jetzt, als sie sich umringt sahen, verzweifelt zur Wehr setzten. Sie
hatten offenbar nichts zu verlieren und kannten das Los, das ihrer
wartete. Es war umsonst, denn die Soldaten machten kurzen Prozeß und
wendeten ihre Waffen ohne Rücksicht an. Man hörte die Hiebe der blanken
Waffen, das Knattern von Schüssen. Das Gefecht setzte sich durch die
Gänge des Schloßparkes fort, aber von den Männern, die da so plötzlich
aus den Gebüschen hervorstürzten, entkam keiner, sie wurden alle
erreicht und nach wütendem Widerstand zusammengehauen oder
zusammengeschossen.
Der Prinz und der Polizeichef stellten sich schützend vor den Herrscher,
damit ihn nicht etwa eine verirrte Kugel erreichte, während der mächtige
Mann, der großen, persönlichen Mut besaß, durchaus an dem Abenteuer
teilnehmen wollte.
Da schallte die sonore Stimme, die man vorhin vernommen, von neuem. »So,
ich denke, den Schurken ist das Handwerk gelegt. Aber den Anstifter des
Frevels, den habe ich gepackt. Hier ist er. Die Leute sollen nicht auf
ihn schießen. Ich bin's, den man erwartet hat, und ich denke, gute
Botschaft zu bringen.«
»Der Mann mit der Maske,« stieß der Herrscher hervor. »Wahrhaftig, er
ist es.«
Der Herrscher, der Prinz und der Polizeichef sahen jetzt seltsame Dinge.
Wieder teilten sich die Gebüsche in der Nähe des Pavillons, aber diesmal
erschienen bewaffnete Inder, welche die helleuchtenden Laternen trugen,
deren gewaltiges Licht schon vorhin das Staunen der Lauscher erregt
hatte. Die Männer stellten sich auf dem freien Platz auf, so daß die
Laternen denselben hell beleuchteten. Wieder teilten sich die Gebüsche,
abermals kamen Bewaffnete zum Vorschein, die zwei gefesselte Männer mit
sich schleppten. Der eine von ihnen war ein riesengroßer Inder, den man
wie ein Bündel zusammengeschnürt hatte. Der zweite schien erst vor
wenigen Augenblicken gebunden zu sein.
Der Herrscher stieß einen Ruf höchster Ueberraschung aus. »Das ist ja
der Baron von ...-..« rief er.
In diesem Augenblick trat wieder eine Gestalt in den Lichtkreis der
elektrischen Laternen. Diesmal war es Kapitän Mors.
»Ja, das ist der Mann, der so viel Unheil angerichtet hat,« sprach er.
»Es ist der gelehrte Edelmann, der sich mit Astronomie beschäftigt,
derselbe, welcher die Prinzessin begehrte. Er war es, der die
Entdeckung, daß ein Zusammenstoß der Erde mit dem Kometen droht, unter
das Volk brachte. Er war es, der das Volk aufhetzte und sich durch eine
Empörung zu rächen gedachte. Und als er nun bemerkte, daß die Empörung
Dank der treubleibenden Truppen gedämpft wurde, da griff er zum letzten
Mittel, um Rache zu nehmen. Seine reichen Mittel erlaubten es, eine
Schar von Banditen und Mördern anzuwerben, die er den Händen der
Gerechtigkeit entzog. Sie sollten in dieser Nacht in das Schloß
einbrechen, sie sollten den Herrscher des Landes töten. Damit hätte
dieser Unhold seine Rache genommen.«
»Woher wissen Sie denn das, Kapitän Mors?« rief der Fürst in höchstem
Staunen. »Sind Sie denn allwissend?«
»Allwissend ist nur der, der die Welten erschaffen,« lautete die Antwort
des Luftpiraten. »Ich verdanke die Kunde von diesem Anschlag meist
glücklichen Zufällen. Dieser Mann hier« -- er deutete auf den
gefesselten Inder -- »war ebenfalls von dem Baron gewonnen. Als dieser
seine Entdeckung des nahenden Kometen machte, ahnte er schon, daß ich
alles aufbieten würde, um eine Panik zu verhindern. Der Baron, welcher
öfters Reisen nach Indien unternahm, gewann diesen Menschen durch große
Versprechungen, und es schien anfangs, als ob sein Anschlag, der zuerst
gegen mich gerichtet war, glücken würde. Dieser Inder wurde von mir mit
anderen Gebirgsbewohnern angeworben und er schwur Treue. In Wirklichkeit
brachte er schon die Höllenmaschine mit, die mein Weltenfahrzeug
vernichten sollte. Und als dieser Mensch, der alles aufs schärfste
beobachtete, erfuhr, daß ich die Reise nach dem nahenden Kometen
antreten wollte, vollführte er den Auftrag, den er von dem Baron
erhalten. Es sind zwei Kometen da oben im Weltenall. Und als ich auf dem
einen landete, wurde mein Fahrzeug fast vernichtet. Erst im letzten
Moment gelang es mir, dasselbe auszubessern und zu flüchten, gerade, als
die beiden Kometen wieder zusammenstießen.«
»Wie,« rief der Herrscher in höchstem Staunen. »Sie, Kapitän Mors, haben
diese unheimliche Welt betreten?«
»Ja, und ich bringe gute Botschaft. Der Zusammenstoß der Erde mit den
beiden Kometen hätte unwiderruflich stattgefunden. Aber glücklicherweise
hat der Zusammenstoß dieser beiden Weltenkörper die Gefahr von der Erde
abgewendet. Der Zusammenstoß ist furchtbar gewesen und er genügte, um
den Kometen, der jetzt wieder aus einer Masse besteht, aus seiner Bahn
zu schleudern. Wenn die Wolkenmassen schwinden, wird man auf Erden
sehen, daß der Erdball noch einmal gerettet ist. Der Komet eilt bereits
mit rasender Schnelligkeit zur Sonne.«
Mors hatte bei den letzten Worten nach oben gedeutet. Da geschah
Seltsames. Plötzlich erhob sich ein Sturm, die Wolkenmassen, die bis
dahin unbeweglich über der Erde gelastet, begannen sich zu bewegen. Sie
schienen sich zu zerteilen, schon sah man hier und dort Sterne
hindurchschimmern.
»Der Komet!« rief der Herrscher plötzlich.
»Ja, er ist es,« erwiderte Mors. »Aber jedermann wird sehen, daß sich
das Gestirn von der Erde abwendet. Jetzt eilt es nach der Sonne hinüber
und von dort wird es wieder in das Unendliche hineinsausen. Alle mögen
es hören, die Erde ist vom Verderben gerettet.«
Die Leibgarden hatten diese Worte vernommen und brachen in Jubelrufe
aus. Der Polizeichef aber trat auf Mors zu, den er mit sichtlicher
Bewunderung betrachtete.
»Und wie gelangten diese Banditen in den Park?« fragte er.
»Durch einen alten unterirdischen Gang,« erwiderte Mors. »Hier, der
Inder, verriet mir manches, was seinen Auftraggeber, den Baron,
anbetraf. Es gelang mir, diesen Unhold bei seinem Zusammentreffen mit
den angeworbenen Banditen zu belauschen. Er hat diesen Gang schon öfters
benutzt. In dieser Nacht sollte der Anschlag auf den Herrscher
ausgeführt werden.«
»Das war die schattenhafte Gestalt, die man im alten Schloß bemerkt
hat,« rief der Prinz überrascht.
Der Rachsüchtige sah alles verloren.
»Kapitän Mors,« rief der Herrscher, »wie soll ich Ihnen danken? Sie
haben alles, alles gerettet. Ich verdanke Ihnen mein Leben!«
»Ich selbst begehre nichts,« erwiderte der Luftpirat. »Aber wenn die
Mächtigen der Erde den Armen eine große Summe geben wollen, wenn sie die
durch das Unheil entstandene Not lindern wollen, so bin ich's
zufrieden.«
»Das soll geschehen,« rief der Herrscher.
»Das genügt mir,« erwiderte Mors. »Ich habe die Genugtuung, daß ich die
Welt von dem Alpdruck, der auf ihr lastete, befreite.«
»Und der Baron?« fragte der Prinz unwillkürlich.
»Den nehme ich mit mir,« erwiderte Mors finster. »Der hat mir nach dem
Leben getrachtet. Ganz so, wie sein verräterischer Gefährte, der Inder.«
Der gelehrte Edelmann erbleichte. »Gnade!« rief er dem Herrscher zu.
»Ich will nicht in der Gewalt des Maskierten bleiben. Man soll mich hier
ins Gefängnis setzen!«
Mors sah mit seinen feurigen Augen auf den Herrscher und den Prinzen.
Sie reichten ihm die Hände. Er drückte sie. Dann winkte er seinen
Indern. Im Nu faßten diese die beiden Gefangenen und schleppten sie nach
dem geheimen Gang, der sich irgendwo in den Gebüschen befinden mußte.
»Den Gang versperre ich für immer,« tönte die Stimme des Luftpiraten.
Seine hohe, stolze Gestalt verschwand im Gebüsch, dann hörte man ein
dumpfes Dröhnen wie von einer schweren Falltür. Und als der Prinz in das
Gebüsch eilte, sah er nichts von dem seltsamen Mann, der auf dem Kometen
gewesen. Kapitän Mors war mit seinen beiden Gefangenen spurlos
verschwunden.
Anmerkungen zur Transkription
Dieser Text wurde nach einem Nachdruck-Auswahlband transkribiert: Heinz
J. Galle (Hrsg.): Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Dieter
von Reeken, Lüneburg, 2005, S. 233-267. Moderne Zusätze und Anmerkungen
wurden nicht übernommen. Die Originalausgaben hatten auch farbige
Rücktitel. Diese sind in dieser Ausgabe nicht enthalten, obwohl sich
im Text ein entsprechender Hinweis findet. Der entsprechende Rücktitel
mit dem Plan des Weltenfahrzeuges findet sich in Band 42.
Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
Variationen in der Schreibweise von Namen wurden nicht verändert.
Lediglich offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.