DER TEMPELVERLAG IN POTSDAM

1919

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.

Copyright by Tempelverlag zu Potsdam 1919.

Vorwort.

Als ich Ende November vorigen Jahres nach zweieinhalbjährigem

Aufenthalt in Holland aus dem Haag nach Berlin zurückkehrte, suchte ich

am 1. Dezember den Staatssekretär Herrn Dr. Solf im Auswärtigen Amt

auf. Ich bat ihn, mir Einblick zu geben in die Akten des Auswärtigen

Amtes, die über die Armenische Frage und ihre Behandlung seitens der

deutschen Regierung während der Kriegsjahre Aufschluß geben.

Der Anlaß meiner Bitte war der folgende. Auf Grund von Quellen, die mir

im Sommer 1915 auf einer Reise nach Konstantinopel durch persönliche

Beziehungen zugänglich geworden waren, hatte ich im Jahre 1916

einen „Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei“

herausgegeben[1]. Eine Verbreitung durch den Buchhandel oder auch

nur eine Verwertung der Tatsachen, die er enthüllte, in der Presse

war damals nicht möglich. Die Zensur hätte das Buch beschlagnahmt;

der Presse war durch offizielle Instruktionen Schweigepflicht über

die Armeniergreuel auferlegt. Ich konnte daher meinen „Bericht“ nur

vertraulich versenden. Die Zensur ist erst auf ihn aufmerksam geworden,

nachdem 20000 Exemplare in Deutschland verbreitet worden waren. Die

weitere Drucklegung und Verbreitung wurde verboten. Seit der Revolution

stand dem Neudruck und dem Vertrieb durch den Buchhandel nichts mehr

im Wege. Für die Neuausgabe lag mir zweierlei am Herzen, erstens mein

damaliges Quellenmaterial an den mir bis dahin unzugänglichen deutschen

Botschafts- und Konsularberichten nachzuprüfen und zweitens mir ein

Urteil zu bilden über die Stellungnahme der deutschen Diplomatie

gegenüber den Vorgängen in der Türkei.

Herr Dr. Solf erklärte sich sogleich bereit, mir den gewünschten

Einblick in die Akten zu gewähren und erteilte mir die Erlaubnis,

davon für meine Publikation Gebrauch zu machen. Er erwähnte dabei, daß

das Amt selbst die Absicht habe, ein Weißbuch über die Armenische Frage

herauszugeben.

Am nächsten Tage unterzog ich die Akten einer flüchtigen Durchsicht

und überzeugte mich, daß eine Verwertung einzelner Aktenstücke nicht

ausreichen würde, um die Haltung Deutschlands gegenüber den Vorgängen

in der Türkei klarzustellen, sondern daß es dazu einer umfangreichen

Publikation bedürfe. Noch am gleichen Tage ließ mir Herr Dr. Solf

sagen, daß er von der Veröffentlichung eines Weißbuches absehen würde,

wenn ich selbst die Aufgabe übernehmen würde, die Haltung Deutschlands

in der Armenischen Frage auf Grund des Aktenmaterials klarzustellen.

Ich nahm das Anerbieten an unter der Bedingung, 1. daß mir das

Aktenmaterial des Auswärtigen Amtes und der Botschaft vollständig

zugänglich gemacht würde, 2. daß die Auswahl der Aktenstücke für die

Veröffentlichung ausschließlich meinem Ermessen überlassen bliebe und

3. daß die Publikation nicht im Auftrage des Amtes erfolge, sondern von

mir persönlich im Buchhandel herausgegeben würde.

Ich lege Wert darauf, festzustellen, daß diese Bedingungen eingehalten

wurden. ~Für die hier veröffentlichte Auswahl von Aktenstücken

und für die Zuverlässigkeit des Bildes, das sie von der Haltung

der deutschen Regierung in der Behandlung der armenischen Frage

geben, ruht die Verantwortung allein auf mir.~ Um jedem Verdacht

die Grundlage zu entziehen, als ob Aktenstücke, die die deutsche

Regierung, die Botschafter und die Konsuln, oder deutsche Offiziere,

Beamte und Privatpersonen in irgend einer Hinsicht belasten, von mir

unterdrückt sein könnten, habe ich eine so vollständige Auswahl aus

der diplomatischen Korrespondenz -- die natürlich noch zahllose, für

die Sache selbst gänzlich belanglose bureaukratische Materien umfaßt

-- getroffen, daß die innere Kontinuität des Schriftwechsels für

ihre sachliche Vollständigkeit bürgt. Eine Anzahl von detaillierten

Berichten über Vorgänge bei den Deportationen und Zustände in den

Konzentrationslagern, die der Botschaft von verschiedenen Seiten

zugingen und zum Teil schon in meinem „Bericht“ benützt waren, habe

ich, um die ohnehin schon umfangreiche Publikation nicht zu sehr zu

belasten, vorläufig ausgeschieden, um sie später zu publizieren. Ich

habe aber darauf gesehen, daß alle wesentlichen Vorfälle, die zur

amtlichen Kenntnis gelangt sind, zur Sprache kommen, so daß auch das

Bild der Tatsachen, soweit es im Sichtbereich der Konsuln lag, auf

Vollständigkeit Anspruch macht.

Die Berichte der deutschen Konsulate in Anatolien, Syrien und

Mesopotamien -- Trapezunt, Erzerum, Samsun, Adana, Alexandrette,

Aleppo, Damaskus, Mossul -- legen Zeugnis davon ab, daß die Konsuln

alle wichtigen kontrollierbaren Vorgänge ihres Amtsbezirks fortlaufend,

eingehend und gewissenhaft, mit Sachkenntnis und gesundem, politischem

und sittlichem Urteil an die deutsche Botschaft bzw. den Reichskanzler

berichtet haben. Die Berichterstattung versagt nur für diejenigen

Distrikte, die außerhalb ihrer Sehweite lagen oder durch die russische

Okkupation ihrem Blick entzogen waren. Es fehlen daher nähere Berichte

über die Vorgänge in Suedije, Bitlis-Musch und Wan, die ich aus anderen

Quellen im Anhang beigefügt habe, um ein zutreffendes Urteil über die

der Deportation vorhergehenden Ereignisse zu ermöglichen. Ohne Kenntnis

dieser Vorgänge kann die Grundfrage, ob die Deportation des gesamten

armenischen Volkes durch militärische Notwendigkeiten begründet war,

nicht beantwortet werden. Der vierte Bericht des Anhangs soll eine

Vorstellung von den Konzentrationslagern am Rand der Wüste geben. Der

letzte ist der erste zensurfreie Bericht über das deutsche Hilfswerk.

Ich habe es nicht für meine Aufgabe gehalten, nach irgend einer Seite

hin die Rolle des Anklägers, Verteidigers oder Richters zu übernehmen.

Ich glaubte der Wahrheit am besten zu dienen, wenn ich mich darauf

beschränkte, das Aktenmaterial selbst sprechen zu lassen, aus dem sich

jedermann ein Urteil über die Tatsachen und die Schuldfrage bilden

kann. Auch die Einleitung, die ich vorausschicke, soll nichts mehr sein

als ein Leitfaden durch die Aktenstücke, der in die wichtigsten Themata

des weitschichtigen Materials einführt.

Potsdam, Ostern 1919.

Dr. ~Johannes Lepsius~.

Inhalt.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 5 / 134 题