Als Ahasverus wieder zur Besinnung kam, lief er durch den Wald, der
dumpf rauschte. Nach unten, fort aus all diesem Spuk! Nach unten, wo die
Menschen riefen! . . .
Wo riefen sie denn? In der Ferne, versunken im Nebel eines Tales?
. . . Nirgend ein Lichtstrahl mehr, kein Stern, -- nur der wilde Wind,
der wachgerüttelt nun bald hier, bald dort war, voll undeutlicher
Stimmen, zu Fetzen zerrissen in der Nacht. Und Ahasverus stürmte nur
immer nach unten, die Hände vorgestreckt, strauchelnd durch die kalte
Nässe des Gebüsches.
Denn es hatte wahrhaftig zu tauen angefangen: der beißende Winter
zerschmolz, eine fröstelnde Feuchtigkeit durchdrang das Herz, und
überall sickerte das Getröpfel in dem Dunkel, während eine neue Gewalt,
da oben durch die Bäume rasend, brauste wie eine Sturmflut und die alten
Riesen ächzten unter dem Wogenschlag der zerstiebenden Luft.
Den lebenden Wind, -- Ahasverus schnob ihn auf mit wilder Lust und
spürte bisweilen einen feuchten Atem darin, der die Kälte der Nacht
erweichte und ihm entgegengeweht kam wie ein gewaltiger Seufzer.
Sein Fieber ließ mählich nach, als er die seltsamen Gestalten des
Waldgewirrs, das ihn umschloß, im Dämmergrau zu unterscheiden begann.
Der Wald wuchs heraus aus der Dunkelheit: alles wurde deutlicher nun,
vertraut in dem Tag, der sich hellte; die Bäume, mächtig bewurzelt, ihre
Arme in der Luft, sangen ernst in der trübseligen Feuchte, während der
Weltatem hindurchfuhr mit einem Geruch von Moos und faulen Blättern und
lau durchsickerter Erde, einem Geruch von Auflösung und Tod und von
nahendem Frühling.
Aber als der Himmel ganz blaß geworden war und das Dunkel sich zwischen
den grünschimmernden Stämmen in die Tiefe des Waldes zurückzog, da legte
sich auch der Wind nieder, wie ein furchtsames Tier, und kroch brummend
in seine Höhle vor dem Dämmern des Morgens. Nur das kurze Geflöt eines
Vogels, der von einem Ast zum andern hüpfte und seine Federn plusterte,
ertönte noch dann und wann. Der Wald wurde weniger dicht, ausgerodete
Stellen unterbrachen die sich herabsenkende und wieder sanft wogende
Ferne: dahinter, über fahlrotem Gesträuch, erschienen die Buchen viel
größer, nun alles so still blieb.
Und auf einmal sah Ahasverus, hier, und dort, und dort wieder, Spalten
von Licht: die Welt! die Weite! Sein Herz klopfte, stammelnd lief er,
die Augen gierig voraus gerichtet, und stand bald betäubt am Waldessaum:
das Land lag vor ihm, unabsehbar, mit Höhen und Flächen und Dörfern und
Wäldern, alles noch im frischen Nebeldunst der Frühe, und am Horizont,
in dem stillen Feuerwerk, das durch langgestreckte Wolken aufglühte,
stieg die Sonne, wie eine gläserne Kugel, in der eine Flamme glomm.
Von dort kam eine leichte Brise auf, und der junge, lichte Tag zitterte
überall. Die Welt schien ohne Ende; die Äcker waren schon ein mattes,
zottiges Grün oder lagen noch nackt und fett, violett schimmernd im
rauhen Morgen, längs heller, roter Pappeln; und in den Mulden drängten
sich weit und breit zwischen Obstgärten die rotgedeckten Häuschen
zusammen, mit ein wenig Rauch, der in Fasern aus dem Schatten abzog.
Dahinter vermutete man ein Tal, und dann erhob sich Hügel an Hügel die
gläsern-blaue Ferne, wo der Turm einer Burg auf einer Anhöhe in die Luft
ragte und Mühlen sich eifrig drehten, um Brot zu machen mit ihren vier
Armen. Doch wo die Sonne aus ihrem sauber gewaschenen Himmelstor die
Erde überglänzte, die noch feucht war von der Nacht, da zerfunkelte
alles zur reinem Gold. Einen Augenblick kämpfte sie gegen Dünste, hinter
denen sie fahlgelb schwelte, denn der Wind kam stärker wieder, blies mit
vollen Backen, die Wolkenstreifen kräuselnd, und Schatten flogen übers
Land mit schnellem Flügelschlag; aber dann schoß sie von neuem empor wie
ein ewiger Springbrunn und blinkte von sprühender, triumphierender
Herrlichkeit.
Die göttliche! Es war, als ob das »Hosianna!« der Engel in ihr nachsang,
der furchtbare Gesang von Licht, der nicht schweigen konnte. Ahasverus'
scharfe Augen wollten ins Herz der Sonne schauen, aber sie stach
blendend mit allen ihren Speeren, und er mußte den Blick wieder
abwenden; nur ihren Widerschein ertrug er auf dem Saum der Luftkolosse
und über der baumreichen Erde, die so erhaben und fruchtbar dalag, daß
ihre Schönheit ihn traf wie die Schönheit einer Frau.
Sein Herz lief über von ungekannter Rührung; er trank wollüstig den
Wind, der alle Dinge umgriff, und den Geruch des kalten, schweren,
gärenden Bodens. Ja, er wußte es, er hatte recht getan! Ja, vermaledeit
auf diese Erde geschleudert, fühlte er sich als Überwinder, das trotzige
Leben rauschte durch sein Blut; und doch, in der Lauigkeit des weiten
Raumes, die seine Schläfen umfächelte, den Kopf umzittert von den Saiten
der Sonne, -- wie stand er so klein und verloren da vor dieser Welt, die
die Welt der Menschen war! Und warum schlich sich in sein begehrendes
Staunen die Wehmut wieder, -- je schöner die Erde, um so heißer diese
Wehmut, -- wie wenn in den Tiefen seiner Seele ein Gott schlummerte,
dessen Träume dort trübe flackerten, und der niemals, niemals erwachen
würde!
O, bei Menschen sein, mit Menschen sprechen! . . .
Im ersten Dorf, in das er kam, waren die Lehmhütten, grau und schief
gesunken unter ihren Strohdächern, aneinandergelehnt, als wollten sie
sich gegen das Unglück wehren. Einige Kinder bummelten zur Schule in
ihren Holzschuhen; eine Frau scheuerte ihre Schwelle und sah mißtrauisch
zu dem fremden Landstreicher hinüber. Weiter, vor der Schmiede, waren
zwei Gesellen dabei, ein Pferd zu beschlagen, und gegenüber lag der Wirt
eines Kruges mit seinem Backsteingesicht über seiner Halbtür und
rauchte; sie gafften den wunderlichen Vogel an und getrauten sich nicht
zu spaßen. Und dann war da ein Haufen Mädchen, die mit lautem Geplapper
in einem Bach Wäsche spülten: sie verstummten plötzlich, als Ahasverus
vorüberschritt. »Ich sehe aus wie eine Vogelscheuche«, dachte er. Er
schämte sich seiner knochigen Gestalt in dem zerlumpten Mantel, seines
Zuchthäuslergesichts, seiner bloßen, verdreckten Füße, seiner
Schlotterhose, durch die man die Haut sah.
Und er wagte nicht zu betteln; nun er sich wieder unter Menschen befand,
hatte er auf einmal Angst bekommen, daß sie ihn mit einem rauhen Wort
abweisen würden. Er lief weiter.
Das Wetter war trüber geworden: dann und wann flitzte die Sonne noch
durch den treibenden Vorhang und brannte die blauen Tiefen offen, aber
als sie wieder erkaltet war und umflort, wurde es auf einmal rauh, als
ob es hageln wollte; der Wind tollte in Stößen über die spärlich
grünenden Äcker, und unter dem Flug der Regenwolken sah die Erde beinah
verlassen aus: nur hier und da ein Bauer, der Mist über sein Land
streute oder Rinnen grub für den Abfluß des Wassers. Das ganze Land war
in Stücke zerschnitten: dies gehörte Jan und das da Peter, dies hier war
für Rüben und das da für Weizen und jenes für Roggen, und nirgend ging
ein Plätzchen verloren. »Nur weiter, weiter!« knurrte Ahasverus.
Hinter den schwarzen Leibern krumm gemarterter Apfelbäume sah er die
spitzen Dächer eines großen Pachthofes aufragen, der dunkel gegen den
silbernen Himmel stand wie eine Burg. Er ging darauf zu. Mürrisch und
schielend stand er vor dem Tor: in dieser stillen Umzäunung von Ställen
und Scheunen, alt und braun, wo der Hahn mit seinen Hennen auf dem
Misthaufen der Herr zu sein schien, war eine Frau, die unter einem
Schuppen bei den Wagen das Essen für die Tiere kochte; zwei Männer luden
eine Fuhre Rübenkraut ab, ein Mädchen ging, in jeder Hand einen Eimer,
über den Hof, die Bäuerin hing die Käsekörbe in Reihen an das Haus. Sie
blickten flüchtig auf, und jeder tat gemächlich seine Arbeit, wie
Menschen, die die Pflicht des Tages kennen. Aber als Ahasverus ein paar
Schritte vorwärts tat, sprang plötzlich wie aus der Mauer heraus ein
häßliches Biest von einem Hund, der laut bellte und wütend an seiner
Kette riß. »Der Teufel soll dich holen!« fluchte Ahasverus -- und begab
sich wieder auf den Weg.
Die alte Empörung begann in ihm zu grollen. »Schön! Ich werde mir meinen
Platz mit meinen Krallen schon erobern!« beschloß er. Und da war nun
just, bei einer abgelegenen Hütte, eine Frau, die ihren Küken Körner
hinstreute. Sie sah ihn kommen und blieb in ihrer Türe stehn. »Die soll
dran glauben«, war sein erster Gedanke. Er wollte sich schon holen, was
er brauchte, wenn sie es nicht gutwillig hergab, -- er wollte sie
packen, er wollte in ihrem Fleisch wühlen, sie fühlen lassen, daß er ein
Mann war, und er wollte ein Mensch sein! . . .
Ihr Gesicht war voller Sommersprossen, müde und gleichgültig.
»Ich möchte trinken!« sagte er barsch.
Ohne ein Wort zu sprechen, kehrte sie ihm den Rücken zu und ging hinein.
Die Wut schoß Ahasverus in den Kopf, er erinnerte sich, wie Christus
einst vor ihm gestanden hatte, und mit drei Schritten war er in der
Hütte, gerade hinter der Frau. Sie drehte sich verwirrt um, ein wenig
erschreckt: »Ssst! Ihr weckt das Kind auf . . .«, und während sie dem
Landstreicher eine Kumme Milch reichte, beugte sie sich schnell über die
Wiege, in der das Würmlein leise zu weinen anfing und sich mit seiner
kleinen Faust das Nasenstümpfchen rieb. Und Ahasverus stand nun da, mit
der Kumme in der Hand.
»Eia, eia, mein Mäuschen . . .« Sie drückte es liebevoll an sich, aber
quäkend grabbelte es nach der Brust, und ein wenig zur Wiege sich
abwendend, ließ die Mutter es dann nur trinken, soviel es wollte, --
»da, mein Herzchen, da!« -- und betrachtete es immerfort, als ob sein
Leben ihr Leben wäre.
»Ist da jemand?« wurde von der Schlafkammer herab gefragt.
»Gut Freund, Mann!« -- »Er ist krank«, sagte die Frau leise, während
Ahasverus endlich trank, der Topf zitterte ein wenig zwischen seinen
Zähnen, »nun muß ich für zwei arbeiten, und das ist immerhin kein
Kinderspiel.«
Sie sagte es ohne Bitterkeit, wie zu sich selbst; niederknieend legte
sie das einschlafende Kind vorsichtig wieder in die Wiege, und Ahasverus
fühlte, als er auf das arme Geschöpf blickte, das da so ruhig und so
wehrlos mit seinem offenen Mündchen lag, Trauer in sich aufwallen, ohne
zu wissen warum. Tief in ihm löste sich etwas, als ob er weinen müßte.
Die Mutter sah zu ihm auf mit dem sanften Blinken eines schüchternen
Glücks in ihren Augen, und sie war nicht häßlich mehr.
»Habt schönen Dank«, sagte Ahasverus mit gedämpfter Stimme und hätte
schon draußen sein mögen. Sie lächelte ein wenig, um ihm zu bedeuten,
daß es gern geschehen sei, -- Menschen helfen einander doch --, und
fragte: »Habt Ihr noch weit?«
Er machte eine mutlose Gebärde, als würde es zu weit führen, das zu
sagen, -- und als sein Wanderstab dann wieder auf dem endlosen Wege
hallte, schlich sich eine seltsame Gelassenheit in ihn hinein, seine
Erregung war geschwunden, er fühlte sich als ein Nichts, mittreibend auf
einem Strom, aber ohne rechte Hoffnung oder auch Verzweiflung. Nur immer
wandern, aufs Geratewohl! Die Sonne siebte wieder flüchtige Lichtflecken
über die Felder, und eine Lerche trillerte unsichtbar in dem grauen
Licht.
So blieb Ahasverus auf der Walze. Er fand nichts zu tun: die Bauern
hatten ihre Leute, sie sahen ihn schief an, den Vagabunden, und zuckten
die Achseln, wenn er sich für alle mögliche Arbeit anbot: man fiel doch
nicht so einfach aus dem Himmel herab! Nur bei den Ziegelbrennern,
abgerackerten Kerlen, durfte er ein bißchen mithelfen, wurde aber noch
vor dem Abend an die Luft gesetzt. »Solch ein Gepfusch kriegt ja ein
Schwein mit dem Schwanze fertig!« meinte der Meister. Und als
Schuhflicker konnte Ahasverus da auch keinen Pfennig verdienen, denn all
diese armen Teufel liefen nur ihre bloßen Fußsohlen ab. Nun er mit
seinesgleichen leben wollte, war er doch nirgend zu Haus. »Das ist nur
natürlich«, dachte er mit bitterer Wehmut. Alles Tun und Treiben der
Menschen war einmal so eingerichtet, es war auch kein Plätzchen mehr da,
wo man nur so hineinschlüpfen konnte. Und wie mußte in der Erde
herumgewühlt werden, bald auf diese Weise und dann wieder anders, um die
Äcker dahin zu bringen, daß sie ihr bißchen Brot trugen! An der
Weizenähre, die geduldig, geduldig wächst, lernte Ahasverus, wie lange
Sonne und Regen und die Sorge von Menschenhand zusammen wirken mußten,
ehe das Mehl aus der Mühle kam. Und so war es mit allem, was auf dieser
Erde wuchs; das Leben kannte keine Hast und hatte seine eigenen Wege.
Aber mit dieser Weisheit durfte Ahasverus sich vorläufig an muffigen
Rüben gütlich tun.
Durch sumpfige Marschen gelangte er endlich zu einem breiten Strom, wo
wohl tausend Arbeiter einen Deich bauten, und er wurde in dies gewaltige
Treiben aufgenommen, um eiserne Loren voll Kies mit gespannten Muskeln
vorwärtszuschieben: das war ja so etwas für ihn!
Man hätte meinen können, daß dort ein ganzes Heer herabgefallen war, um
die Erde aufzuwühlen: es lag eine Menschenmenge da und mühte sich ab in
den Gruben und Laufgräben, voller Schmutz und die Füße in dem gelblichen
Schlamm. Hier wurde eine schräge Steinwand gegen das Wasser gemauert,
dort rammten sie Pfähle wie Baumstämme in den Boden: ihrer zwanzig oder
dreißig hingen halbnackte Fronknechte an den Tauen, stießen bei jedem
Ruck einen rauhen Schrei aus und ließen dann den Block wie einen Donner
niederdröhnen. Dazwischen das Rollen der Sandkarren, das Pfeifen von
Aufsehern oder das befehlende Rufen von Werkmeistern, und alles ging im
Takt. Es war da ein ganzes Dorf von hölzernen Baracken, Schuppen und
Kantinen, und wenn die Sonne durch den Dunst des flachen Landes
niedersank, dann schien all dies geregelte Schuften längs des trägen
Gewässers, das sich buchtend in die Ferne schob, wie in einem Dampf von
Schweiß zu stehen.
Am ersten Tage, bei der Eßpause, hatten einige harmlose Sticheleien den
Neuling begrüßt, den mageren Hungerleider. »Das war zu erwarten«, dachte
Ahasverus, aber er sah den Kerlen frei in die freien Augen: er ließ sich
hier nicht hinausschmeißen, denn er fühlte, daß er bei den Seinen war,
Verstoßenen, die den Bauch voll Elend hatten und harte Gesichter, aus
denen finstere Kraft ihm entgegenglomm.
Wartet nur! Er wollte schon zeigen, daß Mumm in ihm saß, er hatte zwei
Arme an seinem Leibe, er stand seinen Mann! Laßt sie nur kommen! Und
gearbeitet sollte werden, daß die Lappen flogen! Was war das nun endlich
für eine Veränderung: er kannte wieder die Freude an der warmen
Körperarbeit; er war glücklich, als er, gestützt auf den Fuß, der sich
tief in den Sand grub, die schwere Last zum Weichen brachte vor dem
hartnäckigen Druck seiner Hände; und wenn er am Ende des Weges sein
Wägelchen umkippte und, sich die Stirn wischend, einen Augenblick Atem
holte, lachte er schweigend dem Kameraden zu, der mit verhaltenem
Keuchen schiebend hinter ihm ankam. Sein Blick ging weiter über das
Land, folgte dem Widerschein des hohen Lichts auf dem Strom, und alles
hatte ein neues Aussehen für ihn. Er war zufrieden, daß er nicht mehr
allein war.
Aber wenn er dann am Abend erschöpft in der sauer-dumpfigen Baracke lag
und die armen Schächer überall die Lehmwände entlang auf ihren
Strohsäcken liegen sah, zusammengesunken vor Müdigkeit, den Mund
geöffnet in einem Gesicht, das die Farbe der Erde hatte, dann begann
wieder ein dumpfes Weh ihn zu lähmen um dieses Dasein ohne Traum, von
dem er nun ein Teil geworden war. Er war nicht mehr allein, er wußte
fortan, daß allein zu leben nicht möglich war; aber in welche
Trübseligkeit waren sie nun alle eingeschlossen! Warum all dies Schuften
und Sichabschinden, ohne einen Ausblick? Wie ertrugen diese Ewigblinden
ihr Leben? Aber wie ertrug er selbst es? Er, einer von diesen tausend
. . .
Und der unbezwingliche Brand in seiner Brust verzehrte ihn. Doch dieser
Schmerz war ihm nun beinah willkommen. »Ich habe ihn wahrscheinlich
nötig,« dachte er, »und wer weiß, durch was ich noch hindurch muß, um
alles zu vollbringen! Leide nur, mein Junge, was du leiden mußt; so
fühlst du, daß du lebst! Und bleibe nur bei der Stange, du bist hier an
deinem Platz!« Denn wie er sich auch abquälen mochte, dies wenigstens
stand nun unverrückbar fest in seinem Herzen: daß er durch eine Welt
ging, die kein trügerischer Alp ihm geschaffen hatte, daß dieser Weg der
rechte für ihn war, wohin er auch führen mochte . . . Und er dachte
dabei an die Weizenähre, die so geduldig wächst, als wäre sie die
Weisheit selbst.
Unterdessen kam der Vorfrühling und ließ in den Morästen ein
geheimnisvolles Brüten und Bollern von Pflanzen und Tieren sich regen
und im Herzen der Menschen das süßbittere Verlangen der Liebe schwellen.
Wenn am Sonnabendabend ein Teil nach Hause zog, zum Dorf, wo ihre Frau
oder ihr Schatz sie erwartete, verfielen die andern in trübseliges
Träumen oder in allerhand tierische Gelüste. Übrigens war jede Kantine
ein Hurenstall, wo bei Bier und Schnaps gehörig geküßt und geknutscht
wurde, bisweilen auch mit Messern gestochen, wenn die Kameraden zu sehr
in Hitze gerieten. Ahasverus, der sich eine andere Art von
Brüderlichkeit vorgestellt hatte, fühlte sich wie einer, der die Arme
ausstreckt und niemals etwas zu greifen vermag, und dachte in seinem
Innern, wie schön es sein würde, wenn er das zarte, warme Leben einer
Frau an das seine drücken konnte und das Klopfen ihres Herzens fühlen,
wie in sich selbst . . .
So versteht ihr, daß er in der schmierigen Holzbude, wo sie des Abends,
die ganze Rotte, ihre Suppe schlabberten, die junge Dirne, die sie zu
bedienen hatte, schweigend verfolgte mit Blicken voll finsterer Glut,
denn sie hatte ein Paar liebe und unverdorbene Augen in ihrem Gesicht,
das hellbraun war wie eine goldene Traube, und in ihren Bewegungen etwas
so lieblich Eigenwilliges, das Feuer und die Flinkheit einer Hinde. Wenn
sie auch tat, als ob sie Ahasverus nicht bemerkte, so war sie doch ein
wenig bange geworden vor diesem Sonderling, es war ihr, als ob er einst
Unheil über sie bringen würde, und zugleich mußte sie doch, insgeheim,
ein wenig zu ihm hingucken. Was wollte er denn, der sie nicht einmal
anredete?
Aber die Frühjahrssonne in ihrer ersten Kraft weckte zugleich noch etwas
ganz anderes als Leben und Liebe: aus dem umgewühlten Schlammboden
sprang ein seltsames Fieber auf die kräftigsten Arbeiter und ließ sie
nicht wieder los. Sie schudderten, ihre Augen glänzten aus der
trockenen, durchscheinend gelben Haut ihres Gesichts. Zwei hatte man
schon in einem Wagen abgeholt, damit sie sich anderswo erholen sollten;
aber danach lagen wieder vier oder fünf am Abend im Schüttelfrost,
gleichgültig gegen alles, was um sie herum vorging, wenn man ihnen nur
zu trinken gab, denn sie brannten von kratzendem Durst; und auch die
mußte man sogleich wegbringen. Die Männer bekamen Angst vor diesem
unsichtbaren Feind und begannen zu murren, aber das half nichts.
So geschah es, daß ein strammer Bursche, der seine Kameraden als
furchtsame Hasen ausgelacht hatte, selbst ergriffen wurde; aber er
wollte sich aufrecht halten, trank viel Genever, »um das Fieber in
seinen Beinen zum Sinken zu bringen«, und blieb unbeirrt scherzend bei
seiner Arbeit, beim Graben. Er scherzte nicht lange: nach einem dieser
Apriltage voll kalter Regenschauer und stechender Sonne ließ er die
Schaufel aus den Händen gleiten, und bald lag er da wie ein Haufen
Lumpen, zuckend vom Fieber, mit starren Augen, die etwas im Himmel
suchten. Von allen Seiten eilte man hinzu mit wirrem Gerufe; ein alter
Arbeiter hatte den Kopf des Unglücklichen ein wenig hochgehoben und
sagte: »Hol zu trinken!« Ahasverus eilte zu seiner Kantine.
Er fand dort nur die Dirne, die hintenüber an die Wand gelehnt fest
eingenickt war in der ungewohnten Stille des leeren Saales, und er mußte
schweigend eine Weile vor ihr stehen bleiben, so unschuldig atmend
schlief sie, schon wie eine wilde Blume, die im Dunkel eines Waldes
duftet.
Als er sie vorsichtig geweckt hatte, indem er ihr schwarzes Haar mit
seinen Fingerspitzen berührte, sah sie ihn an wie aus ihrem Traum,
verwundert über den gedämpften Ton dieser Stimme. Dann erst begriff sie
auf einmal, was er sagte, -- einen Augenblick blickten sie einander
unbeweglich an, offenen Angesichts, den Gedanken des Todes über sich.
Sie ging mit ihm zu der Grube zurück, wo der Sterbende lag. Der Mann,
der den Kopf hielt, starrte finster wie ein alter Wolf, und die andern
wagten nicht mehr laut zu sprechen, sie standen unschlüssig da mit
herabhängenden Armen.
»Genever?« fragte einer. »Nein, Milch!« antwortete das Mädchen und
versuchte niederkniend die Flüssigkeit zwischen die geschlossenen Zähne
zu gießen; aber sie lief die Mundwinkel entlang über das Kinn und die
Brust, auf der die stachligen Haare zottig in dem wächsernen Fleisch
standen, das schon tot schien. Ahasverus sah widerwillig auf den mageren
Körper: es war, als ob diese Hände, die in die Erde griffen, und diese
schmutzigen Füße, die nur immer leise tanzten, nicht mehr dazu gehörten,
so unnatürlich groß erschienen sie nun; und er merkte, wie unter dem
Staub und dem Schmutz des Gesichtes sich eine furchtbare Blässe
verbreitete.
»Wir müssen ihn hineintragen, Hein!« sagte das Mädchen; und in der
Baracke, während die Männer, nicht wissend, was sie machen sollten,
dastanden -- immer mehr drängten sich hinzu --, tat sie schweigend, was
zu tun war, machte die Strohsäcke und die Decken zurecht, half den
Jungen aufnehmen unter seinen eckigen Schultern, um ihn besser zu legen,
und wusch mit frischem Wasser sein Gesicht ab, auf dem nun etwas kalter
Schweiß perlte.
Inzwischen waren ein paar Werkmeister erschienen, die kurzen Prozeß
machten: »Luft muß er haben, -- was steht ihr da und gafft, ihr
Lohndiebe?« Und sie trieben die murrende Herde wieder nach draußen, zu
ihrer Arbeit.
Aber die Angst vor dem Tode hatte die Arbeiter beschlichen, einige von
ihnen fluchten, sie würden keine Hand mehr ausstrecken, und Aufseher
mußten dazwischenspringen, um den Kram wieder in Gang zu bringen. Nur
Hein, der alte Isegrim, hatte kein Wort gesprochen: er war geradewegs zu
seinem Platz gegangen, wo der andere umgefallen war, und fuhr fort, mit
zähen Lendenstößen seinen Wagen zu füllen; und Ahasverus sah in seinem
Blick eine düstere, herausfordernde Willenskraft, als ob die Gefahr ihn
aufgepeitscht hätte. So kam auch in ihn mit einemmal ein trotziges
Leben, das ihn größer machte, und alles, was er nun gesehen hatte, floß
zusammen in _ein_ neues Gefühl, das weder Schmerz war noch Freude,
vielmehr etwas weiteres als diese beiden, eine Art bitteren Glücks,
eines Glücks, das ohne Hoffnung, ohne Täuschung war und sein Blut doch
wärmer klopfen machte.
Als der Mann eine halbe Stunde später weggebracht wurde, um wo anders zu
sterben, war die Arbeit mit ihrem vielfältigen Lärm überall in gewohnter
Weise wieder aufgenommen.
Dann sank die Pracht der Sonne hinter Wolken, die von rosigem Licht
gesättigt waren und sich auftürmten bis zum höchsten Himmel, und aus dem
feurigen Mund des Horizonts schauerte der Abendwind über den Strom.
Wieder ein Tag zu Ende! Die Arbeiter, die an ihrem Hunger wohl merkten,
wie spät es war, waren froh, daß sie ihr Arbeitszeug bis morgen
niederlegen durften. In der Nacht würde hier nichts mehr sein als das
sanfte Rauschen des Rieds und das Klatschen des Wassers, das immerfort
hinabfloß zu anderen Gegenden. Ahasverus, der seinen letzten Wagen leer
zurückgerollt hatte, blieb einen Augenblick stehen und dachte an all die
Menschen, die da drüben, in den fernen Dörfern und Städten, unzählbar,
jung oder schwer von Jahren, nun in den Abend hineingingen, --
unbekannt, hier weinend und dort lachend, jeder mit seinen
Heimlichkeiten.
Hein, der mit seinem verwitterten Gesicht und den beringten Ohren voll
Büscheln weißen Haares fast aussah wie ein alter Matrose, stand auch da
und sah mit scharfem Blick über das weite Land. Und er sagte zu
Ahasverus:
»Das wird hier noch schön werden, wenn wirs erst mal trocken gekriegt
haben.«
Ahasverus begann zu sinnen und verstand das große Werk: die Stauung der
stummen Gewalt der Flut, die geduldige Geschäftigkeit einer ganzen
Bevölkerung, wo jetzt alles so verlassen war; er sah die Saat gesät, das
Korn, das aus der tiefen, dunklen Erde emporwächst, langsam gedörrt und
reifend im Wechsel des Wetters, Brot für die Menschen; und vom Deiche
aus würden die jungen Burschen, an einem Abend wie dieser, nach den
Schiffen ausschauen, die von der See kommen.
»So machte ich also, einer von diesen tausend, einen Teil aus von einem
schönen Traum,« sann Ahasverus, »so wäre ich mit diesen tausend das
Werkzeug, wodurch ein schöner Traum verwirklicht wird . . .«
Wie dieser Gedanke in ihm Klarheit gewann, atmete er freier, als sei die
Welt weiter geworden und zugleich vertrauter, die geringsten Dinge
bekamen ein lieblicheres Ansehen, -- und dann kam von selbst wieder in
sein Herz das Bild jenes Mädchens mit ihren jugendlichen, ungezwungenen
Bewegungen und dem stillen Ernst ihres lachenden Gesichts.
In der Kantine gab es, beim Essen und mehr noch beim Saufen darnach, ein
mächtiges Summen und Rumoren, denn der Meister hatte ein paar Dutzend
Dickköpfe nach Hause geschickt, die gegen ihn rebelliert hatten, und die
Kameraden stachelten, erhitzt durch das Pfeffergetränk, einander mit
Flüchen und Verwünschungen auf in dem dicken Rauch, worin eine
Petroleumlampe trübselig brannte. Das Mädchen schenkte ein und lief
zwischen den Bänken dahin, wo sie gerufen wurde, -- »Lene! he, liebes
Lenchen!« -- flink sich umdrehend, überall zur Hand mit ihren kecken
Augen, gekniffen vom einen, umfaßt vom anderen, aber immer frei und
unbekümmert, und in dem Lärm erklang bisweilen ihre spottende Stimme,
wie ein Glöcklein in der Luft. Über den Schenktisch lehnte der Wirt der
Baracke, wie gewöhnlich sternhagelvoll, ein Riese von einem Kerl, mit
einer fürchterlichen Narbe quer übers Maul.
Ahasverus sah von seiner Ecke aus, gegen ein Fenster gelehnt, das sich
in die laue Nacht hinein öffnete, lauernd zu Lene hinüber mit einer Art
verdrießlicher Ergebung; aber die schweigende Frage, die unerträgliche
Frage mußte wie immer in seinem Blick sein, denn:
»Habe ich dir etwas gestohlen?« scherzte Lene plötzlich, gereizt
ausfallend, gerade vor ihm.
Ahasverus begriff nicht, was ihn so peinlich furchtsam und schwach
machte; er wurde ärgerlich gegen sich selbst und hätte ihr beinahe
zugeschnaubt: »Was ist los, Hurenbalg? . . .« Aber es war, als ob sie es
fühlte; sie errötete, und einen Augenblick sahen sie einander an wie
zwei Feinde, die sich kampfbereit gegenüberstehen, die ein Geheimnis in
des anderen Gesicht zu lesen trachten, -- wie zwei Liebende, die
einander Leid zufügen wollen in der Seele, um das Geheimnis
herauszubrechen, damit es reden sollte . . . Sie hörten den Trubel nicht
mehr, für sie war es da in diesem Augenblick so still wie an dem
Nachmittag, als der Gedanke an den Tod da war . . . Doch ihr Blick
zauderte dann und wich zurück und schien fast um Verzeihung zu bitten.
»Warum hast du Angst vor mir?« sagte Ahasverus mit gedämpfter Stimme.
»Ich habe keine Angst vor dir«, antwortete sie kurz. Er griff sie bei
den Handgelenken, aber sie kehrte ihr Gesicht ab, wollte sich
kleinmachen, weg sein.
»Lene . . . Lene . . .«
»Laß mich, wie ich bin! Laß mich, wie ich bin! . . .« Und dann sagte sie
leiser, wie jemand, der Furcht hat: »Was könntest du wohl mit mir tun?«
Sie hatte sich sanft losgemacht und blickte dann doch ein wenig zu ihm
auf mit einem unbewußten Lächeln, aber es war, als ob sie in diese Welt
voll lärmenden Gewühls, das sie umgab, nicht zurückflüchten und auch
Ahasverus' Blick nicht ertragen konnte und sich an ihn hätte pressen
mögen, daß er sie nicht sähe, daß niemand sie sähe . . .
Sie hörte wieder das Gemurre und Geschrei, das den Saal erfüllte, --
Lene wurde gerufen und lief, die Kerle brüllten immerfort. Einer unter
ihnen fuhr sie, gebückt und den Kopf vorgestreckt, an, daß sie Memmen
seien:
»Wir gehn hier kaputt! Sie dürfen -- verflucht noch mal! -- uns nicht
behandeln wie Tiere! . . .«
»Was sollen wir machen?« schimpfte ein anderer, »mit dem Kopf gegen die
Wand rennen? Sie sind doch allemal stärker als wir! . . .«
Und aus ohnmächtiger Wut tranken sie doppelt und hatten Lust, einander
zu Leibe zu gehn. Es kam Ahasverus vor, als ob er mit diesen
Unglücklichen irgendwo in einem Abgrund läge, aus dem sie verzweifelt
die Arme nach oben ausstreckten, er und sie alle, nach einem schöneren
Leben rufend, das sie nicht sehen konnten, -- und die ganze Welt schien
ihm solch ein Abgrund . . .
Auch sie -- mit ihren ewigen Augen! -- sie war mit ihm in dieser Tiefe.
Und er fühlte es nun wohl, mit einer Art herben Genusses, daß er sie
lieb hatte, daß er sie noch inniger lieb hatte, so wie sie war, mit all
den Küssen, die sie besudelt hatten, mit diesen Fältchen von Schwermut
um den jungen Mund, mit diesem stillen, unschuldigen Lächeln, das
bisweilen wie eine Wintersonne ihr braunes Gesicht erhellte, -- mit dem
Geheimnis ihrer Menschenseele voll Gut und Böse, voll werdender,
lebender, unendlicher Schönheit . . .
Was trieb ihn zu ihr, was trieb sie zueinander, durch diese große Welt
von Menschen, die alle suchten nach etwas, das sie nicht nennen konnten
-- er und sie alle --, ohne zu überlegen, was aus all diesem Verlangen
einmal erblühen würde?
War nicht wie das Werk seiner Hände vielleicht auch dieses Begehren
seines armen Herzens, die Regung selbst, die seine Seele emporhob, ein
Teil eines schönen Traumes, eine der tausend und aber tausend Regungen,
durch die _ein_ schöner, unbegreiflicher Traum verwirklicht wird, mit
dem Blut, mit dem Geist und der Seele, von Geschlecht zu Geschlecht, ein
werdender, lebender, unendlicher Traum? . . .
Und all diese Stimmen, die da grölten und fluchten aus finsteren Mündern
in dem halberleuchteten Loch, sie drangen nun zu ihm beinah wie Flammen,
die aus dem Schweigen geweckt waren und die immer wieder herausschlagen
würden.
»Jungens,« rief er plötzlich, die beiden Fäuste hoch erhoben, »so gehts
nicht! so gehts nicht! Wir müssen wissen, was wir wollen! Und dann alle
zugleich, wie _ein_ Mann! . . .« Es ging wie eine Glocke durch das
Geschrei.
»Ja! Ja! Wir können doch nicht länger liegen bleiben wie Hunde! . . .«
Hartnäckig hämmerte er weiter:
»Alle gleich! Und so wollen wirs ihnen morgen sagen, wie wir behandelt
werden wollen! Und hören sie nicht darauf, dann zeigen wir, was wir
sind! . . .«
»Ja! Ja! Hand in Hand!«
»Und ob wir durchkommen oder nicht, das werden wir später schon sehn!
. . .«
Die Genossen hatten sich dichter zueinander gedrängt, _ein_ Wille begann
zu sprechen aus diesen wüsten Gesichtern, die das flackernde Licht der
qualmenden Lampe scharf umriß.
Ja! so brannte da auch ein Verlangen, das Geschlecht auf Geschlecht die
Menschen durchbrannt hatte . . . Nutzlos vielleicht, ohnmächtig? . . .
Wie viel solcher Aufwallungen, worüber die Zeit wie Wasser
hinweggegangen war! Wie viel Herzen gleich diesen, die Blut geweint
hatten und nun etwas geworden waren von jenem Staube, wovon _ein_
Körnchen all den anderen gleicht! Aber wer weiß -- Ahasverus blickte auf
Lene, die still lächelte --, wer weiß, was aus _einem_ Tropfen Blut
einst erblühen kann? Und wer weiß, wie viel Tropfen Blut nötig sind, ehe
die geduldig, geduldig wachsende Ernte einst blond von Reife die
Menschen erfreut?
»Ob wir durchkommen oder nicht, das werden wir später schon sehn!« So
sprach das Leben, das, kampfbereit vorwärtsblickend, -- auf den Tod
vielleicht! darauf kam es nicht an! -- doch lächelt, weil es das Leben
ist, weil es dem Traume nicht widerstehen kann, der es immer reifer
machen will.
»Ob wir durchkommen oder nicht, das werden wir später schon sehn!« Sie
fühlten es alle nun, bis zu denen, die unbeweglich stierten in ihrem
Geneverrausch; und viele Blicke, die lange mutlos in sich selbst gekehrt
gewesen waren, lachten einander zu, mit dem frohen Bewußtsein ihrer
vereinten Macht, -- so wie Ahasverus und Lene einander betrachtend ihre
eigene Winzigkeit erkannten und zugleich eines in des anderen Blick das
Vorgefühl lasen ihrer beider Göttlichkeit.
Aus einer Ecke stieg ein Lied auf, -- es verlor sich in wirrem Gebrüll.
Ja, singen, singen mußten sie nun! An einer anderen Stelle wurde von
neuem eingesetzt, aber dann hob plötzlich eine alte Stimme an, vor der
alle Stimmen schwiegen, denn wie alt sie auch war, beinahe furchtbar
klang sie von Ernst und verhaltener Willenskraft: Hein war es, den
weißen Strubelkopf kerzengerade aufgerichtet, die eine Faust geballt auf
dem Tisch, unbeweglich, mit demselben festen, herausfordernden Blick wie
damals, als er die Arbeit wieder aufgenommen hatte. Und es war eine
seltsame Weise, die er sang, ein Lied von den alten Wassergeusen, er
sang es feierlich und langsam, wie einen Psalm, -- wo hatte er es
hervorgeholt? Wie lange hatte es schlummernd in ihm gelegen, um nun auf
einmal herauszubrechen? -- Sie fragten nach dem Sinne nicht: es handelte
von Aufruhr und Vertrauen, von Kampf und Glauben, und sie lauschten
ergriffen und suchten halblaut den Kehrreim mitzusingen sie fühlten
einander in dem alten Lied.
Ahasverus hatte Lene beim Arm gefaßt, und er flüsterte mit einer
sonderbaren Betonung: »Ich halte dich fest! ich lasse dich nicht mehr
los! . . .« Sie ließ ihn gewähren und sah nach ihm auf, aber seine Züge
waren wie gespannt in einer wilden, tollen Begierde, und in ihren
flehenden Augen stieg da solch eine Angst auf, daß all seine Macht
bezwungen hinfiel, und er konnte nicht anders, als das Mädchen, wie ein
zartes Ding nun, an sich drücken, innig sanft, bis ihre Blicke
ineinanderlächelten, mit der stummen Bewunderung, die in dem Blick eines
Kindes sein kann.
Am anderen Tage brach der Ausstand aus, ungestüm und fröhlich; Ahasverus
und andere wurden fortgejagt, aber sie lachten, denn sie sahen den
Aufruhr hinter sich aufflammen. Ein und dieselbe Hoffnung pochte in
aller Herzen.
Und in der Nacht flüchtete Ahasverus mit Lene.
Als die Luft allmählich durchsichtig wurde, lagen sie am Saum eines
Wäldchens; sie schlief noch in seinem Arm, gehüllt in ihre grauen
Lumpen, und er, auf den Ellbogen gestützt, wachte und träumte und
betrachtete ihr schlafendes Gesicht im Morgenlicht.
Er dachte an alles, was geschehen war, -- an den Gesang der Engel in dem
ewigen Morgenrot, an den Gesang des Meerweibes im feurigen Dunkel, --
aber ohne Vorwurf, ohne Reue, -- es waren alles Stimmen, die nachklangen
in den Stimmen des großen Traumes, den er vorfühlte, unaufhörlich
reifend, und der kein Traum war.
Er dachte an Christus, -- an die Sehnsucht seiner Augen, an den Segen
seines Lächelns, -- und diese Augen und dieses Lächeln brannten noch
tief in seinem Herzen; aber ein Schmerz war diese Glut nicht mehr, -- er
war etwas Besseres und Volleres geworden, als Freude selbst.
Als der Tag in der Stille des Taues gekommen war, wurde Lene wach, und
Ahasverus sah Erde und Himmel in ihren vertrauenden Augen sich spiegeln.
Dann zogen sie zusammen in die Welt: denn der Wanderer wußte, daß er
wandern mußte, frohgemut, und daß nichts gesünder war als solch ein
Wandern . . .
Unter der Sonne, die in feuchtem Dunst die sprießende Schöpfung
bestrahlte, glänzten die Weiden wie Weiher, in denen Perlengefunkel
versunken lag; der Frühling begann vom Saft zu schwellen; die ersten
zarten Blätter an den alten Bäumen längs des Weges erschienen wie ein
hellgrüner Regenschauer, der da oben hängen geblieben war mit dem
Zittern des hohen silbrigen Lichtes; und da hinten, weit, weit, war die
Luft offen und klar, wie über dem Meer.
So gingen sie an Obstgärten mit Apfelbäumen entlang, die blühten voller
Gezwitscher und Geflöte, an Dörfern und Feldern vorbei, wo die Menschen
überall bei der Arbeit waren; und die erhoben den Kopf, als Ahasverus
und Lene vorüberzogen, und grüßten: »Gott segne euch!«
»'s ist heute ja Karfreitag!« sagte Lene.
So gingen sie, ihr Brot verdienend auf die eine oder andere Weise, neuen
Sommern und Wintern entgegen, neuem Lebenskampf, neuem Leiden und neuen
Höhen, -- so gehen sie noch, und was einst die letzte Höhe und das Ende
des Weges sein wird, kann zum Glück niemand verkünden.
* * * * *
Der »Ewige Jude« wurde 1897--1906 geschrieben. Die Übertragung folgt der
veränderten zweiten flämischen Auflage; die vom Dichter veranlaßte
französische Übertragung wurde zum Vergleich herangezogen. Den
Druck dieser Ausgabe besorgten Poeschel & Trepte in Leipzig.
Zweihundertundsechzehn Exemplare wurden auf echtem Büttenpapier
abgezogen; zweihundert davon wurden numeriert, und sechzehn nicht für
den Handel bestimmte Exemplare mit Nameneindruck versehen.
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