Faßt euch! Bedenkt, daß ihr im Haus des Todes --

=Hedwig= (stürzt auf den Knaben).

Mein Wälty! O, er lebt mir!

=Walther Tell= (hängt an ihr).

Arme Mutter!

=Hedwig.=

Ist’s auch gewiß? Bist du mir unverletzt?

(Betrachtet ihn mit ängstlicher Sorgfalt.)

Und es ist möglich? Konnt’ er auf dich zielen?

Wie konnt’ er’s? O, er hat kein Herz -- er konnte

Den Pfeil abdrücken auf sein eignes Kind!

=Walther Fürst.=

Er that’s mit Angst, mit schmerzzerrissner Seele;

Gezwungen that er’s, denn es galt das Leben.

=Hedwig.=

O, hätt’ er eines Vaters Herz, eh’ er’s

Gethan, er wäre tausendmal gestorben!

=Stauffacher.=

Ihr solltet Gottes gnäd’ge Schickung preisen,

Die es so gut gelenkt --

=Hedwig.=

Kann ich vergessen

Wie’s hätte kommen +können+? -- Gott des Himmels!

Und lebt’ ich achtzig Jahr -- ich seh den Knaben ewig

Gebunden stehn, den Vater auf ihn zielen,

Und ewig fliegt der Pfeil mir in das Herz.

=Melchthal.=

Frau, wüßtet ihr, wie ihn der Vogt gereizt!

=Hedwig.=

O rohes Herz der Männer! Wenn ihr Stolz

Beleidigt wird, dann achten sie nichts mehr;

Sie setzen in der blinden Wuth des Spiels

Das Haupt des Kindes und das Herz der Mutter!

=Baumgarten.=

Ist eures Mannes Loos nicht hart genug,

Daß ihr mit schwerem Tadel ihn noch kränkt?

Für +seine+ Leiden habt ihr kein Gefühl?

=Hedwig=

(kehrt sich nach ihm um und sieht ihn mit einem großen Blick an).

Hast du nur Thränen für des Freundes Unglück?

-- Wo waret ihr, da man den Trefflichen

In Bande schlug? Wo war +da+ eure Hülfe?

Ihr sahet zu, ihr ließt das Gräßliche geschehn;

Geduldig littet ihr’s, daß man den Freund

Aus eurer Mitte führte -- Hat der Tell

Auch so an euch gehandelt? Stand er auch

Bedauernd da, als hinter dir die Reiter

Des Landvogts drangen, als der wüth’ge See

Vor dir erbrauste? Nicht mit müß’gen Thränen

Beklagt’ er dich, in den Nachen sprang er, Weib

Und Kind vergaß er und befreite dich --

=Walther Fürst.=

Was konnten wir zu seiner Rettung wagen,

Die kleine Zahl, die unbewaffnet war!

=Hedwig= (wirft sich an seine Brust).

O Vater! Und auch du hast ihn verloren!

Das Land, wir alle haben ihn verloren!

Uns allen fehlt er, ach, wir fehlen ihm!

Gott rette seine Seele vor Verzweiflung.

Zu ihm hinab ins öde Burgverließ

Dringt keines Freundes Trost -- Wenn er erkrankte!

Ach, in des Kerkers feuchter Finsterniß

Muß er erkranken -- Wie die Alpenrose

Bleicht und verkümmert in der Sumpfesluft,

So ist für ihn kein Leben als im Licht

Der Sonne, in dem Balsamstrom der Lüfte.

Gefangen! Er! Sein Athem ist die Freiheit;

Er kann nicht leben in dem Hauch der Grüfte.

=Stauffacher.=

Beruhigt euch! Wir Alle wollen handeln,

Um seinen Kerker aufzuthun.

=Hedwig.=

Was könnt +ihr+ schaffen ohne ihn? -- So lang

Der Tell noch frei war, ja, da war noch Hoffnung,

Da hatte noch die Unschuld einen Freund,

Da hatte einen Helfer der Verfolgte,

Euch Alle rettete der Tell -- Ihr Alle

Zusammen könnt nicht +seine+ Fesseln lösen!

(Der Freiherr erwacht.)

=Baumgarten.=

Er regt sich, still!

=Attinghausen= (sich aufrichtend).

Wo ist er?

=Stauffacher.=

Wer?

=Attinghausen.=

Er fehlt mir,

Verläßt mich in dem letzten Augenblick!

=Stauffacher.=

Er meint den Junker -- Schickte man nach ihm?

=Walther Fürst.=

Es ist nach ihm gesendet -- Tröstet euch!

Er hat sein Herz gefunden, er ist unser.

=Attinghausen.=

Hat er gesprochen für sein Vaterland?

=Stauffacher.=

Mit Heldenkühnheit.

=Attinghausen.=

Warum kommt er nicht,

Um meinen letzten Segen zu empfangen?

Ich fühle, daß es schleunig mit mir endet.

=Stauffacher.=

Nicht also, edler Herr! Der kurze Schlaf

Hat euch erquickt, und hell ist euer Blick.

=Attinghausen.=

Der Schmerz ist Leben, er verließ mich auch.

Das Leiden ist, so wie die Hoffnung, aus.

(Er bemerkt den Knaben.)

Wer ist der Knabe?

=Walther Fürst.=

Segnet ihn, o Herr!

Er ist mein Enkel und ist vaterlos.

(Hedwig sinkt mit dem Knaben vor dem Sterbenden nieder.)

=Attinghausen.=

Und vaterlos lass’ ich euch Alle, Alle

Zurück -- Weh mir, daß meine letzten Blicke

Den Untergang des Vaterlands gesehen!

Mußt’ ich des Lebens höchstes Maß erreichen,

Um ganz mit allen Hoffnungen zu sterben!

=Stauffacher= (zu Walther Fürst).

Soll er in diesem finstern Kummer scheiden?

Erhellen wir ihm nicht die letzte Stunde

Mit schönem Strahl der Hoffnung? -- Edler Freiherr!

Erhebet euren Geist! Wir sind nicht ganz

Verlassen, sind nicht rettungslos verloren.

=Attinghausen.=

Wer soll euch retten?

=Walther Fürst.=

Wir uns selbst. Vernehmt!

Es haben die drei Lande sich das Wort

Gegeben, die Tyrannen zu verjagen.

Geschlossen ist der Bund; ein heil’ger Schwur

Verbindet uns. Es wird gehandelt werden,

Eh noch das Jahr den neuen Kreis beginnt.

Euer Staub wird ruhn in einem freien Lande.

=Attinghausen.=

O, saget mir! Geschlossen ist der Bund?

=Melchthal.=

Am gleichen Tage werden alle drei

Waldstätte sich erheben. Alles ist

Bereit, und das Geheimniß wohlbewahrt

Bis jetzt, obgleich viel Hunderte es theilen.

Hohl ist der Boden unter den Tyrannen;

Die Tage ihrer Herrschaft sind gezählt,

Und bald ist ihre Spur nicht mehr zu finden.

=Attinghausen.=

Die festen Burgen aber in den Landen?

=Melchthal.=

Sie fallen alle an dem gleichen Tag.

=Attinghausen.=

Und sind die Edeln dieses Bundes theilhaftig?

=Stauffacher.=

Wir harren ihres Beistands, wenn es gilt;

Jetzt aber hat der Landmann nur geschworen.

=Attinghausen=

(richtet sich langsam in die Höhe, mit großem Erstaunen).

Hat sich der Landmann solcher That verwogen,

Aus eignem Mittel, ohne Hülf der Edeln,

Hat er der eignen Kraft so viel vertraut --

Ja, dann bedarf es unserer nicht mehr:

Getröstet können wir zu Grabe steigen,

Es lebt +nach+ uns -- durch andre Kräfte will

Das Herrliche der Menschheit sich erhalten.

(Er legt seine Hand auf das Haupt des Kindes, das vor ihm auf den

Knieen liegt.)

Aus diesem Haupte, wo der Apfel lag,

Wird euch die neue, bessre Freiheit grünen;

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,

Und neues Leben blüht aus den Ruinen.

=Stauffacher= (zu Walther Fürst).

Seht, welcher Glanz sich um sein Aug’ ergießt!

Das ist nicht das Erlöschen der Natur,

Das ist der Strahl schon eines neuen Lebens.

=Attinghausen.=

Der Adel steigt von seinen alten Burgen,

Und schwört den Städten seinen Bürgereid;

Im +Uechtland+ schon, im Thurgau hat’s begonnen,

Die edle +Bern+ erhebt ihr herrschend Haupt,

+Freiburg+ ist eine sichre Burg der Freien,

Die rege +Zürich+ waffnet ihre Zünfte

Zum kriegerischen Heer -- es bricht die Macht

Der Könige sich an ihren ew’gen Wällen --

(Er spricht das Folgende mit dem Ton eines Sehers -- seine Rede

steigt bis zur Begeisterung.)

Die Fürsten seh’ ich und die edeln Herrn

In Harnischen herangezogen kommen,

Ein harmlos Volk von Hirten zu bekriegen.

Auf Tod und Leben wird gekämpft, und herrlich

Wird mancher Paß durch blutige Entscheidung.

Der Landmann stürzt sich mit der nackten Brust,

Ein freies Opfer, in die Schaar der Lanzen!

Er bricht sie, und des Adels Blüthe fällt,

Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne.

(Walther Fürsts und Stauffachers Hände fassend.)

Drum haltet fest zusammen -- fest und ewig --

Kein Ort der Freiheit sey dem andern fremd --

Hochwachten stellet aus auf euren Bergen,

Daß sich der Bund zum Bunde rasch versammle --

Seyd einig -- einig -- einig --

(Er fällt in das Kissen zurück -- seine Hände halten entseelt noch

die Andern gefaßt. Fürst und Stauffacher betrachten ihn noch eine

Zeit lang schweigend, dann treten sie hinweg. Jeder seinem Schmerz

überlassen. Unterdessen sind die Knechte still hereingedrungen, sie

nähern sich mit Zeichen eines stillern oder heftigeren Schmerzens,

einige knien bei ihm nieder und weinen auf seine Hand; während

dieser stummen Scene wird die Burgglocke geläutet.)

=Rudenz= zu den =Vorigen=.

=Rudenz= (rasch eintretend).

Lebt er? O, saget, kann er mich noch hören?

=Walther Fürst=

(deutet hin mit weggewandtem Gesicht).

+Ihr+ seyd jetzt unser Lehensherr und Schirmer,

Und dieses Schloß hat einen andern Namen.

=Rudenz=

(erblickt den Leichnam und steht von heftigem Schmerz ergriffen).

O güt’ger Gott! Kommt meine Reu zu spät?

Konnt’ er nicht wen’ge Pulse länger leben,

Um mein geändert Herz zu sehn?

Verachtet hab’ ich seine treue Stimme,

Da er noch wandelte im Licht -- er ist

Dahin, ist fort auf immerdar und läßt mir

Die schwere, unbezahlte Schuld! -- O, saget!

Schied er dahin im Unmuth gegen mich?

=Stauffacher.=

Er hörte sterbend noch, was ihr gethan.

Und segnete den Muth, mit dem ihr spracht!

=Rudenz= (kniet an dem Todten nieder).

Ja, heil’ge Reste eines theuren Mannes!

Entseelter Leichnam! hier gelob’ ich dir’s

In deine kalte Todtenhand -- zerrissen

Hab’ ich auf ewig alle fremden Bande;

Zurückgegeben bin ich meinem Volk;

Ein Schweizer bin ich, und ich will es seyn

Von ganzer Seele -- --

(Aufstehend.)

Trauert um den Freund,

Den Vater Aller, doch verzaget nicht!

Nicht bloß sein Erbe ist mir zugefallen,

Es steigt sein Herz, sein Geist auf mich herab,

Und leisten soll euch meine frische Jugend,

Was euch sein greises Alter schuldig blieb.

-- Ehrwürd’ger Vater, gebt mir eure Hand!

Gebt mir die eurige! Melchthal, auch ihr!

Bedenkt euch nicht! O, wendet euch nicht weg!

Empfanget meinen Schwur und mein Gelübde.

=Walther Fürst.=

Gebt ihm die Hand. Sein wiederkehrend Herz

Verdient Vertraun.

=Melchthal.=

Ihr habt den Landmann nichts geachtet.

Sprecht, wessen soll man sich zu euch versehn?

=Rudenz.=

O, denket nicht des Irrthums meiner Jugend!

=Stauffacher= (zu Melchthal).

Seyd einig, war das letzte Wort des Vaters.

Gedenket dessen!

=Melchthal.=

Hier ist meine Hand!

Des Bauern Handschlag, edler Herr, ist auch

Ein Manneswort! Was ist der Ritter ohne +uns+?

Und unser Stand ist älter, als der eure.

=Rudenz.=

Ich ehr’ ihn, und mein Schwert soll ihn beschützen.

=Melchthal.=

+Der+ Arm, Herr Freiherr, der die harte Erde

Sich unterwirft und ihren Schooß befruchtet,

Kann auch des Mannes Brust beschützen.

=Rudenz.=

Ihr

Sollt +meine+ Brust, ich will die +eure+ schützen,

So sind wir Einer durch den Andern stark.

-- Doch wozu reden, da das Vaterland

Ein Raub noch ist der fremden Tyrannei?

Wenn erst der Boden rein ist von dem Feind,

Dann wollen wir’s in Frieden schon vergleichen.

(Nachdem er einen Augenblick inne gehalten.)

Ihr schweigt? Ihr habt mir nichts zu sagen? Wie?

Verdien’ ich’s noch nicht, daß ihr mir vertraut?

So muß ich wider euren Willen mich

In das Geheimniß eures Bundes drängen.

-- Ihr habt getagt -- geschworen auf dem Rütli --

Ich weiß -- weiß Alles, was ihr dort verhandelt,

Und, was mir nicht von euch vertrauet ward,

Ich hab’s bewahrt gleichwie ein heilig Pfand.

Nie war ich meines Landes Feind, glaubt mir,

Und niemals hätt’ ich gegen euch gehandelt.

-- Doch übel thatet ihr, es zu verschieben,

Die Stunde dringt, und rascher That bedarf’s --

Der Tell war schon das Opfer eures Säumens --

=Stauffacher.=

Das Christfest abzuwarten schwuren wir.

=Rudenz.=

Ich war nicht dort, ich hab’ nicht mitgeschworen.

Wartet ihr ab, ich handle.

=Melchthal.=

Wilhelm Tell(#77182) · 第 11 / 18 题