmack sei, gab er
seinem Anhalten nach; aber nicht anders als unter gewissen Bedingungen,
welche ihm Dionys zugestehen mußte. Er erklärte sich, daß er allein in
der Qualität seines Freundes an seinem Hofe bleiben wollte, so lange als
ihn Dionys dafür erkennen, und seiner Dienste nötig zu haben glauben würde;
er wollte sich aber auch nicht fesseln lassen, und die Freiheit behalten
sich zurückzuziehen, so bald er sähe, daß sein Dasein zu nichts nütze sei.
Die einzige Belohnung, welche er sich befügt halte für seine Dienste zu
verlangen, sei diese, daß Dionys seinen Räten folgen möchte, so lange er
werde zeigen können, daß dadurch jedesmal das Beste der Nation, und die
Sicherheit, der Ruhm und die Privat-Glückseligkeit des Prinzen zugleich
befördert werde. Endlich bat er sich noch aus, daß Dionys niemals einige
heimliche Eingebungen oder Anklagen gegen ihn annehmen möchte, ohne ihm
solche offenherzig zu entdecken, und seine Verantwortung anzuhören.
Dionys bedachte sich um so weniger, alle diese Bedingungen zu
unterschreiben, da er entschlossen war ihn zu haben, wenn es auch die
Hälfte seines Reichs kosten sollte. Agathon bezog also die Wohnung,
welche man im Palast aufs prächtigste für ihn ausgerüstet hatte; Dionys
erklärte öffentlich, daß man sich in allen Sachen an seinen Freund Agathon,
wie an ihn selbst, wenden könne; die Höflinge stritten in die Wette, wer
dem neuen Günstling seine Unterwürfigkeit auf die sklavenmäßigste Art
beweisen könne; und Syracus sah mit froher Erwartung der Wiederkunft der
Saturnischen Zeiten entgegen.
Wir machen hier eine kleine Pause, um dem Leser Zeit zu lassen, dasjenige
zu überlegen, was er sich selbst in diesem Augenblick für oder wider
unsern Helden zu sagen haben mag. Vermutlich mag einigen der Eifer
mißfällig gewesen sein, womit er, aus Haß gegen sein undankbares Vaterland,
wider die Republiken überhaupt gesprochen; indessen daß vielleicht andere
sein ganzes Betragen, seit dem wir ihn an dem Hofe des Königs Dionys sehen,
einer gekünstelten Klugheit, welche nicht in seinem Charakter sei, und
ihm eine schielende Farbe gebe, beschuldigen werden. Wir haben uns schon
mehrmalen erklärt, daß wir in diesem Werke die Pflichten eines
Geschichtschreibers und nicht eines Apologisten übernommen haben; indessen
bleibt uns doch erlaubt, von den Handlungen eines Mannes, dessen Leben wir
zwar nicht für ein Muster, aber doch für ein lehrreiches Beispiel geben,
eben so frei nach unserm Gesichtspunkt zu urteilen, als es unsre Leser aus
dem ihrigen tun mögen. Was also den ersten Punkt betrifft, so haben wir
bereits erinnert, daß es unbillig sein würde, dasjenige was Agathon wider
die Republiken seiner Zeit gesprochen, für eine, von ihm gewiß nicht
abgezielte, Beleidigung solcher Freistaaten anzusehen, welche (wie er als
möglich erkannt hat) unter dem Einfluß günstiger Umstände, durch ihre Lage
selbst vor auswärtigem Neid, und vor ausschweifenden
Vergrößerungs-Gedanken gesichert, durch weise Gesetze, und was noch mehr
ist, durch die Macht der Gewohnheit, in einer glückseligen Mittelmäßigkeit
fortdauern, und die Gebrechen kaum dem Namen nach kennen, welche Agathon
an den Republiken seiner Zeit für unheilbar angesehen. Ob er aber diesen
letztern zuviel getan habe, mögen diejenigen entscheiden, welche mit den
besondern Umständen ihrer Geschichte bekannt sind. Hat die Empfindung des
Unrechts, welches ihm selbst zu Athen zugefügt worden, etwas Galle in
seine Kritik gemischt; so ersuchen wir unsre Leser (nicht dem Agathon zu
lieb; denn was kann diesem durch ihre Meinung von ihm zu--oder abgehen?)
sich an seinen Platz zu stellen, und sich alsdann zu fragen, wie wert
ihnen ein Vaterland sein würde, welches ihnen so mitgespielt hätte? Sie
mögen sich erinnern, daß es insgemein nur auf eine kleine Beleidigung
ihrer Eigenliebe ankommt, um ihre Hochachtung gegen eine Person in
Verachtung, ihre Liebe in Abscheu, ihre Lobsprüche in Schmähreden, ihre
guten Dienste in Verfolgungen zu verwandeln. "Wie oft, meine Herren, hat
sich schon um einer nichts bedeutenden Ursache willen, ihre ganze
Denkungs-Art von Personen und Sachen geändert?--Antworten Sie Sich selbst
so leise als Sie wollen; denn wir verlangen nichts davon zu hören; und
wenn Sie, nach diesem kleinen Blick in sich selbst, unserm Helden nicht
vergeben können, daß er ein Vaterland nicht liebte, welches alles mögliche
getan hatte, sich ihm verhaßt zu machen: So müssen wir zwar die Strenge
ihrer Sittenlehre bewundern; aber--doch gestehen, daß wir Sie noch mehr
bewundern würden, wenn Sie so lange, bis Sie gelernt hätten etwas weniger
Parteilichkeit für sich selbst zu hegen, etwas mehr Nachsicht gegen andre
sich empfohlen sein lassen wollten."
überhaupt hat man Ursache zu glauben, daß Agathon gesprochen habe wie er
dachte, und das ist zu Rechtfertigung seiner Redlichkeit genug. Und warum
sollten wir an dieser zu zweifeln anfangen? Sein ganzes Betragen, während
daß er das Herz des Tyrannen in seinen Händen hatte, bewies, daß er keine
Absichten hegete, welche ihn genötiget hätten, ihm gegen seine überzeugung
zu schmeicheln. Es ist wahr, er hatte Absichten, bei allem was er von dem
Augenblick, da er den Fuß in Dionysens Palast setzte, tat; sollte er
vielleicht keine gehabt haben? Was können wir, nach der äußersten Schärfe,
mehr fodern, als daß seine Absichten edel und tugendhaft sein sollen; und
so waren sie, wie wir bereits gesehen haben. Es scheint also nicht, daß
man Grund habe, ihm aus der Vorsichtigkeit einen Vorwurf zu machen, womit
er, in der neuen und schlüpfrigen Situation, worin er war, alle seine
Handlungen einrichten mußte, wenn sie Mittel zu seinen Absichten werden
sollten. Wir geben zu, daß eine Art von Zurückhaltung und Feinheit daraus
hervorblickt, welche nicht ganz in seinem vorigen Charakter zu sein
scheint. Aber das verdient an sich selbst keinen Tadel. Es ist noch
nicht ausgemacht, ob diese Unveränderlichkeit der Denkungs-Art und
Verhaltungs-Regeln, worauf manche ehrliche Leute sich so viel zu gute tun,
eine so große Tugend ist, als sie sich vielleicht einbilden. Die
Eigenliebe schmeichelt uns zwar sehr gerne, daß wir so wie wir sind, am
besten sind; aber sie hat Unrecht uns so zu schmeicheln. Es ist unmöglich,
daß indem alles um uns her sich verändert, wir allein unveränderlich sein
sollten; und wenn es auch nicht unmöglich wäre, so wär' es unschicklich.
Andre Zeiten erfordern andre Sitten; andre Umstände, andre Bestimmungen
und Wendungen unsers Verhaltens. In moralischen Romanen finden wir
freilich Helden, welche sich immer in allem gleich bleiben--und darum zu
loben sind--denn wie sollte es anders sein, da sie in ihrem zwanzigsten
Jahre Weisheit und Tugend bereits in eben dem Grade der Vollkommenheit
besitzen, den die Socraten und Epaminondas nach vielfachen Verbesserungen
ihrer selbst kaum im sechzigsten erreicht haben? Aber im Leben finden wir
es anders. Desto schlimmer für die, welche sich da immer selbst gleich
bleiben--Wir reden nicht von Toren und Lasterhaften--die Besten haben an
ihren Ideen, Urteilen, Empfindungen, selbst an dem worin sie vortrefflich
sind, an ihrem Herzen, an ihrer Tugend, unendlich viel zu verändern. Und
die Erfahrung lehrt, daß wir selten zu einer neuen Entwicklung unsrer
Selbst, oder zu einer merklichen Verbesserung unsers vorigen innerlichen
Zustandes gelangen, ohne durch eine Art von Medium zu gehen, welches eine
falsche Farbe auf uns reflektiert, und unsre wahre Gestalt eine Zeitlang
verdunkelt. Wir haben unsern Helden bereits in verschiedenen Situationen
gesehen; und in jeder, durch den Einfluß der Umstände, ein wenig anders
als er würklich ist. Er schien zu Delphi ein bloßer spekulativer
Enthusiast; und man hat in der Folge gesehen, daß er sehr gut zu handeln
wußte. Wir glaubten, nachdem er die schöne Cyane gedemütiget hatte, daß
ihm die Verführungen der Wollust nichts anhaben könnten, und Danae bewies,
daß wir uns betrogen hatten; es wird nicht mehr lange anstehen, so wird
eine neue vermeinte Danae, welche seine schwache Seite ausfindig gemacht
zu haben glauben mag, sich eben so betrogen finden. Er schien nach und
nach ein andächtiger Schwärmer, ein Platonist, ein Republikaner, ein Held,
ein Stoiker, ein Wollüstling; und war keines von allen, ob er gleich in
verschiedenen Zeiten durch alle diese Klassen ging, und in jeder eine
Nüance von derselben bekam. So wird es vielleicht noch eine Zeitlang
gehen--Aber von seinem Charakter, von dem was er würklich war, worin er
sich unter allen diesen Gestalten gleich blieb, und was zuletzt, nachdem
alles Fremde und Heterogene durch die ganze Folge seiner Umstände davon
abgeschieden sein wird, übrig bleiben mag--davon kann dermalen die Rede
noch nicht sein. Ohne also eben so voreilig über ihn zu urteilen, wie man
gewohnt ist, es im täglichen Leben alle Augenblicke zu tun--wollen wir
fortfahren, ihn zu beobachten, die wahren Triebräder seiner Handlungen so
genau als uns möglich sein wird auszuspähen, keine geheime Bewegung seines
Herzens, welche uns einigen Aufschluß hierüber geben kann, entwischen
lassen, und unser Urteil über das Ganze seines moralischen Wesens so lange
zurückhalten, bis--wir es kennen werden.