Die Berber, welche Nordafrika und besonders den nordwestlichen Theil des
Atlas von Marokko bewohnen, haben mehr als andere dem Islam huldigende
Völker ihre eigenen Sitten und Gebräuche beibehalten. Zum großen Theile
ist die Gemeinsamkeit der Sprache Ursache dieser Eigenthümlichkeit; denn
wie groß auch der Raum ist, den die Berbersprache einnimmt, vom
atlantischen Ocean bis zum rothen Meere, so sind die Dialekte derselben
keineswegs der Art, daß nicht eine Verständigung zwischen den
verschiedenen Stämmen möglich wäre.
Vorzugsweise finden wir aber Berber in Marokko, denn es dürften von der
Gesammtbevölkerung des Landes zwei Drittel berberischen und nur ein
Drittel arabischen Blutes sein: schlank von Wuchs, weiß von Hautfarbe,
zeigen die Berber überhaupt alle die Merkmale, die wir gewohnt sind, der
kaukasischen Race beizulegen; daß sie die Abkömmlinge der alten Mauren
oder Numider sind, welche unter verschiedenen Namen, als Gätuler,
Autolaler &c., fast dieselben Gegenden inne hatten, die wir heute von
den Berberstämmen bewohnt sehen,--daran zweifelt Niemand.
So finden wir denn auch heute die Berber so leben, wie sie es vor
tausend Jahren gewohnt waren, d.h. ein Theil von ihnen wohnt in Städten,
wenn man größere befestigte Ortschaften so nennen will, ein anderer
Theil aber wohnt nomadisirend, wie das Mela am Schlusse seines dritten
Buches schon hervorhebt: =hominum pars silvas frequentant et--pars in
ubibus agunt=, und daß heute noch dieselben Verhältnisse in Bezug auf
dies Land und diese Völker gang und gebe sind, daß wir auch heute kaum
mehr vom Inneren Marokkos wissen, als unsere geistigen Vorfahren, die
Griechen und Römer, das wird dann klar, wenn wir die Worte des Plinius
unterschreiben: "ich wundere mich aber nicht sehr, daß Rittern und
Denen, welche aus diesem Orden in den Senat traten, Manches unbekannt
geblieben war; aber darüber wundere ich mich, daß es auch der Luxus
nicht erforscht hat. Die Macht desselben ist die wirksamste und größte.
Denn man durchsucht ja die Wälder um Elfenbein, und alle gätulischen
Klippen um Stachel- und Purpurschnecken[8]."
Ist es nicht, als ob dieser Passus heute geschrieben sei? Auch heute, wo
der Luxus noch die größte Macht ist, ist es demselben nicht gelungen,
Marokko der Civilisation zu öffnen, vielleicht aber auch, weil eben der
rechte Luxusartikel, der gerade den Bewohnern genehm wäre, noch nicht
gefunden worden ist.
Der vor ohngefähr tausend Jahren den Berbern aufgedrungene Islam hat
wenig, oder fast kann man sagen, gar keine Veränderungen in den
Anschauungen und in der Lebensweise der Berber hervorgebracht. Die Lehre
Mohammeds, _nur_ in der arabischen Sprache gelehrt, ist für diese
Völker, von denen nur ausnahmsweise ein Individuum der Koransprache
mächtig ist, ein todter Buchstabe geblieben; sogar die äußeren
Vorschriften und Gebräuche, die der Prophet seinen Anhängern
vorgeschrieben hat, sind für Berber nicht vorhanden.
Nur Eins hat der Islam auch zur Folge gehabt, was ja überhaupt allen
hierarchischen Religionen nur eigen ist und ohne das sie nicht würden
existiren können: das Verdammen einer jeden anderen Religion und Haß und
Verachtung gegen alle Die, welche nicht das glauben, was man selbst
glaubt. Natürlich schließt das ein, daß man die eigne Lehre, den eignen
Glauben für den allein richtigen und allein seligmachenden hält.
Deshalb ist denn auch die Feindschaft, welche Berber gegen andere Völker
hegen, fast nur eine aus der Religion entspringende; obschon sie nichts
vom eigentlichen Islam verstehen, hassen und befeinden sie alle die
Völker, die eine andere Religion haben.
Es ist daher falsch, wenn Richardson und andere Reisende behauptet
haben, daß die in Marokko unter den Berbern ansässigen Juden besser
gehalten seien, als die unter den Arabern wohnenden. Die Unterdrückung
derselben, ihre schimpfliche Stellung ist unter den Berbern ebenso groß
und in die Augen springend, wie unter den Arabern.
Was das häusliche Leben anbetrifft, so liegt zwischen Berbern und den
übrigen Mohammedanern der wesentlichste Unterschied in der Stellung der
Frau; aber auch in allen übrigen, die Sitten und Gebräuche betreffenden
Dingen lassen die Berber bis zum heutigen Tage sich vielmehr vom
_Herkommen_ leiten, als von den Gesetzen des Koran. Aus diesem haben sie
eben nur _das_ angenommen, was ihrer Eitelkeit und Einbildungskraft
schmeichelte. So pflegt denn auch die Heirath vollkommen nach dem
Herkommen, el Ada genannt, stattzufinden. Indeß hat die Frau dennoch
nicht die gleichberechtigte Stellung, wie sie die Frau heute bei _uns_
einnimmt, sondern wird mehr als Eigenthum des Mannes, als etwas zum
übrigen Vermögen Gehörendes betrachtet.
In der Heirath _nach uraltem Brauche_, =Suadj el Djidi= oder
Gaislein-Heirath, so genannt, weil das Schlachten eines jungen Zickleins
die eheliche Verbindung besiegelt, verpflichtet sich der Gatte, dem
Vater seiner Zukünftigen 60 Metkal zu zahlen. Hat er das Geld nicht
disponibel, so zählt er auf seine Freunde, und am Schlachttage verfehlen
diese auch nicht, sich einzustellen und Jeder legt dem Freier ein
kleines Geschenk zu Füßen. Im Fall der Freier gar keinen Wohnsitz hat,
beeilen sie sich, Steine herbeizubringen; ein Haus, wir würden sagen ein
Stall, wächst schnell aus der Erde, schlanke Aloë-Stämme giebt es genug
als Gebälk und die großen und langen Rindenstücke der Korkeiche bedecken
die Wohnung. Wenn aber die zur Ehe Verlangte von den Angehörigen dem
Freier aus irgend einem Grunde verweigert wird[9], dann müssen sie,
falls der Liebende auf seinem Heirathsprojecte besteht, wohl aufpassen,
daß sie ihm keine Gelegenheit geben, sich der Wohnung der Geliebten zu
nähern. Thut und kann er das, gelingt es ihm, unvermerkt auf der
Schwelle seiner Ersehnten ein Gaislein zu opfern, dann ist sie ohne
Widerruf mit ihm verlobt und ihre Anverwandten würden sich der
Mißbilligung, ja der Feindschaft Aller aussetzen, wollten sie jetzt noch
der Heirath hemmend in den Weg treten.
In einigen Triben ist es Sitte, daß die sich Vermählende vor der
Hochzeit von ihren Verwandten auf einem Maulthiere durch das Dorf oder
durch den Duar (Zeltdorf) geführt wird. Ueberall ertönt das gellende
Geschrei und Gejauchze der Frauen, die jungen Leute lassen fleißig das
Pulver sprechen. Vor jedem Hause, vor jedem Zelte, vor welchem sie
vorbei kommt, beeilt man sich, eine kleine Gabe herauszutragen: hier
sind in einem Strohteller große Bohnen, dort wird Gerste, hier werden
trockene Feigen, dort Rosinen präsentirt. Die junge Dame nimmt von allen
Sachen eine Hand voll, küßt sie und wirft dann das Ergriffene auf den
Teller zurück. Aber hinterher schreitet irgend eine ihrer älteren
Verwandten, die nun Alles in einen großen Sack einheimst: zur Aussteuer
für die Neuvermählten.
Sobald man sich der Wohnung oder dem Zelte des Gatten nähert, wird die
Braut von anderen Frauen umringt, sie geben ihr einen Topf mit flüssiger
Butter, in die sie die Hände tauchen muß als Zeichen des steten
Ueberflusses im Haushalte, und sodann ein Ei, welches sie zwischen den
Ohren des Maulthieres zerschlagen muß, um dadurch böse Zaubereien
unschädlich zu machen. An der Schwelle der Wohnung präsentirt man der
Frau einen Trunk Buttermilch und sie selbst ergreift eine Hand voll Korn
und Salz um dasselbe ebenfalls als Zeichen des Reichthums und Segens
rechts und links auszustreuen.
Jetzt ergreift der Mann Besitz von seiner Braut und zum Zeichen schießt
er in unmittelbarer Nähe vor ihren Füßen eine Flinte ab, er ergreift das
junge Mädchen und zieht sie ins Innere der Wohnung, während die
Verwandten sich zur allgemeinen Belustigung zurückziehen. Ein zweiter
Schuß im Innern der Behausung ertönt, Zeichen, daß die Heirath vollzogen
ist; die junge Frau erscheint bald darauf an der Hand ihres Gatten, Tanz
und Schmausereien, woran das junge Paar Theil nimmt, beschließen die
Festlichkeit.
Die Frau ist, wie gesagt, ein Besitz, wie jedes andere Eigenthum des
Mannes, wenigstens bei gewissen Stämmen des Atlas. Stirbt ihr Mann, so
wird der männliche Anverwandte, der der Wittwe zuerst seinen Haïk
(großes wollenes Umschlagtuch)[10] überwirft, ihr rechtmäßiger Gemahl.
Zugleich ist er aber auch verpflichtet, für die etwaigen Kinder zu
sorgen und deren Vermögen zu verwalten.
Scheidungen finden bei den Berbern statt, aber nie auf so leichte und
grundlose Weise, wie bei den Arabern oder sonstigen Mohammedanern, wie
denn überhaupt alle Berber, mögen sie nun unter dem Namen Tuareg bei
Timbuktu wohnen oder als Kabylen im Djurdjura hausen, entschiedene
Feinde der Polygamie sind. Grund zur Scheidung ist Kinderlosigkeit
(Berber wie Araber halten Kinderlosigkeit immer für Sterilität der
Frauen); der Vater der zurückgeschickten Frau muß das Morgengeld wieder
herausgeben. Ebenso, falls die Frau Infirmitäten bei der Verheirathung
zeigte oder gar schon ihre Virginitas verloren hat, kann sie darauf
rechnen, auf der Stelle zurückgeschickt zu werden.
Die Tochter ist manchmal dazu bestimmt, das Leben ihres Vaters oder
Bruders mittelst ihrer Sclaverei zu erkaufen, aber nie würde sie für
einen Oheim, Großvater, Vetter oder sonstigen noch entfernteren
Verwandten mit ihrer Person eintreten können; auch herrscht diese Sitte
nur bei einigen Berberstämmen. Jemand begeht z.B. einen Mord oder
Todtschlag in einer anderen Familie, hat aber nicht die Mittel, um die
Diya, d.h. das Blutgeld, bezahlen zu können; will er nun nicht selbst
das Leben opfern, so kann er dem anderen Stamme seine Tochter oder
Schwester als Sclavin überlassen. Diese verliert dadurch völlig die
Rechte einer Freien, wird ebenso angesehen, wie eine Chadem (schwarze
Sclavin) und ist nun vollkommen Eigenthum der anderen Familie geworden.
Aber oft genug kommt es vor, daß die Sclavin, wenn sie jung und hübsch
ist, das Herz eines Jünglings ihrer neuen Herrschaft erobert, ihn
heirathet, dadurch frei und dann zugleich das Freundschaftsband zwischen
zwei ehemals feindlichen Stämmen wird.
Es kommt häufig vor, daß zwei Männer einen Tausch mit ihren Frauen auf
ganz friedliche Weise zu Wege bringen; derjenige, der das in Beider
Augen häßlichere und weniger werthvolle Weib besitzt, d.h. ein solches,
welches weniger jung und fett als das des Anderen ist, muß einiges Gold
darauf zahlen. Hat aber Jemand seine Tochter einem jungen Manne
versprochen und läßt sich nachher durch Habgier bewegen, sein Wort nicht
zu halten, so entsteht Krieg. Die ganze Familie, die ganze Tribe nimmt
sich sodann des Bräutigams an und sucht mit Gewalt dessen Ansprüche
geltend zu machen. Ehebruch und Verführungen sind äußerst selten, und
obschon in rohen Formen, halten die Berber große Stücke auf
Familienleben. Aus einer im October 1858 veröffentlichten Gesetzgebung
der Kabylen vom Orte Thaslent ersehen wir auch, daß es den Männern
besagter Ortschaft verboten war, mit den Frauen zu disputiren, einerlei,
ob die Frau angreifender Theil war oder nicht. Hatte indeß die Frau
erwiesenermaßen zuerst angefangen, so mußte ihr Mann Strafe zahlen,
sonst aber der, welcher mit ihr Streit gesucht hatte. Die größten und
heiligsten Pflichten glaubt aber der Berber für sein Gemeinwesen, für
seinen Stamm zu haben. Ist dem Araber zuerst die Religion die
Hauptsache, wie denn Mohammed überhaupt, gerade wie es in der römischen
Kirche gelehrt wird, die Nationalität auslöschen will, um an deren
Stelle einen Religionsstaat zu setzen, so hat der Berber, trotzdem auch
er den Islam angenommen hat, dies nie begreifen können. Wenn der Berber
sich auch vorzugsweise gern mit seinem Schwerte gegen die Christen
wendet, so ist's ihm im nächsten Augenblicke aber auch ganz gleich,
dasselbe gegen jedweden Mohammedaner zu ziehen, sobald sich dieser gegen
ihn oder gar gegen seinen Stamm vergangen hat. Der Araber führt auch
Krieg gegen Mohammedaner; die wüthendsten Kämpfe sind ja zwischen
Stämmen arabischen Blutes oder zwischen Arabern und Türken gefochten
worden und entbrennen auch jetzt noch immer wieder. Aber heuchlerischer
Weise gestehen sie das nicht zu, sie behaupten nur gegen die Ungläubigen
zu kämpfen, und die Araber Algeriens z.B., die einst fortwährend mit
ihrer türkisch-mohammedanischen Regierung in Fehde lagen und die so
erbittert gegenseitig auf einander waren, daß sie nicht wußten, auf
welch grausamste Weise sie einander tödten sollten--diese selben Araber
haben jetzt ganz und gar ihre grausame türkische Herrschaft vergessen.
Hört man sie sprechen, so waren die Türken die mildesten, gerechtesten,
gottesfürchtigsten Herrscher, sie waren ja vor allen Dingen "Gläubige",
die Franzosen aber sind Ungläubige, mögen sie noch so gut regieren, sie
bleiben aus religiösem Hasse immer für die Araber die "christlichen
Hunde". Fragt man einen Araber: würdest du gegen die "Gläubigen"
kämpfen? so wird er sicher antworten: "Beim Haupte Mohammeds, Gott hat
es verboten, Gottes Name sei gelobt."
Der Berber kennt von solchen Heucheleien nichts, und durch manche Stämme
bin ich gekommen, die so wenig auf ihren Islam geben, daß man von ihnen
sagte, sie sind so räuberisch und diebisch, daß, wenn Mohammed in eigner
Person käme und habe ein anständiges Kleid an, sie (die Berber) nicht
anstehen würden, den Propheten auszuplündern.
Wenn ich vorhin anführte, daß die Ehre der Familie und des eignen
Stammes den Berbern als das Höchste gilt, so ist dies so zu verstehen,
daß sie z.B. denjenigen ihrer Leute keineswegs für ehrlos halten, der
einen Fremden bestiehlt; aber ehrlos würde es sei, wollte Jemand einen
von einem anderen Stamme, der einmal Zutritt erhalten hat oder der gar
die Anaya[11] des Stammes besitzt, bestehlen oder gar ermorden. Daß aber
doch solche Fälle vorkommen, ersieht man daraus, daß die Berber hierüber
und hiergegen ihre eigenen (arabisch) geschriebenen Gesetze haben, die
nicht wie die meisten Gesetze der übrigen Mohammedaner auf den Koran
fußen, sondern aus uralten Ueberlieferungen bestehen und wohl erst im
Laufe der Jahrhunderte von der Tholba zu Papier gebracht wurden. Wie
stark ist z.B. der Gemeinsinn ausgeprägt, wenn es in einem alten
Kabylengesetze heißt: "Der, dem eine Kuh, ein Ochse oder ein Schaf
stirbt, hat das Recht, die Gemeinde zu zwingen, das Fleisch des Thieres
zu kaufen als eine Hülfeleistung.--So will es der Gebrauch." Dies Gesetz
ist in mehr als einer Hinsicht interessant. Der Verlust des Viehes wird
dem Eigentümer dadurch einigermaßen versüßt, weil er das Fleisch doch
wenigstens verwerthen kann; der Gebrauch will, daß die Quantität, die
Jeder nehmen muß, vom Chef des Ortes bestimmt wird. Sodann ist aber
dieses Gesetz zugleich ein Schlag dem Koran ins Gesicht, denn Mohammed
sagt ausdrücklich, daß Fleisch von gestorbenen oder gefallenen Thieren
als unrein für jeden Mohammedaner "=harem=" d.h. verboten ist. Aber
was ist dem Berber der Koran, wenn es gilt: Einer für Alle, Alle für
Einen!
Wie stark im Sinne der Gemeinde-Interessen ist nicht auch folgendes
Gesetz: "Der, welcher ein Haus, einen Obstgarten, ein Feld oder einen
Gemüsegarten an Individuen eines anderen Dorfes verkauft, muß davon
seine Brüder, Verwandte, Geschäftsfreunde und die Leute seines Dorfes
überhaupt benachrichtigen, und wenn diese den Kauf rückgängig machen und
sich den Käufer substituiren wollen, so haben sie demselben innerhalb
dreier Tage den Kaufschilling zurückzuerstatten[12]." Durch dieses
Gesetz konnte die Gemeinde verhüten, daß irgend ein ihr mißliebiges
fremdes Individuum bei ihr Zutritt bekam. Es ist wahr, die Gesetze
wechseln bei jeder Tribe, von Dorf zu Dorf, und es ist das ein sicheres
Zeichen, daß seit langer Zeit den Berbern die einheitliche Leitung
fehlt; aber im Ganzen beruhen sie doch auf denselben Grundsätzen. Es ist
eigenthümlich und auch das bekundet das hohe Alter solcher
Gesetzsammlungen, daß die Berber dafür den Ausdruck "=kanon=", ein
Wort, das offenbar griechischen Ursprungs ist, haben und welches, wie
General Daumas meint, eine christliche Reminiscenz in sich schließt.
In der Gesetzsammlung der Ortschaften, Thaurirt und Amokrom, der großen
Kabylie, vom Herrn Aucapitaine herausgegeben, finden wir ebenfalls die
weltlichen und Gemeinde-Angelegenheiten den kirchlichen übergeordnet und
ausdrücklich hervorgehoben: "Wer sich ins Einvernehmen mit Schürfa, als
da sind vom Stamme der Uled-Ali, Icheliden oder anderen Marabutin setzt,
zahlt 50 Realen Strafe." Wenn man nun weiß, daß die Schürfa, d.h. die
Nachkommen Mohammeds, unter den Mohammedanern ohngefähr dieselbe Rolle
spielen, wie bei uns die Jesuiten, die sich für die besten Nachfolger
Jesu halten, so wird man nicht umhin können, den weisen Sinn und den
gesunden Verstand der Berber zu bewundern.
Die von den Alten schon erwähnte Vorliebe der Berber für Schmucksachen
und schöne Kleidung[13] besteht auch heute noch. Der größte Ehrgeiz der
Berber besteht darin, in den Besitz eines Tuch-Burnus von schreiendsten
Farben zu kommen, hochroth und gelb sind als Farben besonders beliebt;
kann er es ermöglichen, einen solchen mit Goldstickerei zu kaufen, so
dünkt er sich ein König zu sein. Das Haar tragen die Berber heute nicht
mehr nach einer bestimmten Vorschrift, wie es ehedem vielleicht Sitte
gewesen ist, meist wird der Kopf sogar ganz kahl rasirt, aber alle
halten darauf, einen Zopf stehen zu lassen, meist vom Hinterhaupte
ausgehend. Das Haar der Berber ist durchweg schwarz; die einzelnen
blonden Individuen, die man vorzugsweise im Djurdjura-Gebirge in
Riffpartien und überhaupt längs des Mittelmeeres findet, sind allerdings
manchmal durch einzelne Familien hindurchgehend, aber doch nur
vereinzelt. Ob diese Blonden von gothischer Abkunft, ob sie vandalischen
Ursprungs sind, das wird schwerlich je festgestellt werden; es ist das
auch für das Berbervolk in seiner Gesammtheit höchst gleichgültig, da
der Berber im Ganzen schwarzhaarig ist.
Es giebt wohl wenig Berberstämme, die nicht Ringe als Schmuck in
Gebrauch haben; hier sind es große Ohrringe, manchmal 2-3 Zoll groß und
aus Silber bestehend, dort kleinere; hier haben ganze Stämme die
Gewohnheit, Oberarm-Ringe zu tragen aus Serpentinstein[14] oder Metall,
dort werden die verschiedenen Finger mit Ringen überladen. Und fast
scheint es, als ob die Männer bei den Berbern der eitlere Theil wären.
Allerdings tragen die Frauen die üblichen Fußringe, manchmal werden
mehrere über einen Knöchel gezwängt; allerdings haben sie ihre Agraffen,
Fingerringe und Haargeschmeide, aber schon das fast durchweg dunkle
Costüm der Frauen aus dunkelblauem Kattun (was in der That bei den
meisten Berberfrauen üblich ist) zeigt, daß die Frauen weniger auf
hervortretende Toiletten geben.
Was die Waffen der Berber anbetrifft, so sind Bogen und Pfeile längst
durch Schießwaffen verdrängt, nur einige Stämme im großen Atlas, sowie
die Tuareg machen Gebrauch von der Lanze. Alle Berber haben kurze breite
Dolche, viele tragen sie befestigt am Arme, so die Tuareg und die Berber
südlich vom Atlas, andere haben sie im Leibgürtel stecken oder an einer
Schnur hängen. Ihr Schwert ist südlich vom Atlas mehr von gerader Form,
nördlich vom Gebirge ist es das schwach gekrümmte marokkanische; die
Schußwaffen bestehen aus Lunten- und Steinschloßflinten.
Weil der Islam, der wie andere monotheistische Religionen leicht zu
einer unumschränkten Priesterherrschaft führt, bei den Berbern nicht den
Eingang gefunden hat, wie bei den Arabern, so haben jene sich einen weit
größeren Grad von Freiheit und Freiheitsliebe bewahrt, und weil sie mehr
Sinn für Freiheit haben, deshalb sind sie, man kann es wohl behaupten,
besser als die Araber. Die geknechteten Menschen, einerlei, ob sie von
einer fremden Gewalt oder von einer fremden Nation bedrückt oder von
einer einheimischen, z.B. ihrer eignen Regierung oder ihrer
Geistlichkeit, als Sclaven gebraucht werden, haben sich stets als die
schlechtesten und sittlich am niedrigsten stehenden erwiesen. Deshalb
sind die Araber so heruntergekommen, weil sie alle ihre Tholba für
unfehlbar hielten und Alles glaubten, was im Koran stand. Deshalb stehen
die Griechen auf so niedriger Stufe geistiger Entwicklung, weil sie von
den Türken als Sclaven behandelt wurden; deshalb sind Franzosen, Spanier
und andere romanische Völker weit in sittlicher Beziehung hinter den
freidenkenden protestantischen Germanen zurück. Wir sehen also deutlich,
daß ein Volk, je mehr es auf seine Religionsübungen verwendet, sittlich
um so mehr verkommen ist; denn ohne ungerecht zu sein, können wir sagen,
daß durchschnittlich mehr Sittlichkeit und mehr Bildung in den
protestantischen Ländern herrscht. Die statistischen Zahlen nennen den
Unterschied Derer, die lesen und schreiben können, und geben Aufschluß
darüber, wo größere Achtung vor dem Gesetz und dem öffentlichen
Eigenthum besteht und weniger Verbrechen begangen werden, ob in den
protestantischen, ob in den katholischen Ländern. Aber Niemand wird wohl
behaupten, die Protestanten seien religiöser (freilich sagen unsere
Religionslehrer, die wahre Religion sei nicht bei den Katholiken) als
die Katholiken. Im Gegentheil; die Katholiken gehen fleißiger zur
Kirche, ihr Glaube ist viel inniger und fester, ihre frommen Stiftungen
zahlreicher, ihr ganzes kirchliches Leben ausgedehnter. Aber was ihnen
fehlt, ist die Freiheit des Denkens und die Schulbildung, welche, um den
Menschen sittlich zu machen, nothwendig ist. Ganz ebenso ist es mit den
Mohammedanern; gewöhnt, nur das zu glauben, was ihnen ihr "_Buch_" sagt,
weil dabei eine gewisse Classe von Menschen am besten wegkommt, haben
sie sich zu Sclaven dieses "Buches" und dieser Classe von Menschen
gemacht. Sie haben längst aufgehört, darüber nachzudenken, oder haben
sich eigentlich nie zu dem Gedanken emporschwingen können, ihr "Buch"
einer Kritik zu unterwerfen--der blinde Glaube hat sie dahin gebracht,
wohin sie gekommen sind, und andere Völker, die im blinden Glauben dahin
leben, werden ihnen folgen.
Der Berber ist davor bewahrt worden: ohne gerade Kritik an den Islam zu
legen, ist er indifferent geblieben. Ohne Contact mit anderen Völkern
hat er allerdings in Bildung und Gesittung keinen höheren Standpunkt
eingenommen, aber er ist frei geblieben und, wie gesagt, die Freiheit
hat ihn geadelt.
Offenbar würde der Berber deshalb auch eine Zukunft haben, käme er mit
gesitteten Nationen in Berührung, die frei in Beziehung auf Religion
denken. Die Franzosen constatiren mit Genugthuung, daß mit den Berbern
Algeriens leichter umzugehen sei, daß sie sich eher der Civilisation
geneigt zeigen, als die Araber. General Faidherbe, einer der besten
Kenner der Völker Nordafrika's hat dies wiederholt ausgesprochen.
Was die jetzige Lebensweise der Berber anbetrifft, so ist, wie schon
erwähnt, ein Theil in festen Ortschaften, ein Theil in Zelten wohnhaft,
aber mit Ausnahme der Tuareg treiben sie alle Ackerbau. Auch die in
Zelten auf den Abhängen des großen Atlas lebenden Berber haben ihre
Aecker. Ebenso treiben alle Berber Viehzucht, vorzugsweise die
Zeltbewohner. Auf dem Tell, d.h. dem fruchtreichen Erdboden, halten sie
Rinder-, Schaf- und Ziegenheerden; in der Sahara legen sie sich auf
Kamelzucht. Eigen ist allen die Vorliebe für das Pferd. Mit Recht wird
das Berberpferd ebenso hoch geschätzt, wie das arabische.
Die Nahrung der Berber ist einfach und fast nur vegetabilisch. Der
höchste Genuß ist ihnen eine Schüssel Kuskussu, eine Mehlspeise, die aus
Gerste oder Weizen bereitet wird und die auch von den Tuareg als das
=Non plus ultra= aller Gerichte geschätzt wird. Eigentliches Brod
in unserem Sinne ist den Berbern nicht bekannt, wohl aber machen sie
Mehlfladen auf einer Stein- oder Eisenplatte. Oder auch Mehl wird
geknetet, mit Speck und Datteln durchsetzt und auf heißem Sande gar
gebacken. Bei allen Berbern werden nur zwei Hauptmahlzeiten, die Morgens
und Abends stattfinden, genossen; letztere ist die reichlichere. Man ißt
allgemein mit der Hand und aus _einer_ Schüssel, die Frauen und Kinder
getrennt von den erwachsenen Männern; für Suppen und flüssige Speisen
hat man hölzerne Löffel. Wenn aber z.B. fünf oder sieben Personen aus
einer Schüssel Suppe essen, so hat man in der Regel nicht mehr als
zwei, höchstens drei Löffel, welche im Kreise herumgehen. Natürlich
wird, da den Berbern alle Möbel, wie Stühle, Bänke und Tische, abgeben,
auf der Erde hockend gesessen, die Schüssel selbst, am Boden stehend,
bleibt in der Mitte. Wird ein Getränk, sei es nun saure Milch oder
Wasser, herumgereicht, so kreist die Schüssel ebenfalls, und wie bei
Arabern, ist es vergönnt, _stehend_ zu essen oder zu trinken.
Was die geistigen Fähigkeiten der Berber betrifft, so stehen sie
mindestens aus derselben Stufe, wie die Araber, wenn nicht _jetzt_
höher. Daß sie bedeutend empfänglicher für Civilisation sind, als die
Araber Nordafrika's, habe ich schon hervorgehoben; der freiwillige
Besuch, den Tuareg-Häuptlinge vor einigen Jahren in Paris machten, ist
ein glänzendes Zeugniß davon. In Algerien arbeiten Berber des
Djurdjura-Gebirges oder aus dem marokkanischen großen Atlas gern bei
Christen; der durch die Religion fanatistrte Araber faullenzt und
hungert lieber, als daß er sich herabließe, bei den Christen zu
arbeiten. Aber zu einer guten Entwicklung des Berbervolkes wäre
allerdings der Contact mit religiös vorurtheilsfreien Nationen,
namentlich protestantischen, nothwendig.