Keine Stadt an der Westküste von Afrika, vom Cap Spartel an gerechnet,
bis zum Cap der guten Hoffnung, hat in den letzten Jahren einen so
raschen Aufschwung genommen wie Lagos. Unter dem 6° 26' nördlicher
Breite und dem 3° 22' östlicher L. v. Gr. gelegen (nach anderen 6° 28'
n. Br. und 3° 26' östl. L. v. Gr.), war Lagos bis zum Jahre 1851
portugiesische Schutzstadt und Hauptexportstadt für den Sclavenhandel.
In diesem Jahre vertrieb ein eingeborener Fürst, Namens Kosoko, den
rechtmäßigen König Akitoye, weil dieser auf Betrieb Englands den
Sclavenhandel unterdrückt hatte. Kosoko wurde von den Engländern wieder
verjagt und der rechtmäßige König wieder eingesetzt. Aber trotzdem
florirte die Negerausfuhr fort, die um so schwieriger hier zu überwachen
und zu verhindern war, als der Küstenstrich wegen Lagunenbildung
zahlreiche Verstecke und Schlupfwinkel bietet, wohin sich die
Sclavenhändler bei drohender Gefahr zurückziehen konnten.
Am 6. August 1861 erschien deshalb das englische Kriegsschiff
Prometheus, Com. Bedingfeld; Lagos wurde genommen und zur englischen
Colonie erklärt. Zum Scheine ließ man jedoch den Sohn Akitoye's, Docemo,
als König bestehen, er behielt jedoch nur den Titel.
Von den Eingeborenen Eko, auch Oni genannt, erhielt Lagos seinen Namen
von den Portugiesen. Es liegt auf einer halbmondförmigen Insel, hat im
Süden das Meer, im Norden die die Insel vom Festland trennende Lagune,
und ist von den übrigen schmalen Küstenstrichen oder Inseln, welche im
Osten und Westen sich fortziehen, durch enge Meeresarme getrennt. Das
Festland ist circa 15 engl. Meilen entfernt. Von den schmalen
Landstreifen, welche ursprünglich Festland gewesen sind, und die
manchmal 3, manchmal bis 10 englische Meilen breit sind, gehört ein
60-70 englische Meilen langes Stück jetzt den Engländern. Alle diese
Streifen sind mit dichtester Vegetation bedeckt, meistens mit
Mangroven-Buschwerk bestanden, das von schlanken Cocosnußpalmen überragt
wird, während gleich am Festlande jene undurchdringlichen Urwälder
beginnen, in denen die Oelpalme und der Baumwollenbaum die
hervorragendste Rolle spielen.
Hält man sich für kurze Zeit in diesem von der Natur so verschwenderisch
ausgestatteten Lande auf, so sollte man glauben, es sei hier ein ewiges
Paradies was das Klima anbetrifft: man glaubt in einer ewig
frühlingsmäßigen Natur zu leben. Balsamische Düfte durchziehen die Luft,
der tiefblaue Himmel, das saftige Grün der üppigen Pflanzenwelt, in der
Ferne das tiefblaue wogende Meer, lassen den Gedanken nicht aufkommen,
daß jeder Athemzug dem Körper giftige Substanzen zuführt; und doch ist
dem so, wie die große Sterblichkeit der Eingeborenen sowohl wie die der
Europäer ergiebt. Eben die lagunenartige Gegend, die Ausdünstungen der
See, die vermodernden Pflanzentheile der nahen Sümpfe, die Vermischung
von Salz- und Süßwasser nehmen alle Theil an jenen Krankheiten, die den
Menschen so gefährlich sind, und meist rasch und tödtlich verlaufen.
Die mittlere Temperatur von Lagos ist unbekannt, dürfte aber zwischen
20° und 22°[2] sein. Der niedrigste beobachtete Thermometerstand war 15°
C., der höchste 35°. Barometrische Aufzeichnungen von Lagos liegen gar
nicht vor. Als hygrometrische Beobachtungen wurden mir 0,2 und 25°
genannt, indeß nicht dabei gesagt, mit welchem Instrument und nach
welchem Systeme dieselben gefunden worden sind. Die fallende Wassermenge
wird wohl der von Gabun gleichkommen, wo man in einem Jahr 250" Regen
beobachtet hat. Die nasse Jahreszeit währt von April und Mai bis August
und September und in dieser Zeit sind fast täglich die heftigsten
Tornados (Gewitterregen) bei herrschendem Ostwinde. Im November,
December, Januar und Februar ist fast nie Regen beobachtet worden. Der
herrschende Wind der trockenen Jahreszeit ist West und Nordwest. In
dieser Periode herrscht Nachts vollkommene Windstille; erst gegen 9 Uhr
Morgens springt der Wind auf, um bis nach Sonnenuntergang als starke
Brise zu blasen. Im Januar wird hauptsächlich der Harmattan beobachtet,
vom Innern her wehend, und von welchem die dort lebenden Europäer noch
immer glauben, daß es Nebel sei, während es nichts Anderes ist, als ein
zerflossener Rauch jener großen innerafrikanischen Wald- und Grasbrände,
die sich manchmal über Strecken verbreiten, die Tausende von
Quadratmeilen einnehmen. Zu dieser Zeit ist der Gesundheitszustand am
besten, namentlich auf äußere Hautkrankheiten übt der Harmattan einen
überaus wohlthätigen Einfluß aus.
Hauptsächlich dort beobachtete Krankheiten sind, was auf die Europäer
sich bezieht, Malaria und bösartige Wechselfieber, Dyssenterien und
Leberkrankheiten. Cholera und gelbes Fieber sind in Lagos nie
aufgetreten. Es ist übrigens wohl in Betracht zu ziehen, daß die meisten
Europäer durch ihr eignes unmäßiges Leben sich derartige Krankheiten
zuziehen. Während das weiche, erschlaffende Leben eine mäßige
Lebensweise, namentlich Enthaltsamkeit von trockenen Weinen und
Liqueuren, empfiehlt, findet man hier, wie fast überall in den Colonien,
vorzugsweise spanische Weine, Sparkling Hock[3] und Brandy im Gebrauch,
und die schwelgerischen Tafeln, die dort stets dem Magen vorgestellt
werden, rufen denn nur zu rasch jene Krankeiten hervor, denen die
Europäer zum Opfer fallen, auf dem Sterbebette noch das mörderische
Klima verfluchend. Bei den Negern beobachtet man außerdem noch den
Guineawurm, Elephantiasis, Pocken, Lepra, Krakra (eine widerliche
Krankheit) und Yaws, eine Art von böser Frambösie.
Die Bevölkerung der Schwarzen besteht aus Eingeborenen und dorthin
eingewanderten und transportirten Negern. Erstere gehören alle zu den
Stämmen der großen Yoruba-Familie. Ohne so schön und hell zu sein wie
die Pullo, sind die Yoruba keineswegs vollkommen schwarz, sondern haben
mehr bräunliche Hautfarbe. Sie haben sanfte, nicht stark prononcirte
Gesichtszüge, und werden von den dortigen Europäern für die besten und
gutmütigsten aller Neger gehalten. Als die Portugiesen zuerst nach Lagos
kamen, fanden sie die Eingeborenen sehr geschickt in Verfertigung von
Matten und Strohflechtereien, die sie auch noch so zart und fein zu
flechten wissen, daß man daraus Kleidungsstücke machen könnte, und die
zum Theil auch von den Eingeborenen in früheren Zeiten als solche
benutzt wurden. Baumwollenweberei, Färberei, Ledergerberei, vorzügliche
Holzschnitzerei, Töpferkunst und die Verarbeitung edler und unedler
Metalle waren den Eingeborenen von Lagos bekannt, als die Europäer
dorthin kamen. Man kann ihre Zahl auf 35-40,000 schätzen. Haussa-Neger
bilden das zweite Element, sie sind durch etwa 1000 Individuen
vertreten. Die übrigen endlich sind Acra-, Fanti- und Kru-Neger, etwa
2000 Seelen stark, und einzelne von verschiedenen anderen Horden. Alle
diese sind ursprünglich freie, in Lagos von jeher seßhafte Neger, dann
aus dem Innern und von der Küste als Freie Eingewanderte, oder aber
ursprünglich gewesene Sclaven und deren Nachkommen und zum Theil aus dem
britischen Westindien, von Sierra Leone, Gambien, Liberien, Brasilien
oder Cuba zurücktransportirte, gekaperte ehemalige Sclaven. Allein die
von Sierra Leone gekommenen Neger schätzt man auf 4000 Seelen.
Was die Europäer anbetrifft, so ist deren Zahl durchschnittlich gegen
100, von denen etwa 60 Engländer, 20 Deutsche und Franzosen sind, und
die übrigen aus Spaniern, Portugiesen und Italienern bestehen.
Der Cultus der Eingeborenen, die noch nicht zum Christenthume
übergetreten sind, ist Fetischdienst. Vornehmlich werden Bäume
fetischirt, aber auch Thiere, z.B. Hunde, stehen in Verehrung. Die
Anbetung von kleinen, aus Holz und Thon gearbeiteten Götzenbildern ist
sehr allgemein; Herr Philippi aus Potsdam, der sich 13 Jahre in Lagos
aufhielt, besitzt eine ganze Sammlung jener kleinen interessanten
Gottheiten. Außer den allgemein heilig gehaltenen Thieren hat dann noch
jeder Neger sein Privatheiligthier, von dem er dann natürlich auch nicht
essen darf, während die Uebrigen, wenn diese Thiere zu den genießbaren
zählen, davon essen. So durfte der Häuptling Tappa, eine persönliche
Bekanntschaft von mir, keine Hühner essen, Docemo, der König, keine
weißen Tauben. Jeder hat so seine speciellen Göttchen, die gewissermaßen
als Heiligen den betreffenden Individuen dienen und in den Wohnungen den
Ehrenplatz einnehmen. Im Ganzen mögen gegen 25000 Heiden in Lagos sein.
Für die Umwandlung in Christen thut die englische Regierung officiell
seit einigen Jahren nichts mehr, legt aber auch den Missionären,
einerlei, von welcher Kirche sie abgeschickt worden sind, keine
Hindernisse in den Weg.
Als Nichtchristen zählen zunächst die Mohammedaner; ihnen gehören
besonders alle Haussa-Neger an, aber auch viele Yoruba. Der Islam hat
sich quer durch Afrika seinen Weg gebahnt, er wird um so mehr von den
Negern angenommen, als die moralischen Vorschriften besser mit den
alten hergebrachten Leben harmoniren, überdies die den Mohammedanismus
predigenden Lehrer gleich Sitten und Gebräuche der Schwarzen selbst
annehmen, und nur die Formen und äußeren Gebräuche ihres Glaubens
verlangen. Außerdem predigt der Islam Hochmuth. "Sobald ihr Gläubige
seid, steht ihr über Christen und Juden, ihr gehört dann zum
ausgewählten Volke, ihr seid dann gut =par exellence=." Eine solche
Lehre gefällt den unmündigen Negern. Es gefällt ihnen das weit besser,
als: "Ihr könnt das Himmelreich nur durch Buße und Glauben gewinnen,
Sünder bleibt ihr aber immer; seid demüthig, verachtet den Reichtum &c."
Zudem ist der christliche Missionär in unseren Tagen nicht im Stande,
auf das Niveau der Eingeborenen hinabzusteigen, während er ebenso wenig
vermag, diesen zu sich heraufzuziehen, das heißt ihm die äußeren
Annehmlichkeiten des Lebens zu bieten, unter denen er selbst seine
Existenz hat. Wie kann ein armer Neger sich denken, daß die Lehre
richtig sei, wo man ihm Verachtung des Reichthums, Mäßigung, Demuth und
Buße predigt, und er dies von solchen Männern hört, die gut bekleidet
sind, die schöne Häuser haben, Möbel besitzen, wie er sich sie nie
anschaffen kann, und über Geld in Hülle und Fülle (nach den Anschauungen
der Neger) gebieten? Denn wenn auch nach europäischen Begriffen die
Missionäre nicht allzuglänzend und reich ausgestattet sind, so sind sie
es doch den Eingeborenen gegenüber. Ganz anders tritt der Mohammedaner
auf: er hat nicht mehr als der Neger, er verdient seinen Lebensunterhalt
durch seine Arbeit, durch Handel; der Eingeborene sieht, wenn der
mohammedanische Lehrer zu Wohlstand kommt, woher und wie derselbe
gewonnen ist. Kein mohammedanischer Apostel hat irgendwie Gehalt, er
bekehrt, um einen neuen Gläubigen zu gewinnen, ganz aus eigenem
Antriebe, ohne von einer Gesellschaft ermächtigt zu sein. Er glaubt auch
nicht einmal, daß dies für ihn selbst ein großes Werk sei, er meint
dadurch nur die Seele des Bekehrten gerettet zu haben, welche nun würdig
ist, mit ihm nach dem irdischen Tode die verheißenen Freuden des
Paradieses zu theilen.
Die Zahl der Mohammedaner wird auf 4000 geschätzt, und scheint dieselbe
noch fortwährend zuzunehmen.
Was die Christen anbetrifft, so haben wir verschiedene
Glaubensrichtungen in Lagos vertreten, und dies Nichteinheitliche der
Lehre Jesu trägt gewiß dazu bei, bei Ausbreitung des Glaubens die
Eingeborenen stutzig zu machen.
Von den Protestanten finden wir die englische _high church_ durch die
_church missionary society_ vertreten, etwa 1000 Seelen; die Wesleyaner
etwa 700 Seelen, und amerikanische Baptisten etwa 30 Seelen. Die
römisch-katholische Kirche ist hauptsächlich durch 3-400 sogenannte
_emancipados_ (ehemalige Sclaven) aus Brasilien und Cuba repräsentirt.
Die deutschen Protestanten halten sich zur Hochkirche. Im ganzen beläuft
sich die Zahl der Christen in Lagos auf 3500. Für die Protestanten
besteht ein Seminar mit einem weißen und einem schwarzen Lehrer und etwa
20 Zöglingen; ein Mädcheninstitut unter einem weißen Lehrer und einer
weißen und einer schwarzen Lehrerin mit etwa 20 Schülerinnen; vier
gemischte Volksschulen mit 8 Lehrern und 430 Schülern; drei kleine
Kinderschulen mit 5 Lehrerinnen und 320 Schülern. Die Wesleyaner haben
außerdem eine Schule mit 3 Lehrern und 170 Schülern. Ueber die Schulen
der römisch-katholischen Mission liegen keine numerischen Nachrichten
vor.
Die Mohammedaner sorgen für die Bildung ihrer Gläubigen durch Gebete in
der Hauptmoschee, sie haben 12 bis 16 kleinere Betplätze, die zum Theil
Medressen (Schulen) sind, in denen jedoch weiter nichts gelehrt wird,
als mechanisch Koransprüche herzusagen. Fast mit Sicherheit kann man
behaupten, daß die Lehrer selbst den Sinn der Sprüche und Gebete nicht
verstehen. Nach den Begriffen der modernen Apostel des Islam ist das
auch nicht nöthig, da Gott selbst Arabisch versteht, also wohl weiß, was
die Gläubigen beten.
Die Regierung besteht derzeit aus einem Gouverneur (von der
Kriegsflotte), einem Colonialsecretär, einem Oberrichter (_high
justice_), einem Ingenieur, einem Colonialarzt, einem Schatzmeister und
zwei Polizei-Inspectoren mit 45 Constablern. Das Geschwornengericht ist
aus Weißen und Schwarzen zusammengesetzt. Als Garnison steht in Lagos
eine Compagnie westindischer schwarzer Soldaten, und in letzterer Zeit
sind darunter als Ergänzung vorzugsweise Haussa-Leute aufgenommen
worden. Außerdem steht der Regierung ein Kanonenboot I.M. der Königin zu
Gebote. In Lagos residiren ein norddeutsches, ein französisches und ein
italienisches Consulat.
Während Lagos früher krumme, winkelige Straßen hatte, an beiden Seiten
von Negerhütten besäumt, wird jetzt der Ort durch sehr breite, gerade
Straßen durchzogen, die Nachts beleuchtet sind. Man unterscheidet vier
Hauptstadttheile, Okofagi, Ologbowa, Offi und Egga. In letzterem
befindet sich der Palast von König Docemo, der aussieht wie eine große
Bude. Das Haus, welches der Gouverneur bewohnt, ganz aus Eisen errichtet
und fertig von England gebracht, befindet sich, wie die meisten
Wohnungen der Europäer, auf der der See zugekehrten Seite der Insel.
Gleich daneben liegt die prachtvolle ehemalige O'Swaldische Factorei,
die seit einigen Jahren in die Hände eines anderen Hamburger Hauses
übergegangen ist.
An öffentlichen Gebäuden erwähnen wir noch das Colonial-Secretariat, das
neue, aus Backstein errichtete Rathhaus, in dem zugleich der Gerichtshof
ist, eine Caserne mit Spitaleinrichtung, ein Colonial-Hospital mit 20
Betten, das jedoch viel zu wünschen übrig läßt, ein Zollhaus mit Krahn,
endlich 10 Kirchen für Protestanten und eine im Bau begriffene für
Katholiken.
Die Häuser der Europäer sind zweckmäßig und meist aus gebrannten Ziegeln
aufgeführt und fast alle von kleinen Gärten umgeben. Cocospalmen,
Brodfruchtbäume und Mangos gewähren Schatten; an wohlschmeckenden
Früchten sind die Ananas von Lagos als ganz vorzüglich
hervorzuheben.--Die Stadt hat außerdem mehrere kleine Dampfer, welche
die großen Dampfschiffe und Segler, welche die Barre nicht passiren
können, befrachten und ausladen, Hunderte von kleinen Schiffen, alle
numerirt und den Eingeborenen gehörend, unterhalten den Verkehr mit dem
Festlande, hauptsächlich mit der Stadt Ikorodu. Sehr angenehm für die
Bewohner von Lagos ist, daß die Lagunen nicht nur äußerst fischreich
sind, sondern jahraus, jahrein täglich so viel Austern und Granaten
(_Crangon vulgaris_) gefangen werden, wie es die Bedürfnisse erheischen.
Deshalb ist denn auch die Fischerei eine der Hauptbeschäftigungen des
Volkes; aber außerdem finden wir alle Handwerker vertreten, als
Schreiner, Maurer, Zimmerleute, Schneider, Schuster, Schmiede, Schlosser
&c.
Die Europäer sind fast durchaus Handelsleute; es giebt Engros-Häuser,
sogenannte Factoreien, und Detailisten. Große Factoreien giebt es circa
20, von denen die Hamburgische von O'Swald die bedeutendste war, die
sogar der Factorei der West-African-Company den Rang abgelaufen hatte.
Export und Import haben unter der englischen Regierung einen bedeutenden
Aufschwung genommen, was natürlich auf die Einkünfte der Colonie
bedeutend nachgewirkt hat. 1862 betrug die Einnahme 5000 Pfd. St., im
Jahre 1867 schon 30,000 Pfd. St. Nach dem Blaubuche betrug 1867 der
Werth der exportirten Waaren 51,313 Pfd. St., der Werth der importirten
Gegenstände ist nicht angegeben, Lagos hatte aber 1868 an Zollgebühren
(vom Export wird nicht gezollt) eine Einnahme von 35,000 Pfd. St.[4],
aus anderen Quellen noch 4000 Pfd. St., also im Ganzen fast 40,000 Pfd.
St.
Exportirt wird hauptsächlich Indigo, Grundnüsse (=Arachis=),
Elfenbein, Mais, Baumwolle (1867 für 7112 Tons, die Tonne zu 2000
Pfund), Goro- oder Kolanüsse[5], welche nach Brasilien und Sierra Leone
verschickt werden, endlich Oel- und Palmnüsse. Oel wurde 1867 im Gewicht
von 12,414 Tonnen, Nüsse 9600 Tonnen exportirt. Die Nüsse wurden im
Anfang gar nicht benutzt, es ist das Verdienst der O'Swald'schen
Factorei, dieses Product der _Elaeis guineensis_ zuerst ausgenützt zu
haben. Die Nuß enthält nämlich bedeutende Mengen von Stearin, das Oel
wird zum Schmieren und zur Seifefabrikation benutzt.
Man führt ein: Cawries (=kauri, kungena, kerdi, eloda-Cypraea moneta
L.=), jene kleinen Muscheln aus den ostindischen Gewässern, die als
Scheidemünze dienen im größten Theil von Centralafrika, Rollen- und
Blättertabak von Brasilien, Waffen, Pulver, Stabeisen, Messingdraht,
Perlen, Spiegel, Messer, Manufacturen, Salz, Spirituosen. Von
Spirituosen, Cawries und Tabak wird 6 Proc. Eingangszoll erhoben.
Im Jahre 1873 arbeitete der Bürgermeister von Lagos, Mr. Goldsworthy,
zusammen mit dem Gouverneur Herrn Glover, um neue Handelsstraßen nach
dem Innern zu eröffnen. Im vergangenen Jahre machte Goldsworthy eine
Reise von 200 englischen Meilen in nordöstlicher Richtung und berührte
dabei die Gebiete von Ikale, eine wald- und sumpfreiche Gegend mit
einzelnen angebauten Strichen, und von Onodo, einer Hügelkette längs
der Küste und von Ife berührt. Es gelang ihm, die Kämpfe zwischen
einzelnen Stämmen zu beendigen und wahrscheinlich auch das Efou-Gebiet
durch eine neue Handelsstraße zu eröffnen.
Werfen wir schließlich einen Rückblick auf Lagos, heute die volkreichste
Stadt an der ganzen Westküste von Afrika, so bemerken wir, daß der Ort
hauptsächlich unter der freisinnigen englischen Administration rascheren
Aufschwung genommen hat wie andere Punkte in Afrika. Selbst das Klima
scheint sich durch gute sanitätspolizeiliche Maßregeln, als Erweiterung
der Straßen, Pflasterung der Wege, Ausrottung der nächsten Dschengel-und
Mangroven-Büsche verbessert zu haben; in früheren Jahren trafen auf die
weiße Bevölkerung wenigstens 20 Todesfälle, in den letzten Jahren ist
das Verhältniß jedes Jahr günstiger geworden. 1869 ist, freilich wohl
ausnahmsweise, nur Einer von der circa 100 Köpfe starken weißen
Bevölkerung gestorben.
Auch die Gesittung und Civilisation nimmt unter den Eingeborenen
erfreulich zu. Wenn Europäer, und besonders die Missionäre, beherzigen
wollten, daß ein Volk, welches seither fortwährend von der Cultur der
civilisirten Völker abgeschlossen gewesen, von einem primitiven
Standpunkte sehr schwer innerhalb einiger Jahre auf eine solche
Culturstufe gebracht werden kann, wozu wir selbst fast 2000 Jahre
gebraucht haben, so würden sie langsamer vorgehen und mehr Geduld haben
mit ihren Civilisationsbemühungen. Wenn man die heutigen Neger
betrachtet, namentlich die Bewohner jener großen Reiche Centralafrika's,
und vergleicht den Zustand dieser Völker und Länder mit jenen von
Europa vor circa 2000 Jahren (natürlich Griechen und Römer ausgenommen),
so wird jeder Mensch, der unbefangen urtheilt, sagen: der Vortheil ist
hier auf Seiten der Schwarzen. Die großen Staaten Bornu, Sokoto und
Gando &c. legen glänzendes Zeugniß ab, wie weit ohne europäische
Einflüsse die Neger fähig sind, sich zu civilisiren, und General
Faidherbe hat gewiß nicht Unrecht, wenn er die Schwarzen als für
Civilisation empfänglicher hält, als Berber und Araber.
Aber trotzdem und trotz vieler glänzenden Beispiele, die eben beweisen,
daß selbst in kürzester Zeit der Neger bei sorgfältiger Erziehung sich
vollkommen mit dem Weißen gleichzustellen weiß (ich erinnere nur an
Bischof Crowther, an Senator Revels, welcher Letztere jüngst im Senate
der Vereinigten Staaten seine erste Rede, die als oratorisches
Meisterwerk dasteht, gehalten hat), wage ich nicht zu behaupten, daß die
Neger eine Zukunft vor sich haben; sie werden am Ende von den Weißen
absorbirt werden.
Wir sehen in Centralafrika, daß die Pullo, welche sich als herrschendes
Volk große Negerreiche unterworfen haben, heute, nach noch nicht 100
Jahren, vollkommen von den Negern assimilirt worden sind. Obschon die
Pullo noch die herrschenden sind, auch ihre Pullo-Sprache noch reden,
sind sie fast ganz schwarz geworden und alle reden heute neben ihrem
Pullo die Sprache der Stämme, über welche sie herrschen. Ebenso haben
die Araber in Centralafrika, z.B. die Schoa, fast nur noch ihre Sprache
erhalten. Und so wird es den Negern ergehen den Weißen gegenüber, wenn
sie nicht durch eine zu rasch mit ihnen vorgenommene
Civilisationsmethode (namentlich durch unpassende Bekehrungsversuche)
vorher ausgerottet werden. Ist dies nicht der Fall, so werden sie
langsam verdrängt werden von den Weißen, wenn sich einmal für diese das
Bedürfniß herausstellen sollte, Afrika so ernstlich in Angriff zu
nehmen, wie man es mit Amerika und jüngst mit Australien gethan hat.