Du wirst, begabet mit Macht, sie nur zum Wohlthun gebrauchen,

Und, unverblendet vom Glanze des Glücks,

Noch gütig, wenn du gebeutst, noch liebreich, wenn du bestrafest,

Noch groß seyn, wenn du die Bitte versagst.

Bey allem Beyfall der Welt, und bey der Liebe der Fürsten,

Wird der Gedanke dir niemals entfliehn,

Daß das vollkommenste Glück in einem reinen Gewissen,

Die wahre Hoheit im Herzen besteht.

Kein Mensch ist edel und frey, der den Begierden gehorchet,

Noch groß, wofern er dem Schöpfer nicht dient;

Er sey das Wunder der Welt, er sey der König der Helden,

Stets ist er ohne die Tugend ein Knecht.

Dich wird in Zukunft, ein Volk, das Volk der Schmeichler belagern,

Die Pest der grossen und glücklichen Welt;

Doch, stolz auf wahres Verdienst, wirst du den Lobspruch verachten,

Den dir der Richter im Herzen versagt.

Von edler Absicht erfüllt, wird dich die Mühe nicht quälen,

Zu scheinen, was man doch wirklich nicht ist.

Von edler Absicht erfüllt, wirst du dir immerfort ähnlich

Und auch im kleinen noch liebenswerth seyn.

Der Ruhm, der Beyfall der Welt, ist der Verdienste Gefährte;

Doch heimlich folget die Eifersucht nach.

Wie wirst du, glücklicher Graf, einst diese Feindinn besiegen?

Durch Güte, wie sie dein Onkel besiegt.

Auf, Graf! bereichre dich itzt, itzt in dem Lenze der Jahre,

Mit allen Schätzen der Weisheit und Kunst.

Dein Rang, dein heller Verstand, dein edelfühlendes Herze,

Wie viel verspricht es der hoffenden Welt,

Dieß, in den Jahren des Kinds schon reifer denkender Jüngling,

Dieß bittet dich dein Verehrer und Freund.

Mein Lob ermuntre dein Herz! denn wenn sie keines verdienen,

So lob ich selber die Könige nicht.

An

Herrn

Johann Andreas Cramer;

bey seiner Verbindung.

O Freund, welch angenehm Gesichte,

Rührt meinen Geist, indem ich dichte;

Dein künftig Schicksal zeigt sich mir.

Ich sehe sich in lange Zeiten

Dein Leben und Verdienst verbreiten,

Und Glück und Tugend folgen dir.

Dich seh ich an Charlottens Seite

Nach vielen Jahren noch, wie heute,

Als Mann und Freund vergnügt mit ihr,

Und immer dich, bey treuen Küssen,

Vertraulich und empfindungsvoll,

Das Glück der Zärtlichkeit geniessen,

Von der nur wenig Herzen wissen,

Die nur ein Cramer singen soll.

So wie sich deine Jahre mehren,

Mehrt dein Verdienst sich um die Welt.

Stets seh ich dich Geschmack und Tugend lehren,

Und beides, wenn du schreibst, gefällt.

Dein Geist stürzt bald den Aberglauben,

Und bald das Laster von dem Thron,

Und rettet uns, was schlaue Spötter rauben,

Das größte, die Religion.

Dann merkt die Welt auf deine Gaben;

Und wenn sie sie nicht recht erkennt:

So scheut sie doch den Schimpf, den nicht belohnt zu haben,

Den man des Lohnes würdig nennt.

Sie schmücket dich mit neuen Ehren;[1]

Und du, erkenntlich gegen sie,

Entzückst sie, bald mit heilgen Chören,

Bald durch die Pracht der Homilie.

[1] Der Herr Oberhofprediger Cramer war damals noch Pastor in dem Dorfe

Crellwitz.

Allein noch eine schönre Scene

Nimmt mich in deinem Leben ein,

Da liebe Töchter, liebe Söhne,

Des edlen Vaters Herz erfreun.

Gesucht und oft umringt von ihnen,

Fühlst du die zärtlichste Gewalt;

Dieß redt mit Küssen, dieß mit Mienen,

Wenn jenes dir entgegen lallt;

Du aber überläßt dich ihnen.

Da seh ich dich recht menschlich schön,

Da seh ich Cramern, wie Racinen,[2]

In einem Kreis mit Kindern spielend gehn.

Charlotte kömmt, und von Charlotten

Läßt du dich gern der Kinderspiele spotten,

Und küssend giebt sie dir den Lohn;

Da streichelt dich, indem sie küßte,

Als ob er auch mit lieben müßte,

Auf ihrem Arm der zarte Sohn.

So ruhst du oft vom Fleisse schwerer Werke,

Und bist nur Vater für dein Haus;

Prüfst liebreich deiner Kinder Stärke

Und bildest ihre Herzen aus,

Und freust dich, wenn der Sohn erscheinet,

Der jung schon dich und deine Freunde liest,

Bey einer schönen Stelle weinet,

Und heimlich eifersüchtig ist,

Daß noch von ihm die Welt nichts liest.

[2] Der jüngre Racine in dem Leben seines Vaters:

_En présence même d'étrangers, il osoit être Pere: il étoit de tous nos

jeux: je me souviens de processions dans lesquelles mes soeurs étoient

le Clergé, j'étois le Curé, et l'auteur d'Athalie chantant avec nous,

portoit la croix. Memoires sur la vie de Jean Racine. p. 6._

Ja, lieber Cramer, wahre Freuden,

Ich weis es, wahre warten dein.

Und wär es gnug, es wieder zu bereun:

So würd ich gleich um eine dich beneiden.

Auf

Herrn Willens

Tod.

Du, dem ein weiser Gebrauch der Jugend, welche dich schmückte,

Das Ziel der glücklichsten Greise verhieß;

Der, würden Jahre verdient, sie durch sein Herze verdiente,

O Wille! Redliche weinen um dich!

Du stirbst, von Freunden beklagt, die mit unrühmlichen Thränen

Noch nie die Gabe des Mitleids entehrt.

Sie haben niemals geweint, als vor dem Grabe der Edlen,

Und von dem Reize der Tugend bewegt.

Aus allen klaget Ein Herz. So klagen zärtliche Brüder

Des jüngsten rühmlichen Bruders Verlust;

Sie sehn ihn blühend im Sarg, und rufen ängstlich: Ach Bruder!

Und Thränen reden das Uebrige fort.

Du stirbst, von Freunden verehrt, die selbst den Größten nicht ehren,

Wenn ohne Tugend der Purpur ihn schmückt.

O! Wille, seliger Freund! in welcher glücklichen Gegend,

In welchem Himmel frohlocket dein Geist?

Entrücket in das Gebiet der vielen tausendmal tausend,

Die sich in heiliger Wollust erfreun,

Wenn eine Seele noch mehr, gleich ihnen, glücklich geworden,

Wie viel, o Seliger, fühlest du da!

Dein Geist, der Unschuld geweiht, fand schon im sterblichen Leibe,

Schon hier in Freundschaft und Liebe sein Glück;

Und nun, vom Fleische getrennt, sieht er im göttlichen Lichte

Den Reiz der Tugend, und kennet sie ganz.

Er findt die Stimme bewährt, die hier im Herzen ihm sagte:

»Sey weis und gütig! Gott schuf dich dazu.

Du lebst, mit Freyheit begabt, hier in dem Lande der Prüfung,

Und Ewigkeiten erwarten dich dort.«

Er findt die Stimme bewährt, jauchzt himmlisch, daß er ihr folgte,

Da jauchzen Schaaren der Himmel mit ihm;

Er kömmt, geleitet durch sie, zum Thron des göttlichen Mittlers,

Fällt dreymal nieder, und betet ihn an.

Hier, hier verliert sich sein Blick im Glanz der Herrlichkeit Gottes;

Der Liebe Wunder eröffnen sich ihm.

So steht ein Jüngling erstaunt, dem, blind vom Leibe der Mutter,

Der Arzt die Binde vom Angesicht zieht.

Er sieht die Wunder der Welt mit starren Augen, und zittert.

Wo bin ich? ruft er, und zittert noch mehr.

Er sah die Sonne noch nicht; doch nun verläßt sie die Wolke,

Und unbeweglich bewundert er sie.

O Freund! glückseliger Freund! wir segnen deine Gebeine,

Und ehren ewig dein liebendes Herz.

Dich liebe, wer dich gekannt! dein Beyspiel lehre den Jüngling,

Damit er lebe, zu sterben, wie du!

Vor deinem Grabe sitz einst der Freunde künftige Nachwelt,

Und er, der Liebling des guten Geschmacks,

Bestreu mit Rosen dein Grab und sag aus deinen Gedichten

Die schönsten Stellen den Fühlenden vor!

Geistliche Oden und Lieder.

Vorrede.

Wenn die Sprache der Poesie vorzüglich geschickt ist, die

Einbildungskraft zu beleben, den Verstand auf eine angenehme Weise zu

beschäfftigen, und dem Gedächtnisse die Arbeit zu erleichtern; wenn sie

geschickt ist, das Herz in Bewegung zu setzen, und die Empfindungen der

Freude, der Liebe, der Bewunderung, des Mitleidens, des Schmerzes zu

erwecken, oder zu unterhalten: so ist es unstreitig eine grosse Pflicht

der Dichter, diese Kraft der Poesie vornehmlich den Wahrheiten und

Empfindungen der Religion zu widmen. Da überdieses der Gesang eine

grosse Gewalt über unsre Herzen hat, und von gewissen Empfindungen ein

eben so natürlicher Ausdruck ist, als es die Mienen und Geberden des

Gesichts sind: so sollte man der Religion besonders diejenige Art der

Poesie heiligen, die gesungen werden kann. Ich habe in den nachstehenden

Oden und Liedern diese Pflicht zu erfüllen gesucht. Habe ich sie mit dem

gehörigen Fleisse, und zugleich mit Glücke, ausgeübt; sind diese Gesänge

oder doch nur einige derselben, geschickt, die Erbauung der Leser zu

befördern, den Geschmack an der Religion zu vermehren und Herzen in

fromme Empfindungen zu setzen: so soll mich der glückliche Erfolg meines

Unternehmens mehr erfreuen, als wenn ich mir den Ruhm des größten

Heldendichters, des beredtesten Weltweisen aller Nationen, ersiegt

hätte. Scaliger sagt von einer gewissen Ode des Horaz, das er lieber der

Verfasser derselben, als König in Arragonien seyn möchte. Ich weis alte

Kirchengesänge, die ich mit ihren Melodien lieber verfertiget haben

möchte, als alle Oden des Pindars und Horaz. Man wird es mir nicht

zutrauen, daß ich die Meisterstücke des menschlichen Witzes verachte;

aber wenn es selbst die heidnischen Dichter für eine Pflicht, oder für

eine Ehre gehalten, die Poesie ihrer verderbten Religion zu widmen:

sollten sichs christliche Dichter zu keiner Pflicht, zu keiner Ehre

machen, für eine göttliche Religion zu dichten?

Vielleicht trägt die Geringschätzung, mit der die Welt auf ein

geistliches Lied herabsieht, nicht wenig zur Verabsäumung dieser Pflicht

bey. Aber sollen wir nur alsdann arbeiten, wenn der Ruhm und Beyfall der

Welt sich zu unsrer Belohnung darbeut? Ist die Erfüllung seiner Pflicht

nicht Ruhm genug, wenn auch alle Zungen der Menschen schwiegen? Ist der

Beyfall seines Gewissens nicht Ehre genug, wenn uns auch die ganze Welt

für einen fanatischen Geist ansähe? Sollte die grosse Absicht, Weisheit

und Tugend unter den Menschen auszubreiten, und die Ehre des Stifters

unsrer Religion zu verherrlichen, kein Ruhm seyn, da nach demselben

auch die Geister des Himmels, die so weit über uns erhaben sind, ringen?

Ist der Vorwurf eines kleinen und einfältigen Geistes, eines

Abergläubischen, oder Milzsüchtigen, den uns die Spötter machen können,

ist er, aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, nicht der erhabenste

Lobspruch für uns? Wer nicht groß genug ist, sich über diese falsche

Schande hinwegzusetzen, der ist des Glückes werth, nur den Beyfall der

Thoren und Leichtsinnigen zu haben.

Zu der Verachtung der geistlichen Gesänge überhaupt tragen unstreitig

die vielen schlechten Lieder dieser Gattung nicht wenig bey. Viele

wackere und fromme Männer haben es gewagt, geistliche Lieder zu dichten,

und ihren Eifer für die Geschicklichkeit zur Poesie angesehen. Aber wie

die Frömmigkeit demjenigen, dem es an Kenntnissen der Staatskunst

fehlet, nicht die Geschicklichkeit erteilen wird, in öffentlichen

Geschäfften glücklich zu arbeiten: so wird auch ein frommer Mann, bloß

darum, weil er fromm ist, noch nicht mit Glücke in der Poesie arbeiten,

wenn er mit ihren Regeln nicht bekannt und mit keinem poetischen Genie

begabt ist. Man kann ein sehr gutes Herz, auch Verstand und

Wissenschaft, und doch einen übeln Geschmack besitzen. Man kann sich

unnatürlich, unrichtig, abentheuerlich ausdrücken, wenn man von den

heiligen Wahrheiten in der Sprache der Poesie reden will; und man kann

es doch sehr gut meynen. Man kann wenn man, die Fesseln der Dichtkunst

zu tragen, und die Menge ihrer Schwierigkeiten zu überwinden, nicht

gewohnt ist, gezwungne, elende und frostige Lieder zur Andacht

verfertigen, und doch ausserdem ein guter, ja gar ein grosser Redner

seyn. Um desto mehr sollten diejenigen, die von der Natur die Gabe der

Poesie empfangen haben, dieses Geschenke der Religion heiligen, da es

nicht bloß auf unser gutes Herz, nicht bloß auf den Verstand und die

Gelehrsamkeit, ja selbst nicht auf die Beredsamkeit allein ankömmt, wenn

wir Gesänge der Religion verfertigen wollen.

Noch eine Ursache, warum wir vielleicht in unsern Tagen mehr für die

geistliche Poesie arbeiten sollten, ist diese, daß sich der Geschmack

der Dichtkunst und Beredsamkeit in unserm Jahrhunderte sehr geändert

hat. Vieles ist in der Sprache unsrer Väter, in ihrer Art zu denken,

erlaubt, gebräuchlich und unanstößig gewesen, das es in unsern Tagen

nicht mehr ist. Alle lebende Sprachen haben das Schicksal, daß sie sich

ändern, wenn gleich nicht stets verbessern; daß Wörter veralten und

ihren Werth verlieren, neue aufkommen und einen Werth erhalten, wenn er

auch nur willkührlich seyn sollte. Endlich, wenn die Sitten feiner

werden, so bekommen wir an einer nachläßigen, ungewählten und platten

Schreibart einen Ekel. Dieser Ekel erstreckt sich auch auf die

Schreibart in den Werken der Religion; und wir fangen an, oft die

Uebungen der Andacht geringe zu schätzen, oder zu verachten, weil die

Mittel, sie zu erwecken oder zu unterhalten, dem allgemeinen Geschmacke

nicht mehr gemäß sind. Ich will diesen Ekel nicht ganz billigen; aber

ich billige es auch nicht, daß man nicht eifriger ist, ihm vorzuwehren.

Haben wir nicht eine Menge guter alter Predigten, und warum druckt man

so viel neue mit Rechte? Der Geschmack in der Beredsamkeit hat sich

geändert und gebessert; und viele können die rauhe und unbearbeitete

Sprache und den sorglosen Ausdruck unsrer Väter nicht mehr dulden. Aus

eben diesem Grunde wird man auch in der geistlichen Poesie, wenigstens

wegen des gesittetern Theils unsrer Nation, neue Versuche wagen müssen;

ob es gleich gewiß bleibt, daß wir viel schöne Lieder haben, die in

hundert Jahren noch eben so verständlich und geistreich seyn werden, als

sie vor hundert oder zweyhundert Jahren waren. Wer diese verdrängt, um

nur neuere dafür unterzuschieben, der ist gegen unsre Väter undankbar,

und gegen die Erbauung, welche sie schaffen, unempfindlich. Viele alte

Lieder sind auch nur stellenweise verwerflich; und wäre zu wünschen, daß

die Verbesserung derselben weniger Schwierigkeiten ausgesetzet seyn

möchte. Ich glaube nicht, um nur ein Beyspiel anzuführen, daß unsre

Väter durch die Stelle des Abendliedes:

Oeffne deiner Güte Fenster,

Sende deine Wach herab,

Daß die schwarzen Nachtgespenster &c.

sind beleidiget worden; aber ich glaube, daß sie in unsern Tagen

beleidiget. Das Platte in der geistlichen Poesie ist weder die Schuld

unsrer Sprache, noch der Andacht. Luther hat in seinen herrlichen

Liedern die Sprache meistens glücklich gewählt, so entfernt er auch von

unsern Tagen gewesen ist. Es ist auch nicht die Härte der alten Sprache,

welche Leser von Geschmacke beleidiget, sondern das gezwungne, frostige,

abentheuerliche Harte; nicht die Versetzung der Wörter, sondern die

unnöthige und armselige Verwerfung. Man lese folgende Stelle:

Es ist ja, Herr, dein Geschenk und Gab,

Mein Leib, Seel und alls, was ich hab

In diesem armen Leben;

Damit ichs brauch zum Lobe dein,

Zum Nutz und Dienst des Nächsten mein,

Wollst mir deine Gnade geben!

Sie hat viel Hartes nach unsrer itzigen Mundart und uns ungewöhnliche

Verssetzungen; und dennoch, wer kann sie ohne Bewegung, ohne daß er

fühlt, wie seine Seele von Dank und Demuth durchdrungen wird, singen

oder lesen? Sie ist mehr werth, als ganze Bände neuer Lieder, die kein

andres Verdienst haben, als daß sie rein sind. Und warum ist diese

Stelle, ungeachtet ihrer Härte, so schön? Weil der Ausdruck stark und

kräftig, weil der Innhalt des Gedankens groß, und doch der Gedanke nicht

ausgedehnt ist; weil die Kürze und der Nachdruck das Harte

entschuldigen; weil die Versetzungen der Deutlichkeit nicht schaden,

sondern mehr die Aufmerksamkeit befördern.

Aus den guten geistlichen Gesängen, die wir haben, und überhaupt aus der

Natur derjenigen Gattung von Gedichten, die dem Gesange gewidmet sind,

ist es leicht, sich die Regeln von dieser Art der geistlichen Poesie zu

entwerfen. Es muß eine allgemeine Deutlichkeit darinne herrschen, die

den Verstand nährt, ohne ihm Ekel zu erwecken; eine Deutlichkeit, die

nicht von dem Matten und Leeren, sondern von dem Richtigen entsteht. Es

muß eine gewisse Stärke des Ausdrucks in den geistlichen Gesängen

herrschen, die nicht so wohl die Pracht und der Schmuck der Poesie, als

die Sprache der Empfindung, und die gewöhnliche Sprache des denkenden

Verstandes ist. Nicht das Bilderreiche, nicht das Hohe und Prächtige der

Figuren ist das, was sich gut singen und leicht in Empfindung verwandeln

läßt. Die Einbildungskraft wird oft so sehr davon erfüllt, daß das Herz

nichts empfängt. Es muß in geistlichen Liedern zwar die übliche gewählte

Sprache der Welt herrschen; aber noch mehr, wo es möglich ist, die

Sprache der Schrift; diese unnachahmliche Sprache, voll göttlicher

Hoheit und entzückender Einfalt. Oft ist der Ausdruck der Lutherischen

Uebersetzung selbst der kräftigste; oft giebt das Alterthum desselben

der Stelle des Liedes eine feyerliche und ehrwürdige Gestalt; oft werden

die Wahrheiten, Lehren, Verheissungen, Drohungen der Religion dadurch am

gewissesten in das Gedächtniß zurück gerufen, oder die Vorstellung davon

am lebhaftesten in unserm Verstande erneuert. Ja, oft können auch

selbst die Stellen und Ausdrücke der Schrift durch den Zusammenhang, in

den sie der Liederdichter bringt, eine Art von Commentario erhalten, der

für die Menge vielleicht sehr nöthig ist.

Es giebt eine doppelte Gattung der geistlichen Oden; zu der einen

gehören die Lehroden, zu der andern die Oden für das Herz. Wir benennen

sie so, nachdem mehr Unterricht, oder mehr Empfindung darinne herrschet.

Es wird also auch eine doppelte Schreibart dieser Oden geben. In den

Lehroden wird Deutlichkeit und Kürze vornehmlich herrschen müssen; in

der andern Gattung die Sprache des Herzens, die lebhafte, gedrungne,

feurige und doch stets verständliche Sprache. Das der Verstand in den

Liedern unterrichtet und genährt werde, ist eine sehr nothwendige

Pflicht, wenn man die unrichtigen Begriffe, die sich die Menge von der

Religion macht, den Mangel der Kenntniß in den Wahrheiten derselben, und

die täglichen Zerstreuungen bedenkt, unter denen unsre Einsicht in der

Religion, oft Sätze, oft Bestimmungen und Beweise, oft wenigstens den

Eindruck und die lebhafte Vorstellung davon verliert.

Die Lieder für das Herz, denen der Gesang vorzüglich eigen ist, müssen

so beschaffen seyn, daß sie uns alles, was erhaben und rührend in der

Religion ist, fühlen lassen; das Heilige des Glaubens, das Göttliche der

Liebe, das Heldenmüthige der Selbstverleugnung, das Grosse der Demuth,

das Liebenswürdige der Dankbarkeit, das Edle des Gehorsams gegen Gott

und unsern Erlöser, das Glück, eine unsterbliche, zur Tugend und zum

ewigen Leben erschaffne und erlöste Seele zu haben; daß sie uns die

Schändlichkeit des Lasters, das Thierische der Lüste und Sinnlichkeit,

das Niederträchtige des Geizes, das Kleine der Eitelkeit, das

Schreckliche der Wollust, mit einem Worte, die Reizungen der Tugend und

die Häßlichkeit des Lasters empfinden lassen; der Tugend, wie sie von

Gott geliebt, befohlen, zu unserm Glücke befohlen wird; des Lasters,

wie es vor Gott ein Aufruhr, für uns Schande, zeitliches Elend, ewige

Pein ist.

Da die geistlichen Gesänge nicht wie die andern Arten der Poesie das

Vergnügen zu ihrer Hauptabsicht haben: so soll man für den Wohlklang

weniger besorgt seyn, als für das Nachdrückliche und Kräftige. Das Ohr

leide bey einer kleinen Härte, bey einem abgerißnen e, bey einem nicht

ganz reinen Reime; wenn nur das Herz dabey gewinnt. Ein kleiner Fehler,

ohne den eine größre Schönheit nicht wohl erreicht werden kann, hört auf

an demselbigen Orte ein Fehler zu seyn. Dadurch will ich aber weder

meinen Freyheiten eine Schutzrede halten, noch junge Dichter in der

Nachläßigkeit des Wohlklanges und Versbaues bestärken. Genug, daß ich

die Pflichten der Ausbesserung bey diesen Gesängen eben so wenig

vergessen habe, als bey meinen übrigen Gedichten. Dieß Zeugniß, wenn ich

mirs nicht selbst geben darf, können mir doch meine Freunde geben.

Kommen in diesen Liedern hin und wieder ähnliche Ausdrücke und einerley

biblische Stellen vor: so rechtfertiget entweder der Innhalt diese

Freyheit, oder der Gedanke, daß Ein Lied für sich ein Ganzes ist, das

man in einer Sammlung, als von den andern abgesondert, betrachten muß.

Bey den meisten dieser Lieder habe ich auf Kirchenmelodien

zurückgesehen, von denen ich zu Ende des Werkes ein Verzeichniß

angehangen; und wie die Declamation des Redners seiner Rede das Leben

giebt, so giebt oft die Melodie erst dem Liede seine ganze Kraft. Vieles

wird durch den Gesang eindringender und sanfter, als es im Lesen war;

und viele Lieder müssen aus diesem Gesichtspunkte am meisten betrachtet

werden. Sind endlich die gegenwärtigen nicht alle im eigentlichen

Verstande zum Singen geschickt: so wird es doch genug Belohnung für mich

seyn, wenn sie sich mit Erbauung lesen lassen.

Leipzig, im Monat März, 1757.

Bitten.

Gott, deine Güte reicht so weit,

So weit die Wolken gehen;

Du krönst uns mit Barmherzigkeit,

Und eilst, uns beyzustehen.

Herr, meine Burg, mein Fels, mein Hort,

Vernimm mein Flehn, merk auf mein Wort;

Denn ich will vor dir beten!

Ich bitte nicht um Ueberfluß

Und Schätze dieser Erden.

Laß mir, so viel ich haben muß,

Nach deiner Gnade werden.

Gieb mir nur Weisheit und Verstand,

Dich, Gott, und den, den du gesandt,

Und mich selbst zu erkennen.

Ich bitte nicht um Ehr und Ruhm,

So sehr sie Menschen rühren;

Des guten Namens Eigenthum

Laß mich nur nicht verlieren.

Mein wahrer Ruhm sey meine Pflicht,

Der Ruhm vor deinem Angesicht,

Und frommer Freunde Liebe.

So bitt ich dich, Herr Zebaoth,

Auch nicht um langes Leben.

Im Glücke Demuth, Muth in Noth,

Das wollest du mir geben.

In deiner Hand steht meine Zeit;

Laß du mich nur Barmherzigkeit

Vor dir im Tode finden.

Danklied.

Du bists, dem Ruhm und Ehre gebühret;

Und Ruhm und Ehre bring ich dir.

Du, Herr, hast stets mein Schicksal regieret,

Und deine Hand war über mir.

Wenn Noth zu meiner Hütte sich nahte:

So hörte Gott, der Herr, mein Flehn,

Und ließ, nach seinem gnädigen Rathe,

Mich nicht in meiner Noth vergehn.

Ich sank in Schmerz und Krankheit danieder,

Und rief: O Herr, errette mich!

Da half mir Gott, der Mächtige, wieder,

Und mein Gebein erfreute sich.

Wenn mich der Haß des Feindes betrübte:

Klagt ich Gott kindlich meinen Schmerz.

Er half, daß ich nicht Rache verübte,

Und stärkte durch Geduld mein Herz.

Wenn ich, verirrt vom richtigen Pfade,

Mit Sünde mich umfangen sah:

Rief ich zu ihm, dem Vater der Gnade;

Und seine Gnade war mir nah.

Um Trost war meiner Seele so bange;

Denn Gott verbarg sein Angesicht.

Ich rief zu ihm: Ach Herr, wie so lange?

Und Gott verließ den Schwachen nicht.

Er half, und wird mich ferner erlösen.

Er hilft; der Herr ist fromm und gut.

Er hilft aus der Versuchung zum Bösen,

Und giebt mir zu der Tugend Muth.

Dir dank ich für die Prüfung der Leiden,

Die du mir liebreich zugeschickt.

Dir dank ich für die häufigern Freuden,

Womit mich deine Hand beglückt.

Dir dank ich für die Güter der Erden,

Für die Geschenke deiner Treu.

Dir dank ich; denn du hiessest sie werden,

Und deine Güt ist täglich neu.

Dir dank ich für das Wunder der Güte;

Selbst deinen Sohn gabst du für mich.

Von ganzer Seel und ganzem Gemüthe,

Von allen Kräften preis ich dich.

Erhebt ihn ewig, göttliche Werke!

Die Erd ist voll der Huld des Herrn.

Sein, sein ist Ruhm und Weisheit und Stärke;

Er hilft und er errettet gern.

Er hilft. Des Abends währet die Klage,

Des Morgens die Zufriedenheit.

Nach einer Prüfung weniger Tage

Erhebt er uns zur Seligkeit.

Vergiß nicht deines Gottes, o Seele!

Vergiß nicht, was er dir gethan.

Verehr und halte seine Befehle,

Und bet ihn durch Gehorsam an!

Das Gebet.

Dein Heil, o Christ, nicht zu verscherzen,

Sey wach und nüchtern zum Gebet!

Ein Flehn aus reinem guten Herzen

Hat Gott, dein Vater, nie verschmäht.

Erschein vor seinem Angesichte

Mit Dank, mit Demuth, oft und gern,

Und prüfe dich in seinem Lichte,

Und klage deine Noth dem Herrn.

Welch Glück, so hoch geehrt zu werden,

Und im Gebet vor Gott zu stehn!

Der Herr des Himmels und der Erden,

Bedarf der eines Menschen Flehn?

Sagt Gott nicht: Bittet, daß ihr nehmet?

Ist des Gebetes Frucht nicht dein?

Wer sich der Pflicht zu beten schämet,

Der schämt sich, Gottes Freund zu seyn.

Sein Glück von seinem Gott begehren,

Ist dieß denn eine schwere Pflicht?

Und seine Wünsche Gott erklären,

Erhebt dieß unsre Seele nicht?

Sich in der Furcht des Höchsten stärken,

In dem Vertraun, daß Gott uns liebt,

Im Fleiß zu allen guten Werken,

Ist diese Pflicht für dich betrübt?

C. F. Gellerts Sämmtliche Schriften Zweyter Theil · 第 3 / 8 段