Zu alten Zeiten hieß heilig, wenn
der Fliegen, der Heuschrecken fraß,
und jener gar mit seinem heil'gen Hintern
in einem Ameis'nhaufen saß,
um voller Andacht drin zu überwintern.
(Anm.d.Red. Samuel Butler, Hudibras)
Es ist ein durch die Wissenschaft noch nicht vollständig gelöstes
Problem, wodurch Epidemien entstehen, wie Pest, Cholera und dergleichen
grässliche Übel, durch welche das Menschengeschlecht von Zeit zu Zeit
heimgesucht wird. Noch unerklärlicher sind Epidemien des Geistes, deren
Vorkommen so alltäglich ist, dass wir gar nicht mehr darauf achten und
sie am allerwenigsten für eine geistige Störung halten.
Woher kommt es, dass irgendein dummes Lied die Runde über den Erdball
macht, dass man ihm nirgends entfliehen kann, selbst nicht, wenn man
allein ist, da man es dann selbst summt? Dasselbe ist der Fall mit einem
schlechten Witz oder einer abgeschmackten Redensart oder einer Mode,
über deren Möglichkeit man später selbst erstaunt ist. Es ist nicht
nötig, dass wir Beispiele anführen, denn jeder Mensch wird irgendein
Lied, Redensart oder Mode anführen können, die epidemisch auftrat.
Das Merkwürdige bei solchen geistigen Epidemien ist, dass Absperrung
dagegen kein unfehlbares Mittel ist, denn wir kennen Gewohnheiten, die
sich zum Beispiel in Klöstern ganzer Länder verbreiteten, die doch unter
sich in gar keiner Verbindung standen. In einem der folgenden Kapitel
werden wir davon merkwürdige Beispiele anführen.
Die Keime der in ihren Folgen grässlichsten geistigen Epidemien enthält
die Religion und keine mehr als die missverstandene christliche. Sie hat
Europa Jahrhunderte hindurch in ein trübseliges Narrenhaus verwandelt
und Millionen von Schlachtopfern sind der durch sie erzeugten Tollheit
gefallen.
Dieses Kapitel handelt von den Heiligen der römischen Kirche, denn die
protestantische hat sie abgeschafft und nur die Scheinheiligen behalten.
All diese Heiligen, einige Ausnahmen abgerechnet, waren durch die
Religion wahnsinnig gemachte Menschen und würden, wenn sie heutzutage
lebten, in Narrenhäuser gesperrt werden. Jeder Leser, der nicht von
derselben Narrheit ergriffen ist, wird am Ende dieses Kapitels von der
Wahrheit meiner Behauptung überzeugt sein.
Die Lehre Christi, dass dies Leben nur eine Vorbereitung für ein
künftiges sei und dass jeder, welcher die ihm hier auferlegten Leiden
gottergeben trage, dafür im ewigen Leben belohnt werden würde, war
darauf berechnet, die leidende und bedrückte Menschheit durch die
Hoffnung zu trösten. Je größer die unverschuldeten Leiden waren, die
einen Gläubigen trafen, desto größere Hoffnung hatte er, durch
geduldiges Ertragen ein freudenreiches ewiges Leben zu gewinnen und es
ist begreiflich, dass es Menschen gab, welche sie betreffende
Unglücksfälle als ein Glück ansahen, da sie ihnen Gelegenheit gaben, den
Himmel zu verdienen.
Der Übergang zu dem Gedanken, dass Leiden überhaupt verdienstlich sei,
war nicht besonders schwierig, besonders da er durch mehrere von den
Aposteln berichtete Aussprüche Christi unterstützt wurde, und so kam es,
dass man sich endlich selbst Leiden und Qualen erschuf, nur um sie zu
ertragen und weil man damit meinte, für sein Seelenheil zu sorgen. Das
Egoistische und Unmoralische einer solchen Handlungsweise wurde gar
nicht erkannt.
Die Idee von der Verdienstlichkeit, körperliche Martern mit Freudigkeit
zu ertragen und sich selbst zu schaffen, kam erst recht zur Geltung, als
die während der Verfolgungen unter den Kaisern Diokletian und Decius
hingerichteten Christen durch ihre Standhaftigkeit so hohen Ruhm
einernteten. Mögen sich auch die Kirchenschriftsteller nicht immer von
Übertreibungen ferngehalten haben, wenn sie die Leidensgeschichten der
Märtyrer erzählen, so verdienen sie doch im Allgemeinen Glauben, denn es
ist eine bekannte Erfahrung, dass Menschen in hoher geistiger Aufregung
Schmerz oft gar nicht empfinden, wie manche alte Soldaten bezeugen, die
es in der Hitze des Kampfes oft gar nicht bemerkten, dass sie verwundet
wurden.
Diese Schwärmerei nahm besonders im vierten Jahrhundert überhand, und
was Zeno, Bischof von Verona (um d. J. 360), sagte, war ziemlich der
allgemeine Glaube: "Der größte Ruhm der christlichen Tugend ist es, die
Natur mit Füßen zu treten." (Anm.d.Red. vgl. Zeno: Traktat V. Die
Enthalsamkeit.)
Diese düstere Ansicht verbreitete über die ganze christliche Welt eine
Trübseligkeit, welche die Erde in der Tat zu einem Jammertal machte. Die
frommen Christen hielten sich nicht für wert, dass die Sonne sie
bescheine; jeder Genuss erschien ihnen ein Schritt zur Hölle und jede
Qual ein Schritt zum Himmel.
Später gestaltete sich freilich alles weit lustiger in der christlichen
Kirche, so lustig, dass es ein Skandal und Gräuel und die Reformation
dadurch erzeugt wurde; aber Luther machte die Leute wieder mit der Bibel
bekannt, die ihnen von der römischen Kirche entzogen war, und das Lesen
derselben brachte ähnliche Wirkungen hervor wie das Lesen der Evangelien
unter den Christen der ersten Jahrhunderte.
Beweise dafür finden wir genug in der Geschichte wie auch in den
Predigten und anderen geistlichen Schriften aus der Zeit nach der
Reformation. Besonders reich daran sind die Gesangbücher, in denen sich
hin und wieder noch jetzt nicht minder seltsame Verse finden wie der
folgende, der wörtlich einem noch nicht sehr alten Breslauer Gesangbuch
entnommen ist:
Ich bin ein altes Raben-Aas,
Ein rechter Sünden-Krüppel,
Der seine Sünden in sich fraß,
Als wie den Rost der Zwibbel.
O Jesus, nimm mich Hund am Ohr.
Wirf mir den Gnadenknochen vor,
Und schmeiß mich Sündenlümmel
In deinen Gnadenhimmel.
Weil Jesus es für nötig hielt, vierzehn Tage in die Wüste zu gehen - zu
welchem Zweck hat er niemand gesagt - so meinten die Schwärmer, auch in
die Wüste laufen und ihren Leib durch Fasten und allerlei Qualen
kasteien zu müssen, denn Christus hatte gesagt: "Will mir jemand
nachfolgen, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und
folge mir", und ferner: "Es sind etliche verschnitten aus Mutterleibe
von Menschen, etliche aber, die sich selbst verschnitten haben um des
Himmels willen. Willst du vollkommen sein, so gehe hin und verkaufe
alles, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im
Himmel haben - komm und folge mir nach."
Mancher, der schon aus Mutterleibe - am Gehirn - verschnitten und von
Natur ein Narr war, mag durch Zufall mit unter die Heiligen geraten
sein; aber der größte Teil der Heiligen wurde erst durch solche ähnliche
Stellen der Bibel zu Narren.
Die Wüsteneien Syriens und Ägyptens bevölkerten sich mit frommen
Christen, welche "Jesum nachfolgen" wollten und, weil dieser gelitten
hatte, es für verdienstlich hielten, sich noch weit größere Qualen
freiwillig aufzulegen. Jeder dieser Frommen strebte danach, die Natur
mit Füßen zu treten, und es gelang manchem so vortrefflich, dass uns
dabei die Haut schaudert. Diese Schwärmerei wurde epidemisch und die
sonst einsamen Wüsten bevölkerten sich wie Städte.
Das anschaulichste Bild von dem Leben dieser "Väter der Wüste" gibt uns
folgende Schilderung eines Mannes, der ihr Leben und Treiben einen
ganzen Monat lang als Augenzeuge beobachtet hat: "Einige flehen mit gen
Himmel gerichteten Augen, mit Seufzen und Winseln, Barmherzigkeit;
andere, mit auf den Rücken gebundenen Händen, halten sich in der Angst
ihres Gewissens nicht für würdig, den Himmel anzuschauen; andere sitzen
auf der Erde, auf Asche, verbergen ihr Gesicht zwischen die Knie und
schlagen ihren Kopf gegen den Boden; andere heulen laut wie beim Tode
geliebter Personen; andere machen sich Vorwürfe, nicht Tränen genug
vergießen zu können. Ihr Körper ist, wie David sagt, voll Geschwüre und
Eiter; sie mischen ihr Wasser mit Tränen und ihr Brot mit Asche; ihre
Haut hängt an den Knochen, vertrocknet wie Gras. Man hört nichts als
Wehe! Wehe! Vergebung! Barmherzigkeit! Einige wagen kaum, ihre brennende
Zunge mit ein paar Tropfen Wasser zu erfrischen, und kaum haben sie
einige Bissen Brot genossen, so werfen sie das übrige von sich, im
Gefühl ihrer Unwürdigkeit. Sie denken nichts als Tod, Ewigkeit und
Gericht! Sie haben verhärtete Knie, hohle Augen und Wangen, eine durch
Schläge verwundete Brust und speien oft Blut; sie tragen schmutzige
Lumpen voll Ungeziefer, gleich Verbrechern in Gefängnissen oder wie
Besessene. Einige beten, sie ja nicht zu beerdigen, sondern hinzuwerfen
und verwesen zu lassen wie das Vieh!" -
Wer von diesen Wüsteneinsiedlern noch nicht verrückt war, musste es bei
der oben geschilderten Lebensweise notwendig werden. Das Beispiel reizte
die Eitelkeit auf und einer suchte den anderen an Strenge und
Selbstquälerei zu übertreffen. (Anm.d.Red. vgl. Theodoret von Cyrus:
Mönchsgeschichte - Historia Religiosa)
Einer dieser armen Verirrten und Verwirrten - Heiligen! - lebte fünfzig
Jahre lang in einer unterirdischen Höhle, ohne jemals das freundliche
Licht der Sonne wiederzusehen! Andere ließen sich bei der größten Hitze
bis an den Hals in den glühenden Sand graben; noch andere in Pelze
einnähen, so dass nur ein Loch zum Atmen frei blieb; bei afrikanischer
Sonnenhitze eine treffliche Sommerbekleidung, allein doch noch
erträglicher als der Paletot, den ein anderer sich aus einem Felsen
aushieb und beständig mit sich herumschleppte wie die Schnecke ihr Haus.
Sehr viele behängten sich mit schweren eisernen Ketten und Gewichten.
Der heilige Eusebius trug beständig zweihundertundsechzig Pfund Eisen an
seinem Körper. Einer dieser Narren namens Thaleläus klemmte sich in den
Reifen eines Wagenrades und brachte in dieser angenehmen Stellung zehn
Jahre zu, worauf er sich, zur Belohnung für seine Ausdauer, in einen
engen Käfig zurückzog. Wahrlich ein rarer Vogel!
Einige taten das Gelübde - Frauen taten das, glaub' ich, nicht -
jahrelang kein Wort zu reden, niemand anzusehen oder auf einem Bein
herumzuhinken oder nur Gras zu fressen und was des Unsinns mehr ist.
St. Barnabas hatte sich einen scharfen Stein in den Fuß getreten; er
litt die entsetzlichsten Schmerzen, aber er ließ sich den Stein nicht
herausziehen. Wieder andere schliefen auf Dornen, ja, manche versuchten,
gar nicht zu schlafen und hungern konnten sie wie deutsche Schullehrer
und Dichter; nur hatten sie den Vorteil voraus, dass sie verrückte
Heilige waren und es eine bekannte Erfahrung ist, dass Wahnsinnige sehr
lange ohne Nahrung leben können. Simeon, der Sohn eines ägyptischen
Hirten, aß nur alle Sonntage und hatte seinen Leib mit einem Stricke so
fest zusammengeschnürt, dass überall Geschwüre hervorbrachen, die so
entsetzlich stanken, dass es niemand in seiner Nähe aushalten konnte.
Dieser Simeon glaubte immer, dass er sich noch nicht genug quäle, und
erfand daher etwas ganz Neues oder was wenigstens von den Christen noch
nicht angewandt wurde, da Anbeter der großen Göttermutter, der Kybele,
in Syrien Ähnliches getan hatten. Simeon stellte sich nämlich auf die
Spitze einer Säule und blieb hier jahrelang stehen. Die erste Säule, die
er zu diesem Zweck benützte, war nur vier Ellen hoch, aber je höher sein
Wahnsinn stieg, desto höher wurden auch seine Säulen. Als seine Tollheit
den Gipfelpunkt erreicht hatte, war seine Säule vierzig Ellen hoch; auf
dieser stand er dreißig Jahre!
Wie er es eigentlich anfing, nicht herunterzufallen, wenn ihn der Schlaf
überkam, ist schwer zu begreifen; allein wahrscheinlich gewöhnte er
sich, stehend zu schlafen wie Pferde und Esel. Eine seiner
Lieblingsunterhaltungen war es, sich beim Gebet bis auf die Füße zu
bücken. Er muss noch einen geschmeidigeren Rücken gehabt haben als
irgendwelche Kammerherrn, denn ein Augenzeuge berichtete, dass er bis
1244 solcher Bücklinge gezählt habe, der Heilige aber noch unendlich
lange in seiner frommen Turnübung fortgefahren sei.
Simeon brachte es dahin, dass er vierzig Tage hungern konnte! Als seinem
ausgemergelten Körper endlich die Kraft zum Stehen fehlte, ließ er auf
seiner Säule einen Pfahl errichten und sich an denselben mit Ketten in
aufrechtstehender Stellung befestigen.
Diese Säulentollheit fand viele Nachahmer, besonders im warmen
Morgenland. Im Abendland ist nur ein Säulenheiliger bekannt und die
fromme Stadt Trier hat den Ruhm, dass er einer ihrer Söhne war. Der
damalige Bischof war aber noch nicht so tief in den Geist der römischen
Kirche eingedrungen wie Herr Bischof Arnoldi, der vor etwa zwanzig
Jahren den angeblich ungenähten Rock Jesu für Geld zeigte, denn sonst
würde er nicht die Säule haben umstürzen und den Narren - ich meine den
Heiligen - zur Stadt hinausjagen lassen.
Da es das höchste Ziel aller dieser für ihre Seligkeit sich quälenden
Toren war, "die Natur mit Füßen zu treten" und jede "vom Fleische"
stammende Regung zu unterdrücken, so wurde denn natürlich auch der
Geschlechtstrieb als höchst unchristlich verdammt und bekämpft. Der
Kampf mit diesem mächtigsten der Triebe kostete aber die allergrößte
Mühe und hatte, wie wir noch in der Folge sehen werden, die
allerverderblichen Folgen für die sich Christen nennende Menschheit.
St. Hieronymus (geb. 330 und gest. 422) erzählt ganz kalt, dass dieser
Kampf mit der Natur Jünglingen und Mädchen Gehirnentzündungen und oft
Wahnsinn zugezogen habe. Die armen Narren, die ihren Leib kasteiten, um
den Unzuchtsteufel in sich zu demütigen, wussten ja nicht, dass sie
dadurch das Übel nur ärger machten, denn der Teufel - der bekanntlich
überall seine Hand im Spiel hat - führte ihnen die üppigsten Bilder vor
die Phantasie.
Einige bestrichen, um sich den Kampf zu erleichtern, ihre rebellischen
Glieder mit Schierlingssaft und andere machten der Sache völlig ein
Ende, indem sie die Wurzel des Übels ausrotteten. Dann hörte freilich
alles auf, auch die Versuchung, und wenn ein Verdienst im Überwinden
liegt, auch das Verdienst. Der sonst so vernünftige Kirchenvater
Origenes tat dies ebenfalls; aber seine Tat war keineswegs originell, da
heidnische Priester der Kybele diese unangenehme Operation ziemlich
häufig mit sich vornahmen. Leontius, ein Priester zu Antiochien,
Jakobus, ein syrischer Mönch, und noch viele andere unter den Priestern
und Laien folgten diesem Beispiel, was daraus hervorgeht, dass ein
Gesetz gegen die Kapaunirwut gegeben werden musste. Nun, Gott sei Dank,
vor der Rückkehr dieses Fanatismus sind wir sicher!
Andere, welche sich zu einer solchen Radikalkur nicht entschließen
konnten oder auch durch ihre Frömmigkeit davon abgehalten wurden, litten
Höllenqualen. Den heiligen Pachomius trieb das innerliche Feuer in die
Wüste, weil er es hier leichter zu ersticken meinte als in der Welt, wo
soviel zweibeiniger Zündstoff umherläuft. Er kämpfte oft mit sich, ob er
seinen entsetzlichen Qualen nicht durch den Tod ein Ende machen solle.
Einst legte er sich nackt in eine Höhle, welche von Hyänen bewohnt
wurde. Diese Bestien beschnupperten ihn, ließen ihn aber ungefressen
liegen, wahrscheinlich weil sie ihm anrochen, dass er ein Heiliger war.
Eines Tages gesellte sich zu dem geplagten Manne ein schönes
äthiopisches Mädchen, setzte sich auf seinen Schoß und reizte ihn so
sehr, dass er wirklich glaubte zu tun, was jeder nicht so heilige Mann
in seiner Lage unfehlbar getan haben würde. Als das Entsetzliche
geschehen war, ging es ihm wie manchem andern nach ähnlichen Vorfällen;
er erkannte jetzt, wer seine Hand dabei im Spiel hatte, und gab dem
schönen Mädchen als Dank eine ungeheure Maulschelle. Und seine Vermutung
war richtig; das Mädchen war der Teufel in eigener Person, denn
Pachomius' Hand stank von der Berührung ein ganzes Jahr lang so
entsetzlich, dass er fast ohnmächtig wurde, wenn er sie der Nase zu nahe
brachte.
Ärgerlich darüber, dass ihn der Teufel so erwischt hatte, rannte er in
der Wüste umher. Er fand eine Aspis oder kleine Brillenschlange und
setzte sie in seiner Wut gleich einem Blutegel an das Glied, welches
Origenes sich abschnitt. Aber die Schlange war ebenso ekel wie die Hyäne
und wollte nicht anbeißen. Pachomius hielt dies für ein Wunder, und eine
innere Stimme sagte ihm, dass er nun Ruhe haben sollte, und somit
scheint ihn das Teufelsmädel kuriert zu haben.
Mit Mystizismus vereinigte Dummheit und daraus entstehende Schwärmerei
stecken an und verbreiten sich wie Pest und Cholera. Die ganze
Christenheit wurde von dieser asketischen Schwärmerei angesteckt. Ganze
Scharen rannten in die Wüste, so dass sich die Heiligen auf die Füße
traten und genötigt wurden, ungeheure Gemeinschaften - Klöster zu
bilden.
St. Pachomius, der eigentliche Stifter derselben, hatte in dem seinigen
vierzehnhundert Mönche und führte noch über siebentausend andere die
Aufsicht. Im vierten Jahrhundert gab es in Ägypten wenigstens
hunderttausend Mönche und Nonnen; denn dass die leicht erregbaren und
verrückt zu machenden Weiber von dieser Tollheit nicht frei blieben,
kann man sich denken. In den gut gelegenen Wüsten fing es an, an Platz
zu fehlen, und man schaffte sich künstliche Wüsteneien, das heißt
Klöster, in den Städten. Die Stadt Oxyrrhinchus hatte mehr Klöster als
Wohnhäuser und in ihnen beteten und arbeiteten nicht weniger als
dreißigtausend Mönche und Nonnen.
Die Heiden mochten spotten soviel sie wollten, um dieses heilige Feuer
auszulöschen; es gelang ihnen nicht, denn die geachtetsten Kirchenlehrer
priesen das Mönchs- und Einsiedlerleben über alles und nannten es den
geraden Weg in das Paradies. Die heiligsten Bande der Natur wurden
zerrissen. Jünglinge verließen ihre Bräute, wie der heilige Alexius, der
in der Brautnacht in die Wüste rannte. Ammo las seiner Braut die Briefe
des Paulus an die Korinther vor! Die Braut wurde dadurch so begeistert,
dass sie mit Ammo in die Wüste lief und hier gemeinschaftlich mit ihm
eine elende Hütte bezog, wo sie lebte - keusch wie eine Henne, die mit
einem Hund zusammen wohnt.
Johannes Colybita, der Sohn angesehener Eltern, wurde ebenfalls in der
Brautnacht von dem frommen Kanonenfieber gepackt; er floh die Versuchung
und ging in die Wüste. Das unüberwindliche Heimweh trieb ihn in die
Vaterstadt zurück. Hier lebte er siebzehn Jahre als elender Bettler in
einer Hundehütte, die er neben die Wohnung seiner um ihn trauernden
Eltern gestellt hatte, denen er sich erst in seiner Todesstunde zu
erkennen gab.
Dies waren die Früchte der Lehren solcher Männer wie St. Hieronymus, der
sagte: "Und wenn sich deine jungen Geschwister an deinen Hals werfen,
deine Mutter mit Tränen und zerstreuten Haaren und zerrissenen Kleidern
den Busen zeigt, der dich ernährt hat, dein Vater sich auf die
Türschwelle legt, stoße sie mit Füßen von dir und eile mit trockenen
Augen zur Fahne des Kreuzes."
Sehr viele trieben auch die Eitelkeit und der Ehrgeiz zum asketischen
Leben, denn die Einsiedler und Mönche standen im höchsten Ansehen. Kamen
sie in eine Stadt, so wurden sie im Triumph empfangen, und zogen sie bei
einer solchen vorbei, dann strömten Tausende zu ihnen heraus, um sich
ihren Rat und ihren Segen zu erbitten.
Die ganze Gegend, in welcher ein besonders toller Einsiedler sein Wesen
trieb, hielt sich für beglückt, und man hat Beispiele, dass diese
Heiligen von den Bewohnern anderer Landschaften gleichsam wie die wilden
Affen in Pechstiefeln eingefangen wurden.
Salamanes aus Kapersana, einem Dorfe am Euphrat, hatte sich in ein Haus
sperren lassen, welches weder Fenster noch Türen hatte. Einmal im Jahr
öffnete er diesen Käfig, um die Lebensmittel in Empfang zu nehmen,
welche ihm herbeigeschleppt wurden, wobei der heilige Mann aber mit
niemandem redete. Die Bewohner seines Geburtsortes glaubten, ein Recht
auf diese Blume der Heiligkeit zu haben und entführten den Narren; aber
kaum hatten sie ihn einige Tage, als er ihnen wieder von den Bewohnern
eines benachbarten Dorfes gestohlen wurde. Alle diese gewaltsamen
Veränderungen waren nicht im Stande, dem Heiligen ein Wort zu entlocken.
Die Verehrung gegen diese Wüstennarren ging so weit, dass Kaiser
Theodosius ihnen sogar seine Söhne Honorius und Arkadius zur Erziehung
anvertraute. Es wurde freilich nichts Gescheites aus ihnen, denn
Honorius war förmlich blödsinnig geworden und fand sein größtes
Vergnügen daran, das Federvieh zu füttern. Eine recht unschuldige
Liebhaberei für einen Kaiser, die auch moderne Imperatoren haben, wenn
das Federvieh nur aus der rechten Tonart kräht.
Theodosius war überhaupt ein großer Freund der Mönche, und sowohl er wie
andere Kaiser nahmen zu ihnen wie zu Orakeln ihre Zuflucht. Er ahmte dem
großen Alexander nach, indem er sagte: "Wenn ich nicht Theodosius wäre,
so möchte ich ein Mönch sein." Sein Volk hatte Ursache genug, zu
bedauern, dass er Theodosius war.
Unter den "Vätern der Wüste" haben manche einen ganz besonderen Ruf der
Heiligkeit erworben, teils durch die unerhörten Qualen, welche sie sich
selbst auferlegten, teils durch die Wunder, welche ihnen zugeschrieben
wurden. Unter den schrecklichen Operationen, die sie mit ihrem Körper
vornahmen, litt auch der Geist, und so darf es uns nicht befremden, wenn
diese Leute allerlei Erscheinungen und Visionen hatten, die sie für
Wirklichkeit nahmen und die nur dazu dienten, ihren zerrütteten Verstand
noch mehr zu verwirren. Die Kirchenschriftsteller, welche diese Wunder
nacherzählen, waren ernsthafte Männer und tun dies im festen Glauben an
die Wahrheit dessen, was sie berichten. Erst die späteren mag hin und
wieder Eigennutz zum absichtlichen Betrug verleitet haben.
Ich würde alle diese Wunder als abgeschmackt übergehen, wenn man sie nur
allein in jener finsteren Zeit geglaubt hätte, allein noch heute gelten
sie Tausenden von römischen Katholiken als Wahrheit.
Der gemeine Katholik in den echt katholischen Ländern weiß von Gott sehr
wenig; er versteht die philosophische Dreieinigkeitsgeschichte nicht und
zerbricht sich auch nicht den Kopf darüber; er kennt nur seine
wundertätigen Heiligen und den Teufel.
Lange wollen wir uns übrigens in dieser halb bemitleidenswerten, halb
lächerlich tollen, heiligen Gesellschaft nicht aufhalten. Wer den ganzen
Unsinn der Wunder kennen lernen will, braucht nur eines der
Heiligenbücher zu lesen, welche von der Geistlichkeit in den
römisch-katholischen Ländern empfohlen und verbreitet werden.
Den größten Ruf unter den Wüstenheiligen erlangten: St. Paulus, St.
Pachomius, St. Antonius, St. Hilarion und St. Macarius Nr. 1 und Nr. 2.
Die Schlachten, welche diese Himmelsstürmer mit dem Teufel lieferten,
waren unzählig und die ungeheure Tätigkeit des "Erzfeindes" kann nicht
in Erstaunen setzen, da diese religiösen Don Quichote in jedem Affen, in
jedem andern Tier und namentlich in jedem Weibe, welche ihnen unvermutet
begegneten, nicht nur höllische Windmühlen, sondern den höllischen
Windmüller selber sahen.
Alle Übel, welche ihr krankhafter Körper- und Seelenzustand mit sich
brachte, wurden für Wirkungen des Teufels gehalten. Antonius schlief auf
der bloßen Erde und in feuchten Gräbern und zog sich dadurch sehr
begreiflicherweise die Gicht zu, wie das auch jedem Nichtheiligen
begegnet wäre; er aber bildete sich ein, dass die Schmerzen, die er
empfand, von einem Faustkampf mit dem Teufel herrührten, - weil er
vielleicht wirklich häufig Kämpfe mit den starken Affen zu bestehen
hatte, die sich im südlichen Ägypten aufhielten und die wahrscheinlich
die Erzväter der Waldteufel sind. Schöne Weiber, die ihm im Traum
erschienen, hielt er erst recht für Teufel, da sie ihn am stärksten
versuchten und eine derartige "Versuchung des heiligen Antonius" sieht
man häufig gemalt, weil sie die Phantasie der Maler lebhaft anregte.
Manche der Einsiedler mag auch die Eitelkeit verführt haben,
Erscheinungen vorzugeben, um ihr Verdienst in den Augen der Menschen zu
erhöhen. Wer vermag es, hier die Grenze zwischen wirklichen Äußerungen
des Wahnsinns und Dichtungen anzugeben? Wie lange ist es her, dass die
Hexenprozesse aufgehört haben? Mag bei diesen Letzteren manche
absichtliche Nichtswürdigkeit vorgegangen sein, so kann man doch für
gewiss annehmen, dass noch vor hundert Jahren viele der geachtetsten
Theologen und Juristen an die Möglichkeit der Teufelserscheinungen und
des fleischlichen Umgangs mit dem Teufel und andern bösen Geistern
glaubten; denn wäre dies nicht der Fall, so müsste man die Richter,
welche Hunderttausende von Hexen verbrennen ließen, für absichtliche
Mörder halten. Hexenprozesse fanden noch im vorigen Jahrhundert statt,
und der gemeine Mann in vielen, nicht nur römisch-katholischen Ländern,
glaubt noch heute steif und fest an Hexen.
Dem heiligen Antonius werden viel Wunder zugeschrieben. Die
Kirchenschriftsteller erzählen, dass ihm die Tiere der Wüste gehorchten
wie dressierte Pudel. Gar häufig umgaben sie zudringlich seine Höhle,
warteten aber stets bis er sein Gebet vollendet hatte, dann empfingen
sie seinen Segen und zogen mit den christlichen Gedanken auf Raub aus.
Als er den in seinem hundertunddreizehnten Jahr gestorbenen heiligen
Paulus aus dem ägyptischen Theben begrub, halfen ihm zwei fromme Löwen
das Grab machen. Als sie fertig waren, empfingen sie seinen Segen und
zogen, christlich mit dem Schwanz wedelnd, vergnügt und mit
erleichtertem Gewissen tiefer in die Wüste.
St. Macarius, der sich zur Unterdrückung des ihm arg zusetzenden
Wollustteufels mit bloßem Hintern in einen Ameisenhaufen setzte, genoss
ebenfalls das Vertrauen der wilden Bestien. Einst kam eine Hyäne an
seine Tür und pochte bescheiden an. Als der Heilige öffnete, legte ihm
die gläubige Mutter ein blindes Junges zu Füßen, zugleich aber ein
Lammfell als Honorar für die Kur. "Du hast es geraubt, ich mag es
nicht!" schnob der Heilige die fromme Hyäne an, welche so bestürzt
wurde, dass ihren Augen Tränen entrollten. Dies rührte den Heiligen und
er sprach freundlicher zu der bußfertigen Bestie: "Willst du kein Lamm
mehr rauben, so nehme ich das Fell und heile." Die Hyäne nickt zu, der
Heilige heilt. Dieser geht in seine Zelle, jene trollt vergnügt in die
Wüste und raubt von nun an keine Lämmer mehr, sondern wahrscheinlich -
Schafe.
Das erste Wunder, welches der heilige Hilarion tat, klingt nicht so
unglaublich. Eine junge Frau, die von ihrem Manne verachtet wurde, weil
sie ihm keine Kinder gebar, holte sich Rat bei dem
zweiundzwanzigjährigen Heiligen. Er betete allein mit ihr, und nach neun
Monaten kam sie wirklich mit einem durch tätiges Gebet bewirkten kleinen
Heiligen nieder.
Doch wozu noch mehr dieser Wunder anführen? - Hier reitet ein Heiliger
auf einem Krokodil durch den Nil, dort führt ein anderer einen grimmigen
Drachen an einem Bindfaden; hier lässt ein anderer Schnee anbrennen,
Eisen schwimmen und Früchte auf Weidenbäumen wachsen; dort benutzt ein
Heiliger einen lebendigen Adler als Regenschirm oder hat den Teufel vor
seinen Pflug gespannt; - kurz, diese Heiligen machten nicht allein die
Menschen, sondern auch die Natur konfus. Und all dieser Unsinn wurde
geglaubt, denn daran zweifelte kein Mensch, dass so heilige Leute die
ewigen Naturgesetze ganz nach Willkür verändern und unterbrechen
konnten!
Die im Orient entstandene Schwärmerei fand auch in Europa den
lebhaftesten Anklang, und besonders wirkte dafür St. Ambrosius, Bischof
von Mailand, dem wir den Ambrosianischen Lobgesang, das Te deum
laudamus, verdanken, und St. Hieronymus, von dem wir schon früher
geredet haben. Beide wirkten sowohl durch eigenes Beispiel als durch
Schriften. Hieronymus lebte selbst längere Zeit in der syrischen Wüste
und schrieb ein Werk, betitelt "Lob des einsamen Lebens", welches für
ein Meisterstück der Beredsamkeit gilt. Ich werde später noch manchmal
Stellen aus seinen Schriften anführen müssen. Er war 331 in Strydon in
Dalmatien geboren, hielt sich lange Zeit in Rom auf und starb 422 in
seinem Kloster in Bethlehem.
Der Hang zum asketischen Leben nahm nun schnell in Europa überhand, und
Heilige und Klöster schossen überall wie Pilze auf. Der heilige Martin
war der erste, welcher Klöster in Frankreich anlegte. Er war 316 in
Pannonien geboren und hatte das Kriegshandwerk ergriffen. Als er einst
einem Armen die Hälfte seines Mantels gab, bildete er sich ein, Christi
Stimme zu hören, welche ihm zurief: "Was du andern getan hast, hast du
mir getan." Dies bewog ihn, sein Regiment zu verlassen und unter die
Heiligen zu gehen. Sein Ruf verbreitete sich bald; er wurde Erzbischof
von Tours und ein sehr stolzer Heiliger. Als er vor Kaiser Valentinian
erschien, wollte dieser sich nicht von seinem Throne erheben, um St.
Martin zu begrüßen. Diesen verdross solcher Hochmut, er betete, und - so
erzählt die "Geschichte" - feurige Flammen schlugen aus dem Thronsessel
empor, so dass seine kaiserliche Majestät schnell in die Höhe fahren
musste, wollte sie nicht ihren allerhöchsten allerdurchlauchtigsten
Allerwertesten verbrennen.
Die Zahl der europäischen Heiligen ist sehr groß, und ich möchte gern
ihr ganzes heiliges Leben und all ihre Wunder erzählen; allein leider
habe ich weder Zeit noch Raum zu einem so umfassenden, interessanten
Werk und will mich daher damit begnügen, nur von denjenigen zu reden,
die für die Welt als Stifter von Mönchsorden oder als sogenannte Apostel
wichtig wurden, und auch dann noch ist ihre Zahl so groß, dass ich eine
Auswahl treffen muss.
Ehe ich aber dazu schreite, will ich die gläubigen Christen darüber
belehren, was denn eigentlich solch ein Heiliger bedeutet und wozu er
noch heute gut ist. Es versteht sich von selbst - so lehrt natürlich die
römische Kirche - dass ein Heiliger nicht nur selig ist, sondern dass er
auch im Himmel einen besonders hohen Platz einnimmt, gewissermaßen zu
der Familie des lieben Gottes gehört und beständig mit Christus, der
Jungfrau Maria, deren neuerdings unbefleckt empfangenen Frau Mutter, dem
Heiligen Geist, den vornehmsten Engeln und den Aposteln verkehrt. Man
kann sich also wohl denken, dass solch ein Heiliger direkten oder
indirekten Einfluss bei dem lieben Gott hat und nicht leicht vergebens
bittet. Die Heiligen haben ganz außerordentlich viel zu tun, denn sie
haben nicht allein diejenigen auf Erden lebenden Menschen zu beschützen
und zu behüten, deren spezielle Schutzpatrone sie sind, sondern auch
noch spezielle Zweige der Heiligenwissenschaft zu vertreten. Die
angeseheneren Heiligen sind außerdem Vorsteher ganzer Nationen oder
besonderer Städte, und somit sieht jeder ein, dass ihr Amt im Himmel
keine Sinekure ist. Damit nun jeder, den irgendeine religiöse Blähung
oder ein körperliches Gebrechen quält, welches er wohlfeiler kuriert
haben will, als es von einem irdischen unheiligen Doktor geschehen kann,
weiß, was er zu tun hat, so will ich einige Hauptheilige nebst ihren
Funktionen anführen.
Der Adel steht unter der besonderen Protektion der drei großen Heiligen
St. Georg, St. Moritz und St. Michael; der Patron der Theologen ist
höchst seltsamerweise der zweifelsüchtige "ungläubige" St. Thomas, und
der Schutzheilige der Schweine ist St. Antonius. Die Jurisdiktion über
die Juristen hat St. Ivo, über die Ärzte St. Cosmus und St. Damian, über
die Jäger St. Hubertus und die Trinker stehen unter dem Schutze St.
Martins. So hat auch jedes Gewerbe seinen besonderen Heiligen, denen die
römisch-katholischen Handwerker wahrscheinlich ihr Geschäft anvertrauen,
wenn die vielen Festtage oder die Wallfahrten zur heiligen Garderobe sie
abhalten, selbst dafür zu sorgen.
Auch jede Nation hat ihren besonderen Schutzheiligen. Die Portugiesen
haben St. Antonius, der neben den Schweinen auch sie behütet; die
Spanier St. Jakob, welcher sich kürzlich als der wahre Jakob erwiesen
hat; die Franzosen St. Denis, die Engländer St. Georg, die Venezianer
St. Markus, und die Deutschen werden einen eigenen Schutzheiligen
bekommen, wenn sie eine Nation sind; einstweiligen besorgen die
Schutzheiligen anderer Nationen ihre diplomatischen Geschäfte, im
Himmel.
Auch haben einige Heilige, die mit der Leitung von Nationen und
besonderen Ständen nicht zu sehr beschäftigt sind, ihre Muße im Himmel
benutzt, einige Übel der armen Erdenwürmer besonders gründlich zu
studieren, und der liebe Gott, der doch nicht alles selbst tun kann, hat
ihnen nach dem Glauben vieler Katholiken erlaubt, ihm hier und da
auszuhelfen.
St. Aja hat die Rechtswissenschaft studiert und hilft in Prozessen; St.
Cyprian beim Zipperlein, St. Florian bei Feuersgefahr, St. Nepomuk gegen
Wasserflut und in Verleumdung; St. Benedikt gegen Gift; St. Hubertus
gegen die Hundswut, St. Petronella im Fieber, St. Rochus gegen die Pest,
St. Ulrich gegen die Ratten und Mäuse, St. Apollonia gegen Zahnweh, wenn
es nicht von Schwangerschaft kommt, denn in diesem schmerzlichen Fall
muss man sich an St. Margaretha wenden, welche auch bei schweren
Geburten hilft. St. Blasius bläst das Halsweh weg, und St. Valentin
hilft gegen die fallende Sucht; St. Lucia gegen Augenübel, und Vieharzt
im Himmel ist St. Leonhard.
St. Benedikt ist der Vater der zahlreichen Benediktinermönche. Er wurde
480 in Nursia in Umbrien geboren und starb 543. Die Legende erzählt von
ihm merkwürdige Dinge. Schon im Mutterleibe sang er Psalmen, und wenn er
als Kind weinte, dann brachten ihm die Engel Bischofsstäbe,
Bischofsmützen und Breviere zum Spielen und machten Musik auf
Instrumenten, die erst viele Jahrhunderte später unter den Menschen
erfunden wurden. Sein erstes Wunder war, dass er einen zerbrochenen Topf
wieder ganz betete!
Im Beten besaßen diese Heiligen, wenn wir den Kirchenschriftstellern
glauben wollen, eine ordentlich schauerliche Innigkeit und Ausdauer.
Einige erhoben sich vor lauter Inbrunst einige Fuß über die Erde und
blieben so in der Luft hängen. Ein irländischer Heiliger, namens Kewden,
betete so hartnäckig und lange, dass eine Schwalbe in seine gefalteten
Hände Eier legen und ausbrüten konnte!
Es versteht sich von selbst, dass St. Benedikt vom Teufel heftig
verfolgt wurde, der ihn, als der fromme Mann sich in eine Einöde
vergraben hatte, beständig in Gestalt einer Amsel umschwärmte. Als er,
nämlich der Heilige und nicht der Teufel, Abt eines Klosters wurde,
verführte der Teufel einen Pfaffen, sieben schöne Mädchen in der
Naturuniform im Klostergarten laufen zu lassen, so dass fast alle Mönche
des Teufels wurden. Nahe daran waren sie, denn sie machten Versuche,
ihren strengen Abt zu vergiften, die natürlich alle misslangen, denn
bald betete er den Giftbecher entzwei, bald kam ein Rabe, der das
vergiftete Brot sofort in die Wüste trug.
Benedikt stiftete eine große Menge von Klöstern, darunter das berühmte
von Monte Casino, und gab seinen Mönchen eine Regel, die für einen
Heiligen und sein Zeitalter sehr vernünftig ist. Seine Mönche sollten
arbeiten; allein von Selbstquälerei und dergleichen ist darin nichts
vorgeschrieben. Seine Klosterregel wurde bald die Grundlage aller
anderen, und die Benediktinerklöster waren die Zufluchtsorte für Künste
und Wissenschaften, welche ohne sie vielleicht ganz und gar im rohen
Mittelalter von dem Christentum verschlungen sein würden. Wir mögen
daher immerhin St. Benedikt als einen der achtungswertesten Heiligen
verehren und ihm die dummen Wunder nicht zur Last legen, welche ihm
spätere Verehrer andichteten.
Von seiner Klosterregel weicht die des irdischen Mönches Columbanus
merklich ab; in seinem Zuchtbuch regnet es für das geringste Vergehen
Dutzende von Hieben. Wer einem Bruder widersprach, ohne hinzuzufügen:
"Wenn du dich recht erinnerst, Bruder", erhielt fünfzig Hiebe, und wer
gar allein mit einem Frauenzimmer redete, - zweihundert, wohlgezählt.
Der englische Mönch Winfried, der nachher St. Bonifazius hieß, wird
gewöhnlich der Apostel der Deutschen genannt. Er führte die Klöster in
Deutschland ein und mit ihnen allen Segen Roms. Die Friesen erwarben
sich das Verdienst, ihn nebst dreiundfünfzig Pfaffen totzuschlagen (am
5.Juni 759). Hätten sie es früher getan, dann wüssten wir vielleicht
nichts von Ehelosgikeit der Priester, Wallfahrten, Bilderdienst,
Reliquien und dergleichen Dingen, die er in Deutschland heimisch machte.
St. Adalbert, der sogenannte Apostel der Preußen, war Bischof von Prag
und ein ganz guter Mann, dem es nur an Verstand fehlte. Was er
eigentlich für ein Landsmann war, weiß ich nicht; aber ich vermute ein
Deutscher, denn er war so demütig, dass er am Hofe seines Freundes
Kaiser Otto II. den Hofleuten heimlich die Stiefel putzte.
Ihn gelüstete sehr nach der Märtyrerkrone und er schlug allerdings,
obwohl aus heiliger Einfalt, den allerkürzesten Weg dazu ein, sie auf
das schleunigste zu erlangen. Er zog mit zwei Gefährten Psalmen singend
durch das Land der wilden, heidnischen Preußen. Dies wilde Volk hielt
ihn anfangs gar nicht für einen Heiligen, sondern für einen Verrückten
und wurde in diesem Glauben noch bestärkt, als Adalbert auf ihre
Götterbilder schimpfte, ja, sie wohl gar verunehrte und ihnen dafür
Kreuz, Hostie, Marienbilder und andern römisch-christlichen Hausbedarf
anbot. Als die Preußen ihn auslachten, schimpfte er auf die Verstockten
und wurde zornig, und ehe er sich dessen versah, steckten ihm sieben
heidnische Wurfspieße im heiligen Leibe, die ihn zum Märtyrer machten.
Bruno, einem Benediktiner aus Magdeburg, ging es einige Jahre später
nicht besser; die Preußen schlugen ihn nebst achtzehn seiner Gefährten
ebenfalls tot.
Ebenso wichtig als Förderer des Klosterwesens und als Heiliger, aber bei
Weitem wichtiger und bedeutender als Mensch, ist der heilige Bernhard.
Luther sagt von ihm: "War je ein wahrer, gottesfürchtiger Mönch, so war
es Bernhard; seinesgleichen ich niemals weder gehört noch gelesen habe,
und den ich höher halte, denn alle Mönche und Pfaffen des ganzen
Erdbodens."
Bernhard stammte aus einer altadeligen burgundischen Familie und wurde
1091 zu Fontaines bei Dijon geboren. Er war ein Schwärmer, aber ein
durchaus edler Mensch, dem es wahrer Ernst war, die verdorbenen
Geistlichen und die Menschen überhaupt zu bessern. Er quälte seinen
Körper auf grauenhafte Weise, indem er mit seinen Mönchen oft nur von
Buchenblättern und dem elendsten Gerstenbrot lebte. Genoss er einmal zur
Stärkung seines geschwächten Magens etwas Mehlbrei mit Öl und Honig,
dann weinte er bitterlich über diese Schwachheit.
Seine Frömmigkeit und sein scharfer Verstand erwarben ihm bald einen
bedeutenden Ruf. Als er einst in Mailand einzog, waren ihm Hände und
Arme geschwollen von den Küssen, mit denen ihn die zudringlichen
Gläubigen überdeckten. Er hätte Erzbischof, ja, Papst werden können, er
schlug alle Würden aus; aber als einfacher Bruder von Citeaux übte er
den bedeutendsten Einfluss aus. Er schlichtete Streitigkeiten zwischen
Päpsten und Königen, zwischen Fürsten und ihren trotzigen Vasallen, und
der wildeste Kriegsmann zitterte vor dem gewaltigen Mönch. Weder Kaiser
noch Papst wagten es, in Bernhards Kloster Citeaux einzureiten, sie
gingen demütig zu Fuß.
Er war die Seele des zweiten der Kreuzzüge, - dieser großartigen
Narrheit, die sieben Millionen Menschen das Leben kostete, die aber aus
religiösem Eifer von Bernhard gefördert wurde. Selbst über die
hartnäckigsten Widersacher siegte seine Beredsamkeit, wie zum Beispiel
über Kaiser Konrad III., der in Speyer seinen Kaisermantel ablegte und
den Heiligen auf seinen Schultern durch das Gedränge trug. Seine
verführerische Zunge entvölkerte die Städte von Männern, so dass in
manchen kaum einer für sieben Weiber zurückblieb, denn "alles, was die
Wand bepisst", nahm das Kreuz.
Der heilige Bernhard verdiente ein eigenes Buch, und ich werde später
noch hier und da manches zu erwähnen haben, was seine Verdienste besser
ins Licht setzt. Hier will ich nur noch einige Wunder anführen, welche
ihm die Legende zuschreibt und ohne welche er schwerlich in den
Heiligenkalender gekommen wäre, trotz all seiner Verdienste.
Die Erzählungen von den Siegen über den Teufel, welche er durch die
Kraft seines Gebetes errang, sind unzählbar. Sein Gebet war aber auch so
innig, dass es Steine erbarmte. Einst machte sich ein steinerner
Christus vom Kreuze los und stieg herab, um den frommen Beter zu
umarmen. Ein steinernes Marienbild ging noch weiter. Es reichte dem
Heiligen die Brust, und dieser trank aus dem Stein die süßeste
Frauenmilch! Es ist diese Güte der heiligen Mutter Gottes umso mehr zu
bewundern, als St. Bernhard sie eigentlich immer schlecht behandelte und
nicht einmal an ihre Jungfrauschaft glauben wollte! Als er einst in den
Dom zu Speyer trat, grüßte er das dort befindliche Marienbild: "Sei
gegrüßt, o Königin!" Wie erstaunten die Anwesenden, als die
geschmeichelte und angenehm überraschte steinerne Mutter Gottes die
steinernen Lippen öffnete und ausrief: "Wir danken dir schön, unser
lieber Bernhard", aber noch verwunderte man sich, als der verdrießliche
Heilige die Worte des Apostels zurückbrummte: "Weiber schweigen in der
Versammlung."
Bernhard starb 1153. Er erschien seinen Mönchen mehrmals verklärt im
Himmelsglanz, aber - und Spötter sollten sich das ad notam nehmen - in
der Mitte seines Leibes war ein unangenehmer Makel, eben weil er an die
makellose Jungfrauschaft der Mutter des Jesukindleins nicht hatte
glauben wollen.
St. Bernhard selbst hatte 160 Klöster angelegt, die eine zahlreiche
Nachkommenschaft hatten, denn schon zehn Jahre nach des Heiligen Tod gab
es 500, und hundert Jahre später gegen 2000 Bernhardiner- oder
Zisterzienserklöster. Die Mönche dieses Ordens zeichneten sich lange
Zeit vor allen andern durch Arbeitsamkeit und Sittenreinheit aus, so
dass Könige und Fürsten in die Gemeinschaft desselben traten.
Den Segen, den diese Mönche und die Benediktiner dem rohen Mittelalter
hätten bringen können, vernichteten die nun bald entstehenden
Bettelorden, welche knechtische Unterwerfung der Vernunft unter den
blindesten Glauben lehrten und damit die zügelloseste Sittenlosigkeit zu
verbinden wussten. Sie verbreiteten eine dicke geistige Finsternis über
die Erde, welche die Päpste und ihre Verbündeten so sehr zu schätzen
wussten, dass sie auf das sorgfältigste bemüht waren, dieselbe bis auf
den heutigen Tag zu erhalten.
Die Idee der Bettelorden entsprang in dem Gehirn Giovanni Bernardone's,
eines verdorbenen Kaufmannssohnes aus Assisi in Umbrien. Er ist bekannt
unter dem Namen des heiligen Franz von Assisi oder des seraphischen
Vaters. - Da der junge Mann zum Kaufmann nichts taugte, so wurde er
Soldat, geriet in Gefangenschaft und verfiel in eine schwere Krankheit.
Als er genas, war er - ein Heiliger! Das heißt vorläufig nur ein simpler
Narr, der sich unter Bettlern und Aussätzigen umhertrieb, ihre Geschwüre
küsste, sich mit ihren Lumpen kleidete und seinen Vater bestahl, um das
Gestohlene zum Ausbau einer verfallenen Kirche zu verwenden. Der Bischof
von Assisi nahm den Dümmling in Schutz, und bald zog er im Land umher,
bettelnd für den Bau der eben erwähnten Kirche. Die Kollekte fiel so
reichlich aus, dass er auf den Gedanken geriet, einen Bettelorden zu
stiften. Papst Honorius sagte zwar von ihm: "Ihr seid ein
Einfaltspinsel", aber Papst Innozenz III., dazu durch einen Traum
veranlasst, bestätigte die von Franz aufgesetzte Mönchsregel, die er
doch anfangs eine Regel für Schweine, aber nicht für Menschen genannt
hatte.
Anfangs wurde Franz verspottet und verhöhnt, aber in der Zeit von drei
bis vier Jahren stieg der Ruf seiner Heiligkeit so sehr, dass ihm, wenn
er einer Stadt nahte, Geistlichkeit und Volk feierlich entgegenkamen und
mit allen Glocken geläutet wurde. (1211.)
Seine Regel verbot es streng ein Eigentum zu haben, und die äußerste
Demut war den Mönchen Gesetz. "Die Almosen", sagte Franz, "sind unser
Erbe, Almosen unsere Gerechtigkeit, das Betteln unser Zweck und unsere
Königswürde! Die Schmach und Verachtung unsere Ehre und unser Ruhm am
Tag des Gerichts."
Er ging selbst mit dem Beispiel voran, denn er war demütig wie ein Hund.
Je mehr ihn die Gassenjungen verhöhnten, desto lieber war es ihm, und
ganz vergnügt war er, wenn sie ihn gar mit Schmutz bewarfen. Aus lauter
Demut ließ er sich oft mit Füßen treten. Wenn er in Assisi umherging und
bettelte, so steckte er alles Essbare, das er erhielt, in einen Topf,
und wenn ihn hungerte, so langte er zu und aß von dem ekelhaften
Gemisch. Einst wurde Franz von einem Kardinal zu Tisch geladen; er ließ
jedoch alle Gerichte unberührt und aß zum Ekel der delikaten Gäste den
Schweinefraß, den er gesammelt hatte.
Die Tiere hatte er sehr lieb und nannte sie seine Brüder und Schwestern.
Gar oft predigte er den Gänsen, Enten und Hühnern, und als ihn einst die
Schwalben und Sperlinge durch ihr Gezwitscher störten, bat er die
"lieben Schwestern" um Ruhe. Einen Bauer, der zwei Lämmer zu Markte
trug, fragte er: "Weshalb quälst du so meine Brüder?" - Eine Laus, die
sich auf seine Kutte verirrt hatte, nahm er sorgfältig zwischen die
Finger, küsste sie und sagte: "Liebe Schwester Laus, lobe mit mir den
Herrn!" Dann setzte er sie auf seinen Kopf, woher sie gekommen war.
Seinen Körper nannte er "Bruder Esel", und wenn diesen Esel der Hafer
stach, dann plagte er ihn wacker. Er wälzte sich, wie es auch St.
Benedikt tat, nackt auf Dornen, stieg bis an den Hals in gefrorene
Teiche oder legte sich in den Schnee, bis jede wollüstige, eselhafte
Regung verschwunden war. Einst machte er sich in spaßhafter Laune Weib
und Kinder von Schnee und umarmte sie so lange inbrünstig, bis sie
zerschmolzen waren.
Sein Orden mehrte sich außerordentlich schnell, denn schon im Jahr 1216,
als er ein Generalkapitel desselben nach Assisi ausschrieb, kamen hier
5000 Franziskaner zusammen, obgleich ein großer Teil davon nur
Abgeordnete von Klöstern waren. Ihre Zahl wuchs bald wie Sand am Meer.
Der Franziskanergeneral bot einst dem Papst Pius III. 40.000
Franziskaner zum Türkenkrieg an und versicherte, dass die geistlichen
Verrichtungen darunter nicht leiden sollten. Während der Pest 1348
starben allein in Deutschland 6000 Franziskaner, und man merkte die
Verminderung nicht. Die Reformation zerstörte unendlich viele ihrer
Klöster, allein noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts rechnete man die
Zahl derselben auf 7000 Mönchs- und 900 Nonnenklöster!
Franz starb 1226, und da er ein Heiliger war, so tat er denn
selbstverständlich auch eine Menge von Wundern. Christi Wunder
verschwinden vor denen, welche seine Mönche von ihm berichten.
Einst zog er sich in die Apenninen zurück und hungerte hier vierzig Tage
lang. Da erschien ihm ein Seraph, der ihm die fünf Wundmale Christi
aufdrückte, so dass sie bluteten. Von daher hieß Franz auch der
seraphische Vater und sein Orden der Seraphienorden. Die Verehrer dieses
Heiligen gingen so weit, ihn wirklich weit über Christus zu setzen und
ihm die tollsten und verrücktesten Wunder zuzuschreiben.
Franzens Nachfolger als Ordensgeneral war der Bruder Elias, ein
schlauer, durchtriebener Patron, der sich die Einfalt Franzens trefflich
zunutze zu machen wusste. Er und seine Nachfolger verstanden es
herrlich, Franzens Ordensregeln auszulegen, und dabei wurden ihre
Klöster so reich wie keine anderen.
Die geschworenen Feinde und Widersacher der Franziskaner waren die
ungefähr um dieselbe Zeit entstehenden Dominikaner, so benannt nach
ihrem Stifter, dem heiligen Dominikus. Er hieß Dominikus Guzman und war
1170 in Altkastilien geboren. Er ward zur Bekehrung der Waldenser nach
Frankreich geschickt und bekam hier den Gedanken, einen Mönchsorden zu
stiften, dessen Wirksamkeit besonders auf das Volk berechnet sein und
der sich mit Predigten und Unterrichtgeben und zu seinem Unterhalt mit
dem einträglichen Betteln abgeben sollte. Er erhielt vom Papst die
Bestätigung, und dieser scheußliche Orden trat ins Leben, um die Welt
mit der Inquisition und der Zensur der Bücher zu beglücken. Dominikus
selbst war der erste, welcher förmliche Ketzerjagden anstellte.
Er wollte seinen Orden mit dem des heiligen Franz vereinigen; aber
dieser hatte keine Lust dazu. Beide Orden standen sich indessen anfangs
bei; aber bald gerieten sie aus Handwerksneid in bitterste Feindschaft;
auch wollten die gebildeteren Dominikaner stets etwas Besseres sein als
die Franziskaner, von denen durchaus keine Gelehrsamkeit gefordert
wurde. Der Dominikanerorden wuchs ebenfalls schnell, und 1494 gab es
4143 Klöster desselben.
St. Dominikus verdankt die Klosterwelt eine große Erfindung, nämlich
neunerlei Stellungen beim Gebet, mit denen man zur Unterhaltung
abwechseln konnte, damit die Sache nicht zu langweilig wurde. Man konnte
beten: stehend, kniend, auf dem Rücken, dem Bauch, den Seiten liegend,
die Arme ins Kreuz ausgestreckt, gekrümmt stehend, bald kniend, bald
aufspringend. Er selbst betete so inbrünstig, dass er von der Erde
verzückt wurde, das heißt einige Fuß hoch vom Boden in der Luft
schwebte. Er starb 1221 zu Bologna. Von seinen überirdischen Taten,
nämlich seinen Wundern, wollen wir schweigen, wir haben genug an seinen
irdischen. Fliehen wir aus der Gesellschaft dieses bleichen
Henkerknechtes! und wessen Christentum es erlaubt, der mag dem Vater der
Inquisition aus vollem Herzen einen Fluch nachrufen, ich stimme von
ganzer Seele ein!
Ich hoffe, die Leser werden bereits genug haben an dem Unsinn, den ich
ihnen nach den Berichten der Kirchenschriftsteller von den
achtungswertesten der Heiligen erzählte, und ich will ihre Geduld jetzt
nicht weiter auf die Probe stellen, da ich ohnehin später noch diesen
oder jenen Heiligen erwähnen muss. Wäre ich nur darauf ausgegangen, die
Heiligen und ihre Wunder lächerlich zu machen, dann hätte ich eine ganz
andere Auswahl getroffen, dann hätte ich St. Antonius von Padua, welchen
der heilige Franz selbst "ein Rindvieh" nannte, und Konsorten gewiss
nicht ausgelassen.
Schließlich will ich nur noch einige heilige Frauen erwähnen; ihre Zahl
ist nicht weniger groß als die der männlichen Heiligen, und ihre
Schwärmereien und Wunder sind noch bei weitem wunderbarer. Es ist hier
nicht der Ort, die Ursachen auseinanderzusetzen, warum das weibliche
Geschlecht weit mehr zur Schwärmerei geneigt ist als das männliche und
der Verstand der Weiber leichter überschnappt. Die Erfahrung lehrt es
uns täglich. Von somnambulen Männern habe ich noch nichts gehört, aber
dergleichen Mädchen - nicht Frauen - gibt es in großer Menge. Eine große
Zahl der heiligen Mädchen waren ganz sicher Somnambulen.
Eine der ältesten Heiligen ist St. Afra. Ihre Mutter hielt ein Bordell
in Augsburg, und sie war darin eine der fungierenden Priesterinnen. Der
Zufall, natürlich, führte einst den spanischen Bischof Narzissus in dies
Haus. Er bekehrte die Priesterinnen der Venus zum Christentum, und Afra,
mit der er sich am meisten beschäftigte, machte er zur Heiligen. Sie
wurde später als Märtyrerin verbrannt.
Die heilige Therese war eine Spanierin aus adeliger Familie, geboren
1515 und gestorben 1582. Ihre Verehrer gaben ihr die seltsamsten Titel:
Arche der Weisheit, himmlische Amazone, Balsamgarten, Orgel und
Kabinettssekretär des Heiligen Geistes usw. Schon als Kind wurde sie von
der Schwärmerei ergriffen und wollte nach Afrika gehen, um dort den
Märtyrertod zu finden. Endlich, als sie siebzehn Jahre alt war, hielten
es die Eltern nicht mehr mit ihr aus und brachten sie in das
Karmeliterkloster zu Avila. Sie hatte nun bald Erscheinungen aller Art,
und als ihr gar einst eine Hostie aus der Hand des Bischofs von selbst
in den Mund flog, da war die Heilige fertig. Sie ward endlich Äbtissin
eines eigenen Klosters zu Pastrana, und nun konnte sie ihrer Heiligkeit
freien Lauf lassen.
Jesus war von ihrer Heiligkeit so entzückt, dass er ihr einst die Hand
reichte und sie zu seiner Braut weihte, indem er sagte: "Von nun an bin
ich ganz dein und du ganz mein." Einst erschien ihr ein Seraph, der sie
mit einem "glühenden Pfeil" einige Mal tupfte; aber der Schmerz war so
süß, dass sie wünschte, ewig so getupft zu werden. Die Spanier feiern
noch heute dies Fest der Bepfeilung am 27. August.
Die Nonnen der heiligen Therese mussten barfuß gehen und sich die
strengste Zucht gefallen lassen. Der blindeste Gehorsam war ihnen
Gesetz, und die geringste Abweichung davon wurde furchtbar bestraft.
Eine Nonne, die über schlechtes Brot eine verdrießliche Miene machte,
wurde nackend an die Eselskrippe gebunden und musste hier zehn Tage lang
Hafer und Heu fressen! Solche barbarische Strenge hatte denn auch zur
Folge, dass jeder ihrer Befehle auf das pünktlichste befolgt wurde. Eine
Nonne fragte sie einst, wer heute die Abendmette singen solle. Die
Heilige war verdrießlich und antwortete "Die Katze". Die Nonne nahm also
die Katze, ging damit an den Altar und zwickte sie in den Schwanz, so
dass das arme Tier in den erbärmlichsten Liedern das Christentum
anklagte.
Selbstquälerei war in diesem Kloster an der Tagesordnung. Theresens
Nonnen verbrauchten eine Unmasse von Ruten. Sie schliefen auf Dornen
oder im Schnee, tranken aus Spucknäpfen, nahmen tote Mäuse und anderes
ekelhaftes Zeug in den Mund, tranken Blut, tauchten ihr Brot in faule
Eier und durchstachen sich die Zunge mit Nadeln, wenn sie das Schweigen
gebrochen hatten.
Eine höchst merkwürdige Antipathie hatte die heilige Therese gegen
behos'te Männer, und hätte sie die Macht gehabt, so hätte sie allen die
Hosen abgezogen. Soweit sie Gewalt hatte, tat sie es auch. Die unter ihr
stehenden Karmelitermönche mussten die Hosen ablegen und dafür ein
kleines Schürzchen von brauner Wolle tragen. Sie hielt indessen nur
Männerhosen für unchristlich, denn ihre Nonnen mussten Hosen tragen; ob
sie es selbst tat, darüber haben uns die gelehrten Karmelitermönche
keine Nachricht hinterlassen.
St. Therese war auch Schriftstellerin und schrieb Bücher, die manchem
armen Mädchen den Kopf verrückten. Nach ihrem Tod erschien sie einer
vertrauten Nonne und gestand ihr, dass sie mehr aus Inbrunst der Liebe
als an der Heftigkeit der Krankheit gestorben sei. Von der Liebe scheint
diese heilige Hosenfeindin überhaupt mehr verstanden zu haben, als man
einer Äbtissin sonst zutraut, denn irgendwo schreibt sie: "Der Teufel
ist ein Unglücklicher, der nichts liebt, und die Hölle ein Ort, wo man
auch nicht liebt"; ein Gedanke, der eines Dichters würdig ist.
Ungefähr um dieselbe Zeit wie Therese lebte die Italienerin Katharina
von Cardone. Sie war aus Liebe verrückt, wohnte in einer Höhle und trug
ein Kleid von Ginster, mit Dornen und Eisendraht durchflochten. Sie fraß
Gras wie ein Tier, ohne sich der Hände zu bedienen, und einmal fastete
sie gar vierzig Tage lang. So lebte sie drei Jahre!
Die heilige Katharina von Genua war in Liebe, zu Christus natürlich,
dermaßen entbrannt, dass sie darüber toll wurde. Sie glühte wie ein
Ofen, und oft wälzte sie sich an der Erde und schrie: "O Liebe! Liebe,
ich halte es nicht mehr aus!"
Die heilige Passidea, eine Zisterziensernonne aus Siena, quälte sich,
noch ehe sie ins Kloster ging, ärger als die Väter der Wüste. Sie
geißelte sich mit Dornen und wusch dann die Wunden mit Essig, Salz und
Pfeffer; sie schlief auf Kirschkernen und Erbsen, trug ein Panzerhemd
von sechzig Pfund Schwere und stieg in gefrierende Teiche, um sich mit
einfrieren zu lassen. Ja, sie trieb den Unsinn so weit, dass sie sich
mit dein Kopf nach unten lange Zeit in den rauchenden Schornstein
hängte! Als sie Nonne war, erschien ihr einst Christus und drückte ihr
seine fünf Wundmale ein. Zwei Nonnen sahen durch das Schlüsselloch, wie
Jesus sie drückte und verschwand und wie die Wunden bluteten!
Die heilige Klara war aus Assisi und schwärmte mit dem heiligen Franz.
Sie lief zu ihm und bat, dass er sie zur Nonne machen und Söhne und
Töchter mit ihr zeugen möchte, - natürlich geistlicherweise. Ihre
Schwester Agnes wurde bald darauf von derselben Schwärmerei ergriffen,
und die armen Eltern waren ganz unglücklich. Die Verwandten wollten die
beiden Närrinnen mit Gewalt aus dem Kloster holen, aber da wurde - so
erzählt die Legende - Agnes plötzlich so schwer, dass zwölf Männer sie
nicht von der Stelle bringen konnten, und der Oheim, der sein Schwert
gezogen hatte, blieb stehen, als höre er Hüons Zauberhorn.
Die heilige Klara lebte sehr streng. Als Hemd trug sie eine Schweinshaut
oder auch eine Gewebe aus Rosshaaren, und aus Demut küsste sie der
schmutzigsten Viehmagd die Füße, welche sie dann erst wusch, als wären
sie durch ihren Kuss verunreinigt worden. Als sie starb, fanden sie in
ihrem Herzen im kleinen alle Passionsinstrumente, wie in einem
Hechtskopf, und in ihrer Blase drei geheimnisvolle Steinchen, sämtlich
von gleichem Gewicht, aber wovon eines so schwer als alle drei, zwei
nicht schwerer als eins und das kleinste davon so schwer als alle drei
waren! - St. Klara war die Mutter der weiblichen Franziskaner, und ihr
verdanken wohl 900 Klarissenklöster ihr Entstehen.
Die heilige Katharina von Siena war auch mit Jesus verlobt worden, der
ihr einen kostbaren Diamantring an den Finger steckte, welchen aber
niemand sah als sie allein. Sie pflegte die ekelhaftesten Kranken, wofür
sie mit dem rosinfarbenen Blute aus seiner Seitenwunde getränkt wurde.
Seitdem nahm sie von Aschermittwoch bis Himmelfahrt weiter keine
Nahrung, sondern lebte bloß vom Abendmahl. Christus drückte ihr auch
seine fünf Wunden ein, was der Orden pour le mérite Religionsklasse der
Heiligen zu sein scheint. Über diese Auszeichnung kamen die Dominikaner
mit den Franziskanern in einen Streit, der vierzig Jahre dauerte und
welchen Papst Urban VIII. dahin entschied, dass Katharinas Wundmale
nicht geblutet hätten wie die des heiligen Franz. Auch wurde den Malern
befohlen, die Heilige nur mit fünf Strahlen vorzustellen.
Die heilige Agnes ließ der Stadtrichter, weil sie seinen Sohn nicht
heiraten wollte, nackt in ein Bordell bringen; aber plötzlich bekam sie
so lange Haare, dass sie sich darin einwickeln konnte wie in einen
Mantel, und das ganze liederliche Haus verwandelte sie in ein Bethaus.
Die heilige Paula, die einst ein unheiliger Jüngling notzüchtigen
wollte, erhielt auf ihr Gebet einen garstigen langen Bart, vor dem sich
der Liebhaber entsetzte und floh.
Die heilige Brigitte befreite einst ein neapolitanisches Mädchen von
einem in Gestalt eines Jünglings auf ihr liegenden Teufel.
Wir wollen die Reihe der Heiligen schließen mit der heiligen Rosa von
Lima, einer Dominikanerin, die auf knotigem Holz und Glasscherben
schlief und als Nachttrunk einen Schoppen Galle trank. Jesus war von
ihrer Heiligkeit so entzückt, dass er an einem Palmsonntag als
Steinmetzgeselle zu ihr kam und sich mit ihr verlobte, indem er sprach:
"Rosa, Schatz meines Lebens, du sollst meine Braut sein." Maria war mit
dabei und gratulierte ihr, indem sie sagte: "Siehe, was für eine große
Ehre dir mein Sohn antut." Las die Heilige, so erschien Jesus auf dem
Blatt und lächelte sie an; nähte sie, so setzte er sich auf ihr
Nähkissen und scherzte mit ihr. Besuchte Jesus eine andere Nonne - denn
er hatte gar zu viele Bräute -, so war Rosa vor Eifersucht außer sich,
bis er wiederkam.
Ihre heilige Schwiegermutter, die Jungfrau Maria, diente ihr
einundzwanzig Jahre lang als Kammerjungfer, und wenn die Frühmette kam,
rief sie: "Stehe auf, liebe Tochter, es ist Zeit." Das Kloster wimmelte
von Flöhen, aber keiner von diesen freigeisterischen Springern hatte die
Dreistigkeit, die Braut Christi zu stechen. - So steht es in der
päpstlichen Bulle, welche die Heiligsprechung enthält!
Außer den in diesem Kapitel genannten Heiligen und noch vielen hundert
anderen, die ich nicht nannte, beten die römischen Katholiken noch zu
einigen, die niemals lebten und die einer lächerlichen Fabel ihren
Ursprung verdanken, wie St. Christophorus, St. Georgius, St. Mauritius
und 6600 Gesellen, die sieben Schläfer, Ursula mit ihren 11.000
Jungfrauen und St. Guinefort, der ein vierbeiniger Hund war!
Jeder gute Katholik, der das Vergnügen haben will, nach seinem Tod unter
die Heiligen versetzt zu werden, konnte dies unter dem vorigen Papst
noch haben - von dem jetzigen weiß ich es nicht - der den Toten für
100.000 Gulden kanonisierte. Wunder fanden sich, da eben niemand ohne
Wunder Heiliger werden kann.
Die Christen der ersten Jahrhunderte wussten von Heiligen nichts. Sie
verehrten allerdings die Märtyrer oder Blutzeugen, welche ihres Glaubens
wegen hingerichtet wurden, sie erwähnten dieselben in ihren
Versammlungen und stellten sie der Gemeinde als Muster hin; und das war
sehr natürlich und durchaus zu billigen. Erst als Konstantin zum
Christentum übertrat und viele der heidnischen Bräuche in die
christliche Kirche übergingen, kam auch der Heiligendienst in Aufnahme.
Die Heiden waren gewohnt, ihren Heroen zu opfern; die christlichen
Priester trugen diesen Gebrauch auf ihre Glaubensheroen über.
Solange jeder Mensch Gott gleich nahe zu stehen glaubte, musste der
Heiligendienst als Unsinn betrachtet werden; als jedoch die Pfaffen sich
als Makler zwischen Gott und den übrigen Menschen stellten, war der
Schritt zu dem unsinnigen Glauben nicht weit, dass die Heiligen im
Himmel gleichsam wie Minister und Kammerherren den Hofstaat Gottes
bildeten und dass, wer bei Sr. himmlischen Majestät etwas durchsetzen
wollte, nur diese durch Gebete und Opfer zu bestechen brauchte!
Ärger konnten die Pfaffen die christliche Religion nicht verhöhnen als
durch diesen Heiligendienst, der dadurch noch unwürdiger wird, als es
schon seiner inneren Natur nach der Fall ist, dass viele dieser
Heiligen, wie uns die Geschichte lehrt, die verworfensten,
lasterhaftesten Menschen, ja, geradezu Schufte waren. Selbst die besten
waren nicht ganz richtig im Kopf und entweder Schwärmer oder
Wahnsinnige. Es gibt noch heute eine Menge solcher Heiliger unter
Protestanten und Katholiken, nur dass man sie nicht mehr anbetet,
sondern in Narrenhäuser sperrt.
Carl Julius Weber, einer unserer geistreichsten Schriftsteller,
charakterisierte diese Heiligen derb aber richtig. Er sagt: "Bei
weiblichen Mystikern sitzt der Jammer gewöhnlich auf dem Fleckchen, das
man nicht gerne nennt, und bei den männlichen hat den Fleck Hudibras
getroffen. -
So wie ein Wind in Darm gepresst
Ein - wird, wenn er niederbläst,
Sobald er aber aufwärtssteigt,
Neu Licht und Offenbarung zeugt."
Der Hysterie und den blinden Hämorriden verdankt die römische Kirche die
meisten ihrer Heiligen, und sie darf sich daher nicht wundern, wenn wir
dieselben - als Afterheilige betrachten.