Dem Propylalkohol entsprach Propylglykol

/OH

C_{3}H_{7}OH C_{3}H_{6}

\OH

u. s. w.

Auf Einzelheiten dieser Untersuchung kann hier nicht eingegangen

werden. Sie verdient vor allem deshalb Erwähnung, weil sie zur Klärung

des Begriffes der Wertigkeit beitrug und den Übergang von der Radikal-

und Typentheorie zur Valenz- oder Wertigkeitstheorie vermitteln half.

*Wurtz* unterschied ein- und mehratomige Radikale. So faßte er das

Äthylen (C_{2}H_{4}), da es sich mit zwei Äquivalenten Chlor verbindet

und auch imstande ist, zwei Äquivalente Wasserstoff zu ersetzen,

als ein zweiwertiges Radikal auf. Der Chlorverbindung des Äthylens

schrieb er die Formel (C_{2}H_{4})''Cl_{2} zu. Als eine diesem

Äthylendichlorid entsprechende Verbindung wies er das Äthylenoxyd

nach. Er erhielt das Äthylenoxyd (C_{2}H_{4}O) als ein Derivat des

gewöhnlichen Glykols,

/OH

C_{2}H_{4}

\OH,

als dessen Anhydrid er es betrachtete. Das Äthylenoxyd erschien ihm

besonders geeignet, um die Konstitution der organischen Verbindungen

auf die Verbindungen der anorganischen Chemie zu beziehen[193]. *Wurtz*

zeigte, daß Äthylenoxyd sich direkt mit Säuren vereinigt, um den

Salzen analoge Verbindungen (Äthylenäther) zu bilden. Brachte er z.

B. Äthylenoxyd und das gleiche Volumen Salzsäuregas über Quecksilber

zusammen, so verschwanden beide Gase augenblicklich, genau wie

Ammoniakgas, zu dem man Chlorwasserstoff treten läßt. Das Äthylenoxyd

erwies sich nicht nur in seinem Verhalten gegen Säuren, sondern auch

gegen Wasser als eine den Oxyden von Calcium, Barium, Blei usw.

ganz entsprechende Verbindung. Äthylenoxyd verbindet sich nämlich

wie Calciumoxyd mit Wasser, um ein Hydrat zu bilden. Die Analogie

zwischen den Hydraten der anorganischen und der organischen Chemie trat

besonders aus folgender von *Wurtz* herrührender Gegenüberstellung

hervor:

Dem Kali K'} O entspricht der Alkohol C_{2}H_{5} } O.

H } H }

Dem Baryt Ba'' } O_{2} entspricht der Glykol: (C_{2}H_{4})''} O_{2}.

H_{2} } H_{2} }

Der antimonigen Säure Sb''' } O_{3} entspricht das Glyzerin:

H_{3} }

(C_{3}H_{5})'''} O_{3}.

H_{3} }

In diesen Formeln von *Wurtz* kommen die Radikaltheorie und die

Typentheorie, die damals miteinander rangen, zum Ausdruck. Sie weisen

aber auch schon über diese beiden Theorien hinaus, indem uns das

Kalium, das Barium, das Ammonium und die entsprechenden Radikale

Äthyl (C_{2}H_{5}), Äthylen (C_{2}H_{4}) und Propyl (C_{3}H_{5}) als

ein-, zwei- und dreiwertige Elemente, beziehungsweise Atomgruppen

entgegentreten.

Der Urheber der Typentheorie ist der französische Chemiker

*Gerhardt*[194]. Der Begriff des Typus begegnet uns zwar schon bei

*Dumas*[195]. Dieser hatte entdeckt, daß eine wasserstoffhaltige

Verbindung bei der Einwirkung von Chlor, Brom oder Jod für jedes

Wasserstoffatom, das sie unter Bildung von Chlorwasserstoff, Brom- oder

Jodwasserstoff verliert, ein Atom Halogen (Cl, Br, J) aufnimmt. So

erhielt er 1839 die Trichloressigsäure, als er Chlor im Sonnenlichte

auf Essigsäure einwirken ließ. Dabei blieb die chemische Natur der

Essigsäure im wesentlichen ungeändert, eine Tatsache, die mit der

herrschenden elektrochemischen Theorie von *Berzelius* nicht wohl

in Einklang zu bringen war. Nach *Berzelius* bestanden nämlich die

Verbindungen in der Vereinigung eines positiven und eines negativen

Bestandteils. Dem widersprach, daß sich bei der Substitution, wie man

den an der Trichloressigsäure vollzogenen Vorgang bezeichnete, das

stark negative Chlor an die Stelle des positiven Wasserstoffs setzte.

aus C_{2}O_{2}H_{4} wurde C_{2}O_{2}HCl_{3}[196].

Die Essigsäure war daher für *Dumas* das Beispiel eines Typus, nach

dem durch Substitution, d. h. durch Ersatz einzelner Atome durch

andere Atome oder durch Atomgruppen (Radikale) eine Anzahl anderer

Verbindungen gebildet waren. Damit war die dualistische Auffassung von

*Berzelius* überwunden. Jede Verbindung betrachtete *Dumas* als ein

Ganzes, dessen Natur von der Anordnung und weniger von der chemischen

Eigenart der Atome abhängig sei. Ihm folgte der soeben im Zusammenhange

mit den Anschauungen von *Wurtz* erwähnte *Gerhardt*. Er suchte,

unterstützt durch die Arbeiten zahlreicher Forscher, unter denen

besonders *A. W. Hofmann* und *Williamson* genannt seien, die schon

damals unübersehbare Fülle der organischen Verbindungen auf gewisse

anorganische Stoffe als Typen zu beziehen.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, IV. Band Das Emporblühen der modernen Naturwissenschaften seit der Entdeckung des Energieprinzips · 第 33 / 171 题