An der Bahnlinie Moskau-Saratow liegt mitten im Kiefernwald die kleine
Datsche eines reichen Kaufmannes; grün und blau schimmern die Holzwände
durch den Sommermorgen eines furchtbaren Jahres; als der Streckenwächter
früh vorüberkam, fiel ihm auf, daß Garten- und Haustür offenstanden; der
Rasen war zertrampelt – der Mann in der hellen Russenbluse stutzte, ging
scheu in den Garten, zögerte noch einen Augenblick, bevor er die
Treppenstufen hinaufging – plötzlich stieß er einen Schrei aus, wandte
sich um und lief davon – „Mord – Mord –“ brüllte er durch den Wald –
Nach einer Weile kehrte er mit einem jungen Sanitätssoldaten zurück,
beide hielten den Revolver schußfertig in der Hand und gingen zögernd
die Treppe hinauf, ihnen entgegen gähnte ein dunkler Flur – gerade vor
der Öffnung lag ein dicker Mann im Nachthemd – mit starren, weit
geöffneten Augen, blutigem, vertrocknetem Schaum vor dem schwarzen Mund
– der Sanitäter bückte sich, entblößte eine zottige Brust, horchte,
befühlte – erhob sich nach einer Weile, zuckte die Achseln: „Herzschlag
–“ Der Wächter setzte scheu den Fuß über den Leichnam hinweg – eine
Zimmertür stand offen – Spinde, Wandschrank schienen durchwühlt, auf der
Erde lag ein Bankkontobuch; sämtliche Schubfächer des altertümlichen
Vertikos waren erbrochen – Akten, Briefe aber unberührt – es schien den
Tätern nur am baren Gelde gelegen zu sein.
Alle Nachforschungen nach den Tätern blieben erfolglos.
Das Reich war in Aufruhr und Menschenleben billig; seit vier Jahren
wütete Krieg in der ganzen Welt, seit einem halben Jahr herrschten die
Arbeiter und Bauern in Rußland – eben noch erstreckte sich ihre Macht
auf die Weichbilder von Moskau und Petrograd, von der Wolga rückten
tschechoslowakische Söldner unter Führung von Ententeoffizieren gegen
Kasan und berannten die Stadt, in Kiew wehte die schwarz-weiß-rote
Fahne, in Archangelsk landeten Amerikaner und Engländer, vom Ural, vom
Dongebiet her breiteten sich Kosakenschwärme unter der Führung
zaristischer Generale weit übers Land aus, Gutshöfe brannten, Bauern
wurden von Offiziersbataillonen grausam zu Tode gemartert, in den
Städten traute keiner dem andern – Einbrüche am hellen Tage waren keine
Seltenheit, staatliche Ämter wurden mit Einverständnis der Beamten
ausgeraubt, eben erst war ein vergeblicher Versuch in Moskau gemacht
worden, den feuerfesten Schrank des Gouvernements-Ernährungskomitees zu
sprengen, offenbar war den Tätern der Sauerstoff ausgegangen, das Schloß
war zur Hälfte geschmolzen; einige Tage später drangen am hellen Tage
fünf vermummte Männer in das Postgebäude an der Twerskaja, der
belebtesten Straße Moskaus, ein, hatten die Eingangstür verriegelt,
riefen den Beamten und Kunden „Hände hoch“ zu, schwangen Handgranaten,
zückten Messer, hielten den Finger am Revolverhahn und plünderten die
Kasse – entnahmen ihr über 100000 Rubel – entfernten sich dann, und ehe
sich noch jemand vom Schreck erholt hatte und auf die Straße lief, waren
die Banditen längst verschwunden.
Einige Tage später las man in der Presse der ganzen Welt: „Ausraubung
eines Postamtes am hellen Tage in Moskau – Die Täter entkommen – Das
russische Chaos – Nieder mit den Bolschewiki.“
* * * * *
In denselben Tagen finden in den Städten neue Sowjetwahlen statt. Die
Wahlagitation ist im heftigsten Gange; in Petersburg herrscht ungestörte
Pressefreiheit, einer der eifrigsten Agitatoren in den Fabriken ist der
junge Wolodarski – eben 27 Jahre alt, gebürtig aus Wolhynien, seit
frühster Jugend in der revolutionären Bewegung: der Vierzehnjährige
arbeitet schon in illegalen Organisationen, der Siebzehnjährige sitzt
bereits als „Politischer“ im Gefängnis – drei Jahre später verbannt ihn
das zaristische Gericht nach Archangelsk, 1913 flieht er nach Amerika,
bei Kriegsausbruch redigiert er mit Bucharin in New-York eine Zeitung
„Neue Welt“ – immer führt er ein wahres Hundeleben, immer sind ihm
Spitzel auf den Fersen, immer machen sich Provokateure an ihn heran,
auch in den U. S. A. sieht er Kerkermauern – endlich wehen in Rußland
rote Fahnen; einige Monate nach Kerenskis Aufstieg arbeitet Wolodarski
schon in Petersburg, macht innerhalb kurzer Frist schwindelnd Karriere:
eben noch Agitator des Peterhofer Bezirks, sitzt er nun schon im
Petersburger Sowjet, kommt ins Exekutivkomitee, wird ein glühender,
hinreißender Sprecher, alle Bezirke telephonieren:
„Schickt uns Wolodarski“ – „Schickt uns Wolodarski.“ –
Nach dem Oktoberumsturz wird Wolodarski Volkskommissar für Presse und
Agitation. Im Frühjahr 1918 ist er Chefredakteur der „Roten Zeitung“. Im
Juni finden die Wahlen statt – Wolodarski arbeitet an hervorragender
Stelle – er ist es, der Pressefreiheit gibt – am nächsten Tage liest man
in einer Petersburger Zeitung: „Es gibt im Smolny zwei besonders
unangenehme Juden – Sinowjew und Wolodarski.“ Einen Tag später wird
gewählt – Resultat:
Bolschewiki: 72.
Linke S.R.: 9.
Parteilose: 4.
Am Abend sprach Wolodarski in einer Versammlung der Eisenbahner der
Nikolajew-Bahn, noch umtoste ihn der Beifall der proletarischen Masse,
als er schon im Auto saß, um in eine Maschinenfabrik zu fahren und eine
zweite Rede zu halten.
In der Farforstraße hält plötzlich sein Auto.
„Was ist los?“
„Kein Benzin.“
Wolodarski steigt aus, will einen Laden suchen – vielleicht kann man
irgendwo etwas Benzin auftreiben – kaum ist er zehn Schritte gegangen,
da eilt ihm ein Mann entgegen, Wolodarski beachtet ihn nicht, da ein
Knall, ein Schlag gegen die Brust, er taumelt, fällt zu Boden – eben
noch sieht er den Täter enteilen, über einen Zaun hinwegklettern – dann
noch eine Detonation – ein Sausen und Wimmern durch die Lüfte – noch
einige Revolverschüsse – schon kniet Grischa Sinowjew neben dem
sterbenden Wolodarski.
Man bahrt den Leichnam im Taurischen Palais auf; das Proletariat von
Petersburg defiliert am Sarg in langen, langen Zügen vorüber, alle
Fabriken halten Meetings ab, geschlossen rücken die Belegschaften der
großen Fabriken an, eine alte Arbeiterin küßt die bleiche Stirn des
Toten, eine Arbeiterfrau führt ihr Kind an den Sarg: „Siehe – für dich
ist er gestorben.“ –
* * * * *
Der Mörder ist entkommen, in den Zeitungen der sowjetfeindlichen Presse
erscheinen beunruhigte Artikel, am Tage nach der Ermordung liest man
befremdenderweise im Zentralorgan der Sozialrevolutionäre eine
Erklärung:
„Das Petrograder Bureau des Zentralkomitees der Partei der
Sozialrevolutionäre erklärt, daß _keine_ Organisation der Partei zu der
Ermordung des Kommissars für Pressewesen, Wolodarski, in irgend welcher
Beziehung steht.“
Niemand hatte sie beschuldigt, niemand mit Fingern nach ihnen gezeigt,
weshalb regen sie sich, weshalb wehren sie ab? Wundern sie sich, wenn
zwei Tage später Sinowjew in einer Sitzung des Petrograder Sowjets
ausruft: „Wir wissen nicht, wer der Mörder ist, doch es wäre
wünschenswert, wenn von den Sozialrevolutionären am Begräbnis des
Genossen Wolodarski niemand teilnehmen würde.“
Wundern sie sich? Sie schweigen.
Einige Wochen später fällt der alte Genosse Uritzki einem Attentat zum
Opfer; als Täter kommt ein „Volkssozialist“ in Betracht. Indessen sind
die Tschechoslowaken schon auf halbem Wege nach Nishni-Nowgorod, immer
enger wird der furchtbare Ring, in Jaroslaw bricht ein grauenhafter
Bürgerkrieg aus, die ganze Stadt ist nach fünf Tagen ein Trümmerhaufen,
die Ermordung Mirbachs und Eichhorns versteift die Beziehungen zu
Deutschland, man gelangt durch Zufall in den Besitz von Papieren, die
unwiderleglich von einer engen Verbindung zwischen bürgerlichen
Verbänden und der französischen Militärkommission zeugen, der
französische Botschafter Noulens hatte in Wologda sein Archiv verloren –
– dann versuchen die linken S.R. in Moskau zu putschen – die
Herrlichkeit dauert einen knappen Tag – der Wirrwarr wird größer – die
„Rote Garde“ ist schlecht bewaffnet, in Lumpen gekleidet, der Hunger
quält in den Augen – an allen Fronten entbrennt der Kampf – innerhalb
des Kreises züngeln die Flammen – und mitten in dieser verzweifelten
Situation schießt eine kleine Jüdin einen Revolver ab – eines Abends in
den ersten Septembertagen – die Schüsse treffen Wladimir Iljitsch Lenin.
Das ganze Land ist erschüttert. Ein Stöhnen entringt sich der russischen
Arbeiterschaft: Lenin schwer verwundet.
Diesmal kennt man kein Zögern mehr. Jetzt erst geht man zur Gegenwehr
über. Noch in dieser Nacht verhaftet man 500 Offiziere, erschießt sie am
frühen Morgen. Und die nächsten Septembertage erleben im ganzen Land,
soweit die Macht der Bolschewiken reicht, Hausuntersuchungen,
Verhaftungen, Verhöre – in den ersten Morgenstunden hört man immer
Salven knattern – und einige Tage später zieht Trotzki in Kasan ein,
treiben Budjenis „Rote Reiter“ die Tschechoslowaken und Kosaken vor sich
her, langsam fällt die Weiße Flut, langsam drängt man Entente- und
Zarengenerale über die Wolga und an die Gestade des Eismeeres zurück –
wenige Wochen später bricht die kaiserliche deutsche Armee zusammen, die
roten Fahnen wehen in Riga und Kiew. Langsam sieht Lenin seiner Genesung
entgegen.
Und wer hatte auf ihn geschossen? Wer hatte in ihm das Land getroffen?
Fanny Kaplan – Mitglied der Sozialrevolutionären Partei.
* * * * *
Im Laufe der nächsten Jahre verdichten sich Anklagen und Beweise wider
diese Partei; allmählich gelingt es, zahlreiche Führer zu verhaften,
Gerüchte zu bestätigen, da erscheint im Herbst 1921 in Berlin
eine russische Broschüre eines G. Ssemjonow, Die Partei der
Sozial-Revolutionäre in den Jahren 1917-1918. (Ihre Kampftätigkeit und
militärischen Aktionen.) Die Broschüre erregt in der gesamten
Emigrantenpresse ein ungeheures Aufsehen; Auszüge erscheinen in
deutschen Zeitungen, zwischen Emigrantenorganen entspinnen sich
Pressefehden, Presseprozesse. In derselben Zeit wird bekannt, daß ein
Prozeß gegen 34 Mitglieder der S.R. in Moskau stattfinden wird. Und was
enthält jene staubaufwirbelnde Broschüre?
Ich Ssemjonow – ehemaliges Mitglied der S.R., Führer der
Kampforganisation – habe Attentate, Sprengungen und Expropriationen
vollführt – ich habe mit meinen Leuten das Postamt in der
Kammerherrengasse am hellichten Tage ausgeplündert, ich bin mit
Gefährten in die Datsche eines Kaufmannes eingebrochen, der vor Schreck
tot zusammenbrach, als er uns sah, ich habe das Attentat auf Wolodarski
inszeniert, ich habe Attentate auf Lenin und Trotzki vorbereitet, ich
weiß von der Verbindung unserer Partei mit der Entente, Deutschland und
bürgerlichen Organisationen. Existierten bloße Verbindungen? Von dort
erhielten wir Gelder, Aufträge, Material, im Einverständnis mit der
Entente, in ihrem Auftrag mordeten, plünderten, sprengten wir. Sämtliche
Maßnahmen, die ich im Interesse der Partei ergriffen habe, erfolgten im
Einverständnis mit dem Zentralkomitee unserer Partei; die
hervorragendsten Männer gaben uns die Lizenz. Dabei herrschte innerhalb
der Partei völlige Plan- und Kopflosigkeit; aus reiner Verzweiflung
schien jedes Mittel recht – erst nach langer Haft kam mir zum
Bewußtsein, von welchen haltlosen Menschen wir mißbraucht wurden, daß
wir nicht im Interesse der arbeitenden Klasse handelten, sondern gegen
ihre Interessen. – Alle Angaben Ssemjonows wurden einige Wochen später
von einer gewissen Lydia Konoplewa bestätigt – ja sie verstärkte noch
den Verdacht gegen das Z.K. der Partei, das seine Genehmigung zu
sämtlichen Attentaten gegeben habe.
* * * * *
[Illustration: Der Verteidiger Murawiew unterhält sich mit den
Angeklagten, Mitglieder der sozialrevolutionären Partei: Gotz,
Hendelmann, Tatareew u. a.]
Im Frühjahr hatte sich das Material gegen die verhafteten S.R. bereits
so verdichtet, daß auf der Berliner Konferenz der II., II½. und III.
Internationale die Vertreter der II. und II½. Internationale von der
III. Internationale das Versprechen zu ertrotzen suchten, kein
Todesurteil über die S.R. zu verhängen, die Zulassung ausländischer
Verteidiger zu befürworten – man geriet in ernste Besorgnis; hatte man
früher immer und immer wieder geschrien: weshalb laßt ihr diese Leute so
lange in Untersuchungshaft sitzen – weshalb laßt ihr sie nicht frei –
schlug man jetzt einen anderen Weg ein: man suchte zu verschleppen, zu
bemänteln, verschwieg die Tatsachen, ging über die eigentlichen
Anschuldigungen hinweg, vermied überhaupt sie zu erwähnen, klammerte
sich an reine Formalitäten, und schrie und schrie und gab keine Antwort,
wenn man fragte: „Und wie verhält es sich mit den Fakten“? –
Sonntagnachmittag im Juni 1922. Als das Flugzeug von Moskau eben auf dem
großen Flugplatz in Kowno, den die deutsche Armee im Weltkrieg angelegt
hatte, gelandet war, und die Passagiere der Kabine entstiegen, rief
ihnen schon von weitem der deutsche Flugplatzführer der Derutra zu:
„Rathenau ist ermordet“ – „Der Dollar 375.“ „Die Nationalisten“ – Der
junge Schriftsteller konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Dollar,
Mord und Nation – deutsche Atmosphäre.“ Und während man sich noch rings
um ihn ernst unterhielt, ob der Dollar noch weiter fallen würde, dachte
er: „Wird man die Täter ergreifen? Wird man ihnen den Prozeß machen?
Wird man vor allem den Hintergrund enthüllen, die wahren treibenden
Kräfte feststellen?“ Und er gedachte jenes seltsamen Prozesses, dem er
soeben in Moskau beigewohnt hatte, er gedachte jener doppelt seltsamen
Demonstration im Gerichtssaal, die am vierten Jahrestag der Ermordung
Wolodarskis stattgefunden hatte. Und während das Flugzeug wieder
startete und bald über Deutschland hinschwebte, vergegenwärtigte sich
der junge Schriftsteller lebhaft noch einmal die Erlebnisse der
vergangenen Woche, des 20. Juni.
Am vierten Jahrestag der Ermordung Wolodarskis zogen schon am frühen
Morgen aus allen Bezirken die Arbeiter ins Innere der Stadt, um die
Mittagsstunde füllten Hunderttausende den Roten Platz vor dem Kreml. An
den Gräbern der gefallenen Revolutionäre zogen die Belegschaften aller
Moskauer Betriebe vorüber. Und auf der Rednertribüne erschien ein großer
blonder Mann – erschien der Vorsitzende des Obersten Tribunals Pjatakow
und erklärte den demonstrierenden Arbeitern: „Das Urteil wird gerecht,
wird erbarmungslos sein. Noch ist es nicht an der Zeit, es zu fällen.“
Und einen langen Sommertag über zogen die Massen russischer Arbeiter
durch die Iberische Pforte hinab zum Swerdlowplatz, an einem barocken
Säulenbau vorüber, jede Belegschaft hielt einen Augenblick an, und einer
ihrer Sprecher rief nach jenem Hause Worte der Rache hinüber – die ganze
Stadt dröhnte vom Schritte der Arbeiterbataillone, die ganze Stadt
hallte vom Gesang der Internationale.
Und als der Abend hereinbrach, und die Massen sich langsam entfernt
hatten, passierte der junge Schriftsteller die Postenketten des
Prunkgebäudes, betrat die weiten unteren Räume des Hauses, in denen eine
Kompagnie des Tschekaregimentes untergebracht war; breite Marmortreppen
führten in den ersten Stock. Wieder forderten Soldaten in braunen
Uniformen mit breiten roten Querstreifen auf der Brust den Ausweis, die
Wände spiegelten ein reges Treiben, weithin erstreckten sich
Wandelhallen, und in einem Seitenraum war eine Ausstellung von Bildern
und Dokumenten – grauenhaften Urkunden der Scheußlichkeiten des
Bürgerkrieges; da hingen die Proklamationen der Partei der S.R., die
Aufrufe zum Sturz der Sowjets, da hingen Flugschriften und
Proklamationen, Reden Awxentijews, Artikel Tschernows und unzählige
Photographien – Photographien der Generale des Zaren, Photographien von
Führern der S.R., Bilder gesprengter Brücken und Stationen,
Photographien langer Reihen von Särgen und Massengräbern, Bilder der 26
Bolschewiken, die in Baku von den S.R. hingerichtet wurden,
Photographien schauderhaft zugerichteter Leichen – und dann Bilder
Wolodarskis, Uritzkis, Bilder vieler, vieler Kinder, vieler Waisen,
deren Eltern Koltschak hinrichten ließ.
Und als der junge Schriftsteller erschüttert diese Kammer der Seufzer
und Tränen, der Lügen und Heuchelei verließ, öffnete er eine kleine Tür
und befand sich plötzlich in einem gewaltigen Saal – Säulenreihen zogen
sich zur Linken und Rechten, mächtige Leuchter hingen von der hohen
Decke herab – am anderen Ende des Saales saßen und standen auf einem
Podium zahlreiche Männer und einige Frauen – zwischen mächtigen Säulen
waren gewaltige rote Tücher gespannt, große Lettern verkündeten: „Das
Proletariat ist der Schutzschild der Revolution.“
An einem Tische mitten auf dem Podium sitzen die Richter – und in ihrer
Mitte sehen wir wieder Pjatakow. Rechts scharen sich hinter einer Sperre
dicht hinter- und nebeneinander in zwei Gruppen getrennt 34 Angeklagte,
vor ihnen sitzen an langen Tischen die Verteidiger; hart an der Rampe
steht ein kleiner Tisch – vor ihm sitzt der Ankläger Krylenko – neben
ihm ein langer Tisch, an dem drei andere Ankläger sitzen: Lunatscharski,
der Historiker Pokrowski, die greise Klara Zetkin. Die Reihen der
Angeklagten umspannt ein Kordon jener Soldaten in braunen Uniformen mit
den breiten Litzen, sie tragen die spitzen Helme der Krieger Iwans des
Schrecklichen, das Gewehr mit aufgepflanztem Seitengewehr bei Fuß. Zur
Rechten öffnet sich eine breite Tür – herein tritt eine Deputation
Moskauer Arbeiter – eine ältere Frau ist unter ihnen, sie durchschreiten
den überfüllten Zuschauerraum, in dem wohl 2000 Menschen sitzen, und
steigen langsam die Treppen zum Tribunal hinauf. Und unter tiefem
Schweigen begannen die Arbeiter zu reden – junge und alte –
leidenschaftlich brach es aus ihnen los – Anklagen und wieder Anklagen –
Ein Arbeiter von Kasan erzählte erregt von den Grausamkeiten der S.R. in
Kasan, es sprach jener Arbeiter, der die Fanny Kaplan nach ihrem
Attentat auf Lenin festgenommen hatte, und ein langer, breiter Mann mit
einer fürchterlichen Stimme erzählte noch einmal vom Eindruck, den der
junge Wolodarski auf sie gemacht hatte; wie aus einem Krater brodelten
Anklagen, Verwünschungen los – „Rache für Wolodarski“ schrie es durch
den Raum – und die Männer hinter der Barriere saßen mit gesenkten
Häuptern festgebannt da – ohne die Möglichkeit der Flucht, allen Blicken
preisgegeben, gerichtet, geächtet, gestraft.
Niemals zuvor in der Weltgeschichte wird die Stimme der Masse so
vernehmlich, so eindrucksvoll gesprochen haben wie in dieser Sommernacht
zu Moskau im Prunksaale des ehemaligen Adelsklubs.
* * * * *
Zehn Tage währte nun schon dieser Prozeß. Am 10. Juni hatte er begonnen;
einige Tage zuvor waren die ausländischen Verteidiger in Moskau
eingetroffen, vor dem Bahnhof hatte sie die Arbeiterschaft mit Pfiffen
begrüßt. Am Tage der Eröffnung hatte der Führer der II. Internationale,
Vandervelde, vor dem Tribunal das Mißgeschick, als Justizminister S.
Majestät des Königs der Belgier verhöhnt zu werden, weil er sich im
Westlerdünkel erhaben fühlte über die Justizmethoden der
Arbeiterrepublik.
Die 34 Angeklagten trennten sich in zwei Lager – zur Linken saßen 25
Männer und Frauen – die Offiziere der Partei:
Gotz, Abram Rafalowitsch
Donskoi, Dmitri Dmitrijewitsch
Gerstein, Lew Jakowlewitsch
Lichatsch, Michail Alexandrowitsch
Iwanow, Nikolai Nikolajewitsch
Ratner-Eljkind, Jewgenija Moisjewna
Rakow, Dmitrij Fedorowitsch
Fedorowitsch, Florian Florianowitsch
Wedenjapin, Michail Alexandrowitsch
Gendeljmann-Grabowski, Michail Jakowlewitsch
Morosow, Sergej Wladimirowitsch
Artemjew, Nikolai Iwanowitsch
Ratner, Grigoric Moisjewitsch
Timofejew, Jewgenij Michajlowitsch.
Gotz, Donskoi, Wedenjapin und Gendeljmann, Gerstein, Lichatsch, Iwanow,
Ratner-Eljkind, Ratner, Fedorowitsch, Timofejew saßen seit 1917 im
Zentralkomitee der Partei; Artemjew, Morosow und Ratner waren Mitglieder
des Moskauer Bureaus des Zentralkomitees.
Diese 14 Personen werden angeklagt, ihre Partei so geleitet zu haben, um
den Sturz der von der proletarischen Revolution eroberten Macht der
Arbeiter- und Bauernräte herbeizuführen. Sie haben alle Mittel und
Kräfte der Partei zu diesem Zwecke verwandt.
Man beschuldigt sie:
1. Der Vorbereitung bewaffneter Aufstände gegen die Sowjetmacht in
Petrograd und Moskau. Bildung militärischer Stäbe und besonderer
Kampforganisationen. Sie unterhielten Verbindung mit anderen
konterrevolutionären Organisationen und nahmen ihre finanzielle Hilfe in
Anspruch; gemeinsam mit ihnen organisierten sie technische Organe,
Stäbe, Stadtkommandos für bewaffnete Aufstände.
2. Im Namen der Partei traten sie in Verbindung mit den Vertretern des
internationalen Kapitals – mit den offiziellen Vertretern der
kapitalistischen Ententestaaten zur Zeit, als diese sich im
Kriegszustande mit der R.S.F.S.R. befanden. Sie halfen diesen Staaten
das Gebiet der Sowjetrepublik besetzen, verschafften ihnen Nachrichten
und informierten sie über die innere Lage des Landes. Sie nahmen die
militärische, finanzielle und technische Hilfe dieser Staaten in
Anspruch.
3. Verbindung mit weißgardischen Heeresleitungen, mit den Generalen
Krasnow, Alexejew und Denikin, mit den in den Randgebieten der
R.S.F.S.R. entstandenen bürgerlich-nationalistischen gegenrevolutionären
Zentren, den sogenannten Regierungen der Ukraine, des Kuban und
Dongebietes. Sie haben mit allen Mitteln unter dem Namen der „Regierung,
der Mitglieder der Konstituante“ zur Befestigung der entstehenden
gegenrevolutionären Zentren beigetragen, besonders in Samara, im Norden,
in Ufa und Omsk. Sie halfen diesen gegenrevolutionären Zentren in ihrem
bewaffneten Kampfe gegen die Sowjetregierung durch Hochverrat und
Spionage.
4. Organisation von Kampfgruppen zwecks Verübung terroristischer Akte
gegen die Funktionäre der Sowjetmacht Sprengung von Eisenbahngeleisen,
Ausraubung von Sowjetinstitutionen. Sie leiteten die Tätigkeit dieser
Gruppen. Und benutzten die auf diese Weise erlangten Mittel für die
Fortsetzung ihrer gegenrevolutionären Arbeit.
Gegen einzelne Angeklagte wird noch besondere Anklage erhoben:
1. _Gotz_ (Mitglied des Z.K.P.S.R.): Agitation unter den Truppen
nach dem Oktoberumsturz, Aufforderung auf Meetings zum bewaffneten
Widerstand, Vorbereitung und Leitung des Junkeraufstandes am 29.
Oktober. Teilnahme an den Sitzungen der Militärkommissionen der
bürgerlichen Verbände. Teilnahme an den Akten des individuellen
Terrors.
2. _Donskoi_ (Mitglied des Z.K.P.S.R.): Leiter der Militärkommission
nach Auflösung der Konstituante; in konspirativer Verbindung mit den
bürgerlichen Organisationen Filonenko und Iwanow, Teilnahme an
Konferenzen mit Offizieren des Generals Alexejew, erteilte
Genehmigung zu terroristischen Akten und war mit Anschlägen auf
Lenin und Trotzki einverstanden. Er war der eigentliche Inspirator
aller Unternehmungen Ssemjonows, er ermutigte zu Expropriationen und
Sprengungen, er stellte die Verbindung zur französischen
Militärmission her.
3. _Iwanow_: Aus eigener Initiative schlug Iwanow dem Z.K.
terroristische Akte vor, rechtfertigte sie und erteilte Ssemjonow
Aufträge.
4. _Gerstein_: Leiter der militärischen Propaganda, sanktionierte
den Empfang der Gelder von bürgerlichen Organisationen, betätigte
sich in der Ukraine, leitete Verhandlungen mit der französischen
Mission.
5. _Timofejew_: unterhielt Verbindungen zur französischen Mission,
entsandte Offiziere in die Wolgaprovinzen, war über die Tätigkeit
der Terrorgruppen informiert und gab seine Einwilligung zu ihren
Plänen.
6. _Wedenjapin_: war der Beauftragte des Z.K. der S.R. in Samara,
stand in Verbindung mit den Tschechoslowaken, war über die
terroristische Tätigkeit informiert, unterstützte Mitglieder der
Terrorgruppen durch Geld.
7. _Lichatsch_: war bevollmächtigter Leiter der Militärabteilung des
Z.K., nahm an gemeinsamen Sitzungen konterrevolutionärer Verbände
teil, erhielt Gelder aus englischen Quellen, war Mitglied der
„Nordregierung“ in Wologda und Archangelsk.
8. _Morosow_, 9. _Artemjew_: Konspirative Tätigkeit in Moskau.
Vorbereiter des Aufstandes in der Wolgagegend.
10. _Ratner-Elkind_: Erhielt als Kassiererin des Z.K. der S.R. die
aus Expropriationen stammenden Gelder von Ssemjonow und war über
ihre Herkunft unterrichtet.
11. _Ratner_, Gregor: Mitglied der Militärgruppe. War unterrichtet
über die terroristische Tätigkeit.