Charakter des Dion. Anmerkungen über denselben. Eine Digression

Die Syracusaner waren des Jochs schon zu wohl gewohnt, um einen Versuch zu

machen, es nach dem Tode des alten Dionysius abzuschütteln. Es war nicht

einmal soviel Tugend unter ihnen übrig, daß einige von denen, welche

besser dachten als der große Haufen, und die verächtliche Brut der

Parasiten, den Mut gehabt hätten, sich durch diese letztern hindurch bis

zu dem Ohre des jungen Prinzen zu drängen, um ihm Wahrheiten zu sagen, von

denen seine eigene Glückseligkeit eben so wohl abhing, als die Wohlfahrt

von Sicilien. Ganz Syracus hatte nur einen Mann, dessen Herz groß genug

hiezu war; und auch dieser würde sich vermutlich in eben diese sichere

aber unrühmliche Dunkelheit eingehüllet haben, worein ehrliche Leute unter

einer unglückweissagenden Regierung sich zu verbergen pflegen; wenn ihn

seine Geburt nicht berechtiget, und sein Interesse genötiget hätte, sich

um die Staats-Verwaltung zu bekümmern.

Dieser Mann war Dion, ein Bruder der Stiefmutter des Dionys, und der

Gemahl seiner Schwester; der Nächste nach ihm im Staat, und der Einzige,

der sich durch seine große Fähigkeiten, durch sein Ansehen bei dem Volke,

und durch die unermeßliche Reichtümer, die er besaß, furchtbar und des

Projekts verdächtig machen konnte, sich entweder an seine Stelle zu setzen,

oder die republikanische Verfassung wiederherzustellen. Wenn wir den

Geschichtschreibern, insonderheit dem tugendhaften und gutherzigen

Plutarch einen unumschränkten Glauben schuldig wären, so würden wir den

Dion unter die wenigen Helden und Champions der Tugend zählen müssen,

welche sich, (um dem Plato einen Ausdruck abzuborgen) zu der Würde und

Größe guter Dämonen, oder Beschützender Genien und Wohltäter des

Menschen-Geschlechts emporgeschwungen haben--welche fähig sind, aus dem

erhabenen Beweggrunde einer reinen Liebe der sittlichen Ordnung und des

allgemeinen Besten zu handeln, und über dem Bestreben, andere glücklich zu

machen, sich selbst aufzuopfern, weil sie unter dieser in die Sinne

fallenden sterblichen Hülle ein edleres Selbst tragen, welches seine

angeborne Vollkommenheit desto herrlicher entfaltet, je mehr jenes

animalische Selbst unterdrückt wird--welche im Glück und im Unglück gleich

groß, durch dieses nicht verdunkelt werden, und von jenem keinen Glanz

entlehnen, sondern immer sich selbst genugsam, Herren ihrer Leidenschaften,

und über die Bedürfnisse gemeiner Seelen erhaben, eine Art von

sublunarischen Göttern sind. Ein solcher Charakter fällt allerdings gut

in die Augen, ergötzt den moralischen Sinn (wenn wir anders dieses Wort

gebrauchen dürfen, ohne mit Hutchinson zu glauben, daß die Seele ein

besonderes geistiges Werkzeug, die moralische Dinge zu empfinden habe) und

erweckt den Wunsch, daß er mehr als eine schöne Schimäre sein möchte.

Aber wir gestehen, daß wir, aus erheblichen Gründen, mit zunehmender

Erfahrung, immer mißtrauischer gegen die menschlichen--und warum also

nicht gegen die übermenschlichen Tugenden werden.

Es ist wahr, wir finden in dem Leben Dions Beweise großer Fähigkeiten, und

vorzüglich einer gewissen Erhabenheit und Stärke des Gemüts, die man

gemeiniglich mit gröbern, weniger reizbaren Fibern und derjenigen Art von

Temperament verbunden sieht, welches ungesellig, ernsthaft, stolz und

spröde zu machen pflegt. An jede Art von Temperament grenzen wie man weiß,

gewisse Tugenden; und wenn es sich noch fügt, daß die Entwicklung dieser

Anlage zu demselben durch günstige Umstände befördert wird, so ist nichts

natürlichers, als daß sich daraus ein Charakter bildet, der durch gewisse

hervorstechende Tugenden blendet, die eben darum zu einer völligern

Schönheit gelangen, weil kein innerlicher Widerstand sich ihrem Wachstum

entgegensetzt. Diese Art von Tugenden finden wir bei dem Dion in großem

Grade: Aber ihm, oder irgend einem andern ein Verdienst daraus machen,

wäre eben so viel, als einem Athleten die Elastizität seiner Sehnen, oder

einem gesunden blühenden Mädchen ihre gute Farbe und die Wölbung ihres

Busens als Verdienste anrechnen, welche ihnen ein Recht an die allgemeine

Hochachtung geben sollten. Ja, wenn Dion sich durch diejenige Tugenden

vorzüglich unterschieden hätte, zu denen er von Natur nicht aufgelegt war;

und wenn er es so weit gebracht hätte, sie mit eben der Leichtigkeit und

Grazie auszuüben, als ob sie ihm angeboren wären--aber wie viel daran

fehlte, daß er der Philosophie seines Lehrers und Freundes Platon soviel

Ehre gemacht hätte, davon finden wir in den eigenen Briefen dieses Weisen,

und in dem Betragen Dions in den wichtigsten Auftritten seines Lebens die

zuverlässigsten Beweise: Niemals konnte er es dahin bringen, oder

vielleicht gefiel es ihm nicht, den Versuch zu machen, und beides läuft

auf Eines hinaus, diese Austerität, diese Unbiegsamkeit, diese wenige

Gefälligkeit im Umgang, welche die Herzen von sich zurückstieß, zu

überwinden. Vergebens ermahnte ihn Plato den Huldgöttinnen zu opfern, und

erinnerte ihn, daß Sprödigkeit sich nur für Einsiedler schicke; Dion

bewies durch seine Ungelehrigkeit über diesen Punkt, daß die Philosophie

ordentlicher Weise uns nur die Fehler vermeiden macht, zu denen wir keine

Anlage haben, und uns nur in solchen Tugenden befestiget, zu denen wir

ohnehin geneigt sind.

Indessen war er nichts desto weniger derjenige, auf welchen ganz Sicilien

die Augen gerichtet hatte. Die Weisheit seines Betragens, seine Abneigung

von allen Arten der sinnlichen Ergötzungen, seine Mäßigung, Nüchternheit

und Frugalität, erwarben ihm desto mehr Hochachtung, je stärker sie mit

der zügellosen Schwelgerei und Verschwendung des Tyrannen kontrastierte.

Man sah, daß er allein im Stande war, ihm das Gleichgewicht zu halten, und

man erwartete das Beste von ihm, es sei nun daß er sich der Regierung für

sich selbst, oder die jungen Söhne seiner Schwester bemächtigen, oder sich

begnügen würde, der Mentor des Dionysius zu sein.

Die natürliche Unempfindlichkeit Dions gegen die Reizungen der Wollust,

welche den Syracusanern soviel Vertrauen zu ihm gab, blendete in der Folge

auch die Griechen des festen Landes, zu denen er sich vor dem Tyrannen zu

flüchten genötiget wurde. Selbst die Akademie, diese damals so berühmte

Schule der Weisheit, scheint stolz darauf gewesen zu sein, einen so nahen

Verwandten des wiewohl unrechtmäßigen Beherrschers von Sicilien, unter

ihre Pflegsöhne zählen zu können. Die königliche Pracht, welche er in

seiner Lebensart affektierte, war in ihren Augen (so gewiß ist es, daß

auch weise Augen manchmal durch die Eitelkeit verfälscht werden) der

Ausdruck der innern Majestät seiner Seele; sie schlossen ungefähr nach

eben der Logik, welche einen Verliebten von den Reizungen seiner Dame auf

die Güte ihres Herzens schließen macht; und sahen nicht, oder wollten

nicht sehen, daß eben dieser von den republikanischen Sitten so weit

entfernte Pomp ein sehr deutliches Zeichen war, daß es weniger einer

Erhabenheit über die gewöhnlichen Schwachheiten der Großen und Reichen,

als dem Mangel der Begierden zu zuschreiben sei, wenn derjenige gegen die

Vergnügungen der Sinne gleichgültig war, der sich von der Eitelkeit

dahinreißen ließ, durch ein Gepränge mit Reichtümern, deren er sich als

der Früchte seiner Verhältnisse mit der Familie des Tyrannen vielmehr

hätte schämen sollen, unter einem freien Volke sich unterscheiden zu

wollen.

Doch, indem ich diese Gelegenheit ergreife, die übertriebene Lobsprüche zu

mäßigen, welche an die Günstlinge des Glückes verschwendet zu werden

pflegen, sobald sie einigen Schimmer der Tugend von sich werfen; begehre

ich nicht in Abrede zu sein, daß Dion, so wie er war, einen Thron eben so

würdig erfüllt haben würde, als wenig er sich schickte, mit einem durch

die lange Gewohnheit der Fesseln entnervten Volke, in dem Mittelstand

zwischen Sklaverei und Freiheit, worein er dasselbe in der Folge durch die

Vertreibung des Dionysius setzte, so sanft und behutsam umzugehen, als es

hätte geschehen müssen, wenn seine Unternehmung für die Syracusaner und

ihn selbst glücklich hätte ausschlagen sollen. Plutarch vergleicht dieses

Volk, in dem Zeitpunkt, da es das Joch der Tyrannie abzuschütteln anfing,

sehr glücklich mit Leuten, die von einer langwierigen Krankheit wieder

aufstehen, und, ungeduldig sich der Vorschrift eines klugen Arztes in

Absicht ihrer Diät zu unterwerfen, sich zu früh wie gesunde Leute betragen

wollen. Aber darin können wir nicht mit ihm einstimmen, daß Dion dieser

geschickte Arzt für sie gewesen sei. Sehr wahrscheinlich hat die

platonische Philosophie selbst, von deren idealischer Sitten--und

Staats-Lehre er ein so großer Bewunderer war, sehr vieles dazu beigetragen,

daß er weniger als ein Andrer, der nicht nach so sehr abgezogenen

Grundsätzen gehandelt hätte, zum Arzt eines äußerst verdorbenen Volkes

geeigenschaftet war. Vielfältige Erfahrungen zu verschiedenen Zeiten und

unter verschiedenen Völkern haben es gewiesen, daß die Dion, die Caton,

die Brutus, die Algernon Sidney allemal unglücklich sein werden, wenn sie

einen von alten bösartigen Schaden entkräfteten und zerfressenen

Staats-Körper in den Stand der Gesundheit wieder herzustellen versuchen.

Zu einer solchen Operation gehören viele Gehülfen; und Männer von einer so

außerordentlichen Art sind unter einer Million Menschen allein: Es ist

genug, wenn das Ziel, wie Solon von seinen Gesetzen sagte, das Beste ist,

das in den vorliegenden Umständen zu erreichen sein mag; und Sie wollen

immer das Beste, das sich denken läßt: Alle Mittel welche zugleich am

gewissesten und bäldesten zu diesem Ziel führen, sind die Besten; und sie

wollen keine andre gebrauchen, als welche nach den strengesten Regeln

einer oft allzuspitzfündigen Gerechtigkeit und Güte, rechtmäßig und gut

sind. "Löblich, vortrefflich, göttlich!"--rufen die schwärmerischen

Bewunderer der heroischen Tugend--wir wollten gerne mitrufen, wenn man uns

nur erst zeigen wollte, was diese hochgetriebene Tugend dem menschlichen

Geschlecht jemals geholfen habe--Dion zum Exempel, von den erhabenen Ideen

seines Lehrmeisters eingenommen, wollte dem befreiten Syracus eine

Regierungs-Form geben, welche so nah als möglich an die Platonische

Republik grenzte--und verfehlte darüber, zu seinem eignen Untergang, die

Mittel, ihr diejenige zu geben, deren sie fähig war. Brutus half den

Größesten der Sterblichen, den Fähigsten, eine ganze Welt zu regieren, der

jemals geboren worden ist, ermorden; weil ihm, in Rücksicht auf die Mittel

wodurch er zur höchsten Gewalt gelanget war, die Definition eines Tyrannen

zukam. Brutus wollte die Republik wiederherstellen. Noch einen Dolch für

den Marcus Antonius, (wie es der nicht so erhaben aber richtiger denkende

Cassius verlangte) so wären Ströme von Blut, so wäre das edelste Blut von

Rom, das kostbare Leben der besten Bürger gesparet worden, und der

glückliche Ausgang der ganzen Unternehmung versichert gewesen. Hätte sich

derjenige, der dem vermeinten allgemeinen Besten seines Vaterlandes ein so

großes Opfer gebracht hatte als Cäsar war, ein Bedenken machen sollen,

seinem majestätischen Schatten einen Antonius nachzuschicken?--Um eine Tat,

welche, ohne Sukzeß wie sie blieb, in den Augen seiner Zeitgenossen ein

verabscheuungswürdiger Meuchelmord war, und der unparteiischern Nachwelt

im gelindesten Lichte betrachtet, wahnsinniger Enthusiasmus scheinen muß,

zu einer so glorreichen Unternehmung zu machen, als jemals die große Seele

eines Römers geschwellt hatte. Aber Brutus hatte Bedenklichkeiten, welche

ihm eine unzeitige Güte eingab; sein Ansehen entschied; Antonius bedankte

sich für sein Leben, und begrub den Platonischen Brutus unter den Trümmern,

der auf ewig umgestürzten Republik. Was half also sein Platonismus dem

Vaterlande? Wir haben uns vielleicht zu lange bei dieser Betrachtung

aufgehalten; aber die Beobachtung, die uns dazu verleitet hat, so alt sie

ist, scheint uns wichtig und an praktischen Folgerungen fruchtbar, deren

Nutzbarkeit sich über alle Stände ausbreiten, und besonders bei denjenigen

welche mit der Regierung und moralischen Disziplinierung der Menschen

beschäftiget sind, sich vorzüglich äußern würde, wenn sie besser

eingesehen und mit eben so viel Redlichkeit als Klugheit angewendet würden.

Vielleicht würden die Augen derjenigen, welche weder durch einen Nebel

noch durch gefärbte Gläser sehen, mit dem weinerlichlächerlichen

Schauspiel von so vielen ehrlichen Leuten verschont bleiben, die aus allen

Kräften und mit der feirlichsten Ernsthaftigkeit leeres Stroh dreschen,

und wenn sie das ganze Jahr durch gedreschet haben, sich sehr verwundern,

daß nichts als Stroh auf der Tenne liegt--der Patriotische Phlegon würde

sich durch den allzuhitzigen Eifer, seine in allen Teilen verdorbene

Republik auf einmal durch eben so hitzige Mittel wieder gesund zu machen,

nicht so viel Verdruß zuziehen, und durch diesen Verdruß und die

Vergeblichkeit seiner undankbaren Bemühungen nicht veranlasset werden,

sich zu Tode--zu trinken--Der redliche Macrin würde sich nicht auf

Unkosten seiner Freiheit und vielleicht seines Lebens in den Kopf setzen,

aus einem Caligula einen Marc Aurel zu machen--Der wohlmeinende Diophant

würde einsehen, wie wenig Hoffnung er sich zu machen habe, Leute, welche

noch sehr weit entfernt sind erträgliche Menschen zu sein, in eine

Engelähnliche Vollkommenheit hinein zu deklamieren--Doch genug von einer

Materie, welche um gehörig ausgeführt zu werden, eine eigene Abhandlung

erfoderte.

Wie leicht es doch ist, seine nichts übels besorgende Leser in einen

Labyrinth von Parenthesen und Digressionen hineinzuführen, wenn man sich

einmal über eine abergläubische Regelmäßigkeit hinausgesetzt hat! Zwar

haben wir die Unsrigen schon lange benachrichtiget, daß wir uns bei

Gelegenheit dergleichen Freiheiten erlauben würden--Und doch wollen wir so

ehrlich sein und gestehen, daß wir uns weder in diesem Stück, noch, die

Wahrheit zu sagen, in irgend einem andern, Nachahmer zu bekommen wünschen.

Nicht als ob uns bange davor sei, man werde Ordnung und Zusammenhang in

dieser unsrer pragmatisch-kritischen Geschichte vermissen; sondern weil es

in der Tat unendlich mal leichter ist Miszellanien zu schreiben, als ein

ordentliches Werk, und es daher leicht geschehen könnte, daß ein junger

Skribent, der sich seiner bessern Bequemlichkeit wegen unsrer Methode

bedienen wollte, sich die Horazische Frage zuziehen könnte: Currente rotâ

cur urceus exit? Und wenn auch dieses nicht zu besorgen wäre, so gibt es

sehr wackere Leute, denen es schwer fällt, sich aus dergleichen

mäandrischen Abschweifungen wieder herauszuhelfen, und sobald es dem

Verfasser beliebt, wieder auf dem Punkt zu stehen, wo er mit ihm

ausgegangen ist. "Was hat man uns", werden solche Leser, zum Exempel

fragen, "in diesem ganzen Kapitel denn eigentlich sagen wollen?"--"Merken

sie auf, meine Herren, das war es--daß dieser Dion von dem die Rede war,

und um den Sie Sich übrigens, wie ich vermute, sehr wenig bekümmern, eine

ganz gute Art von Prinzen, aber doch nicht ganz so sehr ein Held von

Tugend gewesen sei, wie ihn ein gewisser ehrlicher Ober-Priester zu

Chäronea sich eingebildet--oder wenn man ihm auch eingestehen wollte, daß

er's gewesen sei, eben dadurch an seinem Platz nicht soviel getaugt habe,

als Sie, meine Herren, indem Sie ihrem Hauswesen wohl vorstehen, sich wohl

mit ihrer Gemahlin betragen, ihr Rechnungs-Buch in guter Ordnung halten,

und was dergleichen mehr ist--Nun verstehen wir einander doch?"

Geschichte des Agathon. Teil 2 · 第 37 / 64 题