Eine sehr kleine Tagesreise von Kenmore liegt Killin. Von ersterem Orte
an wurden die Felsen immer höher und wilder. Wir fuhren an ihrer Seite
hin, fast immer im Angesichte des Stroms. Dieser ward nun zum See
Loch Tay. Drohende, starre Felsen erhoben sich furchtbar über
unserem Haupte, immer höher und höher übereinander, während wir
den längs dem Ufer des Sees sich hinwindenden Weg verfolgten.
Wolken in seltsamer Gestalt umlagerten die höchsten Gipfel der Berge
und wogten im Winde, kamen und schwanden, alles um uns war feierlich,
groß und einsam. Wir erstiegen, geführt von einem Einwohner des Tales,
den Gipfel eines Berges. Unsere Führer nannten ihn uns Ben Lawers.
[Fußnote: Johanna irrt hier; der höchste Berg Schottlands und damit
auch Englands ist der 1343m hohe Ben Nevis. Selbst Ben More ist
niedriger als der von Johanna erstiegene Ben Lawers.]
Die Aussicht oben war eine der einsamsten der Welt, wir erblickten
nur andere kahle, schauerliche Felsen und zwischen ihnen dunkle
einsame Täler. Ben More, der höchste Berg in Schottland, drohte aus
der Ferne, das Haupt in graue Nebel gehüllt. Herden von jenen
kleinen Schafen, geführt von einem einsamen Knaben, belebten allein
die feierliche Wüste.
Wir kehrten zurück zum Loch Tay und erreichten bald Killin, ein einsames,
ziemlich ansehnliches Haus, umgeben von einigen, hart am Ufer des Sees
erbauten Hütten. Die Flüsse Dochart und Lochay fallen hier in den
See und bilden in sanften Krümmungen kleine Halbinseln. Das Tal,
welches diesen einschließt, ist so grün, Bäume und Sträucher wachsen
in so üppiger Fülle, wie wir es nimmer in diesem nördlichen Winkel
der Welt erwarten konnten. Alles ist angebaut wie ein Garten,
kleine wogende Kornfelder wechseln mit Kartoffelbeeten, und
steinerne Einfassungen schützen die Felder gegen Beschädigung durch Tiere
des Waldes und der überall weidenden Schafe. Hohe Felsen umgeben
dies liebliche Plätzchen, als wollten sie es wie ein schönes Geheimnis
den Augen der Welt verbergen. Lange hielt uns noch die herrliche Aussicht
auf Fels und Tal am großen Erkerfenster im Gasthofe zu Killin fest.
Sie ist als eine der schönsten in diesem Lande berühmt, wie unzählige
Inschriften, in Prosa und in Versen, an diesem Fenster verkünden,
und wahrlich, sie verdient diesen Ruhm.
Der See bildet gerade vor dem Hause eine kleine, wunderschöne Bucht, ein
einsamer Kahn durchschnitt die silberne Fläche in mannigfaltigen
Wendungen. Bäume und Sträuche spiegelten sich im klaren Wasser, die
Felsen glühten ringsumher im Abendbrot, die Nebel, welche ewig ihre
Gipfel umwogen, glänzten wie Purpur und Gold, und aus dem Kahn zu uns
herüber tönten die klagenden Mollakkorde eines schottischen Volksliedes
durch die feierliche Stille der sinkenden Nacht.
Während wir in stiller Freude an diesem Fenster verweilten, besorgten
unsre treuherzig freundlichen Wirte alles auf's Beste, wessen wir
bedurften. Bald dampfte eine köstliche Lachsforelle auf dem Tisch,
die Beute jenes Fischers, dessen einfaches Lied wir eben belauscht hatten.
Diese Bewohner der schottischen Seen sind von einer ganz eigenen Gattung;
sie verdienten wohl, daß unsere modernen Gastronomen einzig um
ihretwillen Wallfahrten nach Schottland anstellten, denn selbst
die berühmten Forellen in der Schweiz werden an Vortrefflichkeit
von ihnen übertroffen.
Nahe bei Killin, auf dem Wege nach Tyndrum, kamen wir am folgenden Morgen
an einem Wasserfall vorbei. Von einer beträchtlichen Höhe eilt er
dem stillen Loch Tay zu, wild einherbrausend und schäumend über
abgerissene Felsentrümmer. Seit Jahrhunderten schon glänzen
seine Tropfen gleich Tränen auf den grünbemoosten Steinen eines
ganz nahen Heldengrabes der Vorzeit, und sein Rauschen ertönt wie
der Nachhall der Bardenlieder, die einst hier, mit ihm wetteifernd,
die Taten des Toten besangen und seinen Geist in die ewigen Hallen
der Väter geleiteten.
Weiterhin wurden die Felsen immer schroffer und höher, öder und
einsamer die ganze Gegend umher. Wilde Bergwasser rieselten
von allen Bergen und stürzten hinab ins Tal, durch welches bald
silberhell, bald wild tobend ein starker Bach sich wand. Nur selten
erinnerte uns in dieser Wildnis ein kleines Kornfeld, eine niedrige
Hütte, daß in dieser abgeschiedenen Einsamkeit noch Menschen leben.
Hier erscheint die Natur, wie Ossian [Fußnote: Sohn des Fingal,
Hauptheld eines irischen Sagenkreises. Durch die Mystifikation
des Schotten Macpherson ("Fingal" 1762), der seine eigenen Dichtungen
als angebliche Übertragung alter gälischer Lieder des Ossian herausgab,
gelangten diese Dichtungen zu großer und weitreichender dichtungs- und
geistesgeschichtlicher Bedeutung und hinterließen auch in der deutschen
Klassik und Romantik ihre Spuren.] sie malte, die Ströme, die Felsen,
die uralten einzelnen Eichen. Der Wind heulte über die Heide,
die Distel wiegt ihr Haupt im Sturme am Grabe der alten Krieger.
Die vier grauen, bemoosten Steine erheben sich noch einsam am Hügel
der Helden und verkünden stumm dem stillen Wanderer die Geschichte
vergangener Jahrhunderte. Viele solcher alten Denkmale sahen wir,
von den Urenkeln der Helden, deren Asche sie umschließen, mit Ehrfurcht
geschont und bewahrt. König Fingal ruht, der Sage nach, in diesem Tale,
im tiefen, dunklen Bette, und die Einwohner glauben, die geheiligte
Stätte noch bezeichnen zu können. Ossians, seines Sohnes, Name
und Lieder sind zwischen diesen Felsen noch nicht verhallt, und die
Geister der Helden können noch immer von ihrem Wolkensitze der alten
wohlbekannten Töne sich erfreuen.
Wir erreichten Tyndrum, einen fast ganz allein liegenden Gasthof,
in einer schauerlich wilden Einöde, auf der höchsten bewohnten Höhe
der schottischen Hochlande. Der Regen stürzte jetzt in Strömen herab.
lange sahen wir zu, wie die schweren Wolken an den Bergen hinrollten,
einzelne Streifen von Sonnenlicht bisweilen auf Momente die nackten Gipfel
der Felsen verklärten und der Wind den Regen wild herumpeitschte.
Gegen Abend klärte sich das Wetter auf, wir erfreuten uns des
wunderbaren Spiels der Wolken, der Wirkung des schnell erscheinenden
und wieder verschwindenden Sonnenlichts an den Bergen. Im flachen Lande
kann man sich keinen Begriff von diesen magischen Erscheinungen machen.
Die schweren Regenwolken schienen wie eine dunkle Decke auf den
höchsten Gebirgen zu lasten, leichteres Gewölk zog sich wie ein
heller Schleier um andere, tiefere Berge, verdeckte sie in diesem
Momente ganz, rollte sich dann zusammen und verschwand im nächsten,
oder zog pfeilschnell dahin in wunderbaren Gestalten, im ewigen Kampfe
mit Sonnenlicht und Sturm, unendlich wechselnd mit Licht und Farbenspiel.