»Nein, ich sage dir ja, ich bleibe in Mamas Zimmer.«
»Daß du das magst! In einem Bett, in dem eben erst jemand gestorben
ist!?«
Julie zuckte die Achseln.
Die Schwestern gingen zur Ruhe. Evelyns Hand glitt noch einmal über
den Sarg. »Morgen bring’ ich dir wieder frische Blumen!« flüsterte sie.
* * * * *
Nun war das ganze Haus eingeschlafen.
Agnes Elisabeth schloß behutsam die Wohnstubentür. Ihr Kleid streifte
die Kränze am Sarg. In der Hand hielt sie eine kleine Petroleumlampe,
die sie auf eine Truhe an der Wand setzte. Die Kuppel klirrte eine
Weile. Von der Decke glitt eine sammetbraune Motte und zog langsam um
das Licht. Agnes Elisabeth blickte sinnend auf den rosig leuchtenden
Alabasterfuß und in das trübe Petroleum. Dann wendete sie sich um.
Die Schatten der Nacht zeichneten den Sarg übernatürlich, hoben ihn
gleichsam in die Höhe. Die Kränze hatten sich zu einer dunkeln Masse
zusammengetan. Da starrten wohl noch einige aufrecht wie Schildwachen,
aber die meisten waren müde zusammengesunken. So lagen sie da, alle
beieinander, die bunten Gewinde von den reichen Bauern, der dünne
Tannenkranz von der alten Nortorf, mit seinen paar roten Fensterblumen,
-- sie hatte so manches Kleid für Frau Hellwege gemacht --, die
anspruchsvollen Maréchal-Niel-Rosen vom Vormund, die schönen und
die häßlichen: die Nacht hatte sie alle gleichgemacht, hatte allen
Blumenduft in sterbenden Modergeruch verwandelt.
Agnes Elisabeth wußte nicht, wie lange sie da gestanden hatte. Sie
fühlte nur, wie ihre Arme schwer in den Gelenken hingen. Plötzlich
hörte sie ein sprödes Schluchzen. Als ob eine Stimme sich aus allen den
toten Blumen losgerungen hätte! Erst als Tränen sich zögernd von ihren
Augen lösten und den Weg über ihr Gesicht suchten, wußte sie, daß das
Schluchzen von ihr gekommen war.
Sie sah sich hilflos um. Da war ein alter Strohstuhl neben der Truhe.
In dem kauerte sie sich zusammen; sie stützte ihre Arme auf die Knie
und legte das Gesicht in beide Hände.
In der Ecke stand der grüne Schrank; oben hinter dem geschweiften
Aufsatz war eine Schar von Einmachegläsern aufgebaut. Von da oben
herunter glitt langsam etwas Schwarzes, Weiches. Es stand einen
Augenblick still, lang und geschmeidig. Das war die alte Katze. In dem
hochgehobenen Schwanz bebte ein Zittern. Die glasigen Augen sahen sich
suchend um. Dann schob sie ihren Körper mit streichelnder Bewegung nach
vorn. Die Pfoten ließen den Sand auf der Diele nur eben schnurren.
Sie kam langsam am Sarg vorüber, schnüffelte an den Kränzen vorbei,
blinzelte zur Lampe hinauf und rieb ihren Rücken an Agnes Elisabeths
Kleid.
Die fuhr mit einem kleinen Schreck in die Höhe, als wüßte sie nicht
recht, wo sie wäre.
»Ach, das bist du, gute alte Miese! Willst mir Gesellschaft leisten?«
Sie hob die Katze auf ihren Schoß. »Siehst du, nun sind wir drei ganz
allein! Sie,« sie hob den Zeigefinger nach dem Sarge, »du und ich.«
Die Katze fing leise zu schreien an.
»Ach so!«
Sie setzte das Tier hin, stand auf und ging in die Küche. Mit einer
Schale voll lauwarmer bläulicher Milch kam sie zurück. Die schmale
Katzenzunge schleckte durstig.
Agnes Elisabeth griff nach ihrem Strickstrumpf. Die Nadeln klirrten
eintönig. Die Katze leckte.
Das Lampenlicht ruhte sich auf Agnes Elisabeths rotem Haar aus. Die
Schatten träumten leise hin und her.
Die Diele lag ausgestreckt und schlief schwer und fest.
Und die Stille schwieg über allem.