I. Epithelgewebe.

Bei allen komplizierter gebauten Organismen schließt sich die

Körpersubstanz gegen die Oberfläche ebenso wie gegen innere Hohlräume

durch ein fast nur aus mehr oder weniger primitiv gestalteten Zellen

zusammengesetztes Gewebe ab, das wir als ~Epithel~[61] bezeichnen.

Die Art der Zellen, die mit den verschiedensten, spezifischen

Einrichtungen versehen sein können, ihre Form und Zusammenlagerung

läßt die mannigfaltigsten Lösungen des Problems, die Körpersubstanz

abzuschließen, zu.

Weit verbreitet ist, besonders in der pathologisch-histologischen

Literatur, die besondere Unterscheidung des Begriffes Endothel.

Dieser Name ist etymologisch sinnlos (in der Brustwarze!);

auch läßt sich die Unterscheidung der Endothelien von anderen

Epithelien weder nach der Funktion, noch nach der Genese,

noch nach der morphogenetischen Leistung scharf absondern.

Es ist deshalb besser, statt von Kapillarendothelien, von

Kapillarepithelien zu sprechen und ebenso in den anderen Fällen

zu verfahren, in denen jetzt vielfach der Begriff Endothel

verwandt wird. In diesem Buche wird an den entsprechenden Stellen

erwähnt werden, wo von anderen Autoren der Begriff Endothel

gebraucht wird.

Immer erscheint es als eine Hauptaufgabe der Epithelien, den

Eigenbestand des Körpers an Flüssigkeiten zu erhalten; so sind überall

die Spalten, die zwischen den Zellen liegen, nach der Oberfläche zu

sorgfältig abgedichtet, so daß ein Flüssigkeits- und Stoffaustausch

vermutlich nur unter unmittelbarer Anteilnahme der Zellen möglich

ist. Für diese Stoffwanderung sind viele Epithelzellen besonders

eingerichtet. So sprechen wir von ~resorbierenden~ Epithelien, wenn die

Stoffwanderung ins Körperinnere, von ~sezernierenden~ Epithelien, wenn

sie nach der inneren oder äußeren Oberfläche des Körpers gerichtet

ist. Doch erfüllen auch diese besonders angepaßten Epithelien die

allgemeine Aufgabe aller Epithelien, das Körperinnere vor ungeregeltem

Säfteverlust zu schützen.

Die dichte Zellagerung, die diese Aufgabe erfordert, bewirkt eine

gegenseitige Formbeeinflussung der einzelnen Zellen. Von der Fläche

betrachtet, sind die Zellen aneinander gepaßt, wie die Steinchen in

einem Mosaik.

Doch gibt es keine Starrheit im Aufbau eines Epithels; die Zellen

sind zu andauernden Formveränderungen befähigt, was schon daraus

zu schließen ist, daß bei vielen Epithelien fortwährend Zellen

zugrunde gehen und durch neue ersetzt werden. Mit diesem Wechsel

sind immer wieder neue gestaltliche Anpassungen nötig.

Entsteht durch Verletzung eine Epithellücke, so wandern die am

Wundrand liegenden Epithelzellen unter aktiver Formveränderung

nach der Lücke hin und bedecken sie in kurzer Zeit.

[Illustration: Fig. 20a und b.

Schemata, um die Stoffwanderung in resorbierenden (A) und

sezernierenden (B) Epithelien darzustellen. Beachte die

Oberflächenvergrößerung des resorbierenden Epithels nach der freien

Oberfläche, diejenige des sezernierenden nach der Körpersubstanz zu.]

Nur an der freien Oberfläche bildet sich durch Differenzierung

häufig eine besondere Verdichtung des Zytoplasmas aus. Auch die

Verbindungsweise der Zellen weicht von derjenigen eines Mosaiks

stark ab; nicht eine besondere Kittsubstanz, sondern feinste

Zytoplasmafädchen, die sich zwischen benachbarten Zellen ausspannen,

bewirken das Haften der Zellen aneinander (~Interzellularbrücken~).

Diese sind sehr fein und nur schwer nachweisbar bei

einschichtigen Epithelien, kräftiger sind sie in allen

mehrschichtigen Epithelien, wo sie auch wegen der Weite der

Interzellularspalten (s. u.) leichter sichtbar sind. Bei sehr

fester Verbindung (Huf) verlaufen in den Interzellularbrücken

besondere Fasern, die eine Versteifung darstellen und durch

mehrere Zellen hindurch zu verfolgen sind (sog. Epithelfasern).

Ursprünglich waren wohl alle Epithelien ~einschichtig~ und

aus ~kubischen~, d. h. einigermaßen äquidimensionalen Zellen

zusammengesetzt (Fig. 21).

In einschichtigen Epithelien sind alle Zellen (d. h. einen Kern

enthaltenden Zytoplasmabezirke) mit der Unterlage in Verbindung.

[Illustration: Fig. 21.

Kubisches Epithel. Halbschematisch, unter Verwendung eines Schnittes

der Nierenpapille einer Katze. 500mal vergrößert. Technik Nr. 10,

S. 90.]

Eine starke Abflachung der Zellen eines einschichtigen Epithels ist in

der Regel mit einer besonderen Steigerung der Durchlässigkeit verbunden

(sogenanntes ~Plattenepithel~ in den Blutgefäßen, Lymphgefäßen,

Lungenalveolen, serösen Höhlen (Fig. 22) usw.). An manchen Stellen

(Lungenalveolen) verlieren die Zellen sogar ihre Zellkerne und werden

zu extrem dünnen »kernlosen Platten«. Nur an geschützten Stellen des

Körpers kann ein so dünnes Epithel ausgebildet werden.

Zwischen den Zellen finden sich häufig Lücken, sog. ~Stomata~,

die vermutlich beim Durchtreten sog. Lymphozyten entstehen, sich

aber wohl in der Regel langsam schließen, also vorübergehende

Bildungen darstellen.

[Illustration: Fig. 22.

Omentum majus halbschematisch. Durch Zellgrenzenfärbung (Technik,

S. 40) treten die Epithelschichten deutlich hervor, das Bindegewebe

ist nur am Schnittrand angedeutet. 500mal vergrößert.]

Eine viel größere Zahl von Zellen kann auf der gleichen Fläche

untergebracht werden, wenn die Zellen sich senkrecht zur

Flächenausdehnung des Epithels verlängern; hierdurch wird auch die der

freien Oberfläche zugewandte Zellfläche bedeutend verkleinert; zumeist

sind diese Epithelformen (sog. ~zylindrische~ oder ~prismatische~

Epithelien) an solchen Stellen ausgebildet, wo einerseits ein

Stoffaustausch notwendig, anderseits die Zellen vermehrten mechanischen

(Respirationstraktus, Darmtraktus (Fig. 23), Nebenhoden) oder

chemischen (Drüsenausführungsgänge) Reizen ausgesetzt sind. Damit mag

im Zusammenhang stehen, daß wir gerade bei prismatischen Epithelien

vielfach besondere Schutzanpassungen an der freien Oberfläche (s. u.)

und außerdem Anzeichen für eine relativ rasche Abnutzbarkeit der

Epithelzellen vorfinden.

Verschiedene Umstände müssen zusammengewirkt haben, um Epitheldecken zu

bilden, die aus mehreren Schichten von Zellen bestehen (~mehrschichtige

Epithelien~) vermehrte mechanische (Oberhaut, Mundhöhle, Ösophagus,

Vagina u. a.) oder chemische Reize (untere Harnwege), vermehrte Gefahr

der Austrocknung mögen dafür verantwortlich zu machen sein.

In mehrschichtigen Epithelien steht nur die basale Zellschichte

mit dem angrenzenden Gewebe in Verbindung. Die oberen

Zellschichten hängen nur unter sich und mit der basalen zusammen.

[Illustration: Fig. 23.

Epithel des Dünndarms der Maus, prismatisches Epithel, halbschematisch.

In der rechten Hälfte der Figur ist der Kutikularsaum weggelassen, um

das Schlußleistennetz zur Darstellung zu bringen. 1000mal vergrößert.

Technik Nr. 10, S. 90.]

Wahrscheinlich sind die geschichteten Epithelien, wenn nicht besondere

Einrichtungen hinzutreten, weniger durchlässig für Wasser und gelöste

Stoffe als einschichtige; anderseits sind die oberflächlichsten Zellen

solcher Epithelien durch ihre größere Entfernung von der ernährenden

Unterlage meist schlechter ernährt, so daß sie leicht absterben. Ersatz

für sie liefert immer die basal gelegene Schichte (Keimschichte des

Epithels). Die absterbenden Zellen der Oberfläche werden in vielen

Fällen in besonderer Weise nutzbar gemacht (Verhornung), (s. u. Haut).

An allen einschichtigen Epithelien sind drei funktionell verschieden

beanspruchte Zellflächen unterscheidbar: 1. die basale Fläche, die der

Befestigung dient und gleichzeitig zusammen mit 2. den Seitenflächen

für den Stoffaustausch der Epithelzellen in Betracht kommt, 3. die

freie Oberfläche, die die mannigfachsten Differenzierungen erkennen

läßt und so die Eigenart jeder Epithelform am deutlichsten zum Ausdruck

bringt.

Bei mehrschichtigen Epithelien betrifft die für die Funktion

wichtige Umwandlung der freien Oberfläche die Zellen der obersten

Lagen im ganzen Umfange, während die tieferen Zellen ihren

undifferenzierten Charakter bewahren.

Die ~Ernährung der Epithelzellen~ verlangt eine möglichst umfangreiche

Angrenzung der Zellen an die vom Gewebssaft durchtränkte Unterlage.

Diese ist bei platten Zellen ohne weiteres gegeben. Je kleiner

die basale Zellfläche wird (kubische, prismatische Zellen), um so

stärker müssen die Seitenflächen der Zellen vom Gewebssaft umspült

werden. Bei prismatischen Epithelien sind deshalb meist deutliche,

wenn auch feine Interzellularspalten vorhanden, die von feinen

zytoplasmatischen Interzellularbrücken durchsetzt werden. Diese

Spalten werden bei mehrschichtigen Epithelzellen besonders weit und

nun deutlich erkennbar, weil hier die oberen Zellenlagen in ihrem

ganzen Stoffwechsel auf die in den Spalten vorhandene Gewebslymphe

angewiesen sind. Damit diese nach außen nicht abfließen kann, sind die

Interzellularspalten nach der freien Oberfläche zu durch sogenannte

~Schlußleisten~ abgeschlossen, die, aus dichter Substanz bestehend,

anscheinend einen festen Abschluß gewähren. Von der Fläche gesehen,

bilden die Schlußleisten ein feines Netzwerk, das kleine, den

Zellumrissen entsprechende Polygone umschließt. Bei vielschichtigen

Epithelien wird ein Abfluß der Gewebslymphe vielfach durch die

umgewandelten oberen Zellagen verhindert, ohne daß ein besonderes

Schlußleistensystem zur Ausbildung gelangt.

[Illustration: Fig. 24.

Mehrschichtiges Plattenepithel der Vagina. 240mal vergrößert.

Technik Nr. 11, S. 90.]

Das Epithelgewebe besitzt, mit verschwindenden Ausnahmen, keine eigenen

Blutgefäße, ist also einzig und allein auf den Lymphstrom angewiesen.

Trotzdem kommt das Nahrungsbedürfnis der verschiedenen Epithelgewebe

oft sehr deutlich in der Anordnung der Blutgefäße, die bis an die

Epithelbasis heranreichen, zum Ausdruck, da Nahrungsstoffe nur auf dem

Blutwege in die Gewebssäfte gelangen können.

Die ~Haftung~ der Epithelien auf der Unterlage wird durch direkte

Zellverbindungen gewährleistet. Diese sind bei vielen geschichteten

Epithelien nicht nur bei den Epithelzellen unter sich nachzuweisen,

sondern auch nach dem Gewebe der Unterlage (dem sog. Bindegewebe) zu.

In vielen Fällen bilden sich ~Grenz-~ oder ~Basalmembranen~, mit deren

Hilfe die Haftung der Epithelien vervollkommnet wird. Solche Membranen

sind sowohl mit den Epithelzellen wie mit dem Stützgewebe verbunden und

an deren Grenze vermutlich durch Anteilnahme beider entstanden.

Die ~freie Oberfläche~ der Epithelien zeigt die allergrößte

Mannigfaltigkeit und bringt die Anpassungsfähigkeit der Zelle wie

kaum eine andere Gewebsform zum Ausdruck, selbst wenn wir uns auf die

für den menschlichen Organismus wichtigen Möglichkeiten beschränken.

~Schutzanpassungen~ spielen hier die größte Rolle. Je nach den

besonderen Aufgaben des Epithels wird der Schutz ganz verschiedenartig

gewährleistet.

Im einfachsten Falle bildet sich eine Krusta aus; sie dürfte stets eine

herabgesetzte Durchlässigkeit verursachen.

Unter Krusta versteht man eine derbere Grenzschichte des

Zytoplasmas, welche -- wie z. B. die nach innen nicht scharf

abgesetzte Brotkruste -- allmählich in das weichere Zytoplasma

übergeht.

Das Fehlen solcher Oberflächenverdichtungen in stark durchströmten

Epithelien (Hauptstückepithelien der Niere [s. Fig. 289], Synzytium der

Plazenta [s. Fig. 322]), gibt der Zelloberfläche oft ein gestreiftes

Aussehen (Bürstensaum). Kombiniert sich die Notwendigkeit einer starken

Durchströmung mit dem Schutzbedürfnis gegen mechanische Schädigung, so

kommt es zur Bildung eines von Poren durchsetzten ~Kutikularsaumes~

(Dünndarmepithel). Durch die Poren dieses Saumes können dünne

Zytoplasmafortsätze herausgestreckt und wieder eingezogen werden.

Schutz kann aber auch durch konstante, fadenförmige Anhänge geliefert

werden (~Stereozilien~[62]) im Nebenhodenepithel (s. Fig. 304) oder

endlich durch bewegliche solche Anhänge (Zilien und Flagellen[63]).

Mit ihrer Ausbildung sind in der Regel auch bestimmte zytoplasmatische

Veränderungen (Basalkörperchen, innere Fadengerüste) verknüpft.

Die Basalkörperchen sind feinste Zytoplasmaverdichtungen, die

auf der Zelloberfläche an der Basis jedes Wimperhärchens liegen.

Sie sollen das motorische Zentrum der Geißeln sein. Die Wimpern

schlagen geordnet meist in der Richtung nach der Außenwelt zu, so

daß sie kleine eingedrungene Verunreinigungen (der Atmungsluft

z. B.) aufzuhalten und wieder hinaus zu befördern imstande sind

(s. Technik Nr. 12, S. 90).

Die obersten Lagen mehrschichtiger Epithelien gehen andauernd zugrunde;

so findet man im Speichel, Harn, Vaginalsekret platte Zellen mit allen

Veränderungen, die für abgestorbene Zellen typisch sind. In Anpassung

an die austrocknende Wirkung der Luft bilden sich platte Zellen zu

Hornsubstanz um. Ähnliche Prozesse führen zur Ausbildung spezifischer

Bildungsprodukte des Oberhautepithels (Haare, Nägel, Federn), auf die

an dieser Stelle nur kurz hingewiesen werden kann.

Die Charakterisierung der Epithelien nach ihrer Zusammensetzung

aus Zellen bereitet in den einfacher gefärbten Präparaten

manchmal Schwierigkeiten, da die Zellgrenzen besonders in

dünneren Epithelien nicht deutlich erkennbar sind. Hier helfen

einmal Isolationen (s. S. 12) oder eine spezifische Färbung (s.

S. 40) der Zellgrenzen. Für die allermeisten Fälle genügt es, auf

die Form der Zellkerne zu achten, da diese sich derjenigen des

Zelleibes anpaßt; platte Zellen haben in der Regel linsenförmige,

kubische Zellen kugelförmige, prismatische Zellen ovoide bis

spindelförmige Zellkerne. Speziell in geschichteten sog.

Plattenepithelien sind gewöhnlich die oberen Zellen abgeflacht,

die mittleren äquidimensional, während die basalen Zellen

prismatische Formen besitzen.

Man unterscheidet der Form nach:

Lehrbuch der Histologie und der mikroskopischen Anatomie des Menschen, mit Einschluss der mikroskopischen Technik · 第 77 / 286 题