Dein Bruder.«

Die Antwort war eine Zusage gewesen. Soeben brauste der Zug, mit dem R.

eintreffen sollte, auf der kleinen Bahnstation heran. »Da bin ich!« rief

es, und ein etwas hagerer Oberlieutenant mit tadellosem Schnurrbart und

eleganter Taille stürzte aus dem Coupé in die Arme des älteren Bruders.

Dieser war ein wetterfester Landwirt. Kleine Ohren, dicker Hals,

geschorener Kopf, mächtiger Bart -- eine joviale Erscheinung.

»Grüß dich Gott! Das ist schön, daß du kommst! Das will ich dir hoch

anrechnen. Ich weiß, du bringst ein Opfer!«

»Unsinn!« schnarrte der Offizier. »Manöver waren anstrengend heuer, bin

froh, bei dir auszulenzen.«

»Es soll dich nicht gereuen!« rief jener verheißungsvoll.

Der Kutscher besorgte das Gepäck. Nackte Kniee, Gemsbart am Hut waren

seine Livree. Man bestieg das Steirerwägelchen.

»Vorwärts, Loisl!« befahl sein Herr. »Wir fahren in unseren Graben.«

Thaleinwärts lag sein kleines Gut, das er vor Jahr und Tag gekauft, sein

Bruder aber nun erst betreten sollte. Es war ein Prachttag, der da zur

Neige ging. Ein glühender Himmel lag über dem herbstlichen Thal. Bunte

Bäume, wehendes Laub und hoch droben der Wald -- dem Auge bot sich eine

schöne Landschaft in ihrem schönsten Moment.

Doch Rudolf schien das Gespann mehr zu interessieren.

»Diese kleinen, gedrungenen Gebirgspferde! Das sind Haflinger, nicht

wahr?«

»Freilich! Die Kerle klettern wie Gemsen, laufen wie Hunde und sind

genügsam wie Esel.«

Bei jeder Biegung wechselte das Bild, eines folgte dem anderen, eines

schöner wie das andere.

»Schau den lichten Riesen dort,« sagte der Gutsherr, »das ist der

Hochschwab.«

»So, so!« Das war der ganze Enthusiasmus des jungen Offiziers, doch um

so lebhafter erkundigte er sich: »Hast du Nachbarschaft? Junge Damen?

Verkehrst du viel? Oder hausest du nur mit deinen Hirschen?«

»Wir haben reizende Almerinnen,« lautete die Auskunft, »in der Regel

zwischen vierzig und sechzig und appetitlich wie das Alpenvieh.«

Rudolf dankte schönstens.

»Mit Eroberungen schaut es also schlecht aus,« meinte er.

»Ach was!« tröstete der Bruder. »Schau dich lieber um!«

Doch Berge, Fabriken, Köhlereien, Bach und Mühlen existierten nun einmal

nicht für den Offizier.

»Wenig guter Wald,« bemerkte er.

»Leider Gottes!« seufzte der Gutsherr. »Aber die Bauern wirtschaften

nicht anders, bis der letzte Baum weg ist. Bei mir schaut es schon besser

aus. Ich lass' den Wald schön anwachsen und habe meine Freude dran, und

das Wild hat seinen Einstand.«

»Apropos,« unterbrach ihn Rudolf, »hast du einen guten Tropfen im

Keller?«

»Außer Sorge! Du trinkst mich nicht trocken. Schau die Sägemühle!«

Wie sie sich im Abendrot schön ausnahm! Auf dünnen Pfosten stand das

Dach, Baumstämme und Bretter lagen durcheinander, und zwischen ihnen

hob und senkte sich die eintönig rastlose Säge. Eine Hühnerschar

schwadronierte zwischen den Bretterhaufen.

»Ja, selbst ein unwohnlich Holzgerüst kann entzücken, wenn es eine

Sägemühle ist inmitten dunkler Berge!« meinte der Gutsherr.

Nun kam das Dorf, die Dorfkirche mit dem Wetterhahn, das Pfarrhaus,

die Schule. »Vierklassig,« bemerkte er. Hunde bellten, Kinder liefen

auseinander, das Hühnervolk machte sich aus dem Staub. Der Gast wurde

ungeduldig.

»Sind wir bald am Ziel?«

»Sobald wir um die Ecke biegen. So, da siehst du schon meine Keusche.«

Wilder Wein deckte die Mauer, die Fenster blinkten. Es gab auch eine

Seitenfaçade. Das Gitterthor stand weit auf.

»Aber das ist ja ein wahres Schloß!«

»Nein!« rief der Gutsherr, »nur eine Jagdhütte!«

Seine Hunde kamen auf ihn zugesprungen; er präsentierte sie:

»Dieser Dackel -- kusch dich, Bergmann! -- ist ein famoser Brakirer und

hier der Lux --«

»Schweißhund, was?«

»Ja, ausgezeichneter Kerl. Verbellt tot -- ein ganzer Professor. Guten

Abend, Pachmayer, da bring' ich unseren Jagdgast!«

Pachmayer war Förster und Verwalter zugleich, ein treuer Diener,

wohlgenährt, mit rotem Gesicht, rötlichem Bart, ein braver Kerl Rot in

Rot. Er sah ganz dumm aus vor Freude.

»Also, wie steht's, Herr Verwalter? Gute Aussichten?« fragte Rudolf.

»Alles in schönster Ordnung, Herr Oberlieutenant!« lautete der Rapport.

»Die Hirsche röhren, daß es hallt, sind in der größten Hitze. Wetter

prachtvoll. Vollmond. Barometer steht ausgezeichnet.«

»Famos! famos! Aber komm' ich auch zum Schuß?«

»Mehr als einmal. Wir haben sechs sichere.«

Doch der Hausherr drängte zur Einkehr.

»Halten wir uns nicht auf. Komm jetzt, komm! Das alles wird bei Tisch

erledigt. Sie, Pachmayer, sind unser Gast!«

In der Wohnstube bot er dem Bruder ein Gläschen Cognac als Willkommtrunk.

»Prost!« Nun aber wünschte dieser in sein Quartier geführt zu werden.

»Aha, du willst dich schön machen!« lachte der Landwirt. In der That,

geschniegelt und gebügelt erschien Rudolf wieder, mit =Eau de Cologne=

besprengt und in behaglichster Stimmung.

»Wie geschmackvoll du eingerichtet bist!« staunte er. »Was ist denn das

für ein Holz mit den schwarzen Asteln?«

»Zirbel, mein Lieber,« explicierte der Hausherr, nicht minder vergnügt.

Es sah aber auch traulich aus in seinen vier Wänden: Die Büchsen im

Glasschrank, der mächtige Tisch, der Kachelofen und der mit Fuchsfellen

bedeckte, großmächtige Divan.

»Kolossal schneidig!« versicherte der Gast. »Wenn Küche ebenso gut,

dann freut es mich, denn ich habe einen Höllenhunger! -- Wie, schon

geheizt?«

Das war ihm recht. Er warf sich auf die Ofenbank und besah sich die

Jagdtrophäen.

»Ach, der schöne Auerhahn! Prachtexemplar! Selbst geschossen?«

»Natürlich, wie alles, was du siehst.«

»Wunderbare Exemplare! Und alles auf deinem Revier erlegt? Alle Achtung!

Nun aber zu Tisch!«

»Gleich, gleich,« hieß es vom Büchsenschrank her. »Willst du dir nicht

eine Kugelbüchse aussuchen?«

»Nachher, nachher.«

»Frau Pachmayer, ist das Essen schon fertig?« fragte laut rufend der

Hausherr, doch dann wieder zu dem Gast gewendet: »Doppelbüchse oder

einfachen Stutzen?«

Es klopfte.

»Herein, Pachmayer!« Die Gesellschaft war vollzählig, man setzte sich zu

Tisch. Rudolf hatte schon auf einem der Korbsessel Platz genommen.

»Das ist ja der reine heizbare Badestuhl,« lachte er.

»Aber komod, mein Lieber,« versicherte der Hausherr. »Wir brauchen das.

Nach unseren Strapazen --«

»Sei so gut!« wehrte sich Rudolf. »Mute nur meinen Gliedern nicht zu

viel zu. Ich bin noch nicht trainiert.«

Frau Pachmayer brachte das Essen.

»Wie, Forellen!« freute er sich. »Ausgezeichnet! Glaubte immer, du

lebst wie ein Spartaner.« Auch der Wein mundete ihm. »Dieser Südsteirer

schmeckt wie Mosel,« versicherte er.

Die Kartoffeln konnten nicht besser sein. Das Perlhuhn war delikat.

Pachmayer aß bescheiden, doch mit großer Geschicklichkeit. Die Hunde

nahmen teil am Mahl. Es war ein gemütliches kleines Souper. Im Ofen

prasselte das Feuer, ein Nachtfalter umschwirrte die Lampe, und draußen

lag träumend die blaue Nacht.

»Richtig, Rudolf,« begann der Hausherr, »du hast angenehme Reise

gehabt?«

»Ausgezeichnete! Erst allein gewesen und tüchtig geschlafen, dann

Gesellschaft gehabt: alte Dame mit junger Begleiterin. Sehr gut

amüsiert.«

»So bist du also gar nicht müde? Das ist schön!«

Pachmayer schien etwas auf dem Herzen zu haben.

»Es ist eine starke Zumutung,« meinte er, »aber wenn der Herr

Oberlieutenant wirklich nicht müde ist --«

»Was haben Sie vor, Pachmayer?« fragten die Herren.

»Ich meine nur,« fuhr er fort, »das Wetter ist so prachtvoll, es

wäre schade, es zu verschlafen, und wir könnten morgen zeitlich früh

aufstehen.«

Doch Rudolf war auf der Hut.

»Was heißen Sie zeitlich früh?« fragte er mißtrauisch und hielt sich

an seinen Schnurrbartenden wie an einer Stütze.

»Um zwei Uhr müssen wir aufbrechen,« sagte Pachmayer.

»Oho! Erlauben Sie --!« fuhr Rudolf auf.

Doch der Hausherr war gleich dabei. Die Sterne blickten zum Fenster herein.

Es war eine leuchtende Nacht. Der Mond schien wie eine bleiche Sonne.

»Das ist eine Idee, Pachmayer!« rief er. »Solche Nächte giebt's nicht

alle Tage!«

»Nein, nein, was fällt dir ein?« protestierte Rudolf. »Warum nicht gar!

Wenn ich um elf Uhr schlafen geh', weckt mich keine Kanone auf um zwei.«

Die Uhr meldete elf.

»So gehen wir gar nicht schlafen!« rief der Jagdherr entschlossen. »Es

wird nicht das erstemal sein, daß du eine Nacht dem Vergnügen opferst.

Treffen Sie Anstalten, Pachmayer!«

Die Hunde auf den Dielen waren eingeschlafen. Bergmann stieß abgehackte

Laute aus im Traum. Die Brüder saßen bei einer Flasche Wein. Seine kurze

Pfeife schmauchend, erzählte der Jagdherr von Wald und Wild. Jede Pürsch

war für ihn ein neues Abenteuer, jeder Schuß eine schöne Erinnerung.

Waldluft schien plötzlich die Stube zu erfüllen.

Doch der Offizier kannte dieses Parfüm noch nicht. »Nun, ich bin

neugierig, ich bin neugierig,« murmelte er ohne allzugroße Erwartungen.

»Du wirst schon sehen,« meinte der andere. »Ich weiß nicht, ob du Sinn

für so 'was hast,« bemerkte er auch mitunter, indem er manches lustige

Jägerstücklein zum besten gab. Wie sich der Fuchs im Eisen fing, der

Rehbock auf den Ruf sprang, der Marder in die Holzfalle ging, fremde

jagende Hunde in das jenseitige Jagdgefild befördert wurden -- und so

fort.

Sein verwittertes Gesicht blühte auf bei dem Geständnis: »Der Wald ist

meine Welt! Der Wald ist auch eine Welt! Eine Welt ist mein!« Wie gern

hätte er dem Bruder ein Stück davon zustecken mögen. Ihn dauerte

plötzlich der flotte Offizier. Das Leben besteht nicht aus Liebhabereien,

das Leben ist eine große Leidenschaft! dachte er, und wie er ihn vor sich

sah, so sehnig und blühend, konnte er sich nicht enthalten, auszurufen:

»Schad' um dich!«

»Es ist gar nicht schad' um mich!« behauptete Rudolf.

»Kann sein!« gab jener zu. »Hast umsonst gerade Glieder, bist doch nur

ein Krüppel, kennst nicht die Begeisterung!« Es giebt Momente, wo man

mehr fühlt, denkt und spricht, als man verantworten kann, und es lag so

etwas in der Luft. Man ist selbst wie verwandelt und geneigt, auch seinen

Nächsten zu ersuchen: Verwandle dich, ich bitte dich darum!

Er hatte an einer Wunde gerührt.

»Begeisterung!« lachte Rudolf bitter. »Da verlangst du zu viel!« Und

nun brach er los mit Klagen und Selbstanklagen. Wie der lange Frieden

einen jungen Offizier, wie ihn, schlaff mache. Könne da von einem großen

Gedanken, von höherem Streben die Rede sein? Dürfe sich die Thatkraft

rühren? Ginge sie nicht vielmehr zu Grunde?

»Was bedarf es auch der Thatkraft? Höchstens so vieler Schneidigkeit, als

bei Paraden nötig ist! Glaubst du, daß ich kein Bedürfnis fühle nach

etwas Mehr?« rief er zornig. »Aber ich bitte dich! Wie käme man dazu

bei der knappen Gage, dem bißchen Revenue, gerade genug, um ohne große

Schulden standesgemäß zu existieren.«

»Nun, mehr kann kein vernünftiger Mensch verlangen!« tröstete der

Bruder, der es gar nicht so gemeint hatte. »Bist ja noch ledig. An was

brauchst du zu denken?«

»Das ist's ja eben! Man darf an nichts denken!« rief Rudolf klagend und

sah tiefunglücklich drein, wie zum Beweis, daß ein Offizier auch nur ein

Mensch sei.

»Also daher bläst der Wind! Verliebt also und ohne Aussichten! Das ist

bös!«

»Es ist eine aufrichtige Neigung,« beichtete Rudolf, »ich spreche nur

ungern davon. Lassen wir das! Keine Sentimentalitäten!«

Doch jener ließ nicht ab.

»Laß hören, wer ist die Glückliche?«

Schließlich gestand er: »Dir kann ich's ja sagen. Es ist die reizende,

vielumworbene Nichte von Excellenz Steinhausen.«

»So, so! Nun und sie?«

»Sie!« Es war nur ein Laut, doch deutlich genug, um den Bruder zu

überzeugen, daß es mit der Aufrichtigkeit der Liebe seine Richtigkeit

habe. »Ich glaube, ihr nicht gleichgiltig zu sein. Das einzige Hindernis

sind die Eltern, vielleicht auch nicht. Aber ich will mich keinem Refüs

aussetzen, drum schlag' ich mir die Sache lieber aus dem Kopf.«

»Dir ist nicht zu helfen!« rief jener aufgebracht. »Wie kann man nur so

wenig Selbstbewußtsein haben! Lieber verzichten, nur nicht wagen. Bist du

nicht ein tüchtiger Kerl, der Carriere machen wird? Und wo bleibt denn die

alles besiegende Liebe?«

Doch Rudolf schien sich nicht aufraffen zu können.

»Mich macht man nicht anders. Kein Wort mehr davon! Gehen wir! Ich höre

schon deinen Verwalter Allarm blasen!«

»Ja, mach' dich fertig, schnell, schnell!« rief der Jagdherr wie

elektrisiert. »Doch um die Braut mußt du freien, dafür steh' ich dir!«

»Gut, gut. Leih' mir lieber ein paar feste Stiefel. Mit meinem Schuhwerk

wird's kaum gehen.«

»Für alles gesorgt! So 'was! Aber du mußt mir anders werden, mein

Lieber! Teufel, du wirst mir ein ganzer Kerl oder -- Wo ist mein Triton?

Fast hätt' ich meinen Triton vergessen.«

»Was ist denn das für ein Instrument?«

»Hirschruf, mein Lieber. Ich markiere einen schwachen Hirsch und der

starke soll mir kommen.«

Trotz allen Herzenskummers mußte Rudolf lachen.

»Famose Einrichtung! Sollte Verbreitung finden! Ha! ha! ha!«

Noch ein Glas starken Thee geschlürft, Lodenrock, Bergstiefel angelegt,

die Kugelbüchse umgehängt, den Bergstock ergriffen und hinaus ging's ins

Freie.

Die Nacht umgab sie wie ein Traum. Gleich finsteren Mächten blickten sie

auf die kristallhelle Welt. Auf den Feldern lag weißes Licht wie Nebel. So

herrlich war's, daß sie verstummten und nicht einmal sagen konnten: »Es

ist herrlich!«

Etwa zwei Stunden ging's bergauf, bald durch kahle Schläge, bald durch

Wald. Die Bäume trugen silberne Gewänder, rauschten und sangen feine

Mondscheinlieder. Von Ferne hörte man einzelne Hirsche orgeln. Es war

eine weihevolle Brunftnacht. Aus bläulichen Schatten brachen Mondstrahlen

gleich Hochzeitsfackeln hervor, oder ein Strauch stand lichtübergossen wie

ein brennender Busch.

»Hörst du da drüben unter der Mauer?« fragte der Jagdherr flüsternd

seinen Gast. »Das ist ein alter Herr. Da auch einer.«

Der Wald belebte sich. Man glaubte in einem Urwald zu sein, hoch, hoch

über der Erde, weit, weit von der Welt. Das Fremdartige war anheimelnd,

das Unbestimmte beruhigend. Unten war das Leben geblieben; in voller

Freiheit, sehnsuchtsvoll harrte man des kommenden Momentes.

Rudolf atmete tief. Sein Fuß versank in Goldgras wie in weiche

Schleierfäden. Tief aus der Mulde erhob sich eine Fichte in Bergeshöhe.

Dann wieder wogte ein Meer von Baumkronen zu seinen Füßen. Mitunter

hörte er ein Bächlein rieseln. Überall rann und rauschte es.

»Meiner Seel', ich bin so aufgeregt,« flüsterte er. »Die Geschichte

wird spannend.« Der weiche Alpenboden, die dünne, würzige Luft, die

gespensterhaften Wetterlärchen, vom Sturm zerzaust und zerrissen, und der

immer lauter werdende Brunftruf des Hirsches ergriffen ihn.

»Das ist ein Kampfruf!« rief er. Es packte ihn wie Fieber. So muß es dem

Soldaten beim ersten Schlachtruf sein.

»Sind wir schon da, Pachmayer?« hieß es. »Wir müssen ja schon da

sein.«

»Verschnaufen wir uns,« meinte dieser, »indessen wird besseres

Schußlicht. Da unten rechts melden sich zwei. Der eine muß ein starker

sein. Hat der einen Baß!«

»Also _den_, Pachmayer,« befahl der Jagdherr, »den werden Sie mit Jörg

vom Hundschupfen aus riegeln. Am besten, ich setze dich am Mangankogel

an,« wandte er sich an den Pirschgenossen, »und ich stelle mich

zweihundert Schritte tiefer an den Wechsel.« Die nötigen Direktionen

waren somit gegeben; er wartete nur noch mit seiner Flasche auf: »Da hast

du Cognac! Mach' einen tüchtigen Schluck! Es wird kalt, sobald der Morgen

anbricht. Wettermantel hast du? Jörg, die Wettermäntel her!«

»Herrgott, wenn er mir nur kommt!« flüsterte Rudolf angstvoll. »Und

wenn ich nur nicht zu sehr aufgeregt sein werde!«

»Beherrsche dich! Nur Ruhe! Ruhe! Wenn er dir kommt, kommt er dir

vertraut. Laß dir Zeit! Der Wind ist gut. Waidmannsheil!«

»Waidmannsheil!«

Der Offizier stand auf seinem Posten. Dämmerungsschatten legten sich auf

den Wald. Tiefe Stille herrschte. Dort bewegte sich ein Zweig, hier fiel

ein Blatt. Noch war nicht volles Schußlicht. Horch, ein Laut! Nein, es

war Täuschung. Ihm schlug das Herz im Leibe. Wird er mir kommen? Werde

ich nicht zu sehr aufgeregt sein? ängstigte er sich, als hinge von dieser

Frage Tod und Leben ab. Er zitterte und bebte, hätte sein Leben hingegeben

für einen schönen Schuß. Noch nie hatte er so mit Leib und Seele gelebt.

Da vernahm er ein Geräusch, wie wenn dürre Äste brechen. Nun kam etwas,

diesmal gewiß; bei Gott, die Loser eines Tieres wurden sichtbar! Mit

leisem Tritt, vorsichtig nach allen Richtungen sichernd, trat es in die

freieren Stauden. Noch ein Stück, ein zweites Tier, sie fingen Wind, ob es

auch geheuer, und im Hintergrund -- o heiliger Hubertus! -- der Hirsch, das

Haupt hoch in fortwährender Bewegung.

Nur jetzt Ruhe! dachte der Schütze. Seine Pulse flogen, die Kniee

schlotterten ihm, mit zitternder Hand drückte er die Büchse an die Wange.

Die Gesellschaft trat näher. Alles stand auf dem Spiel. Ruhe, Ruhe, ums

Himmels willen! Zwischen den Stauden erblickte er die große rote Flanke

des Hirsches. Gleich einer Scheibe stand er vor ihm -- da drückte er los.

Bum! In wilder Flucht, krachend durch die Büsche thalwärts war das Wild

verschwunden. Es war eine gewaltige Flucht. Welch ein gutes Schußzeichen!

Dennoch begann nun erst die Qual: War ich auch ruhig genug? Er zitterte

noch an allen Gliedern. Reue und Ungeduld verzehrten ihn. Eine Art

Verzweiflung erfaßte ihn und ein jäher, glühender Ehrgeiz. Wenn er nur

diesen Hirsch, diesen seinen ersten gut hinaufgeschossen hätte!

»Hup! hup! Darf man gratulieren, Herr Oberlieutenant?« fragte,

herbeieilend, der Förster. »Starker Hirsch! Zwölfender! Kapital! War gut

drauf, ein wenig aufgeregt, doch gut gezeichnet.« Ihn schüttelte es noch

am ganzen Körper. »Hier ist der Anschuß. Ausreißer damisch gut. Der hat

'was kriegt! Doch keine Nadel, kein Schweiß -- macht nichts!«

Auch der Jäger war zur Stelle, den Schweißhund auf die Fährte zu legen.

Lux fiel sie gut an, stand förmlich auf den Hinterpfoten. Wie er sich in

die Riemen legte!

»Geht sehr gut, ausgezeichnet, Herr Oberlieutenant!« versicherte

Pachmayer, doch vollends sieghaft ertönte sein Ruf: »Schweiß! Lichter!

Lungenschuß! Gratuliere!«

»Wirklich, wir kriegen den Hirsch?« jauchzte der Glückspilz und Held.

»Das macht mich kolossal glücklich!« Toll vor Glück und Seligkeit flog

er dem herbeieilenden Bruder an den Hals. Er war ganz Dankbarkeit, ganz

Rührung, wie über ein großes, unverdientes Glück, das ausreichte fürs

ganze Leben. Siegesbewußtsein durchströmte seine Brust. Erst in seiner

Freude sah man, was für ein ganzer Mann er war. Hurra! Er war wie

verrückt. Es war der größte Moment seines Lebens, als Pachmayer aus der

Entfernung von etwa hundert Schritten ein Triumphgeschrei erhob: »Juch

huh! Juch huh! Der Hirsch liegt! Kernschuß mitten aufs Blatt!«

Die Brüder eilten zur Stelle. Da lag der König der Wälder, alle Vier

von sich gestreckt. Die Krone schmückte sein Haupt, so lag er sterbend zu

Füßen des Schützen.

Dem war, als sollte er das Haupt entblößen. Jubelnden Herzens hielt er im

stillen eine Leichenrede. Da liegst du, Gott sei Lob und Dank! Herrlicher

Riese, ich brauch' mich nicht zu schämen vor dir, ich machte dir den

Garaus. Es kostete mich meine ganze Selbstbeherrschung. Wie mußte ich mich

zusammennehmen! Herrgott, was war das für ein Moment! Er stählte meine

Sehnen und gab meinen Knochen Mark. Nun fühle ich Selbstvertrauen genug

für hundert Jahre. Stirb ruhig, du hast meine ganze Schneid entfacht!

Er war wie herausgerissen aus sich selber. Mut, Kraft und Ehrgeiz waren in

ihm zum Leben erwacht und wollten sich ihres Daseins freuen. Plötzlich

war er gereift. Er hatte sich entdeckt. Wie brannte er, um es mit dem Leben

aufzunehmen!

»Mein Waidmannsheil soll mir auch Glück in der Liebe bringen!« sagte er

zum Bruder, als er schied. Und vier Wochen später meldete ein Telegramm:

»Habe mich mit Ida Steinhausen verlobt.

Katastrophen: Neue Novellen · 第 16 / 18 题