1913 bis 1918

1913

_September._

1.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Therapia, den 26. September 1913.

Euerer Exzellenz beehre ich mich in den Anlagen zwei Berichte

vorzulegen, welche Vizekonsul Anders nach seinem Eintreffen in Erzerum

über seinen Besuch beim armenischen Katholikos in Etschmiadsin, sowie

über die Haltung Rußlands gegenüber den gregorianischen Armeniern im

Kaukasus erstattet hat.

Wangenheim.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

2.

Kaiserlich

Deutsches Konsulat. Erzerum, den 16. September 1913.

Auf der Reise von Tiflis durch den Kaukasus nach Erzerum besuchte ich

am 7. d. M. den Katholikos aller Armenier, Seine Heiligkeit Kevork V.

Surenian, in seinem Patriarchensitz Etschmiadsin am Fuße des Berges

Ararat. Das Kloster, in dem ich sehr gastlich aufgenommen wurde, ist im

Jahre 303 n. Chr. vom Patriarchen Gregor dem Erleuchter erbaut. Bereits

im ersten Jahrhundert n. Chr. hatte sich in Armenien eine christliche

Gemeinde gebildet und unter dem König Trdat, welcher Armenien von

301 bis 332 beherrschte, wurde das Christentum als Staatsreligion

anerkannt. Obwohl im Jahre 303 n. Chr. sich die armenische Kirche

selbständig machte, beschickten die armenischen Patriarchen von

Vartashabad (nahe Etschmiadsin) das Konzil von Nicäa 324, von

Konstantinopel 328 und Ephesus 432. Die dort festgesetzten Dogmen

wurden angenommen, jedoch die Beschlüsse des Konzils zu Chalcedon 451

offiziell verworfen. -- Zurzeit vollzieht sich die Patriarchenwahl in

der Weise, daß 8 Mitglieder der Synode, die 7 ältesten Klosterbrüder,

sowie von jeder Eparchie (6 in Rußland, 2 in Persien, 1 in Rumänien,

50 in der Türkei) 1 Geistlicher und 1 Laie ihre Stimmen abgeben. Dem

Zaren werden die beiden Bischöfe mit den meisten Stimmen vorgeschlagen;

bei der letzten Wahl am 11. Dezember 1911 waren dies der jetzige

Katholikos, damalige Erzbischof von Tiflis, und der armenische

Patriarch in Konstantinopel, Turian.

Wie ich erfuhr, bezieht der Katholikos von der russischen Regierung

keinerlei Gehalt, dagegen stehen ihm aus den Mitteln der Gemeinde

jährlich 12000 Rubel zur persönlichen Verwendung zur Verfügung.

Der Katholikos Kevork V. ist eine ehrwürdige, sympathische Erscheinung

mit lebhaftem, klugen Gesichtsausdruck. Er empfing mich in seinem

Thronsaal, auf der Kapuze über der Stirn geschmückt mit dem Kreuz aus

Brillanten, einem Geschenk des Zaren. Es interessierte ihn ungemein,

daß die Kaiserliche Regierung in Erzerum eine konsularische Vertretung

eingerichtet hat. Er verspricht sich von dieser Maßnahme großen

Vorteil für seine -- wie er sich ausdrückte -- „armen unterdrückten

Glaubensgenossen unter türkischem Joch.“ Seine Heiligkeit bat mich,

soweit meine Amtsbefugnisse dies erlaubten, mich der Armenier im

Wilajet Erzerum anzunehmen und übergab mir ein Handschreiben an den

armenischen Bischof Sinbad in Erzerum.

Betreffs der Reformen äußerte sich der Patriarch dahin, daß bei der

Beratung des Programms durch die Großmächte leider noch keine Einigung

erzielt sei, da jede Macht neben der humanitären Seite der Vorschläge

auch noch ihre eigenen wirtschaftlichen oder politischen Ziele mit dem

Programm in Einklang bringen wolle. Er erkenne dankbar an, daß die

Kaiserliche Regierung in Berlin den führenden Mann der Bewegung, Boghos

Nubar Pascha, empfangen und ihre Sympathien für die Sache der Armenier

zum Ausdruck gebracht habe. Leider würde von den Mächten, mit Ausnahme

Rußlands, zu viel Rücksicht auf die türkische Regierung genommen,

welche sich noch seit Jahrhunderten als unfähig zu jeglichem Reformwerk

erwiesen habe. Der Patriarch hob sodann hervor, daß die Entsendung

deutscher Kriegsschiffe nach Mersina im Frühjahr d. J. wesentlich zur

Sicherung der Armenier in Cilicien beigetragen habe, und daß er einen

Bericht über den Besuch des Katholikos von Sis an Bord S. M. S. Goeben

am 5. Mai d. J. gelesen habe. Er hoffe, die Kaiserliche Regierung

werde auch weiter, speziell im Gebiete der Bagdadbahn, ihren Schutz

den Armeniern angedeihen lassen und er hoffe von dem Ausbau der Bahn

große zivilisatorische und kulturelle Vorteile für die dort ansässigen

Armenier.

Der Patriarch wünschte mir sodann gute Reise und vollen Erfolg für

meine Mission nach Erzerum und gab Befehl, daß mir der Klosterschatz,

u. a. auch Überreste der Arche Noah, welche dem heiligen Gregor von

einem Erzengel übergeben worden sind, gezeigt werde.

Anders.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter

Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.

3.

Kaiserlich

Deutsches Konsulat. Erzerum, den 16. September 1913.

Bei meinem Besuch im Kloster Etschmiadsin erfuhr ich gesprächsweise

über die Haltung der russischen Regierung zu den gregorianischen

Armeniern im Kaukasus Folgendes:

Als die Russen im Jahre 1828 während der Patriarchenzeit des Katholikos

Ephrem Armenien eroberten, wobei ihnen der damalige Erzbischof von

Tiflis, spätere Katholikos Nerses V. mit einer armenischen Miliz

gute Dienste leistete, versprachen sie den Armeniern Erhaltung ihrer

Nationalität und besondere Privilegien. Trotzdem ging der erste

Statthalter Paskewitsch-Eriwanski sehr schroff vor. Eine im Jahre 1836

eingeführte Gerichtsordnung (Polojenie) für den Kaukasus, in welcher

die Rechte des Patriarchen durch Einführung einer Synode verkürzt

wurden, beschränkte auch die armenischen Sonderrechte erheblich.

Zwar wurden bis zum Jahre 1908 alle Patriarchen mit dem Titel „Oberster

Katholikos aller Armenier“ vom Zaren feierlich bestätigt, trotzdem

versuchte die Regierung dauernd, die Armenier zu russifizieren. Als

im Jahre 1903 sogar die Einziehung aller armenischen Kirchengüter

verfügt wurde, setzte sich der Katholikos „im Namen aller Armenier“,

da die Güter ja auch den außerhalb Rußlands wohnenden Armeniern

gehörten, in offenen Widerspruch zur Regierung. Obwohl zwar bereits

nach Jahresfrist, hauptsächlich auf Anraten des jetzigen Statthalters

Fürsten Woronzoff-Daschkoff die konfiszierten Güter zurückgegeben

wurden, hat die russische Regierung es für gut befunden, um dem

Katholikos jeden Rechtstitel zur Einmischung in Angelegenheiten der

nichtrussischen Armenier zu entziehen, bei der Bestätigung des im

April 1909 gewählten Katholikos Mattheos II. Ismirlian zum ersten

Male den Titel: „Oberster Katholikos aller Armenier“ fortzulassen.

Auch ist das kaiserliche Reskript, in welches mir der führende

Bischof Karabed Einsicht gewährte, in einem von den früheren Urkunden

erheblich abweichenden Tone gehalten. Der Zar spricht die Erwartung

aus, daß der Patriarch in seiner Gemeinde auf strenge Befolgung der

Regierungsgesetze achte. Um seiner Mißbilligung der armenischen

Sonderbestrebungen sichtbaren Ausdruck zu geben, hat der Zar dem

Katholikos Mattheos II. zum ersten Male nicht, wie sonst üblich, den

Alexander-Newski-Orden verliehen. Auch der jetzt regierende Patriarch

erhielt diesen Orden bei seiner Bestätigung im März 1912 nicht. Erst

als infolge der Gestaltung der politischen Lage in der asiatischen

Türkei es der russischen Regierung bei ihren Aspirationen auf

Türkisch-Armenien angezeigt erschien, sich mit den russischen Armeniern

auf guten Fuß zu stellen, wurde der Alexander-Newski-Orden im Frühjahr

d. J. dem Katholikos verliehen.

Ich gewann den Eindruck, als ob es den russischen Armeniern im

Interesse der Erhaltung ihrer nationalen Eigenart keineswegs lieb

sein würde, wenn Türkisch-Armenien unter russische Herrschaft käme.

Die russischen Armenier vergäßen vielfach ihre nationale Abstammung.

Überall, wo armenische Schulen gegründet werden, entstehen sofort

russische Regierungsschulen. Am liebsten schien es den Armeniern zu

sein, wenn Türkisch-Armenien nach dem Muster des Libanon eine autonome

Verfassung unter türkischer Oberhoheit erhielte. Da dies Ziel ihnen

jedoch zunächst noch unerreichbar scheint, würden sie sich auch mit der

Ernennung von christlichen Walis zufrieden geben, jedoch wünschen sie

dringend europäische Kontrolle. Jedenfalls verlangen sie als Minimum,

daß künftig die persönliche Sicherheit, das Eigentum und die Ehre jedes

Armeniers gewährleistet werde.

Anders.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter

Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.

1914

_Februar._

4.

Kaiserlich

Deutsches Konsulat. Erzerum, den 16. Februar 1914.

Heute besuchte mich der hiesige armenische Bischof Msg. Beadetian, um

mir anläßlich der Annahme der Reformen[28] im Namen seiner Gemeinde zu

danken für die hartnäckige Verteidigung des Reformprojekts durch die

Kaiserliche Regierung, der zum großen Teil das Zustandekommen des so

lang ersehnten Reformwerkes zu verdanken sei. Weder in der Stadt noch

im Wilajet Erzerum liege zurzeit Grund zu Klagen vor, abgesehen von

Differenzen im Kaza Narwan, wo ein Tscherkessenstamm den Besitz der

Armenier beschlagnahmt habe. Doch habe der Wali bereits Untersuchung

und Abhilfe zugesagt. -- Die hiesige islamische Bevölkerung hat die

Nachricht der Annahme der Reformen ohne irgendwelche feindseligen

Kundgebungen aufgenommen und dürfte auch nichts unternehmen, um die

Durchführung derselben zu stören. Nach Ansicht des Bischofs seien die

Armenier jetzt völlig ausgesöhnt und fühlen sich als treue Ottomanen.

Die hiesigen Armenier seien sich voll bewußt, daß die Kaiserliche

Regierung mit Wohlwollen und Interesse ihr Schicksal verfolge und seien

mir dankbar, daß ich dies bei verschiedenen Anlässen zum Ausdruck

gebracht hätte.

Anders.

Seiner Hochwohlgeboren dem Kaiserlichen Geschäftsträger

Herrn Botschaftsrat von Mutius.

_Juni._

5.

Marschquartier Musch, den 21. Juni 1914.

Der Mutessarrif von Musch war bei meinem Eintreffen hier am 20. d. M.

auf Inspektionsreise abwesend. Sein Vertreter, der Oberstaatsanwalt,

bereitete mir einen sehr freundlichen Empfang.

Obwohl mir derselbe die allgemeine Lage im Sandjak Musch als derzeitig

ruhig darstellte, so gewann ich bald eine andere Meinung, als ich

den Besuch des armenischen Erzbischofs Nerses Garakian und den des

Führers der Daschnakisten Ruben Effendi erhalten hatte. Beide halten

die jetzige Ruhe nur für eine Stille vor dem Sturm und äußerten sich

sehr pessimistisch. Nach ihrer Ansicht seien die Kurdenchefs nur

momentan durch das rigorose Vorgehen des Kriegsgerichts in Bitlis

eingeschüchtert, aber das Reformprojekt widerspreche viel zu sehr ihren

Interessen, als daß sie nicht versuchen würden, den neuen Bestimmungen

äußersten Widerstand entgegen zu setzen.

Sehr eingehend schilderte mir der Erzbischof die Lage der armenischen

Bauern im Kasa Modikan. Das Hörigkeitsverhältnis wird von den

Derebeys dermaßen ausgedehnt, daß sie, so wie es Gogol zur Zeit der

Leibeigenschaft in Rußland schildert, sich gegenseitig ganze Dörfer

mitsamt den Hörigen verkaufen, wobei für eine Seele durchschnittlich

5-15 Ltq. gezahlt werden. So haben die Schegoli, ein Zweigstamm der

Ballikli, denen 30 Dörfer gehören, kürzlich von einem Derebey das

armenische Dorf Pischenk käuflich erworben.

Bei dem Aufstand der Armenier in Sassun 1894 hatten die armenischen

Bauern der Dörfer Taworik und Chiankichub im Bezirk Schatakh ihre

kurdischen Frohnvögte vertrieben. Ebenso haben sich unter Beihilfe

der konstitutionellen Regierung im Jahre 1908 im Bezirk Pzank 25

Dörfer freigemacht. Dagegen herrschen im Kasa Modikan noch die alten

patriarchalischen Zustände. Die Bauern müssen den Beys bestimmte

Lieferungen machen. Dabei soll die Armut der armenischen und kurdischen

Hörigen schrecklich sein. Im ganzen Kasa Modikan besteht nur in dem

Dorfe Chisek eine armenische Schule. In Chinist sollte mit Mitteln von

Boghos Nubar Pascha eine Schule eröffnet werden, die Lehrer ergriffen

jedoch schon nach wenigen Tagen vor kurdischen Drohungen die Flucht.

Sehr aktuell ist eine Beschwerde der Dorfbewohner von Chinist,

Paschawank und Lordenzor, von denen der Balliklistamm je 2300, 1500

und 800 Ltq. fordert für eine vor 60 Jahren von den Vorfahren der

jetzigen Bauern aufgenommene minimale Schuld. Der hiesige Bischof

hat an das Patriarchat berichtet, die Regierung leugnet jedoch

den Tatbestand ab und auch das Preßbüro hat die Meldungen des

Bischofs dementiert. Gleichwohl hat der Wali von Bitlis Geld von der

Zentralregierung erbeten, um die Angelegenheit gütlich zu ordnen.

Eigenartig ist der Modus der Eintreibung der Hammelsteuer. Kurz vor dem

Erscheinen des Tahsildars (Steuerbeamten) trieben die Balliklikurden

300 Hammel in das armenische Dorf Chuit, die dort trotz des Protestes

der Bewohner mitgezählt wurden. Da sich die Bauern weigern, den

Mehrbetrag von etwa 20 Ltq. Schafsteuer zu zahlen, werden jetzt ihre

Kühe und Ochsen zwangsweise verkauft.

Wenn so Hammeldiebstahl und Grundstücksstreite zu Erbitterung zwischen

Kurden und Armeniern führen, so gab der Bischof doch zu, daß in den

letzten Monaten Klagen wegen Unsicherheit von Leben und Familienehre

seltener seien. Kürzlich sind nur 4 bis 5 Armenier von den Bedrikurden

(Stamm Mussi) in Sassun ermordet worden. Bei einigen Fällen von

Mädchenraub war nicht festzustellen, ob nicht die Mädchen freiwillig

den Entführern gefolgt seien. -- Der Daschnakistenführer Ruben

befürchtet baldige Unruhen, da bisher jedesmal, wenn die Großmächte ein

Reformprogramm aufstellten, Massakres erfolgt seien. Die Kurden seien

höchst unzufrieden mit der Regierung, die sie nicht als rein islamische

anerkennen, da sie ihren religiösen Führer Scheich Seyid, den sie wie

einen Propheten verehrten, hingerichtet hat. Nach Rubens Ansicht werden

die Derebeys ihre gefährdete Prärogative energisch verteidigen.

Ruben klagte ferner über große Parteilichkeit der Gerichte und darüber,

daß die Gendarmen Befehle der Regierung, wenn sie sich gegen Kurden

zugunsten von Armeniern richten, nicht ausführen. Auch hätten die

Kurden keinen Respekt vor den Gendarmen, nur vor aktiven Soldaten.

Wie mir der Kommandant der 34. Division, Ihsan Pascha, der von hier

aus den Belagerungszustand leitet, mitteilt, ist es seinen Truppen

gelungen, im Bezirk der Aufständischen (4 Rayons: Simek, Chizan,

Guzeldere und Schatakh) nicht nur die Rädelsführer der letzten

Bewegung, sondern 50 Prozent aller früher gesuchter Verbrecher sowie

2500 Kurden, die sich der Dienstpflicht entzogen hatten, gefangen zu

nehmen.

Ihsan Pascha sieht die Lage als ernst, aber nicht kritisch an. Ich

reite morgen nach Bitlis weiter.

Anders.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter

Freiherrn von Wangenheim.

6.

Marschquartier Bitlis, den 25. Juni 1914.

Auf dem Ritt von Musch nach Bitlis (85 km) begleitete mich der

Generalstabshauptmann der 34. Division, Ruhi Bey, der mit einem

Sonderauftrage Ihsan Paschas nach Bitlis ging. Wir verließen Musch am

23. d. M. um 5 Uhr vormittags und trafen abends um 9 Uhr in Bitlis

ein. In der fruchtbaren Ebene des Kara Su reiht sich Dorf an Dorf. Die

Sicherheit in der Ebene ist vollkommen, nur im Dorfe Gebian sitzt ein

Kurdenhäuptling Musa Bey, der früher als Gendarmeriekommandant im Jemen

sich große Verdienste erworben hat und jetzt als Raubritter zeitweise

Karawanen plündert. An der Quelle des Kara Su ist ein sehr schönes, im

Verfall begriffenes Denkmal aus der Zeit des Sultans Yaus Selim, der

hier in einer Entscheidungsschlacht die Perser besiegte.

Am 24. d. M. vormittags stattete ich dem Wali von Bitlis, Mustapha

Abdul Khalik Bey, der bis zum März d. J. Mutessarrif von Soert

war, einen Besuch ab. Ich gratulierte ihm zu dem ihm kürzlich

verliehenen Medjidieorden I. Klasse und brachte ihn so von selbst

auf die Ereignisse am Anfang April d. J. zu sprechen. Wäre es den

Aufständischen am 4. April gelungen, die Burg in Bitlis mit dem

Regierungskonak einzunehmen, so wären die Folgen unübersehbar gewesen.

Ein Aufstand in ganz Kurdistan und ein russischer Einmarsch wären wohl

unausbleiblich gewesen. Die kurdischen Rebellen hatten bereits den

Stadtteil, in dem das russische Konsulat liegt, besetzt. Der russische

Konsul Schilkow sandte dem Wali, als die Sachlage, zu ungunsten der

Kurden umschlug, eine Aufforderung, das Feuer einzustellen und hat sich

nach Ansicht der hiesigen Türken dadurch erheblich kompromittiert.

Schilkow, dem ich ebenfalls einen Besuch abstattete und der mich für

morgen einlud, erklärte mir, ihm sei der nun beinahe drei Monate

währende Besuch des Mullah Selim und seiner Spießgesellen im Konsulat

äußerst peinlich. Das Konsulat ist von allen Seiten Tag und Nacht durch

starke Abteilungen von Militär und Gendarmerie bewacht, so daß ein

Entkommen Mullah Selims ausgeschlossen erscheint. Man nimmt jedoch an,

daß die russische Regierung mit Rücksicht auf ihr Prestige gegenüber

den Muselmanen in Buchara und Samarkand den Übeltäter nicht ausliefern,

sondern darauf bestehen wird, daß er mit sicherem Geleit über die

Grenze geschafft wird. Der Wali hat vor 2 Tagen die Nachricht erhalten,

daß der von ihm aus Soert mitgebrachte tapfere Gendarmeriehauptmann

Kjasim Bey am 22. d. M. im Gebiet der Karsankurden (Soert) überfallen,

verwundet und weggeschleppt worden ist. Heute, am 25. d. M., verläßt

eine Strafexpedition (2 Kompagnien) unter Führung des Platzkommandanten

Majors Hilmi Bey und des Generalstabshauptmanns Ruchi Bey die Stadt,

um die Karsankurden zu züchtigen und den gefangenen Offizier zu

befreien. Kjasim Bey hatte sich bei dem Gefecht am 4. April besonders

ausgezeichnet, trotzdem bezeichnete mir der Wali den Überfall nicht

als politischer Natur, sondern als einfachen Raubanfall, welcher ihm

erwünschte Gelegenheit gäbe, erneut ein Exempel zu statuieren.

Es verbleiben somit zurzeit in Bitlis von dem hier garnisonierenden

Bataillon nur 2 Kompagnien. Das Gros und der Stab der 34. Division sind

deshalb in Musch disloziert, weil die dortigen Geländeverhältnisse eine

bessere Ausbildung der Truppen gestatten. Bitlis ist zu sehr in einem

Talkessel eingeklemmt. Sowohl in Musch wie in Bitlis sah ich den Anfang

neuer Kasernenbauten. Die Regierung ist jetzt eifrig bemüht, nicht nur

die bei dem letzten Putsch beteiligten Kurden, sondern auch die seit

Jahren verfolgten Übeltäter und Deserteure zu verhaften. In den Dörfern

in der Muschebene las ich an Maueranschlägen Veröffentlichungen, daß

jeder, der einem Aufrührer Unterschlupf gewährt, vor das Kriegsgericht

gestellt werden wird.

Die Hinrichtung der 14 Rebellen, besonders die des allgemein verehrten

Seyid Ali, hat einen starken Eindruck gemacht. Ob derselbe jedoch

nachhaltig auf die den Reformen feindlich gesinnten Kurdenchefs

einwirken wird, werden erst die nächsten Monate zeigen.

Anders.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter

Freiherrn von Wangenheim.

_Juli._

7.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Therapia, den 24. Juli 1914.

Der Kaiserliche Vizekonsul Anders (Erzerum) berichtet auf seiner

Informationsreise aus Wan unter dem 4. d. M.:

„Nachdem ich vom 1. bis 30. Juni die Hauptstädte der Wilajets Mamuret

ul Asis, Bitlis und Wan besucht habe, konnte ich feststellen, daß die

Zustände in diesen drei Wilajets denen in Erzerum sehr ähnlich sind.

Wenngleich im Wilajet Erzerum die kurdische Frage nicht so akut ist

wie in den drei oben genannten, so ist doch in allen vier Wilajets die

Reformbedürftigkeit die gleiche. Auf der Informationsreise habe ich

in Kharput, Musch, Bitlis und Wan persönliche Beziehungen angeknüpft,

sodaß ich nun die Möglichkeit habe, von Erzerum aus die Vorgänge in den

drei Nachbarwilajets zu verfolgen.

Die Postverbindung läßt allerdings noch viel zu wünschen übrig.

Dagegen wird sich, wie mir der hiesige Wali Tahsin Bey versichert,

die Verbindung zwischen Wan und Bitlis in allernächster Zeit sehr

verbessern. Die Regierung hat außer dem vorhandenen (zurzeit wegen

Gasolinmangels außer Betrieb gestellten) Motorboot noch zwei größere

Dampfer bestellt. Statt der bisher nötigen drei Marschtage wird nun die

Entfernung von Wan nach Bitlis nur noch acht Stunden benötigen, und

zwar von Wan nach Tadwan fünf Stunden im Dampfboot und von Tadwan nach

Bitlis auf einer recht guten ebenen Straße drei Stunden.

Einzig und allein dem Motorboot, welches Prähme mit einigen hundert

Soldaten nach Tadwan schleppte, ist es nach Tahsin Beys Meinung zu

verdanken, daß am 4. April d. J. rechtzeitig genügend Truppen in Bitlis

den aufständischen Kurden gegenübergestellt werden konnten. Überhaupt

konnte ich beobachten, daß die beiden Walis von Bitlis und Wan sehr

Hand in Hand arbeiten, besonders was die Beobachtung und Bekämpfung

russischer Einflüsse unter den Kurden betrifft.“

Wangenheim.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

8.

Kaiserlich

Deutsches Konsulat. Trapezunt, den 30. Juli 1914.

Euerer Exzellenz beehre ich mich gehorsamst zu berichten, daß in

Kurdistan ein neuer Aufstand ausgebrochen ist. Bei der Entfernung und

den schlechten Verbindungen sind nicht alle Einzelheiten bekannt.

Indessen scheint die Bewegung diesmal in größerem Umfang eingesetzt zu

haben. Das Zentrum liegt in Bitlis und der Hochburg des Kurdentums,

Dersim. Es verlautet, daß ein türkischer Oberst und einige Gendarmen

von den Kurden gefangen genommen und gehängt worden sind. Auch

sollen die Aufständischen die Armenier dahin verständigt haben, daß

diejenigen, welche flüchtigen Kurden keine Unterkunft gewährten,

getötet werden würden.

Während der kurdischen Unruhen im Frühling dieses Jahres hatten die

Kurden den Armeniern ihr Leben und Eigentum garantiert. Wenn sie jetzt

ihnen gegenüber eine abweichende Haltung einnehmen, so deutet das wohl

darauf hin, daß der Zweck der Bewegung ein anderer ist. Früher schien

es nur darauf abgesehen, der Türkischen Regierung Schwierigkeiten

zu bereiten. Diesmal beabsichtigt man vielleicht eine Intervention

Rußlands zu veranlassen. Inwieweit der russische Rubel wieder die

Bewegung entfacht hat, läßt sich von hier aus nicht ermitteln.

Vor einigen Tagen hat der hiesige russische Konsul sich plötzlich ins

Innere begeben. Es verlautet, daß er die griechischen Klöster besucht.

Der hiesige Metropolit ist ihm nach zwei Tagen gefolgt. Er wurde

begleitet von einem Russen, der hier bereits eine Woche bei ihm wohnt

und sich als Gelehrter ausgibt. Daß der russische Kollege in einem

Zeitpunkt, wo die europäische Lage von hier aus sehr wenig geklärt

erscheint, seinen für Rußland wichtigen Posten verläßt, um sich Tage

weit in das Innere zu begeben, erscheint auffallend.

Dr. Bergfeld.

An Seine Exzellenz den Reichskanzler

Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.

_August._

9.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Therapia, den 11. August 1914.

Der Kaiserliche Vizekonsul Anders berichtet aus seinem Zeltlager am

Wansee unterm 26. v. M.:

„Das Eintreffen des neu ernannten General-Inspekteurs in Ostanatolien,

Oberst Hoff Bey[29], auf dessen Tätigkeit naturgemäß die hiesigen

Armenier sehr große Hoffnungen setzen, wird hier in den nächsten Tagen

erwartet. Seitens des hiesigen armenischen Episkopats ist gestern ein

Komitee aus 14 Mitgliedern ernannt worden, welches Hoff Bey nicht nur

bei seiner Ankunft im Namen der Gemeinde begrüßen, sondern auch ihn bei

seiner späteren Tätigkeit inoffiziell unterstützen soll. Dieses Komitee

ist aus Vertretern der hiesigen drei Parteien, der Daschnakzutiun,

Hintschakian, Ramgawar und aus Kaufleuten und Notabeln zusammengesetzt.

Über die Persönlichkeit der einzelnen Mitglieder machte mir mein

hiesiger Gewährsmann nähere Angaben. Offiziell sind zu Hoff Beys Stabe

ernannt:

1. Heigasun Beygian als Beirat für Landwirtschaft, ca. 46 Jahre alt,

bisher Direktor im Ackerbauministerium,

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 54 / 134 题