Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig / Sommer 1922
Copyright 1922 by Kurt Wolff Verlag A.-G., München
1.
Spiegelblank dehnte sich gestern das Meer, und auch heute breitet es
sich spiegelblank aus. _Indian Summer_ und Wärme liegen über der Insel
-- oh, wie warm und mild es ist! -- aber es scheint keine Sonne.
Viele Jahre sind vergangen, seit ich solchen Frieden um mich fühlte,
vielleicht zwanzig oder dreißig Jahre, vielleicht war es in einem
früheren Leben. Und doch muß ich schon einmal diesen Frieden verspürt
haben, da ich nun hier umhergehe und summe und entzückt bin und mich um
jeden Stein und jeden Halm kümmere, und diese wieder sich um mich zu
kümmern scheinen. Wir kennen uns.
Wenn ich auf dem überwucherten Weg in den Wald hineinschreite, bebt
mein Herz in einer unirdischen Freude. Ich werde an einen bestimmten
Platz an der Ostküste des Kaspischen Meeres erinnert, wo ich einmal
gestanden habe. Dort war es wie hier, und die See lag still und schwer
und stahlgrau da wie jetzt. Ich ging durch den Wald, wurde zu Tränen
gerührt und war hingerissen und sagte immerfort: Gott im Himmel, daß
ich wieder hierher kommen sollte!
Als sei ich schon früher einmal dort gewesen.
Aber vielleicht bin ich einmal aus einer anderen Zeit und aus einem
anderen Land, wo der Wald und die Wege die gleichen waren, dorthin
gekommen. Vielleicht war ich eine Blume im Wald, oder ein Käfer, der
auf einer Akazie saß und daheim war.
Und jetzt bin ich hierher gekommen. Vielleicht habe ich den langen Weg
als Vogel zurückgelegt. Oder ich war ein Kern in irgendeiner Frucht,
die ein persischer Kaufmann gesandt hat .....
Seht, jetzt bin ich fort vom Lärm und Gedränge der Stadt, von Zeitungen
und Menschen, vor all dem bin ich geflohen, weil mich das Land und die
Einsamkeit, aus denen ich gekommen war, wieder riefen. Du wirst sehen,
es geht gut! denke ich und hoffe das Beste. Ach, schon einmal früher
habe ich so die Flucht ergriffen, und bin dann doch wieder in die Stadt
zurückgekehrt. Und bin wieder geflohen.
Jetzt aber habe ich den festen Vorsatz, um jeden Preis Frieden zu
erlangen. Ich habe mich vorläufig hier in einer Hütte eingemietet, und
die alte Gunhild ist meine Hausfrau.
Die Vogelbeerbäume stehen mit reifen Korallenbeeren rings im Nadelwald,
in schweren Trauben fallen die Früchte schon dumpf zur Erde. Sie ernten
sich selbst und säen sich wiederum selbst, ein unglaublicher Überfluß
wird jedes Jahr verschwendet; an einem einzigen Baum zähle ich über
dreihundert Trauben. Und rings an den Abhängen stehen noch eigensinnige
Blumen, die durchaus noch nicht sterben wollen, obwohl ihre Zeit
eigentlich vorbei ist.
Aber auch die Zeit der alten Gunhild ist vorbei, und doch stirbt sie
nicht! Sie tut, als ginge der Tod sie nichts an. Wenn die Fischer
drunten am Strand arbeiten und die Fischreusen teeren oder die Boote
anstreichen, geht die alte Gunhild mit erloschenen Augen, aber mit dem
listigsten Kaufmannssinn zu ihnen hin:
Was kosten heute die Makrelen? fragt sie.
Das gleiche wie gestern, lautet die Antwort.
Dann könnt Ihr sie behalten!
Gunhild geht nach Hause.
Aber die Fischer wissen zu gut, daß Gunhild keine von denen ist, die
nur scheinbar heimgehen, sie ist schon öfters wieder in ihre Hütte
zurückgekehrt ohne sich umzusehen. Hallo! rufen sie ihr deshalb nach,
ein halbes Dutzend Makrelen habe heute sieben Stück, da sie eine alte
Kundschaft sei.
Da kauft Gunhild Fische ....
Rote Röcke und blaue Hemden und Unterzeug von ungeheurer Dicke hängen
an den Wäscheleinen; das alles ist von den alten Frauen der Insel, die
heute noch leben, gesponnen und gewebt worden. Aber auch die feinen
Hemden ohne Ärmel, in denen man so schön blau friert, hängen zum
Trocknen hier, und auch die lila Wolljacken, die man zu einem Strick
ausdehnen kann. Woher stammen diese Mißgebilde? Ja, die haben sich die
Töchter, die jungen Mädchen von heute in der Stadt verdient. Wenn man
sie vorsichtig und selten wäscht, halten sie zur Not einen Monat. Und
man fühlt sich so herrlich nackt darin, wenn die Löcher nach und nach
immer zahlreicher werden.
Dagegen sind die Schuhe der alten Gunhild kein Spielzeug. Von Zeit
zu Zeit wendet sie sich an einen gleichaltrigen und gleichgesinnten
Fischer und läßt sich Oberleder und Sohlen mit einem dicken Fett
einschmieren, gegen das alles Wasser machtlos ist. Ich sehe, wie diese
Schmiere am Strand gekocht wird, es ist Talg und Teer und Harz darin.
Als ich gestern auf dem durch die Ebbe freigelegten Strand
umherschlenderte und Treibholz und Muscheln und Steine betrachtete,
fand ich ein winziges Stück Spiegelglas. Wie es hergekommen ist,
verstehe ich nicht; aber es sieht ganz aus wie ein Irrtum oder wie eine
Lüge. Ein Fischer ist doch wohl kaum damit hergerudert, hat es hier
hingelegt und ist dann wieder fortgefahren. Ich ließ es liegen wo es
lag, es war dick und gewöhnlich und einfach, vielleicht stammte es von
der Scheibe einer Straßenbahn. Es gab einmal eine Zeit, da war das Glas
selten und flaschengrün, -- Gott segne die alte Zeit, da etwas selten
war!
Jetzt steigt aus den Fischerhütten an der Südspitze der Insel Rauch
auf. Es ist Abend, die Grütze wird gekocht. Und wenn das Essen verzehrt
ist, gehen die ehrbaren Leute zu Bett, um bei Tagesgrauen wieder
aufzustehen. Nur die unvernünftigen Jungen schleichen noch von Hütte zu
Hütte, ziehen die Zeit hinaus und wissen nicht, was zu ihrem eigenen
Besten dient.
2.
Heute morgen ging hier ein Mann an Land, er kam, um das Haus
anzustreichen. Da aber die alte Gunhild so uralt ist und von der Gicht
so geplagt wird, läßt sie ihn zuerst einige Tage lang Holz für den Herd
klein machen. Ich selbst habe ihr oft angeboten, dieses Holz zu hacken;
aber sie fand, daß ich zu feine Kleider habe, und wollte mir um keinen
Preis die Axt ausliefern.
Der fremde Maler ist ein kleiner, gedrungener Mann mit rotem Haar und
ohne Bart; ich beobachte ihn durch das Fenster bei seiner Arbeit, um
zu sehen, wie er es macht. Ich entdecke, daß er mit sich selbst redet,
schleiche aus dem Haus und lausche seinem Selbstgespräch. Wenn er
daneben hackt, bleibt er ganz geduldig und ruhig; stößt er sich aber
die Knöchel an, dann wird er ärgerlich und sagt Teufel! Teufelszeug!
worauf er sich dann plötzlich umsieht und zu summen anfängt, um zu
verbergen, was er gesagt hat.
Doch, ich erkenne den Maler wieder. Aber das ist, der Teufel hol’ mich,
kein Maler, es ist Grindhusen, einer meiner Kameraden vom Wegbau in
Skreia.
Ich gehe zu ihm hin, gebe mich zu erkennen und schwätze mit ihm.
Viele, viele Jahre ist es her, seit wir, Grindhusen und ich,
Wegarbeiter waren, es war in unserer grünen Jugend; in den kläglichsten
Schuhen tanzten wir die Wege entlang und verschlangen, was uns
unterkam, wenn wir überhaupt Geld hatten! Blieb uns aber außerdem noch
etwas übrig, dann gab es die ganze Samstagnacht hindurch Tanz für die
Mädchen, ein großer Schwarm unserer Arbeitsgenossen beim Wegbau hängte
sich an uns, und die Frau im Haus verkaufte Kaffee, daß sie reich davon
wurde. Dann arbeiteten wir wieder die ganze Woche hindurch mit Lust und
Liebe und sehnten uns nach dem Samstag.
Konnte er sich der Tage in Skreia erinnern?
Er sieht mich an und betrachtet mich und ist zurückhaltend, es dauert
eine kleine Weile, bis er sich mit mir an unsere Erlebnisse erinnern
will.
Doch, er erinnert sich an Skreia.
Und weißt du noch Anders Fila und die Spirale? Und erinnerst du dich an
Petra?
Welche von ihnen?
Petra, die deine Liebste war.
Ja, an die erinnere ich mich schon noch. Ich blieb schließlich an ihr
hängen.
Grindhusen beginnt wieder zu hacken.
So, du bliebst an ihr hängen?
Na ja freilich. Es sollte eben nicht anders sein. Was ich sagen wollte,
du hast dich offenbar tüchtig herausgemacht, soviel ich sehe?
Wieso? Die Kleider? Hast du denn nicht auch Sonntagskleider?
Was hast du dafür bezahlt?
Ich weiß es nicht mehr, aber es war nicht viel, ich könnte es nicht so
genau sagen.
Grindhusen sieht mich erstaunt an und lacht.
Weißt du nicht mehr, was du für die Kleider bezahlt hast? Dann wird er
ernst, schüttelt den Kopf und sagt: O nein, das weißt du wohl nicht
mehr. So ist es, wenn einer viel Geld hat.
Die alte Gunhild kommt aus der Stube, und da sie sieht, daß wir die
Zeit hier beim Hackstock verschwätzen, befiehlt sie Grindhusen, mit dem
Anstreichen zu beginnen.
Ja so, du bist jetzt Maler geworden, sagte ich.
Grindhusen antwortet nicht darauf, und ich verstehe, daß ich im Beisein
anderer etwas Ungeschicktes gesagt habe.
3.
Ein paar Stunden lang verkittet er die Risse und streicht an, und bald
steht die dem Meer zugewandte Nordseite der kleinen Hütte geputzt und
rot da. In der Mittagspause gehe ich mit einem Schluck Branntwein zu
Grindhusen hinaus, wir legen uns in die Wiese und schwätzen und rauchen.
Maler? Na, nicht gerade Maler, sagt er. Wenn mich einer fragt, ob ich
eine Hauswand anstreichen kann, dann kann ich es. Und fragt mich einer,
ob ich das und jenes kann, dann kann ich es auch. Da hast du aber
wirklich einen guten Branntwein.
Seine Frau und zwei seiner Kinder wohnten eine Meile weit weg,
jeden Samstag ging er zu ihnen heim; zwei von seinen Töchtern waren
erwachsen, die eine hatte geheiratet, und Grindhusen war bereits
Großvater. Wenn er nun Gunhilds Hütte zweimal angestrichen hatte,
sollte er auf den Pfarrhof gehen und einen Brunnen graben; es gab immer
etwas zu tun, bald da, bald dort in den Gemeinden. Und wenn der Frost
kam und der Winter begann, ging er entweder zum Holzfällen in die
Wälder, oder er legte sich daheim eine Zeitlang auf die faule Haut,
bis wieder irgendeine Arbeit für ihn auftauchte. Er hatte jetzt keine
größere Familie mehr, und es würde sich für morgen so gut ein Rat
finden wie für heute.
Wenn ich es nun erschwingen könnte, dann würde ich mir einiges
Maurerwerkzeug kaufen, sagte Grindhusen.
Bist du auch Maurer?
Na, nicht gerade Maurer. Aber wenn der Brunnen gegraben ist, dann muß
er ausgemauert werden, das ist klar ....
Wie gewöhnlich wandere ich über die Insel dahin und denke an allerlei.
Friede, Friede, ein himmlischer Friede schweigt mir hier von jedem Baum
im Walde entgegen. Es sind fast keine kleinen Vögel mehr da, nur einige
Krähen fliegen stumm von Ort zu Ort und setzen sich nieder. Und die
Vogelbeertrauben fallen schwer zu Boden und vergraben sich im Moos.
Er hat vielleicht recht, Grindhusen, es findet sich wohl für alles auch
morgen ein Rat, so gut wie heute. Seit zwei Wochen habe ich jetzt
keine Zeitung mehr gelesen, und ich lebe trotzdem, ich lebe, mache
große Fortschritte in meiner inneren Ruhe, singe, recke mich, stehe an
den Abenden barhäuptig da und betrachte den Sternenhimmel.
In den letzten achtzehn Jahren habe ich im Café gesessen und dem
Kellner eine Gabel zurückgegeben, wenn sie nicht ganz rein war; hier
bei Gunhild gebe ich keine Gabel zurück! Sahst du, wie Grindhusen --
sage ich zu mir selbst -- als er die Pfeife anzündete, sein Zündholz
bis aufs äußerste ausnützte und sich doch seine harten Finger nicht
verbrannte? Ich hatte beobachtet, wie eine Fliege auf seiner Hand lief,
er ließ sie laufen, vielleicht fühlte er es nicht. So soll ein Mann
gegen Fliegen sein ....
Am Abend nimmt Grindhusen das Boot und rudert fort. Ich schlendere
am Strand entlang, singe ein wenig, werfe Steine ins Meer und ziehe
Treibholz aus dem Wasser. Sterne und Mond stehen am Himmel. Nach
ein paar Stunden kommt Grindhusen zurück und hat ein vollständiges
Maurerwerkzeug im Boot. Das hat er sich irgendwo gestohlen, denke ich.
Jeder von uns nimmt seine Bürde auf die Schulter, und wir verstecken
das Werkzeug im Wald.
Dann ist es Nacht, und wir trennen uns für heute.
Am nächsten Nachmittag ist der Anstrich des Hauses fertig; um aber
die Arbeitszeit ganz auszufüllen, geht Grindhusen darauf ein, den
Rest der Zeit bis sechs Uhr Holz zu hacken. Ich nehme Gunhilds Boot
und rudere zum Fischen hinaus, um bei seinem Fortgehen nicht zugegen
zu sein. Fische fange ich keine, aber ich friere und sehe oft auf die
Uhr! Jetzt muß er wohl fort sein, denke ich und rudere gegen sieben Uhr
heim. Grindhusen ist schon drüben am Festland und ruft mir von dort aus
Lebewohl zu.
Ein warmer Strahl durchzuckte mich, es war, als riefe mich etwas aus
der Jugend, aus Skreia, ein Menschenalter zurückliegend.
Ich rudere zu ihm hinüber und frage:
Kannst du den Brunnen allein graben?
Nein, ich muß mir einen Mann dazu nehmen.
Nimm mich mit! sage ich. Warte hier, ich muß nur noch einmal zurück und
abrechnen.
Als ich in der Mitte des Sundes war, ruft mir Grindhusen nach:
Nein -- es wird Nacht für mich. Und dir ist es wohl auch nicht Ernst
damit?
Warte ein paar Minuten. Ich bin gleich wieder da.
Und Grindhusen läßt sich am Strand nieder. Er erinnert sich, daß ich
eine kleine Flasche besonders guten Branntwein habe.
4.
Wir kamen an einem Samstag auf den Pfarrhof. Grindhusen hatte mich nach
vielen Zweifeln endlich als Helfer mitgenommen, ich hatte Proviant und
Arbeitskleider gekauft und stand jetzt in Bluse und Schaftstiefeln an
Ort und Stelle. Ich war frei und unbekannt und bemühte mich mit langen
schweren Schritten zu gehen, -- Gesicht und Hände hatten schon vorher
etwas Proletarierhaftes gehabt. Wir sollten auf dem Pfarrhof wohnen;
das Essen konnten wir uns im Brauhaus kochen.
Dann begannen wir zu graben.
Ich tat meine Arbeit, und Grindhusen war mit mir zufrieden. Du bist
gewiß noch ein ganzer Kerl zur Arbeit, sagte er.
Nach einiger Zeit kam der Pfarrer zu uns heraus, und wir grüßten. Es
war ein älterer, milder Mann, der eine bedächtige Rede führte; um die
Augen hatte er einen Fächer von Falten wie von tausend gütigen Lächeln.
Er bat um Entschuldigung, die Hühner seien so schlimm und kämen jedes
Jahr in den Garten, ob wir nicht erst etwas an der Gartenmauer dort in
Ordnung bringen könnten?
Grindhusen antwortete: Freilich, da könne schon geholfen werden.
Wir gingen hinauf und setzten die eingefallene Gartenmauer instand, und
während wir damit beschäftigt waren, kam eine junge Dame heraus und sah
uns zu. Wir grüßten wieder, und ich fand sie wunderschön. Auch ein halb
erwachsener Junge kam heraus, sah zu und stellte seine vielen Fragen.
Die beiden waren wohl Geschwister. Die Arbeit ging so leicht, während
die jungen Leute dastanden und zusahen.
Dann wurde es Abend. Grindhusen ging heim, ich blieb hier. Nachts lag
ich auf dem Heu in der Scheune.
Am nächsten Morgen war Sonntag. Ich wagte nicht meine Stadtkleider
anzuziehen, da sie vielleicht zu fein für mich ausgesehen hätten,
sondern putzte meinen Anzug von gestern gut aus und trieb mich an
dem milden Sonntagmorgen auf dem Pfarrhof umher. Ich sprach mit den
Knechten und scherzte gleich ihnen mit einigen der Mädchen; als die
Kirchenglocken zu läuten begannen, ließ ich um ein Psalmenbuch bitten.
Der Sohn des Pfarrers brachte mir eines. Von dem größten der Knechte
lieh ich mir eine Jacke, sie war zwar etwas knapp, wenn ich aber die
Bluse und die Weste auszog, paßte sie ganz gut. Dann ging ich in die
Kirche.
Die innere Ruhe, die ich mir bei meinem Aufenthalt auf der Insel
erarbeitet hatte, erwies sich noch als ungenügend; als die Orgel zu
brausen begann, wurde ich aus meinem Gleichgewicht geworfen und war
nahe daran zu schluchzen. Halt dein Maul, das ist nur Neurasthenie!
sagte ich zu mir selbst. Ich hatte mich ziemlich abseits gesetzt und
verbarg meine Rührung so gut wie möglich. Sehr froh war ich, als der
Gottesdienst zu Ende war.
Nachdem ich mein Fleisch gekocht und Mittag gemacht hatte, wurde ich in
die Küche zum Kaffee eingeladen. Während ich dort saß, kam das junge
Fräulein von gestern herein, ich stand auf und grüßte, und sie dankte.
Sie war so nett, weil sie jung war, und sie hatte hübsche Hände. Als
ich gehen wollte, vergaß ich mich und sagte:
Tausend Dank für Ihre Liebenswürdigkeit, schöne Dame!
Erstaunt sah sie mich an, runzelte die Stirne und wurde nach und nach
glühend rot. Dann gab sie sich einen Ruck und verließ die Küche. Sie
war so jung.
Nun, das hatte ich gut gemacht!
Mißmutig schlich ich in den Wald hinauf und versteckte mich. Warum
hatte ich naseweiser Tor nicht geschwiegen! Ich banaler Schwätzer!
Die Häuser des Pfarrhofes lagen an einem kleinen Hang, von dessen Höhe
aus sich eine Hochfläche mit Wäldern und Rodungen ins Land hinein
erstreckte. Mir kam der Gedanke, daß der Brunnen eigentlich hier oben
gegraben und eine Leitung zu den Häusern von hier aus hinuntergelegt
werden müßte. Ich schätze die Höhe ab und bin überzeugt, daß das
Gefälle ausreicht; auf dem Heimweg schreite ich die ungefähre Länge
ab, es sind dreieinhalbhundert Fuß.
Aber was ging mich der Brunnen an! Daß ich nur nicht plötzlich wieder
den Fehler mache, gebildet zu sein, Beleidigungen zu sagen und mich
über meinen Stand zu erheben!
5.
Am Montag war Grindhusen zurück, und wir fingen an zu graben! Der alte
Pfarrer kam wieder zu uns heraus und fragte, ob wir ihm nicht am Weg
zur Kirche einen Pfosten aufmauern könnten. Er brauche den Pfosten, der
schon früher dort gestanden habe, aber vom Wind umgeworfen worden sei,
er benütze ihn, um Plakate und Bekanntmachungen daran anzuschlagen.
Wir stellten einen neuen Pfosten auf und gaben uns Mühe dabei, so daß
er kerzengerade dastand; als Dach setzten wir eine Kappe aus Zinkblech
darauf.
Während ich an dieser Blechkappe arbeitete, veranlaßte ich Grindhusen
vorzuschlagen, der Pfosten solle rot angestrichen werden; er hatte noch
rote Farbe von Gunhilds Haus übrig. Als der Pfarrer den Pfosten lieber
weiß haben wollte, und Grindhusen ihm nur nach dem Mund redete, wandte
ich dagegen ein, daß man die weißen Plakate auf rotem Grund besser
sehen würde. Da lächelte der Pfarrer mit den unzähligen Falten um die
Augen und sagte: Ja, da hast du recht.
Mehr bedurfte es nicht, dieses Lächeln und diese kleine Zustimmung
waren genug, mich innerlich stolz und froh zu machen.
Das junge Fräulein kam hinzu, richtete einige Worte an Grindhusen,
scherzte sogar mit ihm und fragte, was das für ein roter Kardinal sei,
den er hier aufstelle? Zu mir sagte sie nichts und sah mich auch nicht
an, als ich grüßte.
Das Mittagessen war eine harte Prüfung. Nicht weil das Essen nicht gut
genug war, aber Grindhusen aß die Suppe so häßlich, und um den Mund
glänzte er von Speck.
Wie wird er wohl die Grütze essen? dachte ich hysterisch.
Als Grindhusen sich auf der Bank zurücklehnte, und es den Anschein
hatte, daß er in diesem fetten Zustand seine Mittagsrast halten wolle,
rief ich ihm einfach zu: Aber so wisch dir doch den Mund ab, Mensch!
Er sah mich an, fuhr sich dann mit der Hand über die Lippen. Den Mund?
fragte er.
Ich mußte den Eindruck wieder verwischen und sagte: Hoho, jetzt
hab ich dich schön zum Narren gehalten, Grindhusen! Aber ich war
unzufrieden mit mir und verließ sogleich das Brauhaus.
Das junge Fräulein möchte ich übrigens so weit bringen, daß sie mir
dankt, wenn ich grüße, dachte ich; sie soll in kurzer Zeit darüber
aufgeklärt werden, daß ich ein Mann von Kenntnissen bin. Da war z.
B. dieser Brunnen mit der Wasserleitung, -- wie, wenn ich nun mit
einem vollständigen Plan hervortreten würde! Mir fehlte nur noch ein
Meßapparat, um das Gefälle vom Gipfel der Anhöhe zu bestimmen, und
ich begann an diesem Apparat zu arbeiten. Ich konnte mich mit einer
Holzröhre behelfen, wenn ich zwei gewöhnliche Lampenzylinder daran
festkittete und dann das Ganze mit Wasser füllte.
Immer mehr Kleinarbeiten gab es auf dem Pfarrhof, eine Treppenstufe
sollte gerichtet werden, eine Grundmauer nachgesehen; und als die
Kornernte eingebracht werden sollte, mußte die Auffahrt zur Scheune
instandgesetzt werden. Der Pfarrer hielt darauf, daß alles in guter
Ordnung war, und uns konnte es ja gleich sein, da wir im Tagelohn
arbeiteten. Aber je länger es dauerte, desto unbehaglicher fühlte ich
mich in der Gesellschaft meines Kameraden. Daß er z. B. das Brot gegen
die bloße Brust stemmte und mit einem fetten Taschenmesser, das er
häufig ableckte, davon herunterschnitt, verursachte mir große Pein;
dazu kam, daß er sich die ganze Woche hindurch, von Sonntag zu Sonntag,
niemals wusch. Am Morgen, noch ehe die Sonne kam, und am Abend, wenn
sie untergegangen war, hing ihm ein blanker Tropfen an der Nase. Und
Nägel hatte er! Und seine Ohren waren so häßlich!
Ach, ich war ein Emporkömmling, der in Caféhäusern gelernt hatte fein
zu sein.
Da ich mich nicht enthalten konnte, die Unreinlichkeit meines Kameraden
zu bekritteln, schuf ich eine wachsende Mißstimmung zwischen uns, und
ich fürchtete, daß wir uns eines Tages trennen würden. Wir sprachen nur
das Notwendigste miteinander.
Der Brunnen war immer noch ungegraben. Der Sonntag kam, und Grindhusen
war heimgegangen.
Ich hatte nun mein Peilrohr fertig, und so stieg ich am Nachmittag auf
das Dach des Hauptgebäudes und befestigte dort meinen Apparat. Ich sah
sofort, daß die Peilung mehrere Meter unterhalb des Gipfels auf die
Anhöhe traf. Gut. Wenn ich nun auch noch einen ganzen Meter bis zum
Wasserspiegel im Brunnen abzog, würde doch Druck im Überfluß vorhanden
sein.
Während ich dalag und peilte, wurde ich vom Sohne des Pfarrers
entdeckt. Er hieß Harald Meltzer. Was ich da oben treibe. Den Hang
vermessen, warum das? Wozu müsse ich die Höhe wissen? Laß mich auch
messen!
Später nahm ich eine Leine von zehn Metern und maß den Hang von
oben bis unten aus. Harald half mir dabei. Als wir wieder zum Hof
hinunterkamen, meldete ich mich beim Pfarrer und trug ihm meinen Plan
vor.
6.
Geduldig hörte mir der Pfarrer zu und wies mich nicht sofort ab.
Ach wirklich! sagte er und lächelte. Ja, vielleicht. Aber es wird sehr
viel kosten. Und warum sollen wir es eigentlich machen?
Bis zu dem Brunnen, den wir zu graben angefangen haben, sind es siebzig
Schritte. Siebzig Schritte, die die Mädchen bei jedem Wetter Sommer wie
Winter gehen müssen.
Ja, das ist wahr. Aber es wird ein Vermögen kosten.
Abgesehen von dem Brunnen, den Sie auf jeden Fall haben müssen, wird
die Leitung mit Röhren und Arbeit nicht mehr als zweihundert Kronen
kosten, sagte ich.
Der Pfarrer rückte näher.
Nicht mehr?
Nein.
Ich wartete ein wenig mit jeder Antwort, als sei ich von Natur aus so
bedächtig und sei so geboren; aber ich hatte mir das Ganze schon lange
vorher ausgedacht.
Es wäre eine große Erleichterung, sagte der Pfarrer nachdenklich. Der
Wasserzuber in der Küche macht ja wirklich viel Schmutz.
Und all das Wasser, das in die Schlafzimmer gebracht werden muß.
Nun, die Schlafzimmer hätten ja doch keinen Vorteil davon. Die sind im
ersten Stock.
Wir legen die Leitung bis in den ersten Stock hinauf.
Was? In den ersten Stock? Hätten wir denn genug Druck?
Hier wartete ich noch länger mit der Antwort und machte mich ganz
schwer vor Zuverlässigkeit.
Ich glaube, ich kann dafür einstehen, daß der Wasserstrahl bis über das
Hausdach hinaufgeht, antwortete ich.
Nein, was du sagst! rief der Pfarrer aus. Komm, laß mich sehen, wo du
den Brunnen anlegen willst.
Wir begaben uns den kleinen Hügel hinauf, der Pfarrer, Harald und ich.
Ich ließ den Pfarrer mit meinem Apparat peilen und überzeugte ihn
davon, daß der Druck mehr als stark genug sein würde.
Ich werde mit deinem Kameraden darüber sprechen, sagte er.
Da antwortete ich und untergrub dabei Grindhusens Ansehen:
Nein, davon versteht der nichts.
Der Pfarrer sah mich an.
Ist das wahr? fragte er.
Wir gingen wieder hinunter. Der Pfarrer redete gleichsam vor sich hin:
Du hast schon recht, es ist ein ewiges Wassertragen im Winter. Ja, im
Sommer eigentlich auch. Ich werde mit meiner Familie darüber sprechen.
Er ging hinein.
Ungefähr zehn Minuten verstrichen, dann wurde ich an die Haupttreppe
gerufen, wo die ganze Familie des Pfarrers versammelt war.
So, du willst uns also eine Wasserleitung legen? meinte seine Frau
freundlich.
Ich grüßte langsam und bedächtig mit meiner Mütze, und der Pfarrer
antwortete für mich: Ja, das sei der Mann.
Das Fräulein warf mir einen neugierigen Blick zu und begann sofort mit
Harald zu flüstern. Die gnädige Frau fuhr fort mich auszufragen: Würde
das wirklich eine Leitung werden wie in der Stadt, wo man an einem Hahn
drehe und wo dann das Wasser käme? Und gleich bis in den ersten Stock?
Zweihundert Kronen? Ich finde, das solltest du machen! wandte sie sich
zu ihrem Mann.
Ja, wirklich! Kommt, dann gehen wir noch einmal hinauf und peilen alle
miteinander.
Wir gingen auf die Anhöhe, ich stellte das Rohr ein und ließ sie alle
peilen.
Wie merkwürdig ist das! fand die gnädige Frau.
Die Tochter sagte kein Wort.
Der Pfarrer fragte:
Aber gibt es hier denn auch Wasser?
Sehr verständig antwortete ich, daß es schwierig sei, dies mit
Sicherheit zu sagen! Aber es ließen sich gute Anzeichen dafür
feststellen.
Was für Anzeichen? fragte die gnädige Frau.
Die Beschaffenheit des Erdbodens hier. Außerdem wächst hier sowohl
Weide wie Erle. Und die Weide will naß haben.
Der Pfarrer nickte und sagte:
Er versteht seine Sache, der Bursche, Marie.
Auf dem Heimweg war die gnädige Frau auf dem unhaltbaren Standpunkt
angelangt, sie könne, wenn sie die Wasserleitung ins Haus bekäme, eines
der Mädchen entbehren. Um sie nicht im Stich zu lassen, bemerkte ich:
Besonders vielleicht im Sommer. Und das Bewässern des Gartens würde
durch eine Wasserschlange besorgt, die man durch das Kellerfenster
führen könne.
Nein, hast du so etwas gehört! rief sie aus.
Und noch wagte ich nicht von einer Wasserleitung bis zum Stall zu
sprechen. Die ganze Zeit hatte ich daran gedacht, daß die Stallmagd,
wenn man den Brunnen doppelt so groß graben und einen Seitenarm der
Leitung bis zum Stall legen würde, die gleiche Erleichterung haben
könnte, wie die Köchin. Aber das mußte die Kosten ungefähr verdoppeln.
Es war nicht ratsam, einen so großen Plan zu entwerfen.
Schon wie die Sache jetzt stand, mußte ich darauf eingehen, auf
Grindhusen zu warten. Der Pfarrer sagte, er wolle erst noch einmal
darüber schlafen.
7.
Nun mußte ich meinen Kameraden darauf vorbereiten, daß der Brunnen
oben auf der Anhöhe gegraben werden sollte. Um ihn nicht mißtrauisch
zu machen, schob ich alle Schuld auf den Pfarrer, er sei zuerst darauf
gekommen, ich aber hätte ihn bei diesem Plan unterstützt. Grindhusen
war zufrieden, er erfaßte sofort, daß das Ganze mehr Arbeit für uns
bedeutete, da wir nun auch einen Graben für die Leitung herstellen
mußten.
Es traf sich so glücklich, daß der Pfarrer am Montag früh mit
folgenden, halb scherzhaften Worten sich an Grindhusen wandte:
Dein Kamerad und ich haben beschlossen, den Brunnen da oben auf der
Anhöhe zu graben und eine Leitung herunterzulegen, was sagst du zu
diesem verrückten Plan?
Ja, Grindhusen fand dies eine sehr gute Idee.
Als wir aber länger darüber sprachen und die Stelle besahen, wo der
Brunnen angelegt werden sollte, schöpfte Grindhusen den Verdacht, ich
hätte mehr mit dem Plan zu tun, als ich zugeben wollte. Er meinte, der
Graben für die Leitung müsse wegen des Frostes sehr tief sein --
Einen Meter dreißig, höchstens, unterbrach ich ihn!
-- und daß es eine teure Sache werden würde.
Alles in allem ein paar hundert Kronen, meint dein Kamerad, erwiderte
der Pfarrer.
Grindhusen verstand sich nicht im geringsten auf Berechnungen und
konnte deshalb nur sagen:
Ja ja, zweihundert Kronen sind ja auch ein schönes Geld.
Ich meinte:
Da braucht der Herr Pfarrer weniger zu vergüten, wenn er einmal
fortkommt.
Vergüten? Ich gehe von hier nicht fort, sagte er.
Dann wird der Herr Pfarrer hoffentlich ein langes Leben hindurch Freude
an der Wasserleitung haben, entgegnete ich.
Da sah mich der Pfarrer an und fragte:
Wie heißt du?
Knut Pedersen.
Wo bist du her?
Aus dem Nordland.
Ich aber begriff, warum mir diese Fragen gestellt wurden, und nahm mir
vor, nicht mehr in solchen Romanausdrücken zu reden.
Jedoch -- der Brunnen und die Leitung wurden beschlossen, und wir
gingen an die Arbeit ...
Jetzt kamen viele ganz lustige Tage. Zuerst war ich sehr gespannt, ob
sich an der betreffenden Stelle Wasser finden würde, und einige Nächte
lang schlief ich schlecht. Als aber diese Spannung vorbei war, gab es
nur noch angenehme und ungestörte Arbeit. Wasser war hier genug; nach
ein paar Tagen mußten wir es jeden Morgen mit Eimern ausschöpfen. Der
Grund war lehmig, und wir beschmutzten uns sehr in der weichen Grube.
Als wir eine Woche lang geschafft hatten, fingen wir an, Steine für die
Mauer zu sprengen; mit dieser Arbeit waren wir beide von Skreia her
vertraut. Dann gruben wir wieder eine Woche lang und waren endlich tief
genug. Das Erdreich war so weich, daß wir nun sofort mit dem Ausmauern
beginnen mußten, um das Einfallen der Lehmwände zu verhindern, die uns
sonst leicht hätten verschütten können.
So gruben wir und sprengten und mauerten, und Woche auf Woche verging.
Es wurde ein großer Brunnen und war eine wohlgelungene Arbeit; der
Pfarrer war zufrieden. Grindhusen und ich kamen wieder in ein besseres
Verhältnis zueinander, und als er erfuhr, daß ich keinen höheren Lohn
haben wolle als den eines guten Handlangers, obwohl ich bei dieser
Arbeit oftmals der Leiter war, wollte auch er mir wieder etwas Gutes
tun und fing an, sich bei den Mahlzeiten besser zu benehmen. Schöner
als jetzt kann ich es nicht mehr haben, und niemals würde mich jemand
wieder in die Stadt locken können, dachte ich mir.
Am Abend schlenderte ich durch den Wald oder ging auf den Friedhof, las
die Inschriften auf den Gräbern und dachte allerhand. Ich suchte auch
einen Nagel von einer Leiche. Ich brauchte diesen Nagel, es war eine
Einbildung von mir, eine kleine ausgemachte Spielerei. Ich hatte eine
schöne Birkenwurzel gefunden, aus der ich einen kleinen Pfeifenkopf
in Form einer geballten Faust schnitzen wollte; der Daumen sollte den
Deckel bilden, und ich wollte einen Nagel einsetzen, um ihn recht
lebensgetreu zu machen. Um den Ringfinger wollte ich einen kleinen
goldenen Ring biegen.
Durch solche Spielereien wurde mein Kopf gesund und ruhig. Es gab
keine Hast mehr in meinem Leben, und ich versäumte nichts mit meinen
Träumereien, die Abende gehörten mir. Wenn möglich wollte ich auch
versuchen, mir das Gefühl für die Heiligkeit der Kirche und die Furcht
vor den Toten anzueignen; aus weit, weit zurückliegender Zeit entsann
ich mich noch dieser tiefen und inhaltsreichen Mystik und wollte wieder
daran teilhaben. Vielleicht würde es, wenn ich den Nagel fand, aus den
Gräbern rufen: Der gehört mir! Worauf ich ihn schreckerfüllt fallen
lassen und davonlaufen würde.
Nein, wie doch der Wetterhahn schreit, konnte Grindhusen mitunter sagen.
Hast du Angst?
Nicht eigentlich Angst; aber es schaudert mich bei der Nacht, wenn ich
daran denke, daß ich so nahe bei den Leichen schlafe.
Glücklicher Grindhusen!
Harald lehrte mich einmal, Tannen und Gesträuch zu pflanzen. Ich hatte
diese Kunst noch nicht gekannt, in meiner Schulzeit war das noch nicht
Brauch gewesen; nachdem ich aber das Verfahren gelernt hatte, wurde ich
an den Sonntagen ein fleißiger Pflanzer. Als Gegenleistung lehrte ich
Harald allerhand Neues für sein Alter, und wir wurden gute Freunde.
8.
Alles hätte jetzt gut gehen können, wenn das junge Fräulein nicht
gewesen wäre. Mit jedem Tag wurde ich verliebter in sie. Sie hieß
Elischeba, Elisabet. Sie war vielleicht keine besondere Schönheit,
aber sie hatte einen roten Mund und einen blauen Jungmädchenblick,
der sie schön machte. Elischeba, Elisabet, du bist gerade im ersten
Morgendämmern, und deine Augen haben die Welt erspäht. Als du eines
Abends mit Jung-Erik vom Nachbarhof sprachst, waren deine Augen von
Reife und Zärtlichkeit erfüllt ....
Grindhusen aber hatte es leicht. In jungen Tagen war er wie ein Wolf
hinter den Mädchen her gewesen, und noch jetzt ging er umher, blähte
sich aus alter Gewohnheit auf und trug den Hut schief. Aber er war ganz
zahm und still geworden, wie das auch zu erwarten war; das war der Lauf
der Natur. Doch nicht alle folgten dem Lauf der Natur und wurden zahm,
wie würde das mit diesen enden? Und da war die kleine Elisabet, die
übrigens nicht klein war, -- sie hatte die Größe ihrer Mutter. Und
auch die gewölbte Brust ihrer Mutter ....
Seit dem ersten Sonntag war ich nicht mehr zum Kaffee in die Küche
eingeladen worden, und das war mir auch recht so, und ich trug selbst
dazu bei. Noch war ich beschämt. Endlich aber kam eines der Mädchen
mitten in der Woche mit dem Bescheid zu mir, ich solle nicht jeden
Sonntagnachmittag in den Wald gehen, sondern zum Kaffee kommen. Die
gnädige Frau wünsche es so.
Gut.
Sollte ich meine Staatskleider anziehen? Es konnte vielleicht nicht
schaden, wenn das junge Mädchen eine kleine Ahnung davon bekam, daß ich
aus eigenem Antrieb dem Stadtleben entsagt hatte und mir das Aussehen
eines Knechtes gab, daß ich aber im Grunde ein technisches Talent sei
und Wasserleitungen anlegen könne. Als ich aber angezogen war, hatte
ich selbst das Gefühl, daß der Arbeitsanzug besser zu mir passe. Da zog
ich die Staatskleider wieder aus und packte sie in mein Bündel.
Wer mich aber in der Küche empfing, das war tatsächlich nicht das
Fräulein, sondern die gnädige Frau. Sie unterhielt sich lange mit mir
und hatte unter meine Kaffeetasse ein weißes Tuch gelegt.
Das Kunststück mit dem Ei kommt uns schön teuer, sagte sie und lachte
gutmütig. Der Junge hat jetzt schon ein halbes Dutzend Eier vertan.
Mit dem Kunststück verhielt es sich so: ich hatte Harald gelehrt,
ein abgeschältes hartes Ei durch den Hals einer Karaffe zu treiben,
indem man die Luft in der Karaffe verdünnte. Das waren ungefähr meine
einzigen physikalischen Kenntnisse.
Aber das Experiment mit dem Stock, der in zwei Papierschlingen hängt
und abgeknickt wird, ist besonders lehrreich, sagte die gnädige Frau
weiter. Ich verstehe nicht viel von diesen Dingen, aber .... Wann wird
der Brunnen fertig?
Der Brunnen ist fertig. Wir fangen morgen mit dem Graben an.
Wie lange wird das dauern?
Eine Woche. Dann kann der Rohrleger kommen.
Nein wirklich!
Ich bedankte mich und ging hinaus. Die gnädige Frau hatte eine
Gewohnheit, die sie sicherlich aus früheren Jahren noch behalten hatte:
sie sah einen hie und da von der Seite an, obwohl das, was sie sagte,
durchaus nicht hinterhältig war ....
Nun gilbte da und dort ein Blatt im Wald, und Luft und Erde rochen
herbstlich. Nur die Pilze standen noch zahlreich in den Wäldern,
überall schossen sie auf und wuchsen schön und dick auf runden Stielen.
Steinpilze gab es und Champignons und Reizker. Hie und da zeigte auch
ein Fliegenschwamm seinen gesprenkelten Hut und stand in leuchtend
roter Farbe da. Ein merkwürdiger Schwamm! Er wächst auf dem gleichen
Boden wie die eßbaren Schwämme, nährt sich von der gleichen Erde und
empfängt gleichermaßen Sonne und Regen vom Himmel herab, er ist fett
und fest und schmeckt gut -- nur daß er voll frechen Muscarins ist. Ich
wollte einmal ein altes herrliches Märchen vom Fliegenschwamm erfinden
und sagen, ich hätte es in einem Buch gelesen.
Immer habe ich mit Interesse den Kampf ums Dasein aller Blumen und
Insekten beobachtet. Wenn die Sonne warm war, erwachten sie wieder zum
Leben und gaben sich einige Stunden lang der alten Freude hin; die
großen, kräftigen Fliegen waren genau so lebendig wie mitten im Sommer.
Es gab hier eine eigene Art von Erdflöhen, die ich vorher noch nicht
gesehen hatte. Sie waren klein und gelb, nicht größer als ein Komma in
Petitschrift, aber sie hüpften viel tausendmal weiter als sie selbst
spannen konnten. Welch ungeheure Kräfte hatte doch so ein kleines
Geschöpf im Verhältnis zu seiner Größe! Hier läuft eine kleine Spinne
mit einem Hinterteil, das wie eine hellgelbe Perle aussieht. Diese
Perle ist so schwer, daß das Tier mit dem Rücken nach unten an den
Halmen emporklettern muß. Wenn es auf Hindernisse stößt, über die es
die Perle nicht hinüberziehen kann, läßt es sich einfach hinunterfallen
und beginnt an einem neuen Halm. Eine solche Perlen-Spinne ist keine
Spinne und damit Punktum. Wenn ich ihr ein Laubblatt hinhalte, um ihr
zu festem Boden zu verhelfen, tastet sie eine Weile das Blatt ab und
findet dann: Nein, da stimmt etwas nicht. Worauf sie vor einer solchen
Fallgrube, wie sie in diesem Boden vermutet, rücklings zurückweicht ....
Ich höre, daß im Wald unten mein Name gerufen wird. Harald ist es,
er will seine Sonntagsschule mit mir halten. Er hat mir etwas von
Pontoppidan zu lernen aufgegeben und will mich jetzt überhören. Es
rührt mich, die Religion wieder so verkündigt zu hören, wie ich sie
selbst in meiner eigenen Kindheit verkündet haben würde.
9.
Der Brunnen war fertig, der Graben ausgehoben und der Rohrleger
gekommen. Er wählte sich Grindhusen zum Helfer aus, und ich wurde
angestellt, den Weg für die Rohre vom Keller bis hinauf in die zwei
Stockwerke des Hauses zu bahnen.
Eines Tages, während ich unten im Keller am Graben arbeitete, kam die
Pfarrerin zu mir herunter. Ich rief ihr zu, sie möge sich vorsehen,
aber sie ließ sich nicht stören. Hier ist doch kein Graben? fragte sie
und deutete auf eine Stelle. Und hier wohl auch nicht? Schließlich
trat sie doch fehl, glitt aus und rutschte in den Graben zu mir herab.
Da standen wir. Es war nicht hell bei uns, und für sie, die aus dem
Tageslicht kam, war es ganz dunkel. Sie tastete den Graben ab und sagte:
Wie kann ich jetzt wieder hinaufkommen?
Ich hob sie hinauf. Das war nicht schwer, sie war so schlank, obwohl
sie die Mutter eines großen Mädchens war.
Das muß ich sagen, rief sie und schüttelte die Erde von ihrem Kleid
ab, das war eine rasche Abfahrt ... Du mußt mir einmal im ersten Stock
bei etwas behilflich sein, willst du? Aber wir müssen warten, bis mein
Mann im Annex ist, er liebt Veränderungen nicht. Wann werdet Ihr hier
auf dem Hof fertig?
Ich nannte eine Zeit, eine Woche oder so.
Wohin werdet Ihr von hier aus gehen?
Auf den Nachbarhof. Grindhusen hat zugesagt, dort Kartoffeln
auszugraben .....
Dann ging ich in die Küche hinauf und sägte mit einer Stichsäge ein
Loch in den Boden. Fräulein Elisabet mußte, während ich mit Sägen
beschäftigt war, ebenfalls etwas in der Küche erledigen und, obwohl sie
einen Widerwillen gegen mich empfand, überwand sie sich, sprach einige
Worte zu mir, blieb stehen und sah ein wenig bei der Arbeit zu.
Stell dir vor, Oline, wenn du nur noch einen Hahn aufzudrehen brauchst!
sagte sie zu dem Mädchen.
Aber Oline, die schon alt war, sah keineswegs entzückt aus. Es sei
sündhaft, das Wasser bis in die Küche zu führen, fand sie. Zwanzig
Jahre lang habe sie das nötige Wasser ins Haus getragen, was sollte sie
dann jetzt tun?
Dich ausruhen, meinte ich.
Ausruhen? Der Mensch ist doch wohl zum Arbeiten geschaffen.
Und an deiner Aussteuer nähen, sagte das Fräulein lächelnd.
Das war jungmädchenhaft gesprochen, aber ich war ihr dankbar, weil sie
an unserem gemeinsamen Gespräch teilnahm und eine Zeitlang in der Küche
blieb. O Gott, wie gewandt wurde ich, und wie treffend sprach ich und
führte mich wie ein Junger auf. Ich weiß es heute noch gut. Plötzlich
aber schien Fräulein Elisabet darüber nachzudenken, daß es sich nicht
für sie schicke, noch länger bei uns zu bleiben, und sie verließ uns.
Am Abend ging ich wieder, wie schon früher so oft, auf den Friedhof;
als ich aber sah, daß das Fräulein schon vor mir dort war, trollte ich
mich fort und ging in den Wald. Nachher dachte ich: Jetzt wird sie
sicher ganz gerührt sein über meine Bescheidenheit und wird sagen:
Der Ärmste, das war nun ein feiner Zug von ihm! Dann fehlte nur noch,
daß sie mir in den Wald nachkommen würde. Überrascht würde ich mich
dann von meinem Stein erheben und grüßen. Dann würde sie etwas verlegen
werden und sagen: Ich ging hier nur vorbei -- es ist ein so schöner
Abend -- was treibst du hier? Ich sitze nur so da, antworte ich und
komme mit meinen unschuldigen Augen gleichsam von weit her. Und wenn
sie hört, daß ich am späten Abend nur so dasitze, dann begreift sie,
daß ich eine tiefe Seele und ein Träumer bin, und dann verliebt sie
sich in mich ....
Auch am nächsten Abend war sie auf dem Friedhof, und der eitle Gedanke
flog mir durch den Kopf: sie geht mir nach! Als ich aber näher zu
ihr hinsah, zeigte es sich, daß sie an einem Grab beschäftigt war.
Sie war mir also nicht nachgegangen. Ich schlich mich wieder zu dem
großen Ameisenhaufen im Wald und beobachtete die Tiere, solange ich
sehen konnte; später saß ich da und hörte zu, wie die Tannenzapfen und
Vogelbeertrauben zur Erde fielen. Ich summte, flüsterte und dachte,
dann und wann mußte ich aufstehen und der Kälte wegen ein wenig auf und
ab gehen. Die Stunden vergingen, die Nacht kam, ich war ganz verliebt,
ging barhäuptig und ließ mich von den Sternen anstarren.
Wie spät ist es? konnte Grindhusen fragen, wenn ich in die Scheune kam.
Elf Uhr, erwiderte ich dann. Obwohl es oft schon zwei und drei Uhr
morgens war.
Findest du endlich, daß es Zeit ist, schlafen zu gehen? Ach, zum
Teufel, weckt einen der Mensch, wenn man gerade so schön eingeschlafen
ist!
Grindhusen wirft sich auf die andere Seite herum und schläft gleich
wieder ein. Grindhusen hatte es leicht.
Ach, wie sich doch ein bereits alternder Mann zum Narren macht, wenn er
verliebt ist. Und wollte nicht gerade ich das Exempel statuieren, daß
es möglich sei, Ruhe und Frieden zu finden?
10.
Ein Mann kam und verlangte sein Maurerwerkzeug zurück. Wie --
Grindhusen hatte es also nicht gestohlen! Wie langweilig und
mittelmäßig war alles an Grindhusen, nichts an ihm rund und
abgeschlossen, nichts an ihm eigenartig.
Ich sagte:
Du bestehst nur aus lauter Essen und Schlafen und Arbeiten, Grindhusen.
Da ist nun ein Mann da und will das Werkzeug holen. Du hast es dir also
nur ausgeliehen, du Armer.
Dummkopf, sagte Grindhusen beleidigt.
Und wie schon so manches frühere Mal besänftigte ich ihn wieder, indem
ich darüber hinwegging und lachte.
Was sollen wir jetzt tun! sagte er.
Ich wette, du weißt es, antwortete ich.
Ich weiß es?
Ja. Wenn ich dich recht kenne.
Und Grindhusen war wieder versöhnt.
Als ich ihm aber in der Mittagspause das Haar schnitt, beleidigte ich
ihn abermals, weil ich ihm riet, sich den Kopf zu waschen.
Daß ein so bejahrter Kerl wie du so verrückt sein kann, sagte er.
Und Gott weiß, ob Grindhusen nicht recht hatte! Er hatte noch sein
ganzes rotes Haar auf dem Kopf, obwohl er Großvater war .....
Fing es denn jetzt an in der Scheune zu spuken? Wer war plötzlich eines
Tages dagewesen und hatte alles geordnet und es gemütlich gemacht?
Wir hatten jeder unsere eigene Liegestatt, Grindhusen und ich, ich
hatte mir zwei Decken gekauft, er dagegen schlief jede Nacht in allen
Kleidern, wie er ging und stand, er bohrte sich nur irgendwo ins Heu
hinein. Seit nun meine beiden Decken schön hingelegt waren, sah mein
Lager einem Bette täuschend ähnlich. Ich hatte nichts dagegen; da
wollte mir wohl eines der Mädchen gute Sitten beibringen. Mir konnte
das ja gleich sein.
Nun sollte ich im ersten Stock die Löcher in den Boden sägen, aber
die gnädige Frau bat mich, bis zum nächsten Tag zu warten; der
Pfarrer reise da in die Annexgemeinde und würde auf diese Weise
nicht durch mich gestört. Als aber der nächste Morgen kam, wurde
es wieder verschoben, Fräulein Elisabet stand fertig da und wollte
zum Landhändler gehen und große Einkäufe machen, und ich sollte sie
begleiten, um alles zu tragen.
Gut, sagte ich, ich werde nachkommen.
Das seltsame Mädchen! Hatte sie sich denn entschlossen, meine
Begleitung zu dulden? Sie sagte:
Aber findest du denn den Weg allein?
Ja freilich. Ich bin früher schon da gewesen, wir kaufen unsere
Lebensmittel dort.
Da ich in meinem lehmigen Arbeitsanzug nicht gut durch das ganze Dorf
gehen konnte, schlüpfte ich in meine Staatshose, behielt jedoch die
Bluse an. So begab ich mich auf den Weg. Es war über eine halbe Meile
weit; im letzten Viertel sah ich Fräulein Elisabet hie und da vor mir,
aber ich achtete darauf, daß ich ihr nicht zu dicht auf den Fersen war.
Einmal drehte sie sich um; da machte ich mich winzig klein und drückte
mich an den Waldrand.
Das Fräulein blieb im Ort bei einer Freundin zurück und ich kam gegen
Mittag mit den Waren nach Hause. Ich wurde eingeladen, in der Küche
zu essen. Das Haus war wie ausgestorben; Harald war fort, die Mädchen
mangten Wäsche, nur Oline war in der Küche beschäftigt.
Nach dem Mittagessen ging ich in den Gang im ersten Stock hinauf und
begann zu sägen.
Komm hier herein und hilf mir ein wenig, sagte die Pfarrerin und ging
vor mir her.
Wir kamen durch das Arbeitszimmer ihres Mannes und gelangten in das
Schlafzimmer.
Ich möchte mein Bett umstellen, sagte die Pfarrerin. Es steht im Winter
zu nah am Ofen, da ist es zu warm.
Wir rückten das Bett zum Fenster hin.
Glaubst du nicht, daß es hier besser sein wird? kühler? fragte sie.
Ich sah sie zufälligerweise an, sie hatte ihren schiefen Seitenblick.
Oh! Und mein Fleisch und Blut machten mich ganz dumm, ich hörte sie
sagen: