"Je erhabener göttliche Dinge sind, je ferner
sie von der Sinnenwelt abliegen, desto mehr
muss sich das Streben unserer Vernunft nach
ihnen richten; der Mensch wird wegen der ihn
auszeichnenden Vernunft mit dem Bild Gottes
verglichen; daher soll der Mensch sie auf
nichts lieber richten, als auf den, dessen
Bild er durch sie vorstellt."
Abälard
Wenn der schwache Mensch sich unter den Schlägen des Unglücks erliegen
fühlt und weder in sich selbst, noch in andern, noch überhaupt irgendwo
auf Erden Trost und Hilfe für seine Leiden findet, dann treibt ihn ein
natürlicher Hang dazu, sich mit der in Gefühlen, Gedanken oder Worten
ausgedrückten Bitte an die von jedem geahnte, wenn auch nicht begriffene
Macht zu wenden, welcher er den Ursprung und die Erhaltung alles
Bestehenden, der Welt, zuschreibt und die wir mit dem allgemeinen Namen
Gott bezeichnen.
Es kann nur eine Weltursache, einen Gott geben, aber das Wesen - die
Beschaffenheit und Art dieser schaffenden und erhaltenden Kraft ist das
große Weltgeheimnis, welches nie ergründet wurde, nie ergründet werden
wird und nie ergründet werden kann.
Jeder Mensch, der überhaupt eines Gedankens fähig ist, macht sich
indessen von diesem Wesen eine Vorstellung, welche dem Grade der
Ausbildung der ihm mit der Geburt gegebenen Vernunft angemessen ist.
Diese Vorstellung ist sein Gott, und somit jeder Mensch der Schöpfer
seines Gottes.
Die Vernunft entwickelt sich infolge sehr mannigfaltiger Einflüsse sehr
verschieden, und wie es kaum zwei Menschen gibt, die durchaus körperlich
gleich sind, so gibt es auch nicht zwei, deren geistige Ausbildung oder
Entwicklung genau dieselbe ist. Daraus folgt, dass es, streng genommen,
ebenso viele Götter als Menschen gibt, - das heißt Vorstellungen von
Gott.
Was verschiedenen Menschen für eine Ansicht über die Natur der Sonne
haben, ändert die Sonne nicht, und Gott bleibt derselbe, wie verschieden
sich auch die Vorstellung der Menschen gestalten mag. Der Neger, der vor
dem von ihm selbst geschnitzten Fetisch kniet, welcher der verkörperte
Ausdruck seiner Gott-Vorstellung ist, wie der Inder, der Feueranbeter,
der Mohammedaner, Jude oder Christ, - alle beten zu demselben Gott, und
die sogenannten Materialisten und Atheisten, die nicht beten, haben nur
eine von der mehr allgemeinen abweichende Ansicht. Die sogenannten
Gottesleugner verneinen nicht eigentlich das Vorhandensein Gottes, was
eine absolute Dummheit wäre, sondern erklären sich nur gegen die
Vorstellung von einem persönlichen Gott.
Alle Gottesvorstellungen sind zwar aus ein und derselben Urquelle
geschöpft; allein je nach den Einfluss übenden verschiedenen
Verhältnissen bildeten sie sich verschieden und oft zu so seltsam und
wunderlich erscheinenden Formen aus, dass es selbst dem kundigen,
denkenden Forscher schwer wird, den gemeinschaftlichen Ursprung
nachzuweisen.
Da nun die Gottesvorstellung die Grundlage jeder Religion ist, so
erklärt sich einerseits das Vorhandensein so vieler verschiedener
Religionen und andrerseits wieder der Umstand, dass Völker, die sich
unter denselben oder ähnlichen Verhältnissen entwickelten, dieselbe
Religion haben.
Das Nachweisen des gemeinschaftlichen Ursprungs der verschiedenen
Religionen würde ein eigenes Werk erfordern, und da es für den mir
vorliegenden Zweck genügt, so beschränke ich mich darauf, eine Skizze
von dem allgemeinen Entwicklungsgange aller Religionen zu geben.
Als die Erde in ihrer Entwicklung auf dem dazu geeigneten Punkte
angelangt war, entstanden Menschen. Diese empfanden die angenehmen und
unangenehmen Wirkungen der verschiedenen Naturerscheinungen zum ersten
Mal, und da sie mit Vernunft begabt waren, so forschten sie bald, oder
vielmehr machten sich Gedanken über deren Ursprung.
Die unmittelbarsten Eindrücke empfanden sie von der Witterung, und
Regen, Wind, Gewitter, Hitze und Kälte waren umso mehr geeignet, ihre
Neugierde zu erregen, als deren Urheber ihren Augen verborgen waren.
Die Veränderungen, welche vor Regen und Gewitter am Himmel vorgingen,
konnten sie indessen sehen, und da der Regen und der Blitz aus den
Wolken kamen, so lag es sehr nahe, die verborgenen Urheber "im Himmel",
das heißt in den Wolken zu suchen.
Die Sonne, von welcher Tag und Nacht, Hitze und Kälte mit ihren
Wirkungen abhängen, musste natürlich ebenfalls ein hauptsächlicher
Gegenstand ihrer verwunderten Betrachtung werden.
Auch der Wechsel der Jahreszeiten mit seinen Annehmlichkeiten und
Unannehmlichkeiten musste die Frage nach dessen Ursache erzeugen.
Da die Erfahrung, die Mutter aller Wissenschaft, noch in der Kindheit
war, so bewegte sich die Phantasie, das ungeregelte Spiel der Vernunft,
nur in dem sehr beschränkten Kreis des Sichtbaren und knüpfte daran ihre
Schlüsse in Bezug auf das Verborgene. Als handelnde Wesen kannte man nur
Tiere und Menschen und die Geschöpfe der Phantasie, die man als die
Urheber der genannten Naturerscheinungen dachte, konnten nur tier- oder
menschenähnliche Wesen sein.
In manchen Menschen ist die Phantasie reger als in andern, und sie
teilten mit, was sie über die Handlungen und Verhältnisse dieser Wesen
zueinander dachten und aus den Äußerungen der ihnen zugeschriebenen
Tätigkeit erfanden. So entstanden Märchen und Sagen, welche durch die
mit besonders lebhafter Phantasie begabten Menschen, Dichter, immer
weiter ausgesponnen, in mehr oder minder vernünftigen Zusammenhang
gebracht und mit Personen bevölkert wurden.
Solche in der Kinderstube des Menschengeschlechts entstandene Märchen
pflanzten sich als wirklich geschehen, von Geschlecht zu Geschlecht
fort, und ihre Spuren sind noch nach Jahrtausenden selbst unter den am
weitesten entwickelten Völkern nachzuweisen, und üben noch heute einen
gewissen Einfluss. Das wird einem jeden begreiflich sein, der sich über
seine eigenen Gefühle und Empfindungen Rechenschaft gibt. Selbst der
aufgeklärteste und gebildetste Mann wird noch am Ende seines Lebens
Anklänge der Eindrücke entdecken, die er in seiner Kinderstube empfing;
es wird keinem gelingen, sich absolut von dem Ammenmärchen loszumachen.
Da sich die Urmenschen die in den Wolken oder an andern ihnen
unzulänglichen Orten vermuteten Urheber der Naturerscheinungen -
"Götter" - nur als mächtigere Tiere oder Menschen dachten, so schrieb
man ihnen natürlich auch dieser Vorstellung angemessene Empfindungen zu,
wie Zorn, Hass, Rache, Wohlwollen, Güte usw. Da sich nun der Zorn von
Menschen besänftigen und dessen Äußerung abwenden lässt, so lag der
Gedanke nahe, dies auch mit den Göttern zu versuchen, und so entstanden
die Opfer.
Diese Opfer bestanden in Gegenständen, die Menschen angenehm waren, und
da die Götter im Himmel wohnten und diese Opfer nicht abholten, so
musste man sie ihnen in den Himmel senden, was in keiner anderen Weise
geschehen konnte als dadurch, dass man sie verbrannte, da doch
wenigstens der Geruch und Rauch zum Himmel aufstiegen.
Die geschäftige Phantasie bildete sich bald eine Theorie über die
Wirkung dieser Opfer, und da man dabei nie den menschlichen, oder rein
sinnlichen Standpunkt verließ, so kam man natürlich zu dem Schluss, dass
das, was Menschen ganz besonders angenehm, was selten und daher schwer
zu verschaffen, was ihnen vorzüglich lieb war, den Göttern das
angenehmste Opfer sein müsse.
Da nun aber der Zorn der Götter schwer zu besänftigen war, das heißt da
unangenehme Naturerscheinungen oft lange dauerten und man viele Opfer
gebrauchte, bis sie mit ihren Wirkungen aufhörten, solche seltene den
Göttern besonders angenehme Opfer aber schwer zu verschaffen waren und
dem einzelnen oft fehlten, so vereinigten sich viele, den Bedarf für die
Götter herbeizuschaffen, da alle den Wunsch haben mussten, sie zu
versöhnen. So bildeten sich Opfervereine, die wohl als der Anfang der
Religion bezeichnet werden können.
Die herbeigeschafften Opfervorräte mussten aufbewahrt und endlich den
Göttern dargebracht werden, und es wurden bald besondere Personen mit
diesem Geschäft beauftragt. So entstanden Priester.
Da diese Priester diejenigen Personen waren, welche den Göttern, die man
sich stets als mehr oder weniger idealisierte Menschen dachte, die Opfer
darbrachten, also mit ihnen in unmittelbare Verbindung traten, so lag
der Gedanke nahe, dass die Götter ihnen als den wirklichen Spendern
besonders günstig seien und ihnen zunächst ihre Wünsche mitteilten.
Daraus folgte wieder, dass man ihnen einen gewissen Einfluss auf die
Entschlüsse der Götter zuschrieb und sich um ihre Gunst bemühte, damit
sie diesen vorausgesetzten Einfluss für diejenigen anwendeten, welche
sich ihre Zuneigung zu erwerben verstanden.
Herrschsucht liegt aber in der Natur jedes Menschen, und es ist
begreiflich, dass den Priestern der von ihnen erlangte Einfluss angenehm
war und sie denselben zu erhalten und zu vermehren trachteten. Sie
wussten freilich, dass die in Bezug auf ihr Verhältnis zu den Göttern
gehegten Voraussetzungen irrtümliche waren; allein der Irrtum hatte
dieselbe Wirkung, wie ihn die Wahrheit gehabt haben würde, und es lag in
ihrem Interesse, denselben zu erhalten und zu vermehren.
Die Priester in dieser Kinderperiode der Menschheit glaubten übrigens
selbst an die Götter und hatten von ihrer Natur im Hauptsächlichen
dieselbe Vorstellung wie die übrigen Menschen; sie hielten daher eine
unmittelbare Verbindung mit denselben für keineswegs unerhört oder
unmöglich, und Träume und Visionen, über deren Ursprung und Natur die
Erfahrungen noch gering waren, mochten sie darin bestärken, dass ein
solcher Verkehr mit den Göttern nicht nur möglich sei, sondern auch
wirklich stattfinde.
So entstand denn allmählich infolge unabsichtlicher und absichtlicher
Täuschung über die Beziehung zwischen Göttern, Priestern und den anderen
Menschen ein System, welches auf dem Glauben beruhte, den das Volk den
Aussagen der Priester schenkte. Diese, die vertraut mit den Göttern
waren, wussten was diesen angenehm und unangenehm war, und sie
verstanden es, die Sprache zu deuten, durch welche sie sich den
Erdenkindern mitteilten. Die Priester ordneten die Art und Weise an, wie
die Opfer gebracht werden sollten, und dass sie bei all diesen
Anordnungen sich selbst nicht vergaßen, versteht sich wohl von selbst.
So wuchs das Ansehen der Priester von einem Menschenalter zum andern
immer mehr, und sie waren die eigentlichen Herrscher des Volkes.
Außer den im Himmel, das heißt in den Wolken, wohnenden Göttern gab es
aber auch auf der Erde dem Menschen mehr oder weniger furchtbare
Gewalten; zunächst starke und reißende Tiere und endlich Menschen, die
ihre größere körperliche Kraft zum Nachteil anderer anwandten. Gegen
diese musste man sich schützen, und es ist begreiflich, dass diejenigen,
welche vermöge größerer Kraft, größeren Mutes und Geschicklichkeit sich
bei der Jagd und im Kriege auszeichneten, Einfluss und Macht unter ihren
Mitmenschen erwarben. Sie wurden Häuptlinge, - Fürsten.
Verstand und Körperkraft sind nur selten in gleichem Maße in denselben
Menschen vereinigt, und als im Laufe der Zeit die Verhältnisse der
Gesellschaft verwickelter wurden, ward auch das Herrschen schwieriger,
und Fürsten und Priester fanden es zweckmäßig, sich gegenseitig zu
unterstützen, wobei je nach den Umständen bald die Gewalt der Fürsten,
bald die der Priester überwog.
Die Religion wurde daher die Stütze der Despotie und umgekehrt.
Viele sind stärker als einer, und da sich die Interessen des Einen nicht
immer mit denen der Vielen vertragen, so würde es noch häufiger
vorkommen, als es der Fall war und ist, dass die Vielen den Einen
zwingen, nach ihrem Willen zu regieren, wenn nicht die Religion, die auf
die Furcht vor den verborgenen, mächtigen Göttern gegründet war, ein
solches Auflehnen durch den Mund ihrer anerkannten Vertreter, der
Priester, als ein Verbrechen gegen diese Macht schon deshalb gestempelt
hätte, weil durch die Verminderung der Macht der Despoten die der
Priester gefährdet wurde, indem diese sie dazu gebrauchten, den
gefährlichsten Feind der von ihnen erfundenen Religion zu bekämpfen.
Dieser Feind ist die Vernunft, das Denken und die daraus folgende
Erkenntnis, die Wissenschaft.
Die Macht der Priester und alle Religion beruhte auf der Phantasie,
welche in der Kinderperiode der Menschheit die Götter erschuf. Die
Spekulation der Priester bildete diesen traditionellen Glauben zu einem
komplizierten System aus, welches aus Täuschungen und Dichtungen
zusammengesetzt und von vornherein auf Einbildungen erbaut war.
Je mehr sich in den Menschen die Vernunft entwickelte und sie anfingen
zu beobachten und zu denken, das heißt aus Erfahrungen Schlüsse zu
ziehen, desto häufiger entdeckten sie, dass manche von den Priestern als
positive Wahrheiten ausgegebene Dinge gerade das Gegenteil waren, was
natürlich Misstrauen gegen andere Behauptungen erzeugte, auf denen die
Priestergewalt hauptsächlich gestützt war. Jeder Schritt, den die
Wissenschaft vorwärts tat, trat irgendeiner Priesterlüge auf den Kopf.
Es war daher eine Lebensfrage für das Ansehen der Priester oder was sie
mit sich selbst zu identifizieren verstanden, der Religion, die
Entwicklung der Vernunft nach Kräften zu hemmen und die Verbreitung der
unvertilgbaren Resultate der Wissenschaft zu verhindern, was zunächst
durch die despotische Macht geschehen konnte.
Da nun aber häufig Konflikte zwischen der Herrschsucht der Priester und
derjenigen der Fürsten entstanden, so waren die ersteren darauf bedacht,
für ihre Macht eine noch festere Begründung zu schaffen, als sie das sie
mit den Despoten verbindende gemeinschaftliche Interesse darbot, welches
nur bis zu einer gewissen Grenze gemeinschaftlich war. Das Verfahren der
Priester, um diesen selbstsüchtigen Zweck zu erreichen, war ebenso
praktisch als für die Menschheit und deren geistige Entwicklung
verderblich; der menschliche Geist musste der Aufklärung möglichst
unzugänglich und schon von Kindheit an in eine Form gezwängt werden,
welche ihn nötigte, sich in der gewünschten Weise zu entwickeln. Zu
diesem Ende bemächtigten sie sich der Erziehung der Jugend.
Das genügte indessen ihrer Vorsicht noch nicht. Dieses Lehrerverhältnis
musste für das ganze Leben beibehalten und die Herrschaft der Priester
über die Seele der Menschen in solcher Weise ausgedehnt werden, dass
diese von der Wiege bis zum Tod keinen Gedanken denken konnten, von dem
die Priester nicht Kenntnis erhielten.
Das Mittel, dies vollkommen zu erreichen war, in den Menschen die Furcht
zu pflanzen vor entsetzlichen Gefahren (die einzig in dem Gehirn der
Priester ihren Ursprung fanden) und gegen welche allein die Priester die
Mittel zu vergeben hatten.
Es ist hiermit keineswegs gesagt, dass alle Priester bewusste Betrüger
waren. Das wohlersonnene und konsequent durchgeführte System verfehlte
seine Wirkung auf die Priester selbst nicht, welche aus dem Volk
hervorgingen und nach der als zweckmäßig und notwendig erkannten Art
erzogen worden waren. Ein großer Teil der Priester glaubte wirklich, was
sie lehrten, und diejenigen, die nicht glaubten, begriffen bald den
Vorteil, den es ihnen brachte, den Glauben im Volk zu erhalten.
Der Glaube war der Hauptpfeiler des ganzen von den Priestern erbauten
Religionsgebäudes, und da mit seiner Zerstörung dasselbe durchaus fallen
musste, so war es die Hauptsorge aller Priester, diesen Glauben als das
Heiligste und Unantastbarste hinzustellen und schon den bloßen Zweifel,
welcher der Vernunft den Weg bahnte, als ein Verbrechen darzustellen,
welches die Götter als das schrecklichste von allen bestraften.
Dieser Gedanke, welcher schon seit Jahrtausenden von Priestern aller
Religionen den Kindern eingeprägt wurde und sich von Generation zu
Generation weiter vererbte, behauptete sich unter den Menschen mit
solcher Gewalt, dass noch heute, nachdem die Vernunft und die trotz
aller Hemmnisse unaufhaltsam fortschreitende Wissenschaft die
Abgeschmacktheit aller auf den Glauben gegründeten Religionen erkannt
hatte, selbst Nichtgläubige es nicht wagen dürfen zu sagen: ich glaube
nicht an Gott, ohne unter Millionen Entsetzen zu erregen, obwohl mit
diesen Worten doch weiter nichts ausgedrückt ist als: die Vorstellung,
welche ich, ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts, von der Weltursache,
von Gott habe, ist eine durchaus andere als diejenige, welche die
Mehrzahl der Menschen vor Jahrtausenden hatte, und welche noch die Basis
der heutigen herrschenden Religion bildet.
Da nun der Glaube sich als der Hauptfeind des menschlichen Fortschritts
erwies und noch erweist, und es Zweck dieses Buches ist, zu der
Wegräumung dieses mächtigen Hindernisses beizutragen, so wird es nötig
sein, die Natur desselben zu untersuchen.
Was ich aus eigener Erfahrung kenne, brauche ich nicht zu glauben, das
weiß ich; ich kann nur glauben oder nicht glauben, was ich aus dieser
Erfahrung schließe, oder was mir andere als ihre Erfahrung, oder als
Schlüsse, die aus derselben gezogen sind, mitteilen.
Es gibt zwei Arten von Glauben: der vernünftige und der unvernünftige,
und ihre Erklärung liegt schon im Beiwort. Was meine Vernunft als
möglich annimmt, kann ich glauben ohne unvernünftig zu sein, selbst wenn
das mir als Faktum mitgeteilte nicht wahr sein sollte; glaube ich aber
an das Geschehensein einer Handlung, welche meine Vernunft als unmöglich
erkennen muss, so ist mein Glaube ein unvernünftiger.
Der Maßstab, den die Vernunft für die Möglichkeit einer Sache hat, ist
ursprünglich einzig und allein die Erfahrung. Beispiele werden meine
Ansicht klarer machen als Definitionen.
Erzählt mir jemand, er habe im Oktober einen Kastanienbaum blühen
gesehen und ich glaube ihm, so ist mein Glaube ein vernünftiger, selbst
wenn derjenige, der mir die Sache erzählt, eine Unwahrheit sagen sollte.
Ich selbst habe Kastanienbäume oder andere Pflanzen um diese Zeit blühen
gesehen, welche sonst nur im Frühjahr zu blühen pflegen und dasselbe ist
mir von vielen Personen bekannt, von denen ich keinen Grund habe
anzunehmen, dass sie eine Unwahrheit sagen.
Man sagt, die Sonne sei einundzwanzig Millionen Meilen entfernt. Ich
glaube es, und mein Glaube ist kein unvernünftiger, obwohl ich die
Entfernung nicht gemessen habe, da mir dazu die Mittel, das heißt die
nötigen Kenntnisse fehlen. Ich habe aber Kenntnisse genug, um durch
Berechnung der Entfernung von mir zu Punkten zu messen, zu denen ich
nicht mit dem Maßstab gelangen kann und habe die Richtigkeit meiner
Rechnung durch Abschreiten oder mit dem Maßstab nicht selten geprüft,
wenn das Hindernis, welches mich von dem Gegenstand trennte, vielleicht
später weggeräumt wurde. Ich weiß daher, dass die Wissenschaft Mittel
bietet die Entfernung von Punkten zu messen, zu denen man nicht gelangen
kann. Mein Glaube ist daher auf Erfahrung begründet, also vernünftig.
Es teilt mir jemand mit, ein Mensch sei von Liverpool nach New York
durch die Luft geflogen. Wenn ich es glaube, so mag man mich
leichtgläubig nennen, allein mein Glaube ist kein absolut
unvernünftiger, denn ich weiß aus Erfahrung, dass der Unterschied
zwischen der Schwere des Körpers und der Luft durch verschiedene Mittel
ausgeglichen werden kann und sehe Vögel fliegen mit Hilfe einer
mechanischen Vorrichtung, der Flügel.
Sagt man mir, es habe ein Mensch durch sein Wort einen Körper
geschaffen, das heißt ohne andere vorhandene Stoffe zur Hilfe zu nehmen,
aus dem Nichts hervorgerufen, und ich glaube es, so ist mein Glaube ein
unvernünftiger, denn ich selbst kann durch meinen Willen nicht einmal
ein Staubkorn schaffen, noch ist es jemals bewiesen worden, dass es von
einem Menschen geschehen ist.
Glaubt man, dass ein Gemälde oder ein Steinbild geredet oder eine
willkürliche Bewegung gemacht habe, so ist dieser Glaube ein
unvernünftiger, da eine solche Tat allen Erfahrungen widerspricht.
Trotzdem mögen Personen, welche behaupten Ähnliches erlebt zu haben,
nicht absolut Lügner zu nennen sein, da die Erfahrung lehrt, dass es
Seelenzustände gibt, in denen sich Menschen so fest einbilden, Dinge zu
sehen oder zu hören, dass sie dieselben für Wahrheit halten, während sie
in der Tat nur auf Sinnestäuschung beruhen.
Der Kreis unserer persönlichen Erfahrung kann wegen der Kürze unseres
Lebens selbst bei dem Gebildetsten nur beschränkt sein und wir würden
uns gewissermaßen in die hilflose Lage der ersten Menschen versetzen,
wenn wir allein das als wahr annehmen oder glauben wollten, was wir von
unseren eigenen Erfahrungen und den daraus gefolgerten Möglichkeiten auf
dem Wege des vernünftigen Denkens ableiten. Die wirklich festgestellten
Erfahrungen vor uns lebender Beobachter sind das kostbarste, nie wieder
zu verlierende Erbteil des lebenden Geschlechts.
Die Vernünftigkeit des Glaubens an diese die Erfahrung begründenden
Tatsachen hängt von den Gründen ab, welche wir haben, an die
Wahrhaftigkeit der Personen zu glauben, von welchen sie uns mitgeteilt
wurden, wie auch von dem Grad ihrer geistigen Ausbildung, ihrem
Charakter und ob sie fähig sind, eine absichtliche Unwahrheit zu sagen,
wenn es ihrem Interesse dienen kann; ferner ob die berichtete Tatsache
isoliert dasteht; ob gleichartige von andern beobachtet wurden; ob sie
ganz bekannten Naturgesetzen in bestimmter Weise zuwider sind und von
vielen andern Gründen. Die Glaubwürdigkeit einer mitgeteilten Tatsache
beruht daher zunächst auf der Autorität der Person, von welcher sie
berichtet wird, und ob sie wirklich als selbst gesehen oder erfahren,
oder als geglaubt, von Hörensagen angegeben wird.
Auf Erfahrung beruht die Wissenschaft; die Tatsachen sind die Sprossen
der Leiter, welche unsere Vernunft zur Erkenntnis der Wahrheit führen,
und daher ist die Wissenschaft der Todfeind des unvernünftigen Glaubens,
da sie ihn als solchen erkennen lehrt und mit dieser Erkenntnis
vernichtet.
Unvernünftigen Glauben nennt man gewöhnlich Aberglauben und nach der
Erklärung, die ich von der Entstehung der Religion gegeben habe, kann
ich ohne alles Bedenken den religiösen Glauben als unvernünftigen oder
Aberglauben bezeichnen. Dies gilt nicht nur von den Religionen der
ersten Menschen, sondern von allen noch jetzt auf der Erde bestehenden
Religionen, von denen sich ohne Schwierigkeiten nachweisen lässt, dass
sie nur eine in der Form veränderte Erweiterung der "vom Himmel", das
heißt aus den Wolken gekommenen Urreligion sind.
"Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind."
Wenn wir die vergangenen und bestehenden Religionen untersuchen, so
finden wir, dass sie alle, ohne Ausnahme, auf Wunder gegründet sind,
welche der Dichter sehr richtig als das Kind des (religiösen) Glaubens
bezeichnet.
Im Allgemeinen nennt man Wunder jede Erscheinung, Handlung oder
Tatsache, deren Ursprung die Wissenschaft nicht angeben und nachweisen
kann; ja, wir dehnen den Begriff dieses Wortes auch auf solche
Erscheinungen aus, deren Ursachen wir wohl kennen, die uns aber als
ungewöhnlich oder besonders merkwürdig auffallen, und in diesem Sinne
reden wir zum Beispiel von Naturwundern.
Obwohl nun auch die Religion, das heißt die Priester, solche natürliche
Wunder zu ihrem Zwecke benutzte, als deren Ursachen dem Volk noch
unbekannt waren, so ist doch das eigentliche religiöse Wunder ganz
anderer Art und charakterisiert sich dadurch, dass es gegen die Natur
ist, das heißt eine Aufhebung der bekannten Naturgesetze vorausgesetzt.
Den Völkern früherer Zeiten erschien eine Sonnen- oder Mondfinsternis,
oder ein Komet als ein Wunder, und derselbe Fall war es mit einer Menge
von Erscheinungen, deren Ursprung die jetzige Wissenschaft nicht nur
ganz klar nachweist, sondern auch ganz genau im Voraus berechnet. -
Manchen wilden Völkern ist ein Streichhölzchen noch ein Wunder und
selbst unsern eigenen niederen Volksklassen erscheint manches als
Wunder, was dem Gebildeten eine alltägliche Erscheinung ist.
Die Priester, welche hauptsächlich mit den Göttern zu verkehren und
ihren Willen zu erforschen hatten, der sich, wie wir gesehen haben, für
sie in Naturerscheinungen äußerte, mussten durch Beobachtung wohl
zunächst mit der Tatsache bekannt werden, dass es bestimmte Naturgesetze
gebe. Indem sie ihre Erfahrungen von Priestergeschlecht zu
Priestergeschlecht fortpflanzten, kamen sie auf dem Wege der
Wissenschaft allmählich zur Kenntnis von Dingen, die sie für sich
behielten, da sie diese Kenntnis zur Erhöhung ihres Ansehens im Volk
äußerst brauchbar fanden. Einen Beweis dafür finden wir in dem Verhalten
der alten ägyptischen Priester, die in der Erkenntnis der Natur und der
Eigenschaft vorhandener Dinge sehr weit fortgeschritten waren und
Erfindungen und Entdeckungen machten, die erst nach sehr vielen
Jahrhunderten auf anderen Wegen ebenfalls entdeckt und allgemein bekannt
wurden. Man fand z.B. in ägyptischen Gräbern metallene Gegenstände,
deren Hervorbringung man sich gar nicht erklären konnte, bis man erst in
diesem Jahrhundert durch die Erfindung der Galvanoplastik in den Stand
gesetzt wurde, zu erkennen, dass sie auf galvanoplastischem Wege gemacht
waren. Diese Kunst setzt aber schon bedeutende andere Erfahrungen und
Entdeckungen in Bezug auf die Eigenschaften natürlicher Substanzen
voraus.
Dass die ägyptischen Priester die Wissenschaft zu dem eben angeführten
Zwecke benutzten, wissen wir mit Bestimmtheit. Sie verrichteten
Handlungen, welche die übrigen Menschen als Wunder betrachteten und
viele Schriftsteller der alten Zeit berichten von ägyptischen Künsten
und ägyptischer Wissenschaft.
Ich erwähne diese ägyptische Wissenschaft insbesondere deshalb, weil sie
die Mutter der in der Bibel erzählten Wunder ist, die wieder die
Veranlassung zu den Wundern der römisch-katholischen Kirche wurden,
welche jedoch meistens keineswegs mit Hilfe der Wissenschaften
hervorgebracht, sondern von den Priestern erfunden wurden. Wunder, wie
sie die Ägypter taten, setzten Kenntnisse voraus, die schwer zu erlangen
waren; allein die römischen Priester fanden, dass sich noch wunderbarere
Dinge erfinden ließen, die mit Rücksicht auf ihren Zweck, ganz dieselbe
Wirkung hervorbrachten, da sie geglaubt wurden; geglaubt, weil sie als
Tatsachen von Männern erzählt wurden, an deren Autorität man nicht
zweifelte und die zum Teil selbst glaubten.
Eigentliche Wunder, das heißt Dinge, welche gegen die Naturgesetze sind,
kann es nicht geben; was geschieht, geschieht auf natürliche Weise und
entspringt aus natürlichen Ursachen, und wenn wir diese Ursachen nicht
erkennen können, da unsere Kenntnis von den Eigenschaften und Kräften
der Natur noch beschränkt ist, so ist die Annahme doch eine durchaus
vernünftige, wie aus den folgenden Auseinandersetzungen hervorgehen
wird.
Viele gebildete Leser werden sich darüber wundern, dass ich mich bei den
Wundern so lange aufhalte, da dies, um eine Modephrase zu gebrauchen,
"ein längst überwundener Standpunkt" ist; allein wenn dies auch in Bezug
auf den Gebildeten der Fall sein mag, so hat doch das Volk im
Allgemeinen diesen Standpunkt noch keineswegs überwunden und selbst der
größte Teil derer, die sich zu den Gebildeten zählen, werden aus den
folgenden Beweisen erkennen, dass sie an Wunder glauben.
Die Verteidiger des Wunderglaubens sagen zum Beispiel: Gott ist
allmächtig, aus Nichts hat Gott die Welt gemacht; und Millionen nehmen
dies als eine so unumstößliche Wahrheit an, dass sie es mit Abscheu als
ein Verbrechen betrachten, wenn jemand sagt: "Gott ist nicht allmächtig;
Gott hat nicht die Welt aus Nichts gemacht; denn ein solcher Glaube ist
unvernünftig."
Dass das Weltall, welches aus getrennten Körpern besteht, die nach
bestimmten Gesetzen zusammengesetzt und vermöge der jedem Körper
innewohnenden Eigenschaften miteinander zu dem großen Ganzen vereinigt
sind, einen Ursprung, eine Ursache haben muss, muss jeder mit Vernunft
begabte Mensch zugeben. Die Ursache oder Macht, welche das was ist
bewegt und erhält, ist Gott; und was ich in dem hier Folgenden sage,
bezieht sich durchaus auf diesen Begriff und auf keine subjektive
Vorstellung der Weltursache, wie sie irgendeiner der bestehenden oder
vergangenen Religionen zu Grunde liegt.
Ich rede auch nicht von der Vorstellung, die ich mir selbst von Gott
mache, denn diese, so vernünftig sie auch sein oder erscheinen mag, hat
doch immer nur einen subjektiven Wert wie jede andere Gottesvorstellung;
ich untersuchte mit meiner Vernunft einfach, inwieweit sich die Idee der
Allmacht und einer Erschaffung aus dem Nichts mit dem von mir oben
definierten Begriff Gott verträgt. Ein Streben, das Wesen Gottes zu
erkennen, ist gewiss der erhabenste Gebrauch, den der Mensch von dieser
ihm von Gott gegebenen Vernunft machen kann.
Wir erkennen die Beschaffenheit einer Ursache einzig aus ihrer Wirkung,
und zunächst erscheint uns als eine solche das Weltall mit den Gesetzen,
die es erhalten und bewegen. Wir haben keinen anderen Anhaltspunkt für
die Beurteilung dieser Kraft, welche den Stoff zu organischen Körpern
vereinigt, als unsern eigenen Gedanken, kraft dessen wir im Stande sind,
aus vorhandenem Material, dessen Eigenschaften wir aus Erfahrung kennen,
Zusammensetzungen herzustellen, durch deren Aufeinanderwirken ein
bestimmter Zweck erreicht wird, wie es durch eine Maschine oder durch
ein chemisches Präparat geschieht.
Vergleichen wir eine Sperlingsfalle, die sich ein Kind aus Ziegelsteinen
baut, mit einer Dampfmaschine, die ein Schiff bewegt, so ist es klar,
dass ein bedeutend mehr ausgebildeter Geist dazu gehörte, diese Letztere
zu erdenken, allein die Tätigkeit oder Kraft, durch die beide
hervorgebracht wurden, die Ursache, ist gleichartig.
Vergleichen wir nun aber den gewöhnlichen Organismus, der einen Teil des
großen Ganzen, der Welt bildet, zum Beispiel ein Blume oder einen Baum,
mit der allervollkommensten Maschine, welche der menschliche Gedanke
hervorbrachte, so sieht auch der oberflächliche Beobachter, dass beide
in Bezug auf Vollkommenheit noch unendlich verschiedener sind als die
Falle des Kindes und die Dampfmaschine; allein trotzdem ist der Schluss
vernünftig, dass der Organismus, den wir bewundern, seinen Ursprung
einer geistigen Tätigkeit verdankt, die derjenigen ähnlich ist, welche
die Sperlingsfalle und die Dampfmaschine zusammensetzte.
Wenn wir aber den wunderbaren Organismus der ganzen Welt betrachten, so
weit wir denselben erkennen können, so schließen wir aus der
Vollkommenheit, die wir überall entdecken, dass der Geist, welchem
dieser Organismus seinen Ursprung verdankt, die höchste Potenz geistiger
Vollkommenheit sein müsse.
Manches in der Welt erscheint dem Beobachter allerdings unzweckmäßig und
unvernünftig, also unvollkommen; allein die Erfahrung lehrt uns, dass
eine unendliche Menge von Einrichtungen und Dingen, die früher den
Menschen so erschienen, später als bewundernswürdig und vollkommen
erkannt wurden, nachdem man den Zweck entdeckt hatte. Diese Erfahrung
ist so häufig gemacht und die Menschen sind so oft von ihrem Irrtum
überführt worden, dass es vollkommen vernünftig ist anzunehmen, dass der
Weltorganismus vollkommen, dass er der angewandte Gedanke der höchsten
Vernunft, und dass alles, was ist, vernünftig ist.
Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die geistige Ursache der
Weltorganisation, von der wir selbst einen Teil bilden, also Gott, dem
menschlichen Geiste ähnlich sei und sind daher vernunftgemäß berechtigt,
von diesem Anhaltspunkt weiter zu schließen.
Der menschliche Geist kann vorhandenen Stoff zu bestimmten Zwecken
zusammensetzen, allein er kann durch seien Gedanken oder Willen keinen
Körper aus dem Nichts hervorrufen oder schaffen, auch nicht einmal das
kleinste Sandkörnchen. Da nun unser Geist der einzige Anhaltspunkt für
das Verständnis geistiger Kraft ist, und wir aus der erkannten
Gleichartigkeit des menschlichen Geistes mit Gott auf die Eigenschaften
Gottes nur von denen schließen, die wir selbst besitzen, so kommen wir
zu dem logischen Schluss, dass Gott die Welt, das heißt den Stoff, nicht
geschaffen haben kann.
Da wir aber wissen, dass alles, was innerlich dieser Welt - von einem
darüber Hinausliegenden können wir überhaupt gar keinen Begriff haben, -
geschieht und ist, eine Ursache hat, so fragen wir natürlich, welches
ist die Ursache des Stoffes? - und um sie zu lösen, sind wir wieder auf
unsere Erfahrung und Vernunft angewiesen, die jedes Urteil überhaupt
begründen.
Kein Mensch kann einen Körper aus dem Nichts schaffen; allein ebenso
wenig vermag er es, den Stoff zu vernichten. Die Form, in welcher sich
der Stoff zeitweilig darstellt, sehen wir täglich zerstören und wir
vermögen das ebenfalls; allein von dem Stoff selbst, aus dem irgendein
Körper zusammengesetzt ist, geht auch nicht das kleinste Teilchen
verloren, wie jeder Chemiker am besten weiß, der sich täglich damit
beschäftigt, Körper in ihre verschiedenen Bestandteile zu zersetzen.
Unser eigener Körper kehrt nach den Tode "zur Erde zurück". Das heißt,
die Bestandteile, aus denen er besteht, zersetzen sich und werden wieder
Bestandteile anderer Körper. Legen wir Silber in Salpetersäure, so löst
dieselbe das Metall auf und verwandelt dasselbe in eine Flüssigkeit, in
der das Silber durch das Auge nicht zu erkennen ist; allein wir wissen,
dass es darin steckt und haben Mittel, es wieder in seiner Gestalt als
Metall herzustellen. - Verbrennen wir einen Körper, das heißt zerstören
wir seine Form durch Feuer, so zersetzt er sich in Asche, Rauch und
Gase, in andere Körper; denn wenn auch das Gas unsichtbar ist, so ist es
doch andern Sinnen wahrnehmbar, zum Beispiel dem Geruch, und wir können
es messen und wiegen und aus der Verbindung von Gasen sogar wieder
sichtbare Körper herstellen, wovon das Wasser das bekannteste Beispiel
ist.
Da unsere Erfahrung keinen aus dem Nichts entstandenen Körper kennt und
ebenso wenig von der absoluten Vernichtung eines solchen weiß, so kommen
wir zu dem Schluss, dass der Stoff, das Körperliche, die Materie weder
geschaffen wurde noch vernichtet werden kann, also vorwärts und
rückwärts ewig ist.
Der Begriff der Ewigkeit ist für uns unfassbar, weil wir zu ihrer
Beurteilung nur die Zeit haben, welche ein endlicher Begriff ist. Ob wir
zu der Ewigkeit eine Minute oder eine Million Jahrhunderte hinzutun oder
davon hinwegtun, ist gleichgültig, denn es bleibt immer Ewigkeit.
Noch unfassbarer, weil wir dafür auch nicht den Schein eines
Anhaltspunktes haben, ist für uns ein absoluter Geist oder absolute
geistige Kraft; denn jeder Geist und jede geistige Äußerung, die wir
kennen, steht in Verbindung mit der Körperwelt, und ebenso ist uns ein
Körper undenkbar ohne geistige Beeinflussung, denn selbst der Stein ist
gewissen Gesetzen unterworfen.
Wir kommen daher zu dem Schluss, dass der Stoff und der ihn belebende
Geist ewig verbunden waren, und dass ein von der Welt abgesonderter Gott
undenkbar und unmöglich ist.
Da Gott die höchste Potenz der Vernunft und der zur Welt
zusammengesetzte Stoff das Werk derselben ist, so ist alles, was ist,
vernünftig, vollkommen und keiner Verbesserung fähig, wie auch keiner
Änderung, die nicht nach den ewigen, absolut vollkommenen Gesetzen vor
sich geht. Da nun ein Wunder nach der früher gegebenen Erklärung eine
Handlung oder ein Ereignis ist, welches den Naturgesetzen widerspricht,
so ist ein solches selbst Gott unmöglich, denn die höchste Vernunft kann
nicht irren.
Gott kann also kein Wunder tun und kann keinen Stoff aus dem Nichts
erschaffen, ist also nicht allmächtig, und die Vorstellung von einem
wundertuenden, allmächtigen Gott ist eine in sich selbst zerfallende.
Diejenigen, welche damit ihrer Verehrung vor dem höchsten Wesen den
höchstmöglichen Ausdruck gegeben zu haben meinen, sind im Irrtum, da,
wie eben gezeigt wurde, diese Vorstellung von Gott eine zu geringe ist.
Sie würde für die Welt im Allgemeinen keine größere Bedeutung haben, wie
irgendwelche andere, wenn sie nicht einer Religion zu Grunde läge,
welche als Hauptstütze des Despotismus gilt und seit Jahrhunderten zu
diesem Zwecke benutzt wurde.
Die Regierungen selbst der als aufgeklärt geltenden Staaten gehen noch
immer von der Idee aus, welche ursprünglich Priester und Despoten
verband, dass nur Furcht vor der unsichtbaren Macht, welche doch der
Hauptfaktor der Religion der Religiösen ist, im Stande sei, die Achtung
vor dem Gesetz und dem Fürsten zu erhalten. Aus diesem Grunde wird die
Erziehung der Jugend auf das strengste vom Staat überwacht und der
Kontrolle der Priester überlassen, damit diese die Kinderseele bereits
mit dem Glauben vergiften, welcher zur Erhaltung der Religion absolut
nötig ist.
Der Grund dieser Religionspflege, dieser Sorge für den religiösen Sinn
von Seiten der Regierungen ist eine mehr oder weniger bewusste Maßregel
despotischer Gelüste und Tendenzen und das Vorgeben, dass der religiöse
Sinn zum individuellen Wohl der Untertanen mit solcher Strenge
aufrechterhalten werde, eine offenbare Heuchelei und handgreifliche
Lüge.
Königin Christina von Schweden, die Tochter Gustav Adolfs, war
katholisch geworden und hielt sich viel in Rom auf. Als sie den alten
Oxenstierna einlud, dorthin zu kommen, entsetzte sich der orthodoxe
Protestant bei dem Gedanken, dass der Papst es auf seine Seele abgesehen
habe. Christina, die den Papst und seine Absichten besser kannte,
antwortete lachend: "Glaubt mir, der Papst gibt nicht vier Taler für
eure Seele". Ich glaube kaum, dass irgendeine Regierung aus bloßer
väterlicher Teilnahme für das Schicksal einer Seele, nachdem deren
Inhaber durch den Tod aus dem Untertanenverband ausgeschieden ist, -
vier Silbergroschen geben würde.
Ich habe nicht nötig, über diesen Vorwand für den ausgeübten
Religionszwang noch ein Wort zu sagen und darf dreist behaupten: je
sorgfältiger eine Regierung die Religion durch Zwangsmaßregeln
unterstützt, je ängstlicher sie darauf bedacht ist, die Erziehung in der
Hand der Priester zu lassen, desto despotischer sind ihre Neigungen.
Die Behauptung, dass der Religionszwang zur Erreichung des vernünftigen
Staatszwecks noch immer notwendig sei, dass ohne denselben die Gesetze
nicht hinreichen würden, Verbrechen zu verhindern, ist eine falsche,
welche durch die Erfahrung widerlegt wird. Diese lehrt, dass in
denjenigen Ländern, in welchen durch die Reformation ein Teil des
religiösen Glaubenswustes weggeräumt und der durch die Wissenschaft
verbreiteten Aufklärung mehr Spielraum gewährt wurde, weit weniger
Verbrechen begangen werden, als in den katholischen. Wilberforce beweist
uns, dass bereits dreißig Jahre nach der Reformation die Zahl der in
England hingerichteten Verbrecher sich von 2000 auf 200 jährlich
verminderte.
Seit die Reformation der "Freiheit eine Gasse" bahnte, sind aber über
drei Jahrhunderte vergangen, und wenn auch die reformierten Fürsten und
Priester über die Nützlichkeit des Religionszwanges ganz dieselben
Ansichten hatten wie die katholischen, so war die Organisation der
reformierten Kirche doch nicht so geeignet wie die der katholischen, der
Entwicklung der Wissenschaft hindernd in den Weg zu treten, obwohl es an
dem aufrichtigen Willen hierzu besonders bei den Geistlichen wahrhaftig
nicht fehlte. Die Wissenschaft hat der Tat nach den Aberglauben
vollständig überwunden und trotz aller Bemühungen der Finsterlinge,
trotz aller Hausmittel der Despoten, wie Zensur, Lehrzwang usw., gewinnt
sie täglich mehr und mehr Einfluss im Volk und dasselbe sieht täglich
klarer, dass es seit Jahrhunderten das Opfer des grandiosesten
Schwindels war, den die Geschichte kennt; und dass der Eigennutz der
Priester und Despoten an der Menschheit ein Verbrechen beging, welches
an Schlechtigkeit und Gemeinschädlichkeit jedes andere übertrifft.
Wäre die Ansicht richtig, dass der kirchliche Glaube nötig sei, die
Achtung vor dem Gesetz zu erhalten, dann müsste die größte Zahl der
Verbrecher aus den gebildeten Ständen kommen, die, wenn sie sich
aufrichtig prüfen, gestehen müssen, dass sie von dem was im Katechismus
gelehrt wird, sehr wenig oder gar nichts so glauben, wie es die Kirche
verlangt.
Der wirklich Gebildete verletzt nicht das Gesetz, weil er sich vor
irgendwelcher Strafe fürchtet, die ihn hier oder nach dem Tode treffen
könnte, sondern einfach, weil das Gefühl für Recht und Unrecht in ihm
Fleisch und Blut geworden ist. Je ausgebildeter der Verstand eines
Menschen ist, desto weniger wird er selbst der Versuchung ausgesetzt
sein, ein Verbrechen zu begehen; und durch ein Befördern der Mittel,
welche die Bildung erzeugen, würde die Regierung am besten dazu
gelangen, in Bezug auf die zur Erreichung des vernünftigen Staatszweckes
nötigen Gesetze einen Zustand herzustellen, wie er bereits faktisch in
Bezug auf die Anstandsgesetze besteht. Selbst wenn die Polizei es
gestattete, würde es doch unter tausend Menschen kaum einem einfallen,
entblößt durch die Straßen zu gehen, und wenn es jemand tut, so bedarf
es meistens nicht der gesetzlichen Gewalt ihn daran zu verhindern, oder
dafür zu bestrafen, denn es geschieht durch die Gesellschaft selbst.
Mag die Religion auch in den früheren Jahrhunderten einen guten Einfluss
geübt und nicht allein zur Unterdrückung der Despotie, sondern überhaupt
der gesellschaftlichen Ordnung gedient haben; im gegenwärtigen
Jahrhundert ist sie für den Staatszweck nicht nur durchaus unnütz,
sondern geradezu schädlich, da sie der Entwicklung der Wissenschaft und
der durch sie erzeugten Bildung hinderlich ist.
Die tägliche Erfahrung lehrt, dass heutzutage die Menschen, selbst der
ungebildeten Klassen, nicht durch religiöse Furcht von Verbrechen
abgehalten werden. Man frage nur einen Polizei- oder Kriminalbeamten auf
sein Gewissen, und jeder wird gestehen müssen, dass - mit äußerst
seltenen Ausnahmen - selbst der dümmste Bauer einen Gendarmen, also das
Gesetz und die durch dasselbe diktierte Strafe, mehr fürchtet als Gott
oder den Teufel. Alles, was die Regierungen durch ihre Zwangsmaßregeln
in Bezug auf Religion erzeugen, ist einerseits Gleichgültigkeit dagegen,
wenn nicht Hass und Verachtung gegen die bornierte oder despotische
Zwecke verfolgende Regierung, oder eine zur Gewohnheit gewordene, alle
Schichten der Gesellschaft durchdringende und sie demoralisierende
Heuchelei.
Was wir von unseren Regierungen verlangen, ist, dass sie als solche von
der Religion gar keine Notiz nehmen und sie nicht, wie es jetzt fast
noch überall der Fall ist, den Aberglauben aussäen und sein Wachstum
befördern zu können glauben. Wer das Bedürfnis zur Religion fühlt, mag
dieselbe ausüben und sich mit andern zu diesem Zwecke vereinigen; das
Gesetz wird ihn in dieser Ausübung beschützen und sich erst dann
hindernd einmischen, wenn durch diese Ausübung die gesetzlichen Rechte
anderer beeinträchtigt werden. Ist die Religion durch sich selbst stark,
so braucht sie keine Unterstützung und Begünstigung von Seiten der
Regierung; hat sie aber Grund, die Wissenschaft zu fürchten, so beruht
sie auf Aberglauben, und je eher sie dem Feind desselben unterliegt,
desto besser ist es für die Menschheit.
Wie wir allmählich die Regierungen gezwungen haben, den Despotismus
aufzugeben, oder wenigstens seine Unberechtigung dadurch anzuerkennen,
dass sie ihn unter konstitutionellen und anderen Masken verstecken, so
werden sie auch durch die Macht der öffentlichen Meinung gezwungen
werden, ihre schützende Hand von dem Aberglauben abzuziehen und seine
Ausrottung der Wissenschaft zu überlassen.
Wir wissen sehr wohl, dass die Trennung von Kirche und Staat nicht ohne
Schwierigkeiten vonstatten geht und können die Natur derselben nach
denen beurteilen, mit welchen in diesem Augenblick die österreichische
Regierung nur deshalb zu kämpfen hat, weil sie die zu anmaßend gewordene
Dienstmagd in ihre Schranken zurückzuweisen gezwungen wurde. Der
Widerstand geht nicht allein von den Pfaffen aus, sondern er wird durch
das von ihnen im Aberglauben erzogene und erhaltene Volk teilweise
unterstützt. Nun rächt sich "der Fluch der bösen Tat" an der Regierung,
welche, als sie es noch wagen durfte, despotisch zu sein, mit allem
Eifer den Pfaffen die Waffen schmieden half, welche dieselben nun gegen
sie anwenden.
Der Kampf gegen die Anmaßungen der in ihren Ansprüchen durchaus
logischen römischen Kirche würde ohne besondere Schwierigkeiten zu Ende
geführt werden können, wenn die Regierungen sich entschließen könnten,
ehrlich mit dem Aberglauben zu brechen; allein sie wünschen von
demselben zu behalten, was den despotischen Tendenzen ihrer Leiter
nützt, welche freiere Institutionen meistens nicht deshalb bewilligen,
weil sie von der Berechtigung des Volkes zur Freiheit und
Selbstregierung überzeugt, sondern einfach, weil sie zu Konzessionen und
Aufgabe eines Teils ihrer Macht gezwungen sind, um nicht alles zu
verlieren. Sie fühlen, dass der religiöse und politische Aberglaube
Zweige desselben Stammes sind, deshalb hüten sie sorgfältig die Wurzel.
Die Erfahrung lehrt, dass das Wissen den Aberglauben jeder Art zerstört
und dass es unmöglich ist, seiner Verbreitung gänzlich Einhalt zu tun,
denn wie Luft und Licht dringt das Wissen durch kaum wahrnehmbare Poren
in den geistigen Körper des Volks und entwickelt in ihm die latenten,
natürlichen Kräfte, welche den Aberglauben zersetzen und ausscheiden.
Es hat Zeiten gegeben, wo der dem Eindringen des Wissens
entgegengesetzte Widerstand bedeutend stärker war, als es jetzt der Fall
ist und wo die Männer, die sich seine Verbreitung zur Lebensaufgabe
stellten, ihr Streben mit Leben und Freiheit zu bezahlen hatten; dennoch
ließen sie nicht ab und das Wissen schritt fort. Es wäre törichte
Feigheit, den Kampf nicht kräftiger fortzuführen, da der endliche Sieg
des Wissens über den Aberglauben von keinem mit gesundem Sinne begabten
Menschen mehr bezweifelt werden kann.
Obwohl jeder allgemein für die Verbreitung des Wissens wirken kann, so
ist es doch zweckmäßig, wenn die Kämpfer ihre Wirksamkeit auf besondere
Punkte in der feindlichen Schlachtlinie richten, welche andere
Situationen beherrschen.
Einer der Schlüsselpunkte der feindlichen Stellung ist der persönliche
Einfluss der römischen Priester auf das Volk, denn der Aberglaube
desselben wurzelt ursprünglich in Autoritätsglauben. Das Volk glaubt,
dass die Männer, welche ihm die Lehre der römischen Kirche erklären,
achtungswerte Männer sind, die nicht allein selbst glauben was sie
sagen, sondern auch einzig und allein das Wohl der Menschen im Auge
haben, wenn sie von ihnen unbedingten Glauben und ein Befolgen der von
der römischen Kirche verlangten Handlungen fordern. Es wird daher ein
verdienstliches Werk sein, dem Volk zu beweisen, soweit dies durch die
Geschichte möglich ist, dass die ehrlichen Priester, das heißt
diejenigen, die selbst glauben, von unehrlichen Priestern betrogen
wurden; dass Aussagen und Fakten, die als wirklich geschehen berichtet
werden, zu diesem oder jenem selbstsüchtigen Zwecke erfunden wurden, und
dass das ganze Gebäude der Kirche auf einem Fundament von greifbaren
Lügen erbaut wurde. Es wird daher verdienstlich sein, historisch
nachzuweisen, dass die größte Zahl der Päpste und ihrer Priester
bewusste Betrüger waren, welche nicht entfernt das Wohl des Menschen,
sondern einzig und allein ihren eigenen Vorteil im Auge hatten und zur
Erreichung dieses nichtswürdigen Zweckes die allernichtswürdigsten
Mittel anwendeten.
Dies historisch nachzuweisen, ist der spezielle Zweck des nachfolgenden
Buches. Mich treibt dazu kein eigennütziger Zweck, denn welcher
persönliche Vorteil ließe sich dadurch erzielen? Mich treibt einzig die
Liebe zur Wahrheit und der Wunsch, vielleicht einige Menschen, die sich
von den Fesseln des Aberglaubens bedrückt fühlen, davon zu befreien,
indem ich ihnen zeige, dass diese Fesseln Einbildungen sind; mit dieser
Erkenntnis wird der Geist frei.
Da ich nun keinen eigennützigen Zweck mit der Verbreitung der Wahrheit
verbinden kann, so dürfte ich gewiss ebenso viel Anspruch auf
Glaubwürdigkeit machen, wie irgendein Priester, der, so ehrlich er auch
sein mag, doch immer zu derjenigen Klasse gehört, welche von dem, was
ich als Lüge bloßlege, Nutzen zieht; allein ich verlange gar keinen
Glauben; es stehen ja jedem dieselben Quellen zu Gebot, aus denen ich
diejenigen Tatsachen schöpfe, die mir als Beweise dienen und denen ich
Glauben schenke, weil ich keinen vernünftigen Grund habe, ihnen zu
misstrauen; wer meint, dass ich im Stande sei, irgendwelche Aussagen
einem Heiligen oder hochgeachteten katholischen Kirchenlehrer
unterzuschieben, kann sich ja leicht davon überzeugen, indem er die von
der Kirche selbst anerkannten und veröffentlichten Werke dieser Männer
nachliest.
Katholische Priester, welche von Leuten befragt werden, die dieses Buch
lesen, werden höchstwahrscheinlich alle oder viele von mir gemachten
Angaben als Lügen bezeichnen und viele werden ihnen glauben, wie sie
ihnen andere Dinge glauben. Viele Priester werden meine Angaben wirklich
für Lügen halten, weil sie eben unwissend sind. Wenn sie im Stande sind,
ihre Faulheit zu überwinden und ihnen an der Wahrheit liegt, so mögen
sie sich belehren. Dies Buch, welches unendliche Mühe und großen Fleiß
erforderte, ist ebenso wohl für ehrlich strebende unwissende Priester,
wie für diejenigen geschrieben, welche von ihnen ebenso betrogen werden,
wie sie selbst es von Unwissenden oder von bewussten Lügnern wurden.
Das in Rom sich vorbereitende Konzil könnte den Glauben erwecken, als
sei es die Absicht des Papstes, die römisch-katholische Religion den
Erfordernissen der Gegenwart anzupassen. Es wird sich diese Ansicht
jedoch sehr bald als eine irrtümliche herausstellen. Die ganze
Handlungsweise sowohl des vorigen, wie des jetzigen Papstes liefert den
klaren Beweis, dass beide im Gegenteil danach streben, die
Glaubensherrlichkeit des Mittelalters wieder herzustellen, und dass
sogar die Hoffnung gehegt wird, sämtliche Protestanten in den Schoß der
"alleinseligmachenden" Kirche zurückzuführen. Es liegt dieser Zuversicht
eine wunderbare Verblendung, ein gänzliches Verkennen des Zeitgeistes zu
Grunde, und wir hegen die wohlbegründete Erwartung, dass diese
Kirchenversammlung, welche die Aufmerksamkeit selbst der Gleichgültigen
auf religiöse Gegenstände lenken muss, durch die von ihr zu Tage
geförderten Glaubensdummheiten der römisch-katholischen Kirche einen
härteren Stoß versetzen wird, als es in den letzten Jahren selbst durch
die Wissenschaft geschehen ist.