Westindische Docks. Knole, Landsitz des Herzogs von Dorset

Die nördlichen Ufer der Themse in der Grafschaft Kent sind nahe

bei London mit unzähligen Magazinen, Schiffswerften und anderen

dem Seehandel unentbehrlichen Gebäuden bedeckt. Hier auf der

befahrensten Straße zum "Markte der Welt" ist alles der rastlosesten

Tätigkeit geweiht, und die ländlichen Freuden fliehen von selbst

diesen ewigen Lärm, wo der Amboß und der laute Ruf einer zahllosen

Menge arbeitender Menschen unaufhörlich ertönt.

Nahe an der Stadt erblickt man ein Riesenwerk unserer Tage:

die dem westindischen Handel gewidmeten Docks. Eine Gesellschaft

Londoner Kaufleute erbaute sie vor nicht gar langer Zeit.

Sie kosteten die ungeheure Summe von sechshunderttausend Pfund

Sterling. Eine Abgabe von den hier abzuladenden Waren entschädigt

die Unternehmer für ihre Auslage vollkommen, denn alle

Westindienfahrer müssen in diesem durch Kunst hervorgebrachten

Hafen ihre Waren ein- und ausladen. Er besteht aus zwei

ungeheuren Bassins, von welchen das kleinere bloß zum Laden dient,

das größere zwei- bis dreihundert große Schiffe beherbergen kann,

die darin sicher und bequem unter Schloß und Riegel liegen.

Man kann sich den imposanten Anblick des Ganzen kaum vorstellen.

Schöne breite Quais, belebt von allem Gewühl des Seehandels,

umgeben die mit Schiffen bedeckten Bassins. Einer Reihe Paläste

gleich, stehen die großen prächtigen Magazine die Quais entland;

kein Fleck ist unbenutzt, und trotz der Größe des Ganzen scheint

es oft noch an Raum zu fehlen. Diese Einrichtung gewährt dem Handel

nicht zu berechnende Vorteile; denn die mit den kostbarsten Waren

beladenen Schiffe liegen hier gesichert gegen allen Diebstahl,

in einem ganz abgesonderten Raume, geschieden von den übrigen

Fahrzeugen, welche den Hafen überfüllen. Da die Westindienfahrer

gewöhnlich in großen Flotten zugleich anlangen, so entstand

bei ihrer Ankunft sonst immer eine gewaltige Verwirrung,

ein fürchterliches, unendliches Schaden und Verlust mit sich

bringende Gedränge auf dem Strome. Dem ist nun vorgebeugt,

und alles geht mit Ruhe und Ordnung vonstatten.

Den prächtigen Docks gegenüber breitet sich das stattliche

Greenwich aus, und man braucht nur in einem der immer bereit

liegenden Boote quer über die Themse zu schiffen, so ist man

in diesem der Ruhe gewidmeten Asyl; nur einige Schritte weiter

in dem schönen Park von Greenwich und die friedlichste Stille

umgibt uns, kein Laut von jenem unruhigen Treiben der

gelderwerbenden Menge tönt mehr herüber.

Hinter dem Park erstreckt sich die nicht große, aber als

Haupttummelplatz englischer Straßenräuber berüchtigte Heide

von Blackheath, welche jedoch in üblerem Rufe steht, als sie es

verdient. Im Ganzen scheint die Zahl jener Unholde in England

ziemlich abgenommen zu haben, und manche Mordgeschichte,

die man in den englischen Blättern liest, wurde nur ersonnen,

um den Platz zu füllen, oder den übrigen, oft faden Inhalt

der Neuigkeiten bekannter zu machen.

Von Blackheath aus machten wir eine kleine Lustreise durch

einen anderen Teil der Grafschaft Kent, als der war, welchen wir

auf der Reise von Dover nach London sahen.

Gleich anfangs erfreute uns, wenige Meilen von London, eine in

ihrer Art einzige, wunderherrliche Aussicht. Wir sahen die

mächtige Stadt, ihre unzähligen Türme und den Dom von St. Paul

ausgebreitet daliegen am Ufer des Stroms, der, bedeckt mit Masten,

wirklich im strengsten Sinne des Worts wie ein seiner Zweige

beraubter Wald sich zeigte. Gerade vor uns lag Greenwich, zur

linken Hand die nicht unbeträchtliche, fast einzig dem Schiffsbau

gewidmete Stadt Deptford mit ihrem Hafen, ihren Docks,

ihren gewühlvollen Schiffswerften, rechts die ihr ähnliche Stadt

Woolwich, in welcher sich das ungeheure Arsenal der englischen

Seemacht nebst vielen dazugehörigen Schmieden, Magazinen und

Fabriken befindet. Das sanfthügelige Land ringsumher, belebt

durch unzählige Dörfer, trägt ganz den englischen Charakter;

alles ist grün, fruchtbar, angebaut und geschmückt mit

einzelnen Gruppen ehrwürdiger Eichen und Buchen.

Manchen schönen Park mit seiner Villa, manche reizende ländliche

Wohnung sahen wir im Vorbeifahren, bis zu dem vierzehn Meilen

von London entlegenen Landstädtchen Bromley. Hier drängen sich

indessen die Landsitze nicht so aneinander als in der Gegend

um Richmond herum, denn es fehlen die höheren Reize, die dort

der alles belebende Strom gewährt, und überhaupt mangelt es

der Grafschaft Kent an Gewässern.

Nahe bei Bromley besuchten wir einen alten Freund, den wir vor

mehreren Jahren in einem kleinen Hause der City als einen

mittelmäßig wohlhabenden Kaufmann in seinem Comptoir verließen

und hier als den reichen Besitzer von Tunbridge Park wiederfanden.

Ein schöner Park, angenehme Gärten und Spaziergänge umgeben die

elegante, von unserem Freunde ganz im italienischen Geschmacke

erbaute Villa. Der Tempel der Ceres nahe bei Rom diente der

Hauptfassade zum Modell.

Wenige Meilen weiter, nahe beim Städtchen Sevenoaks, liegt Knole,

der uralte Sitz des Herzogs von Dorset. Bis hierher behält

die Gegend denselben Charakter, hügelig, grün, angebaut wie

ein Garten.

Das durch sein Alter ehrwürdige Schloß liegt mitten in einem

weitläufigen Parke, dessen himmelanstrebende Eichen vielleicht

schon vor seiner Erbauung dastanden. Es ist ein düsteres,

weitläufiges Gebäude, dessen innere Einrichtung aus einem

wunderlichen Gemisch von Altem und Neuem besteht. Einige Zimmer

sind ganz modern möbliert, andere, wie sie vor ein paar hundert

Jahren es waren; die übrigen, gerade die am meisten bewohnt

zu werden schienen, enthalten Altes und Neues durcheinandergemischt

und nehmen sich eben nicht zum besten aus.

Besonders merkwürdig für den Forscher nach alter Sitte sind

zwei Zimmer; das erste steht noch da, wie König Jakob der Erste

[Fußnote: König von Großbritannien und Irland (1603-25),

als König von Schottland Jakob IV. (1567-1625), Sohn Maria Stuarts.]

es verließ, der einmal eine Nacht darin zubrachte. In dem hohen

geschnitzten Bette könnten wenigsten sechs Personen bequem Platz

finden; an den Spiegeln ist mehr Schnitzwerk als Glas,

und die zentnerschweren Lehnstühle sind mit kleinen Treppen

zum Hinaufsteigen versehen.

Das andere Zimmer, dessen Einrichtung aus derselben Zeit stammt,

ist ein kostbares Denkmal der damaligen soliden Pracht. Die aus

Gold und Silber gewirkten Gardinen des Bettes, welches allein

zwanzigtausend Pfund Sterling gekostet hat, scheinen ihre

Entstehung eher dem Amboß und Hammer als dem Webstuhle zu

verdanken, so massiv sind sie, und die mit einer zolldicken

künstlichen goldenen Stickerei über und über verzierte Decke

desselben würde jeden, der darunter schlafen wollte, durch ihre

Schwere erdrücken. Eine silberne Toilette von schöner alter

getriebener Arbeit, ein großer silberner Tisch und ein geschnitzter

Schrank, groß wie ein Haus in den Hochlanden, über und über

besetzt mit silbernen Prunkvasen, machen das Ameublement

vollständig.

Viele andere Zimmer enthalten eine Menge guter alter Gemälde.

Besonders merkwürdig in dieser Hinsicht ist eine lange Galerie

voll Familienportraits und Bildnissen ausgezeichneten Menschen

früherer Zeit. Manche wunderliche Karikatur, aber auch mancher

vortrefflich gemalter Kopf blickt hier von den Wänden auf uns herab.

Zu den letzteren gehört besonders ein sehr charakteristisches

Porträt Cromwells, nächst dem Luthers, dessen bleichen Freundes

Melanchthon und Erasmus, gemalt von Lucas Cranach. Die Porträts

fast aller bekannten und berühmten Gelehrten und Dichter Englands

füllen ein besonderes Kabinett.

Weiterhin hinter Knoles erhebt sich die Gegen allmählich;

höhere Berge gewähren dem Reisenden manche schöne Aussicht; bald

zeigen wunderbar gestaltete Felsen ihre kahlen Scheitel;

weiter blick man hinab in die tiefen Schluchten eines sehr

pittoresken Steinbruchs; dann zeigt sich die schöne Ruine eines

uralten Schlosses hoch auf einem Berge, der drohend auf das

and seinem Fuße liegende Städtchen Tunbridge hinabschaut. So geht es

fort bis zu dem einige Meilen weiterhin gelegenen freundlichen

Badeorte Tunbridge Wells.

Dieser wird sehr häufig besucht, da er nur sechsunddreißig Meilen

von der Hauptstadt entfernt ist und man den Weg dahin in wenigen

Stunden zurücklegt. Wir würden indessen die Grenzen der nächsten

Umgebung überschreiten, wenn wir uns auf dessen nähere

Beschreibung hier einließen; auch zeichnet er sich weder durch

seine innere Einrichtung noch durch seine Lage vor anderen

ähnlichen Orten aus. Tunbridge sei also der Scheidepunkt, wo wir

dem Leser, der uns freundlich bisher begleitete, ein dankbares

Lebewohl sagen.

Reise durch England und Schottland · 第 80 / 80 题