9. Das jetzige Alexandrien.

Mehr als zweiundzwanzig Hundert Jahre steht die Stadt, welche den Namen

des großen Mannes trägt, der nach Aegypten gekommen war, um im

weltberühmten Orakelheiligthum des Ammonium die Frage zu stellen, ob er

wirklich ein Sohn des Zeus sei. Gewaltig sind die Stürme der

menschlichen Geschichte über die Stadt dahingebraust, welche einst der

Glanzpunkt der Welt in wissenschaftlicher und commerzieller Beziehung

war. Alexandrien, die Stadt des Museum und Serapeum, war aber trotz

seiner Weltlage im Jahre 1790 so herabgekommen, daß, als die Franzosen

unter Bonaparte landeten, es nur mehr circa 6000 Einwohner hatte. Es

gehörte aber auch die ganze Wirtschaft knechtischer Beys dazu, um ein

Land und die Städte so ruiniren zu können, wie wir Aegypten und seine

Oerter am Anfang dieses Jahrhunderts sehen. Verwundert fragt man sich:

wie war es möglich, daß eine Stadt, so ungemein günstig gelegen, so tief

hatte sinken können?

In der That hat Alexandrien, wie keine andere Stadt am Mittelmeere, eine

vorteilhafte Lage. Wegen des ausgezeichneten Hafens braucht es nicht zu

befürchten, von Port Said, das allerdings an der Mündung des Kanals von

Suez liegt, überflügelt zu werden, und mittelst der Eisenbahnen und

Dampfschiffe auf den Kanälen ist es ohnedieß mit dem großen Kanal in

intimster Beziehung. Alexandrien liegt an einer der größten

Verkehrsadern unserer Zeit, einer Verkehrsstraße, welche voraussichtlich

immer als eine der am lebhaftesten pulsirenden Handelswege fortbestehen

wird. Aber nicht allein das ist es, gleichsam als Etape zwischen

Ostindien und Oceanien einerseits und Europa andererseits zu dienen; die

Stadt Alexander des Großen liegt an der Mündung des einzigen schiffbaren

Flusses von Nordafrika, welcher mit seiner mächtigen Verästelung ein

ungeheures Gebiet beherrscht. Welche Zukunft erschließt sich der Stadt,

wenn die Producte aus Centralafrika nilabwärts ihr zugeführt werden.

Denn jetzt vermittelt der Nil blos Das, was an Erzeugnissen längs seines

300 Meilen langen Stammes producirt wird. Welche Zukunft wird aber

Alexandrien haben, wenn die Felsen der Katarakte gesprengt und man mit

Dampfschiffen direct vom Mittelmeere bis zu den See'n Innerafrikas, den

großen Wasserreservoirs des Nils, wird fahren können!

Aber wenn man auch Alexandrien ein immer mehr günstig sich gestaltendes

Prognostikon stellen kann, so hat die Stadt keineswegs Ursache, mit

ihrer heutigen Entwickelung unzufrieden zu sein. Es ist der Großvater

des jetzigen Chedive, Mohammed Ali, dem die Stadt ihren jetzigen

Aufschwung verdankt. Dadurch, daß er der Stadt den Kanal herstellte,

wurde ihr nicht nur gutes Trinkwasser, sondern auch ein leichter

Verkehrsweg mit dem Innern geschaffen. Mohammed Ali war auch der Erste,

welcher den Schiffen der christlichen Nationen den Eingang in den alten

Hafen eröffnete; bis vor seiner Regierung mußten sie den neuen, wenig

sicheren Hafen benutzen.

Alexandrien mit etwa 200,000 Einwohnern zerfällt in zwei Stadttheile,

von denen der eine von der europäischen Bevölkerung der andere von den

Eingeborenen bewohnt wird. Der arabische[42] Stadttheil ist im

Nordwesten und Westen gelegen; die Straßen sind eng, unregelmäßig, im

Sommer staubig, im Winter mit undurchdringlichem Schmutz erfüllt; die

Häuser sind meist einstöckig und höchst launenhaft gebaut. Hier steht

eins mit halber Front, diagonalartig zur Straße, dort hängt eins mit dem

oberen Stockwerk über; hier ist eins in die Straße selbst hineingebaut,

dort ist eins, welches einen weiten Hof vor sich hat. Fenster sind

spärlich vorhanden, namentlich im Erdgeschosse; ist eine Bel-Etage

vorhanden, so findet man häufig sehr viele, mit feinem Holzgitter

verschlossene Fenster. Sehr praktisch ist der zickzackartige Bau des

oberen Geschosses, der Art, daß regelmäßig vorspringende Winkel, mit

Fenstern versehen, angelegt sind. Alte Gebäude findet man in der

Alexandrinischen Araberstadt fast gar nicht, so daß sie keineswegs ein

interessantes Aussehen hat, sich höchstens gut bei Mondscheinbeleuchtung

ausnimmt. So durchzogen wir sie denn auch eines Abends, ehe wir die

libysche Expedition antraten, und besuchten sodann ein Kaffeehaus der

Eingeborenen, um eine Mokka zu schlürfen und einen Tschibuk zu saugen.

Aber auch hier fängt die Civilisation an, mit mächtiger Gewalt

einzudringen. Im ganzen arabischen Viertel ist jetzt Gasbeleuchtung. Wie

lange wird es dauern und die Straßen werden gepflastert, sie werden

gerade gemacht, besprengt, mit schattigen Bäumen bepflanzt und statt der

kleinen Gewölbe und Boutiken mit prächtigen Verkaufsläden geschmückt

werden. Das Letztere wäre namentlich wünschenswert; denn gezwungen durch

die Kleinheit ihrer Verkaufsbuden, rücken die Kaufleute ihre Waaren weit

in die Straßen hinein, verengern so die Passage und füllen die Luft mit

den sich mischenden Gerüchen gekochter Speisen, frischen Gemüsen, rohen

Fleisches, kurz aller Gegenstände, die sie feil haben.

Das muselmännische Alexandrien hat hundert Moscheen, von denen jedoch

keine einzige ausgezeichnet und berühmt ist, verschiedene Sauya[43] und

Medressen[44] und eine Menge Funduks und Karawanseraien, um Menschen und

Thiere zu beherbergen. Es versteht sich von selbst, daß in diesen

Funduks nur die Eingeborenen logiren. Die Bevölkerung des arabischen

Theiles von Alexandrien beträgt etwa 100,000 Einwohner, also die Hälfte

der Gesammtbevölkerung.

Ganz anders erscheint das europäische Quartier, welches, wie aus dem

früher Gesagten hervorgeht, eine eigentliche Schöpfung der Neuzeit ist.

Breite und gerade Straßen, zum Theil mit schönen Baumreihen bestanden,

hier und da ein reizender Platz mit immergrünen Pflanzen und duftigen

Blumen, an den Seiten prächtige, mehrstöckige Häuser, massive Bauten

mit den elegantesten Läden, herrliches Pflaster (die Steine dazu hat

man von Triest kommen lassen, _jedes Stück_ hat circa 5 Francs gekostet

bei einer Größe von 15 Zentimeter quadratischer Oberfläche auf 20

Centimeter Tiefe), mit schönem Trottoir für Fußgänger, machen das

europäische Alexandrien zu einer der schönsten Städte am Mittelmeere.

Dazu kommt eine ausreichende Gasbeleuchtung und eine künstliche

Wasseranstalt (auch die arabische Stadt wird mit Wasser aus derselben

versorgt), welche bei Moharrem-Bai Nilwasser in ein Reservoir pumpt, aus

der die ganze Stadt mit dem besten Trinkwasser der Welt versorgt

wird[45]. Der mittlere Verbrauch von Wasser beläuft sich auf 8000

kubische Meter täglich.

Auf dem Platze Mohammed Ali's, auch =Place des consuls= genannt,

concentrirt sich am meisten das europäische Leben; hier sieht man die

glänzendsten Läden, hier ist das französische Generalconsulat, das

Stadthaus, mehrere große Hotels und seit zwei Jahren--Allah und Mohammed

verzeihe dem Chedive und seinen Räthen diese christliche oder vielmehr

heidnische Ketzerei--erhebt sich inmitten der breiten Allee die über

lebensgroße Statue des Begründers der jetzigen Dynastie. Die Statue

Mohammed Alis ist aus Bronce und im Ganzen 11,50 Meter hoch, wovon 6,50

Meter auf das aus toscanischem Marmor gemeißelte Piedestal kommen,

während die Reiterstatue selbst 5 Meter hoch ist. Die Statue ist von

prachtvoller Wirkung. Mohammed Ali in orientalischer Tracht, den Kopf

beturbant, sitzt in gebietender Stellung zu Roß, seinem energischen

Gesichtsausdruck sieht man es an, daß er der Mann ist, welcher das

türkische Joch abschüttelte, der, hätten nicht die Großmächte ihr Veto

dazwischen gerufen, sein Schwert bis nach Stambul selbst hineingetragen

haben würde. Furchtsam umstehen die Fellahin das Denkmal, fromme Flüche

und Verwünschungen murmelt der scheinheilige Taleb oder Faki beim

Anblick dieses gewaltigen Mannes; am liebsten würde er gleich das "Bild"

vernichten. Aber der Preis und die Belohnung, welche er sich dafür im

Paradies unfehlbar erwerben würde, scheint doch nicht so sicher zu sein,

als die irdische Strafe, welche einem solchen Versuche auf der Stelle

folgen würde. Ismael, der jetzige Regent von Aegypten, kennt seine

Leute, er weiß, was er ihnen bieten kann und er weiß, daß der

einigermaßen denkende Mohammedaner heute der irdischen Belohnung und der

irdischen Strafe vor den unsicheren zukünftigen Versprechungen oder den

jenseitigen Qualen den Vorzug giebt. =Tout comme chez nous=. Wer

fürchtet sich heute bei uns vor den Flammen der Hölle und vor der

Aussicht, Milliarden von Jahren dem Allerhöchsten ein Hallelujah zu

singen!--Aber das irdische Gesetz und das eigne Pflichtgefühl, die Liebe

zum Guten und Schönen, der Haß des Bösen und Häßlichen, welche uns

_jetzt_ schon erblich, möchte ich sagen, überliefert werden, das sind

heute die großen Triebfedern, welche die menschliche Ordnung und

Gesellschaft zusammenhalten müssen.

Daß für die religiösen Bedürfnisse der Europäer reichlich gesorgt ist,

versteht sich von selbst in einer orientalischen Stadt, wo die meisten

Europäer Katholiken sind oder der griechischen Kirche angehören. Es

giebt 3 katholische Kirchen, 4 für den griechischen Ritus, 3

protestantische, 1 koptische und 1 maronitische Kirche. Die Juden haben

3 Synagogen. Daß Mönche und Klöster nicht fehlen in einer so großen

Stadt am Mittelmeere, der Geburtsstätte so vieler Religionen, braucht

wohl kaum gesagt zu werden. Der koptische Patriarch residirt auch in der

Regel in Alexandrien.--An Wohlthätigkeitsanstalten besitzt die Stadt 4

Hospitäler, das für Militär und Civilpersonen eingerichtete

Gouvernementshospital, das allgemeine europäische Hospital, das

Diaconissenhospital und ein griechisches. Von den barmherzigen

Schwestern wird auch ein Findlinghaus geleitet.--Die Schulen sind alle

in den Händen der Geistlichkeit, aber es dürfte, seit Herr Dor, ein

Schweizer, die Leitung des Unterrichts in Aegypten übernommen hat, bald

eine günstige Veränderung eintreten; auch eine deutsche Schule ist unter

den Auspicien des deutschen Generalconsulats gegründet worden. Von den

übrigen europäischen Schulen nenne ich das Institut der Lazaristen

(=collège des Lazaristes=), ähnlich eingerichtet, wie ein

französisches Lyceum: man unterrichtet in französischer Sprache

Lateinisch und Griechisch. Das Arabische, Neugriechische, Italienische

ist facultativ. Englisch und Zeichnen und Musikunterricht werden

besonders bezahlt, der Pensionpreis beträgt 1000 Francs jährlich. Die 12

Lehrer sind sämmtlich Geistliche. Die Schule wurde 1873 von 60 Schülern

besucht. Das italienische Lyceum steht unter italienischer

Regierungscontrole; die Zahl der Schüler betrug 255 im selben Jahre. Die

Schule der schottischen Kirche, die der apostolischen Amerikaner, die

der Griechen, die allgemeine, unter dem Protectorat des ägyptischen

Erbprinzen stehende Schule mit unentgeltlichem Unterricht sind alle mehr

oder weniger stark frequentirt. Auch die Juden haben eine von etwa 120

Schülern besuchte Anstalt. Außerdem giebt es 6 Mädchenschulen. Sowohl

von den Kirchen, wie auch von den Schulen haben mehrere ein monumentales

Aeußere.

Die Vereinigung der ersten Gelehrten, welche jedoch kein eignes Gebäude

besitzen, ich meine =l'Institut Égyptien= ist seit Anfang dieses

Jahres nach Kairo verlegt worden. Es giebt sodann viele

Wohlthätigkeitsvereine und auch gesellige; von den letzteren sind die

bedeutendsten der Börsencirkel, der philharmonische Gesellschaftskreis,

vorwiegend aus Franzosen bestehend, und der Club der Deutschen. Für das

geistige Leben ist durch eine öffentliche Bibliothek und durch das

Erscheinen von 9 Zeitungen gesorgt, von denen 3 in italienischer, 1 in

englischer, 2 in griechischer und die übrigen in französischer Sprache

erscheinen.

Im hübsch gelegenen und elegant erbauten Siziniatheater werden

italienische Opern aufgeführt, außerdem giebt es noch ein kleines

Theater, Namens Alsieri. Erwähnen wir schließlich noch, daß

französische, englische, italienische und griechische Freimaurerlogen in

Alexandrien sind, im Ganzen 8, an der Zahl, so glauben wir aller

Anstalten Erwähnung gethan zu haben. Nur möchte ich für etwaige nach

Aegypten Reisende hervorheben, daß es dort eine Reihe guter Hôtels

giebt, von denen 2 ersten Ranges, daß Kaffeehäuser und Restaurationen in

großer Anzahl vorhanden sind, ja daß es sogar viele deutsche Bierstuben

giebt, wo Wiener Bier verzapft wird. In der Stadt Alexander des Großen,

des Ptolemäus Philadelphus, deutsches Bier von deutschen Jungfrauen

geschenkt! In der Stadt des Pompejus, der Cleopatra Gas- und

Dampffabriken! Welche Gegensätze und doch so groß nicht, wie man denkt!

Denn in der Stadt, wo das weltberühmte Museum mit 700,000 Büchern oder

vielmehr Schriftrollen war und die im Serapeum eine zweite Bibliothek

mit 200,000 Bänden besaß und deren Straßen eben so wohl und gerade

angelegt waren, wie jetzt die des europäischen Viertels[46], in der zur

Zeit, als die Römer die Herrschaft antraten, nach Diodorus Siculus fast

eine Million Einwohner sich befanden, soll die Zukunft erst wieder eine

gleiche Blüthe und Bevölkerung hervorbringen, wie wir solche zu Zeiten

der Ptolemäer dort vorfanden.

Von den 200,000 Einwohnern kommen auf die europäische Bevölkerung von

Alexandrien circa 100,000 Seelen[47] und sind dahin auch die Türken und

ihre Descendenz zu rechnen, mit einem ziemlich zahlreichen Contingent.

Sie bewohnen die Halbinsel, welche, ehedem als selbe nur durch einen

steinernen Damm mit dem Festlande verbunden war, Insel Pharos hieß. Die

Straßen dieses Viertels sind auch ziemlich breit und gerade, und besser

im Stande gehalten als im arabischen Viertel. Hier wohnen die Paschas,

Beys, Effendis und hohen Würdenträger des Königreichs. An der

westlichen, äußersten Spitze des Vorgebirges =Ras es Tin= oder

Feigenvorgebirge genannt, ließ Mohammed Ali ein nach dem Plane des

Serail in Konstantinopel erbautes Schloß errichten. Dasselbe wird noch

von dem Vicekönig benutzt; auch Harem und Dienstzimmer für die Minister

befinden sich in demselben. Das Harem steht ganz isolirt inmitten des

schönen Gartens. Dicht daneben ist auch das Arsenal.

Der alte Hafen von Alexandrien hat seit 1870 eine vollkommene Umwandlung

erlitten, indem die großartigsten Molenbauten[48] ganz neue Bassins

schufen. Im Jahre 1876 wird Alexandrien ein äußeres Hafenbecken besitzen

mit einer Oberfläche von 350 Hektaren und einer Tiefe von wenigstens 10

Meter. Dieser Vorhafen wird nach der offenen Seite durch einen

Wellenbrecher geschützt sein, welcher 2340 Meter lang und 8 Meter hoch

sein soll. Die Blöcke dazu werden zum Theil künstlich hergestellt und

werden 20,000 benöthigt, jeder 10 Kubikmeter groß und 20 Tonnen[49]

wiegend. Dieser Wogenbrecher hat zwei Eingänge, einer zwischen dem

Nordende und =Ras el Tin=, 600 Meter breit, für kleinere Schiffe,

ein anderer am südlichen Ende, 800 Meter breit, für große Fahrzeuge.

Das innere Hafenbecken wird 72 Hektaren Oberfläche haben und wenigstens

8,50 Meter tief sein. Auch dieser Hafen wird durch besondere Molen

geschützt sein und hydraulische Kräne zur Leichterung der Schiffe

erhalten. Die jährliche Schiffsbewegung beläuft sich jetzt auf circa

3000 einkommende und ebenso viel ausfahrende Schiffe mit einem Gehalt

von circa 1,500,000 Tonnen.

Der "Guide" von François Levernay, dem wir die Zahlen für diesen Aufsatz

entnommen, giebt die mittlere Jahrestemperatur von Alexandrien zu +20º

C. an, mit einem Maximum von 27º und einem Minimum von 7º. Ich glaube,

sorgfältiger angestellte Beobachtungen würden eine um einige Grad

wärmere Temperatur ergeben. In Alexandrien ist noch nie Frost beobachtet

worden; in der Libyschen Wüste, obschon sich dieselbe bedeutend weiter

nach Süden erstreckt, fällt das Thermometer jeden Winter unter Null. Der

kälteste Monat in Alexandrien ist der Januar, Juli und August sind die

heißeste Zeit. Der Nord und Nord-Nord-West-Wind sind, wie in ganz

Unterägypten, die vorherrschenden, erst Ende April und im Mai weht der

Chamsin (d.h. der während 50 Tagen wehende Süd-Süd-Ost-Wind) und bringt

oft eine unerträgliche Hitze, die jedoch nur während des Windes selbst

anhält. Während des Chamsin ist selbst am Meeresstrande die Luft kaum

mit Feuchtigkeit geschwängert, während der übrigen Monate ist aber

gerade in Alexandrien ein ungemein hoher Feuchtigkeitsgehalt, was den

Aufenthalt in den Spätsommerwochen so unangenehm macht. Die Quantität

des Regenfalls variirt zwischen 100 und 335 Mm. jährlich; doch macht man

auch hier die Wahrnehmung, daß mit der steigenden Baumcultur auch die

Menge des Regenfalles sich jährlich in Alexandrien vermehrt. Stürme sind

in Alexandrien selten, Hagel fällt durchschnittlich ein- oder zweimal

des Jahres, im März oder April; Nebel, aber von kurzer Dauer, treten im

März, November und December auf.

Wie der Chedive, der Hof und die ganze Regierung im Sommer von Kairo

nach Alexandrien übersiedeln, der frischen Meeresbrisen wegen, so

folgen auch die meisten Europäer diesem Beispiel. Aber sie wohnen dann

weniger in Alexandrien selbst, als im nahe gelegenen Ramleh, einem Orte,

welcher vor wenigen Jahren seinen Namen (Sand) noch verdiente, jetzt

aber ein reizender Villencomplex geworden ist. Ramleh hat im Sommer

6500, im Winter 3200 Einwohner und man findet dort alle Annehmlichkeiten

einer Villegiatur. Griechische, französische und italienische Schulen,

Schauspiele, Restaurants und ein Hôtel deutet darauf hin, daß Ramleh

binnen Kurzem das Scheveningen Alexandriens sein wird.

Aber auch an reizenden Spaziergängen fehlt es den Alexandrinern nicht.

Längs des Mahmudie-Kanals findet man an den Seiten schattiger Alleen die

herrlichsten Gärten und darin versteckt die geschmackvollsten Villen.

Keine herrlichere Spazierfahrt kann man sich denken, als längs dieses

von Hunderten von größeren und kleineren Schiffen, sowie von eleganten

Dahabien belebten Kanals. Auch der öffentliche Garten ist hier gelegen,

wo tägliche Militärmusik die elegante Welt anzieht. Wenn man Abends die

Hunderte von feinen Landauern mit den schönen griechischen Damen in

elegantester Toilette daherfahren sieht, dann glaubt man nicht in Afrika

zu sein, sondern man denkt unwillkürlich an die wagenbelebte Chiaja in

Neapel. Aber es ist Alles erst im Werden, denn mit Sicherheit fast läßt

sich voraussagen, daß Alexandrien wieder werden wird, was es war, ein

Emporium für den Welthandel, die bedeutendste Handelsstadt des

Mittelmeeres.

Beiträge zur Entdeckung und Erforschung Africa's. Berichte aus den Jahren 1870-1875 · 第 33 / 40 题