Folgen des Vorhergehenden

Die menschliche Seele ist vielleicht keines heftigern Schmerzens fähig,

als derjenige ist, wenn wir uns genötiget sehen, den Gegenstand unsrer

zärtlichsten Gesinnungen zu verachten. Alles was man davon sagen kann

ist zu schwach, die Pein auszudrücken, die durch eine so gewaltsame

Zerreißung in einem gefühlvollen Herzen verursacht wird. Wir wollen also

lieber gestehen, daß wir uns unvermögend finden, den Tumult der

Leidenschaften, welche in den ersten Stunden nach einer so grausamen

Unterredung in dem Gemüte Agathons wüteten, abzuschildern, als durch eine

frostige Beschreibung zu gleicher Zeit unsre Vermessenheit und unser

Unvermögen zu verraten.

Das erste was er tat, sobald er seiner selbst wieder mächtiger wurde, war,

daß er alle seine Kräfte anstrengte, sich zu überreden, daß ihn Hippias

betrogen habe. War es zuviel, das Schlimmste von einem so ungeheuern

Bösewicht zu denken, als dieser Sophist nunmehr in seinen Augen war? Was

für eine Gültigkeit konnte ein solcher Zeuge gegen eine Danae haben?--Oder

vielmehr, was für einen mächtigen Apologisten hattest du, schöne Danae, in

dem Herzen deines Agathon! Was hätte Hyperides selbst, ob er gleich

beredt genug war, die Athenienser von der Unschuld einer Phryne zu

überzeugen, stärkers und scheinbarers zu deiner Verteidigung sagen können,

als was er sich selbst sagte?--Vermutlich würde die Vernunft allein von

dieser sophistischen Beredsamkeit der Liebe überwältiget worden sein: Aber

die Eifersucht, welche ihr zu Hülfe kam, gab den Ausschlag. Unter allen

Leidenschaften ist keine, welcher die Verwandlung des Möglichen ins

Würkliche weniger kostet als diese. In dem zweifelhaften Lichte, welches

sie über seine Seele ausbreitete, wurde Vermutung zu Wahrscheinlichkeit

und Wahrscheinlichkeit zu Gewißheit; nicht anders als wenn er mit der

spitzfindigen Delikatesse eines Julius Cäsars die schöne Danae schon darum

schuldig gefunden hätte, weil sie bezüchtiget wurde. Er verglich ihre

eigene Erzählung mit des Hippias seiner, und glaubte nun, da das Mißtrauen

sich seines Geistes einmal bemächtiget hatte, hundert Spuren in der ersten

wahrzunehmen, welche die Wahrheit der letztern bekräftigten. Hier hatte

sie einem Umstand eine gekünstelte Wendung geben müssen; dort war sie,

(wie er sich zu erinnern glaubte) verlegen gewesen, was sie aus einem

andern machen sollte, der ihr unversehens entschlüpft war.

Mit einem eben so schielenden Auge durchging er ihr ganzes Betragen gegen

ihn. Wie deutlich glaubte er itzt zu sehen, daß sie von dem ersten

Augenblick an Absichten auf ihn gehabt habe! Tausend kleine Umstände,

welche ihm damals ganz gleichgültig gewesen waren, schienen ihm itzt eine

geheime Bedeutung gehabt zu haben. Er besann sich, er verglich und

kombinierte so lange, bis es ihm ganz glaublich vorkam, daß alles was bei

dem ersten Besuche, den er ihr mit Hippias gemacht, bis zu seinem übergang

in ihre Dienste vorgegangen, die Folgen eines zwischen ihr und dem

Sophisten abgeredeten Plans gewesen seien. Wie sehr vergiftete dieser

Gedanke alles was sie für ihn getan hatte! wie gänzlich benahm er ihren

Handlungen diese Schönheit und Grazie, die ihn so sehr bezaubert hatte!

Er sah nun in diesem vermeinten Urbild einer jeden idealen Vollkommenheit

nichts mehr als eine schlaue Buhlerin, welche von einer großen Fertigkeit

in der Kunst die Herzen zu bestricken den Vorteil über seine Unschuld

erhalten hatte! Wie verächtlich kamen ihm itzt diese Gunstbezeugungen vor,

welche ihm so kostbar gewesen waren, so lang er sie für Ergießungen eines

für ihn allein empfindlichen Herzens angesehen hatte! Wie verächtlich

diese Freuden, die ihn in jenem glücklichen Stande der Bezauberung den

Göttern gleich gemacht! Wie zürnte er itzt über sich selbst, daß er

töricht genug hatte sein können, in ein so sichtbares, so handgreifliches

Netz sich verwickeln zu lassen!

Das Bild der liebenswürdigen Psyche konnte sich ihm zu keiner ungelegnern

Zeit für Danae darstellen als itzt. Aber es war natürlich, daß es sich

darstellte; und wie blendend war das Licht, worin sie ihm itzt erschien!

Wie wurde sie durch die verdunkelte Vorzüge ihrer unglücklichen

Nebenbuhlerin herausgehoben! Himmel! wie war es möglich, daß die

Beischläferin eines Alcibiades, eines Hippias--eines jeden andern, der ihr

gefiel, fähig sein konnte, diese liebenswürdige Unschuld auszulöschen,

deren keusche Umarmungen, anstatt seine Tugend in Gefahr zu setzen, ihr

neues Leben, neue Stärke gegeben hatten?--Er trieb die Vergleichung so

weit sie gehen konnte. Beide hatten ihn geliebt; aber, welch ein

Unterschied in der Art zu lieben! welch ein Unterschied zwischen jener

Nacht--an die er sich itzt mit Abscheu erinnerte--wo Danae, nachdem sie

alle ihre Reizungen, alles was die schlaueste Verführungs-Kunst erfinden

kann; zugleich mit den magischen Kräften der Musik aufgeboten, seine

Sinnen zu berauschen und sein ganzes Wesen in wollüstige Begierden

aufzulösen, sich selbst mit zuvorkommender Güte in seine Arme geworfen

hatte--und den elysischen Nächten, die ihm an Psychens Seite in der reinen

Wonne entkörperter Geister, wie ein einziger himmlischer Augenblick,

vorübergeflossen waren!--Arme Danae! So gar die Reizungen ihrer Figur

verloren bei dieser Vergleichung einen Vorzug, den ihnen nur das

parteilichste Vorurteil absprechen konnte. Diese Gestalt der

Liebes-Göttin, bei deren Anschauen seine entzückte Seele in Wollust

zerflossen war, sank itzt, mit der jungfräulichen Geschmeidigkeit der

jungen Psyche verglichen, in seiner gramsüchtigen Einbildung zu der

üppigen Schönheit einer Bacchantin herab--der Wut eines Weintriefenden

Satyrs würdiger als der zärtlichen Entzückungen, welche er sich itzt

schämte, in einer unverzeihlichen Betörung seiner Seele, an sie

verschwendet zu haben.

Ohne Zweifel werden unsre tugendhafte Leserinnen, welche den Fall unsers

Helden nicht ohne gerechten Unwillen gegen die feine Buhler-Künste der

schönen Danae betraurt haben, von Herzen erfreut sein, die Ehre der Tugend,

und gewisser maßen das Interesse ihres ganzen Geschlechts an dieser

Verführerin gerochen zu sehen. Wir nehmen selbst vielen Anteil an dieser

ihrer Freude; aber wir können uns doch, mit ihrer Erlaubnis nicht

entbrechen zu sagen, daß Agathon in der Vergleichung zwischen Danae und

Psyche eine Strenge bewies, welche wir nicht allerdings billigen können,

so gerne wir ihn auch von einer Leidenschaft zurückkommen sehen, deren

längere Dauer uns in die Unmöglichkeit gesetzt hätte, diesen zweiten Teil

seiner Geschichte zu liefern.

Danae mag wegen ihrer Schwachheit gegen unsern Helden so tadelnswürdig

sein, als man will, so war es doch offenbar unbillig, sie zu verurteilen,

weil sie keine Psyche war; oder, um bestimmter zu reden, weil sie in

ähnlichen Umständen sich nicht vollkommen so wie Psyche betragen hatte.

Wenn Psyche unschuldiger gewesen war, so war es weniger ein Verdienst, als

ein physikalischer Vorzug, eine natürliche Folge ihrer Jugend und ihrer

Umstände: Danae war es vermutlich auch, da sie, unter der Aufsicht ihres

edeln Bruders, mit aller Naivität eines Landmädchens vor vierzehen Jahren

bei den Gastmählern zu Athen, nach der Flöte tanzte, oder den Alcamenen,

für die Gebühr, das Model zu dem halbaufgeblühten Busen einer Hebe

vorhielt. War es ihre Schuld, daß sie nicht zu Delphi erzogen worden?

Oder, daß sich die ersten Empfindungen ihres jugendlichen Herzens für

einen Alcibiades, und nicht für einen Agathon entfalteten?--Psyche liebte

unschuldiger; wir geben's zu; aber die Liebe bleibt doch in ihren

Würkungen allezeit sich selbst ähnlich. Sie erweitert ihre Foderungen so

lange bis sie im Besitz aller ihrer Rechte ist; und die treuherzige

Unerfahrenheit ist am wenigsten im Stande, ihr diese Forderungen streitig

zu machen. Es war glücklich für die Unschuld der zärtlichen Psyche, daß

ihre nächtliche Zusammenkünfte unterbrochen wurden, eh diese auf eine so

geistige Art sinnliche Schwärmerei, worin sie beide so schöne Progressen

zu machen angefangen hatten, ihren höchsten Grad erreichte. Vielleicht

noch wenige Tage, oder auch später, wenn ihr wollt; aber desto gewisser

würden die guten Kinder, von einer unschuldigen Ergießung des Herzens zur

andern, von einem immer noch zu schwachen Ausdruck ihrer unaussprechlichen

Empfindungen zum andern, sich endlich, zu ihrer eignen großen Verwunderung,

da gefunden haben, wo die Natur sie erwartet hätte; und wo würde da der

wesentlichste Vorzug der Unschuld geblieben sein?--Ein andrer Umstand,

worin Psyche glücklicher Weise den Vorteil über Danae hatte, war dieser,

daß ihr Liebhaber eben so unschuldig war als sie selbst, und bei aller

seiner Zärtlichkeit nur nicht den Schatten eines Gedankens hatte, ihrer

Tugend nachzustellen. Wissen wir, wie sie sich verhalten hätte, wenn sie

auf die Probe gestellt worden wäre? Sie würde widerstanden haben; daran

ist kein Zweifel; aber, setzet hinzu; so lang es ihr möglich gewesen wäre.

Denn daß sie stark genug gewesen wäre ihn zu fliehen, ihn gar nicht mehr

zu sehen, das ist nicht zu vermuten. Sie würde also endlich doch von den

süßen Verführungen der Liebe überschlichen worden sein, so weit sie auch

den Augenblick ihrer Niederlage hätte zurückstellen mögen. Man könnte

sagen: Gesetzt auch, sie würde die Probe nicht ausgehalten haben, so hätte

sie doch widerstanden; Danae hingegen habe ihren Fall nicht nur

vorausgesehen, und beschleunigt, sondern er sei sogar das Werk ihrer

eignen Maßnehmungen gewesen; und wenn sie ihn aufgezogen habe, so sei es

allein des Vorteils ihrer Liebe und ihres Vergnügens wegen, nicht aus

Tugend, geschehen. Alles das ist nicht zu leugnen; allein vorausgesetzt,

daß sie sich endlich doch ergeben haben würde, (welches auf eine oder die

andere Art doch allemal der stillschweigende Vorsatz einer jeden ist, die

sich in eine Liebes-Angelegenheit waget) wozu würde ein langwieriger

eigensinniger Widerstand gedient haben, als sich selbst und ihrem

Liebhaber unnötige Qualen zu verursachen? Genung, daß der strengeste

Wohlstand der heutigen Welt nicht halb soviel Zeit fodert, als sie

anwandte, dem Agathon seinen Sieg zu erschweren. Und glauben wir etwan,

daß sie sich keine Gewalt habe antun müssen, einen so vollkommenen

Liebhaber, einen Liebhaber dessen außerordentlicher Wert die Heftigkeit

ihrer Neigung so gut rechtfertigte, so lange schmachten zu lassen? oder

daß die Selbstverleugnung, welche dazu erfordert wurde, eine Person, deren

Einbildungs-Kraft mit den lebhaftesten Vergnügungen der Liebe schon so

bekannt war, nicht zum wenigsten eben soviel gekostet habe, als einer noch

unerfahrenen Person der ernstlichste Widerstand kosten kann?

Wir sagen dieses alles nicht, um die schöne Danae zu rechtfertigen;

sondern nur zu zeigen, daß Agathon in der Hitze des Affekts zu strenge

über sie geurteilt habe. Es war unbillig, ihr eine Gütigkeit zum

Verbrechen zu machen, welche ihn so glücklich gemacht hatte, als er elend

gewesen sein würde, wenn sie schlechterdings darauf beharret wäre, die

heftige Leidenschaft, von der er verzehrt wurde, bloß allein durch die

ruhigen Gesinnungen der Freundschaft erwidern zu wollen. Allein das

Vorurteil, von welchem er nun eingenommen war, machte ihn unfähig ihr

Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Gedanke, daß sie einen Hippias

eben so begünstiget habe als ihn, machte ihm alles verdächtig, was ihn

hätte überzeugen können, daß, wenn ihm gleich andere in dem Genuß ihrer

Gunstbezeugungen zuvorgekommen, er doch der erste gewesen sei, der ihr

Herz wahrhaftig gerührt habe. Kurz, er sah nun nichts in ihr als eine

Buhlerin, welche in dem Gesichtspunkt, worin sie ihm itzt erschien, vor

den übrigen ihrer Klasse keinen andern Vorzug hatte, als daß sie

gefährlicher war.

Indessen konnte sein Unwille gegen sie nicht so heftig sein als er war,

ohne sich gegen sich selbst zu kehren. Die Vorstellung, daß er die Stelle

eines Hippias, eines Hyacinths, bei ihr vertreten habe, machte ihn in

seinen eigenen Augen zum verächtlichsten Sklaven; er schämte sich vor

seinem ehmaligen bessern Selbst, wenn er an die Rechenschaft dachte,

welche er sich von seinem Aufenthalt zu Smyrna schuldig sei. Würde er so

gar, wenn Danae würklich diejenige gewesen wäre, wofür er sie in der

Trunkenheit der Leidenschaft gehalten hatte, vor dem Gerichtstuhl der

Tugend haben bestehen können? Was wollte er dann nun antworten, da er

sich selbst anklagen mußte, eine so lange Zeit ohne irgend eine

lobenswürdige Tat, verloren für seinen Geist, verloren für die Tugend,

verloren für sein eigenes und das allgemeine Beste, in untätigem Müßiggang,

und, was noch schlimmer war, in der verächtlichen Bestrebung den

wollüstigen Geschmack einer Danae zu belustigen, ihre Begierden, ihre von

dem Rest des üppigen Feuers ihrer Jugend noch erhitzte Einbildung zu

befriedigen, unruhmlich verschwendet zu haben? Er trieb die Vorwürfe,

welche er bei diesen gelbsüchtigen Vorstellungen sich selbst machte, so

weit als sie der Affekt einer allzufeurigen, aber mit angebornen Liebe zur

Tugend durchdrungenen Seele treiben kann. Die Schmerzen wovon sein Gemüt

dadurch zerrissen wurde, waren so heftig, daß er die ganze Nacht, welche

auf diesen traurigen Tag folgte, in einer fiebrischen Hitze zubrachte,

welche, mit dem Zustande, worin sich seine Seele befand, zusammengenommen,

ein sehr fügliches Bild derjenigen Pein hätte abgeben können, worin, nach

dem allgemeinen Glauben aller Völker, die Lasterhaften in einem andern

Leben die Verbrechen des gegenwärtigen büßen.

Wir haben schon einmal angemerkt, daß das Mißvergnügen über uns selbst ein

allzuschmerzhafter Zustand sei, als daß ihn unsre Seele lange ausdauern

könnte. Es ist natürlich, daß die Selbstliebe allen ihren Kräften aufbeut,

um sich Linderung zu verschaffen; und wenn wir betrachten, wie wenig

Gutes ein anhaltendes Gefühl von Scham und Verachtung seiner selbst würken

kann, und wie nachteilig im Gegenteil Gram und Niedergeschlagenheit, ihre

natürliche Folgen, der wiederkehrenden Tugend sein müssen: so haben wir

vielleicht Ursache, die Geschäftigkeit der Eigenliebe, uns bei uns selbst

zu entschuldigen, für eine von den nötigsten Springfedern unsrer Seele, in

diesem Stande des Irrtums und der Leidenschaften, worin sie sich befindet,

anzusehen. Die Reue ist zu nichts gut, als uns einen tiefen Eindruck von

der Häßlichkeit eines törichten oder unsittlichen Verhaltens, dessen wir

uns schuldig fühlen, zu geben. Sobald sie diese Würkung getan hat, soll

sie aufhören; ihre Dauer würde uns nur die Kräfte benehmen, uns in einen

bessern Zustand emporzuarbeiten, und dadurch eben so schädlich werden als

eine allzugroße Furcht, die zu nichts dient, als uns dem übel desto

gewisser auszuliefern, welchem wir behutsam entfliehen oder mutig

widerstehen sollten.

Agathon hatte desto mehr Ursache, diesen wohltätigen Eingebungen der

Eigenliebe Gehör zu geben, da ihm seine allezeit zu warme

Einbildungs-Kraft seine Vergehungen und den Gegenstand derselbigen

würklich in einem weit häßlichern Lichte gezeigt hatte, als die gelassene

und unparteiische Vernunft getan haben würde. Die seltsame Abwechselung

dieser launischen Zauberin, und wie wenig ihr der plötzliche übergang von

dem äußersten Grad eines Affekts zum entgegen gesetzten kostet, wird

vermutlich einem guten Teil unsrer Leser aus eigner Erfahrung so wohl

bekannt sein, daß sie sich nicht verwundern werden, zu vernehmen, daß die

Begierde sich selbst in seinen eignen Augen zu rechtfertigen, oder doch

wenigstens soviel möglich zu entschuldigen, unsern Helden unvermerkt dahin

gebracht habe, auch der schönen Danae einen Teil der Gerechtigkeit wieder

angedeihen zu lassen, der ihr von den strengesten Verehrern der Tugend

nicht versagt werden kann. "Es war schwer, sehr schwer", würde ein

Socrates gesagt haben, "den Reizungen eines so schönen Gegenstandes, den

Verführungen so vieler vereinigter Zauberkräfte zu widerstehen; die Flucht

war das einzige sichere Rettungs-Mittel; es war freilich fast eben so

schwer; aber das Vermögen dazu war wenigstens anfangs in eurer Gewalt; und

es war unvorsichtig an euch, nicht zu denken, daß eine Zeit kommen würde,

da ihr keine Kräfte mehr zum fliehen haben würdet." So ungefähr möchte

derjenige gesagt haben, der den Critobulus, weil er den schönen Knaben des

Alcibiades geküßt hatte, einen Wagehals nannte; und dem jungen Xenophon

riet, vor einem schönen Gesichte so behende wie vor einem Basilisken davon

zu laufen. Allein so bescheiden und so wahr klang die Sprache der

Eigenliebe nicht. "Es war unmöglich", sagte sie unserm Helden, "so

mächtigen Reizungen zu widerstehen; es war unmöglich zu entfliehen." Sie

nahm die ganze Lebhaftigkeit seiner Einbildungs-Kraft zu hülfe, ihm die

Wahrheit dieser tröstlichen Versicherungen zu beweisen; und wenn sie es

nicht so weit brachte, ein gewisses innerliches Gefühl, welches ihr

widersprach, und welches vielleicht das gewisseste Merkmal der Freiheit

unsers Willens ist, gänzlich zu betäuben, so gelang es ihr doch unvermerkt,

den Gram aus seinem Gemüte zu verbannen, und dieses sanfte Licht wieder

darin auszubreiten, worin wir ordentlicher Weise alles, was zu uns selbst

gehört, zu sehen gewohnt sind.

Allein Danae gewann wenig bei dieser ruhigern Verfassung seines Herzens.

Ihre Vollkommenheiten rechtfertigten zwar die hohe Meinung die er von

ihrem Charakter gefasset hatte, und beides, die Größe seiner Leidenschaft;

er vergab sich selbst, sie so sehr geliebet zu haben, so lang er Ursache

gehabt hatte, die Schönheit ihrer Seele für eben so ungemein zu halten als

es die Reizungen ihrer Person waren: Aber sie verlor mit dem Recht an

seine Hochachtung alle Gewalt über sein Herz. Der Entschluß sie zu

verlassen war die natürliche Folge davon, und dieser kostete ihn, da er

ihn faßte, nur nicht einen Seufzer; so tief war die Verachtung, wovon er

sich gegen sie durchdrungen fühlte. Die Erinnerung dessen was er gewesen

war, das Gefühl dessen was er wieder sein könne, sobald er wolle, machte

ihm den Gedanken unerträglich, nur einen Augenblick länger der Sklave

einer andern Circe zu sein, die durch eine schändlichere Verwandlung als

irgend eine von denen welche die Gefährten des Ulysses erdulden mußten,

den Helden der Tugend in einen müßigen Wollüstling verwandelt hatte.

Bei so bewandten Umständen war es nicht ratsam, ihre Wiederkunft zu

erwarten, welche, nach ihrem Bericht, längstens in dreien Tagen erfolgen

sollte. Denn sie hatte keinen Tag vorbeigehen lassen, ohne ihm zu

schreiben; und die Notwendigkeit, ihr eben so regelmäßig zu antworten,

setzte ihn, nach der großen Revolution die in seinem Herzen vorgegangen

war, in eine desto größere Verlegenheit, da er zu aufrichtig und zu

lebhaft war, Empfindungen vorzugeben, die sein Herz verleugnete. Seine

Briefchen wurden dadurch so kurz, und verrieten so vielen Zwang, daß Danae

auf einen Gedanken kam, der zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber doch der

natürlichste war, der ihr einfallen konnte. Sie vermutete, ihre

Abwesenheit könnte eine von den Schönen zu Smyrna verwegen genug gemacht

haben, ihr einen so beneidenswürdigen Liebhaber entführen zu wollen. Wenn

ihr Stolz zu einem so vermessenen Vorhaben lächelte; so liebte sie doch zu

zärtlich, um so ruhig dabei zu sein, als man aus der muntern Art, womit

sie über seine Erkältung scherzte, hätte schließen sollen. Indessen

behielt doch das Bewußtsein ihrer Vorzüge die Oberhand, und ließ ihr

keinen Zweifel, daß es nur ihre Gegenwart brauche, um alle Eindrücke,

welche eine Nebenbuhlerin auf der Oberfläche seines Herzens gemacht haben

können, wieder auszulöschen. Und wenn sie dessen auch weniger gewiß

gewesen wäre, so war sie doch zu klug, ihn merken zu lassen, daß sie ein

Mißtrauen in sein Herz setze, oder fähig sein könnte, sich ihm jemals

durch eine grillenhafte Eifersucht beschwerlich zu machen. Bei allem dem

beschleunigte dieser Umstand ihre Zurückkunft; und der Gedanke, daß es ihr

vielleicht einfallen könnte, ihn durch eine frühere Ankunft, als sie in

ihrem letzten Briefe versprochen hatte, überraschen zu wollen, (ein

Gedanke, den wir sehr geneigt sind der Eingebung des Schutzgeistes seiner

Tugend zu zuschreiben, so prophetisch war er) stellte ihm die

Notwendigkeit der schleunigsten Flucht so dringend vor, daß er sich,

sobald er den Boten der Danae abgefertiget hatte, nach dem Hafen begab,

sich um ein Schiff um zu sehen, welches ihn noch in dieser Nacht von

Smyrna entfernen möchte.

Geschichte des Agathon. Teil 2 · 第 26 / 64 题