Von Inverary bis Cairndow fuhren wir neun englische Meilen auf schönem
ebenen Wege durch ein fruchtbares, angebautes Tal, fast immer längs dem
Ufer des Loch Fyne. Wir hätten geglaubt, irre zu fahren, wenn das hier
möglich wäre, wo nur eine fahrbare Straße durch das Gebirge führt: denn
der Kastellan im Schloß von Inverary hatte uns den Weg, welchen wir
jetzt nehmen mußten, als den fürchterlichsten im ganzen Lande
beschrieben; dunklere Klüfte, steilere, öde Felsenberge sollten wir noch
nicht gesehen haben, besonders sprach er viel von einem hohen Berge, er
nannte ihn rest and be thankful, ruht und dankt.
Gleich hinter Cairndow merkten wir indessen gar wohl, daß wir uns
auf dem rechten Wege befanden. Das Steigen begann, der See,
das schöne Tal und alle Anmut der Gegend verschwanden unserem Blicke.
Mehrere Stunden hindurch ging es immer höher und höher, über nackte
Felsen, durch dunkle enge Klüfte, zuweilen durch düstere Täler,
dann wieder hoch auf Bergen. Nur feines grünes Moos deckt wie ein Teppich
das Gestein, sonst keine Vegetation, kein Leben, Totenstille und
öde Einsamkeit herrschten ringsumher. Kein laut ertönt in diese Wüste
als das Brausen der Felsenbäche, die hin und wieder hinabstürzen;
keine Spur menschlichen Daseins ist sichtbar, außer zuweilen
eine jener armen Hütten, neben dem schäumenden Bache in eine
Felsenecke gedrückt, einsam verloren. Diese traurigen Wohnungen
machen die Einsamkeit noch auffallender. Im Winter müssen ihre
Bewohner, ausgeschlossen von aller Möglichkeit, zu Menschen zu kommen,
ein Leben führen wie auf einer wütenden Insel, und noch verlassener
hier in diesem Lande, wo der Himmel auch im Sommer nicht freundlich
lächelt. Dennoch verändern sie ihren Aufenthalt nie. Bei aller Öde
trägt diese Gegend aber auch den Charakter unbeschreiblich
erhabener Größe. Die mächtigen Felsen stehen ringsumher wie
anbetende Riesen, in schauerlichem Schweigen; die rote Blüte
des Heidekrauts bedeckt ihre kolossalen Konturen mit einem Purpurmantel,
ohne sie zu verhüllen; ihre Häupter sind umwogen von ewigen Nebeln,
die ihm Sonnenstrahl zur Glorie werden; ein leiser, feuchter Duft
schwebt über Berg und Tal, mit magischem Schimmer alles harmonisch
vereinend.
Endlich hatten wir den steilsten Gipfel des Weges erreicht; rest and
be thankful lasen wir auf einen Stein gegraben und daneben die Namen
der Regimenter, welche unter der Leitung ihrer Obern diesen Weg
bahnten.
Hier begegneten wir dem einzigen Wanderer auf dem ganzen Wege
durch diese Wüste, einem jungen, raschen, in seinen Plaid gehüllten
Hochländer. Er sprach ein wenig Englisch und half uns bereitwillig,
eine nahe Anhöhe zu ersteigen, wo eine ausgebreitete Ansicht
sich uns eröffnete.
Doch übersahen wir die imposanten Massen, die schwarzen zackigen
Kronen unzähliger anderer, von aller Vegetation entblößter Berge;
die Wasserfälle, die von ihrer Seite herabtanzen und sich in
dunklen Tiefen verlieren, ohne daß wir ihr Brausen auf dieser Höhe
vernehmen konnten. Zwischen diese Felsen eingeklemmt liegt auch
das schauerliche Tal Glencoe [Fußnote: dieses Tag liegt am Ostende
des Loch Linnhe und ist von Johannas Standpunkt aus nicht zu sehen.
Am 13. Februar 1692 wurden viele Schotten vom Clan der Macdonalds
durch englische Soldaten erschlagen, denen sie Gastfreundschaft
gewährt hatten], dessen Einwohner zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts
in einer Nacht unter dem meuchelmörderischen Schwerte der nach Rache
dürstenden Engländer fielen, weil sie mit Treue dem Könige anhingen,
den sie als den einzigen rechtmäßigen Erben der schottischen Krone
anerkannten.
Wie Vogelnester erschienen von hier aus die wenigen kleinen Wohnungen
am Fuße der Felsen oder am Eingange der schauerlichen, düsteren Täler,
die so enge sind, daß sie, größeren Felsspalten gleich, wohl nur
wenig Stunden des Tageslichts sich erfreuen. Hin und wieder sahen
wir auch in der Ferne Herden jener kleinen Schafe kümmerlich
die Spitzen der Heidekräuter benagen. Nur auf einem Punkte schimmerte
uns dunkelblau ein Wasser und etwas Grün entgegen: es war Loch Long,
an dessen Ufer Arrochar liegt, das Ziel unserer heutigen Reise.
Nun ging es tief hinab, immerfort über öde Felsen, durch
düstere Klüfte und enge Täler, bis zu den Ufern des Loch Long,
der wie ein Strom sich durch ein Felsental windet.
Dieser See ist eigentlich ein hier tief in das Land sich erstreckender
Arm des atlantischen Meeres. Steile Felsen steigen senkrecht
aus seinen salzigen Fluten und streuen ewig dunkle Schatten über
sie hin, während auch im Sonnenscheine die Bergwasser glänzen,
die von hohen Gipfeln hinab von allen Seiten zueilen.
Arrochar, ein einzelner Gasthof, von wenigen Hütten umgeben,
liegt hart am Ufer des Sees. In früheren Zeiten war dieses Haus
der Sitz einer edlen Familie, und noch immer erkennt man
in dessen Bauart die Spuren jener höheren Bestimmung.