Vom eigentlichen Bettler wird man in Londons Straßen wenig gewahr,
dennoch wissen die Armen auf mannigfaltige Weise die Wohltätigkeit
anzuregen. So sahen wir oft zwei Matrosen: einem fehlte ein Bein,
dem anderen ein Arm; aufeinander gestützt schwankten sie durch
die Straßen, indem sie mit lauter Stimme nach einer wilden,
klagenden Melodie eine Art Ballade sangen, welche die Geschichte
ihrer Leiden enthielt. Mitleidig weilte John Bull bei ihrem Klageliede
und belohnte es gern mit einigen Pence.
An den Kreuzwegen, wo man, um in eine andere Straße zu gelangen,
die Trottoirs verlassen und über den Fahrweg gehen muß,
stehen immer Leute, die geschäftig einen reinlichen Fußpfad kehren,
der freilich alle Augenblicke durch darüber rollende Wagen wieder
zerstört wird. Bescheiden wagen sie wohl zuweilen die Frage:
ob man nicht einige einzelne Pfennige führe? Und auch ohne diese
gibt man ihnen gern.
An wenigen betretenen Plätzen, besonders im ruhigen Teile
der Stadt, sieht man oft Männer, die mit Kreide auf den breiten
Quadersteinen der Trottoirs wunderschöne kolossale Buchstaben
malen, Namen, Sentenzen, Sprüche aus der Bibel. Der Vorübergehende
steht still, bewundert ihre Kunst und belohnt sie unaufgefordert
mit einer kleinen Gabe. Unbegreiflich war es uns immer, wie Leute,
die eine so schöne Hand schreiben, so tief in Armut versinken können.
Auf dem festen Lande müßte jeder dieser Bettler als Schreibmeister
oder Schreiber seine reichliche Existenz finden, denn es ist unmöglich,
etwas Vollkommeneres in seiner Art zu sehen als diese Schrift.
Besonders merkwürdig aber erschien uns eine Bettlerin, der wir
täglich in den volkreichsten Straßen der City begegneten.
Man hielt sie allgemein für eine durch verschuldete oder unverschuldete
Unglücksfälle so tief gesunkene Schwester der berühmten Schauspielerin
Siddons, wenigstens trug sie eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dieser
in ihren Zügen. Dieselbe hohe, edle Gestalt, derselbe Adel in Blick
und Miene, nur älter, blaß und wie versteinert durch lange Gewohnheit
des Unglücks. Niemand beschuldigte Mme. Siddons der Härte gegen
ihre unglückliche Schwester, denn alle, welche diese Frau
für solche ausgaben, fügten hinzu: sie nähme nichts von ihr an
und wolle nun einmal bloß von fremdem Mitleid ihr Leben fristen.
Oft begegnete uns diese wunderbare Erscheinung. Sie trug immer
einen schwarzseidenen Hut, der nicht so tief in's Gesicht ging,
daß man nicht dessen Züge hätte bemerken können; ein grünwollenes Kleid,
eine schneeweiße große Schürze und ein ebensolches Halstuch.
Schweigend, mit stolzem Ernst wandelte sie, gestützt auf zwei Krücken,
langsam und ungehindert durch die Menge. Jedermann wich ihr
mit einer Art Ehrfurcht aus und ehrte in ihr die Heiligkeit
eines großen, ungekannten Unglücks. Sie forderte nicht, sie bat nicht,
aber reichliche Gaben wurden ihr dennoch von allen Seiten geboten,
jeder fühlte sich gezwungen, getrieben, ihr zu geben. Es war,
als müsse man ihr danken, daß sie die gebotenen Gabe nur nahm.
Sie dankte nicht; mit dem Anstande einer Königin nahm sie
das Dargebotenen und wandelte stumm weiter wie ein Geist. Die bildende Kunst
hat sich diese auffallende, große Gestalt, diesen weiblichen Belisar,
möchten wir sagen, oft zum Vorbild gewählt. In allen Kupferstichmagazinen,
bei allen Ausstellungen der Maler fand man ihr sprechend ähnliches Bild,
denn diese Züge drückten sich leicht der Phantasie ein.