[Fußnote: Der Palast brannte 1834 ab. Im heutigen Parlamentsgebäude
sind nur die Westminster Hall und die Krypta und der Kreuzgang
der St. Stephens Chapel aus der Zeit von Johannas Besuch.
Als Hauptgerichtshof diente die Hall bis 1883. Sie stammt vom
Palast Richards II. aus dem Jahre 1398.]
In diesen Überbleibseln eines uralten, von Eduard dem Bekenner
erbauten Palastes thront jetzt die Göttin Themis [Fußnote: Göttin
der göttlichen und natürlichen Ordnung.]. Gleich den Königen
von England ist auch sie schlecht logiert, und ihre Residenz
sieht von innen und außen sehr zerfallen aus. Neugierig,
den Schauplatz so vieler merkwürdiger Entscheidungen, den Tummelplatz
der berühmtesten Redner der Welt zu sehen, eilten wir eines Morgens hin.
Zuerst traten wir in die Westminster Halle. Es ist ein hoher,
gewölbter Saal, zweihundertfünfundsiebzig Fuß land und vierundsiebzig
breit. Man hält ihn in England für den größten in Europa, dessen Decke
nicht auf Säulen ruht. Dies mögen wir nicht bestreiten, aber trotz
seiner Größe gewährt er keinen brillanten Anblick. Die Wände sind
ohne alle Verzierungen, und die künstlich geschnitzte Decke
von Eichenholz nimmt sich, von unten aus gesehen, schon wegen
der braunen Farbe des Holzes nicht besonders aus. In der Nähe
betrachtet, sollen diese Verzierungen im gotischen Geschmacke
nicht ohne Kunstwert sein.
In früheren Zeiten diente diese Halle bei großen Festen und
Schmausereien den Königen zum Speisesaal. Richard der Zweite soll
darin auf einmal zehntausend Personen bewirtet haben. Oft ward hier
das Parlament versammelt, hier war der große Gerichtshof,
in welchem der König persönlich präsidierte. Der unglückliche
Karl der Erste [Fußnote: wegen seiner absolutistischen Bestrebungen
stand er im Gegensatz zu Parlament und Cromwell. Als er mit
den Schotten zu paktieren suchte, wurde er wegen Hochverrats
vor ein außerordentliches Gericht gestellt, am 25. Januar 1649
zum Tode verurteilt und am 30. vor seinem Palast Whitehall
enthauptet.] ward in dieser Halle verhört und verurteilt,
und noch jetzt versammeln sich hier die Richter bei wichtigen
seltenen Rechtsfällen, wenn ein Pair des Reichs oder irgendeine
andere sehr wichtige Person angeklagt wird. Gewöhnlich aber dient
diese Halle den Advokaten und ihren Klienten zur Promenade,
bis die Reihe sie trifft, bei Gericht vorgelassen zu werden.
Wir sahen hier viele der ersteren in schwarzen Mänteln, mit großen,
weißgepuderten Perücken auf- und abwandeln. Sehr ungeniert
ging es übrigens zu, jeder wandelte, wohin es ihm beliebte;
keine Wache, kein Türsteher, niemand, der auf Ordnung hielte,
war sichtbar. Auch wir eilten ungestört umher, traten von ungefähr
hinter einen an der Seitenwand der Halle angebrachten Vorhang
und sahen uns plötzlich zu unserem Erstaunen in einem nicht großen,
nicht schönen, aber ziemlich dunklen Zimmer, das uns wie eine
Dorfkapelle vorkam. Auf einer kleinen Erhöhung hinter einem Tische
saß ein schwarzbemäntelter Herr mit einer gewaltig respektablen
Staatsperücke. Es sprach sehr angelegentlich und eindringend;
wir aber verstanden kein Wort von dem, was er sagte, denn
eine Menge Leute gingen mit großen Geräusche aus und ein und
machten einen Lärm, als wären sie für sich allein zu Hause.
Zuweilen rief wohl irgend jemand: "Silence!", aber niemand
kehrte sich sonderlich daran, der Lärm dauerte fort nach wie vor.
Rund um den Tisch saßen dreißig bis vierzig andere Herren auf Bänken,
ebenfalls mit schwarzen Talaren und weißen, obgleich etwas
kleineren Perücken. Alle schienen emsig beflissen, dem Redner
zuzuhören, so gut es sich bei so bewandten Umständen tun ließ.
Zu unserem Erstaunen vernahmen wir, dies sei der hohe Gerichtshof,
High Court of Chancery, und der Herr obenan der Lordkanzler,
die anderen wären die Richter, welche in diesem unruhigen Winkel
sich versammelten, um sehr bedeutende Prozesse zu entscheiden.
Man kann indessen von ihrer Entscheidung noch an das Oberhaus
appellieren.
Verwundert über die leichte Art, mit der hier die wichtigsten Dinge
betrieben werden, irrten wir eine Weile im alten Palaste umher,
durch viele uralte gewölbte Gänge, Treppen auf und ab, kreuz und
quer; zuletzt fanden wir uns wieder nahe an der großen Halle,
im Gerichtshofe von Kingsbench, Court of Kingsbench.
Hier sah es nicht besser aus als im hohen Gerichtshofe;
derselbe Lärm, dieselbe Unordnung. Zwei Herren, mit Perücken
angetan, die auf einer größeren Erhöhung sich befanden, präsidierten;
einer von ihnen war der Oberrichter, Lord Ellenborough. Vor ihnen,
hinter Schranken, standen ein paar arme Teufel mit wahren
Armesündergesichtern, über deren Haupt es eben herzugehen schien.
Vor dem Gerichtshofe von Kingsbench werden fast alle Kriminal- und
Polizeiverbrechen gerichtet; der berühmte Mr. Erskine [Fußnote: Thomas,
englischer Advokat und Staatsmann, seit 1805 Lord und Lordkanzler.
Verteidiger von Thomas Paine.] und sonst noch mehrere ausgezeichnete
Rechtsgelehrte treten hier oft als Verteidiger oder Kläger
vor die Schranken. Hoffentlich gönnt man diesen Männern mehr
Aufmerksamkeit, als sonst hier gebräuchlich ist. Nie und nirgends
sahen wir das, was doch erst das ernsteste Geschäft der Welt ist,
die Entscheidung zwischen Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld,
Lohn und Strafe, Leben und Tod, auf eine so leichtsinnige Weise
betreiben. Keine Spur war zu erblicken von dem imponierenden Ernste,
der von jedem Richterstuhle unzertrennlich sein sollte.
Unbegreiflich ist es nur, wie Richter und Advokaten diesen Lärm
ertragen, ohne alle Aufmerksamkeit, für ihr Geschäft zu verlieren.
Wir eilten hinaus und resignierten gern darauf, noch zwei Gerichtshöfe
zu sehen, die sich ebenfalls im Palaste von Westminster befinden
und in welchen es nicht besser hergeht als in den beiden,
welche wir besuchten.
Da das Parlament leider nicht versammelt war, so wollten wir doch
wenigstens das Lokal sehen, in welchem das Oberhaus zusammenkommt.
Dies ist ein alter, mittelmäßig großer, räucheriger Saal.
Verblichene gewirkte Tapeten, welche den Sieg über die Armada
vorstellen, bekleiden die Wände; man rühmt ihre Kunstwert,
aber die verheerende Zeit und der ihr treulich beistehende Staub
und Schmutz haben sie dermaßen entstellt, daß wenig mehr
von ihrem ehemaligen Glanze zu entdecken ist. Am oberen Ende
des Saals, auf einer Erhöhung, steht der königliche Thron,
der wie der Baldachin einer vom Trödel geholten, altmodischen,
rotdamastenen Himmelbettstelle sich ausnimmt. Daneben, zur rechten
Hand, stand ein ebenso alter und unscheinbarer Lehnstuhl für
den Prinzen von Wales und zur Linken sechs Stühle für die übrigen
Prinzen. Mitten im Saal liegen vier große viereckige, mit rotem
Zeuge bezogenen Wollsäcke für die Lords, welche zugleich Richter
sind; die übrigen Lords finden ihre Plätze auf einigen zu beiden
Seiten stehenden Reihen Bänken. Ein sehr großer Kamin vollendet
das Ganze; er ist mit einer Barriere von eisernem Gitterwerke
versehen, vermutlich damit niemand im Eifer des Debattierens
hineinfalle.
So sieht der Saal aus, in welchem oft das Schicksal von Millionen
entschieden wird, der Saal, in welchem die ersten und mächtigsten
Glieder einer Nation sich versammeln, welche gern dem ganzen Erdball
Gesetze gäbe und noch nie fremde annahm. Vielleicht ist gerade
diese Unscheinbarkeit der sprechende Beweis des Stolzes, der,
auf innerem Bewußtsein ruhend, allen äußeren Glanz verachtet.
Im Unterhause sieht es nicht glänzender aus; nur der Thron
und die Wollsäcke fallen weg, sonst ist die Einrichtung des Saals
ungefähr die nämliche. Die Wände sind mit braunem Holze getäfelt,
und an einer Seite, oben, befindet sich eine Galerie für die,
welche den Sitzungen als Zuschauer beiwohnen wollen. Keine Frauen
werden hier während derselben zugelassen. Auch möchten wenige es
ertragen können, sich zur Erhaltung eines guten Platzes schon
um neun oder zehn Uhr morgens einzufinden und dann oft bis
Mitternacht dort auszudauern. Indessen ist doch dafür gesorgt,
daß man nicht verhungere; denn ein Gastwirt hält in einem
unter dem nämlichen Dache befindlichen Kaffeezimmer Erfrischungen
für die Mitglieder des Unterhauses bereit; auch Fremden
ist's erlaubt, sich in seiner Küche zu erquicken und zu stärken.
Es ist Sitte, daß man nach einer solchen Exkursion seinen Platz
in der Galerie unbesetzt wiederfindet.
Ursprünglich war der Saal des Unterhauses eine Kapelle, vom
Könige Stephan [Fußnote: Stephan von Blois, Enkel Wilhelm des Eroberers,
von 1135-1154 König von England.] dem Schutzheiligen seines Namens
gewidmet. Der prachtliebende Eduard der Dritte stellte sie
in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts wieder her.
Heinrich der Sechste gab ihr ihre jetzige Bestimmung, ließ sie
dazu einrichten und durch mancherlei Abteilungen zu Gängen und
Nebenzimmern verkleinern. Leider ward dadurch eins der schönsten Werke
gotischer Kunst so gut als vernichtet. Vor mehreren Jahren riß man
einen Teil der Vertäfelung, welche die Wände bekleidet, herab,
um den Saal zu vergrößern. Mit Erstaunen entdeckte man die Überbleibsel
der reichen Verzierungen an der ursprünglichen Mauer und schloß
mit Bedauern aus diesem Wenigen auf die ehemalige Pracht des Ganzen.
Man fand unschätzbare Spuren der Kunst jener Zeiten, wunderkünstliches
Schnitzwerk, Malereien und Vergoldungen, frisch und glänzend,
als wären sie von gestern; besonders am östlichen Ende der Kapelle,
wo man noch deutliche Spuren des Hochaltars sah. Seitenwände
und Decke waren dort mit schönem Schnitzwerke und alten Wappenbildern
ganz bedeckt; dazwischen einige lebensgroße gemalte Figuren
und ein uraltes Gemälde, die Anbetung der Hirten vorstellend,
für den Freund der Kunstgeschichte von unendlichem Werte.
Alles wurde barbarischerweise zerstört und gänzlich vernichtet,
um dem jetzt existierenden traurigen Saale Platz zu machen,
als gäbe es in ganz London keinen anderen Raum, in welchem
die Herren des Unterhauses sich versammeln könnten. Von aller
dieser Herrlichkeit blieb nur ein einziges schönes gotisches Fenster,
durch welches die Sonne jetzt trübe blickt, als vermisse sie
den ehemaligen Glanz.
Von außen sah das ganze Gebäude traurig und verfallen aus, sowie auch
die schöne, gegenüberstehende, dazugehörige Kirche, die berühmte
Abtei von Westminster. Man wendete wenig Mühe und Kosten daran,
diese Denkmäler früherer Zeiten zu erhalten, und sie schienen
allmählich ihrem Untergange zusinken zu wollen.