In dem kleinen freundlichen Landstädtchen Tewkesbury vernahmen wir,
daß dort in einigen Tagen ein großes Pferderennen gehalten werden sollte.
Unter den Wölfen lernt man heulen, sagt das Sprichwort, unter den
Engländern wird man am Ende selbst eine Art John Bull. Wir beschlossen
also die Zeit bis dahin in dem benachbarten Bade Cheltenham zuzubringen,
dann an dem zu jenen Feste bestimmten Tage nach Tewkesbury zurückzukehren,
und reisten nach Cheltenham ab.
Dieser berühmte Brunnenort ist ein hübsches Städtchen, in einem
angenehmen, von Hügeln umgebenen, breiten Tale. Alles darin sieht
neu aus. Die Stadt ist größtenteils während der letzten vergangenen
fünfzig Jahre erbaut, denn so lange ungefähr ist es, daß die dortige
Quelle bekannt und berühmt ward.
Cheltenham besteht aus einer einzigen, wenigstens eine englische Meile
langen Straße, an welche sich kleine Nebenstraßen und einzelne Gebäude
anschließen. In dieser Hauptstraße mit den schönsten Gebäuden,
den glänzendsten Läden, Leihbibliotheken und Kaffeehäusern wogt
die schöne Welt den Morgen über langsam und, wie es uns schien,
auch langweilig auf und ab. Die Damen schleichen gähnend zu zweien
und dreien aus einem Laden in den anderen, während die Herren
mit Reiten, Trinken und Zeitungslesen die edle Zeit auf ihre Weise
hinzubringen suchen.
Der Geist geselliger Freude ist hier so wenig als sonst in England
heimisch; man treibt alles ernstlich, und so wird auch das Vergnügen
zur Arbeit. Wenn der Morgen überstanden ist, so helfen Bälle,
Assembleen, Konzerte und Theater, wie es eben die Reihe trifft,
die übrigen Stunden hinzubringen; für alles dies ist gesorgt,
wenn auch nach etwas verjüngtem Maßstabe. Während der Saison
präsidiert hier einer der Zeremonienmeister aus Bath, weil er den Sommer
über dort müßige Zeit hat. Von dieser und anderen Einrichtungen
der englischen Bäder sowie auch von der allen gemeinsamen Lebensweise
behalten wir uns vor ausführlicher zu sprechen, wenn wir zur Beschreibung
von Bath, dieser Königin aller englischen Badeorte, kommen.
Die Promenade, welche zu dem Brunnen von Cheltenham führt, wird
für eine der schönsten in England gehalten; wahrscheinlich erwirbt ihr
in diesem Lande die große Seltenheit gerader, von hohen Bäumen eingefaßter
Alleen diesen Ruhm, denn hohe, schattige Ulmen umgeben hier
von beiden Seiten eine breite, schnurgerade, etwa neunhundert Fuß
lange Allee. In ihrer Mitte befindet sich der Brunnen in einem etwas
schwerfälligen Tempel eingeschlossen, daneben ein hübscher Saal
zum Gebrauch der Brunnengäste bei schlechtem Wetter, und in diesem
ein Buch zu Subskriptionen für die Erhaltung der Promenade, des Saals usw.
Jeder wohlerzogene Brunnengast unterzeichnet sich darinnen mit Namen
und Stand; im Unterlassungsfall wird er für einen Nobody angesehen
und keine Notiz von ihm genommen, wie billig. Am Ende der Promenade
befindet sich noch eine gewöhnliche englische Gartenanlage;
ein artiges, ebenfalls zur Belustigung der Badegäste bestimmtes Gebäude
schließt hier die Allee, und am anderen Ende derselben bildet
der ziemlich spitzige Kirchturm das Point de vue.
Es ist ein hübscher Anblick, wenn man morgens zwischen acht und zehn Uhr,
der gewöhnlichen Brunnenzeit, die Badegesellschaft unter den
ehrwürdigen Bäumen langsam auf und ab wandeln sieht. Der eigene Reiz,
welcher die Engländerinnen in ihrer Morgenkleidung umgibt, ist bekannt,
und hier, in diesem grünen Dämmerlichte, zeigen sich die weiß gekleideten,
nymphenhaften Gestalten der meisten auf's Vorteilhafteste. Zwar hält
diese Allee mit der von Pyrmont keinen Vergleich aus, die Engländer
sind indes stolz darauf und meinen, sie sei die schönste in der Welt.
Während man hier des Trinkens halber auf und ab spaziert, welches sehr
charakteristisch die Morgenparade genannt wird, musiziert eine Bande
Spielleute rasch darauf los, so gut es gehen will, und läßt laut
ihr God save the King und Rule Britannia erschallen.
Eine wunderliche Einrichtung ist's, daß man nicht anders als
über den Kirchhof zur Promenade gelangen kann; dieser ist zwar
ganz artig, mit hübschen Linden, aber daneben auch mit vielen Leichensteinen
besetzt und mag wohl bei manchem zur Quelle wallfahrtenden Kranken
Ideen erwecken, die deren Heilkräfte schwächen könnten.
Das Wasser von Cheltenham wird hauptsächlich gegen Hautschäden, Skorbut
und ähnliche Übel gebraucht. König Georg der Dritte brachte durch
einige Besuche diese Quelle zuerst in Mode, doch bekam ihm dieses
sehr übel. Er wollte hier von einem unangenehmen, aber eingewurzelten,
vielleicht angeborenen Hautübel genesen; es gelang ihm, der Ausschlag
verging, aber der gute Georg geriet darüber in den traurigen
Gemütszustand, in welchen er bis an seinen Tod verblieb.[Fußnote: Georg III.
regierender Monarch aus dem Hause Hannover zur Zeit von Johannas
Englandaufenthalt (1738-1820). Er litt seit 1788 wiederholt unter
Anfällen von Geistesgestörtheit, lebte seit 1801 in einem eigenartigen
Dämmerzustand, der nach einem völligen Zusammenbruch 1811 die Regentschaft
des Prinzen von Wales erforderlich machte.]
Endlich brach der festliche Morgen an, der uns nach Tewkesbury rief;
ganz Cheltenham wanderte mit uns zugleich aus, eine lange bunte Reihe
zu Wagen und zu Roß.
Dort war alles in geschäftiger Bewegung, alles hatte den Sonntagsrock
angezogen, hübsche Mädchen in weißen Kleidern und gelben Nankingschuhen
liegen überall munter und fröhlich umher. Eine Bande Seiltänzer
und zwei herumziehende Schauspielertruppen hatten hier für den Abend
Thaliens und Terpsichorens Tempel aufgeschlagen, dazu war noch
für die Nacht Ball und Assemblee. Man denke, was dies alles
im Städtchen Tewkesbury für Lärm machen mußte, und wie die jungen,
dieser Herrlichkeit ungewohnten Herzen schon beim bloßen Herrlichkeit
ungewohnten Herzen schon beim bloßen Gedanken daran rascher schlugen.
Und noch dazu alle die glänzenden Herren und Damen aus Cheltenham,
die Equipagen, schönen Pferde, Bedienten und der übrige Troß,
es war zum Entzücken! Glücklich, wer wie wir beizeiten für Wohnung
und Mittagessen gesorgt hatte: denn ohne diese Vorsorge war in
dem Gewühle schwerlich ein Unterkommen zu finden.
Um zwölf Uhr zog alles, Mann und Roß und Wagen, hinaus zum Rennplatze.
Eine große schöne Wiese ist dazu eingerichtet, in einem halben Kreise
zieht sich die Stadt darum her, und ferne blaue Berge schließen
rings die Aussicht. Das an sich schon recht hübsche Lokal, belebt von
mehreren tausend fröhlichen Menschen jedes Standes, gewährte
ein sehr interessantes Schauspiel. Die Seiltänzer hatten die mit
unzähligen Fähnchen recht bunt verzierten Gerüste, auf welchen sie
den Abend ihre Künste zeigen wollten, mitten auf dem Platze errichtet;
dieses, die türkische Musik, welche ertönte, um die Neugierde
des Publikums zu erregen, und ihre leichte phantastische Tänzertracht,
in der sie teils mitten unter der Menge umherliefen, teils auf
ihren Gerüsten sich gruppierten, machten das bunte Ganze noch bunter
und lebendiger.
Auch die beiden rivalisierenden Schauspielertruppen strebten
bemerkt zu werden und einander den Rang abzugewinnen. Unermüdet teilten
sie an alle Welt ihre Zettel aus, in die Kutschen flogen diese
Ankündigungen zu Dutzenden, und wenn einer eine Handvoll davon
zu einem Schlage hingeworfen hatte, so eilte gleich sein Nebenbuhler
durch den anderen Schlag ebenfalls das Lob seiner Gesellschaft zu
verbreiten. Alles war Leben und Lust, nur die Wettenden schienen,
mit Ernst und Eifer in ihren Zügen, das fröhliche Treiben der übrigen
verächtlich anzublicken.
Endlich tönte die Trommel, die Pferde liefen vortrefflich, es waren
einige berühmte Renner darunter. Das Ganze gefiel uns weit besser
als in Edinburgh und behagte uns in der Tat so gut, daß wir,
wie der größte Teil der übrigen Gesellschaft, nach Tische wieder
zum zweiten Rennen fuhren.
Aber nun war der Reiz der Neuheit vorbei, und ums uns nicht am Ende
eines fröhlichen Tages zu langweilen, ließen wir Ball und Assembleen,
Kunstreiter, Othello und Konsorten im Stiche und warteten sogar
die Entscheidung des großen Streits nicht ab: ob Jenny Spinster eine
Viertelminute eher als Edgar am Ziele gewesen sei, oder ob beide
zugleich angekommen wären. Wir wünschten den guten Einwohnern
von Tewkesbury, die Shakespeare in einem seiner Meisterwerke als
vortrefflich Senffabrikanten verewigt hat, viel Vergnügen für
den heutigen Abend und den morgigen Tag, an welchem gleiche Freuden
sie erwarteten, bewunderten noch die schöne gotische Kirche,
eine der größten und schönsten im Reiche, und fuhren fröhlichen
Muts nach Gloucester.
Diese Stadt schien uns beim Durchfahren ziemlich bedeutend,
mit hübschen Häusern und breiten Straßen. Übrigens enthielt sie,
so viel wir erfahren konnten, nichts, was unsere nähere Aufmerksamkeit
auf sich zog.