Es ist eigentlich recht erfreulich, in diesem Lande zu reisen.
Die schönsten Landschaftsgemälden ähnlichen Parks, die Gärten,
die zweckmäßige Einrichtung der Häuser, der raffinierte Luxus,
die Nettigkeit der Ordnung überall, die selbst in dem unbedeutendsten
Hausgeräte sich zeigende Eleganz und Bequemlichkeit, machen
Einen frohen Eindruck auf den Besuchenden. Man wünscht sich alle
diese Dinge nicht, weil man ihrer nicht gewohnt ist, oft nicht
einmal ihren Gebrauch kennt; aber man bekommt ein Gefühl von heiterem
Lebensgenusse. Nur den Wunsch, sich der Kunstwerke recht zu erfreuen,
sie zu studieren, vielleicht etwas zu kopieren, muß man nicht
aufkommen lassen; denn seine Erfüllung ist in diesem Lande mit
so vielen Schwierigkeiten umgeben, dass sie fast undenkbar wird.
Von den Schönheiten des Landes und der Wege, von den bequemen
Gasthöfen, die man auch in den abgelegensten Gegenden findet und
in welchen man nur einen wohlgefüllten Beutel braucht, um gleich
so gut und vielleicht besser als zu Hause zu sein, von der trefflichen
Einrichtung des Postwesens ist überall viel gesagt und geschrieben,
und dennoch nicht zu viel, um dieses in seiner Art vollkommenste
Ganze gehörig zu loben.
Für jetzt wollen wir uns aber darauf beschränken, eine allgemeine
Idee eines englischen großen Landhauses mit seinen Umgebungen
aufzustellen und alsdann versuchen zu beschreiben, was wir auf
einer Reise von London durch das nördliche England nach Schottland
zu sehen Gelegenheit hatten.
Ein englischer Park ist von dem, was man sich in Deutschland unter
diesem Namen denkt, merklich verschieden. Er umfasst die das Wohnhaus
oder Schloß zunächst umgebenden, eigentlich zu demselben gehörigen
Ländereien und ist gewöhnlich von ziemlichen Umfange. Äcker und Wiesen,
mit lebendigen Hecken zierlich eingefasst, durchschnitten von
wohlgehaltenen Kieswegen zum Gehen und Fahren, liegen in seinem Bezirk,
sowie auch einzelne Wirtschaftsgebäude von gefälliger, aber doch
ihre Bestimmung andeutender Form. Überall hat man nach malerischen
Effekten gestrebt, und die sanften Anhöhen und Vertiefungen dieses
Landes erleichtern dieses Streben; aber immer ist das Nützliche
mit dem Schönen vereint.
Der höchste Schmuck dieses Parks sind die üppige Vegetation der
wohlbestellten Äcker, die unvergleichlich schönen grünen Wiesen und
die prächtigen Bäume, größtenteils Eichen und Buchen, welche überall
in Gruppen verteilt stehen. In England haben die Bäume das Eigne,
daß sie mehr als in anderen Ländern gleich von der Wurzel an ausschlagen
und kleinere Zweige treiben. Enge, durch dichte Schatten und Gebüsche
sich hinschlängelnde Gänge findet man in keinem Parke; auch Gehölze
sind, wie überall in England, selten. Man könnte sagen, es fehle
Schatten, wenn nicht gerade in diesem Lande, wo bei sehr milder Luft
dennoch die Sonne selten recht heiß und hell scheint, der Schatten
entbehrlicher wäre als anderswo. Die Kioske, Tempel, Einsiedeleien
unserer Parks fehlen dort ebenfalls; alle diese zur Zierde dienenden
Gebäude sind in die vom Park ganz verschiedenen, das Haus näher
umgebenden Anlagen, in die sogenannten Pleasure-Grounds verwiesen.
Nur in sehr großen Parks, wie die von Blenheim oder Stowe, steht
hier und da ein Obelisk, eine Pyramide oder ein Turm, um vom Schloß
aus eine Ansicht zu gewähren.
An Wasser darf es nie fehlen. Künstliche Wasserfälle kennt man nicht
Und noch weniger Springbrunnen. Fließt aber ein kleiner Fluß oder
nur ein beträchtlicher Bach in der Nähe einer solchen Besitzung,
so muß er, wenn auch mit großen Kosten herbeigeführt, sich in
mannigfaltigen Krümmungen hindurchschlängeln. Fehlt es an lebendigem
Wasser, so sucht man wenigstens einem stehenden Kanale den Schein
davon zu leihen. Man gibt ihm eine leichte, natürliche Krümmung,
verdeckt Anfang und Ende mit überhängendem Gebüsche, wirft schöne
Brücken darüber und täuscht so das Auge, oder man verwandelt die Ufer
eines Teichs in die unregelmäßigen Umgebungen eines kleinen Sees.
Überall strebt man nach dem Schönen und flieht das Gesuchte, Steife,
Pretiöse.
Die Staffage vollendet diese lebendige Landschaft. Hunderte von
halbzahmen Hirschen und Rehen weiden beinahe ganz furchtlos auf
den grünsten Wiesen der Welt; mit ihnen die schönsten Pferde, Kühe
und Ziegen, besonders in der Nähe des Hauses, wo sich die Wiesen
rings umher wie ein Teppich auf das herrlichste ausbreiten. Die schönen
Gestalten dieser Tiere, ihre leichten freien Bewegungen, ihr Wohlsein
geben dem Ganzen einen unbeschreiblichen Reiz.
Immer liegt das Wohnhaus auf einer sanften Anhöhe, alle Bäume sind
aus seiner nächsten Nähe verbannt, damit Licht, Luft und Sonne
kein Hindernis finden. Dennoch ist es nicht heiß in den Zimmern,
teils weil es überhaupt in England nicht heiß ist, teils wegen
der wenigen Fenster, die aber so verständig angebracht sind,
daß jeder Teil des Gebäudes sein hinlängliches Licht hat.
Die äußere Ansicht der englischen Landhäuser ist aus unzähligen
Kupferstichen bekannt genug. Selten herrscht ein ganz reiner Geschmack
darin, oft sind sie mit Verzierungen überladen. Die Hauptfassade ist
gewöhnlich mit Säulen geziert. Sind gleich die Verhältnisse derselben
nicht immer die richtigsten, scheinen sie oft müßig dazustehen, so
gewähren sie doch immer ein angenehmes, schattiges Plätzchen vor
dem Hause, von welchem man recht behaglich ins Freie über den grünen
Wiesenplan hinaussieht. Unter und vor diesen Säulen stehen unzählbare
fremde Gesträuche und Blumen in Vasen, teils auf schönen Gestellen
übereinander getürmt, teils auf den Stufen des Eingang und den Geländern
zierlich geordnet. Der Luxus, den man mit diesen Pflanzen treibt,
ist unglaublich. Täglich müssen die verblühten hinweggeschafft und
andere an ihre Stelle gesetzt werden.
Höchst reizend ist der Anblick dieser Shrubberies. Florens Schätze
werden aus allen Ländern der Welt hierher gezaubert. Doch auch über
diese schönsten Kinder der Natur herrscht in England das eiserne Zepter
der Mode. In der Zeit, aus welcher diese Beschreibung stammt, hatte
sie gerade die Eriken oder Heidekräuter ihrer besonderen Huld gewürdigt.
Man gab wohl fünfzig und mehr Guineen für so ein geruch-, oft
farbenloses Kraut hin, wenn es nur aus einem recht entfernten Winkel
der Erde herstammte. Große Orangerien sind in England, außer in den
königlichen Gärten, selten anzutreffen.
Die innere Einrichtung der Häuser richtet sich hier, wie überall,
nach dem Reichtum und Geschmacke des Erbauers, des Bewohners und des
Zeitalters, in welchem sie entstand. Die meisten haben große,
vollkommen erleuchtete und hohe Souterrains, in welchen sich die Küche,
die Gewölbe zur Bewahrung der Vorräte nebst den Bedientenzimmern befinden.
Letztere sind durchaus gut möbliert, ja die der Haushälterin und des
Haushofmeisters (in England Butler genannt) sogar elegant, hübsch
tapeziert, mit Mahagonimöbeln und guten Fußteppichen. Auch bei den
Bedienten wird die englische Sitte beobachtet, daß sie außer ihren
Schlafzimmern noch Wohnzimmer und Speisezimmer haben.
Aus dem Garten tritt man gewöhnlich zuerst in eine große, hohe,
öfters von oben beleuchtete Halle, die mit Gemälden oder Statuen,
Basreliefs oder Vasen geziert ist. Zu beiden Seiten liegen die
verschiedenen Putz- und Wohnzimmer; ein langes Zimmer enthält die
Bibliothek, deren schöne Schränke und zierliche Einbände sie zu
einem der elegantesten Zimmer des Schlosses machen. In vielen Häusern
ist es Sitte, daß die Familie sich zum Frühstück darin versammelt.
Sonst gibt es noch Frühstückszimmer, Arbeitszimmer, Musikzimmer,
Gesellschaftszimmer, (Drawingrooms), Wohnzimmer (Parlours),
Speisezimmer, Spielzimmer in Menge, doch selten von ausgezeichneter
Größe. Überall einfache Pracht, Fußböden, Treppen und Vorplätze
mit schönen Teppichen belegt.
In vielen Häusern wechselt man im Sommer die warmen Winterteppiche
mit kühlen, von gemalter Wachsleinwand, welche von beträchtlicher
Dicke eigens dazu fabriziert wird. Mahagoniholz sieht man meistens
nur an Treppengeländern, großen Eßtischen, Bettstellen; die Möbel
in den herrschaftlichen Zimmern sind von fremden köstlicheren oder
kunstreich lackierten Hölzern.
Man findet es bürgerlich, unmodisch, lächerlich, die Möbel an den
Wänden hinzustellen, wie es in Deutschland gebräuchlich ist; in den
Wohn- und Gesellschaftszimmern stehen alle in einem großen Kreis
umher, so daß noch ein beträchtlicher Raum zum Spazieren zwischen
den Stühlen, Sofas, Tischen und den Wänden übrig bleibt. Die
Schreibtische sowohl als die Pianofortes sind immer mitten im Zimmer,
wo eben das Licht am günstigsten fällt und man nicht von der Hitze
nahe am Kamin oder vom Zug nahe am Fenster leidet. Noch müssen wir
der Kamine gedenken, die, künstlich in Marmor gearbeitet oder mit
brillantiertem Stahl geschmückt, eine der größten Zierden der Zimmer
ausmachen. Schöne Vasen und prächtige Kandelaber prangen auf ihren
Gesimsen. Der zweite Stock enthält die Schlafzimmer, welche indessen
den Fremden nur selten gezeigt werden. Diese, besonders die der
Damen, sind ein Heiligtum, in welches kein sterbliches Auge dringen
darf. Oft hörten wir Engländerinnen mit wahrem Grausen von der Sitte
der Französinnen sprechen, welche gerade ihre Schlafzimmer zum
Besuchszimmer vorzugsweise erwählen.
So viel von der inneren Einrichtung der englischen Villen im allgemeinen.
Kehren wir jetzt zurück zu den nächsten äußeren Umgebungen derselben.
Die Obst- und Gemüsegärten, die Treibhäuser liegen mit allen zur
inneren Ökonomie gehörigen Gebäuden ganz nahe am herrschaftlichen
Hause, werden aber durch mancherlei Vorkehrungen dem Auge entzogen.
Diese Bezirke sind es, was der Engländer eigentlich Gärten (Gardens)
nennt. Der zur Fußpromenade bestimmte Teil der Besitzung heißt
Pleasure-Ground und liegt ganz nahe am Hause. Hier trifft man
Ähnlichkeit mit den deutschen Parks: Gänge, die sich bald durch
dichte Schatten, bald mehr im Freien hinschlängeln, Tempel, Säulen,
Denkmäler, Ruheplätze und den ganzen architektonischen Reichtum
der neueren Gartenkunst. Alle Gebäude sind von Stein, alle Geländer
und Türen von schönem eisernen Gitterwerk. Hier blühen und grünen
die vielen einheimischen Gesträuche, Bäume und Blumen neben den
aus fremden Ländern herübergebrachten, die stark genug sind,
den Winter im Freien zu ertragen.
Viele Pflanzen, die wir in Deutschland sorgfältig vor der Kälte
schützen müssen, halten den durch Seeluft gemilderten englischen
Winter aus, zum Beispiel der Laurus Tinus, da Heliotropium und der
Jasmin (Jasminum officinale). Die beiden letzteren haben wir oft in
einer Höhe von sechs bis acht Fuß sich an den Mauern hinziehen sehen.
Obstbäume aller art werden aus diesen Anlagen verbannt. Die verständige
Weise, mit welcher alle Bäume mit Hinsicht auf Höhe, Wuchs und die
dunklere oder hellere Farbe ihres Laubes geordnet sind, gibt dem
Ganzen einen Zauber, den man fühlt, ohne sich ihn gleich erklären
zu können. Alles ist zur schönsten befriedigenden Einheit gebracht.
Das Auge wird sogar in Hinsicht der Entfernung eines Gegenstandes
oft getäuscht. Die englischen Gärtner sind wahre Landschaftsmaler
im Großen, ja wir möchten sie fast für die einzigen eigentlichen
Künstler der Nation erklären. Jeden Vorteil, den Optik und die Regeln
der Perspektive ihnen darbieten, wissen sie gar gut zu benutzen,
ohne doch ins Kleinliche zu fallen. Mit den Nadelhölzern aller Art,
den verschiedenen, uns zum Teil in Deutschland unbekannten,
immergrünen Stauden und Sträuchern, deren einige sogar bisweilen
im Dezember blühen, werden sehr schöne Effekte hervorgebracht.
Gewöhnlich sieht man davon in der Nähe des Hauses eine Art Wintergarten
an einem sonnigen Platz angelegt, in welchem man sich bei winterlichem
Sonnenschein ergehen und, von allen Seiten durch das Grün getäuscht,
in den Frühling hineinträumen kann. Solche Anstalten sind auf jener Insel
notwendiger als bei uns: denn derselbe wunderliche Geist,
der die Einwohner dieses Landes die nacht zum Tage umzuschaffen bewog,
verwirrte auch den Lauf der Jahreszeiten. Der Winter herrscht in Hinsicht
auf Kleidung und Vergnügen bis über die Mitte des Junius hinaus.
Dann fängt der Frühling erst an, und so muß der Sommer und mit ihm
der Aufenthalt auf dem Lande, welcher in der Regel erst im August
und noch später beginnt, bis nach Weihnachten verlängert werden,
damit jedem neben dem Unrecht auch sein Recht geschehe.
Der Haupteingang zum Park, ein oft sehr prächtiges Tor, hat zu beiden
Seiten zwei kleine Gebäude, die Wohnung des Türhüters und seiner
Familie, bei welchem sich jeder Einlaßbegehrende vermittelst einer
Glocke meldet. Dieses Tor mit seinen Gebäuden, the Lodge genannt,
ist eine Hauptzierde des Parks. Die beiden Pavillons sind bald im
gotischen Geschmacke, bald im ägyptischen; sie stellen Türme,
griechische Tempel oder auch nur artige, moderne Gartenhäuschen vor,
je nachdem der Geschmack des Erbauers war. Immer hat der Türhüter
eine freundliche, artige Wohnung darin, mit Küche und Keller und
allem, wessen er bedarf, wohl versehen, und manche angesehene Familie
in Deutschland würde zufrieden sein, einen solchen Sommeraufenthalt
zu besitzen.