Die Antwort war eine Zusage gewesen. Soeben brauste der Zug, mit dem R.
eintreffen sollte, auf der kleinen Bahnstation heran. »Da bin ich!« rief
es, und ein etwas hagerer Oberlieutenant mit tadellosem Schnurrbart und
eleganter Taille stürzte aus dem Coupé in die Arme des älteren Bruders.
Dieser war ein wetterfester Landwirt. Kleine Ohren, dicker Hals,
geschorener Kopf, mächtiger Bart -- eine joviale Erscheinung.
»Grüß dich Gott! Das ist schön, daß du kommst! Das will ich dir hoch
anrechnen. Ich weiß, du bringst ein Opfer!«
»Unsinn!« schnarrte der Offizier. »Manöver waren anstrengend heuer, bin
froh, bei dir auszulenzen.«
»Es soll dich nicht gereuen!« rief jener verheißungsvoll.
Der Kutscher besorgte das Gepäck. Nackte Kniee, Gemsbart am Hut waren
seine Livree. Man bestieg das Steirerwägelchen.
»Vorwärts, Loisl!« befahl sein Herr. »Wir fahren in unseren Graben.«
Thaleinwärts lag sein kleines Gut, das er vor Jahr und Tag gekauft, sein
Bruder aber nun erst betreten sollte. Es war ein Prachttag, der da zur
Neige ging. Ein glühender Himmel lag über dem herbstlichen Thal. Bunte
Bäume, wehendes Laub und hoch droben der Wald -- dem Auge bot sich eine
schöne Landschaft in ihrem schönsten Moment.
Doch Rudolf schien das Gespann mehr zu interessieren.
»Diese kleinen, gedrungenen Gebirgspferde! Das sind Haflinger, nicht
wahr?«
»Freilich! Die Kerle klettern wie Gemsen, laufen wie Hunde und sind
genügsam wie Esel.«
Bei jeder Biegung wechselte das Bild, eines folgte dem anderen, eines
schöner wie das andere.
»Schau den lichten Riesen dort,« sagte der Gutsherr, »das ist der
Hochschwab.«
»So, so!« Das war der ganze Enthusiasmus des jungen Offiziers, doch um
so lebhafter erkundigte er sich: »Hast du Nachbarschaft? Junge Damen?
Verkehrst du viel? Oder hausest du nur mit deinen Hirschen?«
»Wir haben reizende Almerinnen,« lautete die Auskunft, »in der Regel
zwischen vierzig und sechzig und appetitlich wie das Alpenvieh.«
Rudolf dankte schönstens.
»Mit Eroberungen schaut es also schlecht aus,« meinte er.
»Ach was!« tröstete der Bruder. »Schau dich lieber um!«
Doch Berge, Fabriken, Köhlereien, Bach und Mühlen existierten nun einmal
nicht für den Offizier.
»Wenig guter Wald,« bemerkte er.
»Leider Gottes!« seufzte der Gutsherr. »Aber die Bauern wirtschaften
nicht anders, bis der letzte Baum weg ist. Bei mir schaut es schon besser
aus. Ich lass' den Wald schön anwachsen und habe meine Freude dran, und
das Wild hat seinen Einstand.«
»Apropos,« unterbrach ihn Rudolf, »hast du einen guten Tropfen im
Keller?«
»Außer Sorge! Du trinkst mich nicht trocken. Schau die Sägemühle!«
Wie sie sich im Abendrot schön ausnahm! Auf dünnen Pfosten stand das
Dach, Baumstämme und Bretter lagen durcheinander, und zwischen ihnen
hob und senkte sich die eintönig rastlose Säge. Eine Hühnerschar
schwadronierte zwischen den Bretterhaufen.
»Ja, selbst ein unwohnlich Holzgerüst kann entzücken, wenn es eine
Sägemühle ist inmitten dunkler Berge!« meinte der Gutsherr.
Nun kam das Dorf, die Dorfkirche mit dem Wetterhahn, das Pfarrhaus,
die Schule. »Vierklassig,« bemerkte er. Hunde bellten, Kinder liefen
auseinander, das Hühnervolk machte sich aus dem Staub. Der Gast wurde
ungeduldig.
»Sind wir bald am Ziel?«
»Sobald wir um die Ecke biegen. So, da siehst du schon meine Keusche.«
Wilder Wein deckte die Mauer, die Fenster blinkten. Es gab auch eine
Seitenfaçade. Das Gitterthor stand weit auf.
»Aber das ist ja ein wahres Schloß!«
»Nein!« rief der Gutsherr, »nur eine Jagdhütte!«
Seine Hunde kamen auf ihn zugesprungen; er präsentierte sie:
»Dieser Dackel -- kusch dich, Bergmann! -- ist ein famoser Brakirer und
hier der Lux --«
»Schweißhund, was?«
»Ja, ausgezeichneter Kerl. Verbellt tot -- ein ganzer Professor. Guten
Abend, Pachmayer, da bring' ich unseren Jagdgast!«
Pachmayer war Förster und Verwalter zugleich, ein treuer Diener,
wohlgenährt, mit rotem Gesicht, rötlichem Bart, ein braver Kerl Rot in
Rot. Er sah ganz dumm aus vor Freude.
»Also, wie steht's, Herr Verwalter? Gute Aussichten?« fragte Rudolf.
»Alles in schönster Ordnung, Herr Oberlieutenant!« lautete der Rapport.
»Die Hirsche röhren, daß es hallt, sind in der größten Hitze. Wetter
prachtvoll. Vollmond. Barometer steht ausgezeichnet.«
»Famos! famos! Aber komm' ich auch zum Schuß?«
»Mehr als einmal. Wir haben sechs sichere.«
Doch der Hausherr drängte zur Einkehr.
»Halten wir uns nicht auf. Komm jetzt, komm! Das alles wird bei Tisch
erledigt. Sie, Pachmayer, sind unser Gast!«
In der Wohnstube bot er dem Bruder ein Gläschen Cognac als Willkommtrunk.
»Prost!« Nun aber wünschte dieser in sein Quartier geführt zu werden.
»Aha, du willst dich schön machen!« lachte der Landwirt. In der That,
geschniegelt und gebügelt erschien Rudolf wieder, mit =Eau de Cologne=
besprengt und in behaglichster Stimmung.
»Wie geschmackvoll du eingerichtet bist!« staunte er. »Was ist denn das
für ein Holz mit den schwarzen Asteln?«
»Zirbel, mein Lieber,« explicierte der Hausherr, nicht minder vergnügt.
Es sah aber auch traulich aus in seinen vier Wänden: Die Büchsen im
Glasschrank, der mächtige Tisch, der Kachelofen und der mit Fuchsfellen
bedeckte, großmächtige Divan.
»Kolossal schneidig!« versicherte der Gast. »Wenn Küche ebenso gut,
dann freut es mich, denn ich habe einen Höllenhunger! -- Wie, schon
geheizt?«
Das war ihm recht. Er warf sich auf die Ofenbank und besah sich die
Jagdtrophäen.
»Ach, der schöne Auerhahn! Prachtexemplar! Selbst geschossen?«
»Natürlich, wie alles, was du siehst.«
»Wunderbare Exemplare! Und alles auf deinem Revier erlegt? Alle Achtung!
Nun aber zu Tisch!«
»Gleich, gleich,« hieß es vom Büchsenschrank her. »Willst du dir nicht
eine Kugelbüchse aussuchen?«
»Nachher, nachher.«
»Frau Pachmayer, ist das Essen schon fertig?« fragte laut rufend der
Hausherr, doch dann wieder zu dem Gast gewendet: »Doppelbüchse oder
einfachen Stutzen?«
Es klopfte.
»Herein, Pachmayer!« Die Gesellschaft war vollzählig, man setzte sich zu
Tisch. Rudolf hatte schon auf einem der Korbsessel Platz genommen.
»Das ist ja der reine heizbare Badestuhl,« lachte er.
»Aber komod, mein Lieber,« versicherte der Hausherr. »Wir brauchen das.
Nach unseren Strapazen --«
»Sei so gut!« wehrte sich Rudolf. »Mute nur meinen Gliedern nicht zu
viel zu. Ich bin noch nicht trainiert.«
Frau Pachmayer brachte das Essen.
»Wie, Forellen!« freute er sich. »Ausgezeichnet! Glaubte immer, du
lebst wie ein Spartaner.« Auch der Wein mundete ihm. »Dieser Südsteirer
schmeckt wie Mosel,« versicherte er.
Die Kartoffeln konnten nicht besser sein. Das Perlhuhn war delikat.
Pachmayer aß bescheiden, doch mit großer Geschicklichkeit. Die Hunde
nahmen teil am Mahl. Es war ein gemütliches kleines Souper. Im Ofen
prasselte das Feuer, ein Nachtfalter umschwirrte die Lampe, und draußen
lag träumend die blaue Nacht.
»Richtig, Rudolf,« begann der Hausherr, »du hast angenehme Reise
gehabt?«
»Ausgezeichnete! Erst allein gewesen und tüchtig geschlafen, dann
Gesellschaft gehabt: alte Dame mit junger Begleiterin. Sehr gut
amüsiert.«
»So bist du also gar nicht müde? Das ist schön!«
Pachmayer schien etwas auf dem Herzen zu haben.
»Es ist eine starke Zumutung,« meinte er, »aber wenn der Herr
Oberlieutenant wirklich nicht müde ist --«
»Was haben Sie vor, Pachmayer?« fragten die Herren.
»Ich meine nur,« fuhr er fort, »das Wetter ist so prachtvoll, es
wäre schade, es zu verschlafen, und wir könnten morgen zeitlich früh
aufstehen.«
Doch Rudolf war auf der Hut.
»Was heißen Sie zeitlich früh?« fragte er mißtrauisch und hielt sich
an seinen Schnurrbartenden wie an einer Stütze.
»Um zwei Uhr müssen wir aufbrechen,« sagte Pachmayer.
»Oho! Erlauben Sie --!« fuhr Rudolf auf.
Doch der Hausherr war gleich dabei. Die Sterne blickten zum Fenster herein.
Es war eine leuchtende Nacht. Der Mond schien wie eine bleiche Sonne.
»Das ist eine Idee, Pachmayer!« rief er. »Solche Nächte giebt's nicht
alle Tage!«
»Nein, nein, was fällt dir ein?« protestierte Rudolf. »Warum nicht gar!
Wenn ich um elf Uhr schlafen geh', weckt mich keine Kanone auf um zwei.«
Die Uhr meldete elf.
»So gehen wir gar nicht schlafen!« rief der Jagdherr entschlossen. »Es
wird nicht das erstemal sein, daß du eine Nacht dem Vergnügen opferst.
Treffen Sie Anstalten, Pachmayer!«
Die Hunde auf den Dielen waren eingeschlafen. Bergmann stieß abgehackte
Laute aus im Traum. Die Brüder saßen bei einer Flasche Wein. Seine kurze
Pfeife schmauchend, erzählte der Jagdherr von Wald und Wild. Jede Pürsch
war für ihn ein neues Abenteuer, jeder Schuß eine schöne Erinnerung.
Waldluft schien plötzlich die Stube zu erfüllen.
Doch der Offizier kannte dieses Parfüm noch nicht. »Nun, ich bin
neugierig, ich bin neugierig,« murmelte er ohne allzugroße Erwartungen.
»Du wirst schon sehen,« meinte der andere. »Ich weiß nicht, ob du Sinn
für so 'was hast,« bemerkte er auch mitunter, indem er manches lustige
Jägerstücklein zum besten gab. Wie sich der Fuchs im Eisen fing, der
Rehbock auf den Ruf sprang, der Marder in die Holzfalle ging, fremde
jagende Hunde in das jenseitige Jagdgefild befördert wurden -- und so
fort.
Sein verwittertes Gesicht blühte auf bei dem Geständnis: »Der Wald ist
meine Welt! Der Wald ist auch eine Welt! Eine Welt ist mein!« Wie gern
hätte er dem Bruder ein Stück davon zustecken mögen. Ihn dauerte
plötzlich der flotte Offizier. Das Leben besteht nicht aus Liebhabereien,
das Leben ist eine große Leidenschaft! dachte er, und wie er ihn vor sich
sah, so sehnig und blühend, konnte er sich nicht enthalten, auszurufen:
»Schad' um dich!«
»Es ist gar nicht schad' um mich!« behauptete Rudolf.
»Kann sein!« gab jener zu. »Hast umsonst gerade Glieder, bist doch nur
ein Krüppel, kennst nicht die Begeisterung!« Es giebt Momente, wo man
mehr fühlt, denkt und spricht, als man verantworten kann, und es lag so
etwas in der Luft. Man ist selbst wie verwandelt und geneigt, auch seinen
Nächsten zu ersuchen: Verwandle dich, ich bitte dich darum!
Er hatte an einer Wunde gerührt.
»Begeisterung!« lachte Rudolf bitter. »Da verlangst du zu viel!« Und
nun brach er los mit Klagen und Selbstanklagen. Wie der lange Frieden
einen jungen Offizier, wie ihn, schlaff mache. Könne da von einem großen
Gedanken, von höherem Streben die Rede sein? Dürfe sich die Thatkraft
rühren? Ginge sie nicht vielmehr zu Grunde?
»Was bedarf es auch der Thatkraft? Höchstens so vieler Schneidigkeit, als
bei Paraden nötig ist! Glaubst du, daß ich kein Bedürfnis fühle nach
etwas Mehr?« rief er zornig. »Aber ich bitte dich! Wie käme man dazu
bei der knappen Gage, dem bißchen Revenue, gerade genug, um ohne große
Schulden standesgemäß zu existieren.«
»Nun, mehr kann kein vernünftiger Mensch verlangen!« tröstete der
Bruder, der es gar nicht so gemeint hatte. »Bist ja noch ledig. An was
brauchst du zu denken?«
»Das ist's ja eben! Man darf an nichts denken!« rief Rudolf klagend und
sah tiefunglücklich drein, wie zum Beweis, daß ein Offizier auch nur ein
Mensch sei.
»Also daher bläst der Wind! Verliebt also und ohne Aussichten! Das ist
bös!«
»Es ist eine aufrichtige Neigung,« beichtete Rudolf, »ich spreche nur
ungern davon. Lassen wir das! Keine Sentimentalitäten!«
Doch jener ließ nicht ab.
»Laß hören, wer ist die Glückliche?«
Schließlich gestand er: »Dir kann ich's ja sagen. Es ist die reizende,
vielumworbene Nichte von Excellenz Steinhausen.«
»So, so! Nun und sie?«
»Sie!« Es war nur ein Laut, doch deutlich genug, um den Bruder zu
überzeugen, daß es mit der Aufrichtigkeit der Liebe seine Richtigkeit
habe. »Ich glaube, ihr nicht gleichgiltig zu sein. Das einzige Hindernis
sind die Eltern, vielleicht auch nicht. Aber ich will mich keinem Refüs
aussetzen, drum schlag' ich mir die Sache lieber aus dem Kopf.«
»Dir ist nicht zu helfen!« rief jener aufgebracht. »Wie kann man nur so
wenig Selbstbewußtsein haben! Lieber verzichten, nur nicht wagen. Bist du
nicht ein tüchtiger Kerl, der Carriere machen wird? Und wo bleibt denn die
alles besiegende Liebe?«
Doch Rudolf schien sich nicht aufraffen zu können.
»Mich macht man nicht anders. Kein Wort mehr davon! Gehen wir! Ich höre
schon deinen Verwalter Allarm blasen!«
»Ja, mach' dich fertig, schnell, schnell!« rief der Jagdherr wie
elektrisiert. »Doch um die Braut mußt du freien, dafür steh' ich dir!«
»Gut, gut. Leih' mir lieber ein paar feste Stiefel. Mit meinem Schuhwerk
wird's kaum gehen.«
»Für alles gesorgt! So 'was! Aber du mußt mir anders werden, mein
Lieber! Teufel, du wirst mir ein ganzer Kerl oder -- Wo ist mein Triton?
Fast hätt' ich meinen Triton vergessen.«
»Was ist denn das für ein Instrument?«
»Hirschruf, mein Lieber. Ich markiere einen schwachen Hirsch und der
starke soll mir kommen.«
Trotz allen Herzenskummers mußte Rudolf lachen.
»Famose Einrichtung! Sollte Verbreitung finden! Ha! ha! ha!«
Noch ein Glas starken Thee geschlürft, Lodenrock, Bergstiefel angelegt,
die Kugelbüchse umgehängt, den Bergstock ergriffen und hinaus ging's ins
Freie.
Die Nacht umgab sie wie ein Traum. Gleich finsteren Mächten blickten sie
auf die kristallhelle Welt. Auf den Feldern lag weißes Licht wie Nebel. So
herrlich war's, daß sie verstummten und nicht einmal sagen konnten: »Es
ist herrlich!«
Etwa zwei Stunden ging's bergauf, bald durch kahle Schläge, bald durch
Wald. Die Bäume trugen silberne Gewänder, rauschten und sangen feine
Mondscheinlieder. Von Ferne hörte man einzelne Hirsche orgeln. Es war
eine weihevolle Brunftnacht. Aus bläulichen Schatten brachen Mondstrahlen
gleich Hochzeitsfackeln hervor, oder ein Strauch stand lichtübergossen wie
ein brennender Busch.
»Hörst du da drüben unter der Mauer?« fragte der Jagdherr flüsternd
seinen Gast. »Das ist ein alter Herr. Da auch einer.«
Der Wald belebte sich. Man glaubte in einem Urwald zu sein, hoch, hoch
über der Erde, weit, weit von der Welt. Das Fremdartige war anheimelnd,
das Unbestimmte beruhigend. Unten war das Leben geblieben; in voller
Freiheit, sehnsuchtsvoll harrte man des kommenden Momentes.
Rudolf atmete tief. Sein Fuß versank in Goldgras wie in weiche
Schleierfäden. Tief aus der Mulde erhob sich eine Fichte in Bergeshöhe.
Dann wieder wogte ein Meer von Baumkronen zu seinen Füßen. Mitunter
hörte er ein Bächlein rieseln. Überall rann und rauschte es.
»Meiner Seel', ich bin so aufgeregt,« flüsterte er. »Die Geschichte
wird spannend.« Der weiche Alpenboden, die dünne, würzige Luft, die
gespensterhaften Wetterlärchen, vom Sturm zerzaust und zerrissen, und der
immer lauter werdende Brunftruf des Hirsches ergriffen ihn.
»Das ist ein Kampfruf!« rief er. Es packte ihn wie Fieber. So muß es dem
Soldaten beim ersten Schlachtruf sein.
»Sind wir schon da, Pachmayer?« hieß es. »Wir müssen ja schon da
sein.«
»Verschnaufen wir uns,« meinte dieser, »indessen wird besseres
Schußlicht. Da unten rechts melden sich zwei. Der eine muß ein starker
sein. Hat der einen Baß!«
»Also _den_, Pachmayer,« befahl der Jagdherr, »den werden Sie mit Jörg
vom Hundschupfen aus riegeln. Am besten, ich setze dich am Mangankogel
an,« wandte er sich an den Pirschgenossen, »und ich stelle mich
zweihundert Schritte tiefer an den Wechsel.« Die nötigen Direktionen
waren somit gegeben; er wartete nur noch mit seiner Flasche auf: »Da hast
du Cognac! Mach' einen tüchtigen Schluck! Es wird kalt, sobald der Morgen
anbricht. Wettermantel hast du? Jörg, die Wettermäntel her!«
»Herrgott, wenn er mir nur kommt!« flüsterte Rudolf angstvoll. »Und
wenn ich nur nicht zu sehr aufgeregt sein werde!«
»Beherrsche dich! Nur Ruhe! Ruhe! Wenn er dir kommt, kommt er dir
vertraut. Laß dir Zeit! Der Wind ist gut. Waidmannsheil!«
»Waidmannsheil!«
Der Offizier stand auf seinem Posten. Dämmerungsschatten legten sich auf
den Wald. Tiefe Stille herrschte. Dort bewegte sich ein Zweig, hier fiel
ein Blatt. Noch war nicht volles Schußlicht. Horch, ein Laut! Nein, es
war Täuschung. Ihm schlug das Herz im Leibe. Wird er mir kommen? Werde
ich nicht zu sehr aufgeregt sein? ängstigte er sich, als hinge von dieser
Frage Tod und Leben ab. Er zitterte und bebte, hätte sein Leben hingegeben
für einen schönen Schuß. Noch nie hatte er so mit Leib und Seele gelebt.
Da vernahm er ein Geräusch, wie wenn dürre Äste brechen. Nun kam etwas,
diesmal gewiß; bei Gott, die Loser eines Tieres wurden sichtbar! Mit
leisem Tritt, vorsichtig nach allen Richtungen sichernd, trat es in die
freieren Stauden. Noch ein Stück, ein zweites Tier, sie fingen Wind, ob es
auch geheuer, und im Hintergrund -- o heiliger Hubertus! -- der Hirsch, das
Haupt hoch in fortwährender Bewegung.
Nur jetzt Ruhe! dachte der Schütze. Seine Pulse flogen, die Kniee
schlotterten ihm, mit zitternder Hand drückte er die Büchse an die Wange.
Die Gesellschaft trat näher. Alles stand auf dem Spiel. Ruhe, Ruhe, ums
Himmels willen! Zwischen den Stauden erblickte er die große rote Flanke
des Hirsches. Gleich einer Scheibe stand er vor ihm -- da drückte er los.
Bum! In wilder Flucht, krachend durch die Büsche thalwärts war das Wild
verschwunden. Es war eine gewaltige Flucht. Welch ein gutes Schußzeichen!
Dennoch begann nun erst die Qual: War ich auch ruhig genug? Er zitterte
noch an allen Gliedern. Reue und Ungeduld verzehrten ihn. Eine Art
Verzweiflung erfaßte ihn und ein jäher, glühender Ehrgeiz. Wenn er nur
diesen Hirsch, diesen seinen ersten gut hinaufgeschossen hätte!
»Hup! hup! Darf man gratulieren, Herr Oberlieutenant?« fragte,
herbeieilend, der Förster. »Starker Hirsch! Zwölfender! Kapital! War gut
drauf, ein wenig aufgeregt, doch gut gezeichnet.« Ihn schüttelte es noch
am ganzen Körper. »Hier ist der Anschuß. Ausreißer damisch gut. Der hat
'was kriegt! Doch keine Nadel, kein Schweiß -- macht nichts!«
Auch der Jäger war zur Stelle, den Schweißhund auf die Fährte zu legen.
Lux fiel sie gut an, stand förmlich auf den Hinterpfoten. Wie er sich in
die Riemen legte!
»Geht sehr gut, ausgezeichnet, Herr Oberlieutenant!« versicherte
Pachmayer, doch vollends sieghaft ertönte sein Ruf: »Schweiß! Lichter!
Lungenschuß! Gratuliere!«
»Wirklich, wir kriegen den Hirsch?« jauchzte der Glückspilz und Held.
»Das macht mich kolossal glücklich!« Toll vor Glück und Seligkeit flog
er dem herbeieilenden Bruder an den Hals. Er war ganz Dankbarkeit, ganz
Rührung, wie über ein großes, unverdientes Glück, das ausreichte fürs
ganze Leben. Siegesbewußtsein durchströmte seine Brust. Erst in seiner
Freude sah man, was für ein ganzer Mann er war. Hurra! Er war wie
verrückt. Es war der größte Moment seines Lebens, als Pachmayer aus der
Entfernung von etwa hundert Schritten ein Triumphgeschrei erhob: »Juch
huh! Juch huh! Der Hirsch liegt! Kernschuß mitten aufs Blatt!«
Die Brüder eilten zur Stelle. Da lag der König der Wälder, alle Vier
von sich gestreckt. Die Krone schmückte sein Haupt, so lag er sterbend zu
Füßen des Schützen.
Dem war, als sollte er das Haupt entblößen. Jubelnden Herzens hielt er im
stillen eine Leichenrede. Da liegst du, Gott sei Lob und Dank! Herrlicher
Riese, ich brauch' mich nicht zu schämen vor dir, ich machte dir den
Garaus. Es kostete mich meine ganze Selbstbeherrschung. Wie mußte ich mich
zusammennehmen! Herrgott, was war das für ein Moment! Er stählte meine
Sehnen und gab meinen Knochen Mark. Nun fühle ich Selbstvertrauen genug
für hundert Jahre. Stirb ruhig, du hast meine ganze Schneid entfacht!
Er war wie herausgerissen aus sich selber. Mut, Kraft und Ehrgeiz waren in
ihm zum Leben erwacht und wollten sich ihres Daseins freuen. Plötzlich
war er gereift. Er hatte sich entdeckt. Wie brannte er, um es mit dem Leben
aufzunehmen!
»Mein Waidmannsheil soll mir auch Glück in der Liebe bringen!« sagte er
zum Bruder, als er schied. Und vier Wochen später meldete ein Telegramm:
»Habe mich mit Ida Steinhausen verlobt.