1. Der Kanal von Suez.

Es hat kaum ein großartigeres Unternehmen mehr das Interesse der

gebildeten Welt in Anspruch genommen, als der Durchstich des Isthmus von

Suez, eine Unternehmung, wie sie eben nur der vor nichts

zurückschreckende Geist des 19. Jahrhunderts erdenken konnte. Und keine

Arbeit ist mehr besprochen und beschrieben worden, als gerade dieser

Kanal, Stimmen haben sich dafür und dagegen erhoben; Enthusiasten

wollten den Kanal in ein paar Jahren vollenden, unterschätzten die

Schwierigkeiten, setzten die Kosten zu gering an; ihre Gegner sprachen

von unüberwindlichen Hindernissen, vom Niveauunterschiede der beiden zu

verbindenden Meere, von nicht zu besiegenden Sandstürmen der Wüste, vom

Mangel an Geld und endlich, falls der Kanal zu Stande käme, von den zu

großen Kosten, welche die Rheder für ihre durchgehenden Fahrzeuge zu

entrichten haben würden.

Im Jahre 1854, als Hr. von Lesseps vom Vicekönig die Autorisation bekam

zur Anlegung eines maritimen Kanals durch die Landenge, constituirte

sich infolge dessen eine internationale Commission, bestehend aus

Ingenieuren von England, Oesterreich, Spanien, Frankreich, den

Niederlanden und Preußen, um einen Plan auszuarbeiten, und nachdem diese

Commission festgestellt hatte, daß kein Niveauunterschied zwischen den

beiden getrennten Meeren vorhanden sei, hatte sie die Bildung des Kanals

von Suez und eine Subscription zur Folge. Die auszuführenden Arbeiten

waren auf 200 Mill. Frs. veranschlagt worden, welche Summe aufgebracht

wurde. Im Jahre 1859 begannen die ersten Arbeiten unter der

unmittelbaren Direction der Compagnie selbst.

Diese bestanden hauptsächlich in Menschenwerk; das ägyptische

Gouvernement hatte contractlich 20,000 Fellahin oder Leibeigene zu

liefern, welche eine monatliche Dienstzeit hatten, wobei sie auf Kosten

der Compagnie ernährt und abgelohnt wurden. Jeden Monat löste ein Haufen

anderer Zwangsarbeiter den alten ab.

Als nun Ende 1865 die Unzulänglichkeit dieser Arbeiten sich

herausstellte, schloß die Compagnie mit dem Hause Borrel und Lavaley

einen Contract, demzufolge das genannte Haus es übernahm, sämmtliche

Erdarbeiten, die Ausgrabung und Ausbaggerung des Kanals durch Maschinen

bewerkstelligen zu wollen. Zugleich wurde der Firma Dussaud Frères die

Vollendung der großen Molen von Port-Said überwiesen und die Arbeiten,

welche dieses Haus durch seine colossalen künstlichen Steinblockbauten

in Algier, Cherbourg u.s.w. ausgeführt und dem man neuerdings noch die

Construction des Hafens von Smyrna übergeben hatte, waren hinlänglich

Bürge, daß ihnen die Molen von Port-Said würden ebenbürtig zur Seite

gestellt werden können.

Es handelte sich nun aber darum, das ägyptische Gouvernement, welches

sich verpflichtet hatte, während des Kanalbaues so und so viele Arbeiter

zu liefern, dahin zu bringen, daß es für die jetzt unnöthig gewordenen

Menschenkräfte einen äquivalenten Theil an Geld gewährte und die

ägyptische Regierung, immer bei der Hand, das Unternehmen auf's

Großmütigste zu fördern, ging auf's Bereitwilligste daraus ein. Indeß

stellte es sich heraus, daß die Ablösungssumme, welche die Compagnie

verlangte, 54 Mill. Frs. dem Vicekönig zu hoch gegriffen schien und man

kam nun überein, sich einem Schiedsrichter zu unterwerfen, wozu beide

Parteien den Kaiser Napoleon wählten. Aber nicht für 54 Millionen

entschied sich der Kaiser der Franzosen, sondern für 84 Millionen,

welche die ägyptische Regierung der Compagnie zu zahlen habe. Die

anfängliche Schätzung der Compagnie war also bedeutend durch den

Ausspruch des Kaisers Napoleon überboten worden. Man hat behaupten

wollen, der Umstand, daß Herr von Lesseps ein Verwandter der Kaiserin

Eugenie ist, habe nicht wenig dazu beigetragen, eine für die Compagnie

so außerordentlich günstige Entscheidung herbeizuführen. Außerdem hatte

die Compagnie einen neuen Geldzuschuß von 10 Mill. Frs. als

Entschädigung für die Domäne Tel-el-kebir vom Vicekönig erhalten.

Trotzdem daß nun die ursprünglich veranschlagte Summe von 200 Mill. Frs.

sich so um fast 100 Millionen erhöht fand, stellte es sich schon im

kommenden Jahre heraus, daß zur Beendigung des Kanals noch wenigstens

100 Millionen erforderlich seien. Deshalb ging Anfang 1868 Herr Lesseps

nach Paris, um eine neue Anleihe zu negociiren. Eine Anleihe als solche

scheiterte indeß, es gelang aber Herrn Lesseps eine Lotterie mit

Bewilligung der französischen Kammer zu Stande zu bringen, welche bis

Anfang Juni 1868 40-45 Millionen ergab und endlich wurden durch

verschiedene Operationen die finanziellen Schwierigkeiten des Kanalbaues

überwunden.

Nach der damaligen Abmachung sollten die Arbeiten bis zum 1. October

1869 fertig sein und nach den Arbeiten des Hauses Borrel und Lavaley zu

schließen, konnte dies auch geschehen. Denn um von dem Augenblicke an

den Kanal so herzustellen, daß er überall an der Wasserlinie eine Breite

von 100 Meter, an der Basis 22 Meter (an einigen Stellen indeß oben 75

Meter und unten blos 12 Meter) mit einer Tiefe von überall 8 Metern

habe, blieben vom Juni 1868 an noch 34 Millionen Kubikmeter Terrain

wegzuräumen übrig. Mit der Arbeitsfähigkeit, welche Borrel und Lavaley

zu ihrer Disposition hatten und wodurch bis Mai 1868 circa 18 Millionen

Kubikmeter Erdreich weggeschafft wurde und welche im Juli 1868 bis auf

20 Millionen Kubikmeter gesteigert werden konnte, stellte es sich

heraus, daß in der That bis Ende des Jahres 1869 der Kanal fertig sein

würde. Ob aber derselbe dann schon für die größten Fahrzeuge passirbar

sein würde, war eine andere Frage; jedenfalls aber konnten Borrel und

Lavaley, die mit der Compagnie übereingekommen waren, eine so und so

große Menge von Erdreich aus der vorgeschriebenen Linie des Kanals

hinwegzuräumen, ihren Verpflichtungen nachkommen. Zur Ausführung dieser

großartigen Arbeit hatten Borrel und Lavaley folgende Maschinen, welche

sämmtlich entweder in England oder Frankreich und Belgien angefertigt

sind, zur Disposition: a) 10 mechanische Zermalmer; b) 4

Handbaggermaschinen; c) 19 kleine Baggermaschinen; d) 58 große

Baggermaschinen, von denen 20 mit langen Abgüssen; e) 30 Dampfschiffe,

um Schutt wegzufahren, mit Seitenklappen; f) 79 Schuttdampfschiffe mit

Grundklappen, 37 von diesen hielten das Meer; g) 18 Elevateurs; h) 90

schwimmende Chalands mit Schuttkisten; i) 30 Dampfwidder; k) 15

Dampfchalands; l) 60 Locomobilen; m) 15 Locomotiven; n) 20

Dampferdhöhler theils für trockenen, theils nassen Boden; o) 1800

Erdwagen; p) 25 Dampfcanots oder Remorqueurs; q) 200 eiserne Chalands.

Wir brauchen nicht zu erwähnen, daß auch noch ein genügendes und

massenhaftes Material von kleinen Geräthen, als Schaufeln, Hacken,

Schiebkarren u.s.w. vorhanden war. Borrel und Lavaley hatten außerdem

eine Arbeitskraft von circa 12,000 Menschen auf dem Platze, welche

theils aus Eingeborenen, die sich freiwillig zum Arbeiten gemeldet

hatten, theils aus Europäern bestand. Alle Arbeiten waren contractlich;

erstere bekamen für 1 Meter Kubikfuß 1 Fr. 95 Cent., wo das Terrain

leicht zu bearbeiten war; wo es hingegen, wie in Chalouf, schwierig war,

bis 2 Frs. 45 Cent., die Handwerker und Europäer hatten nicht unter 5

Frs. per Tag.

Bald darauf wurden aber wieder viele Stimmen laut, daß nach vollendetem

Kanalbaue zwei große Schiffe neben einander nicht würden passiren

können; indeß bei den geringsten Dimensionen von 75 Meter an der

Wasserlinie und 12 Meter an der Basis waren wir berechtigt, anzunehmen,

daß dies der Fall sein würde oder daß man dem würde abhelfen können.

Man wollte ferner behaupten, daß die Ausfüllung der Bitterseen vom

Mittelmeere aus zu rasch vor sich gehen würde und so durch den

hereinbrechenden Strom der Kanalbau beschädigt, wenn nicht ganz zerstört

werden könnte. Die Anfüllung des Timsahsees im Jahre 1861, wozu nicht

weniger als circa 100 Mill. Kubikmeter Wasser erforderlich waren, welche

dem mittelländischen Meere entzogen wurden, hatte jedoch gezeigt, daß

bei so großen Quantitäten mit verhältnißmäßig so geringem Falle die

Strömung mit großer Langsamkeit vor sich geht; und so konnte man genau

berechnen, daß zur Ausfüllung des großen und kleinen Beckens des

Bittersees, welcher wenigstens 20 Mal so viel Volumen Wasser

verschlingen würde, als der Timsahsee, fast zwei Monate erforderlich

sein müßten.

So war, als wir Mitte Juni 1868 den Kanal besuchten, die Sachlage; und

wenn wir auch nicht der Meinung der Pessimisten waren, welche

behaupteten, der Kanal würde nie fertig, würde stets wieder versanden

oder auch diese Compagnie würde nicht die erforderlichen Mittel

aufbringen können, um die Bauten zu Ende zu führen, und es würde so

selbstverständlich der Kanal in die Hände der Engländer übergehen

(beiläufig gesagt wäre dies gar kein Schaden für die kommerzielle Welt),

so waren uns doch auch andererseits starke Zweifel aufgestoßen, ob der

Kanal schon Ende 1869 der allgemeinen Benutzung würde übergeben werden

können. Denn wenn auch die Firma Borrel und Lavaley die vorgeschriebenen

34 Mill. Kubikmeter Terrain bis Ende 1869 herausgeschafft haben konnte,

so war damit lange noch nicht der Kanal fertig. Vor Allem wäre überdies

der Compagnie eine weise Sparsamkeit anzuempfehlen gewesen. Wozu nützte

es damals, nachdem sie alle Privatarbeiten abgegeben hatte an

Privatunternehmer (Borrel und Lavaley, Dussaud Frères, Couvreur in El

Guisr u.a.m.), einen so großen Stab zu unterhalten? Seitdem die

Compagnie sich nicht mehr direct bei den Arbeiten betheiligte, wie im

Anfange, war es da nicht eine eitle Geldverschleuderung, noch immer

denselben Personalbestand zu haben, welcher unter den hochtönenden Namen

Agence supérieure und Direction générale des travaux ein Personal von

über 200 Leuten (officiell) aufwies, von denen der geringste Beamte

sicher nicht unter 5000 Frs., der Director Herr Voisin 50,000 Frs.

Gehalt bezog?

Man kann von drei Seiten hinkommen, um den Kanal zu besuchen: von

Port-Said, von Ismaïlia und Suez. Wir gingen im Jahre 1868 von letzterem

Platze aus, uns auf dem Süßwasserkanal einschiffend, welcher von

Ismaïlia kommt und in Suez sein Ende hat. Von diesem Orte an bis nach

Ismaïlia hatte der Kanal eine Länge von 90 Kilometern, war an der

Wasserlinie überall 14 Meter breit und hatte eine durchschnittliche

Tiefe von 1,20 Meter. Es bestand eine regelmäßige Post, jedoch konnte

man auch Extradahabien haben, welche von Maulthieren, die immer im

schnellen Trabe oder Galop gehen, gezogen wurden. Der Verkehr war schon

sehr belebt durch kleine Privatschiffe; so bezogen schon damals die

indischen Schiffe und ganz Suez alle Kohlen mittelst des Kanals. Um die

Fähigkeit zu haben, überall halten und aussteigen zu können, zogen wir

eine Extradahabie vor, zumal die Posten sehr schmutzig und voller

Ungeziefer waren. Jede Dahabie hat einen Vorraum und einen kleinen

Salon, der für vier Personen geräumig ist, sogar ein kleines

Ankleidezimmer und Accessoir fehlen nicht. Die unvermeidlichen

Hausthiere mohamedanischer Länder, lästige kleine Insecten, fehlen aber

auch in den Extradahabien nicht, was auch ganz natürlich ist, da der

Reïs oder Capitain in Abwesenheit von Passagieren sich sicher nicht zum

Schlafen auf das Dach der Dahabie, sondern aus die Sophas in derselben

legt und seine beiden Leute sicher seinem Beispiel folgen. Man kann,

falls man sich gar nicht aufhält, die Fahrt von Suez nach Ismaïlia in

10-12 Stunden machen, indeß war es sehr gerathen, einige Stunden in

Chalouf zu bleiben, um die dortigen Arbeiten zu besichtigen. Hier ist

der einzige Ort, wo man auf felsiges Terrain, jedoch von lockerer

Beschaffenheit, stieß. Tagtäglich fand man hier die schönsten

Versteinerungen, Fische, Säugethiere und Pflanzen. Als wir den tiefen

Graben besuchten, wurde gerade ein ausgezeichnet schöner Rückenwirbel

eines Elephanten ausgegraben. Es herrschte in Chalouf ein reges Lebens,

große Dampfpumpen waren fortwährend in Thätigkeit, um das eindringende

Wasser, welches der nahe Süßwasserkanal durchsickern ließ,

herauszuschaffen, während andere mächtige Maschinen die Erde selbst

angriffen. Nur in Chalouf hatte man jetzt noch das Bild und Profil des

Kanals, da die anderen Strecken zwischen Port-Said und Ismaïlia alle

angefüllt waren. Aber gerade vor Thoresschluß den Kanal entstehen sehen

die riesigen Arbeiten bewundern zu können, gerade das hatte einen

besonderen Reiz. Wenn man jetzt nach Vollendung des Durchstiches über

den Kanal dahinfährt, kann man sich kaum eine richtige Idee machen von

den Schwierigkeiten, welche besiegt werden mußten.

Nebenbei war hier eine ganze Stadt entstanden; es gab Kirchen, Moscheen,

Wirtshäuser, Spitäler, Cafés u.s.w. Von hier nun wendet sich der

Süßwasserkanal ab, um die Bitterseen, deren Bassin tiefer ist, als die

Basis des Süßwasserkanals, zu vermeiden, und bei der großen Hitze, die

im Sommer hier herrscht, zogen wir es vor, diesen Theil des Weges Nachts

zu machen, wo wir dann am anderen Morgen früh in Serapeum eintrafen;

dies liegt am Nordrande der Bitterseen. Vom Süßwassercanal führt eine

Zweigbahn nach Serapeum. Auch hier konnte man die Arbeiten in ihrer

ganzen Großartigkeit bewundern und auch hier hatte sich rasch ein Ort

entwickelt, wie es übrigens das Zusammensein so großer Arbeitermassen

von selbst mit sich bringt.

Von Serapeum bis Ismaïlia sind nur noch 20 Kilometer und bald landete

die Dahabie an dem schönen steinernen Kai; vorbeifahrende Wagen, die

Menge der Schiffe (unter denen manche Dreimaster und stattliche

Mittelmeerdampfer), Kirchthürme, Häuser und Hotels, wie man sie nur in

den großen Seestädten findet, überraschen den Reisenden, so daß er

glaubt in Europa zu sein.

Ismaïlia ist eine Stadt von circa 8000 Einwohnern. Nach einem vollkommen

regelmäßigen Plane gebaut, ist es weit hinaus im Halbkreise von einem

Süßwasserkanale umgeben, welcher von üppigen Weiden bordirt ist. Man hat

eine katholische und zwei griechische Kirchen, eine Moschee, zwei

Hospitäler, von denen eins für die arabische Bevölkerung bestimmt ist.

Es befinden sich hier die Gebäude der Directoren, welche an Pracht und

Bequemlichkeit in nichts den Sommerwohnungen der Fürsten nachstehen.

Die Straßen sind breit und vor allen Privathäusern breite Blumenbeete

und Baumanlagen, was einen reizenden Anblick gewährt. Namentlich der

Hauptcentralplatz ist eine allerliebste Anlage und obgleich erst seit

zwei Jahren geschaffen, so üppig, als ob sie seit zehn Jahren bestände.

In Ismaïlia ist das beste Hôtel das Hôtel des voyageurs; es giebt aber

noch fünf oder sechs andere. Natürlich wo Franzosen sind, fehlen nicht

die Cafés chantants und die Roulette; diese ist jetzt in Aegypten so

verbreitet, wie in Californien und namentlich zur Zeit der

Baumwollenperiode wurden oft in den schmutzigsten Winkelbuden Summen

umgesetzt, um die sie die Banken von Homburg, Wiesbaden und Ems hätten

beneiden können. Aber auch das deutsche Bier hat seinen Weg zum Kanal

gefunden und in Ismaïlia wie in allen anderen Städten Aegyptens giebt es

deutsche Bierbrauer, welche ihr Bier von Wien beziehen. Es hatte den

Anschein, als ob Ismaïlia nach Vollendung des Kanals sein Aufblühen,

welches es den Arbeiten hauptsächlich verdankt hatte, einbüßen würde,

aber jetzt im Bereiche des Eisenbahnnetzes, wird die Stadt doch immer

eine gewisse Wichtigkeit behalten, wenngleich es sich wohl nie zu einer

bedeutenden Stadt hinaufschwingen wird.

Der Timsahsee war jetzt vollkommen angefüllt, er ist südlich von der

Stadt und circa einen halben Kilometer entfernt und hat eine Oberfläche

von 60 Hectaren. Der Canal maritime geht an der östlichen Seite

hindurch. Obgleich das auf dem Boden stark aufgehäufte Salz, welches

sich beim Hereinlassen des Mittelmeerwassers natürlich auflöste,

anfänglich keine Fische leben ließ, so ist doch durch die constante

Erneuerung des Wassers, durch den Abfluß vom Süßwasserkanal her, der

Salzgehalt so vermindert, daß eine Menge Fische jetzt darin leben,

obgleich der Salzgehalt des Wassers noch bedeutend größer ist, als der

des mittelländischen Meeres. Das Wasser ist übrigens hell, wie Krystall,

und ladet Jeden zum Baden ein. Krocodile sind heute nicht mehr zu

fürchten (behar el timssah heißt Krocodilsee) und eine gute Badeanstalt

am Ufer des Sees sorgt für alle Bedürfnisse ihrer Clienten.

Von Ismaïlia bis Port-Said benutzte man damals schon den Canal maritime

der von Port-Said an gerechnet 75 Kilometer lang ist (die Länge des

ganzen Kanals beträgt bis Suez 160 Kilometer). Es war hier schon

tägliche Dampfverbindung und man legte die Fahrt gewöhnlich in acht

Stunden zurück. Die Dampfer, kleine Boote, waren übrigens zweckmäßig

eingerichtet und hatten eine erste und zweite Classe. Der Kanal hatte

hier überall die planmäßige Breite, aber noch nicht die gehörige Tiefe

zwischen diesen beiden Plätzen. Durch den Balahsee kam man zuerst nach

El Guisr, einem Punkte, der Interesse erregte durch die Ausstellung der

Maschinen des Herrn Couvreux. Diese Maschinen, Excavateurs genannt,

griffen mittelst Dampf das trockene Erdreich an, sind also

Trockenbaggerer; das Süßwasser wurde nach diesem Orte durch

Dampfdruckmaschinen befördert. Nichts war eigenthümlicher als der

Anblick der colossalen Dampfbaggerer und der Elevateurs, die man nun von

hier an auf Schritt und Tritt bis Port-Said fand. Es gab Baggerer, die

in _einem_ Tage bis 2000 Kubikmeter heraufholen konnten.

Man passirt dann noch den Ort El Kántara (die Brücke) von circa 2000

Einwohnern, schon früher wichtig als ein Halteplatz von Karavanen, die

nach und von Syrien ziehen. In El Kántara ist eine Kirche, ein Spital

und eine Moschee, dann die sehr sehenswerten Etablissements von Borrel

und Lavaley, welche denen dieser Herren in Chalouf um nichts nachstehen;

natürlich sind diese Werkstätten seitdem geschlossen worden.

Der einzige Ort von Wichtigkeit ist nun nur noch El Aech (sprich Aisch),

ein kleines Etablissement circa 15 Kilometer von Port-Said entfernt.

Bald sah man nun schon die hohen Masten der Seefahrer und nach einer

Weile fuhr unser kleiner Dampfer hindurch zwischen seinen großen

Seebrüdern aus der Familie der Lloyd, der Messagerie impériale und

anderer Gesellschaften, die wie Riesen auf einen Zwerg, so auch auf

unsere kleine Dampfnußschale herabschauten.

Port-Said ist eine vollkommen europäische Stadt und hat jetzt circa

12,000 Einwohner, welche Bevölkerung außer aus Aegyptern hauptsächlich

aus Oesterreichern (Dalmatinern), Franzosen, Italienern und Griechen

besteht. Letztere, der Auswurf ihres Landes, machen indeß das Leben in

Port-Said ebenso unsicher, wie in Suez und Alexandria. In allen diesen

Städten konnte man zur Zeit des Kanalbaues täglich einen Mord rechnen;

zum Glück für die übrigen Europäer, von denen sie wie die Pest gemieden

werden, schlachteten sie sich meist unter einander selbst ab. Die Stadt

hat einen ägyptischen Gouverneur und einen von der Regierung gepflegten

Gesundheitsdienst, fast alle maritimen Staaten sind durch Consuln

vertreten, Deutschland durch Herrn Bronn, welcher früher ebendaselbst

schon Consul von Preußen war. Es giebt Kirchen für den katholischen und

griechischen Cultus, eine Moschee für die Mohamedaner, Hospitäler und

Klöster, in denen nichtsthuende griechische oder katholische Mönche auf

Kosten der Bewohner Port-Saids ihre Bäuche mästen, eine Menge Hotels

(von denen das Hôtel Pagnon das beste sein soll; wir selbst hatten

unsere Wohnung auf Sr. Majestät Consulat). Cafés mit und ohne Musik,

öffentliche Bäder, Clubs, kurz nichts fehlte, um Port-Said als eine

kleine Großstadt bezeichnen zu können. Aber auch die Voraussicht, daß

Port-Said eine bedeutende Concurrenz Alexandrien machen würde, hat sich

nicht bewahrheitet. Jetzt nach einem Bestande des Canals von 5 Jahren

können wir nur constatiren, daß dieser Hafen nicht die Entwicklung

genommen hat, welche man seiner Lage zu Folge berechtigt zu sein

glaubte, voraussetzen zu dürfen.

Zum Theil ist der Hafen nicht sicher, trotz der enormen Molen, welche

man construirt hat, zum Theil passiren die Schiffe, welche nach Indien

gehen, rasch ohne sich hier aufzuhalten. Der eigentliche Hafen für

Aegypten ist eben Alexandria geblieben. Wenn der jetzige Chedive, der ja

so große Dinge schon geschaffen hat, eines Tages dazu schreiten würde,

den in unmittelbarer Nähe gelegenen Mensaleh-See auszutrocknen, dann

würde sich allerdings in der Entwicklung Port-Saids eine wesentliche

Aenderung zu Gunsten der Stadt ergeben.

Sehr sehenswerth war die Fabrikation der großen Steinblöcke zur

Construction der beiden Hafenmolen. Wie schon erwähnt, waren es die

Herren Dussaud Frères, welche diese Arbeit übernommen hatten. Jeder

Block hat 10 Kubikmeter Gehalt und wiegt 40,000 Pfund. Das Verfahren,

sie herzustellen, war so einfach wie möglich: Mittelst Sand, welcher aus

dem Hafen gebaggert und mit der vorgeschriebenen Partie Süßwasser

gemischt wurde, brachte man dieses Gemenge unter eine Zerreibemühle und

that es dann mit Kalk und Cement in gewollter Menge zusammen. Wenn alles

ordentlich durcheinander gemischt war, kam diese Masse in hölzerne

Formen und mußte dann zwei Monate trocknen, nach welcher Zeit eine

felsenartige Härte eintrat.

Seitdem ist in der That der Kanal von Suez am 16. November 1869 eröffnet

worden und alle die bösen Conjuncturen, welche man an die

Lebensfähigkeit dieses gigantischen Unternehmens geknüpft hatte, haben

sich als eitel Dunst erwiesen.

Ein riesiges Unternehmen, wozu man fünf Jahre Studien, wie Stephan sagt,

und elf Jahre Ausführung gebraucht hatte.

Alle seefahrenden Nationen hatten sich bei dieser großartigen Feier

durch ihre Flotten vertreten lassen und von Fürstlichkeiten waren der

Kaiser von Oesterreich, der deutsche Kronprinz (damals noch Kronprinz

von Preußen), die Kaiserin Eugenie und Prinz Heinrich der Niederlande

erschienen. Alle waren Gäste des Chedive, aber nicht sie allein, sondern

Tausend andere. Ja der Schreiber dieser Zeilen, welcher ebenfalls eine

Einladung erhalten hatte, der er leider eingetretener Umstände halber

nicht Folge geben konnte, weiß aus späterem Besuche in Aegypten, daß

eine Menge _ungeladener_ Gäste flott sich unter die Geladenen drängte

und auf Kosten des Chedive den Festlichkeiten anwohnte. Man berechnet

die Zahl der damals anwesenden Fremden auf 30,000 Personen.

Der dabei entwickelte Pomp, die Verschwendung, welche ostensibel zur

Schau getragen wurde, sind unbeschreiblich; aber für den Orient, wo

Alles auf Aeußerlichkeit berechnet ist, kann man sie kaum übertrieben

nennen.

Wenn nun auch der Kanal bei der Eröffnung vollständig planmäßig

hergestellt war, so war doch im Mai 1871 erst die Ausbaggerung des

Kanals soweit vollendet, daß er in seiner ganzen Länge eine mittlere

Tiefe von 8,50 Meter hatte, so daß Schiffe mit 7 Meter Tiefgang

ungehindert den Kanal passiren konnten.

Im ersten Jahre hat man noch, eingeschlossen die Ausbaggerung des

Außenhafens bei Port-Said, 563,060 Kubikmeter ausgeräumt, aber eine im

December 1871 vorgenommene Sondirung in einer Entfernung von je 18,50

Meter vorgenommen ergab überall die Tiefe als normal. Es bestätigte sich

denn auch, daß der Kanal keineswegs so viel zu leiden hatte von den

Sandwehen der Dünen oder vom Abschwemmen der Ufer durch den Wellenschlag

vorbeifahrender Dampfer. Ebenso haben die in Port-Said errichteten Molen

vollkommen gut dem schlechtesten Wetter getrotzt, denn einige Senkungen,

welche man übrigens vorausgesehen hatte, haben auf die allgemeine

Sicherheit keinen Einfluß gehabt.

Die Leichtigkeit, mit welcher der Verkehr vor sich geht, hat überhaupt

alle die bösartigen Voraussetzungen und Meinungen, die man anfangs mit

der Lebensfähigkeit des Kanals in Verbindung brachte, zu nichte gemacht.

Im Jahre 1870 passirten 486 Schiffe.

" " 1871 " 765 "

" " 1872 " 1082 "

" " 1873 " 1173 "

" " 1874 " 1264 "

Seit der Einweihung haben bis Ende 1874 4770 Schiffe den Kanal passirt

mit einem Gesammttonnengehalt von 8,050,338; davon waren circa vier

Fünftel Dampfer und nur ein Fünftel Segler. Die Einnahmen betrugen vom

Beginn der Eröffnung bis Ende 1874 78,317,352 Frs. Am besten wird das

stete Wachsen der Einnahme veranschaulicht, wenn wir die des ersten

Jahres mit 5,159,327 Frs. gegen die des Jahres 1874 mit 24,859,383 Frs.

halten.

Wir sehen aber, daß bei Weitem der größte Theil der Schiffe den

Engländern gehört, ihr Land also in Wirklichkeit den größten Nutzen vom

Durchstich der Landenge von Suez gehabt hat. Was würde Lord Palmerston,

dieser eifrigste Gegner des Suezkanales, gesagt haben, hätte er ein

solches Resultat noch erleben können.

Die jährlichen Ausgaben des Kanals waren auf circa 5,000,000 Frs.

veranschlagt, da aber im ersten Semester 1872 die Einnahmen sich schon

auf mehr als eine gleiche Summe bezifferte und da der Transit

fortwährend im Steigen begriffen ist, so kann man mit Zuversicht der

Zukunft entgegensehen.

Seit dem Juli 1872 hat die Umwandlung des officiellen Tonnengehaltes in

die des sogenannten "gross tonnage" die Einnahmen um 40 bis 50%

gesteigert.

Längs des ganzen Kanals hatte man von Mitte 1871 Fluthmesser angebracht

auf sechszehn verschiedenen Stationen. Von sechs Uhr Morgens bis sechs

Uhr Abends wird viertelstündlich die Höhe des Wassers, die Schnelligkeit

der Strömung des Wassers und die Windrichtung gemessen, so daß man jeden

Augenblick am Tage die Fluthwelle von Port-Said bis Suez in Erfahrung

bringen kann. Das aus dem rothen Meere kommende Wasser fließt gegen das

Mittelmeer mit einer intermittirenden Geschwindigkeit, welches von der

ungleichen Gezeitung beider Meere verursacht wird.

Zu erwähnen ist noch, daß die Leuchtthürme von Port-Said und Suez ebenso

wie die, welche längs des Kanals aufgestellt sind, von electrischem

Lichte erleuchtet werden, der von Port-Said durch magneto-electrische

Maschinen, welche durch Dampf in Thätigkeit gesetzt werden.

Trotz des großen Aufschwungs, den der Kanal genommen hat, knüpfen sich

an seine Existenz nicht unwichtige Fragen, welche bei einer eventuellen

Unabhängigkeitserklärung Aegyptens zum Austrag kommen dürften.

Jedenfalls besitzen wir aber dermalen in der Verbindung der beiden Meere

ein Werk so großartig, daß es bis jetzt durch kein anderes Unternehmen

ähnlicher Art übertroffen worden ist.

Beiträge zur Entdeckung und Erforschung Africa's. Berichte aus den Jahren 1870-1875 · 第 15 / 40 题