3. Lagos an der Westküste von Afrika.

Keine Stadt an der Westküste von Afrika, vom Cap Spartel an gerechnet,

bis zum Cap der guten Hoffnung, hat in den letzten Jahren einen so

raschen Aufschwung genommen wie Lagos. Unter dem 6° 26' nördlicher

Breite und dem 3° 22' östlicher L. v. Gr. gelegen (nach anderen 6° 28'

n. Br. und 3° 26' östl. L. v. Gr.), war Lagos bis zum Jahre 1851

portugiesische Schutzstadt und Hauptexportstadt für den Sclavenhandel.

In diesem Jahre vertrieb ein eingeborener Fürst, Namens Kosoko, den

rechtmäßigen König Akitoye, weil dieser auf Betrieb Englands den

Sclavenhandel unterdrückt hatte. Kosoko wurde von den Engländern wieder

verjagt und der rechtmäßige König wieder eingesetzt. Aber trotzdem

florirte die Negerausfuhr fort, die um so schwieriger hier zu überwachen

und zu verhindern war, als der Küstenstrich wegen Lagunenbildung

zahlreiche Verstecke und Schlupfwinkel bietet, wohin sich die

Sclavenhändler bei drohender Gefahr zurückziehen konnten.

Am 6. August 1861 erschien deshalb das englische Kriegsschiff

Prometheus, Com. Bedingfeld; Lagos wurde genommen und zur englischen

Colonie erklärt. Zum Scheine ließ man jedoch den Sohn Akitoye's, Docemo,

als König bestehen, er behielt jedoch nur den Titel.

Von den Eingeborenen Eko, auch Oni genannt, erhielt Lagos seinen Namen

von den Portugiesen. Es liegt auf einer halbmondförmigen Insel, hat im

Süden das Meer, im Norden die die Insel vom Festland trennende Lagune,

und ist von den übrigen schmalen Küstenstrichen oder Inseln, welche im

Osten und Westen sich fortziehen, durch enge Meeresarme getrennt. Das

Festland ist circa 15 engl. Meilen entfernt. Von den schmalen

Landstreifen, welche ursprünglich Festland gewesen sind, und die

manchmal 3, manchmal bis 10 englische Meilen breit sind, gehört ein

60-70 englische Meilen langes Stück jetzt den Engländern. Alle diese

Streifen sind mit dichtester Vegetation bedeckt, meistens mit

Mangroven-Buschwerk bestanden, das von schlanken Cocosnußpalmen überragt

wird, während gleich am Festlande jene undurchdringlichen Urwälder

beginnen, in denen die Oelpalme und der Baumwollenbaum die

hervorragendste Rolle spielen.

Hält man sich für kurze Zeit in diesem von der Natur so verschwenderisch

ausgestatteten Lande auf, so sollte man glauben, es sei hier ein ewiges

Paradies was das Klima anbetrifft: man glaubt in einer ewig

frühlingsmäßigen Natur zu leben. Balsamische Düfte durchziehen die Luft,

der tiefblaue Himmel, das saftige Grün der üppigen Pflanzenwelt, in der

Ferne das tiefblaue wogende Meer, lassen den Gedanken nicht aufkommen,

daß jeder Athemzug dem Körper giftige Substanzen zuführt; und doch ist

dem so, wie die große Sterblichkeit der Eingeborenen sowohl wie die der

Europäer ergiebt. Eben die lagunenartige Gegend, die Ausdünstungen der

See, die vermodernden Pflanzentheile der nahen Sümpfe, die Vermischung

von Salz- und Süßwasser nehmen alle Theil an jenen Krankheiten, die den

Menschen so gefährlich sind, und meist rasch und tödtlich verlaufen.

Die mittlere Temperatur von Lagos ist unbekannt, dürfte aber zwischen

20° und 22°[2] sein. Der niedrigste beobachtete Thermometerstand war 15°

C., der höchste 35°. Barometrische Aufzeichnungen von Lagos liegen gar

nicht vor. Als hygrometrische Beobachtungen wurden mir 0,2 und 25°

genannt, indeß nicht dabei gesagt, mit welchem Instrument und nach

welchem Systeme dieselben gefunden worden sind. Die fallende Wassermenge

wird wohl der von Gabun gleichkommen, wo man in einem Jahr 250" Regen

beobachtet hat. Die nasse Jahreszeit währt von April und Mai bis August

und September und in dieser Zeit sind fast täglich die heftigsten

Tornados (Gewitterregen) bei herrschendem Ostwinde. Im November,

December, Januar und Februar ist fast nie Regen beobachtet worden. Der

herrschende Wind der trockenen Jahreszeit ist West und Nordwest. In

dieser Periode herrscht Nachts vollkommene Windstille; erst gegen 9 Uhr

Morgens springt der Wind auf, um bis nach Sonnenuntergang als starke

Brise zu blasen. Im Januar wird hauptsächlich der Harmattan beobachtet,

vom Innern her wehend, und von welchem die dort lebenden Europäer noch

immer glauben, daß es Nebel sei, während es nichts Anderes ist, als ein

zerflossener Rauch jener großen innerafrikanischen Wald- und Grasbrände,

die sich manchmal über Strecken verbreiten, die Tausende von

Quadratmeilen einnehmen. Zu dieser Zeit ist der Gesundheitszustand am

besten, namentlich auf äußere Hautkrankheiten übt der Harmattan einen

überaus wohlthätigen Einfluß aus.

Hauptsächlich dort beobachtete Krankheiten sind, was auf die Europäer

sich bezieht, Malaria und bösartige Wechselfieber, Dyssenterien und

Leberkrankheiten. Cholera und gelbes Fieber sind in Lagos nie

aufgetreten. Es ist übrigens wohl in Betracht zu ziehen, daß die meisten

Europäer durch ihr eignes unmäßiges Leben sich derartige Krankheiten

zuziehen. Während das weiche, erschlaffende Leben eine mäßige

Lebensweise, namentlich Enthaltsamkeit von trockenen Weinen und

Liqueuren, empfiehlt, findet man hier, wie fast überall in den Colonien,

vorzugsweise spanische Weine, Sparkling Hock[3] und Brandy im Gebrauch,

und die schwelgerischen Tafeln, die dort stets dem Magen vorgestellt

werden, rufen denn nur zu rasch jene Krankeiten hervor, denen die

Europäer zum Opfer fallen, auf dem Sterbebette noch das mörderische

Klima verfluchend. Bei den Negern beobachtet man außerdem noch den

Guineawurm, Elephantiasis, Pocken, Lepra, Krakra (eine widerliche

Krankheit) und Yaws, eine Art von böser Frambösie.

Die Bevölkerung der Schwarzen besteht aus Eingeborenen und dorthin

eingewanderten und transportirten Negern. Erstere gehören alle zu den

Stämmen der großen Yoruba-Familie. Ohne so schön und hell zu sein wie

die Pullo, sind die Yoruba keineswegs vollkommen schwarz, sondern haben

mehr bräunliche Hautfarbe. Sie haben sanfte, nicht stark prononcirte

Gesichtszüge, und werden von den dortigen Europäern für die besten und

gutmütigsten aller Neger gehalten. Als die Portugiesen zuerst nach Lagos

kamen, fanden sie die Eingeborenen sehr geschickt in Verfertigung von

Matten und Strohflechtereien, die sie auch noch so zart und fein zu

flechten wissen, daß man daraus Kleidungsstücke machen könnte, und die

zum Theil auch von den Eingeborenen in früheren Zeiten als solche

benutzt wurden. Baumwollenweberei, Färberei, Ledergerberei, vorzügliche

Holzschnitzerei, Töpferkunst und die Verarbeitung edler und unedler

Metalle waren den Eingeborenen von Lagos bekannt, als die Europäer

dorthin kamen. Man kann ihre Zahl auf 35-40,000 schätzen. Haussa-Neger

bilden das zweite Element, sie sind durch etwa 1000 Individuen

vertreten. Die übrigen endlich sind Acra-, Fanti- und Kru-Neger, etwa

2000 Seelen stark, und einzelne von verschiedenen anderen Horden. Alle

diese sind ursprünglich freie, in Lagos von jeher seßhafte Neger, dann

aus dem Innern und von der Küste als Freie Eingewanderte, oder aber

ursprünglich gewesene Sclaven und deren Nachkommen und zum Theil aus dem

britischen Westindien, von Sierra Leone, Gambien, Liberien, Brasilien

oder Cuba zurücktransportirte, gekaperte ehemalige Sclaven. Allein die

von Sierra Leone gekommenen Neger schätzt man auf 4000 Seelen.

Was die Europäer anbetrifft, so ist deren Zahl durchschnittlich gegen

100, von denen etwa 60 Engländer, 20 Deutsche und Franzosen sind, und

die übrigen aus Spaniern, Portugiesen und Italienern bestehen.

Der Cultus der Eingeborenen, die noch nicht zum Christenthume

übergetreten sind, ist Fetischdienst. Vornehmlich werden Bäume

fetischirt, aber auch Thiere, z.B. Hunde, stehen in Verehrung. Die

Anbetung von kleinen, aus Holz und Thon gearbeiteten Götzenbildern ist

sehr allgemein; Herr Philippi aus Potsdam, der sich 13 Jahre in Lagos

aufhielt, besitzt eine ganze Sammlung jener kleinen interessanten

Gottheiten. Außer den allgemein heilig gehaltenen Thieren hat dann noch

jeder Neger sein Privatheiligthier, von dem er dann natürlich auch nicht

essen darf, während die Uebrigen, wenn diese Thiere zu den genießbaren

zählen, davon essen. So durfte der Häuptling Tappa, eine persönliche

Bekanntschaft von mir, keine Hühner essen, Docemo, der König, keine

weißen Tauben. Jeder hat so seine speciellen Göttchen, die gewissermaßen

als Heiligen den betreffenden Individuen dienen und in den Wohnungen den

Ehrenplatz einnehmen. Im Ganzen mögen gegen 25000 Heiden in Lagos sein.

Für die Umwandlung in Christen thut die englische Regierung officiell

seit einigen Jahren nichts mehr, legt aber auch den Missionären,

einerlei, von welcher Kirche sie abgeschickt worden sind, keine

Hindernisse in den Weg.

Als Nichtchristen zählen zunächst die Mohammedaner; ihnen gehören

besonders alle Haussa-Neger an, aber auch viele Yoruba. Der Islam hat

sich quer durch Afrika seinen Weg gebahnt, er wird um so mehr von den

Negern angenommen, als die moralischen Vorschriften besser mit den

alten hergebrachten Leben harmoniren, überdies die den Mohammedanismus

predigenden Lehrer gleich Sitten und Gebräuche der Schwarzen selbst

annehmen, und nur die Formen und äußeren Gebräuche ihres Glaubens

verlangen. Außerdem predigt der Islam Hochmuth. "Sobald ihr Gläubige

seid, steht ihr über Christen und Juden, ihr gehört dann zum

ausgewählten Volke, ihr seid dann gut =par exellence=." Eine solche

Lehre gefällt den unmündigen Negern. Es gefällt ihnen das weit besser,

als: "Ihr könnt das Himmelreich nur durch Buße und Glauben gewinnen,

Sünder bleibt ihr aber immer; seid demüthig, verachtet den Reichtum &c."

Zudem ist der christliche Missionär in unseren Tagen nicht im Stande,

auf das Niveau der Eingeborenen hinabzusteigen, während er ebenso wenig

vermag, diesen zu sich heraufzuziehen, das heißt ihm die äußeren

Annehmlichkeiten des Lebens zu bieten, unter denen er selbst seine

Existenz hat. Wie kann ein armer Neger sich denken, daß die Lehre

richtig sei, wo man ihm Verachtung des Reichthums, Mäßigung, Demuth und

Buße predigt, und er dies von solchen Männern hört, die gut bekleidet

sind, die schöne Häuser haben, Möbel besitzen, wie er sich sie nie

anschaffen kann, und über Geld in Hülle und Fülle (nach den Anschauungen

der Neger) gebieten? Denn wenn auch nach europäischen Begriffen die

Missionäre nicht allzuglänzend und reich ausgestattet sind, so sind sie

es doch den Eingeborenen gegenüber. Ganz anders tritt der Mohammedaner

auf: er hat nicht mehr als der Neger, er verdient seinen Lebensunterhalt

durch seine Arbeit, durch Handel; der Eingeborene sieht, wenn der

mohammedanische Lehrer zu Wohlstand kommt, woher und wie derselbe

gewonnen ist. Kein mohammedanischer Apostel hat irgendwie Gehalt, er

bekehrt, um einen neuen Gläubigen zu gewinnen, ganz aus eigenem

Antriebe, ohne von einer Gesellschaft ermächtigt zu sein. Er glaubt auch

nicht einmal, daß dies für ihn selbst ein großes Werk sei, er meint

dadurch nur die Seele des Bekehrten gerettet zu haben, welche nun würdig

ist, mit ihm nach dem irdischen Tode die verheißenen Freuden des

Paradieses zu theilen.

Die Zahl der Mohammedaner wird auf 4000 geschätzt, und scheint dieselbe

noch fortwährend zuzunehmen.

Was die Christen anbetrifft, so haben wir verschiedene

Glaubensrichtungen in Lagos vertreten, und dies Nichteinheitliche der

Lehre Jesu trägt gewiß dazu bei, bei Ausbreitung des Glaubens die

Eingeborenen stutzig zu machen.

Von den Protestanten finden wir die englische _high church_ durch die

_church missionary society_ vertreten, etwa 1000 Seelen; die Wesleyaner

etwa 700 Seelen, und amerikanische Baptisten etwa 30 Seelen. Die

römisch-katholische Kirche ist hauptsächlich durch 3-400 sogenannte

_emancipados_ (ehemalige Sclaven) aus Brasilien und Cuba repräsentirt.

Die deutschen Protestanten halten sich zur Hochkirche. Im ganzen beläuft

sich die Zahl der Christen in Lagos auf 3500. Für die Protestanten

besteht ein Seminar mit einem weißen und einem schwarzen Lehrer und etwa

20 Zöglingen; ein Mädcheninstitut unter einem weißen Lehrer und einer

weißen und einer schwarzen Lehrerin mit etwa 20 Schülerinnen; vier

gemischte Volksschulen mit 8 Lehrern und 430 Schülern; drei kleine

Kinderschulen mit 5 Lehrerinnen und 320 Schülern. Die Wesleyaner haben

außerdem eine Schule mit 3 Lehrern und 170 Schülern. Ueber die Schulen

der römisch-katholischen Mission liegen keine numerischen Nachrichten

vor.

Die Mohammedaner sorgen für die Bildung ihrer Gläubigen durch Gebete in

der Hauptmoschee, sie haben 12 bis 16 kleinere Betplätze, die zum Theil

Medressen (Schulen) sind, in denen jedoch weiter nichts gelehrt wird,

als mechanisch Koransprüche herzusagen. Fast mit Sicherheit kann man

behaupten, daß die Lehrer selbst den Sinn der Sprüche und Gebete nicht

verstehen. Nach den Begriffen der modernen Apostel des Islam ist das

auch nicht nöthig, da Gott selbst Arabisch versteht, also wohl weiß, was

die Gläubigen beten.

Die Regierung besteht derzeit aus einem Gouverneur (von der

Kriegsflotte), einem Colonialsecretär, einem Oberrichter (_high

justice_), einem Ingenieur, einem Colonialarzt, einem Schatzmeister und

zwei Polizei-Inspectoren mit 45 Constablern. Das Geschwornengericht ist

aus Weißen und Schwarzen zusammengesetzt. Als Garnison steht in Lagos

eine Compagnie westindischer schwarzer Soldaten, und in letzterer Zeit

sind darunter als Ergänzung vorzugsweise Haussa-Leute aufgenommen

worden. Außerdem steht der Regierung ein Kanonenboot I.M. der Königin zu

Gebote. In Lagos residiren ein norddeutsches, ein französisches und ein

italienisches Consulat.

Während Lagos früher krumme, winkelige Straßen hatte, an beiden Seiten

von Negerhütten besäumt, wird jetzt der Ort durch sehr breite, gerade

Straßen durchzogen, die Nachts beleuchtet sind. Man unterscheidet vier

Hauptstadttheile, Okofagi, Ologbowa, Offi und Egga. In letzterem

befindet sich der Palast von König Docemo, der aussieht wie eine große

Bude. Das Haus, welches der Gouverneur bewohnt, ganz aus Eisen errichtet

und fertig von England gebracht, befindet sich, wie die meisten

Wohnungen der Europäer, auf der der See zugekehrten Seite der Insel.

Gleich daneben liegt die prachtvolle ehemalige O'Swaldische Factorei,

die seit einigen Jahren in die Hände eines anderen Hamburger Hauses

übergegangen ist.

An öffentlichen Gebäuden erwähnen wir noch das Colonial-Secretariat, das

neue, aus Backstein errichtete Rathhaus, in dem zugleich der Gerichtshof

ist, eine Caserne mit Spitaleinrichtung, ein Colonial-Hospital mit 20

Betten, das jedoch viel zu wünschen übrig läßt, ein Zollhaus mit Krahn,

endlich 10 Kirchen für Protestanten und eine im Bau begriffene für

Katholiken.

Die Häuser der Europäer sind zweckmäßig und meist aus gebrannten Ziegeln

aufgeführt und fast alle von kleinen Gärten umgeben. Cocospalmen,

Brodfruchtbäume und Mangos gewähren Schatten; an wohlschmeckenden

Früchten sind die Ananas von Lagos als ganz vorzüglich

hervorzuheben.--Die Stadt hat außerdem mehrere kleine Dampfer, welche

die großen Dampfschiffe und Segler, welche die Barre nicht passiren

können, befrachten und ausladen, Hunderte von kleinen Schiffen, alle

numerirt und den Eingeborenen gehörend, unterhalten den Verkehr mit dem

Festlande, hauptsächlich mit der Stadt Ikorodu. Sehr angenehm für die

Bewohner von Lagos ist, daß die Lagunen nicht nur äußerst fischreich

sind, sondern jahraus, jahrein täglich so viel Austern und Granaten

(_Crangon vulgaris_) gefangen werden, wie es die Bedürfnisse erheischen.

Deshalb ist denn auch die Fischerei eine der Hauptbeschäftigungen des

Volkes; aber außerdem finden wir alle Handwerker vertreten, als

Schreiner, Maurer, Zimmerleute, Schneider, Schuster, Schmiede, Schlosser

&c.

Die Europäer sind fast durchaus Handelsleute; es giebt Engros-Häuser,

sogenannte Factoreien, und Detailisten. Große Factoreien giebt es circa

20, von denen die Hamburgische von O'Swald die bedeutendste war, die

sogar der Factorei der West-African-Company den Rang abgelaufen hatte.

Export und Import haben unter der englischen Regierung einen bedeutenden

Aufschwung genommen, was natürlich auf die Einkünfte der Colonie

bedeutend nachgewirkt hat. 1862 betrug die Einnahme 5000 Pfd. St., im

Jahre 1867 schon 30,000 Pfd. St. Nach dem Blaubuche betrug 1867 der

Werth der exportirten Waaren 51,313 Pfd. St., der Werth der importirten

Gegenstände ist nicht angegeben, Lagos hatte aber 1868 an Zollgebühren

(vom Export wird nicht gezollt) eine Einnahme von 35,000 Pfd. St.[4],

aus anderen Quellen noch 4000 Pfd. St., also im Ganzen fast 40,000 Pfd.

St.

Exportirt wird hauptsächlich Indigo, Grundnüsse (=Arachis=),

Elfenbein, Mais, Baumwolle (1867 für 7112 Tons, die Tonne zu 2000

Pfund), Goro- oder Kolanüsse[5], welche nach Brasilien und Sierra Leone

verschickt werden, endlich Oel- und Palmnüsse. Oel wurde 1867 im Gewicht

von 12,414 Tonnen, Nüsse 9600 Tonnen exportirt. Die Nüsse wurden im

Anfang gar nicht benutzt, es ist das Verdienst der O'Swald'schen

Factorei, dieses Product der _Elaeis guineensis_ zuerst ausgenützt zu

haben. Die Nuß enthält nämlich bedeutende Mengen von Stearin, das Oel

wird zum Schmieren und zur Seifefabrikation benutzt.

Man führt ein: Cawries (=kauri, kungena, kerdi, eloda-Cypraea moneta

L.=), jene kleinen Muscheln aus den ostindischen Gewässern, die als

Scheidemünze dienen im größten Theil von Centralafrika, Rollen- und

Blättertabak von Brasilien, Waffen, Pulver, Stabeisen, Messingdraht,

Perlen, Spiegel, Messer, Manufacturen, Salz, Spirituosen. Von

Spirituosen, Cawries und Tabak wird 6 Proc. Eingangszoll erhoben.

Im Jahre 1873 arbeitete der Bürgermeister von Lagos, Mr. Goldsworthy,

zusammen mit dem Gouverneur Herrn Glover, um neue Handelsstraßen nach

dem Innern zu eröffnen. Im vergangenen Jahre machte Goldsworthy eine

Reise von 200 englischen Meilen in nordöstlicher Richtung und berührte

dabei die Gebiete von Ikale, eine wald- und sumpfreiche Gegend mit

einzelnen angebauten Strichen, und von Onodo, einer Hügelkette längs

der Küste und von Ife berührt. Es gelang ihm, die Kämpfe zwischen

einzelnen Stämmen zu beendigen und wahrscheinlich auch das Efou-Gebiet

durch eine neue Handelsstraße zu eröffnen.

Werfen wir schließlich einen Rückblick auf Lagos, heute die volkreichste

Stadt an der ganzen Westküste von Afrika, so bemerken wir, daß der Ort

hauptsächlich unter der freisinnigen englischen Administration rascheren

Aufschwung genommen hat wie andere Punkte in Afrika. Selbst das Klima

scheint sich durch gute sanitätspolizeiliche Maßregeln, als Erweiterung

der Straßen, Pflasterung der Wege, Ausrottung der nächsten Dschengel-und

Mangroven-Büsche verbessert zu haben; in früheren Jahren trafen auf die

weiße Bevölkerung wenigstens 20 Todesfälle, in den letzten Jahren ist

das Verhältniß jedes Jahr günstiger geworden. 1869 ist, freilich wohl

ausnahmsweise, nur Einer von der circa 100 Köpfe starken weißen

Bevölkerung gestorben.

Auch die Gesittung und Civilisation nimmt unter den Eingeborenen

erfreulich zu. Wenn Europäer, und besonders die Missionäre, beherzigen

wollten, daß ein Volk, welches seither fortwährend von der Cultur der

civilisirten Völker abgeschlossen gewesen, von einem primitiven

Standpunkte sehr schwer innerhalb einiger Jahre auf eine solche

Culturstufe gebracht werden kann, wozu wir selbst fast 2000 Jahre

gebraucht haben, so würden sie langsamer vorgehen und mehr Geduld haben

mit ihren Civilisationsbemühungen. Wenn man die heutigen Neger

betrachtet, namentlich die Bewohner jener großen Reiche Centralafrika's,

und vergleicht den Zustand dieser Völker und Länder mit jenen von

Europa vor circa 2000 Jahren (natürlich Griechen und Römer ausgenommen),

so wird jeder Mensch, der unbefangen urtheilt, sagen: der Vortheil ist

hier auf Seiten der Schwarzen. Die großen Staaten Bornu, Sokoto und

Gando &c. legen glänzendes Zeugniß ab, wie weit ohne europäische

Einflüsse die Neger fähig sind, sich zu civilisiren, und General

Faidherbe hat gewiß nicht Unrecht, wenn er die Schwarzen als für

Civilisation empfänglicher hält, als Berber und Araber.

Aber trotzdem und trotz vieler glänzenden Beispiele, die eben beweisen,

daß selbst in kürzester Zeit der Neger bei sorgfältiger Erziehung sich

vollkommen mit dem Weißen gleichzustellen weiß (ich erinnere nur an

Bischof Crowther, an Senator Revels, welcher Letztere jüngst im Senate

der Vereinigten Staaten seine erste Rede, die als oratorisches

Meisterwerk dasteht, gehalten hat), wage ich nicht zu behaupten, daß die

Neger eine Zukunft vor sich haben; sie werden am Ende von den Weißen

absorbirt werden.

Wir sehen in Centralafrika, daß die Pullo, welche sich als herrschendes

Volk große Negerreiche unterworfen haben, heute, nach noch nicht 100

Jahren, vollkommen von den Negern assimilirt worden sind. Obschon die

Pullo noch die herrschenden sind, auch ihre Pullo-Sprache noch reden,

sind sie fast ganz schwarz geworden und alle reden heute neben ihrem

Pullo die Sprache der Stämme, über welche sie herrschen. Ebenso haben

die Araber in Centralafrika, z.B. die Schoa, fast nur noch ihre Sprache

erhalten. Und so wird es den Negern ergehen den Weißen gegenüber, wenn

sie nicht durch eine zu rasch mit ihnen vorgenommene

Civilisationsmethode (namentlich durch unpassende Bekehrungsversuche)

vorher ausgerottet werden. Ist dies nicht der Fall, so werden sie

langsam verdrängt werden von den Weißen, wenn sich einmal für diese das

Bedürfniß herausstellen sollte, Afrika so ernstlich in Angriff zu

nehmen, wie man es mit Amerika und jüngst mit Australien gethan hat.

Beiträge zur Entdeckung und Erforschung Africa's. Berichte aus den Jahren 1870-1875 · 第 18 / 40 题