8. Aufbruch zur Libyschen Wüste.

"Wie ein Afrikareisender mit einer Schlittenpartie seine Reise in die

Libysche Wüste antritt", hätte ich dieses Mal mein Tagebuch

überschreiben können. Das ist auch wohl noch nicht dagewesen, und

doch,--denn als ich meine zweite Reise antrat, mußte ich ja auch nach

einigen Tagemärschen, wenn auch nicht durch oder über Schnee, so doch

daran vorbei und noch dazu in Afrika selbst, auf dem großen Atlas.

Diesmal galt es nun zwar nicht, den mit Schnee bedeckten Atlas zu

übersteigen, sondern auf angenehmste Weise über den herrlichsten aller

Alpenpässe zu kutschiren, über den Splügen. Am Morgen in der Frühe

sollte es weiter gehen, und so geschah es auch. Eine ziemlich zahlreiche

Reisegesellschaft, drei große Postwagen voll Menschen beiderlei

Geschlechts, von jeglichem Alter, von jedem Stande. Ich hatte für mich

einen Coupéplatz bekommen und Noël[28] im selben Wagen einen

Interieurplatz. Neben mir (die Coupés haben nur zwei Plätze) saß noch

eine junge Dame, ein Mädchen, ein Backfisch, ein Kind--eine jede dieser

Bezeichnungen würde auf sie gepaßt haben--nicht hübsch, nicht häßlich,

Schweizern, mit einer entsetzlichen Aussprache des Deutschen und

ungemein schüchtern, verlegen und blöde. Der Backfisch, nennen wir sie

so, war in Belfort in Pension gewesen, um Französisch zu lernen; unter

der Zeit waren seine Eltern von der Schweiz, wo sie ansässig gewesen

waren, nach Bergamo gezogen und jetzt, nach beendigtem Cursus, sollte

der Backfisch wieder heim zu den Eltern. Und das ging ganz gut, wie ein

Packet wurde er befördert. In Chur logirten wir z.B. im "Luckmanier"

zusammen, der Backfisch wurde von der Wirthin empfangen u. Abends, als

der Wirth gehört hatte, ich reise nach Italien, kam er zu mir, ob ich

nicht den Backfisch unter meine Obhut bis Como oder Lecco nehmen wolle,

dort würde er von verwandten Fischern in Empfang genommen werden.

Natürlich sagte ich nicht "nein" und merkwürdig genug traf es sich, daß

im Interieur eine nach--der Türkei, nach Trapezunt reisende Dame sich

unter Noël's Schutz begab.

Ich unterlasse es, von den Schönheiten der =Via mala= zu sprechen,

offenbar der schönste und großartigste Paß, der über die Alpen führt und

welcher, da der Baumbestand aus Nadelhölzern besteht, zu jeder Zeit grün

ist. Ja, ich möchte sagen, der naturschönheitliche Reiz wird im Winter

eher erhöht, als vermindert durch die starken Contraste des

blendendweißen Schnees und des tiefen, fast schwarzen Grüns der Fichten

und Kiefern. Als sämmtliche Passagiere obligaterweise an der Stelle

ausgestiegen waren, wo die =Via mala= am engsten ist und wo eine

Brücke über den Schlund führt, die man auch Teufelsbrücke hätte nennen

können, ging es weiter und Mittags erreichten wir Splügen.

Eine gemeinschaftliche =Table d'hôte= brachte alle Reisenden

zusammen und der gute Veltliner Wein, wie das warme Zimmer führten eine

recht animirte Unterhaltung herbei, denn zur Hälfte waren die Reisenden

Italiener, welche, froh, bald die Grenze ihrer =cara Italia=

erreicht zu haben, nicht verfehlten, ein Glas mehr, als gewöhnlich, zu

trinken. Mit dem Orte Splügen hat man aber keineswegs die Paßhöhe

erreicht. Im Gegentheil, jetzt beginnt erst das _steile_ Steigen und

eine Viertelstunde oberhalb des Dorfes fanden wir ein ganzes

Schlittendepôt. Die Postkutschen wurden verlassen und je Zwei wurden in

einen eleganten Schlitten gepackt; wir hatten die Schneegrenze erreicht.

Natürlich geht dieselbe im December noch tiefer, bis Chur selbst,

hinunter und fängt im Januar und Februar gar unterhalb Chur an, aber im

November und October fällt Schnee nur bis Splügen und etwas oberhalb.

Hatten wir am Tage vorher abscheulich nebliges Wetter gehabt, so war

unsere =Via-mala=-Tour, unsere Schlittenpartie über den Splügen,

durch den sonnigsten, italienischen Himmel verherrlicht. Aber kalt war

es. Trotz des Südwindes, der allerdings stundenlang über Gletscher und

Schneefelder fegte, fror man bis auf's Innerste. Wie froh war ich, daß

ich meinen grauen Mantel und die Pelzdecke mitgenommen hatte. Drei

Stunden brauchten wir zu dieser Schlittenfahrt und man kann sich einen

Begriff machen, welche Schneemassen im Laufe des Winters auf den Alpen

angehäuft werden, wenn ich sage, daß wir manchmal Stellen passirten, wo

der Schnee schon (durch Anwehen) 10-12' hoch lag. Auf der Südseite, noch

mitten im Schnee, liegt die italienische Douane, während man die Grenze

schon früher auf der Kante des Passes selbst passirt hat.

Die Zollbeamten waren diesmal äußerst milde; hielten sie mich für irgend

eine besondere Persönlichkeit (denn in den Augen aller dieser Leute

passirte Noël immer als mein Diener), oder ist die Praxis überhaupt

milder geworden, genug, es wurde nur ein Koffer pro forma geöffnet und

damit war Alles fertig. Ich war namentlich froh wegen meiner Patronen,

die ich ja gern versteuert hätte, von denen ich aber fürchten mußte, sie

würden confiscirt werden.

Bald darauf erreichten wir die südliche Schneegrenze und in ebenso guten

Postkutschen ging es weiter. Den herrlichen Punkt, wo ein Gießbach ins

Thal hinab braust und wo man der Fernsicht halber eigens eine Kanzel

erbaut hat, von der man die schönste Aussicht genießen kann, passirten

wir noch eben bei Licht, dann noch eine halbe Stunde das schönste

Alpenglühen, wie ich es nie leuchtender und intensiver gesehen habe, und

tiefe Nacht senkte sich rasch auf uns herab. Nach zwei Stunden, d.h. um

6-1/2 Uhr Abends, waren wir in Chiavenna.

Das Hotel zur Post, von dem Herrn Schreiber gehalten, ist berühmt in

ganz Italien und auch wir konnten mit dem Nachtmahl, welches uns

aufgetischt wurde, nur zufrieden sein; ja, das Lob seines Valtelliner

machte, daß er uns noch eine Flasche, natürlich für unser Geld,

heraufholte. Wir schieden um 10 Uhr als gute Freunde (im ganzen Hôtel

ist nur deutsche Bedienung) und weiter ging's bis Colico, welchen Ort

wir um 1 Uhr Nachts erreichten. In Colico selbst wurde nur umgeladen in

einen anderen Wagen, der nach Lecco bestimmt war.

Aus dieser schönen Tour längs des Lago di Como, die ich übrigens zu

Lande schon einmal, zur See schon mehreremal gemacht habe, merkten wir

nun zwar nichts von den Reizen der Natur, aber die milderen Lüfte und

zur Seite des Wagens die belaubten Olivenbäume bekundeten auch so genug,

daß wir uns auf der anderen Seite der Alpen befänden.

In Lecco angekommen, wurde ich des kleinen Backfisches ledig. Als wir

uns aus dem Omnibus Einer nach dem Anderen entwickelten, stand ein Herr

bereit: "Sind Sie Fräulein Müller?" (Meier, Schulze oder Schmidt, so

ungefähr klingt der Name). "Ja, ich bin es." Und damit fiel die junge

Dame in verwandtschaftliche Arme.

Wir Anderen fuhren von Lecco gleich mit der Bahn bis Mailand weiter und

direct ins Hôtel Reichmann, nächtigten daselbst und fuhren ohne

Unterbrechung nach Brindisi, wo wir Abends um 10 Uhr anlangten. Von den

anderen Herren war noch Niemand hier, ich vermuthete, Alle seien wegen

des Choleragerüchtes über Triest gegangen. Zu meiner Freude hörte ich

aber bald darauf, daß die Cholera erloschen sei.

In Brindisi ist ein vorzügliches Hôtel, das des =Indes orientales=.

Die Absicht, in eine Locomda zu gehen, gab ich auf, da ein

italienischer Reisegefährte mir unterwegs sagte, man bekäme dort

unfehlbar =pedocchi= d.h. die Thierchen, welche die Franzosen im

Gegensatze zu den Flöhen, der leichten Cavallerie, die schwere nennen.

Näher brauche ich diese menschenfreundlichen Thierchen wohl nicht zu

bezeichnen. Ich dachte aber, es ist noch früh genug; wenn man sich ihrer

in Afrika nicht wird erwehren _können_, dann muß man mit ihnen

haushalten.

Komisch erschien mir die Extravaganz der italienischen Damen in den

neuesten Moden: fußhohe Chignons aller möglichen Formen, selbst die

Hörner der Pullo-Frauen[29], die Wulste der Mandara-Damen[30] sind nicht

ausgeschlossen; ich glaube, keine Damen der Welt entwickeln so viel

Phantasie in der Herstellung aller nur möglichen Haartouren, als die

schönen Milaneserinnen. Sehr häufig sieht man vorn auf der Stirn kleine

Löckchen glatt angeklebt mit Pomade, ein entsetzlich schlechter

Geschmack. Alles dies gilt nur von der vornehmen Welt, das Volk ist in

dieser Beziehung vernünftiger.

Mein Zimmer in der Bel-Etage des Hôtels von Brindisi ging auf den Hafen,

und wenn auch keine großartige Aussicht geboten ist, so hat man doch

immer ein belebtes Bild.

Ich verbrachte meine Zeit damit, daß ich dem englischen Consul einen

Besuch machte, um seine herrliche Sammlung von Antiken u.s.w. zu

besehen. Er empfing mich sehr freundlich und hatte, wie er sagte, aus

der "Times" schon mein Kommen über Brindisi erfahren. Sodann suchte ich

den Archidiakon Farentini auf, der die Bibliothek unter sich hat, in der

sich nebenbei ebenfalls ein kleines archäologisches Museum befindet,

welches einzelne hübsche Sachen, z.B. ein prachtvolles Lacrimale[31] und

interessante Broncestatuetten enthält. Bei der Gelegenheit zeigte er mir

auch eine höchst merkwürdige Vase, welche sich im Reliquien-Schreine des

Doms befindet, von so feinkörnigem Granit, wie ich ihn nie gesehen. Sie

soll durch Kreuzfahrer aus Palästina gekommen sein, so sagen die

ältesten Chroniken. Ob sie, wie Pater Farentini behauptet, phönicischen

Ursprunges ist, wage ich nicht zu bestätigen. Nach dem Volksglauben

ältester Zeit soll dies dieselbe Vase sein, in der Jesus Wasser in Wein

verwandelt hat. Pater Giov. Farentini fügte aber hinzu: "Ich für meinen

Theil halte sie nur werth als ein höchst interessantes Kunstwerk, die

damit verknüpfte heilige Legende überlassen wir dem Volke." Ein

liebenswürdiger alter Mann, dieser Domherr, der sich ein über das andere

Mal selbst besegnete (=benedetto io=), daß er meine Bekanntschaft

gemacht habe. Am nächsten Tage wollte er mir noch einige

Merkwürdigkeiten in der Stadt und Umgegend zeigen, obschon Brindisi in

dieser Beziehung sehr arm ist.

Nur langsam erholt sich diese einst so wichtige Stadt, welche im

Alterthum über 100,000 Einwohner, jetzt kaum 10,000 Seelen hat.

Strabo, welcher ausführlich von dieser alten Stadt handelt, sagt[32].

Brundusium soll, wie gesagt wird, eine Colonie der Kreter sein, die mit

dem Theseus aus Knossus dahin kamen. Sodann lobt Strabo den Hafen der

Stadt, nach ihm ungleich besser als der Tarents, und fügt hinzu, dieser,

wie es dem Anscheine nach aussieht, einzige Hafen theilt sich inwendig

in eine Menge kleinerer Busen, so daß der gesammte Hafen die Gestalt

eines Hirschkopfes bekommt, daher die Stadt auch ihren Namen erhalten

haben soll, denn in der Sprache der Messapier heißt ein Hirschkopf

Brundusium.

Brundusium ist auch nach Strabo der gewöhnliche Hafen, aus dem man

ausfährt, wenn man nach Griechenland oder Asien übersetzen will, und

alle Griechen und Asiaten landen auch hier, wenn sie Rom sehen wollen.

Brundusium gilt als Geburtsstätte des Tragödiendichters Pacuvius, und

Virgil ist hier gestorben.

Mit dem Zusammensinken des römischen Reiches hörte die Blüthe der Stadt

aus, natürlich weil der Verkehr zwischen Morgenland und Abendland

stockte. Und als dann zur Zeit der Kreuzzüge auf einmal wieder ein

lebhafter, wenn auch feindlicher Zusammenstoß zwischen Occident und

Orient stattfand, hob sich Brundusium rasch wieder und erlangte eine

Einwohnerzahl, die auf 60,000 Seelen veranschlagt wird. Kaiser

Barbarossa bevorzugte namentlich den Hafen und er ist auch der Erbauer

des Castells. Mit dem Falle Jerusalems, mit der Beendigung der

Kreuzzüge hing auch der Verfall Brundusiums zusammen.

Erst jetzt, wo Brindisi wieder Hauptausgangspunkt und Ankunftsort für

Abendland und Morgenland geworden ist, hebt sich die Stadt wieder. Da

aber jetzt die diese Straße Ziehenden bei Weitem nicht so lange im Hafen

weilen wie im Alterthum, so ist der Aufschwung der Stadt ein viel

langsamerer. Aber Brindisi wird jedenfalls, wird diese Linie

beibehalten, immer eine gewisse Wichtigkeit bewahren.

Die Stadt selbst macht auch nur einen sehr dürftigen Eindruck; zwar sind

die Straßen mit herrlichen Quadern gepflastert, aber meist sehr schmal,

die Häuser zum größten Theile einstöckig, und dann macht es einen höchst

traurigen Eindruck, daß so viele Bauten unvollendet gelassen, zum Theil

schon wieder Ruine geworden sind. Was war die Ursache davon? Hatte man

kein Geld, keine Lust zum Weiterbauen? Aber wie erquickt Einen das

herrliche Grün, wie lächeln Einem die allbekannten Opuntien und

langblätterigen Aloës zu, wie bekannt und heimisch winkt der hohe

Palmbaum! Dazu das lebendige Treiben auf der Straße. Die wirklich

madonnenhaften Antlitze der jungen Mädchen, denn eine durchweg schöne

Bevölkerung ist in Apulien und namentlich der weibliche Theil, ist fast

durchaus schön zu nennen.

Und so wie es ist muß es auch sein; ich möchte nichts von dem wissen,

wie wir uns Italien seit jeher vorgestellt haben und wie es in der That

ist. Da scandalirt man über den Schmutz[33] der neapolitanischen

Bevölkerung, über die =shocking= Nacktheit der dort

herumlaufenden, herumkriechenden Kinder, aber man mache einmal aus

Neapel eine nach holländischer Art abgewaschene Stadt--und Neapel ist

nicht mehr Neapel.

Ein ununterbrochener Regen goß herab, auf der Post fand ich einen Brief

von Ernst[34], dem an der Grenze die Patronen confiscirt waren, der

sonst aber wohlbehalten mit Taubert[35] in Triest angekommen war. Auch

Jordan[36] schrieb von dort vom 20.: er sei mit Remelé[37] und drei

Dienern in Triest angekommen, habe meine beiden Diener gefunden und

Freitag Nachts hätten sie sich an Bord begeben. Zittel[38] und

Schweinfurth[39] könnten nun möglicherweise am selben Abend noch hierher

kommen, wenn sie nicht auch die Route Triest genommen hätten; am Abend

vorher hatte ich sie vergebens erwartet.

Als ich meine Briefe postirt hatte, legte sich der Platzregen, welcher

den ganzen Morgen mit ununterbrochener Wuth herabgeströmt war, und bald

darauf erschien der Archidiakon Farentini, um mich abzuholen. Er zeigte

mir zuerst eine höchst merkwürdige Kirche, eine sehr alte Baute, die

ursprünglich frei angelegt, später durch den Ueberbau einer anderen

Kirche zu einer Krypta gemacht und jetzt wieder durch Hinwegräumung des

umgebenden Terrains eine überirdische Kirche geworden ist. Sie rührt aus

dem 5. oder 6. Jahrhundert her. Sodann gingen wir nach einer Rotunde,

einer Ruine, von der die Reisebücher behaupten, sie sei als christliche

Kirche gebaut, was indeß keineswegs erwiesen ist. Jedenfalls rühren die

Säulen, die Capitäler von verschiedener Ordnung von alten römischen oder

griechischen Tempeln her. Es war mittlerweile dunkel geworden und wir

verabschiedeten uns von einander.

Bei meiner Nachhausekunft fand ich Zittel und Ascherson vor. Sie waren

beide über Rom und Neapel Nachmittags in Brindisi eingetroffen und

Ascherson hatte den kurzen Aufenthalt schon benutzt, um zu botanisiren;

ganz mit Pflanzen beladen kam er nach Hause. Wir dinirten noch

gemeinschaftlich und gingen dann um 7 Uhr an Bord. Zuerst hatten Noël

und ich, Ascherson und Zittel je eine Cajüte für uns, als aber dann in

unsere Cabinen noch fremde Leute hineingesteckt wurden, tauschten wir

derart, daß wir Vier zusammenkamen. Ich konnte die Nacht gar nicht

schlafen, die Betten waren sehr hart und schmal und gegen Morgen

entstand ein Höllenlärm, denn um 3 Uhr kam ein Londoner Expreßtrain, den

auch Schweinfurth benutzt hatte, von Bologna und um 8 Uhr Morgens kurz

vor Frühstückszeit, als wir auf dem Deck erschienen, waren wir schon

=en route=; es war köstliches Wetter, das Meer leicht gewellt, was

aber dem sehr großen Dampfer keine Bewegung verursachte.

Um 10 Uhr Morgens fuhren wir bei der griechischen Stadt Navarin vorbei;

auch an dem Tage herrliches Wetter, wenn auch etwas trüber. Je mehr wir

nach dem Süden kamen, desto milder wurde die Lufttemperatur und Abends

hatten wir immer das schönste Meerleuchten, und die Zeit wäre gewiß so

angenehm wie möglich vergangen, wenn nicht Regenwetter eingetreten wäre,

welches uns nöthigte unter Deck zu bleiben. Die letzten beiden Tage

hatten wir sogar Sturm; Zittel und Ascherson waren seekrank,

Schweinfurth, Noël und ich hielten uns vortrefflich; aber Zittel mußte

einen ganzen Tag im Bette liegen, da er sich stark erkältet hatte und

heftige Halsschmerzen bekam. Und doch war es so warm. 20 Grad im

Schatten.

Um 12 Uhr Mittags kamen wir in den Hafen von Alexandrien; wir mußten die

Quarantäne am Bord des Schiffes bis übermorgen Mittag halten. Alle

Sachen waren angekommen und alles Andere war von Menshausen, einem

deutschen Kaufmanne, besorgt. Der Vicekönig war in Kairo und v. Jasmund

auch, der dort sich augenblicklich mit dem Prinzen von Hohenzollern

aufhielt. In Alexandria war projectirt, nur einen Tag zu bleiben, in

Kairo drei bis vier, um dann gleich bis Minieh oder Siut (Hauptstadt von

Oberägypten am Nil) vorwärts zu gehen.

Welch' bewegtes Leben hier in Skendria oder Alexandria! Wir lagen am

Eingange des Hafens auf der Rhede. Rechts der schöne Mex-Palast von Said

Pascha, links der Leuchtthurm und der schneeweiße Palast von Mehemed

Ali, der Mastenwald, mit der Stadt im Hintergrunde vor uns. In der Ferne

ein üppiger Palmenwald: dies das Panorama von unserem Schiffe. Auf dem

Schiffe selbst zerlumpte Soldaten mit gelber Schärpe, Abzeichen der

Quarantäne. Dafür, daß ich mit Menshausen sprach, kam der wie ein

Bänkelsänger aussehende Soldat gleich mit offener Hand auf mich los:

"=nrid backschisch=", "ich möchte Trinkgeld." Er war sehr

bedonnert, als ich ihn in arabischer Sprache fragte, wie er dazu käme

und mit welchem Rechte er bettele. Natürlich gab ich ihm trotzdem sein

Backschisch.

Schweinfurth war wieder hergestellt und Zittel und Ascherson natürlich

wie durch Zauber ihrer Krankheit hier im sicheren Hafen überhoben. Mit

den übrigen Herren auf dem Lloydschiffe, welches auch gekommen war und

einen Flintenschuß weit von uns lag, tauschten wir, sobald wir uns

durchs Fernrohr erkannten, laute Hurrahrufe aus und später kamen Jordan

und Remelé herüber, um uns (natürlich immer in respectvoller Distance,

da sie fünf, wir aber nur zwei Tage Quarantäne halten sollten) zu

begrüßen. Die Armen mußten darauf aber das Schiff verlassen, um am Lande

die Quarantäne abzuhalten. Das ist langweilig und kostspielig für sie;

aber amüsant mußte es ihnen sein, die zahlreichen Pilger zu beobachten,

welche, an dem Tage von Marokko kommend, ein englischer Dampfer gebracht

hatte, etwa 1000 an der Zahl. Das war ein sonderbarer Anblick; ein

bunteres Bild konnte man kaum sehen, als sie in kleinen Barken zu 8-10

Mann nach dem Quarantäne-Gebäude geschafft wurden. Aber bunt kann man

eigentlich nicht sagen, weil alle entweder in einem schmutziggrauen,

schmutzigbraunen oder schwarzen Burnus eingewickelt waren und offenbar

die schlechtesten Gewänder trugen, die sie überhaupt in ihrer Heimath

von ihren Angehörigen hatten auftreiben können. Wie merkwürdig, daß sich

dieser Pilgerzug mitten durch die civilisirtesten Länder und Völker

hindurch immer noch erhält, denn eine Abnahme des Pilgerns ist wohl kaum

zu spüren. Und wie merkwürdig, daß die christlichen Engländer es heute

unternehmen, die fanatischen Gläubigen zu ihrer heiligen Stätte zu

führen. Auf der einen Seite geben sie jährlich Hunderttausende von Pfund

Sterling aus, um dem Umsichgreifen des Islam durch christliche Missionen

ein Ziel zu setzen, auf der anderen Seite leisten sie demselben Vorschub

dadurch, daß sie das Pilgern erleichtern, denn es kann nicht geläugnet

werden, daß die jährlichen Zusammenkünfte am Berge Ararat und beim

schwarzen Steine in Mekka die Mohammedaner zu immer neuem Fanatismus

anfachen. Das ist bei den mohammedanischen Pilgerfahrten so gut der

Fall, wie bei den katholischen. Uebrigens Angesichts unserer eigenen

Pilgerreisen inmitten des civilisirten Europa ist es kaum erlaubt,

darüber zu staunen; denn dem Unparteiischen muß es schließlich einerlei

sein, ob er in Nordafrika dumme Schafheerden nach Mekka strömen sieht,

oder solche von Frankreich, von Belgien, vom Rhein aus auf dem Wege nach

Rom erblickt. Hier sowohl wie dort wird Dasselbe erstrebt: In Mekka wie

in Rom ist für den Hohenpriester die Hauptsache, Geld zu bekommen, für

die Pilger, sich Verdienste und Vergebung der Sünden zu erwerben. Einen

Unterschied vermögen wir absolut nicht zu finden. Dummheit und

Aberglaube sind bei den Mohammedanern wie Christen die Triebfedern.

Langeweile hatten wir an Bord nicht; die Passagiere waren noch fast alle

geblieben, nur die India-Reisenden gingen am selben Tage mit einem

direct nach Suez gehenden Zuge ab. Ein solcher Quarantäne-Zug wird

verschlossen, darf nirgends halten und ohne Aufenthalt geht es in Suez

wieder an Bord. Der Hafen ist ungemein belebt; Dampfer kommen und gehen;

einige, die von inficirten Häfen kommen, werden mit der gelben Flagge,

dem Abzeichen, daß sie in Quarantäne sind, geschmückt; andere, die aus

gesunden Häfen ausgelaufen sind, bleiben ohne gelbes Abzeichen und

dürfen gleich mit der Stadt communiciren.

Endlich schlug die ersehnte Stunde: zwei Cavassen vom Generalconsulat

kamen an Bord, und uns und unsere Sachen einladend ging es fort und bald

darauf hielten wir vor Abbat's Hôtel, an einem der schönsten Plätze

Alexandriens gelegen. Ich ging zuerst zu Menshausen und dann auf's

Consulat. Herr v. Jasmund empfing mich sehr freundlich. Für den Abend

war ich mit allen meinen Begleitern zum Essen auf's Consulat geladen.

Jordan und Remelé waren gestern Abend auch noch aus der Quarantäne

befreit werden, welche also keineswegs so streng beobachtet und gehalten

wurde, wie ursprünglich war angeordnet worden, und so waren wir denn

Alle vereint im Hôtel Abbat, wo wir zum ersten Male erfahren sollten,

mit ägyptischen Preisen zu rechnen. Allein für die Diener mußte ich

täglich 40 Frcs. ausgeben. Im Uebrigen konnte man mit den Zimmern, dem

Essen und der Bedienung zufrieden sein, obschon die Hôtels in

Alexandrien nicht so gut sind, wie die in Kairo, da in der Hafenstadt

die Passagiere nur ein bis zwei Tage zu bleiben pflegen, wogegen sie in

Kairo manchmal Monate lang weilen.

In Alexandria wurde meine ganze Zeit durch geschäftliche Angelegenheiten

in Anspruch genommen. Nur Abends hatten wir Ruhe, uns an einem Glase

Bier zu erlaben.

Bei unserer demnächstigen Abreise von Alexandrien war am Schalter wieder

eine entsetzliche Wirthschaft: Es ist unglaublich, mit welcher

Gemüthsruhe der Billeteur die sich drängenden und ungeduldigen Reisenden

am Schalter abfertigt. Werden sie gar zu lästig, hört er einige

"=goddam=" oder "=au sacre nom de Dieu=" oder

Kreuz-Millionen-Donnerwetter, dann entfernt er sich für fünf Minuten,

nimmt eine Tasse Kaffee, um mit neuen Kräften dem Publicum

entgegentreten zu können. Endlich war an mich die Reihe gekommen, ich

hatte meine Billets, die Bagage wurde eingeschrieben und bald darauf

ging's fort. Da Ascherson, Jordan und Remelé noch zurückblieben, um mit

einem anderen Zuge nachzufahren, so lud Herr v. Jasmund uns ein, in sein

Coupé zu steigen. Die Generalkonsuln in Alexandrien bekommen jedesmal

ein eigenes Coupé, wenn sie reisen.

Ich unterlasse es, über die Fahrt auch nur ein Wort zu sagen, doch muß

ich erwähnen, daß wir in Kassar Sayet, beim Uebergange des linken

Nilarmes, mit Nubar Pascha, der von Kairo nach Alexandria fuhr,

zusammenkamen und demselben vorgestellt wurden. Eigenthümlich, ich hatte

mir den Mann ganz anders gedacht, mehr diplomatenmäßig, d.h. wie bei uns

die Staatsmänner auszusehen pflegen. Damit will ich aber keineswegs

sagen, daß Nubar eine gewöhnliche Physiognomie habe, im Gegentheil,

namentlich sein Auge ist wunderschön. Im Französischen drückt er sich

gewandt aus. Er theilte uns mit, der Vicekönig wünsche der Expedition

einen so wenig officiellen Anstrich wie möglich zu geben und deshalb

müßten wir von einer militärischen Escorte abstehen. Dahingegen

garantire er absolute Sicherheit der Gegend zwischen dem Nil und den

Uah-Oasen. Die Unterredung dauerte nur kurze Zeit, da die Züge bald

darauf wieder abfuhren. Mir war nichts angenehmer, aus der lästigen

Escorte ledig zu sein. Wie ich denn überhaupt bemerken muß, daß der

Gedanke einer militärischen Begleitung keineswegs von mir, sondern

ursprünglich vom Chedive selbst ausging und zwar so gestellt wurde, daß

ich glauben mußte, dem Chedive sei daran gelegen, eine militärische

Bedeckung mitzugeben.

Mit dem Zuge, den wir benutzten, erreicht man Kairo in fünftehalb

Stunden. Um 1 Uhr waren wir denn auch angelangt, nachdem schon längere

Zeit vorher die Pyramiden, die Gräber der Chalifen, die schlanken

Minarets der Mohammed-Ali-Moschee ihren Willkommengruß uns entgegen

gesandt hatten.

Angekommen, begaben wir uns sogleich ins Nil-Hôtel, nachdem ich vorher

vergeblich versucht hatte, die Diener in einem billigeren Hôtel

unterzubringen. Nachmittags besuchten wir das Consulat, fanden aber, daß

unser deutscher Viceconsul Travers auf einer Tour nach Minieh war, um

den Prinzen von Hohenzollern dorthin zu begleiten. Abends waren wir im

Theater und hörten die "Aida" von Verdi, welche in dieser Saison zum

ersten Male aufgeführt wurde. Wer hätte nicht von den Wundern gehört,

welche der Chedive durch Zaubergewalt in seiner Hauptstadt seit Jahren

entstehen läßt? Wenn auch nicht alle gleich an Pracht, wie solche bei

Eröffnung des Suez-Kanals dem Auge sich darbot, zeigen doch die Werke,

welche der Vicekönig seitdem nach und nach ins Leben rief, um die

Freuden des Lebens durch Kunstgenüsse zu erhöhen, einen derartig großen

Anstrich, daß es sich wohl verlohnt, dabei zu verweilen.

Einen Lieblingsgedanken, eine Oper zu besitzen, verwirklichte Ismael

Pascha bald, nachdem die Feierlichkeiten der Kanaleröffnung vorüber

waren, indem er auf dem prächtigen Esbekieh-Platze ein Gebäude mit

Allem, was dazu gehört, für eine italienische Oper herrichten ließ. Um

dasselbe würdig einzuweihen, veranlaßte er den Maëstro Verdi, eigens

eine Oper dafür zu componiren. Den geschichtlichen Stoff lieferte

Mariette, die literarische Redaction besorgte Ghislanzoni.

Präcis 8 Uhr begann man mit der Ouverture, welche von einem vollkommen

eingeübten Orchester meisterhaft vorgetragen wurde. Ebenso tadellos war

die ganze Aufführung. Sänger und Sängerinnen sind durchweg ersten

Ranges, namentlich der Tenor (Radames) Sigr. Fancelli, von einer Stärke

und Höhe der Stimme, wie man ihn gewiß selten an einer der größten

Bühnen Deutschlands findet. Was die Sängerinnen anbetrifft, so waren

dieselben in der Saison nur aus Deutschland recrutirt, die Aida wurde

von Fräulein Stolz, Amneris von Fräulein Waldmann repräsentirt. Beide

waren in ihrer Art vorzüglich.

Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß man bei der Costümirung auf

größte Genauigkeit gesehen hat, um Kleidung und alte Gegenstände so

herzustellen, wie sie durch die Aegyptologen uns bekannt und wie sie

uns in den Museen aufbewahrt sind. Dazu ist Alles mit einer Pracht

hergerichtet, wie es eben nur ein Fürst zu leisten vermag, dessen Mittel

fast unbeschränkt sind.

Was das Sujet anbetrifft, so ist es der ägyptischen Geschichte

entnommen. Aegypten und Abessinien liegen seit Jahren in Krieg

miteinander. Der Feldherr des Königs von Aegypten, Namens Radames hat

die Tochter des äthiopischen Königs Amonasro, Namens Aida, gefangen

genommen, er giebt sie der Tochter seines ägyptischen Königs, Namens

Amneris, zur Sclavin. Radames verliebt sich aber in Aida und wird von

Aida wieder geliebt. Später wird der äthiopische König Amonasro auch

noch gefangen genommen. Amonasro und Aida finden sich wieder, Beide,

Vater und Tochter, Gefangene am ägyptischen Hofe. Man begnadigt Beide

und will sie ziehen lassen. Amonasro aber überredet seine Tochter, die

Liebe Radames' zubenutzen, um ihn über einen Kriegsplan auszuforschen;

sie weicht endlich den Bitten des Vaters und Radames widersteht nicht

dem Flehen der Aida. Er fängt an, den Plan zu verrathen, aber gerade in

dem Momente kommt Amneris hinzu. Radames flieht nicht, er klagt sich

selbst an, die Königstochter überliefert ihn aus Eifersucht den

Priestern, er wird zum Tode verurtheilt und kann dann trotz der bitteren

Reue der Amneris nicht gerettet werden. Lebendig in einem Grabe

eingemauert, theilt Aida freiwillig sein Loos.

Eine solche Aufführung, wie sie in Kairo Statt hatte, muß selbst den

verwöhntesten Geschmack befriedigen. Die Musik freilich wird wohl nicht

überall Beifall finden. Die Freunde der Harmonie werden sagen, es sind

zu viel Wagner'sche Anklänge vorhanden, die Wagnerianer werden die Musik

zu dünn und zu wenig überwältigend finden. In der That ist Verdi bei

dieser Composition ganz aus seiner Rolle gefallen. Der Componist des

"Ernani", des "Trovatore" hat sich im Wagnerianismus versuchen wollen,

aber nichts als zwangvolle Sätze sind entstanden, welche das Publicum

kalt lassen.

Die innere Einrichtung des Opernhauses ist reizend. Die Bühne ist

verhältnißmäßig groß, ebenso der Orchesterraum. Links hat der Chedive

eine Prosceniumsloge, die gleich hoch _allen_ Logenreihen ist, darunter

eine kleine dicht am Orchester. Rechts ist die chedivische Haremsloge,

durch ein so feines Eisengitter verschleiert, daß die Meisten glauben,

dies weiße Gewebe seien Tüllgardinen, aber in der That besteht es aus

dem feinsten Eisendraht. Daran schließen sich vier andere, ähnlich

verschleierte Logen, für andere Haremsdamen hoher Würdenträger.

Das Opernhaus hat vier Logenreihen übereinander. Im ersten Stock, also

parallel mit den Logen ersten Ranges, befindet sich ein großes und

fürstlich eingerichtetes Foyer, zugänglich für Jedermann. Daneben sind

Restaurationslocale, die man übrigens auch unten findet.

Zu der Zeit wurde das Opernhaus erheblich vergrößert, weil die damaligen

Räume zur Aufbewahrung der Decorationen keineswegs genügten.

Am folgenden Tage wurden wir um 10-1/2 Uhr zum Vicekönige befohlen; wir

holten Herrn v. Jasmund ab. Der Vicekönig residirt in einem neuen Palais

im neuen Stadttheile Ismaelia. Nach wenigen Vorstellungen, die zwischen

Ali Pascha, dem Ceremonienmeister und dann einem Anderen, der der

Großsiegelbewahrer ist, stattfanden, führte man uns die Treppe hinauf,

wo wir oben vom Vicekönige empfangen wurden. Aus dem großen Saale führte

er uns in ein kleines Zimmer. Die Unterhaltnng drehte sich natürlich nur

um die Expedition. Zuerst aber, nachdem wir vorgestellt waren, hielt

Herr v. Jasmund einen kleinen =speech=, worin er dem Vicekönige

dankte für das, was er für die wissenschaftliche Expedition gethan. Dann

erwiderte der Vicekönig, wie glücklich er sich schätze, mit solchen

Leuten eine solche Expedition organisiren zu können, und dann stattete

ich meine Grüße ab und dankte im Namen des Kaisers und Königs. Als ich

dies sagte, erhob sich der Chedive von seinem Platze, aus Ehrfurcht vor

dem Namen Sr. Majestät und Sr. Kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen.

Hierauf war lange Unterhaltung (die Audienz dauerte 3/4 Stunden) über

die Expedition und hierbei beklagte sich der Vicekönig bitter über

Bakers Expedition, der unnütz Menschenblut vergossen und für Abschaffung

des Sclavenhandels nichts gethan habe. Diese vom Vicekönige gesprochenen

Worte bekräftigten also in der That, daß Sir Samuel gar nichts erreicht

hat, daß seine Expedition vielmehr nach der Aussage des Chedive nur

unheilvoll wirkte. Ich begriff nun auch, warum die ägyptische Regierung

meiner Expedition so wenig officiellen Charakter, wie möglich, geben

wollte. Gegen Samuel Baker scheint der Chedive jedoch sich ganz anders

geäußert zu haben; wenigstens lesen wir in Bakers "Ismailia", daß der

Chedive seine Dienste durch die Verleihung des Osmanieh-Orden belohnte,

und daß Baker selbst meint, sein fester Glaube auf die Unterstützung der

Vorsehung sei nicht unbelohnt geblieben, also seine Aufgaben für gelöst

hielt. Das kann ich bestätigen, daß der Chedive keineswegs gesonnen

schien, die Baker'sche Expedition aufzugeben, sondern in Colonel Gordon

einen würdigen Mann fand, der da wieder anknüpfte, wo Baker sein

Unternehmen abgebrochen hatte.

Der Vicekönig, 1830 geboren, also jetzt 45 Jahre alt, hat eine

gedrungene Gestalt, ein sympathisches Gesicht, freundliche Augen, im

Ganzen ein sehr intelligentes Aeußere. Jedenfalls, nach seiner

Physiognomie zu schließen, ein Mann, der mehr liebt, das Gute zu thun,

als das Böse.

Als wir uns verabschiedet hatten, begab ich mich mit v. Jasmund nach

seinem Hôtel, um noch einige Punkte wegen des Dampfers, der Kamele &c.

zu präcisiren und zu Papier zu bringen.

Darüber war es Mittag geworden. Nach Tische kam Jasmund, mich abzuholen

zu einem Besuche bei Hussein Pascha, dem zweiten Sohne des Vicekönigs,

der den öffentlichen Arbeiten vorsteht. Es handelte sich nämlich darum,

die Papiere bezüglich des Nivellements der Eisenbahnstrecke von Siut zu

bekommen, damit wir bei unserem Vorgehen von diesem Punkte eine

bestimmte Basis hätten. Hussein wohnt auf der Kasbah und im selben

Palais oder Harem, in welchem der große Mohammed Ali sein Leben

ausgehaucht hat. Ein großartiges Gebäude von colossalen Dimensionen,

dessen Bel-Etage ein immenses Kreuz bildet, derart, daß 1 das

Audienzzimmer, 2 den Saal und 3, 3, 3 noch andere Zimmer umfassen. Wie

im chedivischen Palaste, war auch hier Alles auf's Geschmachvollste,

auf's Reichste und ohne Ueberladung decorirt. Aber die Kasbah hat nicht

nur diesen einen Palast, sondern es ist dies ein Complex von Forts,

Schlössern und Moscheen. Da ist z.B. das Palais, in dem der Vicekönig

die Beiramsfestlichkeiten abhält, da ist vor Allem die ganz aus

Alabaster, oder besser gesagt, aus ägyptischem Marmor erbaute Moschee

Mehemed Ali's.

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Mögen nun auch die Architekten sagen, was sie wollen, mögen sie

behaupten, diese Bauten zeigen keinen bestimmten Stil, mögen sie

glauben, die Minarets seien im Verhältnis zu ihrer bedeutenden Höhe zu

dünn oder zu wenig umfangreich, es steht fest, daß gerade diese Moschee

eine der Hauptzierden Kairos ist, daß man ohne sie sich Kairo nicht mehr

vorstellen könnte. Und in ihren einzelnen Theilen wie im Ganzen kann man

sie nur schön nennen, im Innern, wie im Aeußern. Nur der häßliche

Uhrthurm auf der Westfaçade des Hofes, aus Holz erbaut, paßt nicht zum

Ensemble. Wir besuchten natürlich auch das Innere, es wurden uns die

obligaten Schuhe übergezogen, aber ich merkte einen Fortschritt, sie

waren nicht wie früher aus Stroh, sondern aus Tuch und wurden

festgebunden durch Bänder.

Eine stark vergitterte Abtheilung wurde mir gezeigt und gesagt, es sei

das der Ort, wo eventuell der türkische Sultan seinen Sitz nähme; dies

scheint mir problematisch, ich glaube vielmehr, es ist eine Einrichtung

für den Harem.

Nachdem wir dann die unvergleichlich schöne Aussicht von dem Punkte aus

genossen hatten, wo beim Massacre der Mameluken einer derselben sich

durch einen kühnen Sprung in die Tiefe gerettet haben soll, ein Punkt,

von welchem aus man die Stadt, die Gräber der Chalifen, das rothe

Gebirge (=Gebel ahmer=), das Mokhatan-Gebirge, die Pyramiden, den

Nil, ein großes Stück des üppigen Nil-Delta und die unendliche Sahara

überblickt, ein Punkt, von dem aus man das vollkommenste Bild über

Aegypten gewinnt, wo man den Charakter dieses Landes mit einem Blick

überschauen kann--nachdem wir dies in uns aufgenommen, stiegen wir zur

Hassan-Moschee, am Fuße der Kasbah gelegen, hinab.

Die Hassan- Moschee gilt überall als die schönste Moschee von Kairo und

doch keineswegs mit Recht. Die Großartigkeit der Steinmauern bestreite

ich nicht, aber die schon zugeschnittenen Quadern wurden von den

Pyramiden entnommen. Die Zartheit, das Kühne des Tropfsteingewölbes, das

Unglaubliche der Stalaktiten-Kuppeln gebe ich gern zu, aber das Material

dazu ist von Holz, und mit Widerwillen fast wird man hier an das

Vergängliche, an das Unsolide aller maurischen Bauten erinnert. Dazu

kommt, daß diese Holz-Stalaktiten-Bauten derart vernachlässigt und

zerfallen sind, daß alle Schönheit schon zu Grunde gegangen ist.

Was aber für den mit der religiösen Geschichte der Mohammedaner

Vertrauten ungleich mehr auffällt, ist der Grundriß der Moschee. Bis

jetzt hat noch kein Architekt darauf aufmerksam gemacht. Im

gewöhnlichen Stil besteht nämlich jede Moschee aus zwei Körpern: dem

bedeckten, nach Osten gerichteten Theile, aus manchmal vielen

Säulenhallen bestehend, und dem unbedeckten Hofe im Westen, beide in der

Regel viereckig. Die Hassan-Moschee aber hat im Hofe als Grundriß ein

vollkommenes _Kreuz_. Wenn man weiß, wie furchtbar der Moslim Alles

haßt, was nur irgendwie an die Form des Kreuzes erinnert, so muß man

sich wundern, daß dies hier so prägnant zum Ausdruck gekommen ist.

Jedenfalls ist es unbewußt geschehen, denn der uns begleitende Priester

gab mir den Schlüssel dazu folgendermaßen: Jeder der Kreuzflügel,

welche, beiläufig gesagt, überwölbt sind, dient zur Aufnahme der

Anhänger der vier rechtgläubigen Bekenner, so daß in dem einen die

Malekiten, im anderen die Schaffeïten, im dritten die Hambaliten, im

vierten die Hanesiten Platz finden. Sultan Hassan liegt in der Moschee

begraben und rund um sein Grab sieht man die unvertilgbaren Spuren von

Blutlachen, Zeugen der Ermordung von Mameluken, welche sich beim

Massacre in die Moschee geflüchtet hatten.

Hiernach begleiteten wir v. Jasmund nach Hause und fuhren, Zittel und

ich, sodann zu Mariette Bei, dem Director des Bulac-Museums, fanden ihn

aber nicht zu Hause. Das Museum konnten wir auch nur sehr flüchtig

besehen, da es dunkel wurde.

Nach dem Essen gingen die Anderen noch etwas spazieren, ich schrieb,

machte auch einen Gang auf die Esbekieh und hiernach trafen Zittel und

ich uns wieder im Nil-Hôtel. Wir saßen Abends noch lange im Mondschein,

der Mond stand hoch, fast im Zenith über uns. Die blühenden, wie

Heliotrop duftenden Akazien, die milden Lüfte, Alles war zauberisch

schön. Solche duftende ruhige Nächte giebt es nur in Nordafrika, wo die

Nächte Winters und Sommers sich fast stets durch absolute Windlosigkeit

der Atmosphäre auszeichnen.

Ein wichtiges Geschäft war dann noch abzuwickeln, nämlich gute Diener zu

engagiren. Eine gewisse Erleichterung gewährte Kairo in sofern, als alle

unbeschäftigten fremden Leute, alte und junge, in der Stadt einem Schich

unterstehen, der, so lange sie in Kairo sind, für ihr Betragen der

Polizei haftbar ist. Dieser Schich besorgte mir sodann Leute, so viel

ich brauchte, und da außerdem die Polizei sich noch drein mischte,

konnte ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, gute und brave Leute

engagirt zu haben. Gleich von vornherein kann ich dies auch hier

bestätigen, denn im Ganzen hatten wir recht treue Diener; und wenn

selbst der fromme Doctor der Theologie, welcher Prof. Ascherson's Diener

war, diesen so unverschämt betrog, so folgte er wohl nur religiösen

Motiven oder glaubte vielmehr seine Betrügereien durch den Mantel der

Religion bedecken zu können. Ein alter Diener, den ich in Tripolis aus

der Sclaverei befreit und über Cyrenaica und Siuah hierher gebracht

hatte, fand mich hier wieder. Es war rührend, als er kam, mir die Hand

küßte, weinte und mir das Certificat zurückstellte mit den Worten:

"Jetzt brauche ich es nicht mehr, jetzt habe ich Dich wiedergefunden."

Nachdem viele Einkäufe besorgt waren, gingen wir sodann zur Sitzung des

=Institut d'Égypte=, wo man uns zu Ehren eine Versammlung anberaumt

hatte. Da waren alle Notabilitäten der Wissenschaft Aegyptens

vertreten. Mariette Bei, der berühmte Aegyptolog, präsidirte. Die

Sitzung war in einem Saale des Ministeriums des Innern. Nach einer

einleitenden Rede und nach Verlesung des =procès verbal= der

letzten Verhandlung verlas ich eine Rede in französischer Sprache. Es

war recht feierlich, v. Jasmund war auch da und Schweinfurth von

Alexandrien herüber gekommen.

Nach diesem kurzen Aufenthalte in Alexandrien und Kairo wurde Siut

erreicht, von wo die eigentliche Expedition beginnen sollte. Aber gleich

beim Beginne stellten sich die Schwierigkeiten bedeutend größer heraus,

als man vermuthet hatte, denn es galt, die Kamele mit Futter zu beladen,

da man sich Angesichts einer absolut vegetationslosen Wüste befand.

Nachdem die Bohnen, welche zu einer Reise von zwanzig Tagen nothwendig

wurden, an Ort und Stelle waren, traten wir am 18. December den Marsch

in die Wüste an. Dieselbe offenbarte denn auch gleich an den ersten

Tagen ihre ganzen Schrecken und Gefahren, denn man befand sich in der

trostlosesten Einöde. Allerdings nicht so vegetationslos, daß nicht hier

und da noch einige Kräuter gesproßt hätten, aber keineswegs so

krautreich, daß man darin hätte Kamele weiden können.

Nur dieser Theil der Sahara, die sogenannte Libysche Wüste, kennzeichnet

sich durch eine so außerordentliche Armuth an Pflanzen, denn in der

ganzen übrigen Sahara nehmen Karawanen nie Futter für die Kamele mit,

sondern die Thiere begnügen sich mit dem, was sie unterwegs finden. Nur

südlich von Tedjerri in Fessan hat man auch ein Terrain zu durchziehen,

wo man für einige Tage Datteln als Kamelfutter mitzunehmen pflegt.

Wir erreichten dann zunächst die kleine Oase Farafrah, keineswegs dem

Nil zunächst gelegen, im Gegentheil, sie ist von Sinah am Nil die

entfernteste. Aber ich hatte diesen Weg vorgezogen, weil er ein

vollkommen neuer, _noch nie von Europäern begangener_ war. Das

Erscheinen einer so großen Karavane, 100 Kamele und circa 80 Mann, rief

natürlich die größte Angst, der alsbald das Staunen folgte, bei den

Eingeborenen hervor, aber als sie schnell gewahr wurden, daß wir in

friedlicher Absicht gekommen waren, etablirte sich ein leidliches

Verhältniß zwischen uns, soweit der Fanatismus der Bewohner es

gestattete.

Sodann mußten wir nach einigen Tagen uns nach Dachel wenden, da wir in

Farafrah weder für uns noch für unsere Kamele Vorräthe auftreiben

konnten. Wir folgten derselben Route, welche vor uns Cailliaud gezogen

war, und erreichten nach einer Woche diese freundlichste aller

Uah-Oasen. Und so freundlich uns die Landschaft und der Hauptort Gasr

entgegenlachten, so zuvorkommend wurden wir hier auch empfangen von der

Behörde und der ganzen Bevölkerung. Erwähnen muß ich allerdings, daß die

Farafrenser über unsere Ankunft noch nicht unterrichtet waren, als wir

dort eintrafen, in Dachel hingegen die Behörde von Siut aus schon

instruirt war, uns freundlich aufzunehmen.

Aber auch hier in Dachel waren die Vorräthe nicht so reichlich, wie man

uns es vorgespiegelt hatte, und ich war gezwungen, nach Siut

zurückzusenden, um sechzig neue Kamelladungen Bohnen kommen zu lassen.

Aber ehe dieselben eintrafen, vermochte ich Prof. Jordan, vorauszugehen.

Freilich hatte er mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, aber als dann

Zittel auch bald nachrücken konnte, wurde abermals weiter vorgegangen

und die Expedition erreichte fast den 27° O.L. v. Gr. und blieb vor

einer mächtigen, von Norden nach Süden streichenden Düne liegen. Hier

fand ich dieselbe lagern, als ich selbst nach einiger Zeit dort eintraf.

Eine Recognoscirung, die Zittel zu Fuße schon vorher gemacht hatte, eine

andere, die ich selbst mit Prof. Jordan unternahm, stellte nun zur

Evidenz heraus, daß an ein weiteres Vorgehen nach Westen nicht zu denken

sei. Wir befanden uns Angesichts eines Sandmeeres, welches aus 100-150

Meter hohen Sandketten mit steilen Böschungen bestand. Die Zwischenräume

zwischen diesen Sandketten waren ebenfalls mit Sand bedeckt, zeigten

_kein nacktes Gestein_. Es traten nun zwei entscheidende Gründe ein, die

uns zwangen, von weiterem Vorgehen nach Westen abzustehen. Erstens waren

es die hohen, von _Norden nach Süden_ ziehenden Dünen, welche zu _jeder

Uebersteigung_ mehrere Stunden nöthig machten und wodurch wir sodann

höchstens per Tag 20 Kilometer hätten vordringen können mit der

_gewissen_ Aussicht, nach acht Tagen sämmtliche Kamele todt oder

"=batal="[40] gehabt zu haben. Zweitens war es unmöglich, im

Sandmeer Wegzeichen zu errichten; der geringste Samum würde sie umgeweht

haben; mithin war eine weitere Depôtbildung, die unumgänglich

nothwendig war, sowie eine constante Verbindung mit dem Hauptdepôt

Dachel nicht zu ermöglichen.

Sobald daher das Unausführbare, Kufra von Westen aus mit den uns zu

Gebote stehenden Locomobilen zu erreichen, constatirt war, beschlossen

wir, mit den Dünen nach Norden zu gehen, um womöglich einen Durchgang,

ein Aufhören der Dünen zu finden oder Siuah zu erreichen. Die Dünen

hörten nicht auf, wir waren während 14 Tagen stets zwischen hohen Ketten

von Sandbergen und legten einen der sonderbarsten Märsche zurück, welche

je in Afrika gemacht worden sind. _Ohne Führer_ waren wir, wie das

Schiff auf dem Meere, nur dem Compaß vertrauend, angewiesen, der einmal

angenommenen Richtung zu folgen. War diese falsch oder wären wir durch

die öftere nothwendig werdende Uebersteigung der Dünen zu weit

abgekommen, so mußte voraussichtlich Siuah verfehlt werden[41]. Oder

wären wir von einem _mehrtägigen_ Samum überrascht worden, so wäre

voraussichtlich unser Loos ein noch schlimmeres gewesen, indem wir nur

für eine bestimmte Zahl von Tagen Wasser hatten. Ich konnte es überhaupt

nur übernehmen, die Karavane nach Siuah zu führen, weil ich dort bekannt

war und die Formation der Ufer und die Lage der Seen östlich und

westlich von Siuah mir noch vor Augen stand. Ich brauchte deshalb nicht

zu fürchten, falls ich zu weit westlich oder östlich herauskäme,

unorientirt zu bleiben.

Und glücklich erreichten wir denn auch die Oase des Jupiter Ammon, wo

wir bei der Behörde den freundlichsten Empfang fanden. Schon nach

wenigen Tagen brachen wir wieder auf, gingen bis Setra zusammen in

östlicher Richtung und sodann trennten Zittel und ich uns von Jordan, um

wiederum _ohne Führer und auf nie begangenem_ Wege direct nach Farafrah

zu gehen, während Jordan mit einem in Siuah gemietheten Führer nach

Uah-el-behari ging, um die auf den Karten verzeichneten Behar-bela-ma zu

untersuchen.

Farafrah wurde glücklich von uns erreicht, vonwo Zittel sogleich nach

Dachel weiter ging, um unseren dortigen um uns in Sorge lebenden

Gefährten die Nachricht unserer glücklichen Rückkehr zu übermitteln. Ich

selbst blieb noch einen Tag länger in Farafrah und ging dann auf

_neuem_, noch nie begangenem Wege nach Dachel, hauptsächlich um die

Gebirgszüge zu durchschneiden, welche wir früher im Westen von unserem

ersten Marsche von Farafrah nach Dachel erblickt hatten. In Dachel

vereinten wir uns dann nach einigen Tagen zu gemeinsamem Vorgehen über

Chargeh nach Esneh, welches wir am 1. April ohne Unfall erreichten.

Ich komme nun auf die Resultate zu sprechen und hebe hervor, daß uns

außer der allgemeinen Erforschung der Libyschen Wüste hauptsächlich zwei

Punkte als beachtenswerth waren bezeichnet worden: die Untersuchung der

verschiedenen Behar-bela-ma und die Depression der Libyschen Wüste.

Ein Bahr-bela-ma von Dachel ausgehend und nordöstlich von Beharieh in

das von Ost nach West gerichtete Bahr-bela-ma von Pacho und Belzoni

mündend existirt nicht. Es breitet sich zwischen ihnen ein einzig

Kalksteinplateau über 300 Meter hoch aus. In der Sitzung des =Institut

Égyptien= hatte ich schon darauf aufmerksam gemacht, daß Bahr-bela-ma

in der Sahara nichts ist, als das gleichbedeutende Wort Wadi, das

hundertmal vorkommt. Wenn es sich aber durch die geographischen

Verhältnisse bestimmt erweisen läßt, daß ein Bahr-bela-ma als eine

Längseinsenkung nicht existirt, so ist andererseits durch die

geologische Untersuchung des Bodens auf das Schlagendste nachgewiesen,

daß der Nil nie in dieser Richtung hat fließen können. Nirgends wurden

von unserer Expedition fluviatile Niederschläge, sondern überall nur

maritime Bildungen constatirt. Das Bahr-bela-ma als ein continuirliches

Thal, oder gar als ein westliches Flußbett des Nil muß daher definitiv

aus der Welt geschafft und von den Karten gestrichen werden.

Die zweite zu lösende Aufgabe betraf die Depressionsfrage, ob nämlich

die von mir 1869 entdeckte Depression sich über die ganze Libysche Wüste

erstreckt, oder vielmehr von dem Libyschen Küstenplateau (diesen

Ausdruck möchte ich vorschlagen für den jetzt gebräuchlichen "Libysches

Wüstenplateau") sich bedeutend nach Süden zu ausdehnt. Hierin lag

zugleich die Aufgabe einer Erforschung der ganzen Libyschen Wüste; denn

als Endziel war die Erreichung der Oase Kufra in Aussicht genommen.

Gleich beim Verlassen der Oase Dachel konnten wir eine merkliche

Steigerung beobachten, wie ja überhaupt, mit Ausnahme von Siuah, alle

Uah-Oasen höher als der Ocean gelegen sind und nur relativ Depressionen

bilden. In Regenfeld waren wir schon über 300 M. gestiegen, und als wir

dann nach Nord einige Grade zu West den Weg fortsetzten, fanden wir zwar

eine allmälige Absenkung aber erst in Siuah konnten wir eine eigentliche

absolute Depression constatiren. Die Producte des Meeres, die hier

gefunden wurden, die Abwesenheit von Süßwasserbildungen oder gar von

Nilschlamm schließen aber auch hier jeden Gedanken aus, daß der Nil sich

durch diese Depression in die Syrte ergossen habe.

Unser Vormarsch in Regenfeld war verhindert worden durch hohe Sanddünen,

welche von NNW. zu SSO. Richtung hatten und 100-150 M. hoch waren. Ein

Vormarsch in westlicher Richtung war somit unmöglich geworden, theils

wegen der Kamele und theils weil aus Mangel an Wegweisern keine

Depositorien mehr angelegt werden konnten. Denn zwischen den Dünen war

nicht etwa bloses Gestein, sondern tiefer Sand, welcher das Errichten

von Wegzeichen unmöglich machte. Wir hatten also Ein einziges Sandmeer

vor uns, nur unterbrochen durch 1--1-1/2 Kilometer auseinanderstehende

Sandketten.

Die Sanddünen sind Meeresprodukt; ihre Formenveränderungen sind im

Allgemeinen constant. Daß die Winde, die hier meist von NNW. nach SSO.

wehen, während der Chamsin gleiche Richtung, aber aus entgegengesetztem

Pole hat, sie verursachen, glaube ich nicht; denn dann müßten sie in der

Grundform in der dem Winde entgegengesetzten Richtung laufen, sie

verlaufen aber mit dem Winde.

Was die Wärmeverhältnisse anbetrifft, so hatten wir diesmal sehr geringe

Schwankungen. Während auf früheren Reisen in der Wüste im Winter eine

Differenz von 30º beobachtet wurde, hatten wir diesmal im Februar,

welcher sich als der kälteste Monat herausstellte, einen Unterschied,

der bedeutend geringer war, wenig mehr als die Hälfte. Eine mittlere

Zahl kann ich noch nicht aus meinen viermal täglich angestellten

Beobachtungen geben. Aber im Februar hatten wir sieben Tage, wo das

Thermometer unter Null war, und am 16. zeigte das Thermometer sogar -5°.

Die größte Wärme, welche im Februar beobachtet wurde, betrug nicht mehr

als 24° und dies nur an zwei Tagen. Auffallend war die Erscheinung eines

dreitägigen Regens in der Libyschen Wüste, und zwar erstreckte sich

dieser Regenfall über ein ziemlich großes Terrain: denn in Dachel und

Farafrah hatte es an denselben Tagen auch geregnet, während man aber in

dem dem Mittelmeere näher gelegenen Siuah keinen feuchten Niederschlag

gehabt hatte. So war denn auch der Feuchtigkeitsgehalt der Wüste ein

ungemein bedeutender und nur, wenn Südwind eintrat, zeigte sich

plötzlich eine auffallende Trockenheit in der Atmosphäre. Leider mußten

Untersuchungen über den Electricitätgehalt der Luft ausgesetzt werden,

weil die magnetische Nadel des mitgenommenen Electrometers sich als zu

schwach erwies; sie reagirte gar nicht. Aeußerst interessant waren die

Untersuchungen über Ozongehalt, wie man sich aus den demnächst zur

Veröffentlichung kommenden Beobachtungen Zittels wird überzeugen können.

Je offener der Himmel war, und je entfernter wir von bewohnten Plätzen

waren, desto mehr Ozon wurde bemerkt. Bei herrschendem Samum war äußerst

wenig Ozon vorhanden.

Ich unterlasse es hier, ausführlich über die von uns angetroffenen

Völker in den Oasen zu reden. Bekannt ist, daß die Bevölkerung von Siuah

berberischer Herkunft ist. In Uah-el-Beharieh, Farafrah und Dachel ist

zweifelsohne die Abstammung der Bewohner dieselbe, wie die der Fellahin

im Nilthale; doch haben sich in Uah-el-Beharieh und Dachel einzelne

Araber früher seßhaft gemacht. Hervorheben müßte ich noch, daß es Prof.

Ascherson gelungen ist, nachzuweisen, daß nicht Farafrah die Oase

Trinythis der Alten ist, sondern daß dieser Name mit der =Oasis

magna= in Verbindung gebracht werden muß.

Was die archäologischen Ergebnisse anbetrifft, so beruhen dieselben auf

genauen photographischen Bildern, welche die Expedition von den Tempeln

in Chargeh und Dachel gemacht hat. Zu diesem Behufe mußte der Tempel in

Dachel erst ganz vom Schutte und Sand ausgeräumt und zum Theil 50

Centner schwere Blöcke entfernt werden. Prof. Ebers in Leipzig, der die

Güte hatte, die Bilder durchzusehen, hat auf den Tempelwänden von Dachel

den Namen des Kaisers Vespasian gelesen und der berühmte Aegyptologe ist

der Ansicht, daß die feineren Skulpturen von allgemeinen Künstlern

hergestellt seien, während die gröberen von Dachelaner Steinhauern

selbst ausgeführt worden wären. Viel ergiebiger und interessanter

zeigten sich die Inschriften des Tempels von Chargeh. Wir sehen dort den

opfernden König Darius, dem Ammon Libationen und Rauchopfer anbietend.

Darius wird als Liebling des Ammon von "Heb" (dies der alte Name für

Chargeh) bezeichnet, auch ein bisher Ebers unbekannter Vorname des

Darius, "Basetut", ist angeführt. Nach Ebers wurde der Tempel von

Chargeh erst nach dem Tode Darius vollendet; daher die vielen leeren

Königsschilder, welche ursprünglich für den Namen des Darius bestimmt

waren. Die sehr interessanten Inschriften, schrieb mir Ebers, beweisen,

daß das ganze ägyptische Pantheon, Ammon an der Spitze, in der Oase

verehrt wurde, daß dort eine ägyptische Priesterschaft mit reichlicher

Versorgung dem Cultus vorstand, daß Chargeh Heb hieß, daß Darius als

König Aegypten und wahrscheinlich auch die Oasen besucht hat. Daß auf

einer der Platten, welche in Kairo Brugsch vorgelegt wurde, dieser

Gelehrte den alten Namen der Hauptstadt der Oase Dachel als "Mondstadt"

bezeichnet fand, glaube ich schon mitgetheilt zu haben.

In Betreff der Ausbeute der mich begleitenden Fachgelehrten kann ich

noch nichts Detaillirtes mittheilen. Indeß gereicht es mir zur Freude,

sagen zu können, daß die botanischen Ergebnisse des Prof. Ascherson

keineswegs so gering gewesen ist, wie wir fürchteten. Gab es auch

manchmal ganz vegetationslose Strecken, so boten aber gerade die Oasen

in der Zeit, als wir dort waren, ein um so reicheres Pflanzenleben.

Prof. Jordan hat alle wichtigen Punkte astronomisch bestimmt. Täglich

wurden Breitenbestimmungen gemacht und die Declination der Magnetnadel

notirt. Und was Zittel anbetrifft, so sind dessen Funde in

paläontologischer Beziehung wahrhaft überraschend gewesen. Der Wahn der

einförmigen Numinulitenformation, welche man früher für die ganze

Libysche Wüste annahm, ist somit gründlich zerstört.

Dies die wissenschaftlichen Resultate der Expedition. Praktische hat

dieselbe keine aufzuweisen, wenn nicht das bewiesen wäre, daß der

Europäer in Afrika auch ohne Führer reisen kann, daß durch Mitnahme von

eisernen Wasserbehältern man in der Wüste nicht blos Wege, wo Brunnen

oder Wasserlöcher sind, zu nehmen braucht, sondern monatelang ohne

solche existieren kann. Selbst die ausgedehnten Eisensrunde werden nie

zu verwerthen sein, weil es in der Libyschen Wüste an zwei Bedingungen,

sie zu verarbeiten, fehlt: Kohlen und Wasser. Aber praktische Resultate

hat die Expedition auch nie erzielen wollen, und obschon dieselbe Kufra

aus unüberwindlichen Hindernissen nicht erreichen konnte, wird nicht

bestritten werden können, daß sie der Hauptsache nach ihre Aufgaben

gelöst und auf alle Fälle in Anstrebung des vorgesteckten Zieles ihre

Pflicht gethan hat.

Beiträge zur Entdeckung und Erforschung Africa's. Berichte aus den Jahren 1870-1875 · 第 31 / 40 题