Eine Probe, daß die Philosophie so gut zaubern könne, als die Liebe

Die vorläufigen Nachrichten, welche wir dem Leser zu geben haben,

entfernen uns ziemlich lange von unserm Helden; allein, für Eins, so sind

sie zum Verständnis des Folgenden unentbehrlich; und fürs Andere, so

hätten wir auch dermalen nichts wichtigers von ihm zu sagen, als daß er im

Begriff sei, den Hausgöttern seines Freundes, des Kaufmanns, eine

andächtige Libation zu bringen, mit seiner Familie Bekanntschaft zu machen,

und nach einer leichten Abendmahlzeit von den Beschwerden der Seefahrt

auszuruhen.

Dion sah die Ausschweifungen des Dionys mit der Verachtung eines

kaltsinnigen Philosophen an, der keine Lust hatte Teil daran zu nehmen;

und mit dem Verdruß eines Staatsmannes, der sich in Gefahr sah, durch

einen Haufen junger Wollüstlinge, Lustigmacher, Pantomimen und Narren,

welche kein anderes Verdienst hatten, als den Prinzen zu belustigen, von

dem Ansehen, und dem Anteil an der Regierung, der ihm aus so guten Gründen

gebührte, nach und nach ausgeschlossen zu werden. Bei solcher Bewandtnis

hatte der Patriotismus das schönste Spiel, und die großen Beweggründe der

allgemeinen Wohlfahrt, die uneigennützige Betrachtung der verderblichen

Folgen, welche aus einer so heillosen Beschaffenheit des Hofes über den

ganzen Staat daherstürzen mußten, wurden durch jene geheimern Triebfedern

so kräftig unterstützt, daß er den festen Entschluß faßte, alles zu

versuchen, um seinen Verwandten auf einen bessern Weg zu bringen.

Er urteilte, den Grundsätzen Platons zufolge, daß die Unwissenheit des

Dionysius, und die Gewohnheit unter dem niedriggesinntesten Pöbel (es

waren mit alle dem junge Herren von sehr gutem Adel darunter) zu leben,

die Haupt-Quelle seiner verdorbenen Neigungen sei. Diesem nach hielt er

sich seiner Verbesserung versichert, wenn er die beste Gesellschaft um ihn

her versammeln, und ihm diese edle Wissensbegierde einflößen könnte,

welche bei denenjenigen, die von ihr begeistert sind, die animalischen

Triebe wo nicht gänzlich zu unterdrücken, doch gewiß zu dämmen und zu

mäßigen pflegt. Er ließ also keine Gelegenheit vorbei (und die

unzählichen Fehler, welche täglich in der Staats-Verwaltung gemacht wurden,

gaben ihm Gelegenheit genug) dem Tyrannen die Notwendigkeit vorzustellen,

Männer von einem großen Ruf der Weisheit um sich zu haben; und er führte

so viele Beweggründe an, daß er, unter einer Menge sehr erhabener, die an

einem Dionysius verloren gingen, endlich auch den einzigen traf, der seine

Eitelkeit interessierte. Doch selbst dieser schlüpfte nur leicht an

seinen Ohren hin, und ob er gleich dem Dion immer Recht gab, und die

besondern Unterredungen, welche sie über dergleichen Materien hatten,

allemal mit der Versicherung beschloß, daß er nicht ermangeln werde, von

so gutem Rat, Gebrauch zu machen; so würde doch schwerlich jemals mit

Ernst daran gedacht worden sein, wenn nicht ein kleiner physikalischer

Umstand dazu gekommen wäre, der den Vorstellungen des weisen Dion eine

Stärke gab, die nicht ihre eigene war.

Dionysius hatte, man weiß nicht aus welcher Veranlassung, seinem Hof, der

an Glanz und verschwenderischer üppigkeit es mit den Asiatischen aufnehmen

konnte, ein Fest gegeben, welches, nach der Versicherung der

Geschichtschreiber, drei Monate in einem fort daurte. Die

ausschweifendeste Einbildungs-Kraft kann nicht weiter gehen, als auf der

einen Seite, Pracht und Aufwand, und auf der andern Schwelgerei und

asotische Freiheit an diesem langwierigen Bacchanal getrieben wurden; denn

diesen Namen verdiente es um so mehr, weil, nachdem alle andre Erfindungen

erschöpft waren, die letzten Tage des dritten Monats, welche in die

Weinlese fielen, zu einer Vorstellung des Triumphes des Bacchus und seiner

ganzen poetischen Geschichte angewendet wurden. Dionys, der durch eine

Anspielung auf seinen Namen den Bacchus machte, trieb die Nachahmung so

weit über das Original selbst, daß die Feder eines Aretin und der Griffel

eines la Fage sich unvermögend hätten bekennen müssen, weiter zu gehen.

Die Quellen der Natur wurden erschöpft, und die unmächtige Begierde ihre

Grenzen zu erweitern--Doch, wir wollen kein Gemälde machen, das bei

Gegenständen dieser Art die Absicht, Abscheu zu erwecken, bei manchen

verfehlen möchte. Genug daß Dionys mit den Silenen, Nymphen, Faunen und

Satyren, seinen Gehülfen, die Tibere und Neronen der spätern Zeiten in die

Unmöglichkeit setzte, etwas mehr als bloße Kopisten von ihm zu sein. Wer

sollte sich vorstellen, daß aus einer so schlammichten Quelle die

heftigste Liebe der Philosophie, und eine Reformation, welche ganz

Sicilien und Griechenland in Erstaunen setzte, habe entspringen

können?--"Aber im Himmel und auf Erden sind eine Menge Dinge, wovon kein

Wort in unserm Compendio steht"--sagt der Shakespearische Hamlet zu seinem

Schulfreunde, Horazio.

Das unbändigste Temperament kann auf die Weise, wie es Dionysius anging,

endlich zu paaren getrieben werden. Unsre Bacchanten fanden sich von der

Unmäßigkeit, womit sie eine so lange Zeit den Göttern der Freude geopfert,

und von der Wut womit sie ihre Orgyia beschlossen hatten, so erschöpft,

daß sie genötiget waren, aufzuhören. Insonderheit befand sich Dionyß in

einem Stande der Vernichtung, der ihm weder Hoffnung noch Begierden übrig

ließ, jemals wieder eine solche Rolle zu spielen. Zum ersten mal seit dem

berauschenden Augenblicke, da er sich im Besitz der Gewalt, allen seinen

Leidenschaften den Zügel zu lassen sah, fühlte er ein Leeres in sich, in

welches er mit Grauen hineinschaute--Zum ersten mal fühlte er sich geneigt,

Reflexionen zu machen, wenn er das Vermögen dazu gehabt hätte. Aber er

erfuhr, mit einem lebhaften Unwillen über sich selbst und alle diejenigen,

welche ihn zu einem Tier zu machen geholfen hatten, daß er nichts in sich

habe, das er dem Ekel vor allen Vergnügungen der Sinne, und der

Langenweile, worin er sich verzehrte, entgegenstellen könnte. Alles was

er indessen sehr lebhaft fühlte, war dieses, daß er mitten unter lauter

Gegenständen, welche ihm seine scheinbare Größe und Glückseligkeit

ankündigten, in dem Zustande worin er war, sich selbst gegen über eine

sehr elende Figur machte. Kurz, alle Fibern seines Wesens hatten

nachgelassen; er verfiel in eine Art von dummer Schwermut, aus welcher ihn

alle seine Höflinge nicht herauslachen, und alle seine Tänzerinnen nicht

heraustanzen konnten.

In diesem kläglichen Zustande, den ihm die natürliche Ungeduld seines

Temperaments unerträglich machte, warf er sich in die Arme des Dions, der

sich während der letzten drei Monate in ein entferntes Landgut

zurückgezogen hatte; hörte seine Vorstellungen mit einer Aufmerksamkeit an,

deren er sonst niemals fähig gewesen war; und ergriff mit Verlangen die

Vorschläge, welche ihm dieser Weise tat, um so groß und glückselig zu

werden, als er itzt in seinen eignen Augen verächtlich und elend war. Man

kann sich also vorstellen, daß er nicht die mindeste Schwierigkeiten

machte, den Plato unter allen Bedingungen, welche ihm sein Freund Dion nur

immer anbieten wollte, an seinen Hof zu berufen; er, der in dem Zustande,

worin er war, sich von dem ersten besten Priester der Cybele hätte

überreden lassen, mit Aufopferung der wertern Hälfte seiner selbst in den

Orden der Corybanten zu treten.

Dion wurde bei so starken Anscheinungen zu einer vollkommenen

Sinnes-änderung des Tyrannen von seiner Philosophie nicht wenig betrogen.

Er schloß zwar sehr richtig, daß die Rasereien des letzten Festes

Gelegenheit dazu gegeben hätten; aber darin irrte er sehr, daß er aus

Vorurteilen, die einer Philosophie eigen sind, welche gewohnt ist die

Seele, und was in ihr vorgeht, allzusehr von der Maschine in welche sie

eingeflochten ist, abzusondern, nicht gewahr wurde, daß die guten

Dispositionen des Dionys ganz allein von einem physikalischen Ekel vor den

Gegenständen, worin er bisher sein einziges Vergnügen gesucht hatte,

herrühreten. Er hielt die natürlichen Folgen der überfüllung für

Würkungen der überzeugung, worin er nunmehr stehe, daß die Freuden der

Sinne nicht glücklich machen können; er setzte voraus, daß eine Menge

Sachen in seiner Seele vorgegangen seien, woran Dionysens Seele weder

gedacht hatte, noch zu denken vermögend war; kurz, er beurteilte, wie wir

fast immer zu tun pflegen, die Seele eines andern nach seiner Eigenen, und

gründete auf diese Voraussetzung ein Gebäude von Hoffnungen, welches zu

seinem großen Erstaunen zusammenfiel, sobald Dionys--wieder Nerven hatte.

Die Berufung des Plato war eine Sache, an welcher schon geraume Zeit

gearbeitet worden war; allein er hatte große Schwierigkeiten gemacht, und

würde, ungeachtet des Zuspruchs seiner Freunde, der Pythagoräer in Italien,

welche die Bitten Dions unterstützten, auf seiner Verweigerung bestanden

sein, wenn die erfreulichen Nachrichten, die ihm Dion von der glücklichen

Gemüts-Verfassung des Tyrannen gab, und die dringenden Einladungen, die in

desselben Namen an ihn ergingen, ihm nicht Hoffnung gegeben hätten, der

Schutzgeist Siciliens, und vielleicht der Stifter einer neuen Republik

nach dem Model derjenigen, die er uns in seinen Schriften hinterlassen hat,

werden zu können.

Plato erschien also am Hofe zu Syracus mit aller Majestät eines Weisen,

dem die Größe seines Geistes ein Recht gibt, die Großen der Welt für etwas

weniger als seines gleichen anzusehen. Denn ob es gleich damals noch

keine Stoiker gab, so pflegten doch die Philosophen von Profession bereits

sehr bescheidentlich zu verstehen zu geben, daß sie in ihren eigenen Augen,

eine höhere Klasse von Wesen ausmachten, als die übrigen Erdenbewohner.

Diesesmal hatte die Philosophie das Glück eine Figur zu machen, deren

Glanz dieser hohen Einbildung ihrer Günstlinge gemäß war. Plato wurde wie

ein Gott aufgenommen, und würkte durch seine bloße Gegenwart eine

Veränderung, welche, in den Augen der erstaunten Syracusaner, nur ein Gott

zu würken mächtig genug schien. In der Tat glich das Schauspiel welches

sich demjenigen, der diesen Hof vor wenigen Wochen gesehen hatte, nunmehro

darstellte, einem Werke der Zauberei--Aber--ô! caecas hominum mentes! Wie

natürlich geht auch das außerordentlichste zu, sobald wir die wahren

Triebräder davon kennen!

Der erste Schritt, welchen der göttliche Plato in den Palast des Dionysius

tat, wurde durch ein feirliches Opfer, und die erste Stunde, worin sie

sich mit einander besprachen, durch eine Reforme, welche sich sogleich

über den ganzen Hof ausbreitete, bezeichnet. In wenigen Tagen glaubte

Plato selbst in seiner Akademie zu Athen zu sein, so bescheiden und

eingezogen sah alles in dem Hause des Prinzen aus. Die Asiatische

Verschwendung machte auf einmal der philosophischen Einfalt Platz. Die

Vorzimmer, welche vorher von schimmernden Gecken, und allen Arten

lustigmachender Personen gewimmelt hatten, stellten itzt akademische Säle

vor, wo man nichts als langbärtige Weise sah, welche einzeln oder

paarweise, mit gesenktem Haupt und gerunzelter Stirne, in sich selbst und

in ihre Mäntel eingehüllt auf und ab schritten, bald alle zugleich, bald

gar nichts, bald nur mit sich selbst sprachen, und wenn sie vielleicht am

wenigsten dachten, eine so wichtige Miene machten, als ob der geringste

unter ihnen mit nichts kleinerm umginge, als die beste Gesetzgebung zu

erfinden, oder den Gestirnen einen regelmäßigern Lauf anzuweisen. Die

üppigen Bankette, bei denen Comus und Bacchus mit tyrannischem Szepter die

ganze Nacht durch geherrschet hatten, verwandelten sich in Pythagorische

Mahlzeiten, wo man sich bei einem Braten und Salat mit sinnreichen

Gesprächen über die erhabensten Gegenstände des menschlichen Verstandes,

erlustigte; Statt frecher Pantomimen und wollüstiger Flöten ließen sich

Hymnen zum Lob der Götter und der Tugend hören; und den Gaum zum Reden

anzufeuchten, trank man aus kleinen Socratischen Bechern Wasser mit Wein

vermischt.

Dionys faßte eine Art von Leidenschaft für den Philosophen; Plato mußte

immer um ihn sein, ihn aller Orten begleiten, zu allem seine Meinung sagen.

Die begeisterte Imagination dieses sonderbaren Mannes, welche vermöge

der natürlichen Ansteckungs-Kraft des Enthusiasmus sich auch seinen

Zuhörern mitteilte, würkte so mächtig auf die Seele des Dionys, daß er ihn

nie genug hören konnte; ganze Stunden wurden ihm kürzer, wenn Plato sprach,

als ehemals in den Armen der kunsterfahrensten Buhlerin. Alles, was der

Weise sagte, war so schön, so erhaben, so wunderbar!--erhob den Geist so

weit über sich selbst--warf Strahlen von so göttlichem Licht in das Dunkel

der Seele! In der Tat konnte es nicht anderst sein, da die gemeinsten

Ideen der Philosophie für Dionysen den frischesten Reiz der Neuheit hatten.

Und nehmen wir zu allem diesem noch, daß er das wenigste recht verstund

(ob er gleich, wie viele andere seines gleichen, zu eitel war, es merken

zu lassen) noch alles verstehen konnte, weil der begeisterte Plato sich

würklich zuweilen selbst nicht allzuwohl verstund; nehmen wir ferner die

erstaunliche Gewalt, welche ein in schimmernde Bilder eingekleidetes

Galimathias über die Unwissenden zu haben pflegt; so werden wir begreifen,

daß niemals etwas natürlichers gewesen, als der außerordentliche Geschmack,

welchen Dionys an dem Gott der Philosophen, (wie ihn Cicero nennt)

gefunden; zumal da er noch über dies ein hübscher und stattlicher Mann war,

und sehr wohl zu leben wußte.

Ohne daß sich die überredungs-Kunst des göttlichen Plato, oder die

Kontagion der Philosophischen Schwärmerei darein mischte, teilte sich die

plötzliche Wissens-Begierde des Dionys, so bald man sah, daß es Ernst war,

eben so plötzlich allen seinen Höflingen mit. Nicht, als ob ihnen viel

daran gelegen gewesen wäre, ihre kleinen Affen-Seelen nach dem göttlichen

Modell der Ideen umzubilden, oder als ob sie sich darum bekümmert hätten,

was in den überhimmlischen Räumen zu sehen sei; aber sie taten doch

dergleichen; der Ton der Philosophie war nun einmal Mode; man mußte

Metaphysik in geometrischen Ausdrücken reden, um sich dem Fürsten angenehm

zu machen. Man trug also am ganzen Hofe keine andre als philosophische

Mäntel; alle Säle des Palasts waren, nach Art der Gymnasien mit Sand

bestreut, um mit allen den Dreiecken, Vierecken, Pyramiden, Achtecken und

Zwanzigecken überschrieben zu werden, aus welchen Plato seinen Gott diese

schöne runde Welt zusammenreimen läßt; alle Leute, bis auf die Köche,

sprachen Philosophie, hatten ihr Gesicht in irgend eine geometrische Figur

verzogen, und disputierten über die Materie und die Form, über das was ist

und was nicht ist, über die beiden Enden des Guten und Bösen, und über die

beste Republik. Alles dieses machte freilich ein ziemlich seltsames

Aussehen, und konnte den Verdacht erwecken, als ob Plato an dem

Syracusischen Hofe eher die Rolle eines aufgeblasenen Pedanten unter einem

Haufen unbärtiger Scholaren gespielt habe, als eines weisen Mannes, der

sich einen großen Zweck vorgesetzt hat, und die Mittel dazu, nach den

Umständen des Orts, der Zeit und der Personen, klüglich zu bestimmen weiß.

Aber man würde sich irren. Er hatte an den lächerlichen Ausschweifungen

der Hofleute wenig Anteil; ob er gleich ganz gern sah, daß diese unnütze

Hummeln, welche er nicht auf einmal austreiben konnte, auf solche

Spielwerke verfielen, die doch immer als eine Art von Vorübungen angesehen

werden konnten, wodurch sie unvermerkt von ihren vorigen Gewohnheiten

abgezogen, und durch den Geschmack an Wissenschaft zu der allgemeinen

Verbesserung, welche er zu bewürken hoffte, vorbereitet wurden. Allein

seine eigene hauptsächlichsten Bemühungen bezogen sich unmittelbar auf den

Dionysius selbst; und indem er ihn durch die Reizungen seines Umgangs und

seiner Beredsamkeit zu humanisieren, und an sich zu gewöhnen suchte,

trachtete er, ohne es allzudeutlich zu erkennen zu geben, dahin, ihm die

Verachtung seines vorigen Zustandes, die Liebe der Tugend, Begierden nach

ruhmwürdigen Taten; kurz, solche Gesinnungen einzuflößen, welche ihn durch

unmerkliche Grade von sich selbst auf die Gedanken bringen würden, ein

unrechtmäßiges Diadem von sich zu werfen, und sich an der Ehre, der erste

unter seines gleichen zu sein, genügen zu lassen. Die Anscheinungen

ließen ihn den vollkommensten Sukzeß hoffen. Dionys schien in wenigen

Tagen nicht mehr der vorige Mann. Seine Wissens-Begierde, seine

Gelehrigkeit gegen die Räte des Philosophen, das Sanfte und Ruhige in

seinem ganzen Betragen übertraf alles, was sich Dion von ihm versprochen

hatte. Ganz Syracus empfand sogleich die Würkungen dieser glücklichen

Veränderung. Er ging mit einer unglaublichen Behendigkeit von dem

höchsten Grade des tyrannischen übermuts zu der Popularität eines

Atheniensischen Archonten über; setzte alle Tage einige Stunden aus, um

jedermann mit einnehmender Leutseligkeit anzuhören, nannte sie Mitbürger,

wünschte sie alle glücklich machen zu können; machte würklich den Anfang,

verschiedene gute Anordnungen zu veranstalten, und erweckte durch so viele

günstige Vorzeichen die allgemeine Erwartung einer glückseligen Revolution,

welche nun auf einmal der Gegenstand aller Wünsche, und der Inhalt aller

Gespräche unter dem Volke wurde.

Es könnte genug sein, gegen diejenige, die eine so große und schnelle

Verwandlung eines Prinzen, den wir für ein kleines Ungeheuer von Lastern

und Ausschweifungen gegeben haben, unglaublich vorkommen möchte, uns auf

die einhellige Aussage der Geschichtschreiber zu berufen; aber wir können

noch mehr tun; es ist leicht, die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit

derselben begreiflich zu machen. Aufmerksame Leser, welche einige

Kenntnis des menschlichen Herzens haben, werden die Gründe hierzu in

unsrer bisherigen Erzählung schon von selbsten entdeckt haben. In einem

Gemüts-Zustande, worin die Leidenschaften schweigen, wo uns vor den

Ergötzungen der Sinne ekelt, und der Mangel an angenehmen Eindrücken uns

in einen beschwerlichen Mittelstand zwischen Sein und Nichtsein

versenkt--in einem solchen Zustande, ist die Seele begierig, einen jeden

Gegenstand zu umfassen, der sie aus diesem unleidlichen Stillstand ihrer

Kräfte ziehen kann, und also am besten aufgelegt, den Reiz sittlicher und

intellektualischer Schönheiten zu empfinden. Allerdings würde ein

trockner Zergliederer metaphysischer Begriffe sich nicht dazu geschickt

haben, solche Gegenstände für einen Menschen zu zurichten, der zu einer

scharfen Aufmerksamkeit eben so ungeduldig als unvermögend war. Allein

die Beredsamkeit des Homers der Philosophen wußte sie auf eine so reizende

Art für die Einbildungs-Kraft zu verkörpern, wußte die Leidenschaften und

innersten Triebe des Herzens so geschickt für sie ins Spiel zu setzen, daß

sie nicht anders als gefallen und rühren konnten. Hiezu kam noch die

Jugend des Tyrannen, welche seine noch nicht verhärtete Seele neuer

Eindrücke fähig machte. Warum sollte es also nicht möglich gewesen sein,

ihm unter solchen Umständen auf etliche Wochen die Liebe der Tugend

einzuflößen, da hiezu weiter nichts nötig war, als seinen Neigungen

unvermerkt andre Gegenstände an die Stelle derjenigen, deren er

überdrüssig war, zu unterschieben--Denn in der Tat war seine Bekehrung

nichts anders, als daß er nunmehr, anstatt irgend einer Wollust-atmenden

Nymphe, ein schönes Phantom der Tugend umarmte, und statt in Syracusischem

Weine sich in platonischen Ideen berauschte--und daß eben diese Eitelkeit,

welche ihn vor weniger Zeit angetrieben hatte, mit dem Bacchus und einer

andern Gottheit, welche wir nicht nennen dürfen, in die Wette zu eifern,

sich itzt durch die Vorstellung kitzelte, als Regent und Gesetzgeber den

Glanz der berühmtesten Männer vor ihm zu verdunkeln, die Augen der Welt

auf sich zu heften, sich von allen bewundert, und von den Weisen selbst

vergöttert zu sehen.

Daß dieses Urteil von der Bekehrung des Dionys richtig sei, hat sich in

der Folge würklich bewiesen; und man hätte, deucht uns, ohne die Gabe der

Divination zu besitzen, voraussehen können, daß eine so plötzliche

Veränderung keinen Bestand haben werde. Aber wie sollten die in einer

großen Angelegenheit verwickelten Personen fähig sein, so gelassen und

uneingenommen davon zu urteilen, wie entfernte Zuschauer, welche das Ganze

bereits vor sich liegen haben, und bei einer kalten Untersuchung des

Zusammenhangs aller Umstände sehr leicht mit vieler Zuverlässigkeit

beweisen können, daß es nicht anders habe gehen können, als wie sie wissen,

daß es gegangen ist? Plato selbst ließ sich von den Anscheinungen

betrügen, weil sie seinen Wünschen gemäß waren, und ihm zu beweisen

schienen, wieviel er vermöge. Die voreilige Freude über einen Sukzeß,

dessen er sich schon versichert hielt, ließ ihm nicht zu, sich alle die

Hindernisse, die seine Bemühungen vereiteln konnten, in der gehörigen

Stärke vorzustellen, und in Zeiten darauf bedacht zu sein, wie er ihnen

zuvorkommen möchte. Gewohnt in den ruhigen Spaziergängen seiner Akademie

unter gelehrigen Schülern idealische Republiken zu bauen, hielt er die

Rolle, die er an dem Hofe zu Syracus zu spielen übernommen hatte, für

leichter als sie in der Tat war. Er schloß immer richtig aus seinen

Prämissen; aber seine Prämissen setzten immer mehr voraus, als war; und er

bewies durch sein Exempel, daß keine Leute mehr durch den Schein der Dinge

hintergangen werden, als eben diejenige welche ihr ganzes Leben damit

zubringen, inter Sylvas Academi dem was wahrhaftig ist nachzuspähen. In

der Tat hat man zu allen Zeiten gesehen, daß es den spekulativen Geistern

nicht geglückt hat, wenn sie sich aus ihrer philosophischen Sphäre heraus

und auf irgend einen großen Schauplatz des würksamen Lebens gewaget haben.

Und wie hätte es anders sein können, da sie gewohnt waren, in ihren

Utopien und Atlantiden zuerst die Gesetzgebung zu erfinden, und erst wenn

sie damit fertig waren, sich so genannte Menschen zu schnitzeln, welche

eben so richtig nach diesen Gesetzen handeln mußten, wie ein Uhrwerk durch

den innerlichen Zwang seines Mechanismus die Bewegungen macht, welche der

Künstler haben will. Es war leicht genug zu sehen (und doch sahen es

diese Herren nicht) daß es in der würklichen Welt gerade umgekehrt ist.

Die Menschen in derselben sind nun einmal wie sie sind; und der große

Punkt ist, diejenige die man vor sich hat, nach allen Umständen und

Verhältnissen so lange zu studieren, bis man so genau als möglich weiß,

wie sie sind. Sobald ihr das wißt, so geben sich die Regeln, wornach ihr

sie behandeln müßt, wenn ihr euern Zweck erhalten wollt, von sich selbst;

dann ist es Zeit moralische Projekte zu machen--aber wenn, ihr großen

Lichter unsers alleraufgeklärtesten Jahrhunderts, wenn glaubt ihr, daß

diese Zeit für das Menschen-Geschlecht kommen werde?

Geschichte des Agathon. Teil 2 · 第 39 / 64 题